# 27 / Wahrnehmung nervt

Was das Auge im Innersten zusammenhält.

Den Vorgang des Wahrnehmens zu beschreiben, heißt, die funktionale Ordnung komplexer, selektiver Prozesse im Hirn zu beschreiben: da wird gefeuert oder nicht gefeuert, ja oder nein. Die Nervenzellen arbeiten schon – man sieht noch nichts, hat noch nichts gesehen, auch nicht den gelben Kombi vor der Tür, aber bevor ich ihn beschreiben kann, war er schon da. Diese Wahrnehmung sichernden nervalen Prozesse zwischen uns und den Dingen vor uns und unserem Körper, zwischen unseren Sinnesorganen und deren gehirnigen Korrespondenz miteinander, bewahren und modellieren die selektive Komplexität der Wahrnehmungssinne: Als Wahrnehmungs-Erleben kann ich es beschreiben – als Wahrnehmen des Wahrnehmens. Ich sehe die rote Blume: „Ich sehe“ – als sprechendes Zitat der Beschreibung des Wahrnehmungs-Erlebens und „die rote Blume“ – als Wahrnehmungsbeschreibung des Wahrnehmungsaktes. Wahrnehmung gestaltet Erfahrung und Erfahrung wirkt auf Wahrnehmung ein. Gelungene Wege wirken sich verstärkend aus, d. h., sie realisieren eine Selektion wahrnehmbarer Phänomene. Dieser Prozess hinterlässt Spuren, bildet Wege und bildet sich als De- wie Codierungsordnung, als ein Geäst im Wahrneh­mungssystem unseres Körpers heraus. Das Licht brennt sein Spektrum: Es leuchtet oder leuchtet nicht, die Nervenzelle feuert oder feuert nicht. Erinnerungen an Wahrnehmungserfahrungen sind gleichsam hinterlassene Reifenspuren wie Fahrberichte in, für uns. Der Fahrer bildet mit dem Auto, dem Asphalt und seinem Blick ein System von Sinnesabhängigkeiten: sehen, riechen, fühlen, hören. Die erzeugten Sinnes-Spuren können nicht einfach verschwinden, denn sie fahren stets mit. Mit jedem Blick, Geräusch benutz ich sie. Jeder Ein-Druck bleibt Spur, jeder Sinnes-Schritt ermöglicht den nächsten. Bevor Selektionskriterien – oder: Sinnes-Sensationen – abstumpfen, können neue etabliert werden, die die Differenzierung weiter antreiben. Die „Gewöhnung“ an wiederholt auftretende Wahrnehmungsereignisse ermöglicht eine weitergehende Differenzierung von Wahrnehmungsmöglichkeiten: die bekannten werden als bekannte durchgelassen und Ressourcen für neue werden ermöglicht. Die Wahrnehmung als Orientierungs- bzw. Beobachtungs-System kann ich nicht verlassen, weil ich mich an meine Welt gewöhnt habe, in ihr bin und meine Wahrnehmungssinne nicht von der Welt zu trennen sind – sie sind aus ihr entstanden. Mein Wahrnehmen kann durch stete Erweiterung (Selektion) der Wahrnehmungsmöglichkeiten /-Kriterien erhalten, stimuliert werden. Dass wir manche Musik im ersten Ton erkennen, bezeugt dies. Der Komplexität oder: der Selektion von Wahrnehmungsakten – stetig feiner sich einander abstufende Sinne – ist bis zum Tod keine Grenze gesetzt. Betriebsblind wird man, wenn die erreichte Wahrnehmungsstruktur nicht weiter differenziert werden kann, ohne den Stimulus der Differenzierung erschlaffen unsere Sinne.

 

 

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