232, Definitionen des Schönen – für Roul Schrott

„Grundsätzlich aber halte ich die möglichen Definitionen des Schönen für etwas, das mit der Ökonomie der Formen zu tun hat und somit wertfrei ist; das Schöne ist für sich nur ein anderes Wort für Prägnanz und Stringenz von Sinnfiguren.“1Raoul Schrott zitiert in Süddeutsche Zeitung vom 24. – 27.12.1998 Was kann im Betrachten von Bildern, Kunstwerken, von Zerstörung darstellenden Fotos für den Betrachtenden wertfrei sein: nichts! Wer bestimmt also was und für wen das  Schöne eine Sinnfigur ist? Heinrichs gräbt tiefer: „Jeder Bezugsrahmen und jede Technik ist angstmindernd und macht Geschehen erträglicher – was legitim ist. Erst die Ausbildung der Technik zum Abwehrmanöver, das sich als wertfreie Beobachtungssituation tarnt, wird zur entscheidenden Quelle von Irrtümern. Kultur- und persönlichkeitsbestimmte >>Isolierungsstrategien<< >>entgiften<< angsterregendes Material.“2Hans-Jürgen Heinrichs, in: „Die Ethno-Disziplinen“, in: „Das Fremde Verstehen“, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 142
Können Formen – hier gefasst als selbstständig gewählte Einheit von Betrachtungs-Subjekt und Betrachtungsgegenstand – ökonomisch einander entsprechen? Wie verhalten sich Formen, wenn sie einer Ökonomie – als Ökonomie der Formen – unterstellt werden? Aber jedes menschlich Ungesehene oder Gesehene, ein jedes, steht im Beziehungsgeflecht des Sehenden mit der Welt – wer sollte sonst darüber sehen und reden? Für bestimmte Optiken scheint mancher Gegenstand nichts zu sein, mehr oder weniger scharf, gar unauffällig – entfernt von unserem menschlich zugemessenen „objektiven“ Wert. Das, was von Wert frei sein soll oder ist, geht noch über die Metaphysik hinaus, noch über den Ordnungssinn der zwanghaft unbedrängt sein wollenden Scharfrichter des Objektiven – diejenigen, die sich die Ackerkrume als Verzierung eines weißen Hemdes nicht denken können, kaum die Rose mit Stacheln, jetzt, wo sie kaum mehr riecht. Das, was als Wert ökonomisch noch unbestimmt ist (noch nicht: monetär, ästhetisch, philosophisch bewertet ist), von Werten befreit ist, vom chirurgischen und doch gleich unbeachteten Schnitt gefeit: Das soll nicht existieren ohne eine Wertbestimmung. Was auf eine Selbstleugnung des Betrachters hinausläuft, denn er ist ja im Wahrnehmungsakt dabei. Denn: wo sich zu irgendwas verhalten wird, entstehen Verhältnisse, ob nun von Lust oder Unlust beeinflusst. „Die Ökonomie der Formen“ wird vom Menschen zugebilligt oder nicht gebilligt, d. h., sie drücken stets ein bestimmbares Verhältnis von Wahrnehmung und Einordnung aus, den Stand seiner Beobachtung, seines Beobachtungsverhältnisses zur Form, zum Gegenstand. Das sogenannte Wert-frei-sein missbraucht einen Gegenstand, um sich seiner und dem verwickelten Beobachten zum Gegenstand zu entledigen, um sich aus der Sache herauszuhalten, indem die Verwicklung (zwischen Gegenstand und Betrachter) im Sehakt abgelehnt, erwürgt zur Sache gemacht wird. In diesem Schritt entmenschlicht sich der Beobachtende selbst; danach schlägt die heillose Welt der Dinge entmenscht zurück, als unerkannte Sachen sind sie entwertend untätig.3“Wo Veränderung durch Einsicht gefordert ist, kann man nicht mehr unterscheiden zwischen der Sache, um die es sich handelt, und der Person, die sich mit dieser Sache beschäftigt; und der Einwand, der dagegen erhoben wird, lautet: aber exakt diese Distanz meint >wissenschaftliche Sachlichkeit<, sie es möglich macht, einen Gegenstand so zu verhandeln, er nicht einmal bruchstückhaft identisch wird mit der Person, die ihn verhandelt.“ Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen, Band 3, Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 50 Das beobachtende Subjekt wird zerrissen und wo es sich zum Verwalter und Behandler von Sachen erklärt, befindet es sich bereits in Auflösung und wird der Sache, dem angezeigten Gegenstand gleich, subjektlos objektiviert. Das ist anmaßend außerirdisch Gottgleich. Die sogenannte sachliche Haltung des beobachtenden Subjekts macht es selbst zur Sache. Die Entmächtigung des Objekts (durch die Leugnung der Selbstbeteiligung im Wahrnehmen am wahrgenommenen Objekt) führt schnurstracks in die Machtlosigkeit des (am Beobachtungsvorgang beteiligten) Subjekts. In solcher Subjektlosigkeit wird das Nicht-Teilnehmen-können zum Nichts-Damit-Zutun-Haben-Wollen funktionabel. Zwang mutiert zur Verantwortungslosigkeit. Das war nicht Ich, der das machte, be-obachtet hatte, denn Ich – als fühlendes Subjekt – durfte, sollte nicht mit sich selbst verwickelt werden, konnte nicht dabei sein. Die erzwungene Abspaltung des menschlichen Anteils im technokratischen Prozess der Ermittlung von „Objekten“ führt zur Entmenschung des Beobachtungsvorgangs. So sehr vom eigenen Körper zugunsten der Objektivität entwirklicht, wird man zum bloßen Instrument kalter Objektivität und deren Beobachtungskalküle. Man war nicht der, der daran beteiligt war. Einer institutionellen Objektivität zu dienen, ist für das Subjekt ein Versteck unter die das Subjekt entlastenden Enthaltungsvorschriften.
Das menschliche, das fühlende Subjekt trennt sich seinem sinnlichen Wahrnehmungskörper, es entleert ihn, damit es sich seiner Verantwortung nicht stellen muss. Nicht durch sich selbst zu Schicksal werdend, wird das Individuum in Schicksalsverfallenheit – in die Macht und Kälte des Objektiven – aufgelöst: Namenlos ist es tauglich für objektivierende Vorgänge.
Das Zitat von Schrott ist schwach, denn kann etwas so prägnant, signifikant sein, das es unauffällig gegen den Kopf knallt. Wer also stellt Prägnanz fest? Wer benutzt Stringenz und für was, für wen soll gelten, dass etwas prägnant ist? Form („als die Ökonomie bestimmter Formen“) ist immer schon ein durch deren Betrachtung und Erzeugung bestimmter Unterschied.
Die Gleichsetzung von Ökonomie der Formen und sogenannter Wertfreiheit, zu was führt sie?
Letztlich braucht man auch noch die Leute, die Wertfreiheit bestimmen können (= Raoul Schrott).