81, Spezialisierung – kognitive Arbeitsteilung als Objekt-teilung
Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas – besonders in Arbeitsprozessen sichtbar – als Einschränkung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herausschneidenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand angewendete Beobachtungskalkül mit anderen Gegenständen vergleichbar zu machen – sie also unter ein bestimmtes Kalkül „gleich“ zu machen, um Vergleichbarkeit herzustellen. Damit diese Objektteilung gelingt, werden die Objekte, Gegenstände in unserer Erfahrungswelt isoliert, als Entitäten sprachlich sozialisiert: „Wir teilen […] unsere visuellen, auditorischen und taktilen Erfahrungsfelder in voneinander geschiedene Teile auf, die sodann in unserer kognitiven Organisation zu Einzelelementen oder „Dingen“ werden. Das heißt, wir differenzieren bzw. „schneiden“ mit Erfolg Dinge aus einer Umgebung heraus und nehmen jedes davon als eine Entität bzw. ein Ganzes wahr.“1Ernst von Glasersfeld, in: Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Hrsg. Siegfried J. Schmidt und Peter Finke, Verlag Friedrich Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1987, Seite 246 Wir lernen in diesem Wahrnehmungsprozess, verschiedene sensorischen Merkmale bestimmten – wiederkehrenden – Objekteigenschaften zuzuordnen und bauen damit unsere (Objekt-) Welt auf. Aus nur sendorischen Wahrnehmungen können wir weder Tisch, Wein und Blick „erkennen“. Wir bauen aus verschiedenen Quellen das „Ding“ zusammen.2ebenda, Seite 247 Wir wissen zum Beispiel, dass der Tisch nicht mit dem Boden verwachsen ist, auch wenn es visuell so scheint, weil wir das Objekt „Tisch“ (und alle Quellen, die dazu gehören) irgendwann einmal ver-rückt haben.
Die – sprachliche – Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit eines Objekts zugunsten einschränkbarer – wie wiederholbarer – Details und ermöglicht unabhängig von sensorischen Sinneseindrücken assoziative sprachliche Begriffsbildung.3vgl. Ernst von Glaserfeld, ebenda, Seite 246 Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer kognitiven Vergegenständlichung kann man sich als ein Fischen nach markanten – schon einordbaren – Merkmalen mit bestimmten formalen Merkmalen vorstellen,4Stichwort „Quellen“, siehe oben im Text, das im Modus von Versuch und Irrtum operiert, um Form – Funktion – Material – Zweck – und X zu einem Begriff zusammenzubauen: Damit ein Becher ein Becher für uns ist, müssen wir vorher: Greifen, Sehen, Zylinder kennen, Farbe vernachlässigen, Trinken gelernt haben usw.
Siehe auch Frame 259.
Wenn es zu weit geht
Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit seiner kalkulierbaren Teile eingefroren, Teile immer kleiner. Unterscheidungen werden als vernachlässigbar organisiert, um Muster oder kontrollierbare Strukturen herstellen zu können. Die Spezialisierung im Deduktionszwang des zweckgerichteten Denkens in arbeitsteiligen Organisationen5vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung/ Wiedererkennen ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Arbeits-Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion.6z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89
Was uns ermöglicht, aus sensorischen Beeindruckungen eine begriffliche Welt zu transformieren und in ihr sprachlich, also sozial zu agieren, führt in eindimensionalen, spezialisiert-arbeitsteiligen Prozessen zur Schlüssellochperspektive: Das Sicht- wie Handlungsfeld ist eingeengt.
Idiotisch.
- 1Ernst von Glasersfeld, in: Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Hrsg. Siegfried J. Schmidt und Peter Finke, Verlag Friedrich Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1987, Seite 246
- 2ebenda, Seite 247
- 3vgl. Ernst von Glaserfeld, ebenda, Seite 246
- 4Stichwort „Quellen“, siehe oben im Text
- 5vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff
- 6z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89