79, Täter und Fluch

Wenn ein Mensch im Hier und Jetzt keinen Ort und keinen Halt beziehen kann, verliert er sich vielleicht in Erinnerungen, entkoppelt sich von der Gegenwart. Die Gegenwart stört und wird zerstört, und die Leute darin sind Wurmlöcher, Erinnerungspfade zur Insel aus Vergangenheiten. Denn dort, wo die Anderen niedergehen, hat er seinen Ort, seine Feier gefunden. Die Bewältigung des Anderen als Überwältigung. Die Be-Hauptung des Ich, ist eine Enthauptung des Anderen. Man be-hauptet sich mit fremden Federn, schmückt seinen Kopf wie eine Königin und stellt sich über andere. Oder handgreiflicher formuliert: Die vorgestellte, gehasste Welt geht in die Nicht-Existenz, in das Gewesensein des Anderen über – als Outsourcing, Exterritorialisierung. Die Gegenwart des sich behaupteten Subjekts wird durch seine niedergekämpfte Vergangenheit gefüllt. Es ist, was es war. Ein verfluchter, unterdrückter Täter. Mit dem Verschwinden der das Subjekt umgebenden Anderen, dem Wegfall der gemeinsamen Referenz, Umwelt, bricht das Subjekt ein. Die Konzentration auf die Vernichtung verstärkt die Gewalt. Der bevorstehende Raub der nächsten Tage durch die fehlenden Finger der Uhr: das Leben wird vom Erinnerungsorkus gefressen. In der Konzentration auf die Ahnen schwindet das zu erfahrende Jetzt. Zum Gegner wird der wirkliche lebendige, menschliche Kontakt. Das Gewusste schlägt gegen das lebendige Jetzt zu Buche und dichtet sich gegen Neues ab. Das Erinnerte jagt das in die Gegenwart fließende Leben, jagt die fehlbesetzte Jetztzeit und versucht, darin zu verschwinden. Die Zukunft wird von der Vergangenheit gefressen. Das Erinnerungsvermögen als Bedingung für bewusstes Erfahren und Handeln wird gänzlich vom Erinnerungsvorgang aufgesogen.1Vgl. John C. Eccles, in: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Piper, Seite 130

 

 

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