# 9 / Kapital, Kunst & Wahn

Die Invasion medialer Aufmerksamkeitsmaschinen auf das Ich, auf das Autonomie beanspruchende Ich, auf seine wohlmögliche bestimmbare Freiheit, führt es auf seine Beliebigkeit zurück. Ein Ich – so anders wie alle anderen – passt sich an die Angebote an: individuelle Wahl im Regal. Dieser permanent verlockende Wahrneh­mungsdruck durch die produktbezogene Kommunikation beengt das Blickfeld, gemeindet den individuellen Geschmack in die Waren orientierte Gesellschaft ein. Das führt zu einer allmählich schleichenden Nivellierung, Eindimensionalität der Wahrnehmungsphänomene.1 „Es scheint etwas wie ein Greshamsches Gesetz der kulturellen Evolution zu geben, nach dem die übervereinfachten Ideen immer die verfeinerten ersetzen werden und das Vulgäre und Hassenswerte immer an die Stelle des Schönen treten wird. Und doch erhält sich das Schöne am Leben.“ Gregory Bateson, in: Geist und Natur, stw 691, Frankfürt am Main: Suhrkamp Verlag, 1982, Seite 12Der Möglichkeitssinn menschlicher Sinne wird auf erzwungene produktimmanente Ent-Äußerungen reduziert. Es wird zum Zielgruppenmutanten geschrottet. Eine (ästhetisch-therapeutische) Gegenwehr wird in der bürgerlichen Gesellschaft zur Kunst deklariert, wenn sie sich im juristisch gefälligen Kontext bewegt. Kunst als therapeutischer Schutzraum – nicht nur für ihre Produzenten. Die ins Ästhetische gehobene Form des Widerspruchs scheint geradezu Ausdruck juristischer Formung und richtiger Folgenlosigkeit. Die etablierten Kontextgefängnisse sind der gedeckte Scheck des Kunstmarkts. Unter diesem Mantel bricht und schützt dieses System ihm gemäße Kunst.2ein wichtiges Buch hierzu: Kunst und Kapital, Begegnungen auf der Art Basel. Franz Schultheis, Erwin Single, Stephan Egger, Thomas Mazzurana, Hrsg. Christian Posthofen, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2015

Das Zusammenbrechen unter der dem Individuum angetragenen Last kann die Psychiatrie pharmazeutisch begleiten. Gefängnisempfängnis. Künstlertum gilt als unendlicher Umweg vor der Einlieferung. Der Traum der Avantgarden – Kunst und Leben zusammen zu schweißen – geht in Erfüllung: Das individuelle Leben ist so ausgequetscht, das es (therapeu­tische) Rettung in der Kunst findet. Lebens-Empfängnis als Verfolgungssituation wie Fluchtreaktion. Im Sinne von: Nur das ästhetisch Reizvolle kann verfolgt werden. Das sinnlich Erscheinende ist als rücksichtsvoller Fluchtpunkt ausgemacht. Denn der lebenspraktische (Un-)Sinn der vorgefundenen Welt stellt die Differenz (Entfremdung, Uneinigkeit) zum gegen sie opponierenden Individuum desto klarer heraus.
Die künstlerische Verrücktheit stellt ein Widerstandssymptom dar, an der so unauffällig wie möglich festzuhalten ist. Die Grenze der Normalität ist nicht der Wahnsinn – am Lauf der Dinge werden wir scheitern. Das Wachsen zur bürgerlichen Persönlichkeit ist zu verstehen als Abbau von Persönlichkeit, als Distanz von ihren menschlichen Voraussetzungen. Dieses Wachsen führt fort vom menschlich respektablen Leben. Unsere Häute waren Inseln, die zerfetzt wurden, weil wir zu uns selbst durchbrechen wollten, um ein Leben zu retten: das eigene! Ein Parcours im gesellschaftlichen Minenfeld verlockender Verhaftungen. Ein Leben retten: Das eigene.

