269, Identität als widerspenstige Falle im Sozialisierungsprozess

Die gesellschaftliche Honorierung des zur anerkannten sozialen Rollen-Identität sich verarbeitenden Ichs, sind in seiner Sozialisations-Konfusion1vgl. Erik H. Erikson, in: Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1966, Seite 153 ff – vorallem in der Pubertät – zu erkennen. Besonders in dieser Lebensphase gilt es, sich auf den drohenden Verlust des bisherigen Selbsts einzurichten oder mindestens ihn zu antizipieren. Im zu leistenden Verzicht auf seine bisherigen von der Gesellschaft losgelösten Verselbstständigungen eigener Individualität wird das sozialisierte Selbst künftig verzichten müssen. Wo es diese soziale Normierung überwinden muss, geht es gegen sich an und driftet in soziale Stigmatisierung ab oder richtet sich darin ein.2vgl. Erving Goffman, in: Stigma, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 24. Auflage, z. B. Seite 9 ff, 56 f Das neue – mit sozialisierender Normierung eingeübte – Selbst kann nur aus seiner Asche bisheriger „Persönlichkeit“ aufsteigen. Eine andere Metapher: Die soziale Häutung gewährt dem Selbst seine Anpassung – mit dünner Haut.

Keine Sozialisation ohne traumatischen Prozess.
Die gesellschaftlich normierte Individualität als Grad der Zerstörung des eigenen Individualitätsstatus, die sozial normierte Individualität als eine Funktion angenommener gesellschaftlicher Identität. Identität als gesellschaftliche Funktion des Ichs: normative Sozialität als soziale Prothese. Der eigene Verlust von Ich-Mächtigkeit als sozialer Gewinn für die Gemeinschaft.

Gleichheit im Brei
Sich allem common sence gleich zu machen, im Menschenbrei unterzutauchen, um nicht entdeckt zu werden: mit der Chance, unter dem vielen Gewimmel und süchtig Flüchtenden sich zu verkriechen. „Flucht vor der Drohung des Identitätsverlustes in Identitätslosigkeit.“3Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 44 In der feindlichen Menge.

Pathologisierung
Vollstopfen mit oder Entleeren von gesellschaftlichen Normativen als Symptom eines Begleichens sozialer Normen. Weil der eigene Raum vernichtet wird zugunsten des Einstehens für einen gemeinsamen sozialen Raum, den aber das Ich nicht mit anderen teilen will: Eingeeingt im Massen-Raum voller Egos.

Identitäts-Gefängnis
Die Identität des Gefesselten ist sein Material: der Strick um seinen Hals. Die Totalität der normierenden Zugriffe aufs Ich entspricht der Totalität der übermannenden Angebote zur Freiwilligkeit. Ein riesiger Markt für Ersatz-Objekte der Individualität – Selbstverrat„Wahrscheinlich sind alle Menschen, wenn sie erst sozialisiert sind, latente >>Verräter an sich selbst<<. Die psychische Schwierigkeit dieses Verrates wird jedoch größer, wenn entschieden werden muß, welches >>Selbst<< von Fall zu Fall verraten werden soll.4Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag 2016, Seite 181

 

 

  • 1
    vgl. Erik H. Erikson, in: Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1966, Seite 153 ff
  • 2
    vgl. Erving Goffman, in: Stigma, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 24. Auflage, z. B. Seite 9 ff, 56 f
  • 3
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 44
  • 4
    Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag 2016, Seite 181