165, Kontingenz

Die Wirklichkeit ist als momenthafte Ereignisgestalt nicht eine ihrem prozessualen Werden enthobene, d. h. losgelöste Resultatenexistenz. Sie ist immer Gewordenes, so sehr uneinsehbar sie scheinen mag. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der geschichtete Prozess des Wirklichwerdens eines Ereignisses für das Subjekt als Vorlauf konfrontierter Wirklichkeit von ihrem akuten, existentiellen Erscheinungsbild überdeckt wird. – Das Subjekt realisiert die Partikel, die Einschläge noch nicht im Zusammenhang, der für es Wirklichkeit werden wird. Dass die erfahrenen Vorwirklichkeits-Funde (die das reale, weil konfrontierende Ereignis erwirken/ zusammenbrauen), die bruchstückhaften Zeugnisse, Erinnerungen ein weit zurück seiendes Gewordenes darstellen, auf das schwerlich unsere Blicke reichen, ist klar, aber schwerlich vom auf das Ereignismoment der Wirklichkeit geworfene Subjekt einzuholen. Woher kann es wissen, was nach einer Entscheidung, die es früher traf, sich als Konglomerat ereignishaft entpuppt?

Archäologie
Abgenabelt sind solche Vorwirklichkeits-Momente als historische Ablagerungen, als Erinnerungen flügge geworden – losgelöst mimen sie historische Selbständigkeit im Marmor, in Gedichten, in Gebäuderesten und Knochengestrüpp. Es scheint, als wäre die Frage: wie kam es zu dieser oder jener Wirklichkeit, eine,  die in ihrer Archäologie zu ergründen ist – als Rekonstruktion: Im Moment des Passierens ist sie nicht zu fassen. Das Unfassbare des Jetzt und Hier wird im Wüstensand, in Grabmälern, in Vorderzeit gesucht – vom Winde verweht sind nur die Spuren, aber er führt zu uns, weht uns ins Gesicht: Dort, wo dieser Wind herkommt, müssen wir suchen. So werden wir Fährtenleser unser eigenen Geschichte. Wenn es das geschichtliche Hexenhäuschen gibt, führt auch ein Weg zurück in die Gegenwart. Dass alles, was wir tun, zu Staub und Sediment wie Sprache und Kunst wird, gibt uns die Gewissheit, stetig weiter nach uns zu forschen: In Schichten und Geschichten.

Es nützt uns jetzt nichts, wenn wir uns darauf verlassen, dass wir wieder aus dem Sand gebuddelt werden, um der Geschichte zugänglich zu sein. Wir sind unsere Wirklichkeit: jetzt!

 

 

164, Gedanken Gedenken

„Es sind … nicht die Menschen als solche, die denken, oder isolierte Individuen, die das Denken besorgen, sondern Menschen in bestimmten Gruppen, die einen spezifischen Denkstil in einer endlosen Reihe von Reaktionen auf gewisse typische, für ihre gemeinsame Position charakteristische Situationen entwickelt haben. Streng genommen ist es in der Tat ungenau, wenn man sagt, daß das einzelne Individuum denkt. Korrekter wäre der Hinweis, daß es bloß daran teilnimmt, das weiterzudenken, was andere Menschen vor ihm gedacht haben. Es findet sich in einer ererbten Situation mit Denkmodellen, die dieser Situation angemessen sind, und es versucht, die ererbten Reaktionsweisen weiter auszuarbeiten oder andere an ihre Stelle zu rücken, um mit den neuen Anforderungen, die sich aus den Veränderungen und Wandlungen der Situation ergeben, auf eine adäquate Weise fertig zu werden. Jedes Individuum ist daher durch die Tatsache, daß es in der Gesellschaft aufwächst, in einem zwiefachen Sinne prädeterminiert: es findet eine fertige Situation vor und in dieser Situation findet es vorgeformte Denk- und Verhaltensmodelle vor.“ 1Karl Mannheim, in: Ideologie und Utopie, Vittorio Klostermann Frankfurt am Main, Seite 4 So werden über Generationen Denkmodelle und das Verhalten zu ihnen mitgeschliffen, weiter gereicht. Als Katalysatoren spornen Gedanken- wie Denkmodelle das darauf bezogene Denken an – so sind das Denken und die Gedanken permanent in Ausbildung (für die neue Generation).

