Beschreibung setzt dem Beschreiber nah seiende Prämissen voraus. Wenn wir sprechen, realisieren wir durch Sprache die jeweilige Umgangsform gesellschaftlich vorherrschender Vorschrift: In das Vorherseiende als vorher Geschriebenes treten wir ein: Wir werden Teil aktueller Sozialisation. Wir bewegen uns in ihren Sprachraum hinein und lernen zugleich unsere Bewegung darin. Versprachlichte Handlungsweisen, einmal in Gang gesetzt, führen eine Sperre mit sich, die es erschwert, Rekurs auf sich als Individuum zu halten, aber dessen Anpassung erleichtert. Das Sperrige nicht nur als eine über Jahrtausende währende Schrumpfung des Oralen zum (visuellen) Zeichen, sondern auch als Determination: Sobald wir in einen uns vorgesetzten, sprachlich fixierten Raum geworfen werden, sind wir dem Sog von öffentlicher Grammatik und ihren Formalitäten ausgesetzt. Die rationalisierte Relevanz des Handelns in Anweisungen, Vorschriften, Gesetztexten oder auch die sprachliche Verkürzung in Befehlshierarchien. schützt den Einzelnen vor seiner menschlichen Erwartung: Denn er füllt die Erwartungen der anderen mit ihren Anweisungen aus. Der einzeln Handelnde agiert, indem er im Prozess seiner In-Sozialisation mit deren formalen Übersetzungen arbeitet, ja: verhandelt. Eine Verweigerung gebotener In-Sozialisation führt in ein Leiden an ihr. Sie wird ästhetisch abstrahiert.
Die Beobachtung verändert nicht nur das Beobachtete, sondern das Beobachtete verändert auch die Beobachtung. (mehr …)
Das Verb ‚Sein’ vermittelt ein prädikatives Reservoir für die Dinge, für die Subjekte und Objekte der Beobachtung, und ist der ontologische Kitt zwischen den Begriffen, stellt Verbindungen von Beobachtung und Beobachteten her. (mehr …)
Wir können nicht reden. Ein Schock. Da ist was unterbrochen. Das Drama findet ohne seine Erzählung – ohne seinen sprachlichen Übersetzer – kein Gehör. Es wühlt im Kopf. Die Sehnsucht findet keine fremde Statt, keine Zungen, nur Schlangen in der Magengrube. Die Sprache macht keinen Laut ohne Zuhörer, ohne Luft kein Ton. Panzerplatten aus Buchstaben quetschen Worte zu Realität, bis ein Stück Lesbarkeit fertig ist. Worte schrauben die Griffe an die Realität.
Fehlende Worte, Schweigen, Lücken, Lücken nur: verschluckte Schreie.
Die Zeichen der gelebten Zeit, die Laufspuren quer durchs Leben als deren ereignishaften Falten, eingegraben in letzte freie Hautzonen: an Händen, in Gesichtern. Wie bildet sich der Lauf der Zeit, das Laufen durch die Ereignisse im Körper ab?
Statt: Ich verliere Zeit zu sagen, müßte es heißen: Ich bin die in einzelnen, aufgereihten Ereignissen sedimentierte Zeit: Eine herausgeschlagene Figur. Erst mit dem Altern wird sie sichtbar.
Mein Körper gab sich jedem Moment hin, um an dem Ort zu sein, wo die Zeit für ihn da war. Um in der Zeit zu bleiben, vergisst man sie. Ich habe Zeit in meinen mir zu Teil gewordenen Ereignissen gehabt und nun ist meine Körperzeit nicht mehr Teil des Ereignisses.
Ich verliere die Zeit in meinem Körper. Er brauchte sie. Er tilgte sie. Jetzt weicht sie ihm, reicht nicht aus. Er verfällt, Falte für Falte fängt er sie noch. Entropie als Abnutzung: Arthrose. Die Gestalt des Menschen als entropistische Ausweitung? Verkörpert in gehäuteten Verfall-tungen. Jede Bewegung eine Form, eine Figur des Verschwindens, eine Fluktuation zum finalen Sternenstaub auf der Tanzbühne des Lebens. Eine Choreografie der Entropie – mit verschlissenen Knien, kaputten Füßen. Die Entropie des Körpers beschleunigt die Bewegungen im Jetzt – tanzen gegen den künftigen Entzug von Beweglichkeit. Unsere Ausdrucksfähigkeit: Unser Begehren gilt dem Moment, eingefaltet in die Sehnsucht nach einem Pas de Deux der Körper.
Wie lange kann man sich anfüllen, um schmerzfrei erkalten können, um durch das Loch der Erkenntnis zu stürzen?
Wenn nichts zwischen uns steht, so gibt es Nichts zwischen uns – d. h. für uns. So sind wir nicht Für-uns, sind gegeneinander gleichgültig, ohne Vermittlung, weil ohne zu Vermittelndes.
