258, sexuelle Lust – als evolutionäre Rückkopplungsschleife

Die sexuelle Lust als eine zur Wiederholung antreibende, intrinsisch-evolutionäre Kraft, eine evolutionäre (am) Objekt behaftete Wahrnehmungsfigur, eine durch die Evolution hervorgebrachtes Begehrensobjekt. Die empfangene Erektion verbindet die Körper zu einer Zukunft und mit ihren Ahnen. Das, was die Erektion empfängt, ist nicht abgeteilt vom Organ der Pollution: Es sind zwei Körper – selbst der eigene Körper ist im Akt mit einem anderen mit sich zu zweit – jenseits dem Empfangen-Wollen des anderen Körpers. Das sexuelle Begehren als kopulierende Gewissheit, nicht vollkommen zu sein. Nicht nur das Pendel zwischen Tod und Leben, Kopplung und Entkopplung, Trennung und Vereinigung (raus, rein) bedeutend, sondern auch dessen stete Bestätigung, Betätigung: Wiederholung der körperlichen Lebenslust mit einem anderen Körper. Im fortpflanzlichen Begehren wird das Leben zur Wiederholung von sich selbst angetrieben und zugleich von sich – seinem bisherigen Zustand – fortgerissen: Durch die eigene sexuelle Ausschweifung/ Entkörperlichung.

Das Bild von Amors Pfeil, der die Liebenden mit Treffern markiert, macht auf das schmerzliche Herausgerissen-Werden aus dem solitären Lebensstadium aufmerksam. Das fortpflanzliche Vermischen ist mehr ein Zuschütten als Zusammenschütten. Im Geschlechtstrieb löst sich der Lebenstrieb auf: le petite mort. Das Erotische zwischen den Körpern erscheint in der sich zerfasernden (ausdifferenzierenden?) bürgerlichen Gesellschaft als Selbstzweck zwischen Körpern sich aufzulösen und sich des Anderen als (käufliches) Lustspiel zu bemächtigen. Fortpflanzung als Konsequenz gilt als ein entfremdetes Ergebnis, eher einem Unfall nahe als dem lustfickenden Menschen. So sehr der Natur entfernt, entfremdet, bedeuten die natürlichen Resultate des menschlichen Coitus schon eine Entmenschlichung des Tierkörpers. Der omnipotente Kern des Eros beim erwartungsfrohen und langweiligen bürgerlichen Subjekt schrumpft zum bloßen Begehren, zum nur käuflichen Akt des sexuellen Lebens. Das bürgerlich erotische Dasein verschwindet zwar noch im Geschlecht, aber es selbst wird nicht mehr realisiert; in seiner pornografischen Auferstehung wird es abermals unterdrückt, potent nur für seine Unterhaltung, medial aufbereitet.

Die Wollust ist als Spiel zu begreifen, das im Hinundhergerissen-Sein von Selbstüberwindung (das Liebesgeständnis) und Bemächtigung des totalitär Anderen (des geliebten Fremden, des anderen Menschen, des drohenden Todes) aufgehoben wird. Der Orgasmus ist ein Sinnbild der Vereinigung von Entleeren und Leere.
Der Geschlechtstrieb fungiert als Aufseher seiner ständigen Verrichtung und Erschlaffung. Fest verzurrt mit der Entropie seiner organischen Bedingtheit explodiert er fürs Leben und muss Haushalten darin.