 

 

 

  • 1
    Karl Mannheim, in: Ideologie und Utopie, Vittorio Klostermann Frankfurt am Main, Seite 4 ↩︎

163, Schlüsse ziehen

Der Nachvollzug der Herkunftslinien, wie sie in Verwandtschaften durch Nachkommen und deren Unterordnung (Ableitungen) gezeichnet werden, oder die Suche nach einem alle Teile verbindenden Weg, oder der Weg vom Kleinen aufs Ganze oder vom Ganzen aufs Kleine… sind in Schussverfahren modellierbar.1hier sei wiederholt auf Klaus Heinrich hingewiesen, in: Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen, tertium datur, Band 1, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1987, bes. Seite 150, 152 Die Analogie ist eher eine Brücke zum Gleichmachen zugunsten einer unterordnenden Kategorie. Die Vor-Führung der Nichtigkeit (der Einzelnen) durch schleimfreie Logik oder durch eine alles überschüssige ableitende Instanz. Die Vermittlerposition wechselt in den Schlussverfahren: zwischen dem Allgemeinen, Einzelnen und Besonderen, je nach Absicht der zu vermittelnden Instanz.

Der Weg des Einzelnen: als abgeleitetes Teil von Teilen, um es als Teil einem alles Zusammenfassenden wieder zuzuführen, zu überbringen (zu opfern): Induktion. Oder das aus dem Ganzen heruntergebrochene Minimale, das allem, dem Ganzen anhaftet: die kleinste verbindende Form, die im Ganzen hausiert: Deduktion.
Schlußverfahren, ob Analogie, Induktion oder Deduktion beschreiben ihre angleichende Wirkung machtvoll im Abgeleiteten selbst: Die Dinge, Gegenstände, Phänomene werden den zu vereinnahmenden, herunterbrechenden Absichten angepasst. Zum Schein schafft Analogie Ausgleich – zum Schein schaffen kategorialie Bezüge eine Vernunftruhe. Die Differenzen innerhalb der Ableitungsmasse werden zugunsten einordnenden Schlusses egalisiert.

 

 

  • 1
    hier sei wiederholt auf Klaus Heinrich hingewiesen, in: Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen, tertium datur, Band 1, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1987, bes. Seite 150, 152 ↩︎

162, Ästhetische Stumpfheit

Abhärtung gewinnen aus den abermaligen Rettungsversuchen, der zur Kreativität angehäuften Dünnhäutigkeit standzuhalten oder auszuweichen – wohin auch immer.

 

 

161, Vater Gott & Meute

Warum braucht es allmächtig installierte Götterväter, die ihre Kinder hängen lassen, wenn die Väter ihre Nachfolge begreifen und sich von ihr bedroht fühlen? – Als ursprungsmythische Bezugsreserve? Warum frisst die alte Zeit ihre Kinder? Weshalb ist die Vaterfigur im griechisch-antiken Mythos für seine Kinder eine Bedrohung?
In der mythisch überlieferten Geschichte der Griechen (nach Hesiod) ereignet sich eine Umkehrung des väterlichen Verschlingungsprozesses: Statt ein Mord an den Kindern findet schließlich ein (ödipaler) Mord am Vater Kronos durch seinen Sohn Zeus statt. Dieses Vatermorden wird in der Gestalt des Ödipus mythologisch prägnant problematiesiert. Kronos – der selbst mit Anstiftung seiner Mutter Gaia seinen Vater entmannte – frisst seine Kinder, bis sein Sohn Zeus ihm zuvorkommt, um den Bann zu brechen: um die Vaterfigur – für eine neue – zu überwinden. Eine Escherfigur zur Aufhebung der Genealogie ist im Mythos gegenwärtig: Väter fressen beherrschen ihre Kinder, Nachkommen, die irgendwie davonkommen und wieder als Väter ihre Kinder fressen, um als Vater von ihren Kindern als geschichtlich bedrohliche Macht anerkannt zu werden. Die vermutliche Metapher ist, dass die Zeit ihr eigenes Jetzt frisst, nie im Jetzt verweilen kann, um zu überdauern. Der Augenblick hat keine Zukunft. Der Ursprung der Zeit, Chronos, ist eine sich selbst vertilgende Maschine. Wir uns gefundenen Kinder sind stets überlebende. Ödipus, Zeus, die Freudsche Meute.
Kaum der spirituelle wie geschichtliche Urvater „Gott“, sondern schlechthin der eingeschworene Zusammenhalt, die teleologische Reduktion ging verloren, wurde durch den Krieg der Realität mit der Zeit/ Geschichte abgeschafft. Nachdem der Vater erschlagen, wurde sein Ideenreich (als das dem Gottvater überantwortete Ordnungsgebiet) entwickelt, in Epen, Erzählungen und Geschichtchen manifestiert, um den bedrohlichen Zusammenhang der Nachkommen ideell stets neu herzustellen und unter den gemeinsamen Zeit-Ursprungs-Vater erneut drohgebärlich vereinigen zu können. Eine Art Theorie der Abwesenheit. Die durch den Mord erreichte Nicht-Existenz des Vaters, wird spirituell zur allgegenwärtigen, stets latenten „Todesmacht“ vergangener Vater-Geschichte erhoben – jederzeit zur Wiederkehr fähig. Die Nachkommen werden zur potentiellen Schuldigkeit, zum Schuld-tragen am Vater-Mord erzogen. Die Nachkommen sind alle schuldig, weil sie alle Nachkommen der Vater-Mörder sind. In dieser Allgegenwärtigkeit der Schuld behafteten Existenz wird der Vater zu Gott aufgehoben – ohne den Rückgriff auf die Väter würde der Vater nichts zu erzählen oder noch zu drohen haben. Die mörderische Vergangenheit der Väter wird zur Geschichte erhoben und wird Theorie im Gebet, wird zum Alibi für religiös verklärte Drohgebärden: Es nie wieder zu tun – die Hand gegen, an den Vater zu legen. Vor Gott, unserem Vater sind wir zur Sünderfigur degradiert, doch: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“1Matthäus 6,12 (Lutherbibel)

