223, Eingesponnen im Netz: das Daten-Ich

Das „Recht der informationellen Selbstbestimmung“ zeigt: „Viele Experten halten das Auslesen von Informationen aus E-Mails zu Zwecken der Werbung für einen erheblichen Verstoß gegen die Vorschriften des Datenschutzes. [Und jetzt kommt das angesprochene Unternehmen – das kapitalistische Eigeninteresse – selber zu Wort:] Wir gebrauchen diese Informationen intern, um Ihnen den besten Service liefern zu können, so zum Beispiel Verbesserungen am Nutzer-Interface, Verhinderung von Betrugsversuchen bei unserem Reklame-System und bessere Zielgruppen-Werbung.“1Vgl. c’t, Magazin für Computer und Technik, 03.05.2004, Seite 91: Unter dem Artikel „Mailen mit Google“ wird grob skizziert, wie die Kommunikationsindustrie gedenkt, zukünftige Kunden zu rekrutieren. Unter dem Euphemismus >Service< zeigt sich zunehmend offen die Verwandlung der Wehrpflicht in die Pflicht, beworben zu werden. Liest sich wie Zielerfassung: im Fadenkreuz sind die künftigen (Konsum-) Abhängigen. Nur wer vielfältige Daten über sich preisgibt, liefern lässt, kann sich des Komforts der Nutzung „sozialer Medien“ versichern und sich im Netz – im solistischen Massenkonsum2siehe Günther Anders, in: Die Antiquiertheit des Menschen, 2. Band, Verlag C.H. Beck Münschen, 2. Auflage aus der Beck’schen Reihe 2002, Seite 267 f– gefangen nehmen (lassen). Die Versicherung schließt den Komfort ein, Werbeziel zu sein, selbst das Produkt zu sein. Aber gerade diese Durchleuchtungen entpersönlichen den privaten Gebrauch, weil sie aus dem Lieferanten der persönlichen Daten eine auf den wirtschaftlichen Verkehr reduzierte werbeträchtige Datensatz-Person machen. Die jeweilig ermittelten Werbe-Ziele, die nun durch Daten individualisiert zum Kunden herausgeschält worden sind, sollen ihn auch treffen und ihn schlagkräftig bearbeiten können. Angesichts der technischen Möglichkeiten der Datenverarbeitung (hinsichtlich welcher sie entwickelt werden) ist nichts, was es überhaupt über jemanden zu wissen gibt ohne Belang. Es gibt keine sinn- oder nutzlosen Daten mehr.

 

