295, Phantasie und Antizipation – Simulationen erwarteter Zukunft
Phantasie gründet sich auf reale Vorstellungen des Vorstellenden über mögliche, aber noch nicht in sich selbst ergriffene Situationen: Die Als-Ob-Möglichkeit wird durchgespielt. Phantasie ist nicht ein idealistischer, sondern ein simulativer Umgang mit erwarteter bzw. erwartbarer Realität. Phantastisches Vorstellungsvermögen siedelt im Strang der Antizipation. Phantasie als ästhetischer und Antizipation als kausaler Wirklichkeitsbezug. Wenn das phantasievolle Kind sich in ein noch unbekanntes Szenario hineindenkt, so ist der Antizipierende bestrebt, ein angenommenes (oder gefürchtetes) bekanntes Phänomen – oft bereits Erfahrenes – vor seinem tatsächlichen Eintreffen zu bedenken oder ihm auszuweichen. Das Phantastie getragene Spiel bewegt sich angstfrei dorthin, wo der Antizipierende mit Vor-Wissen schon herkommen will. Das phantasievolle Vorstellungsvermögen bündelt die Gegenwart zu einer Art Trockenschwimmen im Kommenden: Es simuliert zukünftige Ereignisse in der Gegenwart. Das künstlerisch anmutende Phantastische dieser Weltgestaltung leitet sich hingegen aus dem Spielerischen ab. Der antizipatorische Weltbezug erwächst aus den gemachten Erfahrungen, aus den vergleichbaren Indikationen. Danach bündelt der Antizipierende das voraussichtlich (befürchtete, drohende) Kommende zur Entscheidungsinstanz in der Gegenwart. In beiden Realitätsannäherungen schneidet sich die entfernende Bewegung des Subjekts vom Hier und Jetzt zum Handlungskalkül, um das Da-Seiende zu überwinden oder zu überspringen, zu übersteigen: als transzendentales Vorstellen. Beide Handlungsweisen ermöglichen dem darin verkehrenden Individuum, einen anderen Bezugs-Rahmen einzunehmen, um Gestaltungswege zu ermöglichen. Einmal, um das Unbekannte mit (phantastischen) Kalkülen zu erforschen, ihm begegnen zu können und zum anderen, dem faktisch, weil zukünftigen Unbekannten (das Zukünftige tritt auf alle Fälle ein) zu begegnen mit davor gestellten Erfahrungen: Erfahrungen als Wehrgraben gegen die erwartete Kausalität der Realität gefasst (, die es natürlich nicht gibt). Die Zukunft abzudichten, erwartbar zu machen oder anders gesagt: auf das Erwartete hin festzulegen. Metaphorisch ausgedrückt, werden die Steine der Vergangenheit in die Wege der Zukunft gelegt. Sisyphos als Zukunftsverhinderer.
Kinder sind aufgrund ihrer kurzen Lebenszeit von ihrem Vergangenen noch nicht so beeindruckt, beeinflusst, was erklärt, dass sie eher phantasierend operieren als das sie antizipieren.
Das Verhältnis zwischen Antizipations- und Phantasievermögen (in der hier beschriebenen Denkungsart) gibt Auskunft über den psychischen Zustand des Individuums. Ein bestimmter Überhang seiner Ereignisverwaltung – zum Kommenden hin, aus dem Vergangen weg – gibt darüber Aufschluss, dass die gewonnene Kontinuität des Zeitbetts der Erfahrung aus der Trennung des Beobachters vom Objekt der Beobachtung schon deformiert worden ist.1vgl. Eva Ruhnau, „Zeit-Gestalt und Beobachter, Betrachtungen zum Tertium Datur des Bewußtseins“ in: Bewußtsein, Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. [Hrsg.] Thomas Metzinger. Ferdinand Schöningh Verlag. 1996. Seite 217
Wir quetschen uns aus dem Spalt von Vergangenheit und Zukunft durch das permanente Übersetzen der gemachten Erfahrungen in die Möglichkeit des Hier und Jetzt.
Derjenige der weis, wohin er greifen muss, um sich zu begreifen, kann sich halten.
- 1vgl. Eva Ruhnau, „Zeit-Gestalt und Beobachter, Betrachtungen zum Tertium Datur des Bewußtseins“ in: Bewußtsein, Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie. [Hrsg.] Thomas Metzinger. Ferdinand Schöningh Verlag. 1996. Seite 217