 

 

  • 1
    Matthäus 6,12 (Lutherbibel) ↩︎

160, Selbstverletzung, Ritzen Zeigen und Zweifeln

Selbstverletzung ist eine Brücke, dem eigenen Leben näher zu kommen. Eine Art Begegnung, um auf sich zu stoßen. Negation der beste Meißel, die Panzerung des Lebens aufzubrechen, sich in seiner unschuldigsten, denn animalischen Form entgegen zu kommen: blutend, verwundet zum Selbst. Zur Erinnerung an die täglich gebrauchte Aufmerksamkeit. Der Schmerzreflex führt die Wege zum Ich. Die fehlende Mutterbrust, die zum letzten Mal im Schützengraben, auf der Parkbank, im Technoschuppen stillt.

Das selbst erlangte Opfer – endlich in das geprügelte Kind zurück zu kriechen und die Welt da draußen zu hassen und auf ihre Schläge zu warten durch die eigene Hand: In der eigenen Verwundung zu versuchen, den Schmerz im Schmerzzufügen abzuwehren (Sadomasochismus). Dieser geistig-körperliche Bruch mit alltäglichen Lebensäußerungen oder mit normativen Lebenswelten ist quer der Canyon zwischen den menschlichen Gestalten: Zwischen gesellschaftlicher Integration (die durch den Arbeitsplatz errungene Sicherung sozialer Überlebens-Struktur) und gesellschaftlicher Isolierung (durch Entfremdung vom und oder Nichtpartizipation am Produkt gesellschaftlicher Arbeit). Zwischen diesen Polen sucht, begleitet und erhält sich das gequälte Subjekt sein Scheitern im Versuch, diesen konstitutiven Spalt zu überbrücken oder gar zu überwinden. Die aus dem entfremdenden Dasein, aus dem funktionalisierten Leben gepresste Verstärkung der Spaltung der Person in differente Funktionen wirkt auf die Lebenserhaltung (für und gegen den Arbeitsprozess) und auf die Lebensweltwahrnehmung gleichermaßen zerstörend ein. Schon dieses europäische Leben fordert, sich in Weltbezug und Ichbezug zu teilen.1„[…], dass dem europäischen Denken in seiner gesamten Geschichte die Tendenz innwohnte, Identität nicht im Sinne gemseinsamer Zugehörigkeit zu ein und derselben Welt zu verstehen, sondern im Sinne eines selbstbezüglichen Verhältnisses, des Erscheinens des Seins und seiner Manifestationen im Sein oder auch im Spiegel seiner selbst.“ Achille Mbembe, in: Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp Verlag Berlin 2014, 5. Auflage 2021, Seite 11 Diese Veranstaltungen als Verunstaltungen des selbstbezüglichen Ichs um sein Ich als seine Vollstreckungen zum Objekt seiner selbst, machen es zum schizoiden Beobachter seines Lebens. „Das Sichschauen-Wollen ist die erste Feindschaft des Ichs mit sich selbst.“2Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Verlag J. B. Metzler Stuttgart Weimar, Seite 34
Dieses verquälte Ich hält sich an seinen Wunden schadlos – wiederholt, konstruiert sie stets neu, um sich für sein Handeln dagegen zu rechtfertigen, identitär zu konstituieren. Als Opfer.
Der Verlust der Selbständigkeit steigert sich bis zur Freiheit zum Tode, zum Selbstopfer: blutig oder in den höchsten Stufen der Meditation.3Bericht über einen Mann, der aus diesen meditativen Imperativ seinen Arm in die Luft nach oben hält und seit Jahren nicht mehr davon ablässt, Nachzulesen in einem Beitrag des SZ-Magazins, Datum mir unbekannt
Der Verlust an Selbständigkeit ist der Preis fürs Beharren am Überleben. Der rote Draht zu dem, der die ersten Zähne ausbrach.