Kommunikationstechnik, die das technische Verschlingen – Speichern – von Sprache vorantreiben hilft, stellt heute die phänomenologische Breite dar, sie ist das, was die Erfahrung vermittelt, überbringt. Medium und Message. Cool ist, wie – über welche Medien – kommuniziert wird, kaum was. Die Möglichkeit zu kommunizieren, wird zunehmend vom Verständnis technischer Medien bestimmt – was deren Inbesitznahme voraussetzt. Zu den Bahnen der Kommunikation, zur Erfahrungsweiterleitung: Die schiere Möglichkeit des Erfahrungsaustausches von Erlebnissen in Echtzeit verhindert deren entstehen, stillt das ohnmächtige Schweigen und lässt zum Verinnerlichen wenig Platz. In den technoiden Abläufen der Kommunikation wird menschliche Erfahrung vernichtet, weil sie nicht zugleich kompatibel zum (neuen) Medium der Kommunikation sein kann. So ergießt sich das ungehörte Echo unangepasster Erzählweisen als ein hörbares Rauschen. Es entsteht eine Verstopfung, die als Speicherkapazität der Cloud begrifflich besetzt wie deutlich wird. Die Selektion – also die Beschränkung von Informationszugängen und die Konvertierung von Informationen in Informationsformate – gewährt Transport und Transformation von Informationen und schlägt orale und oder visuelle Besonderheiten ab. Selektion wahrt Komplexität, die das jeweilige System braucht, um sich zu erhalten.
Die mediale Monopolisierung entzieht Sinn vom Kommunizierten. Es ist Vehikel. Was nützen die Toten in Schiffen, Flugzeugen und in Bebengebieten? Kann ich mich als einzelnes Subjekt dazu verhalten? Sind wir vom Kapitalismus so vereinsamt, dass wir uns mit der Simulation von Kommunikation durch Turing-Maschinen (Siri, Alexa, Cortona) unterhalten fühlen.
Ohnmächtigkeit produzieren und abstrakte Menschlichkeit erzeugen. Ja.
Der Kampf um die Verfügungshoheit über Wissen, Information findet nicht mehr nur in, oder zwischen Universitäten, Hochschulen etc. statt, sondern in Servern, zwischen Providern, zwischen Algorithmen, Firmen und politischen Interessen. Die Verwaltung der Formationen aus Informationen, aus denen das Wissen abrufbar ist, ist das, worauf die ganze Anstrengung systemischer Macht, der modernen Kommunikations-Konzerne geht. Aus ihnen kann der Bedarf an Produkten abgeleitet bzw. erzeugt werden. Die Produktion von Informationshierarchie -und Selektion tritt an die Stelle von (bloßer) Wissenserzeugung. Der Kampf um „Wissen als Macht“ führt in den Kampf um Informationskanäle über Wissen. Das Wissen allein wird sinnlos ohne sein Transportmittel: Ohne dessen Medium, ohne dessen steter Kontextualisierung = Selektion. Wer nicht kommuniziert, fliegt raus! Wer das elektronische Netzwerk nicht nutzt, wer keine Spuren hinterläßt, läuft Gefahr, ausgeschlossen zu werden.
„Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat/ Wie soll der zu fassen sein!/ Verwisch die Spuren!”
(Brecht, Gedicht I, in: Lesebuch für Städtebewohner)
Ein Beispiel medialer Macht wie Abhängigkeit:
„Was wäre, wenn Sie morgen keinen Zugriff mehr auf Ihr Google-Konto hätten?“ Die Drohung wird weiterausgeführt:
Sollten Sie nicht mehr auf Ihr Konto zugreifen können, bedeutet dies unter Umständen, dass Sie keine E-Mails mehr an Ihre Freunde senden, keine online erstellten Fotos oder Dokumente mehr öffnen und nicht mehr auf die Informationen zugreifen können, die in Ihrem Google-Konto gespeichert sind. Sorgen Sie dafür, dass Sie diese wichtigen Daten nicht verlieren, und richten Sie noch heute Optionen zur Kontowiederherstellung ein. Weitere Informationen über die Optionen zur Kontowiederherstellung.“ Man braucht den Satz nur umdrehen: Wenn man nicht auf sein Konto zugreifen kann, dann nur, weil man keine Spuren hinterlassen hat. (Natürlich auch: dass man es nicht durch online gestellte Fotos etc. genutzt hat.) Die Mobilnummer möchte Google auch in seinen Besitz bringen.
