273, Identität: a = a
Schrei nach Identität, I
Im anhaltenden Aussprechen von ‚A‘ zum AAAAAAAAAAA erlangt die Spache ihr bewußteres Hören. Das temporäre Versteck des Gedachten wird durch das Aussprechen in ein hörbar Wahrnehmbares geborgen. Die Verlangsamung des Sprachtaktes – Singen, Summen – verhilft zur Seinsgewißheit ohne akkustische Unterscheidungen: Das A bleibt ein A solang man es als A auspricht. Das Gesprochene ermöglicht in seiner akkustischen Dehnung gerade in der temporären Verlängerung des Zeitcharakters der Sprache, ein bewußteres in der Zeit-Sein. In der Ausdehnung der Sprache mit sich selbst (AAAAAAAAAAA), kann das sprechende und gesprochene Ich zu sich selbst dringen. Die (akkustischen) Auffassungen über die Welt gehen mit ihrer (hörbaren) Erfassung einher. Die Gesänge der Identität würden in einen einzigen Ton münden.
Identität II – als symbolische Spaltung
„Warum muß sich A spalten [im Sinne von: kopieren, clonen], sobald ich seine Selbigkeit aussagen will? Oder ist A gespalten schon vor dem Aussprechen von: A = A?“1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 59
Das A ist in sein Spiegelbild zu spalten, um seine Identität zu bezeugen. Ist erst durch eine Teilung in zwei gleiche Teile, die ein Eines waren, also auf Kosten der Spaltung – was einen homogen symmetrischen Gegenstand vorraussetz würde – Identität auszudrücken/ herzustellen? Ist Identität ein Ergebnis einer unbeschadeten Teilung oder einer gelungenen Heilung der vormaligen Spaltung? Gehen dem Identischwerden Entsorgungsprozesse von Unterscheidungen voraus?
Der Widerspruch tritt als als Vereinigungsversprechen auf: A = (ist gleich/ bleibt) A, als wieder einzuholende Identität, die als versöhnlicher wie ästhetischer Moment auftritt, um sich der Existenz mit ihrem gefrorenen Spiegelbild (Gleichnis) zu versichern. Hier das Widersprüchliche: Um ein gleiches ‚A‘ zu formulieren, braucht man bereits ein anderes ‚A‘.
A = A, als ein Gleichnis unter Ausschluss der Zeit; im nur logifizierten Raum, bereinigt von allerlei Gestern und Morgen. Diese durchs Formulieren erzeugte Zeitstrecke im Aufsagen, die Dauer des sprachlichen Manifestierens von Identität – also die Ablösung des A (von A) durch oder mit dem Gleichheitszeichen als deren Erneuerung, kann als Entwicklung des Lebens selbst – durch dessen permanente Formulierung – aufgefasst werden.
Die logische Identität, wenn sie auf das Sein und nicht auf das Werden gerichtet ist, verflacht die Komplexität des Lebens und seiner Beschreibungen. Sie ist eine logische Konstruktion. In der Evolution sind Teilungsprozesse (Zellteilungen) dem Vielfachen erneuten Teilens ausgesetzt: Wachstum später Ausdiffernzierung und nicht die bloße Identität ist der Ausgangspunkt für spiegelbildliches Kopieren. Für die Lebendigen ist Identität eine Regression auf ihren Status, auf ihre unmittelbare Situation. Identität zitiert das Problem des Werdens als Mangel an Fortbewegung (als ein Problem, das einen Mangel an Fortbewegung aufweist).
A ≠ B
A ist nicht, was B gleich ist. Die Zeit als Differenz von mindestens 2 Bewegungen oder Zuständen. Nur im angenommenen zeitlosen Raum kann etwas sich gleich sein oder es gibt Doppelwelten.
A ist das, was B nicht ist. A als das, was B ausschließt. B kann alles sein, außer A.
