246, Verhalten zum Selbst – als psychotische Dialektik

Die Möglichkeit, sich überhaupt zu sich selbst verhalten zu können, stellt die Voraussetzung jeder Selbstheit dar.1vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 114 Das Zu-sich-selbst-Verhalten wird bedingt aufrecht erhalten, indem auf Teile des Selbst-Raumes verzichtet wird. Denn das Verhalten zum Selbst ist das Resultat sozialer Kommunikation zwischen dem „Selbst“ und seiner Umwelt. Das Selbst kann nicht ohne soziale Interaktion postuliert werden, denn es ist durch soziale Interaktionen mit Gesellschaft verbunden. Im Selbst drückt sich in dem Sinn Gesellschaft aus. Ohne kommunikative Gesellschaft ist ein Selbst nicht existent – man kann nicht nicht interagieren. Das Verhalten zu sich selbst entsteht im Ergebnis der Interaktionen, die sozial determiniert sind. Insofern ist das Zu-sich-selbst-Verhalten eine Anpassungsleistung im Feld sozialer Kommunikation. Man ist dort – mehr oder weniger – sozial integriert, wo man (mit anderen) kommuniziert. Gelingt die Anpassung nicht, greift ein Nicht-werden-Können der Person in einen Stillstand des Werdens über.2vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 111 Die gesellschaftliche Transformation sozialer Beziehungen – als gelungene Kommunikation zwischen Menschen bis zu individualisierten Beziehungen mit anderen Menschen -, die durch die Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion von Kommunikation (Produkte, Informationen) bestimmt werden, engen als persönlich durchzusetzende Affirmation die Person ein und bestimmt ihre Bedingungen, zu kommunizieren, sozial zu (über-)leben. Selbst durch Selbstbeschränkung ist die Einengung nicht abzuwehren, aber sie scheint damit persönlich bedingter – „es ist meine Entscheidung“. Aus der Tragödie wird Metatheater.3vgl. das Essay „Von der Tragödie zum Metatheater“ von Susan Sonntag, in: Kunst und Antikunst, Fischer Taschenbuch Verlag, 9. Auflage 2009, Seite 194, 2. Absatz
Die eigene Narretei, der psychotische Sturm aus den Ventilatoren der Fabrikhallen und den Büroräumen wird abgewehrt mit Projektionen, Übertragungen des eigenen individuellen Empfindens auf die Anderen, auf Anderes, auf die in geilen Produkten vergegenständlichten und verborgenen, leblosen menschlichen Beziehungen. Diese Entfremdung, dieser Spalt scheint zunehmend die Bestimmung des Lebens zu sein und dessen Bedingungen auszumachen: Der persönlich zu leistende Anteil wird zur persönlich durchzustehenden Krankheitsgeschichte. Sie übernimmt und füllt – statt des lebendigen Erfahrungsraumes – die Lebensgeschichte. Es ist die Chance, Opfer zu werden und sich durch das Projizierte im Projizierten wiederzuerkennen, sich mit hinein in die Welt der anderen Vorstellungen zu nehmen, als Projektor sich zu fangen und sich als solcher nicht zu erkennen. Die Symptome sind dann realer als das, was zu ihnen führt.
Dieses psychotische Ich braucht für seine Menschlichkeit, Lebensgeschichte sein eigenes Leben als Opfer, Schicksalsgabe, Auslöschung. Es bedarf der projizierten – durch die Produktwelt transportierte – „Unmenschlichkeit“ der Anderen, die doch eigentlich die Verhältnisse nur repräsentieren und nicht sind. Das eigene Opfersein scheint die plausible Reaktion für den eigenen Verlust an Selbstbehauptung. Dieser Verlust an der Person, an der sich selbst richtenden, sich Richtung gebenden Person ist an Wahrhaftigkeit dieser sich in dieser Weise erlebenden Person nicht zu übertreffen und bedarf der Bezeugung der außer ihr stehenden. Es muss jemand dabei sein (z. B. das künstlerische Ego, die Kamera, das Internet als Entfremdungsmedium). Es ist nicht das Ich als Opfer, das sich heimsucht und ihm seine Rechtfertigung für seine spleenigen Marotten gewährt, sondern es wird zum Täter des Sich-Opferns gemacht – ganz frei soll es sich selbst erwürgen: und dies macht sein Leiden mit der Welt so grausam.

Suizidales Stadium
Das Ich opfert sich, löscht sich beständig aus, damit es an sich selbst anderen zuvor kommen kann und eine Rechtfertigung für seine Existenzweise sich selbst vortragen kann. Im Vordergrund steht die Entwicklung der Möglichkeit, sich zu sich selbst zu verhalten, sich in der Weise der Negativität zu begründen. Um die Qualität des Opferns sich anzueignen, wird der vorgestellte Verlust (als permanent antizipierte Negation des Selbst), also der Vorgang des vermeintlichen selbstischen Verschwindens durch die Projektion einer substantiellen Vergangenheit, für die damit einhergehende Rekonstruktion des Ichs verbürgt. Substantiell an dieser Vergangenheit ist die Konstruktion von vorgestellter Vergangenheit, Biografie.
Die Sehnsucht nach dem richtigen Leben ist das Versteck, um sich vor den nichteingelösten Träumen zu schützen.