300, Psychische Deformierung, interne Repräsentation und Erfahrungsresilienz
Deformierung
Interessant für die Beurteilung psychischer Deformierungen des Menschen ist die physiologische und sprachliche Darstellung der Wahrnehmung seiner sich ihm ereignenden Welt. Von Außenwelt zu sprechen, wenn jene Wahrnehmungen schon die Nerven bewegt und angreift, bleibt hier ein problematischer Begriff. Das plastisch-neuronale Innen des Hirns wird durch den umweltlichen Stimulus stetig modifiziert – es passt sich ihm als seinen transformierten Stimulus an.1vgl. Olaf Breidbach. Interne Repräsentationen. Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1996. Seite 19 Als Prozedere, sich >der Umwelt< auf dem nächst weiteren neuronal verknüpften Niveau (noch) zu versichern. Sofern interne Repräsentationen der Umwelt stattgefunden haben, bilden nachkommende Wahrnehmungen nur ein weiteres Licht auf die erarbeiteten internen Repräsentationen.2Zum Begriff >>Interne Repräsentation<< siehe gleichnamiges Buch: Interne Repräsentationen. Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1996 Die nachkommenden Wahrnehmungen werden durch vorhandene Erfahrungen determiniert. Das Gehirn schafft sich seine Umwelt von innen: das von Außen ankommende wird mit dem vorliegenden Stand des Bewusstseins (als Gesamtheit verfügbarer Verknüpfungen) abgeglichen, auf das von ihm Vorgewusste – zu verstehen als Entität vorhandener Verknüpfungen – geprüft.
Erfahrungsresilienz oder Dummheit
Zu vorhandenen verorteten neuronalen Verknüpfungen, die uns zum Beispiel Worte sprechen lassen, können zu den eingeübten Verknüpfungen über Training zusätzlich neue geknüpft werden. Es entsteht ein geprägter, also eingeübter Bewusstseinsstatus, der vor der Schwierigkeit steht, neue Erfahrung zu erkennen bzw. zu integrieren. Das als fremd erkannte, bleibt ohne „neuronale Mühe“ fremd. Die Wirklichkeit wird vom fest geprägten Bewusstseinszustand determiniert. Kaum den von außen kommenden neuen Wirklichkeiten gewachsen, richtet sich der betroffene Mensch sich in seinem Bewusstseinszustand ein: Wenn das Gehirn neue Erfahrungsangebote nicht abgleichen, d. h., seiner eingeübten funktionellen Struktur nicht anpassen kann, wenn es gestresst ist oder lapidar keine neuen Verknüpfungen „sich zumuten“ kann, bleibt es im Status quo hängen. Es kann – wie es Betroffene oft ausdrücken – etwas nicht verarbeiten.
Das Sich-Versichern interner Abbildungen von Erregungszuständen, Erfahrungen und von Erlebnissen – das ereignete Erlebnis so und so zu empfinden – von innen heraus zu beschreiben, darüber Rechenschafft abzulegen, gelingt, indem sie wiederholt werden, weil deren Wiederholung für den erreichten und zu bewahrenden Erfahrungszustand (Homöostase) erstrebenswert erscheint. Dies skizziert den „Mechanismus“ der neuronalen Regression. Das, was das neuronale Netzwerk in seinen Verknüpfungen stabilisiert, schützt es vor neuronalen Veränderungen, vulgo: vor neuen Erfahrungen, vor dem Erlernen neuer Zusammenhänge. Es ist mit sich im Gleichgewicht.
Stabilisierung als Abwehr
Die Stabilisierung des eigenen Hirnuniversums kann auch über die Aufrechterhaltung der Abwehr von neuartigen Ereignissen, Erfahrungen erfolgen, indem über die Referenz eines Fremden, Unbekannten jene Differenz zur eigenen Repräsentation (der Umwelt, zum Thema usw.) gefestigt wird. Als eine Art der Beruhigung der über sich selbst gefassten Gedanken, Bewusstheiten. Dasjenige, was ich der Welt, den Dingen in meiner Begrifflichkeit ihr zuschreibe, zu ihr in meine gehirnigen Wege nehme (sprachlich ableite), bestätigt eben meine Differenz zu ihr. Was das Ego nicht versteht, soll nicht akzeptiert werden, es soll als Differenz von ihm abgewiesen werden. Das Ego leitet seine Beschämung des eigenen Nichtverstehens an das Objekt (Kontext) des Nichtverstehens ab. So kann das Objekt das eigene Vorurteil bestätigen. Nicht das Ego ist doof, sondern sein Objekt. Das ist die gelungene Übereinkunft mit sich selbst, nicht aber mit dem Objekt, mit der Umwelt.
