2, Medium oder Form

Wenn ich mich als ein Medium betrachte, als Kabel meiner Äußerungen, bin ich blind für das, was ich tatsächlich für andere Empfänger/ Rezipienten kommunikativ transportiere. Der Empfänger macht den Kontext. Das Gesagte, Ausgedrückte verändert sich beim Hören, Sehen, Lesen der Anderen – durch das andere Hören Sehen Lesen: Neben der unterschiedlichen physischen Konstitution differiert auch die intentionale Aufmerksamkeit aller Körper zueinander. Doch Gedanken, Bilder und Worte zeugen sich aus mir fort, erregen mich und überfallen mich als Erreger wieder. Wie ferngesteuert kriechen sie fiebrig träumend heraus. Ohne Gewißheit über den Empfang, die Ankunft der Message, ohne Ziel-Steuerung, ohne dass ich Nein sagen kann, geben mir die selbst kreierten Formen das ermächtigende Gefühl, senden zu können und verheißen omnipotente Möglichkeiten. Sie rinnen aus meinen Rinden wie Sand, unentschieden und ungewiss, maßlos ohne Vorsicht und frei, kopflos, verunmöglichen sie eine Antwort, verwirklichen sie die Paradoxie künstlerischer Produktion. Ich bin der Zug mit dem ich fahre und auf den ich am Bahnsteig warte, stehend in lichtloser Luft bin ich Durchgangsstation meines Atems. Ein evolutionärer Haufen: im Unklaren über den Code, der mich führt, der mir fehlt. Kreativ mit den Lücken. Ein Boot mit Planken aus Gedanken auf Überfahrt. Keine Ahnung, was ich mit mir mitschleppe. Von blanken Nerven zur schwimm­fähigen Idee ist es ein weiter Weg. An jeder Zelle hängt ein hungerndes, vergiftetes Ego. Kein Wachstum, keine Verdopplung ohne Teilung. Jede Zelle nehm ich mir vor und jede Sekunde schneid ich ab. So nimmt die Menschheit Platz in meiner Wunde. Überall der scheiß Regen der Autoverkehr der Frost. Die Wirklichkeit kann ich mit meinen Worten bekämpfen. Aus der Lust zu sprechen, folgt nicht, dass ich mich höre. Die Welt kommt aus den Fugen, weil ich sie erblicke. Wie kann ich mich auf einen Kontext beziehen, wenn ich mich nicht als Teil von ihm begreife.1Anders formuliert: „Wie kann das Subjekt als Bedingung und Instrument der Handlungsfähigkeit zugleich Effekt der Unterordnung als Verlust seiner Handlungsfähigkeit sein? Wenn Unterordnung die Möglichkeitsbedingung der Handlungsfähigkeit ist, wie lässt sich die Handlungsfähigkeit des Subjekts dann als Gegensatz zu den Kräften seiner Unterordnung verstehen?“ Judith Butler, in: „Psyche und Macht – Das Subjekt der Unterwerfung“, Gender Studies, edition suhrkamp 1744, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main, 2001, Seite 15 Denn wäre ich Bestand-Teil, könnte ich nichts tun, keine Differenz zu meinem Medium bilden, weil ich doch ein Produkt von ihm bin.2„Wenn Individuen nichts weiter sind als die Funktionen ihrer Umgebung, dann muss das auch auf Sie zurtreffen. Und wie können Sie daraufhin diesen Kontext verändern, wenn Sie doch selbst ein Produkt davon sind?“ Terry Eagleton, in: Materialismus, Die Welt erfassen und verändern, Promedia Druck- und Vergsgesellschaft m. b. H., Wien, 2018, Seite12 Ohne sich auf die Bedingungen eines kommunikativen Mediums einzulassen, geht es nicht, kann nicht kommuniziert werden. Man kann nicht sprechen ohne die Teilchen in der Luft, nicht telefonieren ohne Draht oder Wellen. Die Information, das Gesagte, die Form ist abhängig von ihrem Medium und dem Telefon ist es egal, was gesagt wird. Natürlich beeinflusst jegliches Medium deren durchgeleiteten Formen, aber könnten sie ihr Medium sprengen? Obgleich niemand jenseits von Kommunikationsmedien agieren kann, bleibt es wünschenswert, gegen ihre verdächtigen Formen und komplexen Strukturen zu opponieren. Differenz zu markieren – Form zu bilden, impliziert stets einen Bezug auf das, von dem ausgehend die Differenz gebildet, wovon der Unterschied abgeleitet wird. Es scheint, als führte jegliche Kommunikation zu einer affirmativen Umwertung, um überhaupt weiter kommunizieren zu können: Anpassung.
Diese dicht verzweigten Kontexte, dieses Alles-ist-möglich-aber-nicht-zu-fassen, diese Realität als ein Ganzes, das ich nicht begreife, das mir nicht erscheint, dass ich nicht überschauen kann und das meine Wohnung ist, aber die Türen nur von innen kenne, überfällt mich wie ein unentwirrbarer, zeitgenössischer Artefakt. Ich will nicht, dass irgendwas verborgen bleibt.
Ich bin eine mir blinde Form, aus der ich herausfiel, weil an ihr immerfort Unterscheidungen getroffen wurden. Sie und ich sind total fertig. Da wird nicht weiter gearbeitet – auch wenn ich nicht an meiner Haut aufhöre. So bin ich eine Schnittstelle zwischen meiner Beobachtung und dem Beobachteten. Dieses Ich + alles Andere, was als Differenz (Form) wie Umgebung Schmutz Beschimpfung – ob mir das nun klar ist oder nicht – in mich hinein strömt, ist dasjenige, mit dem ich es zu tun habe.
Es ist der Gedanke, dass mein Leben aus den stetigen Unterscheidungsprozessen/ Differenzierungen zur Umwelt – formale Unterscheidungs-Möglichkeiten generierend – Gestalt gewinnt und daher mit der Struktur meines ästhetischen Sprachbegehrens korrespondiert. Die Formbestimmung – die Unterscheidung von Formen – betrifft meine Arbeit als Leben wie mein Leben als Arbeit.
Es ist der Versuch, das „+“ ohne Umschweife zu überbrücken, als einen ästhetischen Operanden – der das Wie, das den Unterschied macht – zu markieren. Ich weiß nicht, was ich will, aber weiß, wovon ich schreibe.