Das Ich als Verfremdungseffekt, als sein V-Effekt. Das Ich begriffen als sein eigenes Verfremdungsobjekt. Als sein narzisstisches Gegenbild – im Faschingskostüm. Stets im Kostüm; Entzweiung durch die Maskerade permanent und die Welt nur als Publikum. Im Zwang, sich von sich zu entfremden (über die Eigenliebe zur Weltvernichtung) macht die inszenierte Ich-Rolle sich die Welt Untertan. Alles soll mir zum besten dienen. (Brecht, Fatzer) Wehe, es schaut niemand zu. Von der Aufführung zum Führungsanspruch ist es nur ein Blick. Der psychische Auswurf ist das Ergebnis erzwungener Entfremdung – ich will nicht mit meinem Schmerz zusammen sein! Der erste Zuschauer von Narziß war er selbst. Was für ein fantastischer Furor, in allem sich zu erkennen und nicht hinaus zu kommen. Der narzistische V-Effekt ist ein Doppeltes, ein das Ich teilendes Ver-sprechen. Leben als stete Aktion, um auf der Bühne des eigenen Lebens das Kostüm zu flicken.
Jeder Zeit bereit,
das mit Welt
Autos Gerüchen
erstickte Leben
umzustoßen. Den Verzicht
auf die Narben
des Lebens zu üben:
Kein Woher
nur Wohin.
Überall ist zu lesen: Leugne deine Schwäche, steh dafür nicht ein!
Steh einfach auf, so ist okay!
Ausweichen bedeutet,
nicht erkannt zu werden.
Alles Qual.
Die Furchtlosen
stehen einer leeren
Welt gegenüber.
Da ist nichts, was
Angst machen könnte,
nichts Störendes mehr, kein
Schrecken.
Nur: Das Spiegelbild.
Film: Gerade in seiner per Objektiv ein-gefangenen Welt, in seinem objektiv gesuchten Näherkommen an die technisch gedrehte Wirklichkeit, gibt der Film vor, nah an der Welt, am Publikum zu sein. Die Wirklichkeit im Film wird natürlich eingerichtet. Wer zweifelt, dass die Filmindustrie eine die Wirklichkeit bestimmende Einrichtung der Wirklichkeit ist? In ihrer Austauschbarkeit zeigen die Filmhelden – der vermeintliche Charakter wird oft im Klischee weggefilmt – wie jeder an seiner Statt sein könnte. Brecht bemerkt im Arbeitsjournal: „wie wenig durch die einfühlung in einen betroffenen zu verstehen ist.“ Die Einfühlung wird zur Anverwandlung des Publikums in den Filmstoff mißbraucht, gleich einer Fremdbearbeitung wird es in den Stoff hinein getrieben. Man reproduziert, was erwartet werden kann. Zugunsten einer außerordetlichen Begebenheit, einer Dramatik wird das persönliche Elend der Figuren, werden die persönlich erfahrenen Widersprüche im sozialen Bewegungsprozeß, in die als persönlich zu empfindende Wirkung, in die persönliche Katastrophe hinein getrieben. Der Kampf der widersprechenden Interessen, der Realitäten wird nur als Aus-Wirkung auf den Menschen gegen ihn, als zwischen ihm und anderen ausgetragen. Als lebten die Protoganisten als eigene Verursacher auf sich selbst. Weiter im Sich-selbst-verursachend darin kämpfend, scheiternd – was sonst? – zerreißen sie sich untereinander. Die Klassenkämpfe verkommen zu persönlichen Feten, zu individuellen Fehlern (von Generalstäben, Konzernmanagern), oder zu individueller Macht, (Highlander, Terminator). Der Kannibalismus der Einfühlung (Heiner Müller) hat in solcher Unterhaltung unmittelbar kannibale Folgen auf sein Publikum.
Die Suche nach Darstellbarkeit von Ohnmacht geht in Ohnmacht vor dem Dargestellten über.
Durch den Aufbau von Illusionen wird die Wirklichkeit verschoben: Örtlich und zeitlich hinaus. Das Nur-private, das außerhalb der gesellschaftlichen Praxis gestellte und sich dünkende Individuum ist ein partikuläres Gestirn auf das mit partikularen Interessen eingeprügelt, unterhaltend eingefühlt wird. Eine öffentliche Hinrichtung im Film bannt das Publikum als ein noch einmal davon gekommenes. Das Medium ersetzt die Message: Es kracht und explodiert, es macht unreale Morde möglich, füttert Machtfantasien.
Das Große muß durch das Kleine hindurch dargestellt werden können und das Kleine in seinem Stoff muß als was ganz großes dargestellt werden: Das Detail verbürgt seine Verstrickung mit allem und verweist über sich hinaus. So weit so gut.
