298, Neuronale Ereignisse – der Weg ist das Ziel.
Für Heinz von Foerster
Um ein Ereignis neuronal zu verankern, bedarf es im Gehirn bestimmter wie sicherer Verknüpfungen, die desto sicherer – abrufbarer – sind, wenn sie auf bereits verknüpften Ereignis- bzw. Prozessschleifen beruhen. Die Art und Weise,1Die Art und Weise der Initiierung von neuronalen Ereignissen ist von Wiederholung, Interpunktion, Frequenzierung, Framing und Anzahl der Aktions-Piks geprägt. wie neuronale Prozess-Verknüpfungen gelegt werden – oder sich anlegen – wirkt sich auf die funktionalen Prozesse im Gehirn aus. Die im neuronalen Nervensystem verarbeiteten Phänomene2Anmerkung zum technischen Vokabular im Beschreiben des Gehirns: „Es ist durchaus möglich, eine Operation, die das Gehirn durchführt, mit Hilfe eines maschinellen Mechanismus zu charakterisieren. Das ist in Ordnung. Natürlich kann ich metaphorisch sagen, daß das Gehirn, wenn mir kalt ist, den Wärmeknopf aufdreht. Und daß der Thermostat entsprechend einer bestimmten Außentemperatur erfühlt – und ebenso eine Art Wärmeknopf betätigt. Selbstverständlich ist es legitim, ein Phänomen oder eine Gruppe von Phänomenen mit Hilfe einer Metapher zu beschreiben, wobei man natürlich immer im Bewußtsein behalten sollte, daß jede Beschreibung formaler, mathematischer, quantitativer oder auch poetischer Natur immer nur einen Vergleich darstellt. Wenn man aber die metaphorische Beziehung umkehrt und sagt: So wie diese Maschine, so funktioniert auch das Gehirn, dann wird es gefährlich; man glaubt, das Gehirn zu verstehen, weil man den maschinellen Mechanismus begriffen hat, von dem man ausgeht. Man meint, das Gedächtnis zu begreifen, wenn man es als einen Speichermechanismus metaphorisiert – und beginnt vielleicht nach dem Ort zu suchen, an dem eine bestimmte Information „gespeichert“ sein soll. Die Folge ist: Blindheit gegenüber dem Wunder des Gehirns. Mir ist diese Gefahr schon ziemlich früh bewusst geworden, und ich habe daher immer wieder derartige Metaphern und Analogien kritisiert. Aber man hat mir nicht zugehört; ich sprach ins Leere.“ Heinz von Foerster im Gespräch mit Bernhard Pörksen auf der Heise-Internetseite (Vorabdruck des im April 2002 erschienenen Buches von Heinz von Foerster und Bernhard Pörksen: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker.“ Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg bedingen dessen funktionalen Strukturierungen, führen zu intrinsisch-neuronalen Ereignissen. Sie bestimmen im Gehirn sein als geistig benanntes Verhalten zu seinem als Umwelt bezeichneten efferenten Aktionsraum. Die Struktur der Verknüpfungen im neuronalen Netzwerk bedingen wiederum ein bestimmtes Verhalten und veränderbares Verhalten.
Das neuronale Netzwerk im Gehirn ist ohne auf es kommende Ereignisse nicht zu denken – es benötigt für seine Unterhaltung permanent (intrinsischen) synaptischen Austausch – es beschäftigt sich mit sich selbst. Das, was wir Geist bzw. neuronales Netzwerk nennen, ereignet sich in jedem Augenblick. Es ist permanent sich gegenwärtig, für sich aktiv – auch wenn uns das nicht bewusst ist. Seine präphänomenalen Fertigkeiten sind Referenzen seiner in ihm ereigneten Geschichte: evolutionär und individuell. Es ist historisch – hinsichtlich seiner Funktionalität wie durch seine Funktionalität erzeugenden Struktur. Das, was wir >Vergangenheit< nennen oder als Vergangenes zu fassen versuchen, ist dem Gehirn – seiner erarbeiteten Gewusstheit– nicht vergangen. Das Gehirn hat sich insofern nichts gemerkt, sondern hat ein bereits neuronal etabliertes Ereignis re-produziert. Als würde es sich nicht das Ereignis repräsentieren, sondern den Weg zu ihm. Als Metapher: Um einen bestimmten Kuchen zu backen (ein bestimmtes Ereignis zu erhalten), benötige ich lediglich die Routine eines dafür eingeübten Rezeptes.