3Die Abbildung stammt aus einer Werbeanzeige in der c’t
Eierfarm

Daten Daten Daten
Jede menschlich motivierte Fortbewegung hinterlässt im 21. Jahrhundert Datenspuren.4„Wer sich einfach nur fortbewegt, hinterlässt auch auf andere Weise Daten in erheblichem Maße. … die Kontroverse über das Flugdatenabkommen zwischen EU-Kommission und den USA hat … zu Bewusstsein gebracht, das von Fluglinien für ihre Fluggastdatenbanken längst nicht mehr nur Name, Anschrift und Staatsbürgerschaft erhoben werden, sondern auch Kreditkartendaten, Essenswünsche, die mit Religionszugehörigkeit korrespondieren, und Informationen aus den Bonus-Meilen-Plänen. Jeweils 34 personenbezogene Daten müssen nach dem Abkommen bei Flügen, die in die USA gehen, die das Territorium USA überqueren oder die in den USA starten, von Fluglinien wie der Deutschen Lufthansa AG den US-amerikanischen Zollbehörden zur Verfügung gestellt werden. Zwar ist vor dem Europäischen Gerichtshof eine Klage des EU-Parlaments gegen das Abkommen angängig, die Bundesregierung hat sich aber ebenso wie die anderen Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten mit dem Abkommen einverstanden erklärt.“ In: c’t, 2005, Heft 1, Seite 75 Die in sozialen Medien durch individuell entschiedene Posts erzeugte Persönlichkeit folgt dem Glauben, die eigene Öffentlichkeitsäußerungen kontrollieren zu können. „Was jemand ist, verdankt er der Kontrolle seiner Erscheinung.“5Niklas Luhmann, in: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Band II, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998, Seite 1020 – Das ist im 21. Jahrhundert eine Illusion. Es entsteht eine durch Daten generierte Doppelwelt des Menschen. Alltägliche Kommunikationsmittel (Smartphone) weben deren Nutzer nicht lediglich in das zu Kommunizierende, sondern überhaupt in andere durch das Kommunikationsvermögen entstehende Zwecke/ Interessen ein. Selbst das Gespräch zwischen zwei Personen schafft abertausend potentielle Zuhörer. Das Sprechen erzeugt jenseits seines zwischenmenschlichen Bedeutungs- oder Beziehungszusammenhangs Kontextualisierungen für digitale Systeme der Produktion und für deren Netzstrukturen. Die Bedeutungssuche – welches Nutzerprofil liegt über den Kunden XY vor usw. – erschleicht sich mehr Daten über den Nutzer als der betroffene Nutzer imstande ist, von sich selbst zu entwickeln. Die vom Nutzer generierten Daten-Umfänge drohen ihn in die über ihn entwickelten Algorithmen zu entleeren: Er wird algorithmisch vorhersagbar. Die persönlichen Datenspuren werden für die Nutzer-Person selbst zu unlesbaren Hieroglyphen einer digitalen Biografie – sie ist virtuell, weil sie kaum analog für das Subjekt ratifizierbar ist. Die Biografie hat ausgedient, aber der biografisch intendierte Datensalat ist ein Schmaus für Werbefirmen. Für Produkte sind ausgesuchte, d. h. datensichere Kunden bedeutender als die Produkteigenschaften für den Kunden selbst. “Die meisten Unternehmen wissen gar nicht, wie wertvoll die Daten sind, die ihnen über ihre Kunden vorliegen. Wir strukturieren Ihre Daten und schaffen Zugriffsmöglichkeiten, generieren interne und externe Zusatzinformationen und schaffen Wissen zu jedem Kunden. Damit ihre Entscheidungen immer auf einem starken Fundament stehen.“6siehe c’t, 2005, Heft 1, Seite 74
„[Es] zeigt sich auch, dass kein klarer Trennungsstrich mehr gezogen werden kann zwischen Daten, die von Privaten für wirtschaftliche Zwecke erhoben werden und Daten, die der Staat für öffentliche Zwecke nutzt (…) Umgekehrt kann über Ermächtigungen, beispielsweise in der Strafprozessordnung oder in spezialgesetzlichen Regelungen, der Staat selbst auf von privater Seite erhobene und genutzte Datenbestände für seine eigenen, jeweils bestimmt zu umreißenden Zwecke zugreifen.“7Siehe: c’t, 2005, Heft 1, Seite 75
Konklusion: Im Bewusstsein der bösen Vor-Ahnung, kann man sagen, dass kein auch noch so subjektiv motiviertes digitales Handeln im Internet wieder in subjektiver Aneignung, Bemächtigung mündet. Während eine geheuchelte Darstellung des Privaten – als versuchte Lebensinszenierung – ermöglicht wird, erscheint der Rückzug aus der digital operierenden wie vernetzten Öffentlichkeit desto dringlicher für das unter digitaler Objektivierung stehende und sich fühlende Individuum. Damit befindet es sich bereits in einer psychischen Drucksituation, sein sich veröffentlichendes Verhalten gegen die permanent vernetzte öffentliche Anteilnahme anzupassen, zu verändern, es unsichtbar zu machen. In einer Art Maschinenstürmerei, Kunstaktion werden die Handys in den Fluß geworfen und wieder heraus gefischt. Das „prophylaktische Sicherheitsbedürfnis“ des Staates, des Unternehmens gegen potentiell wie paranoid reale Gefahren löst die Sicherheit – Privatsphäre – des Einzelnen und damit seine Privatheit auf. Die Paranoia des Staatsapparates, des Unternehmens als dessen Misstrauen gegen das lebendige, nicht vorhersehbare chaotische Wesen macht alle zu Patienten und zu potentiellen Zuträgern des Verrats.
Die elektronische Datenerfassung als Enteignung persönlicher Daten. Der digitale Netzfaden einer Person kann als unternehmerische Anteilnahme am persönlichen, einzelnen Leben aufgefasst werden. Eine Art Interesse an der Person, die sie selbst – als Datenproduzent – nicht spürt. Jede weitere Verschachtelung mit oder in Netzwerken, jeder weitere digitaler Faden (Spur) hält die Person als Kunde fest. Ein Halt wie Festgehalten-Werden zugleich: in der Echokammer selbstreferenzieller Netze.
„Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss. Diese datengetrieben Ideologie zielt auf eine Entpolitisierung der Macht, auf die Virtualisierung der Verantwortung. Und damit auf die Aushöhlung der Demokratie. Und es handelt sich nicht um ein isoliertes Phänomen der Terrorbekämpfung.
Denn der Fortschritt selbst – die sozialen Medien mit neuen Datenkategorien, die Beherrschbarkeit großer Datenmengen, die Robotik – hat nebenbei die Bereitschaft erhöht, mehr und wichtigere Entscheidungen der Maschine zu überlassen. Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz.“ 8Sascha Lobo „Daten, die das Leben kosten.“ In: Technischer Totalitarismus – Eine Debatte, Hrgb. Frank Schirrmacher, edition suhrkamp, Suhrkamp Verlag Berlin, 2015, Seite 107 f
Ein promotheisches Gefälle.9aus Günther Anders, in: Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1, Verlag C.H. Beck Münschen, 2. Auflage aus der Beck’schen Reihe 2002, Seite 267 f