251, Kunst und Sublimierung

Das erotisch aufgeladene Feld zwischen Kunstwerk und Künstlerschafft und der in ihm sich ausagierende therapeutische Sublimierungs-Acker: Im individuell geformten Haushalt werden die formalen Erfindungen, die ästhetischen Entdeckungen gemacht: Der Körper als vollzogener oder utopischer Fluchtort des Ausdrucks. Die Kreation von Formen ist kein ex-klusiver Akt für Beobachter (Zuschauer), sondern zeigt diejenigen Formen an, mit denen man als Künstler, Künstlerin beobachtend möglichst leben will, mindestens kann. Der Prozess des Formalisierens selbst, etwas in Form zu bringen, um etwas zum Ausdruck, zur Entscheidung zu führen, haftet jeglicher kreativen Produktion an. Die Modellierung der (ästhetischen) Differenz als Variabilität der Differenz im künstlerisch-lebendigen Umgang: Um mit ihr umgehen – sie aushalten – zu können. Die Differenz zwischen den nur formalen, d. h. ästhetischen Konsequenzen einer Entscheidung und einer Entscheidungsmöglichkeit zugunsten lebenspraktischer Umstände besteht darin, dass im künstlerischen Ver-formen Formen geboren werden und nur innerhalb der Ver-formung verwaltet, kommuniziert werden können und deshalb übersichtlich, habhaft im sich darin begrenzenden Bildraum sind. Entgegen der künstlerischen Formbarkeit in der Konstruktion von Kunstwerken werden im psychisch geprägten Handeln die Formen als Fixierungspunkte (z.B. als Verhaltenstics) gebraucht – die Fixierung der Differenz als Nichtveränderung bleibt manifest. Das heißt, die künstlerische Form-Findung gewährt ein Entscheiden-Können ohne lebenspraktische Konsequenzen, weil sie zuerst auf das Wahrnehmen in der Rahmung des Kunstwerks insistiert. Insofern stellt die Angst vorm Formalisiert-werden – der Aufenthalt in Zwangsstrukturen – die Einsicht in die eigene Stärke dar. Denn Kreativität – als Erfindung, Neudeklarierung von Formen – ist ein Akt der Rebellion gegen die gewohnte Kommunikation der Mitteilungs-Form. Tief unten in den Körpern die Sprengung der (alten) Entscheidungs-Form als symbolische-stilistische Starre. Ästhetische Deduktion: In provokanter Stärke bewusster egoistischer Defekte werden akonzeptuelle, verrückte, aber ästhetische Lösungen quer zu den gewöhnlichen Realismen angestrebt und ermöglicht. Der Vorteil des Autisten: Die Unstruktur der Details, die Auflösung der hierarchischen Begriffsbedeutung, die unendliche Simultanität im Blick als Chance: Die Überbrückung der sozial strukturierten, determinierten Felder, Kontexte, begriffen als Ideenreservoir neuer formaler Strukturen.

Mit individueller Empathie in der Weltbegegnung werden Formen gezeugt, die die Möglichkeit schaffen, das Empathische als formalen Zusammenhang im Kunstwerk allgemein zugänglich zu machen. Die (ästhetische) Rebellion als kreativer Ausdruck ist ein individueller Akt des sozialen Engagements. Braucht die Rebellion die Kreativität oder entsteht künstlerisches Handeln aus der Rebellion gegen Realität?1„Wir brauchen echte Aktion, jedoch ohne praktische Konsequenzen. Nicht auf der gesellschaftlichen Ebene entfaltet sich die Aktion des Theaters. Weniger noch auf der moralischen oder der psychologischen Ebene… Diese Hartnäckigkeit, mit der man Charaktere über Gefühle, Leiden-schaften, Wünsche und Triebe streng psychologischer Natur reden läßt, ist der Grund [dafür, dass] das Theater seine echte raison d’etre verloren hat.“ Susan Sontag zitiert Artaud in „Marat, Sade, Artaud“ in ihrem Buch: Kunst und Antikunst, Fischer, 2009, Seite 206