Identität III
Das Neue wird durch das Vergleichen in das Alte eingeschmolzen, ins Vergangene gestoßen – irgendwoher muß es herkommen. So ist sich nichts gleich (wie könnte etwas sich selbst gleich sein – ohne den Verweis auf sich selbst?), aber unter bestimmten Kategorien bspw. des Visuellen, der Menge oder der Kategorie der Qualität usf. können ausgewählte Urteile (Bestimmungen) unter ein prototypisches Urteil zusammengefasst, begrifflich zusammengedacht werden. In dieser Weise werden die sprachlich erfassten Dinge einer bestimmten, gedankensprachlich heraufbeschworenen Operation (Urteil, Schluß, Begriff) unterzogen, d. h., einer ihnen voran-gestellten und zugleich als von der Empirie gegebenen Fixierung gleich gestellt. Die Sprache ist das Medium, worin sich das sinnlich Gegebene mit den von ihm ausgelösten Empfindungen – unsere Wahrnehmungen – austauscht, vermittelt, zum Ausdruck gebracht werden. Das sinnlich gegebene Objekt wird permanent in den Verstand gesogen und von seiner Mannigfaltigkeit entleert.2Kant unterscheidet zwischen Sinnlichkeit und Verstand als Wurzeln der Erkenntnis: „Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.“ Quelle: Immanuel Kant, in: Kritik der reinen Vernunft, in „Texte zur Medientheorie“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18239, Seite 74 Die Objekte werden erst unter einer bestimmten kategorialen Einteilung einer sprachlich hinreichenden Fixierung zugesprochen: einem Begriff gleich gemacht.
Die Herstellung von Identität von Dingen besteht in der Zerstörung der lebendigen Zeitlichkeit der Dinge.
Der Identität die Veränderung austreiben
Die Veränderung eines jeden Gegenstandes – sei es, weil er wachsen und vergehen oder durch den entropistischen Verfall zu Staub werden kann, steht der sprachlich-statischen erfassten und dem als identisch isolierten Objekt entgegen: oder man schneidet ihm die zeitliche Differenz aus seinem Lebenzyklus. Die so ins Objekthafte gezogenen Dinge, sind nun in ihrer sprachlichen Bekleidung nicht gut „aufgehoben“. Die Struktur der sprachlichen Grammatik ist zeitlos. Sie behandelt die in sie gefallenen Merkmale des Objekts als Ist-Zustand (in der Beschreibung). Insofern kämpft sie gegen das ständig sich bewegende Leben, um es in das Territorium der Beschreibung hinein zu ziehen. Der Satz der Identität beschreibt daher eine fiktionale Funktion, um Identität – als Annahme – herzustellen. In diesem Sinn ist sie Argument stiftend. Das ist die paradoxe Ambivalenz des Identitätssatzes, denn er stellt sie fest, indem er sie herstellt. Was ist das für eine Gewalt, die nötig ist, um zum Beispiel ein Subjekt aus sich herauszuziehen, damit es für die thesenartige Millisekunde sich – als Identität – gegenübersteht?! Die Idee der Identität setzt hier den Vorgang der Spaltung voraus. “Daß das, was er als eines behauptet, wenn er es überhaupt zutreffend behaupten will, zweimal da sein muß; daß er also bereits ausgeht von der Spaltung dessen, wovon er sagt, es sei eines.“3Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 36
Sicherlich: Alles Beschreiben ist selektives Spalten. Die Abbildung – Verkürzung – der Welt auf die Fläche einer Sprachgrammatik: Auf einen Sprachcode. Im autonomen Sinn, ist die Rede von der Identität nicht auf das Womit (mit Was) ausgerichtet, sondern auf die Beschwörung der Sich-selbst-Gleichheit, als ein mehr oder weniger solipsistischer Akt des Sich-findens.
Diese Identität ist gegen die Zeit gedacht und behandelt, gegen das Leben, das wuchernde, und dessen verbreitete Unstimmigkeit mit den Begriffskalkülen. Denn in Begriffen auf Papier ist es möglich, die Zeit still zu lassen und sich im (codierten) Raum zu orientieren. Ein beständiges Verflüssigen und Verfestigen ist im Gang. Die Identität ist ein Limes, der in seiner Unerreichbarkeit die unendlichen sprachlichen Annäherungsversuche für die Aufklärung der Welt produktiv macht.