Für ein Vorurteil gegen die Umwelt, ein Objekt oder einen Gedanken ist Bedingung, dass eine entsprechende Repräsentation von Welt vorgefasst war. Nur solipsistisch kann das Ego seine Welt von „innen her“ schaffen – ohne Rücksicht auf Einflüsse. Das Gehirn moduliert die permanente Frage, wie es sich am geeignetsten entgegenkommen kann, also seine Erfahrungen – seine bisherige Arbeit – bestätigen kann. Der Zustand der eigenen Gedanken (als Erregungszustand des Gehirns) bildet sich ab an der gelungenen sprachlichen Repräsentation der jeweiligen Erfahrung. Das vom Ego erkannte Fremde, referiert seinen Repräsentationszustand – als Verhältnis und Resultat von Welt und Ego (Außen und Innen).
Rückzug
Ohne die Dialektik dieser Arbeitsstruktur des Geisteslebens kommt der Geist (sprich Gehirn) nicht zu sich, kommt er nicht über sich hinaus. Dasjenige, was nach dem (sich) eingestellten unsicheren physiologischen Gedankenplateau kommen kann, wird wohlmöglich aufgeschoben – bis das erforderliche Gleichgewicht als Beruhigung der Gedanken hergestellt, der Stillstand manifest ist. Dieser Zustand stellt ein Risiko für die jeweilige Person dar: Sie bleibt auf ihrem Erfahrungsstand stehen. In diesem Sinne wird aber das Aufgeschobene, also das Risiko von nichtgedeckter Wahrnehmung als das nicht einordbare Unbekannte, nicht Abgleichbare, nicht Zurückführbare verweigert, um das noch Unbeglichene mit sich nerval zu vereinigen. Das An-sich ist noch nicht ein Für-sich-Sein, weil es Ohne-mich ist.3„Das >>An-sich<< ist doch nichts weiter als ein >>Ohne-mich<<, d. h. hier: ohne mein Bewußtsein und ohne (ich meine außerhalb des Bewußten) die Urbilder, die Urzusammenhänge, denen das Ich entfremdete.“ Max Bense. Ausgewählte Schriften. Band 1. Metzler Stuttgart und Weimar: 1997. Seite 43 In diesem Sog der Verlangsamung des Ich, der Verarmung der intellektuellen Persönlichkeit – immer mehr wird aufgeschoben – durch die jetzt diffus werdenden ungelösten Ereignisse (sie konnten kein Erregungszustand auslösen, auf keine >innere Repräsentation< zurückgreifen) beansprucht jenes Ich die Loslösung von Welt. Es zieht sich zurück.
Interne Repräsentation
Die Suche nach Referenzen der Formen, der Dinge, Begriffe usw., auf die die innere Repräsentation abgeglichen werden kann, auf welche die schon innerlich gesponnene, vorgefasste Welt passt und sich übertragen lässt, schließlich in das eigene Weltbild (Begriffsbild, Gegenstandsbild) eingeschrieben werden kann, produziert die Differenzen (Konflikte) zwischen Person und Umwelt, zwischen vorgefasster Meinung und sich wandelnder Welt. Die aufs Ich einprasselnde Welt wandelt sich nicht. Welt existiert nur noch in der Umwandlung in Eigenwelt des Wahrnehmenden. Das würde bedeuten, dass das Bedürfnis nach Abgleich/ Ausgleich innerer Repräsentationen mit von außen dazu kommenden Ereignissen die inneren Erlebnisse permanent als Erfahrungskontext am Außen überprüft, aushandelt. Es ist evolutionär und gesellschaftlich existenziell, dass die eigenen Konklusionen – als die individuellen Abbildungen der erfahrenen Erregungs- vulgo Erfahrungszustände – im Verkehr mit Natur und Gesellschaft passen und stabile Wirklichkeit und kontextuelle Ich-Bezüglichkeit erzeugend sind. Der frühkindliche Realitätsverlust ist Voraussetzung für die Entwicklung zum Bedürfnis nach Realität.
