284, Vom Besteigen realer Wirklichkeiten – ideal real mit Brecht
Bezüglich Kunst:
Realistische wie idealistische Darstellungen von sogenannter Weltbeschreibung in der Kunst stellen Konstruktionen zur Wirklichkeit der Autorinnen her (als Produkte ihrer spezifischen Weltbegegnung). Artefakte, Gedankenspiele – individuell. Jedoch geht der Idealist von einem konstruierten, oder zu konstruierendem Schönheits- und, oder Kunstideal aus, das als Antwort auf seine Beziehung zur Verblendung, Resignation, Ohnmacht verstanden werden kann. Während der Realist immerfort Idealisierungen an der Wirklichkeit mißt, sie auf den stumpfen Boden seines Lebenszusammenhangs zu drücken bestrebt ist und seine Vorstellungen von Wirklichkeit daran abgleicht, formal korrigierend, heißt: an-passend macht.1Folgender Beitrag bezieht sich auf Bertolt Brechts ARBEITSJOURNAL. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)
Realismus, Idealismus
Der Realismus steht nicht im scheinbaren Gegensatz zum Idealismus, „sondern er bedeutet diesen Kampf“2Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)in dieser Beziehung. Es gilt ihm nicht nur die konkret erfahrne Wirklichkeit zur Darstellung >ihrer selbst< zu bringen, vielmehr gilt es, sie gegen ihre idealistisch-konstruierten Abkömmlinge durchzusetzen; den Abbild-Verdacht zu erhärten. Der Realismus entwickelt Stilelemente, sprich Verhärtungen, formale Stagnationen als Symbole der Symptome (Symptome als Kompromissbildungen des Zeigens) wie der Idealismus, er fördert Überzeugungen wie dieser, aber er opponiert dabei gleichwohl – und diese Opposition ist sein konstitutives Moment – gegen Stilisierung, gegen Symptomatik, gegen festgefügte, kompromissbildende Welt-Abbilder, in denen die unmittelbare Immanenz der Unmittelbarkeit des wirklichkeitsbildenden Zugangs zur Welt verschüttet wird. Er enthält etwas Relativistisches, Abgleichendes. „seine schilderungen sind relativ realistisch, dh wenn verstanden ist, daß er die wirklichkeit >>ins treffen führt<<.“3Ich habe die Kleinschreibung im Original von Brecht übernommen. Zitat: Arbeitsjournal, Seite 126
Man sollte die Ideen vorkommen lassen, zur Prostitution zwingen vom Zuhälter Realität, damit sie zu ihrer Realität empor kommen.
Realistischsein in der Kunst
Realistischsein in der Kunst bekundet sich nicht darin, sich in den alten, ererbten Formen bestimmter geschichtlicher, künstlerischer Epochen aufzuhalten, oder so zu gestalten, wie damals Realität in das Kunstwerk hineinwachsen konnte, wie ehemals, die zum Stil versteinerte geschichtliche Epoche, sondern darin, Wirklichkeitssinn im künstlerischen Gestalten zu bekunden und zu zeigen. Also die realistische Darstellung stellt auch den (gesamten) Produktionsprozess realistisch dar und wird dem Publikum als Wirklichkeitssinn zur Verfügung gestellt. Mit diesem Wirklichkeitssinn kann die ästhetische Dimension eingeführt, nicht eingefühlt, werden: das ist Kunstsinn – der ausgeprägte Sinn für die Realität ihres Zustandekommens.
Neuerungen, technische Veränderungen (in der künstlerischen techne) sind auf ihre soziale Funktion zu prüfen – der Wissenschaft vom humanen Leben verpflichtet. Kunst hat eine gesellschaftliche Funktion, denn sie ist eine Funktionale zur gesellschaftlichen Stabilisierung, als Funktionale des Kunsthandels gelangt sie wieder in die gesellschaftliche Kommunikation als ihre Münze. Die Herstellung von Kunstwerken hat nicht dem Sog formaler Logik als Ausweis kontrollierbarer Beschreibungsfähigkeit bzw. Ermäßigung zu folgen. Es gilt, den Verständigungsmotor ihrer Beschreibungsgeschichte ins Stottern zu bringen. Die Künstler wirken nicht für Kunstepochen, sie sind sich für die Aneignung ihres Talents heute selbst genug und bemächtigen sich der (ästhetisch-kommunikativen) Formen, in dem sie sie nach ihrem Gusto zu verändern.
- 1Folgender Beitrag bezieht sich auf Bertolt Brechts ARBEITSJOURNAL. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)
- 2Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)
- 3Ich habe die Kleinschreibung im Original von Brecht übernommen. Zitat: Arbeitsjournal, Seite 126