 

 

  • 1
    „[…], dass dem europäischen Denken in seiner gesamten Geschichte die Tendenz innwohnte, Identität nicht im Sinne gemseinsamer Zugehörigkeit zu ein und derselben Welt zu verstehen, sondern im Sinne eines selbstbezüglichen Verhältnisses, des Erscheinens des Seins und seiner Manifestationen im Sein oder auch im Spiegel seiner selbst.“ Achille Mbembe, in: Kritik der schwarzen Vernunft, Suhrkamp Verlag Berlin 2014, 5. Auflage 2021, Seite 11 ↩︎
  • 2
    Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Verlag J. B. Metzler Stuttgart Weimar, Seite 34 ↩︎
  • 3
    Bericht über einen Mann, der aus diesen meditativen Imperativ seinen Arm in die Luft nach oben hält und seit Jahren nicht mehr davon ablässt, Nachzulesen in einem Beitrag des SZ-Magazins, Datum mir unbekannt ↩︎

159, Kunst und Wahnsinn II

Die Karriere des Künstlers, Patienten beginnt mit dem Eingriff in seine Ausdrucks-Gebiete: durch Sanktionierungen  seiner Ausdrucksmöglichkeiten -bzw. Resultate (Wettbewerbe, Stipendien, Galerien etc.). Diese gleichwohl seine Arbeit fördernden Möglichkeiten werden durch den Wettbewerb um diese Möglichkeiten auf die bloße, unwahrscheinliche Chance, auf lediglich die Chance darauf, reduziert. Eine künstliche Verknappung der Kunst zur Ware, damit hohe Priese stabil gehalten werden können. Das soziale Phänomen ‚Kunst‘ wird in eine warenförmige transformiert. Das vermeintlich knappe Aufmerksamkeitspotential öffentlicher Wirkungen strukturiert die Daseinsberechtigung von Kunstwerken. Diese Formierung, „Strukturierung“ des künstlerischen Subjekts als abhängiges von den vorgegebenen Sanktionierungen, macht dessen Deformation für die Öffentlichkeit, für das künstlerische Werk wieder produktiv. Diese Überwindungs-Arbeit kann als Scheitern oder Image definiert werden. Die Annektion des Ausdrucks-Seins durch pathologisierende oder marktmäßige Zuschreibungen – wenn der Künstler, die Künstlerin als gescheitert gilt oder vom Scheitern in Depressionen sich erholt – verpflichtet ihn und sie, die eigenwilligen, ausdrucksmäßigen Entscheidungen abzugeben. Entweder man nimmt den lebenslangen Wettbewerb an oder überführt sich als Idiot – zum Branding ist’s ein kleiner Schritt. Im Notfall keine Gewähr.
Der kalkulierbaren Indikation folgt der berechenbare Künstler-Patient. Die Anamnesen, Kontexte des Aufmerksamkeitswettbewerbs werden vereinheitlicht – demokratisiert. Die Konstituierung des Künstler-Subjekts erfolgt durch einzwängende Umstände. Es oszilliert zwischen ihnen. Wie kann es aus diesem determinierten Umfeld gegen seine Konstitution angehen?1Vgl. Judith Butler: „Wie kann das Subjekt als Bedingung und Instrument der Handlungsfähigkeit zugleich Effekt der Unterordnung als Verlust seiner Handlungsfähigkeit sein? Wenn Unterordnung die Möglichkeitsbedingung der Handlungsfähigkeit ist, wie läßt sich die Handlungsfähigkeit des Subjekts dann als Gegensatz zu den Kräften seiner Unterordnung verstehen?“ In: „Psyche und Macht – Das Subjekt der Unterwerfung“, Gender Studies, edition suhrkamp 1744, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main, 2001, Seite 15
Selbst die wuchernde Rationalität der Vorschriften oder die Rationalität der wuchernden Vorschriften sozialisiert noch, macht den Lebens- bzw. Leidensdruck für den Einzelnen allgemein und wird quer durch die Köpfe herunter gebrochen zur Normalität des Lebens. Normalität ist das, was man nicht ändern kann. Sie greift stabilisierend ein. Geschriebenes wird Vorschrift – Anweisung zur Maschinen- und Menschensteuerung.2Oswald Wiener, ebenda, Seite 12: „Wenn der Schritt vom Ideogramm zum Alphabet ganz gewiß auch ein Teil der Verwandlung von Sprache in Information ist, so bedeutet ebendies eben einen Machtzuwachs des Staats: alles Geschriebene ist Vorschrift, der Buchstabe des Gesetzes erst realisiert die Wirklichkeit, ruft sie durch Beschreibung erst ins Leben (d. h. macht sie sichtbar durch Etikettierung d. h. Schilderung), liefert die authentische Interpretation.“ Die „Verwandlung“ jeglicher Kommunikation in sprachliche Notation als fest Geschriebenes erfordert sicherlich Handlungsanweisungen, um ihren „Umlauf“ zu protegieren oder zu ermöglichen. Diese Handlungsanweisungen bestimmen insofern damit den Informationsfluß in Inhalt und Form. Erst in dieser Abhängigkeit, in der Angewiesenheit auf sprachlich notierte Kommunikationskanäle erhalten jene Alphabete (gesetzgeberisches) Machtpotential.

