287, Vergegenständlichungen des Körpers. Selfies Masken Avatare

Masken
Die Vertretung der Person durch ihre Maske – die Umgebung der Person wird ihr ins Gesicht geschnitten – als Ausdruck des sozialen Körpers im eigenen Fleisch. Der Romantisierung des Körpers geht die Entfremdung der eigenen Wahrnehmungs-Organe voraus.
Die Social-Media-Person in ihren Kameraeinstellungen, fotografischen Abscheidungen korumpierter Sonnenuntergänge wächst in ihrer Social-Media-Timeline in ihre digitale Stellvertretung hinein: als Ich-Ersatz oder asozialer Auswurf. Externalisierungen werden erarbeitet, um sich in kleinster Größe als Avatar seiner selbst zu retten oder: um sich selbst in objekthafter Annäherung anzuschauen, schließlich am eigenen Fetisch sich zu ergötzen.
Die ichige Befindlichkeit wird zur Wahrnehmungsfolie der anderen externalisiert. Das Konterfei als Anatomie des Wahrgenommenseins – als Selfiness zwischen vermarktbar bis käuflich.
Das Ich wird zur Verteidigung von sich selbst gegen sich selbst angesetzt. Es soll niemals zufrieden mit sich werden: Messe deinen Blutdruck, tracke deine Körperfunktionen: Optimiere dich! Dysfunktional zwischen wahr und Ware scheitert es am Telos des kapitalistischen Marktes: Die – technische – Inpersonalisierung des eigenen Leibes als Chance, davon zu kommen?

Begehren
Aus der Abwehr der Welt, des Außen, aus der in ihr entdeckten Körperlichkeit heraus soll das Ich sich konditionieren: vom unerfüllten Begehren her konstitutiert sich das diabolische Ich. Aus dem Training wird der Es-Apparat geschnitzt. Das Ich wird als Es trainiert, seinen Körper zu ertragen. Der Körper als Exterritorialisierung des Ich: offen für Gadgets. Aus seiner produktionstechnischen Negation vollbringt das Ich seine Vertrautheit zu sich: Es lernt seine Schwächen intensiver kennen und internalisert sie. In seiner Entzweiung zur marktfähigen Optimierung initiiert es sich: als gescheitertes, aber markfähiges Subjekt, das langsam und sicher von seinen technischen Prothesen hospitalisert wird. Der Nachvollzug der ersten Entzweiung (die Geburt) bildet das Muster folgender Häutungen: für die Befreiung zu einem neuen schutzbedürftigen Zustand. Bürgerlichkeit als gescheiterte Lebenslage. Dieses gesellschaftliche Individuum verstofflicht sich selbst in dem Widerspruch, dass seine Vergegenständlichungen zugleich seine geschaffene, also verschmutzte Umwelt ist. Meer und Ufer. Krieg und Frieden. Ohne seinen Terror gegen seines gleichen vermag der Mensch nicht zu lieben.

Wer nicht an sich selbst arbeitet, arbeitet gegen andere.

Verliert er Kultur, wo er sich niederlegt? Ist sein kulturelles Ego wirklich der sublimierte Triebanteil des Ich?1Die Freudsche Annahme, dass aus den Sublimaten des Triebes kulturelle Leistungen bzw. Ergebnisse angestrengt werden, hat in der möglichen Trieberfüllung ihre Krise. Die Trieberfüllung als animalischer Verrat des Menschen gegen den Menschen? Das Barbarische der Kultur würde durch die Idiotie des Begattungsrituals ersetzt?
Die Vergegenständlichung der sozialen Umwelt steht geradezu im Widerspruch zur körperlichen Bezüglichkeit zu ihr. Die Wahrheiten sicher geglaubter Weltkonsistenzen verlieren gegen den Profit der stärkeren Wahrheiten. Nachrichten sind ebenso der Vergegenständlichung durch ihre monetäre Verwertung ausgesetzt und hören nicht mehr auf, aus Münzen Information und aus – sozialen – Informationen Münzen zu machen. Die endlose Vergegenständlichung – nichts sei in der Welt, was nicht durch den menschlich-kapitalen Verwertungs-Apparat ginge – errichtet gegen den Begehrensanspruch eine Mauer aus feinster Seide. Die sexuelle Verkörperung mit den Waren, beschreibbar als Fetischcharakter der Ware, als Entfremdungsleistung des Arbeiters, der Arbeiterin entkörperlicht das naturhaft begehrende Individuum desto mehr. Die durch tausende Hände berührten Dinge unserer Welt versagen die tatsächlich menschliche Berührung. All die künstlerisch-kulturellen Materialisationen unerfüllter Begehrensakte erinnern uns daran: Die Ästhetisierungen des Realitätsprinzips in den Künsten bedeuten einen Grad der Verweigerung des menschlichen Begehrens. Warum sonst kann die Bildende Kunst das Sinnliche so sehr erinnern?