In schlechten Filmen findet statt: Die Personifizierung allgemeiner Realität in einem Hauptdarsteller, einer Hauptdarstellerin als Hinderung, Realität allgemein zu fassen. Man zeigt die dadurch eingetretenen Einschränkungen an der Person und handelt sie persönlich aus. Die Materialisierungen der Produktionsverhältnisse, die ganze Komplexität von Gesellschaft, des menschlichen Ausdrucks sind nur als periphere Beschwerung des Darstellenden notwendig. Man klebt mit persönlichen Schicksalen, zutiefst einzeln erfühlten Leiden – welch Süße am Fressnapf – das konkret rumlungernde allgemeine Versagen zu, anstatt es für viele aufzudecken. Die Chance am Einzelnen wird gegen den Einzelnen erwirkt. Als Schein und Glitzer des Persönlichen: Die Schicksale werden als Bekleidung des Film-Stoffes gezeigt – es ist nur Kostüm. Der Hunger läuft im Pelz, die Katastrophen werden von den menschlichen Leistungen im Weltraum begleitet. Jede Bekleidung ist die Umhäutung profitaler Unterhaltung. Der bürgerliche Begriff des Privaten, der erst die ideologische Entfernung zur Gesellschaft aufgenommen hat, aufgrund der nötig gewordenen abhängigen Lebenshaltung zu ihr, setzt die Story, aber nicht das Begreifen in Gang. Diese Art der Individualisierung von Schicksal des Films ermöglicht zugleich Distanz. Man gewöhnt sich daran, stumpft ab. Große Emotionen sind industriell erzeugte Nebelmaschinen. Die Katharsiswirkung wird durch den emotionalen Sog schockiert. Das Insistieren auf individuelle Triebe, Betrübungen, nicht aber auf Zusammenhänge (der Katastrophen), Klänge, kommt nicht über die Person hinaus. Wenn die filmische Storyline aufrecht erhalten werden soll, auf Kosten eines Helden-Schicksals, müssen künstliche Gründe gefunden werden. Aus der Komödie im Film wird der Horrortrip, denn sie schirmt tatsächliche Ereignisse des Lebens ab. Sie verkleidet den Zuschauer zum Sympathisanden. Die Komödie versteckt durch das Gelächter die unterbrochene Tragödie.
Die Frage “Wer hat das siebentorige Theben gebaut?“ führt in die Geschichte seiner Zerstörung. Interessant ist: Wer hat es zerstört? Die Personifizierung der Geschichte verdeckt hinter der Fassade der „geschichtlichen Persönlichkeit“ die Arbeit aller daran beteiligten.
Die Fixierung auf Oberflächen – Werbeplakate, Verpackungen, Lackierungen, Brands – als konsumorientierter Individualismus.

Lifestyle-Produkte werden als Lebenssinn beworben, bevor man sich versieht, ist man in der Einbauküche gefangen. Die Freiheit existiert als Wahl, aber nicht als Befreiung. Individualismus bedeutet Beschränkung, weil die bestimmenden Produktionsprozesse das jeweilige Individiuum nur individuell beschränken: Man hat den Beruf selbst gewählt, in dem man nun verschlissen wird. Deshalb erscheinen solche Arbeitsverhältnisse, Bedingungen der Arbeit beschränkt auf das einzelne Individuum. Die jeweillige Deformation ist das Individuum und bildet sich in ihm ab. Die universelle, aber für jeden Einzelnen gesetzte Schranke, artikuliert das jeweils herausgepresste Symptom, das individuelle Innehalten. Hier der Raum für bürgerliche Geschmacksverstärker, die sich in der „Freiheit zur Wahl“ ausdrücken. Der Ohring, das Tatoo, der Benz oder Trabbi gibt über das Entscheidenmüssen keine Auskunft. Körperliche Auswucherungen erheischen individuellen Klang, Beigeschmack. Krankheitsmuster als Weise und Ausdruck gestörter Lebenskontinuität. Die Defekte definieren das Ich. Eine Notlösung. Die Evakuierung des gesellschaftlich bedrängten wie bedingten Subjekts ins Monadische ist folgerichtig: Dass sie erfolgt, ist der Erfolg. Wie das Subjekt Welt erfährt, muß übersetzt werden als Verfahren der Welt mit ihm. Erfahrungsstoff formiert das Subjekt; formiert das phänomenologisch aktuelle Geschehen als physiologischen Prozess zur pathologischen Oberfläche. Als einzelner ist der Mensch der Wartende, um ihn herum wird seine Person im Wellnessbereich, auf dem Kreuzfahrtschiff hospitalisiert. Verwaltungsakte konfiszieren seine Räume. Ständige Ermahnungen zur Rationalisierung, Beschleunigung: Alles muß noch besser gehen. Aber wohin? Der gesellschaftlich Vereinzelte ist potentiell krankhaft, symptomatisch und unvollkommen für die kapitale Maschinerie. Ein Überlebender – angesichts der Gegenwart von Terror Hunger und Not, den vielen menschlichen Schicksalen und Unfällen. Regelrecht wird zur Gesundung angetrieben. Der Überlebenwollende ist auf sich selbst entlassen, um eine unmögliche Wahl zu treffen. Es sind ungeheure Reproduktionen nötig, dem gerecht zu werden. Das Gesundheitspotential ist bei den Kranken am größten, wenn sie es bezahlen. Die Trusts verdienen an dem von ihnen erarbeiteten Gesundheitspotential bzw. -defizit.