Der Realismus gewöhnt uns an
die Niederlage
gewöhnt uns an den Realismus.

 

 

  • 1
    Vgl. Judith Butler: „Wie kann das Subjekt als Bedingung und Instrument der Handlungsfähigkeit zugleich Effekt der Unterordnung als Verlust seiner Handlungsfähigkeit sein? Wenn Unterordnung die Möglichkeitsbedingung der Handlungsfähigkeit ist, wie läßt sich die Handlungsfähigkeit des Subjekts dann als Gegensatz zu den Kräften seiner Unterordnung verstehen?“ In: „Psyche und Macht – Das Subjekt der Unterwerfung“, Gender Studies, edition suhrkamp 1744, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main, 2001, Seite 15 ↩︎
  • 2
    Oswald Wiener, ebenda, Seite 12: „Wenn der Schritt vom Ideogramm zum Alphabet ganz gewiß auch ein Teil der Verwandlung von Sprache in Information ist, so bedeutet ebendies eben einen Machtzuwachs des Staats: alles Geschriebene ist Vorschrift, der Buchstabe des Gesetzes erst realisiert die Wirklichkeit, ruft sie durch Beschreibung erst ins Leben (d. h. macht sie sichtbar durch Etikettierung d. h. Schilderung), liefert die authentische Interpretation.“ Die „Verwandlung“ jeglicher Kommunikation in sprachliche Notation als fest Geschriebenes erfordert sicherlich Handlungsanweisungen, um ihren „Umlauf“ zu protegieren oder zu ermöglichen. Diese Handlungsanweisungen bestimmen insofern damit den Informationsfluß in Inhalt und Form. Erst in dieser Abhängigkeit, in der Angewiesenheit auf sprachlich notierte Kommunikationskanäle erhalten jene Alphabete (gesetzgeberisches) Machtpotential. ↩︎

158, Marx Exegese

Im Waren-Fetisch kann sich die allgemeine Entfremdung individualisieren – kann sich das Individuum der Komplexität aller Fremdheit sich entledigen oder sich dem Fremdgefühl vor unverstandenen, weil sehr komplexen Vorgängen entfremden. Es zieht sich in eine Position dagegen zurück: Abwehr – als Affirmation. Das, was nicht innerlich ausgetragen werden kann, wird nach außen im Konsum veräußerlicht.
In der Gestalt des Käufers verkörpert sich das private wie arbeitsteilige Verhältnis zum gesellschaftlichen Zustand der Arbeitsteilung – als sozialer Status in der Gesellschaft. Sein Verhältnis zum Warentausch symbolisiert also in der von ihm erworbenen Ware seine Stellung als symptomatisches Spiegelbild. Der Käufer symbolisiert die Produktion anhand der von ihm in Besitz genommen Produkte, die symptomatisch seine Stellung zur Produktion markieren. Die Lebenswelt potentieller Konsumenten wird mit einem Marktwert determiniert: als voraussichtliches Budget des Konsumenten und als dessen Durchsetzung seines Marktwertes selber: Das, was man sich leisten kann, repräsentiert zugleich den eigenen Marktwert.1vgl. Joseph Vogel, in: Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Zürich 2010, Seite 110  Über modische Produktschleifen wird das Subjekt der Arbeit von den Produkten seiner ohnmächtigen Betriebsamkeit eingefangen. Individualisierungen erscheinen als nichts anderes als Produkt-Wirkungen aufs Subjekt und: Produkt-Wirkungen schlagen bis zur „Individualität“ durch. Sie sind als Defizite nicht erkannt. Formiert im Image wird die Innenwirkung im entindividualisierenden Prozess des Außer-sich-seins verdeckt. Die Konditionierung durch die lebenserhaltende Doppel-Struktur der Produktion – als Symbol wie Symptom – verstärkt die gesellschaftliche Funktionalität wie Entmenschung des über Konsum sich sozialisierenden Menschen gleichermaßen. „Aber die Auflösung dieses Individuums in der modernen Gesellschaft ist selbst nur die Bereicherung des produktiven Teils derselben.“2Marx, MEW, Band 42, Seite 150
Eingeplant.