Eros interupt
Die Liebe kann als Abbruch der bisherigen Lebenskontinuität betrachtet werden, denn das begehrende Individuum kommt nicht über sein begehrtes Ziel hinaus. Eine Entäußerung – jegliche Wahrnehmung wird rosarot auf das Begehren konzentriert und projiziert – und Enteignung des menschlichen Anteils im glühenden Körper offenen Auges. Heraus- und fortgerissen aus den Schleifen der Selbstbeobachtung fordert der immense Energieverbrauch baldige Beendigung, einen final act. Das Durchhalten kann plausibel in einer Filmlänge gezeigt werden. Der in der erotischen Parallelaktion abgedichtete Geist, seine Auslieferung auf das Geilsein, implodiert mit seinem Körper, schrumpft auf die dem Begehren folgende Leere des Egos: Es schrumpft zum anderen hin. Ein Ausbruch der Natur zitiert die menschlichen Sinne in ihren animalischen Wurzeln: alles ist irgendwie intensiver, sinnenschärfer: Wahrnehmung feiert ihre natürliche Evolution. Das könnte ungefähr das pubertäre Trauma sein, in dem der bisherige kognitive Zustand schwer eine Einstellung findet zu seinen ungewohnt-neuen körperlichen Regungen. In dieser Phase wird der Geist (das neuronale System) – das objektbemächtigende Organ – vom überschüssigen Körper getrennt und enteignet. Der Körper markiert der Vernunft ihren Ausgang: ein Annex, Rattenschwanz. Temporär entstellt, hat der projizierende Intellekt ein Bild gefunden. Von nun an bestimmt vorwiegend der Geschlechtstrieb die Wahrnehmung von und die Einstellung zur Umwelt; im Rhythmus von erotischer Verausgabung und intellektueller (kognitiver) Erholung. Wo gedacht wird, kann nicht geliebt werden. Vice versa. Das Begehren versucht eher die Unterbrechung des Lebens, die Fortsetzung des unterbrochenen Liebes-Lebens statt die Folgen als Fortpflanzung zu begreifen. Im Begehren (das Verliebtsein ist dessen poetische Folie) findet der Sehnsuchtsschrei nach Veränderung, nach liebestollem Abfluss des energetischen Schleims seinen Ort. In dieser Ziellinie des je eigenen Lebens eröffnet sich nicht nur ein Fluchtpunkt vor der Welt da draußen, es scheint sogar, dass diese Welt veränderbar ist, denn sie erhält andere Lichter. Aus dem gestauten Gefühl der Objektbemächtigung, das nicht sein Begehren erreicht, entwickelt sich Sehnsucht nach ihm.
Der Mensch als das Wesen, was sich selbst vermag, in der Enge von Möglichsein und Vermögen (Potentia und Potenz), im Sturm von Frage/ Begehren und Antwort/ Ablehnung. Ich vermag heißt, die bloße Möglichkeit zu bezwingen: ich vermag, das Gemochte zu verschlingen.
Man lernt, die eigene Lust zu regulieren. Das Ich bindet sich in seiner eigenen Nähe – vorerst narzisstisch.
Aus evolutionärer Fortpflanzung entwickelt sich ein Selbstzweck der menschlichen Begehrens-Geschichte: Das Begehren des Begehrens. Das (lustvolle) Wandeln im Anderen, am Umschlagplatz der Geschlechter. Transit mit Drama und kunstvoll erledigt.
Der Eros als menschlich gefühlte Zwangsmaßnahme der Natur verschwindet, erlischt im Erfüllungsort der Liebenden: im Sex. Insofern setzt sich das Leben für sein Verschwinden ein – als ein Aufenthalt an der Ermattung entlang: für den anderen. Die Erfüllung erreicht temporär die andere Seite der Bewegung: Erschöpfung. Dem glücklichen Höhepunkt entspringt sein Unglück: Dem Lachs nach seinem Laich erreicht der Tod. Auf der Spitze der erfüllten Ermattung geht der Projektion des Begehrens das Licht aus: Da ist niemand, da ist nur Körper. Die Begehrens-Projektion kehrt in ihre Materie – in den Körper zurück. Momentlang versiegt das Leben und wandelt im Todesreich: Eurydike. Kurz vor dem Identisch-Werden (der Tod und das Leben vereinen sich zur Liebesstarre, zur Entleerung oder wie man es sonst ausdrücken möchte) – vor der Identität des Begriffs, wenn das Begehren im Begriff steht, sich zu erfüllen, zu sich selbst zu kommen – verliert das Begehren sein gezieltes Identisch-Werden, gelangt nicht zur Identität mit seiner liebenden Bewegung. Die Erfüllung des Triebanspruchs geht mit der Drohung der völligen Verausgabung (menschlich-körperlichen Entleerung) einher. Im Lichte der industriellen Produktion sind die Erfüllungsorte des Begehrens Ausdruck des umworbenen, aber zur Verstümmelung erzogenen Begehrens geworden: Treibgut der Distribution: Waren! Doch gleich hier oben, in orgastischen Höhen gilt als versäumt, was gerade getan war. Da hilft nur Neu-Bewerbung oder Neukauf! Lieferung sofort!
Begehren als Neugier auf Lust verschaffende Objekte: begehrte Objekte sind libidinöse Attribute des nach Verbindungen suchenden Geistes.
Das Gehirn übt vor allen anderen Organen seinen Erhalt (seine Funktion) mit der Negativität seiner selbst: Es vergisst und kreiert. Kreiert, um zu vergessen. Vergisst, um zu kreieren. Es kann nicht aufhören, sich etwas auszudenken – daher sind Vorstellungen so lohnend. Um Ausgleich dessen bemüht, was durch die körperlichen Eruptionen ihm fehlt (an objektivierender, kontrollierender Kontinuität verloren geht), verbraucht es sich selbst, verschlingt es seine nervliche Substanz, um zwischen seinen Zellen, Teilen, Löchern wieder neue Verbindungen zu ermöglichen, die das Lustprinzip umgehen: Sublimierung – die Konzentration auf das ästhetisch Schöne – ist hier nervliche Nebenbeschäftigung, ein Training nah an der Natur, um erstmal weiter zu leben.
Die Begierde als Überbrückung von Denkstarre, Isolation gedacht: der Körper heizt dem Geiste ein, treibt ihn an: Mit dem Gleitmittel der Evolution, um aus der Notwendigkeit des Tieres heraus in den Akt mit dem Anderen, dem Begehrten zu gelangen. Das Individuum als kampfdurchtobte Vielheit, als zu grabender Tunnel durch seine Möglichkeiten, „in der die verschiedenen Tendenzen die Oberhand gewinnen, so dass die jeweilige Handlung nur den Kompromiss darstellt.“1Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin, 1977, Seite 691 Eine Art Burgfrieden mit dem lechzenden Körper.
Das, was sich selbst vermag, degeneriert zu dem, was es sich selbst angetan. Die gescheiterten Versuche, die Ablehnungen, Verletzungen bestimmen die Begehrensstruktur.
„Das Triebhafte ist das, was noch nicht aufgehoben ist.“2Lyotard, in: Intensitäten, Merve Verlag, Seite 99

Ich versuche nur Klarheit für mich zu erlangen.

 

 

  • 1
    Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin, 1977, Seite 691
  • 2
    Lyotard, in: Intensitäten, Merve Verlag, Seite 99