„Der Eintritt in ein Grand Hotel beginnt für den Gast mit dem Verlust seiner ganzen Habe. Der Autoschlüssel wird ihm vom livrierten Wagenmeister weggenommen, der das Gefährt irgendwo in nicht einsehbarem Gelände abstellt. Das Gepäck wird derweil schnurstracks von drei Pagen entführt. Für einen Augenblick, der dem neuen Gast recht lang vorkommen mag, bleibt ihm nichts als das, was er auf dem Leib trägt, nicht einmal ein Zimmer, denn erst jetzt tritt man an die Rezeption, um sich den Beherbergungskünsten des Personals anzuvertrauen.“
Mit diesem Luxus wird der Mensch sinnlos gemacht. Nackt, bar seiner sonstigen Allüren, seinen Fähigkeiten beraubt, muß er jetzt in der Sonne schmoren. Die reichhaltigen Verbote, Empfehlungen, ja: der gemeine Luxus zwingt die von ihm Befallenen – im Gleichnis einer Krankheit – zu parasitärem Verhalten.
„Dieses vorgegebene Ritual der Wegnahme aller Lasten soll den Besucher zum Pflegefall de luxe machen. Die Gastlichkeit des Hauses wächst mit der exzessiven Bedürftigkeit des Gastes.“
Menschen getarnt im Luxus hilflos zu machen und danach das Abwenden der erzeugten Hilfsbedürftigkeit von denselben bezahlen zu lassen, ist ein Gebaren wie Geschäftszweig, der sich an die Struktur der Schutzgelderpressung orientiert. Der Luxus und der Rauschgifthandel setzen an dem hilflos gemachten Menschen an: Im gewissen Sinn wird im Luxus selbst Hand an der eigenen Hilflosigkeit gelegt, d. h. sie wird selbst bezahlt. Lebensentzug als Sucht oder Luxus. Vielleicht erwächst der Drogenkonsum aus Bedürftigkeit nach fühlbaren Leben und der schier grenzenlose Luxusanspruch aus dem bloßen Bedürfnis nach Herrschaft über das eigene Gefühlsleben mittels der Beherrschung anderer? Im letzten Fall, um die (produzierte) Hilflosigkeit zu maskieren, im ersten Fall, um sie zu überwinden, abzubauen.
„Wer nicht ohne Zögern den Wagenmeister zum Herbeibringen der im Wagen vergessenen Sonnenbrille und gleich darauf wieder zum Apportieren der Landkarte losschickt, der wird wohl nie die erwartete Ansprüchlichkeit eines Grand-Hotel-Gastes entwickeln. Nicht nur das Personal, auch der Gast muss sich in die forcierte Dienstleistungsgesellschaft einüben und jene Scham verscheuchen, die einen, ungleich heftiger, vor einem knienden Schuhputzer befallen kann.“
Im Überfluß von Erfahrungsangeboten, von wahrzunehmender Vielheit, wenn zu viele Ereigniskoordinaten eintreffen, scheinen sich die dazugehörigen memorierten Zeiten nicht entwickeln zu können – es spriest überall, überall hin – die Erinnerung findet keinen Platz, erhält keine leibliche – nervige – Substanz. Der eventuell noch selbstständig vorgebrachte Rückzug aus dem Zuviel (aus dem als zu intensiv empfundenen Ereignisangebot) bereitet schließlich die Angst vor, oder ist schon deren Ergebnis, das Gedächtnis zu verlieren, das alles nicht verarbeiten zu können. Darin spricht sich aus, das Gedachtes, Gedächtnis, die Erinnerung an Gedanken eine Bedingung des Denkens ist: Der Rückgriff auf das Netzwerk der Vernetzungen: Erfahrung. Die Verkörperung der wahrgenommenen Objekte in den neuronalen Vernetzungen haften den Objekten als gedachtes, als erinnerbares an. Manchmal ist es sogar der Duft, der immer wieder kehrt, wenn ich Glas klirren höre. Der Duft und das Glas sind vom ersten wahrnehmenden Moment an zusammengeschweißt.
Die Schwierigkeit ist, sich vorzustellen, dass es wahrscheinlich keine Trennung von Information (Reizsignal, Wachstum der Dendriten) und Medium existiert. Das Wachsen der Sprossen ist die Information, d.h., wie sie – wohin – wachsen. Duft und Glas.