 

  • 1
    vgl. Joseph Vogel, in: Das Gespenst des Kapitals, diaphanes Zürich 2010, Seite 110 ↩︎
  • 2
    Marx, MEW, Band 42, Seite 150 ↩︎

157, Ich bin der Akt meiner Akte

Also der Patient, Künstler, das Mensch-Ich hat Recht: Er kann sich auf den faulen Geruch seiner Umgebung stützen und auf die Wirkungen seiner Behandlung: Die Übernahme des Faulens aufs Ich, um unterzutauchen, gefährlich von Fliegen umschwirrt zu sein, z. B. mit Scheiße zu leben und von ihr zu schreiben vielleicht, wird als Lebensumstand ursächlich; es verändert, konditioniert den Schreiber. Der gesellschaftliche Ausfluss, das Loch im angeschossenen Tank kommt im bürgerlichen Ich zur Anwendung und weitet sich zur Flut. Gern wird die Existenz in der Störung als Gestört-Sein dargestellt. Die erwirkte Gewalt des Patienten gegen medizinische Lenkungspraxis in den psychiatrischen Anstalten erscheint den Henkern als Ausgangspunkt seines Verhaltens, als Akt seiner Kranken-Akte, ohne Ursprung, gegen das natürlich Maßnahmen getroffen werden müssen.
Der Künstler-Patient springt beständig – aber woher? Er wartet auf seine Herkunft.

 

 

156, Kunst und Wahnsinn

Die Kunst und der Wahnsinn treiben den Menschen über sich hinaus.1vgl. Brecht, in: Schriften zur Literatur, II. Band, Suhrkamp, Seite 57: „Es ist die Kunst, die den Menschen so über sich selbst hinaustreibt.“
Kritik an allem und jeden und sich selbst ist Daseinsweise geworden. In sie verstrickt, ins Nie-gut-genug, ist das Gebaren von Mangel-Existenz inmitten von Zerwürfnissen zur Lebensaufgabe geworden. Der allzeit bereite kritische Habitus des gefährdeten Subjekts, Künstlers, Menschen hält somit den Kontakt zum bereits unsicheren, aber noch zuckenden Real-Utopien aufrecht. Das Nörgeln hält gerade noch gegen das Außen zusammen. Die Realitätsabwehr gewährt Selbstbehauptung – bis zur Verknöcherung zusammengeschrumpft. Der Sturm in den Warenauslagen geht durch die Passanten: In das frische – un-ver-brauchte – Ich wird endlich ein marktmögliches gesetzt. Wenn es endlich schwach und eingeordnet werden kann, ist es Verbraucher geworden.
Die Beschäftigung mit Kunst dient als Verwandlung psychischer Auswüchse zu Schöpfungsakten, die den Sturm individueller Deformation als Selbsterfindung gestalten und unterhalten, die das „Gleichgewicht zur Hölle“ wieder herstellen kann. Wo ehemals das Ich war, sind dessen Leerstellen getreten, dessen Rückzugsgebiete, seine Abdrücke: Manchmal sind es Bilder, Choreografien seiner Attidüden, Schreie oder Shoppingtouren. Die Wiederholung alltäglicher und oder künstlerischer Praktiken der Entgrenzung, unendlicher Differenzierung ist zum Gestus der Selbstbehauptung, des Überlebens ausgewachsen.2Lacan erkennt in Freuds „signifikanter Artikulation der Wiederholung den Primärprozeß im Kreislauf der Realität“. Jacques Lacan, in: Schriften III, Seite 11 Die mögliche Veränderung des Lebens hat im Vergangenen ihre Statt. In der flexiblen Gestaltung, Interpretation des biografischen Materials. Von dort kann es (hier) entdeckt werden. Jene Erfindungen der Wiederholung bilden den Antrieb, von den bezwängenden Phänomenen los zu kommen, sie negieren den Aufenthalt, sie flüchten vor dem Tatort in die Spekulation, in die Ver-Rückung – man flieht die alten vergangenen Zusammenhänge, indem beständig neue konstruiert werden: Artifizielles Stadium. Das Wüten zur Schönheit ein Versteck gegen das Erkennen, gegen das Freilegen von Zusammenhängen, ist das Abdichten vor zerstörerischer Alltäglichkeit.