Gehirnwelt und Umwelt
Das oben eingeführte Bedürfnis nach Repräsentationssicherheit löst Beschreibungsmodelle als Erklärungsprinzipien erst aus, um gegen gänzlich Unbekanntes a priori gewappnet zu sein. Die Bedingungen für diesen Austausch zwischen Gehirnwelt und Umwelt werden erzeugt. Es geht darum, all zu große Unmittelbarkeiten zu verhindern, um dem wahrscheinlichen Bewegungsfeld des Reaktionsraumes zwischen >Gehirnwelt< und >Umwelt< verarbeitbare Referenzen zu zusprechen. Der Hegelsche Weg zum Absoluten Wissen ist ein von stetiger Unsicherheit getränkter Sumpf. Der Konflikt: entweder auf Gefundenes mit vorgefundenen Begriffsmodellen zu reagieren oder auf Begriffe mit der Suche nach Funden. Im Herz der individuellen Wissenschaft klopft beständig das Bedürfnis nach Vergewisserung. Wie kann die über uns kommende Welt im Nachvollzug der an sie gestellten Thesen synthetisiert werden, um sich vor den Angst auslösenden fremden Phänomenen zu befreien?
Wütend werden mit Verschwörung
Durch den Übereinstimmungsdruck in der existentiellen Konstruktion von Welt(bildern) – die Welt sich gleich zu machen, d. h. das Neue, scheinbar Unbekannte auf die schon erarbeitete Struktur (Erklärungsmodell, Theorie, Schema, Ordnung) abzuwälzen – lauert die Gefahr, ihr verloren zu gehen. Verweigert sich das Individuum diesem Austausch, diesem In-Frage-stellen, so gefriert seine Zeit- und Welterfahrung auf diesen Haltepunkt ein. Die Verunsicherung durch unverarbeitete Veränderungen wird konstitutiv. Es scheitert die Bewältigung der beabsichtigten Umwelt als deren Kontrolle, die Realität kann nur in sanktionierter Form bewältigt werden. Das je eigene Weltbild, die bis dato erreichten inneren Repräsentationen werden geschädigt und in Widerspruch mit der erzwungenen Realität gebracht. Die Identität mit gelebter Erfahrung, mit erlernten Routinen geht verloren. Das herrschende Wissen schlägt in Leidensdruck des Einzelnen um. In der Aufrechterhaltung, Verteidigung der selbst gewonnenen Weltbilder (Repräsentationen) wächst der Widerstand gegen die nicht eingeholten und abgeglichenen Realitäten zum positiven Solipsismus, dem kein Regulativ (keine Referenz) mehr dienen kann – je abweichender, widersprüchlicher das eigene Weltbild sich der Realität verschließen kann, desto bestätigender und trotziger lebt es sich aus. Die nicht ausgehaltene Differenz wird als ideologische Instrumentalisierung symptomatisch. Der Widerstand löst sich von konkreten Ereignissen ab und arbeitet zwanghaft weiter: unversöhnlich. Aber genau dieses Unversöhnliche wütet als Kategorie der Erkenntnis weiter – weshalb diese jenseitigen Welthaltungen verblüffend nah an Verschwörungstheorien und aus der Welt gerissenen Phänomenen sind. Ein beinah extatischer Interpretationswille zu konkreten, einzelnen Ereignissen setzt ein. Konkreta werden ideologisch untersetzte Symbole für wilde Spekulationen.
- 1vgl. Olaf Breidbach. Interne Repräsentationen. Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1996. Seite 19 ↩︎
- 2Zum Begriff >>Interne Repräsentation<< siehe gleichnamiges Buch: Interne Repräsentationen. Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1996 ↩︎
- 3„Das >>An-sich<< ist doch nichts weiter als ein >>Ohne-mich<<, d. h. hier: ohne mein Bewußtsein und ohne (ich meine außerhalb des Bewußten) die Urbilder, die Urzusammenhänge, denen das Ich entfremdete.“ Max Bense. Ausgewählte Schriften. Band 1. Metzler Stuttgart und Weimar: 1997. Seite 43 ↩︎