206, Ressentiment: Heul doch!

Die Praxis der Selbstliteratur nimmt Platz im öffentlich medialen Raum: Performed in opfergestischen Songs, in vom Schicksal gebeutelten Rap-Zeilen, manchmal in performativer Kunst, worin das eigene Befinden thematisch heraus gestellt wird, worin Wirklichkeitsvorgänge des Körpers – als Erfahrungsmaterial – vor allem durch Leidens-Ausdrücke des Körpers vermittelt werden. Als glänzte die Kunst durch triefende Wunden. Die Betroffenheit verhindert das Verallgemeinbare der ästhetischen Form. In klebriger Verkörperung eigenen wundschreienden Körpers – als permanent erlittenes Opfer, gefangen in seiner fortschreitenden Beschreibung des Opfer-Seins – wird die Hauptrolle gefeiert. Diese Art von Leidens-Beschreibung bleibt oft genug in der Einfühlungs-  bzw. Opfergestik stecken – sie spannt ein Befindlichkeitsschild vor die gequälten Worte und ihren Autoren. Das erworbene Jammerrecht macht sie unantastbar. Im Lesen bleiben die Worte im Mitleiden hängen, kommen nicht auf den ästhetischen Geschmack. Das passiv erlittene Geschick (oder dessen Konstruktion) erlaubt, die Verantwortung dafür der Welt in Rechnung zu stellen. Ausdrucksversessenheit aus Betroffenheit heraus ist noch keine Kunst, Schicksal kein Verdienst und Heulenkönnen keine Kunst. Die Langeweile ist auf solipsistische Personen bezogen, auch quetschte sie ihre Sprachorgane. Das Ego nimmt überhand. Als würde nur ein Bio-Selbst Authentizität verbürgen. Die letzte bürgerliche Fiktion ist das Individuum, ein Nadelöhr – da kommt Menschheit nicht durch, hat keinen Platz. Es interessiert mich nicht.

Wer keine Fragen hat, erzählt von sich selbst. Das selbstische Schicksal ist keine Antwort.