 

 

  • 1
    vgl. Brecht, in: Schriften zur Literatur, II. Band, Suhrkamp, Seite 57: „Es ist die Kunst, die den Menschen so über sich selbst hinaustreibt.“ ↩︎
  • 2
    Lacan erkennt in Freuds „signifikanter Artikulation der Wiederholung den Primärprozeß im Kreislauf der Realität“. Jacques Lacan, in: Schriften III, Seite 11 ↩︎

155, Extra

Extrapolierung aus Fragmenten am Fragment. Geschnitten von der verwebten Welt stürzen Tatsachen lose, umherschwirrend unvernetzt umher. Kein Werden hat sie je beglückt. Resultate schneiden uns vom Einsehbaren ab. Der Satz ist nur gut für die Stelle, wo er steht.

 

 

154, Kapitalismus (Zwangscharakter als Massenartikel)

Also die Menschen für das Schlachtvieh – oder statt diesem. Die Käufer sind zum Kaufen berechtigt und: sie müssen die Verantwortung für die Ware übernehmen. Die Fleischesser sollen Herr Gott noch mal für das abgepackte Schnitzel zur Verfügung stehen – ist das so schwer? Die Individuen werden zur Kundenkategorie geschliffen – Ver-Braucher –, es wird da alles im Menschen ausgetrieben, was dem Projektil „Massenware“ als Treffer zur Zielgruppe entgegensteht. Aus dem Slogan „Wir müssen die Leute abholen, wo sie stehen“ wird: „Die Leute müssen dort hingestellt werden, wo wir sie abholen können“. In der Tierhaltung wird das erfolgreich praktiziert: zum Beispiel bei Stopfgänsen.
„Der moderne Kapitalismus ist letztlich von einer seltsamen Rückwärtsgewandtheit geprägt: zurück zur Natur. Die globale Wirtschaft, (…), ist dabei, diesen Schritt radikal zu vollziehen. Die öden Wissens- und Informationswüsten haben sich längst in fruchtbare, aber undurchdringliche Informationsdschungel verwandelt. Dort regieren Märkte.“ Wie sollen „die“ Märkte angesprochen werden: Du Markt, eure Exzellenz, unbekannterweise, oder haben die Märkte eine postalische Anschrift? „Vorbei die Zeit, in der es Sicherheitsnetze gab, welche die Unproduktiven aufgefangen haben.“ Die Unproduktiven? Die Ausländer, die Schwulen, die Behinderten, oder „einfach“ diejenigen, die sich dem „Markt“ widersetzen, weil er sie nicht gebrauchen kann? „Die Natur schlägt zurück.“ Ja die Natur ists.
„Die Konsumenten werden, so konstatieren die Autoren, nicht mehr mit dem rational besseren Argument angesprochen, sondern verführt oder ruhig gestellt. Unternehmer verwandeln sich so zu listigen Märchenerzählern, die sündige Neuheiten an den Käufer bringen wollen. >>Sie wissen, das unsere Gehirne von Emotionen gesteuert werden.<< Deshalb ist die Fokussierung auf stimulierende Marken von so großer Wichtigkeit. Im Fadenkreuz [in der Zieloptik jener Waffen, die auf Zielgruppen spezialisiert sind] stehen natürlich die immerwährenden Träume der Menschheit [die angestellten Manager träumen davon, dies durch ihre Produkte profitabel vermitteln zu können]: auf ewiges Leben, Glück, ewige Jugend, Männlichkeit und ewigen Reichtum. >>Traum kämpft gegen Traum, und überall auf der Welt eifern die Unternehmen um das Geld und die Seelen der Kunden.<< Der Kunde muß [!] süchtig gemacht werden. Die unzulängliche menschliche Natur ist der eigentliche Motor des Kapitalismus.“1Süddeutsche Zeitung, in der Rezension (Peter Felixberger, „Unbegrenzte Möglichkeiten“) des Buches „Karaoke-Kapitalismus“ (Jonas Ridderstrale, Kjell A. Nordström) vom 24./25. September 2005 Was für ein Dreck!
“Denn die Menschheit muß kriegerisch werden“2vgl. Brecht, in: Schriften zur Literatur, II. Band, Suhrkamp, Seite 57: „Es ist die Kunst, die den Menschen so über sich selbst hinaustreibt.“ , um nicht ausgelöscht zu werden, um zu bleiben.
Die menschlichen Anfälle von Wahnsinn sind letzte Salven für die Beschreibung von unmenschlichen, bedrückenden Zuständen; sie sind menschliche Äußerungen dagegen.