Wenn wir zu uns herausbrechen, außer uns sind, außerhalb unserer uns eingeprägten Gewöhnungen Aufenthalt erlangen, dann sind wir nicht mehr weit von uns entfernt: bald frei. Vorher aber ein Leiden am Außen, am eigenen Außer-sich-Sein und zugleich im Leiden gefangen, außer-sich-zu-sein, weil man nicht bei sich ist? Im Aus-sich-Herausdrücken, in der künstlerischen Reduzierung wird es aushaltbar. Im Inneren ist der auf sich selbst-geworfene Schmerz nicht auszuhalten. Im Außer-Sich-Sein – in der Beobachtung, Projektion des eigenen Körpers – besteht die Möglichkeit, näher an sich heran kommen: über die Kunst. Das erfahrene Gespaltet-Sein – die produktive Trennung des Menschen in sein Objekt-sein (als Bewußtsein des Körpers) und Subjektsein (als Bewußtsein durch den Körper) – kann der Beginn einer aktiven menschlichen Existenz werden. Das Gespaltensein (das Bewusstsein vom Körper und als Bewusstsein durch den Körper) wird präsent durch allerlei Macken, Vorlieben, durch Kranksein und die das Leben einschränkenden formalen Überforderungen. Künstlerischer Ausdruck als eine Art erzwungene wie angenommene, zugeworfene Rinne zwischen den Lebens-Kontinenten. Diese Schnittstelle, Grenze – die Verstörung, Entfremdung, Entwertung – einerseits wahrzunehmen und zugleich in ästhetischer Form zu kanalisieren, ist nichts anderes als die Konstituierung menschlicher Daseinsform zu ästhetisch lebendigen Ausdrucksformen: Kunst als Lebensentwurf. Als Künstler arbeitet man an seinen Grenzen selbst: Die Klinge des Ausdrucksbegehrens schneidet schlägt aus der Existenz eine (biografische) Skulptur: hämmernd, den Berg hochschleifend, den Berg sprengend – das ist schmerzhaft – suchend wie hoffend, sich zu gestalten und als Mensch Gestalt zu gewinnen. In den Spalten, Schnitt-Mengen, Widersprüchen, Grenzen formen, entwickeln wir unsere Menschlichkeit. Ein Modus, sich mit sich bekanntzumachen. Der künstlerische Akteur, die Künsterin wird für sich selbst Medium: stellt sich selbst als einen ausdrucksmächtigen Körper zur Verfügung: Jetzt endlich stellt der Körper sich dar und vor. Er stellt sich sich vor. Er begreift, ergreift sich.

3Choreografie: Selbstdarstellung, HGK, 2006, Foto: Tristan Siegmann

Ein stetiges Bekanntmachen und Durchdringen: sich lebendig halten und abtöten. Aufzehren, niederringen, sich leben und lieben. Sich wieder zu bezeugen im vergeblichen Verschmelzungsakt mit Mama.
Die Differenz, der produktive Spalt des Wahnsinns ist markiert: Es würde mir genügen, knapp neben mir zu stehen, um Platz für mich zu haben.4nach Kafka, Tagebuch, 24. Januar 1922So geh ich durch meine Kleidung ganz aus mir heraus. Diese Fluchtbewe­gung zu sich, um aus sich heraus zu kommen, mutet wie eine ästhetische Kampfreserve des Künstlers an: „Für die heroische Stilisierung und Ästhetisierung des Wahnsinns gebe es eine Reihe von Gründen, die auch das umgekehrte Phanstasma verständlich machen, daß die psychotische, insbesondere die schizophrene Produktion die eigentliche Präfiguration künstlerischer Hervorbringung sei, daß der Psychotiker anstrengungslos und jenseits von Kalkül eben dies erreiche, worum der Künstler, oft genug vergeblich, ringen müsse.“5Rainald Goetz in: Irre, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 14. Auflage 2012, Seite 78Die eigene Expression als ein Als-Ob der Erkenntnis. – Man kann es ja mal probieren. Manchmal gehe ich übers Seil, um irgendwas raus zu kitzeln, heraus zu finden. Aber der Versuch, mich von der anderen Seite zu beobachten, mich als Gestalt im Stein, den Sternen oder Worten zu entdecken, verschlingt mich noch mehr in mich hinein. So entdecke ich mich in den entferntesten Gegenden und bin doch nah vertraut mit ihnen. Als Astronaut im eigenen Körper war ich der erste, der ihn vergessen und verlassen hatte. „Je mehr er [der Künstler] daran glaubt, Phänomene zu inszenieren, die er selbst womöglich nicht beherrscht, desto mehr wähnt er, Macht über Dinge und Personen zu besitzen, die diese Illusion mit ihm teilen wollen.“6Michael Kräger, in: Kunstzeitung, Nr. 174, Februar 2011, Seite 19

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