222, Hingabe als Selbstbestätigung: der soziale Spiegel

Die persönliche Hingabe für einen anderen Menschen als Projekt, als Projektion des eigenen Anspruchs an sich selbst: Aus dem Agieren gegenüber dem Anderen erwächst der Anspruch, von ihm ebenso behandelt zu werden: als Bestätigung des eigenen Verhaltens gegenüber dem Anderen durch den Anderen. Das „Gleiche-Tun“ im Kontext eines gemeinsamen, das heißt: nachahmenden Handelns – in der Interaktion mit anderen – stärkt das eigene Handeln durch die (bestätigende) Spiegelung der anderen Interaktionspartner. Die selbst erfahrene Be-Handlung durch andere Interaktionspartner kann zum Muster eigenen Verhaltens werden: soziale Internalisierung.1Robert L. Solso, in: Kognitive Psychologie, Übersetzung Dr. Matthias Reiss, Springer Medizin Verlag Heidelberg 2005, Seite 357: „Internalisierung ist der Prozess, bei dem äußere Handlungen (grob gesagt Verhalten) in innere psychische Funktionen (grob gesagt Prozesse) transformiert werden. […] [Kinder neigen dazu], die gleiche Form des Verhaltens, die andere ihnen gegenüber zum Ausdruck brachten, gegenüber sich selbst einzusetzen.“ Das Nachahmen von Verhalten, von Interaktionen ist daher früh ein sozialer Spiegel im Prozess von Sozialisation, um erwartbare kommunikative Strukturen (Verhalten) zu konstruieren. Das Verhalten der anderen löst leicht eine Selbstbezüglichkeit zum eigenen Verhalten aus, das wiederum rekursive Schleifen interpersonaler Kommunikation antreibt. Man agiert vor sich selbst – und den anderen – , wie man mit anderen zu agieren erwartet. Das eigene Verhalten wird durch den Anderen gespiegelt als (Selbstbe-) Spiegelung des eigenen Verhaltens (gegenüber ihm). Die Selbstdisziplin – das selbstgerechte aufmerksame Verhalten im sozialen Umfeld – wird zur Verhaltenserwartung gegen andere. Die andere Seite des Selbstspiegels: Wer sich nicht schont, wird weniger noch andere schonen – das eigene Verhalten zur Umwelt wird zur Erwartung, dass die Umwelt ebendieses Verhalten (zurück) spiegelt.

Die andere Seite:
Dem von einem Anderen gehegten Anspruch gegen die eigene Person nachzugeben (z. B. der Sorge des Anderen zu entsprechen) oder zu erwidern, sich hin zu neigen zum „Gegen-Ich“, zum Außer-Ich-seienden, das gegen oder für mich wirkt, das mich als „den Anderen“ sucht (wie ich ihn), spiegelt die Praxis einer Neigung wieder, die das gebende, hinneigende oder sonst wie Bereitschaft zeigende Ich schon in seinem Anspruch an sich selbst aufgestellt hat und von jetzt an weiter entwickelt. Dasjenige Ich benutzt die Optik des Dienstes, Dienens, um den vergifteten Kelch einzuschleusen: Im Dienst am Anderen, im Spiegel der Vergewisserung, wird das Ich sich seiner projektiven Spiegelung gleich – seiner Projektion des Ich im Anderen: Der Andere soll dem Anspruch des eigenen Ichs folgen – koste es, was es wolle.2Vgl. Emile Durkheim, in: Der Selbstmord, stw 431, Seite 388: „Und verdientermaßen muß bestraft werden, wer ohne Grund Hand an sich gelegt hat, denn wer sich nicht schont, wird noch weniger andere schonen.“ Der Andere soll mir schuldig sein, was ich von ihm brauche.3Vgl. Roland Barthes, in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1988 Taschenbuch, Seite 121 Das selbstkonstruierte Bild des Ich ist dasjenige, dem es aufrichtig dient – und: das dem Anderen als Projektion seiner selbst zu Diensten ist. Der Andere, den das Ich stets als sein Spiegelbild – Konterfei, seine Maske – konstruiert, ist der, der dem Ich zum Ich verhilft. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Anderen kommt einer Klage für sich gleich – so möchte man sich selbst geholfen wissen.