Wie sieht die Deformierung der Psyche aus, wenn statt des Raumes (des Ereignisraumes, der Ereigniskoordinate) die Zeit aus der Erinnerung (dem Erinnerungsgebäude) verschwindet? Sich das Gedächtnis, die Funktion der Zeit sich in unwirklich scheinende Gedanken auflöst, verklumpt, weil der räumliche Bezug fehlt? Es entstehen zwei Wirklichkeiten: das Gehirn als materialisierte Form (als Aktualisierungprozess) gebundener Erinnerungen – denn die Gedanken sind da – und die verschwommene Örtlichkeit der Erinnungen, denen ihre wahrhaftigen Bezüge entzogen worden sind. Wenn die Ereigniskoordinaten der Erinnerung nichts mehr erzählen vermögen? In Bezug auf die Psyche – daß jemand etwas wisse, aber nicht (mehr) sehen kann – beschränkt sich hier die Erinnerung, die ihre Zeit verloren hat, auf das Sehen, daß nichts mehr weiß! Leer zu starren in einen sinnlos gewordenen Raum; ohne Gewußtes mehr. Eine Entleiblichung der Zeit, der Erinnerung findet statt, aber bietet kein örtliches Echo. Das Erinnerte schrumpft zur bloßen Existenz: Wer bin ich? Wer bist du? Dein Sohn!
Man (Wer?) weiß noch die Begebenheit, aber ob Gestern oder vor Jahren kann nicht erfasst werden. Jetzt jetzt jetzt jetzt, immer neu neu neu, geil, wahnsinn…
Wenn Erinnerung nicht mehr an ihre räumliche Koordinate, ursprüngliche Topografie, an ihre verorteten Einschreibungen anknüpfen kann, ihr Seil des Herkommens verloren hat, wenn eben diese konkrete Raum- und Zeitimplikation zerstört wurde, vermag das Erinnern nicht, sich eines Ausgangspunktes zu versichern. Der Vergegenwärtigung des erinnerten Ereignisses fehlt die Verbindung zum Realitätsraum. Das Erinnern nimmt unwirkliche Züge an; es wird abstrakt wie ein fake. Die ehemalige Praxis – in Zeit und Ort – zieht sich in graue Berge des Vergessens zurück – nichts ist an dem Ort treu der Erinnerung. Das Erinnerte muss verwesen oder zum Paradies mutieren, weil die Verknüpfung zur Jetztzeit des Individuums fehlschlägt. Dieser Widerspruch zwischen dem Wissen da war das und das passiert, da stand doch meine Werkhalle und aber dem Nicht-mehr-Sehen, Nicht-Auffinden, wo das alles war, wo die bestimmte Erfahrung – auf die ja die Erinnerung zurückleitet – passierte, depressiert schließlich das Individuum. Das Wiedererkennen erhält in diesem Verhältnis eine existentielle Bedeutung, die dem Individuum sicher in seine Zeitformen einwebt und ihm seine (Erfahrungs-) Kontinuität zu sich selbst erhält. Ohne diese Kontinuität lastet das gelebte Leben als ausgelöschtes Verhältnis zur Gegenwart unabgeglichen auf dem enträumlichten Menschen. Lebenskontinuität entsteht aus einer stabilen Beziehung zwischen physiologisch abgelegter Raum-Zeitimplikation – eine neuronale Re-Aktions-Vernetzung – und deren weltlicher Wiederauffindbarkeit. Man braucht die Spuren. Die Erfahrungskontinuität beruht auf raum-zeit-gültigen Vernetzungen – also eine bestimmte Art der Vernetzung wird jeweils mit einem Zeitstempel verknüpft. Der Entzug der raumgültigen Grundrisse (Netzstruktur) – die Trennung von Information und Medium – einer Erinnerung durch die Zerstörung ihrer raum-zeitlichen Koordinaten – oder sind es Knoten? – in der Topografie, Knotenstruktur des abgelegten wie erinnerbaren Ereignisses fußt auf der verorteten wie verzeitlichten Verknüpfung des (erinnerten) Ereignisses, der Begebenheit zum Hier und Jetzt. Die Verknüpfung von Information als Wissenserzeugung – gleichbedeutend mit der neuronalen Wegbeschreibung zum erlangten Wissen: Erinnerung. Die Verknüpfung von Raum (= Vernetzung der Vernetzung) und Zeit (eine Art archäologische Schichtung der Vernetzungen) zum Ereignis ist in diesem Sinn Erinnerung und ist der Sinn von Erinnerung.
