218, Rückblende: Medien-Kritik im 20. Jahrhundert (Benjamin, Bourdieu und Brecht)

Über den inszenierten Skandal an der einzelnen prominent im TV herausgehobenen Person, im skandalös in die Öffentlichkeit hervorgehobenen anti-sozialen Akt ihrer Verschämung, versuchen Medien-Unternehmen die strukturelle Korruptheit ihrer Nachrichten-Produktion mit inszenierten Schicksalen zu maskieren. Mit der unterstellten Aufmerksamkeit nach News überdecken sie eine unempfindsame Haltung gegen die einzelne Person mit der öffentlich geschlachteten Persönlichkeit zugunsten Gewinn bringender Einschaltquote. „Die Einschaltquote ist die Sanktion des Marktes, der Wirtschaft, das heißt einer externen und rein kommerzielle Legalität, und die Unterwerfung unter die Anforderungen dieses Marketinginstruments ist im Bereich der Kultur genau dasselbe wie die von Meinungsumfragen geleitete Demagogie in der Politik. Das unter der Herrschaft der Einschaltquote stehende Fernsehen trägt dazu bei, den als frei und aufgeklärt unterstellten Konsumenten Marktzwängen auszusetzen, die, anders als zynische Demagogen glauben machen wollen, mit dem demokratischen Ausdruck einer aufgeklärten, vernünftigen öffentlichen Meinung, einer öffentlichen Vernunft, nichts zu tun haben.“1Pierre Bourdieu, in: Über das Fernsehen, edition suhrkamp 2054, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998, Seite 96
Die Banalisierung des Elends irgendwo, indem aus ihm selbstrotierende, daher folgenlose Fakten konstruiert werden, ist unternehmerische Bedingung, sogenannte News zu produzieren.2Frei nach Bertolt Brecht: Wir haben folgenlose Medieninstitute, die sich ängstlich bemühen, Informationen zu vermitteln, welche keinerlei Folgen haben und von nichts die Folge sind. Vgl. Bertolt Brecht, in: Schriften zur Literatur und Kunst, Suhrkamp, Band 1, Seite 136 Als Quotient zum Glück durch unempfindsamen Abstand zu noch ärmlichen Verhältnissen. Einem Zeitungsartikel, SZ 28.9.2005 „Tretmühle der Lust“, ist zu entnehmen, dass Glück aus der Differenz zum Negativen, aus dem Vergleich zum noch Elenderen, Ärmeren entstehe, als ein Behagen des Bourgeois, „niemals erfahren zu müssen, wie sich die Produktivkräfte unter seinen Händen entwickeln mußten“.3Walter Benjamin, in: Das Passagen-Werk. Gesammelte Schriften Band V-1, Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 935, hrsg. von Rolf Tiedemann, 1991, Seite 432 Und das Glück „verfliegt“, weil die komparative Analogie ebenso die Reicheren entdeckt. Die Herabsetzung des Hungers auf satte moralische Entrüstung, setzt keinerlei politisch-theoretische Kompetenz voraus oder instand. Das Publikum wird neutralisiert, weil die Dinge, Zustände, Tatsachen ohne Folgen und ohne geschichtliches Herkommen dargestellt werden. Zustände werden fatal als Zugeständnisse an die herrschende Zeit oder als Naturkatastrophen hingenommen. „Da waren hundert geschlachtet. Aber als tausend geschlachtet waren und des Schlachtens kein Ende war, breitete sich Schweigen aus, und es gab nur mehr wenig Hilfe. So ist es: >>Wenn die Verbrechen sich häufen, werden sie unsichtbar. Wenn die Leiden unerträglich werden, hört man die Schreie nicht mehr. Ein Mensch wird geschlagen, und der zusieht, wird ohnmächtig. Das ist nur natürlich. Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr halt.<<“4Bertolt Brecht, in: Schriften zur Literatur und Kunst, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1967, Band 2, Seite 37: „Wenn die Verbrechen sich häufen, werden sie unsichtbar. Wenn die Leiden unerträglich werden, hört man die Schreie nicht mehr. Ein Mensch wird geschlagen, und der zusieht, wird ohnmächtig. Das ist nur natürlich. Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr halt.“ Und in: Gedichte, Band VIII, Nachträge zu den Gedichten 1913 – 1947, aus dem Gedicht: Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, Seite 148

Das entrüstende „Gemeine und Böse“ in der Headline populistischer Zeitungen ist fett gedruckt sichtbar, aber die Entwicklung, das Warum wird nicht näher diskutiert. Die Headlines verstecken in der Trivialisierung der Zusammenhänge die Komplexität der Wirklichkeit durch ihr Geschrei, wollen nur auf die simple Entrüstung über das Böse aus: Die schönste aller Welten – Theodizee. Stillstand.5„Die Herrschenden haben eine große Abneigung gegen starke Veränderungen. Sie möchten, dass alles so bleibt, am liebsten tausend Jahre. Am besten, der Mond bliebe stehen, und die Sonne liefe nicht weiter! Dann bekäme keiner mehr Hunger und wollte zu Abend essen. Wenn sie geschossen haben, soll der Gegner nicht mehr schießen dürfen, ihr Schuß soll der letzte gewesen sein.“ Bertolt Brecht, in: Schriften zur Literatur und Kunst, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1967, Band 2, Seite 31 Wer wirft die Berichte in den Fluß zurück? Wer gibt Wirklichkeit zurück?
Der TV-Besoffene soll auf Produkte, weniger auf den menschlichen Sinn seiner Vermögen bzw. auf seine menschlich zu entwickelnden Sinne reagieren. Die Trennung von Wirklichkeit und Wirkung – als Wirkung ist eine Nach-richt mediale Vergegenständlichung – ist klar als Quotient markiert: Die Durchsetzung von wirklichkeitsmächtigen Strukturen (gegen das private Subjekt), findet seinen Ausdruck im Begriff der Quote.

„Rinderhesse, gemischtes Gehacktes, Bratwurst“ – Komplexer wie simultan geht es nicht. Ein Gedicht.

 

 

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