Aus dem – durch den Begriff der Zeit – darstellbaren Vorgang des Lebens (als biologischer Prozess) wird das zur Identität zugerichtete aber zugleich sie erzeugende ‚a‘ als Begriffsstummel herausgeschnitten. Es taucht auf insofern es als Wiederholung von bestimmten funktionalen Gemeinsamkeiten identifiziert werden kann. Wo Identität gemeint wurde, erwies sich Wiederholung als das „Gleiche“. Das Identische wird zunehmend aus dem identischen Akt der Wiederholung gewonnen; die Wiederholung oder die dieselbe Wiederholung der Wiederholung beschwört Identität. Dem Identisch-Sein geht bereits eine Setzung des Mit-Seins, des Auch-so-wie als analogische Operation voraus. Wenn Identität eine Abstraktionsleistung darstellt, so wird das unter Identität subsumierte Objekt, Begriff, Phänomen abstrakt erscheinen: Sie dient der Fiktion, durch die Rückführung auf leicht zu Wiederholendes eine Reduktion von Komplexität zu erreichen. Obwohl das Identischmachen mit Begriffen, Vorstellungen und Begehrenszuständen das Zeitliche, die Prozeßhaftigkeit der Dinge, Objekte sukzessive aus deren Bewegung ausschließt, bedarf es eines (wiederholbaren) Vorbildes, eines Orientierungspunktes, auf dass das Gleichgemachte verwiesen werden kann.
Das ist die analogische Verwandtschaft des Erinnerns zur Identität. Die am analogisch determinierten Vorbild zugerichtete Identität erscheint desto gelungener, je mehr es mit Vergessen, als Entropie der Zeit, behaftet werden konnte. Identität erscheint als Heimsuchung des Vergessens, weil alles aus der Bewegung kommt. Als Leerheit, Wüste, als permanente Ausschließung und Unverbindlichkeit. Die Zeit wird in diesem Prozess der Identitätsfindung nicht nur abgeschlagen, sie selbst ist als Vergessen tätig. Identität ist Vergessen! Identität ist nicht Wissen – Wissen ist selektiv, im Fluß. Identität als Todpunkt.
Identitätsproduktion
Das Produktive den der Satz von der Identität freilegt, ist sein modus vivendi: Das Streben, die Suche nach Identität zündet Erinnerungen an ein schon Dagewesenes. Der Prozess der Identität ist ein ständiges Ab- und Zuschlagen vom Fels der Zeit und heißt: Vergessen & Erinnern. Flip und flop. Um zwei Punkte als identisch zu erklären, muß ich die Geschichte zwischen ihnen überwinden und mich auf formale Kriterien der Identität beschränken. Zugleich trägt diese Überwindung das Erinnern von ausgeschlossener Geschichte mit sich. In ihrer leichtesten Form verhält sich diese Setzung als Spekulation zum jeweiligen Objekt. In dieser Lesart schafft Identität oder: erzeugt die Erfüllung des Begriffs der Identität die Wiederholung, Redundanz. Sie wirkt wie ein Urteil. Sie stellt nicht fest, sondern hält fest. Als Prozess betrachtet: Erst durch Wiederholung wird Identisches entwickelt. Dann – wenn also trotz Bewegung, sei sie gedanklicher oder räumlicher Art, die Gegebenheiten als unverändert erscheinen bzw. angenommen werden, schrumpft die Empfindung der Zeit gegen Null. Im Wiederholen – als Akt der Begriffsbildung, als Akt des Wiedererinnerns – wird die Zeit gefangen: sie verschwindet, um in der sie bezeugenden Wiederholung wieder aufzutauchen: als Wort. Das Identische schreitet nicht mehr fort, es rotiert in seiner Bewegung. Die geglückte Identifikation als Annahme des Wiedererkannten. So ist die Herausbildung der Erinnerung an wieder zu Erkennendem dem Identisch-Werden wesentlich. Liegt im Identischen nicht die Sehnsucht nach dem Gewesen, dem, wo man herkommt, begründet? Das Bedürfnis, die gegen das eigene Leben ab-laufende Zeit auf ihre jeweils vorige Sekunde zu bringen. Zu leben zwar, ohne Zeit, wird kristallin.
