256, Hirngespinste und Sehnsüchte als sozial-medialer Orkus
Im Orkus: Social-Media
Technisch-kommunikative Möglichkeiten der Körperausweitung als körperlich-menschliche Katastrophe: Die Ausweitung kommunikativer bzw. kommunizierter Körper- und Wahrnehmungszonen durch die weltweit mögliche Präsenz ihres Kommunizierens entzieht dem Körper die Kontrolle über seinen Kommunikationsraum.
Der Konsum technischer Kommunikationsmedien entkörpert die praktischen Lebenssinne seiner Konsumenten (– oft ungewusst über die Folgen, beginnen die Kleinkinder damit). Wahrnehmung wird auf Kommunikation von Wahrnehmungen reduziert: Wahrnehmung von Lebensbezügen reduziert auf den FB-Insta-Tiktok-Kanal – der Selbstentmündigung zum Preis. Leichtfertig lassen sich Nutzerinnen zu Produkten ihrer Sehnsüchte verführen. Auf dem Weg zur Inthronisierung des eigenen Ichs im Universum der durch Wahrgenommen-Sein definierten bürgerlichen Individualität, übergibt dieses Ich alles von sich der medial-digitalen Offerte des Wahrgenommen-Werdens. Eine Abhängigkeit gegenüber dem technifizierten Erfahrungsersatz von Individualität entsteht: das Ich geht online, fickt Algorithmen (statt seinesgleichen) oder wird von ihnen gefickt. Die körperlichen Kommunikations-Prothesen übernehmen das Kommando. Vollzug von körperlicher Erfahrungskälte macht sich breit: der Rollator sozialer Medien entkoppelt den Nutzer von leiblicher Fortbewegung. Technisch-kommunikative Prothesen exterritorialisieren den menschlichen Handlungsspielraum – dem Life-Sprechen-Hören via Screen fehlt die leibliche Präsenz des Gesprächspartners: die leibliche Interaktion findet nicht statt. Der menschliche Bewegungsapparat sitzt auf der Couch und zieht sich Erfahrung ohne eigene Erfahrungs-Bewegung rein: Inhalt ohne Erfahrung: Flachbildschirmgeschichten. In diesem sich entwickelnden leiblich-sozialen Hohlraum nehmen (erfahrungslose) Ängste Platz: Das, was über eine Person gesagt wird – statt mit ihr – übernimmt die Kontrolle über ihre (vermeintlichen) sozialen Interaktionen. Das Ich wird in seinen selbst (?) gewählten sozial-medialen Prothesen exterritorialisiert, aus seinem sinnlich anfassbaren Leben herausgeworfen. Reals als verpasste Chance, mit anderen zu sein, aber: Selbstgewissheit simulierend. Guy Debord:„Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen […] Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat […] In allen seinen besonderen Formen – Information und Propaganda, Werbung oder unmittelbarer Konsum von Zerstreuungen – ist das Spektakel das gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden Lebens […] Form und Inhalt des Spektakels sind identisch die vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des bestehenden Systems. Das Spektakel ist auch die ständige Präsenz dieser Rechtfertigung, als Besetzung des wesentlichen Quantums der außerhalb der modernen Produktion gelebten Zeit […] Das Spektakel will es zu nichts anderes bringen als zu sich selbst.“1Guy Debord, Gesellschaft als Inszenierung, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. von Günter Helmes und Werner Köster, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, Seite 239 – Das mediale Spektakel auf „social media“ ist die konsumierte Fratze einer Als-ob-Individualität im Spiegel produzierter Sehnsüchte. Medusa Facebook Insta Tiktok.
Eine andere Seite:
Der Prozess der technischen Entnabelung vom eigenen Leib schlägt in die Konstruktion der Bedrohung, in Angst vor Entleiblichung um. Theoretisch angenommene oder konsumierte Bedrängungen des Körpers wuchern zu sinnlicher Dichte: Die Wahrnehmung der kommunikativen Surrogate verstrickt sich in die eigenen Nerven. Die erklickte virtuelle Vorstellung der vom Ich konsumierten Außenwelt, setzt dessen Spaltung von ihr in Gang: Die netzweiten Verbindungen mit der Welt am Monitor entwurzelt den betroffenen Menschen vom tatsächlichen sozialen Verkehr. Hier entwickelt sich die Abwehr (Ausschließung) von allem, was dieses Ich (technisch) kommunikativ bedrängt, zu manifesten psychischen Konstruktionen: die sogenannten sozialen Blasen. Diese Konstruktionen des angenommenen Bedrohtseins (Angstzustände) durch zu bedienende virtuellen Kommunikations-Apparate engt das betroffene Ich so weit ein, dass das vermeintlich angedroht Ereignete – die einwabbernden „positiven“ Klicks – die Kontrolle über die Lebenspraxis übernimmt. Die kommunikativen Blasen wachsen sich zu Verschwörungs-Trash aus und vermitteln angstschwere Lebenspraxis (zumindest im social-media-Kosmos). Die sich einander verstärkenden Blasen digitaler Produktion sind tatsächlich zu groß, als mit ihnen zu leben: zu teilende Informationen werden als Köder mißbraucht, aufeinander loszuschreien. Kommunikationsteilnehmerinnen sind Gegner, die einem via Händi zu nahe kommen.2Verschiedene Begriffsebenen werden mit anderen schnell durcheinander gemischt, auf etwas gelenkt, was unabweisbar „wahr“ ist. Z. B. gelingt es der DB auf Facebook nicht, einen Thread in FB sachlich zu halten, wenn sie eine neue Lokomotive o.ä. vorstellt – es mündet nach wenigen Beiträgen in das Fahrplanmißmanagement der DB.
Diese virtuellen, wie angsterfüllten kommunikativen Landschaften aus selbstverstärkenden Annahmen werden medial gelernt und sind als Anpassung an diese digital-mediale Kommunikation als Lernen zu fassen: als Anpassung an den Konsum übernommener wie selbstratifizierter Vorstellungen, als die Bestätigung und Betätigung einer selbstentmächtigenden vorallem virtuell überlieferten sozialen Umwelt. Vielleicht liegt es daran, dass wir als Subjekte unsere Spaltung von vorauseilendem Intellekt und dessen körperlichen Vollzug– in welchen Medium auch immer – zu überwinden suchen.3„Das Problemtische am Menschsein ist heutzutage, dass sich aus unserer Subjektivität nie ein sinnvolles Ganzes ergibt. Das Subjekt ist immer gespalten, immer geteilt, verspürt einen Mangel.“ McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 92
Verantwortung für sich und für alle zu übernehmen als ständige Infragestellung des sozialen Ichs. Hier: unterschreibe die Petition… „Nein, ich will nicht!
Too much too much (Songtext von Bonaparte, 2008, Link: https://genius.com/Bonaparte-too-much-lyrics)
- 1Guy Debord, Gesellschaft als Inszenierung, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. von Günter Helmes und Werner Köster, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, Seite 239
- 2Verschiedene Begriffsebenen werden mit anderen schnell durcheinander gemischt, auf etwas gelenkt, was unabweisbar „wahr“ ist. Z. B. gelingt es der DB auf Facebook nicht, einen Thread in FB sachlich zu halten, wenn sie eine neue Lokomotive o.ä. vorstellt – es mündet nach wenigen Beiträgen in das Fahrplanmißmanagement der DB.
- 3„Das Problemtische am Menschsein ist heutzutage, dass sich aus unserer Subjektivität nie ein sinnvolles Ganzes ergibt. Das Subjekt ist immer gespalten, immer geteilt, verspürt einen Mangel.“ McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 92