Wenn der entwickelte Erfahrungszusammenhang (Lebenskontinuität) durch steten Orts- bzw. Berufswechsel entzogen oder materiell zerstört wurde – die Erinnerung trügt – kann es zu verstörtem und dann zerstörerischem Verhalten führen. Die erlernte wie vorgeprägte (habituierte) Lebensweise mit ihren darin gewonnenen Erfahrungen folgt vorherrschenden Lebensbedingungen und ist als kündbare Verpackung stets labil und gefährdet. Eine Revolution und die Biografie erfährt Bestätigung oder wird sinnlos.
Als „Präsenz des Vergangenen im Gegenwärtigen“ ist ein Großteil von Erfahrung beschreibbar, besonders wenn Erfahrung als abrufbarer Denk- und oder Gewißheitsstatus auftritt – sie sich in Wiederholungsmustern zeigt, verfestigt. Die Wiederholung von Erfahrung korreliert mit dem Lustgewinn durch die Wiederholung. Aber gerade in der Wiederholung zeigt sich der strukturgebende Prozeß zirkulärer Realität. Die Erfahrung ist eine Spur, ein Trampelpfad, dessen Benutzung eine Art Verlässlichkeit für die Gegenwart erzeugt. Sie ermöglicht mit dem Schon-Gewußten das Unabgeglichene zu erobern. Die Matrix meiner Erfahrung ist das grobe Netz auf unbekanntem Gelände. Das etwas zur Erfahrung gelingt, braucht den Mut und den Eigensinn, das, was als Handeln geschah, nochmal zu probieren. Die Erfahrung des ersten Kusses konnte sich durch die wiederholten Küsse festigen, steigern; der jähe Atem damals erinnert sich mir im Vergleich zu seiner sonstigen, heutigen Normalität. Aber auch das Jetzige ist gesichert in den zeitlichen Ablagerungen, der Vergangenheit, in der Schlacke. Meine Rückstände sind meine Gehhilfen. Zufriedenheit als ein In-sich-ruhen, d. h. aus seinem eigenen Erfahrungs-Schwerpunkt heraus zu agieren, würde dann das Auskommen mit den gemachten Erfahrungen bezeugen. Reißt aber die Erfahrungskontinuität ab (z. B. durch ständigen Arbeitsplatzwechsel), entschwinden die Erfahrungs-Ablagerungen und das Dasein böte keine vergehende Zeit mehr an, keinen Schutz im Vergangenen. Nur die Zeit treibt auseinander. Lebensspalt, Schwemmland. Ursache (Entspringen) und Wirkung (Aufkommen) betreten und treffen nie den gleichen Platz,
„Theorie ist die artikulierte Vision der Erfahrung.“ Von der Erfahrung zur Vision kommen – nur welche kann man sich anziehen? Die Möglichkeit menschlichen Daseins erfordert menschliche Beziehungen im gesellschaftlichen Austausch. Was für eine Vision! Die menschlichen Beziehungen selbst, die zur Erfahrung durchschlagende Kommunikation ist ja schon ein gestörtes Verhältnis, das von Ausgrenzung, Überforderung zur Entgrenzung, Anpassung, Überwindung als Autonomie, zweckgerichteter Kommunikationsherrschaft beeinflusst, gar diktiert wird. Die stete Transformierung der Kommunikationsverhältnisse in Warenverhältnisse, die ständige Auflösung des Menschen in seine markt- und entfremdungsfähigen Bestandteile führt schließlich zur Ablösung von dem, was jemals dem Leben (als ein Sich-selbst-genügendes) noch unterstellt werden kann.
