270, Lernen als traumatischer Prozess

Fritz B. Simon:
„Lernen erfolgt im Wechselspiel von Akkomodation und Assimilation nach Maßgabe der Nicht-Anpassung an die relevanten Umwelten des Systems, d. h. nicht ohne >>Not<< bzw. nur, wenn es notwendig ist.“

„Lernen ist riskant, weil dadurch erprobtes und bewährtes Wissen/ Können disqualifiziert wird (= Verlernen/ Entlernen/ Entwertung bzw. concellation des alten Wissens).“1Fritz B. Simon, in: Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen. Carl-Auer-Systeme Verlag GmbH Heidelberg, 2018, Seite 80

Das angehäufte, gelernte Wissen kann durch wiederholte Anwendung verfestigt werden – es wird in der selbst erzeugten Erfahrungsspur festgehalten: Es hat sich im Körper eingenistet. Dazu gehören auch leidvoll gemachte Lern-Erfahrungen: sie sind erlitten, weil die Überwindung des jeweiligen Status quo der Erfahrung durch neu zu erlernende Lernkontexte ein Bewusstsein der Labilität erzeugt: Morgen – in der Schule – wird ein anderer, neuer Lernstoff die bisherigen Lernerfahrungen herausfordern: „[…] Denn Veränderung ist der Prozeß, der die Regeln der Vergangenheit auslöscht.“2Heinz von Foerster, in: Sicht und Einsicht, Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1985, Seite 10 Lernfähigkeit impliziert die Fähigkeit zu leiden, sich stetig neu zu orientieren, zugunsten der Anpassung an provoziert neue Situationen: Also die Forderung, sich lernend zu ändern, das bisher Gewusste in sich selbst zu überwinden für die als neu gegen das Gewusste auftretenden Lern-Bedingungen. Ein lernendes Individuum mobilisiert seinen Erfahrungszusammenhang – seine bevorzugte biologische Trägheit/ Stabilität (Homöostase) als bisherige Nische – gegen die provozierte Infragestellung dieser Nische, gegen seinen bisherigen Erkentnisprozess. Wird der Widerspruch zwischen der auf stabilen Erfahrungen beruhenden Gewißheit und dem Neuen, noch Uneinortbaren – als neuer Lernstoff – vom Individuum nicht ausgehalten, wird es vom Schock des neuen Lernkontextes traumatisiert. Die stete Unterbrechung der erzielten Gewohnheit, bisherigen Anpassung, als Krise: der kognitive Ausnahmezustand durch stetig neue Anpassungsforderungen als beständiges Lernsetting gefasst. „Menschliche Wesen haben eine Bindung an die Lösungen, die sie entdecken, und gerade diese psycholgische Bindung macht sie verletzbar […]“3Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1985, Seite 318  In diesem Prozess entstehen die Narben der missglückten Lernerfahrungen. Im Aufeinandertreffen mit noch nicht durch die Erfahrung abgestelltem, erfassten Wissen stößt das durch Erfahrung angepasste Subjekt mit sich – seinem ungenügendem, weil unvorbereiteten Selbst – zusammen. Es stößt auf seine nichteingelöste Anpassung selbst; seine bisher geglückte erfahrungsmäßige Trägheit stösst auf seine noch nicht eingelösten kognitiven Möglichkeiten: Frustriert schicken sich Schüler in erholsame Ablenkungen – retardierende Spiele.
In der Reflexion mit Rezipienten habe ich beobachtet, dass in der unmittelbaren Wahrnehmung eines neuen, unverständlich scheinenden Objekts – besonders bei Kunstwerken – also dort, wo Wahrnehmung selbst ein Medium der Produktion ist, mit Unwillen, einer gewissen Aggressionslust reagiert wird. Eine Art intuitive Spontanabwehr gegen die ungewohnte Erfahrung der Wahrnehmung.

 

 

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    Fritz B. Simon, in: Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen. Carl-Auer-Systeme Verlag GmbH Heidelberg, 2018, Seite 80
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    Heinz von Foerster, in: Sicht und Einsicht, Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1985, Seite 10
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    Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1985, Seite 318