Lebendige Sprache – Sprechen ist eine Äußerung des Lebens – entzieht sich der begriffenen Identität wie sie auf sie zuwächst. Die komplexer werdenden Beschreibungsumfänge erwachsen aus dem Schrotthaufen einstiger Identitätsmobile.
Zeit und Identität
Formen können sich gleich sein, Leben sich nicht. Form – eine Abstraktion mit Zeitentzug. Warum spricht man von zeitlosen Formen? Das inhaltliche Versprechen der Formen ist eine Projektion auf die Zeitlosigkeit: Die Form soll in Jahren noch haltbar sein.
Identität als begriffliche Festlegung der sich-selbst-Gleichheit versperrt im formal logischen Sinn das Zeitliche, die Veränderung. Da das begriffliche Urteil der Identität nur sprachlich zugewiesen werden kann, aber Sprache selbst ein flüchtiges Medium darstellt, entpuppt sich an der als identisch festgestellten Form: Identität kann nur im sprachlichen Raum ausgedrückt werden. Das Paradox, dass das als gegen die Zeit gestellte Identische nur in der Zeit seiner sprachlichen Markierung aufgehoben ist. So sehr die Buchstaben über Jahrhunderte dauern können, müssen sie doch gelesen werden. Identitäts-Begriffe können als sprachliche Orientierungsmasken der Sprechenden aufgefasst werden. (Im Theater werden Masken verwendet, mit denen das Böse, das Gute z. B. dargestellt wird, um die Handlung mit dem Akteur als ein Identisches durch die Maske zu verschmelzen.) Es geht darum, Identität zu erringen. Das A = A gleicht einer Mausefalle: Bis zu ihr – meine Bewegung, ab dem Moment des Eintritts in sie: Bewegungs- und Leblos, „Seinsfest“. Tot einfach. Könnte ein Mensch sich gleich werden, würde er sich verdoppeln. Ein Klon. Wenn er sich selbst gleich sein soll, müßte er sich als Gegenüber konstruieren. Identifizierung bedeutet dann Auslöschung, nicht mehr über das Identische – Sich-Selbst-Gleiche – hinauskommend. Es scheint, als ob aller Begriffsbildung ein fangnetzartiges Identifizieren vorausgeht. Dass man etwas meint, bedeutet das nicht, dass man das Gemeinte unter ein grobmaschiges Netz von Identitäten wirft? Geht nicht aller Identifikation gemeinte Identität voraus? Wir hätten nichts, worüber wir reden oder orientieren könnten.
Das Schlachtfeld: die 2-dimensionale sprachliche Abbildung 3-dimensionaler Welt. Sprachlich manifestierte Identität als Ankerpunkt räumlicher Koordinaten der Fortbewegung. Es gibt einen Unterschied zwischen Zuständen (Null und Eins als digitaler Wert des Zutreffens oder Nicht-Zutreffens) und Zeit. Zwischen grammatikalischer Syntax (Sprache) und dem alles überschießenden Begriffs losen Sowohl-als-auch gibt es den Raum, zu überleben. Unsere Rettung ist, dass die Sprache grob ist oder anders gesagt: Wir können zielen, aber nicht treffen, doch stets wieder zielen.
„Die sprachlichen Gebilde, die einstehn für Realität.“4Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 79
Sprechen als ein Medium, was der Selbstdarstellung der (eigenen) Lebens- bzw. Daseinsweise Substanz vermittelt. Wer spricht, ist nicht tot. Die Sprachakte behandeln, verifizieren, vermitteln neben dem Kommunizierten das Kommunizieren selbst. Die Wendungen des Seins sollen in bestimmten Redewendungen fixiert werden (können). Versiegte das Sprachmaterial als Erfahrungsmaterial, so geht das (Ver)Schweigen auf soziale Isolierung hinaus, oder es zwingt zur Tätlichkeit, zur sprachlosen Bewegung, um wieder in kommunikativen Kontakt zu treten.
- 1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 59
- 2Kant unterscheidet zwischen Sinnlichkeit und Verstand als Wurzeln der Erkenntnis: „Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.“ Quelle: Immanuel Kant, in: Kritik der reinen Vernunft, in „Texte zur Medientheorie“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18239, Seite 74
- 3Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 36
- 4Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 79