Artefakte als Entfremdungsakte
Künstlerische Zeugnisse zeigen uns die Verweigerung des bürgerlichen Telos. Das emphatische Erkennen der Schönheit im Kunstwerk als eine Art Mit-Leiden-Können am Begehrensanspruch des Anderen, und überhöht: als die gemeinsame Feier (happening) ihrer Überwindung.
Im künstlerisch vollzogenen Überleben der Situation des Triebverzichts – als Ästhetisierung des Realitätsprinzips – hat die Welt die Gelegenheit, an das überlebende humane Ich heranzukommen. Scheitern scheitern scheitern.

Sex als Entzweiung
Die ästhetische Vergegenständlichung erwies sich als Abstandshalter des menschlichen Begehrens zu sich selbst, als das, was sich ihm entzieht. Insofern ist es erst hier als Gegenüberseiendes zu erkennen. Die Bedingung, dass das sexuelle Erleben von der menschlichen Entzweiung ausgeht – von der Befriedung des Ich am Anderen, verstofflicht zum eigenen Liebeserleben, scheint nur überwunden werden zu können in der Entzweiung selbst, im Akt, in der Vereinigung (nicht: Verzweiung). Die Entzweiung ist desto schmerzlicher, wenn sie nicht in sich selbst überwunden werden kann, jedoch bewusst mitgeschlieffen wird. Die Bildung von Bewusstsein als den zu erkennenden Widerspruch von Ich und Weltverfügung. Entfremdung drückt die Differenz von Ich und Welt, Ich und Selbstbewußtsein nicht mehr nur aus, sondern füllt sie bereits kulturell, mit allerhand Souvenierkrempel. 2„Das Selbstbewußtsein hat sein Ansich zwar nicht außerhalb seiner selbst, sondern findet sich nur im Fremden, das an sich, d. h. nicht für es, sondern für das Selbstbewußtsein das Fremde ist. So ist es von Haus aus Weltumgang, der nicht idealiter über der sinnlichen Welt steht, sondern als zweite übersinnliche Welt, als Welt der Sprache, in ihr umgeht. Das Selbstbewußtsein kommt sich dabei im erscheinenden Bewußtsein von außen entgegen [als Objekt, HGK]. Bewußtsein ist nicht etwas Innerliches. Als Wirkliches ist es immer schon und nur die Einheit von Innerem und Äußerem. In diesem Sich-von-außen-Entgegenkommen besteht nicht die Gewißheit, sondern die Wahrheit der Gewißheit.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart. Aufsätze (hier Vortragniederschrift), Steiner 1977, Seite19

 

 

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    Die Freudsche Annahme, dass aus den Sublimaten des Triebes kulturelle Leistungen bzw. Ergebnisse angestrengt werden, hat in der möglichen Trieberfüllung ihre Krise. Die Trieberfüllung als animalischer Verrat des Menschen gegen den Menschen? Das Barbarische der Kultur würde durch die Idiotie des Begattungsrituals ersetzt?
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    „Das Selbstbewußtsein hat sein Ansich zwar nicht außerhalb seiner selbst, sondern findet sich nur im Fremden, das an sich, d. h. nicht für es, sondern für das Selbstbewußtsein das Fremde ist. So ist es von Haus aus Weltumgang, der nicht idealiter über der sinnlichen Welt steht, sondern als zweite übersinnliche Welt, als Welt der Sprache, in ihr umgeht. Das Selbstbewußtsein kommt sich dabei im erscheinenden Bewußtsein von außen entgegen [als Objekt, HGK]. Bewußtsein ist nicht etwas Innerliches. Als Wirkliches ist es immer schon und nur die Einheit von Innerem und Äußerem. In diesem Sich-von-außen-Entgegenkommen besteht nicht die Gewißheit, sondern die Wahrheit der Gewißheit.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart. Aufsätze (hier Vortragniederschrift), Steiner 1977, Seite19