 

 

  • 1
    Süddeutsche Zeitung, in der Rezension (Peter Felixberger, „Unbegrenzte Möglichkeiten“) des Buches „Karaoke-Kapitalismus“ (Jonas Ridderstrale, Kjell A. Nordström) vom 24./25. September 2005 ↩︎
  • 2
    vgl. Brecht, in: Schriften zur Literatur, II. Band, Suhrkamp, Seite 57: „Es ist die Kunst, die den Menschen so über sich selbst hinaustreibt.“ ↩︎

153, Statistik über Kranke und Verkäufer

Die Differenz zwischen der 90 prozentigen Wahrscheinlichkeit an einer bestimmten Krankheit zu erkranken1als ein in Zahlen ausgedrücktes Sicherheitsbedürfnis, das in Angstmache aufgelöst wird und den im Auftrag ermittelten, tatsächlichen Krankenzahlen: Z. B. 100.000 ermittelte Kranke gegenüber 70.000.000 möglicherweise Gesunden: von den Verkäufern von Medikamenten aus betrachtet, sind das unerkannt Kranke, die noch nicht wissen, das sie eine hohe Wahrscheinlichkeit an X zu erkranken.
Wird die Krankheit den Renditeerwartungen von Medikamentenherstellern unterworfen? Oder unterzieht sich der Mensch den an ihn gestellten Gesundheitserwartungen doch?
Dem als (geistig) krank Gestempelten fehlt seine gesunde Referenz, er erkennt die Differenz nicht. Steht der Betroffene noch im sozialen Arbeitskontakt – macht er seine Arbeit/ die Arbeit der Anderen – ist dessen Kranksein nicht beschreibungspflichtig. Er ist zwar schon eingeliefert (ins Büro, ans Fließband), aber braucht nicht behandelt zu werden. Es ist eine persönliche Angelegenheit. Das Kranksein wird im gesellschaftlichen Funktionsfeld individualisiert, als Privatsache verniedlicht. Die Angelegenheiten, die der Patient für andere im Produktionsprozess erledigt hat, verfolgt ihn. Im Individuum steckt das jeweils Unwohle, das den Betrieb stört. Persönlichkeit stört den Betriebsablauf und erfährt ihren nur privaten Sinn, als Abgegrenztes (die „Unberührbaren“ in Indien) und nicht als etwas, das sich durch das Ausgrenzen von den Anderen erst konstituiert. Selbst das kranke Sein wird out of personality markiert. Es ist dein Problem, mann.
„Der Mensch verweilt nicht bei dem Schmerz eines anderen, wenn er ihm nicht helfen kann.“2Brecht, in: Schriften zur Literatur, II. Band, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 1967, Seite 37

 

 

  • 1
    als ein in Zahlen ausgedrücktes Sicherheitsbedürfnis, das in Angstmache aufgelöst wird ↩︎
  • 2
    Brecht, in: Schriften zur Literatur, II. Band, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main: 1967, Seite 37 ↩︎

152, einfach laufen ist ineffizient

Die Extremsportarten, Extrem-Freizeitbeschäftigungen – die narrativ den Konkurrenzkampf, den Wettbewerb jeder gegen jeden abbilden – als künstlich wie künstlerisch herbeigeführter Kampf mit dem Tod im abgesicherten Modus, führt auf die Fährte, dass die natürlich eingerichtete Fortbewegung antiquiert scheint. Konkurrenz muss schon sein. Alles andere ist als die Unfähigkeit ausgesprochen, auf den eigenen Füßen zu stehen. Wenn du kein Ziel hast, ist einfach Laufen sinnlos. Wo ist der Mehrwert?

 

 

151, Freundschaft

In der Moderne tritt das Subjekt als Funktionär seiner eigenen Existenz auf. Die Freundschaft gewährt Visionen, die über das Funktionärsdasein hinausgehen. In der Freundschaft erfindet sich eine gegenseitige, einvernehmliche Menschheit. Jenseits der affirmativen Differenz zum Lebenserhalt. Im Feld eigener Gedanken kann der Freund sich dazu rein – a-funktionell – verhalten, seine menschliche Aussaat entwickeln. Die Ebenen: Familie, Funktionär, Freund sind nicht konsistent zueinander. In den Übergängen wird sich abgeschliffen.