263, Verrat als unerfülltes Begehren: Misstrauen III

Der Anspruch auf Verrat gegen eine – begehrte – Person folgt der nichteingelösten Verbindung, dem erhofften, aber nicht eingelösten Bund,1zum Begriff des Bundes (der geschichtlichen Bündnisse) vgl. Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002  kanalisiert das Begehren negativ auf die Person, indem sie aus „Selbstschutz“ weggeschoben wird (und macht sie dadurch als Projektionsfläche kenntlich). Dem Verrat geht der empfundene Verrat voraus, nicht von der umworbenen Person in Freundschaftsbünde gewählt worden zu sein. Wenn Verrat der eingelöste Mangel an Zuneigung bedeutet, weil Zuneigung dem Verratenden nicht entgegengebracht wurde, das unermeßliche Bedürfnis nach personalisierter Aufmerksamkeit nicht eingelöst werden konnte, droht Verrat ständig in Kraft zu treten. Deshalb ist Verrat-Üben auch Selbstverrat, weil das Streiten um den noch einzulösenden Bund aufgegeben wurde und das Warten, Kämpfen, Werben um Zuneigung nicht fortgeführt worden ist. Unter dem Deckmantel der Sachlichkeit, irgendwelcher formal konstruierter Gründe – die Begabung zum Mißtrauen konstruiert formale Zusammenhänge leicht – sucht der Verräter seinen Selbst-Betrug mit konstruierten Annahmen in Rechtfertigungen zu bannen. Er vermochte nicht mit menschlichen Mitteln den anderen für sich einzunehmen. Gänzlich ohne Kunst der Einfühlung und ohne feste Anstellung im persönlichen Revier des anderen tabbt der potenzielle Verräter im unsicheren Feld eigennütziger Annahmen von nicht eingelösten Bedürfnissen.

Konkurrenz und Verrat
Der hier verhandelte Kontext des „Verraten-Werdens“ wird im gesellschaftlichen Umfeld bereits als produktive Struktur vorexerziert: Das Verraten-Werden und Verraten-Können legt das paranoide Wesen des kapitalistisch-egozentrischen Zeitalters offen. Es ist gesellschaftlich opportun, im „unternehmerischen Privatinteresse“ den anderen zu übervorteilen und mündet in der paranoiden Hatz des kapitalistischen Konkurrenzdrucks. Der Verrat agiert symptomatisch das gespaltene Produktions-Wesen (Mensch) im Kapitalismus zur Paranoia am einzelnen Schreibtisch aus. Bevor dem Verrat anheim zu fallen wäre, gilt es schneller zu sein – Verraten-Können wird zur antizipierenden Fähigkeit im Arbeitsmarkt. Die Angst vor Verrat ist dann die Vorwegnahme der befürchteten Auflösung von Zusammenhängen, Bünden, Bündnissen. „Angst vor Verrat läßt nach Verrätern Ausschau halten.“2Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Roter Stern Stromfeld, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002, Seite 21
Misstrauen konstatiert hiermit eine pathologische Schädigung vor dem erlittenen oder befürchteten Verrat. Er ist im Misstrauen als Annahme vorweggenommen. Ein psychologischer Trick ist es, ihn auszuschließen, indem er ins Handeln eingeschlossen wird (Vorwegnahme). Gleichwohl gebiert sich Misstrauen als eingeimpfter Realitätsbeweis der kapitalistischen Wirklichkeit. In ständiger Erwartung verraten oder „hinters Licht“ geführt zu werden, macht den eigenen Platz unsicher. Wahrnehmung missbraucht zur Wachsamkeit.3vgl. David Shapiro, in: Formale Charakteristika des mißtrauischen Wahrnehmens und Denkens in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, Seite 61 ff
Einer gegen alle und alle gegen einen: bis in die feinste soziale Ritze!

siehe auch Frame-Beitrag: 245, Misstrauen als Rückzug

 

 

  • 1
    zum Begriff des Bundes (der geschichtlichen Bündnisse) vgl. Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002
  • 2
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Roter Stern Stromfeld, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002, Seite 21
  • 3
    vgl. David Shapiro, in: Formale Charakteristika des mißtrauischen Wahrnehmens und Denkens in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, Seite 61 ff

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