[Ausführung abgebrochen]
Ist unsere Selbstreferenz nicht das Ergebnis normativer Fremdreferenz, auch wenn Fremdreferenz uns seltener glückt? „Sein heißt, wahrgenommen werden.“ Wie wir wahrgenommen werden, entspricht nicht notwendigerweise dem, wie wir uns selbst wahrnehmen und: das gilt natürlich vice versa. Das Sehen des Anderen schließt den Blick auf sich selbst mit ein – um der zu sein, als den man sich zu sehen wünscht. Als solitäre Menschen können wir auch auf die Wahrnehmungen von uns selbst reagieren (Selbstreferenz). Auch wenn wir uns in anderen somit spiegeln, peinlichst auf die Rückkopplung der anderen auf uns achten, werden wir uns diese Spiegel nicht so einrichten können, dass wir sie als unsere Spiegel kontrollieren können. Und doch begreifen wir uns zuweilen als eigenwilliges Resultat unserer selbst – entkoppeln uns von den Spiegelblicken der anderen und stellen uns mit großer Geste als Individuum dar. Als ein Ego, das sich ohne die Rekursion der anderen begreift. Selbst-Wahrnehmung mutiert zum selbstverschlingenden Partizipationsbedürfnis an sich selbst. Selbstdarsteller, Performer… Die Reaktion auf die Wahrnehmung des Selbst durch andere (deren Zuschreibungen) führt zur steten Modellierung der Selbstwahrnehmung. Der beobachtete Mensch internalisiert sich zum Reaktions-Feld, als ein Echo der ihn durch Wahrnehmung verflechtenden Umwelt? Es entsteht in diesem Wahrgenommen-Werden eine Einheit von gesellschaftlicher (Außen) und individueller Ebene (Innen), von entäußerter Wahrnehmungsfläche (ich will gesehen werden) mit äußerer Zuschreibung (ich werde gesehen und beschrieben). „Weil das normative Selbstbild eines jeden Menschen […] auf die Möglichkeit der steten Rückversicherung im Anderen angewiesen ist.“ – Die Seile der sinnlichen Reize, die das Subjekt auswirft, umknoten seine Oberfläche, halten es im und durch den Anderen fest. Dieses Einschmelzen des Ich durch den Beschreibungsvorgang des Wahr-genommen-seins in den Objekt-Schatten der Welt erfordert eine stete Modulation von dem, was als Wahrnehmungsstoff neu angenommen werden kann. Die Anverwandlung der Sinne in den vorherrschenden Sinn ist gefragt. Sowohl die Anpassung der Nervenzellen an die sinnlichen Qualitäten der Welt (Hell-Dunkel, Aggregatzustände, Riechen usw.) wie deren individuelle Neuformulierung münden beständig in jenes Sein des Subjekts, das sich aus seinem Wahrgenommen-Werden rekonstruiert.
Auf welche Seite der Beobachtung kann man sich schlagen, wenn es gilt, sich in die Phänomene zu schicken? Betrachte ich etwas als Bakterienkultur oder bin ich von Pest betroffen? Das Ich ist also das, was an ihm wahrgenommen, und es ist nur das, was es selbst in der Lage ist, wahrzunehmen. Konstitutiv. Die wahrgenommen Gegenstände sind ebenso das Baumaterial für seine eigene Kommunikationsmaschine. Was vom Gegenstand wahrgenommen, daraus besteht er, darin besteht dessen Einzäunung, auf die jeweilig gewählten Beschreibungskategorien wird der Gegenstand eingedampft. Die Beschreibungskontexte bedingen dieses Verhältnis. Sofern das Individuum erkennt, was an ihm wahrgenommen wird und was von ihm in die jeweiligen Beschreibungskontexte abfließt, kann das von ihm Wahrgenommene sein wahrer Dienst an sich selbst werden und der Verlust seiner solipsistischen Einzelheit zugleich. Nur das Genommene ist wahr.
Wahrnehmung als Liebesakt
Perzeption geht in Auflösung über, weil das Individuum im unaufhörlichen Ringen um neue Wahrnehmungs-Selbstdarstellungs-Angebote Gefahr läuft, sich zu verschleißen.
Die Rezeption sinnlicher Qualitäten in Kunstwerken stellt einen Moment geglückter Verschmelzung von Sinn und Sein dar. Der Wahrnehmungssinn stellt hier den Sinn gemachter Wahrnehmung her. Die Perzeption als der Faden zwischen Individuum und dem von ihm Wahrgenommenen bleibt ambivalent und ist die grüne Ampel zur Konfusion: Das Ich mit seiner Negation im Hier wie Dort ist Körper und sein Gegenstand. Das, was ich mir aneigne, sehe, rieche, höre, entspricht meiner temporären Wahrnehmung. Das, was meiner körperlichen Matrix (meinen Wahrnehmungssinnen) am Wahrgenommenen entspricht, was sie ansprechen kann und ihnen derart sinngemäß entspringt, eignet sich mir gemäßer an. Was physiologisch und psychologisch dem aktuellen habituierten Status entgegenkommt (entsprechend geeignet) ist, eigne ich mir überhaupt erst an. Ein – sich ständig resozialisierender – Rahmen von Präferenzen, Präformation und Prägung. Als wäre Wahrnehmung auf Wahrnehmbares gestützt, verfolgt die Katze jede Bewegung der Maus doch mit jeder Faser ihrer Körpersinne. Die Bildung des Wahrnehmungs-Sinns scheint genetisch mit dem Objekt der Wahrnehmung zu kooperieren. Maus und Katze gehören zusammen, einander fixiert, mit ACTG-Kombinationen in einer genetisch-ontologischen Beziehung festgelegt. Im Wahrnehmen selbst ist dessen Negativität gesetzt. Wo ich nichts mehr sehe, verschwindet mein Sichtbares selber. Das erkenne ich, nur das, nichts anderes, mehr nicht, mehr sehe ich nicht… Die Nichtigkeit fährt mit. Der Platz gegen das Neue, das Hinzukommende heißt Vergessen. Es ist schwer, stets „bedacht“ zu sagen.