207, Arbeiten mit Benjamin

Verurteilt zur Freiheit im Gefängnis der Entfremdung

Die heroische Aufgabe des Menschen verheißt ihm, das an ihm verschuldete Verhalten der Welt wie das durch ihn verschuldete Verhältnis zur Welt zu erkennen: Das für ihn „die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“.1Karl Marx, in: Dietz Verlag Berlin 1968, Das Kapital, 1. Band, MEW Band 23, Seite 86 Der menschliche Fortschritt lautet: Einsicht in die ihm offerierte gesellschaftlich bestimmte Negativität zu üben, sich seiner der rationalisierten Zweckmäßigkeit untergeordneten Austauschbarkeit zu stellen, gegen den von ihm geschaffnen Überfluss sich zu wehren, sich in seinen von ihm erzeugten Produkten wie Verhältnissen zu erkennen und gegen seine von ihm gefütterten Schimären zu kämpfen, die ihm als seine Entäußerungen wie Hieroglyphen2vgl. Karl Marx, in: Dietz Verlag Berlin 1968, Das Kapital, 1. Band, MEW Band 23, Seite 88 gegenüber stehen. In der Ambivalenz von solcher Einsicht in die Ohnmacht erzeugende Macht, in die Macht erzeugender Ohnmacht erhalten die ästhetischen Widerstandsakte als Dokumente barbarischer Kultur ihren Sinn. Benjamins Diktum über die Kultur und ihrem barbarischen Schatten nimmt dies vorweg. „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne ein solches der Barbarei zu sein.“ 3Walter Benjamin, in: Über den Begriff der Geschichte

Das Reservoir der Kunst ist, mit Differenz und Ent-Zweckung gegen die gesellschaftlich vermittelte Macht institutionalisierter Interessen sinnliche Kontexte, Formen zu entwickeln: Die Kunst kann die Zerstörung der Ästhetik zur Ästhetik der Zerstörung umbilden: Ihre Negation ist ihr eingeschrieben.4vgl. Horst Bredekamp, in: Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1975: „… [E]ine Geschichte der Kunst ohne Berücksichtigung der Geschichte ihrer Negation vernachlässigt daher eines ihrer wesentlichen Prägemomente.“, Seite 12 Die Lust an der Störung ist hier ästhetische Markierung der Differenz. Die Formen der Kunst sind Differenzierungsanweisungen: Dinge, Verhalten und Situationen anders als bisher aufzufassen, anders sichtbar zu machen. Die Zerstörung der Ästhetik als Ästhetik der Zerstörung gibt der Kunst in bürgerlichen Gesellschaftszusammenhängen noch Spielraum und kann nicht „aus dem politisch-sozialen Raum, in dem und für den sie entstand, ausgesondert verstanden werden.“5Bredekamp, ebenda, Seite 13