Die Transportwege markieren den zu transportierenden Inhalt (Ereignis, Repräsentation). Wie das Paket sein Ziel erreicht, wie die Spuren – Verknüpfungen – seines Transports durch seine Adressierung eingeschlossen werden, führen zur Existenz seiner im und durch den Transport erhaltenen Charakterisierung. (Die Bremsspuren weisen auf die Reifen hin.) Das Wie des Transports etikettiert nicht nur ein Ereignis mit der jeweiligen Gewichtung und mit der jeweils verknüpften neuronalen Route: das Wie des Transports formt das Ereignis zum Ereignis durch die Transportwege oder anders: Die neuronale Verknüpfung des Ereignisses ist das Ereignis. Das ausgelöste neuronale Ereignis kann sich nur als nervales Ereignis verknüpfen, wenn es oft genug neuronal aneckte. >Wissen< als eine funktionelle wie strukturelle Kontinuität des neuronalen Netzwerks, eine Fähigkeit, neuronale Referenzen auf wiederholte Vorgänge (funktionell/strukturell) zu bilden und dadurch so etwas wie eine Ereignis-Historie in das nervige Gewebe einzubauen. Es ist permanent in der Lage, zu vergegenwärtigen. Alles, was erinnerbar, rekonstruierbar ist, ist nicht vorbei.3vgl. Klaus Heinrich. Psychoanalyse. Hans A. Kücken (Hrsg). Dahlemer Vorlesungen, Band 7. Stromfeld/ Roter Stern. Frankfurt am Main, Berlin 2002. Seite 59
- 1Die Art und Weise der Initiierung von neuronalen Ereignissen ist von Wiederholung, Interpunktion, Frequenzierung, Framing und Anzahl der Aktions-Piks geprägt. ↩︎
- 2Anmerkung zum technischen Vokabular im Beschreiben des Gehirns: „Es ist durchaus möglich, eine Operation, die das Gehirn durchführt, mit Hilfe eines maschinellen Mechanismus zu charakterisieren. Das ist in Ordnung. Natürlich kann ich metaphorisch sagen, daß das Gehirn, wenn mir kalt ist, den Wärmeknopf aufdreht. Und daß der Thermostat entsprechend einer bestimmten Außentemperatur erfühlt – und ebenso eine Art Wärmeknopf betätigt. Selbstverständlich ist es legitim, ein Phänomen oder eine Gruppe von Phänomenen mit Hilfe einer Metapher zu beschreiben, wobei man natürlich immer im Bewußtsein behalten sollte, daß jede Beschreibung formaler, mathematischer, quantitativer oder auch poetischer Natur immer nur einen Vergleich darstellt. Wenn man aber die metaphorische Beziehung umkehrt und sagt: So wie diese Maschine, so funktioniert auch das Gehirn, dann wird es gefährlich; man glaubt, das Gehirn zu verstehen, weil man den maschinellen Mechanismus begriffen hat, von dem man ausgeht. Man meint, das Gedächtnis zu begreifen, wenn man es als einen Speichermechanismus metaphorisiert – und beginnt vielleicht nach dem Ort zu suchen, an dem eine bestimmte Information „gespeichert“ sein soll. Die Folge ist: Blindheit gegenüber dem Wunder des Gehirns. Mir ist diese Gefahr schon ziemlich früh bewusst geworden, und ich habe daher immer wieder derartige Metaphern und Analogien kritisiert. Aber man hat mir nicht zugehört; ich sprach ins Leere.“ Heinz von Foerster im Gespräch mit Bernhard Pörksen auf der Heise-Internetseite (Vorabdruck des im April 2002 erschienenen Buches von Heinz von Foerster und Bernhard Pörksen: „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker.“ Carl-Auer-Systeme Verlag, Heidelberg ↩︎
- 3vgl. Klaus Heinrich. Psychoanalyse. Hans A. Kücken (Hrsg). Dahlemer Vorlesungen, Band 7. Stromfeld/ Roter Stern. Frankfurt am Main, Berlin 2002. Seite 59 ↩︎