Film: Gerade in seiner per Objektiv ein-gefangenen Welt, in seinem objektiv gesuchten Näherkommen an die technisch gedrehte Wirklichkeit, gibt der Film vor, nah an der Welt, am Publikum zu sein. Die Wirklichkeit im Film wird natürlich eingerichtet. Wer zweifelt, dass die Filmindustrie eine die Wirklichkeit bestimmende Einrichtung der Wirklichkeit ist? In ihrer Austauschbarkeit zeigen die Filmhelden – der vermeintliche Charakter wird oft im Klischee weggefilmt – wie jeder an seiner Statt sein könnte. Brecht bemerkt im Arbeitsjournal: „wie wenig durch die einfühlung in einen betroffenen zu verstehen ist.“ Die Einfühlung wird zur Anverwandlung des Publikums in den Filmstoff mißbraucht, gleich einer Fremdbearbeitung wird es in den Stoff hinein getrieben. Man reproduziert, was erwartet werden kann. Zugunsten einer außerordetlichen Begebenheit, einer Dramatik wird das persönliche Elend der Figuren, werden die persönlich erfahrenen Widersprüche im sozialen Bewegungsprozeß, in die als persönlich zu empfindende Wirkung, in die persönliche Katastrophe hinein getrieben. Der Kampf der widersprechenden Interessen, der Realitäten wird nur als Aus-Wirkung auf den Menschen gegen ihn, als zwischen ihm und anderen ausgetragen. Als lebten die Protoganisten als eigene Verursacher auf sich selbst. Weiter im Sich-selbst-verursachend darin kämpfend, scheiternd – was sonst? – zerreißen sie sich untereinander. Die Klassenkämpfe verkommen zu persönlichen Feten, zu individuellen Fehlern (von Generalstäben, Konzernmanagern), oder zu individueller Macht, (Highlander, Terminator). Der Kannibalismus der Einfühlung (Heiner Müller) hat in solcher Unterhaltung unmittelbar kannibale Folgen auf sein Publikum.
Die Suche nach Darstellbarkeit von Ohnmacht geht in Ohnmacht vor dem Dargestellten über.
Durch den Aufbau von Illusionen wird die Wirklichkeit verschoben: Örtlich und zeitlich hinaus. Das Nur-private, das außerhalb der gesellschaftlichen Praxis gestellte und sich dünkende Individuum ist ein partikuläres Gestirn auf das mit partikularen Interessen eingeprügelt, unterhaltend eingefühlt wird. Eine öffentliche Hinrichtung im Film bannt das Publikum als ein noch einmal davon gekommenes. Das Medium ersetzt die Message: Es kracht und explodiert, es macht unreale Morde möglich, füttert Machtfantasien.
Das Große muß durch das Kleine hindurch dargestellt werden können und das Kleine in seinem Stoff muß als was ganz großes dargestellt werden: Das Detail verbürgt seine Verstrickung mit allem und verweist über sich hinaus. So weit so gut.
In schlechten Filmen findet statt: Die Personifizierung allgemeiner Realität in einem Hauptdarsteller, einer Hauptdarstellerin als Hinderung, Realität allgemein zu fassen. Man zeigt die dadurch eingetretenen Einschränkungen an der Person und handelt sie persönlich aus. Die Materialisierungen der Produktionsverhältnisse, die ganze Komplexität von Gesellschaft, des menschlichen Ausdrucks sind nur als periphere Beschwerung des Darstellenden notwendig. Man klebt mit persönlichen Schicksalen, zutiefst einzeln erfühlten Leiden – welch Süße am Fressnapf – das konkret rumlungernde allgemeine Versagen zu, anstatt es für viele aufzudecken. Die Chance am Einzelnen wird gegen den Einzelnen erwirkt. Als Schein und Glitzer des Persönlichen: Die Schicksale werden als Bekleidung des Film-Stoffes gezeigt – es ist nur Kostüm. Der Hunger läuft im Pelz, die Katastrophen werden von den menschlichen Leistungen im Weltraum begleitet. Jede Bekleidung ist die Umhäutung profitaler Unterhaltung. Der bürgerliche Begriff des Privaten, der erst die ideologische Entfernung zur Gesellschaft aufgenommen hat, aufgrund der nötig gewordenen abhängigen Lebenshaltung zu ihr, setzt die Story, aber nicht das Begreifen in Gang. Diese Art der Individualisierung von Schicksal des Films ermöglicht zugleich Distanz. Man gewöhnt sich daran, stumpft ab. Große Emotionen sind industriell erzeugte Nebelmaschinen. Die Katharsiswirkung wird durch den emotionalen Sog schockiert. Das Insistieren auf individuelle Triebe, Betrübungen, nicht aber auf Zusammenhänge (der Katastrophen), Klänge, kommt nicht über die Person hinaus. Wenn die filmische Storyline aufrecht erhalten werden soll, auf Kosten eines Helden-Schicksals, müssen künstliche Gründe gefunden werden. Aus der Komödie im Film wird der Horrortrip, denn sie schirmt tatsächliche Ereignisse des Lebens ab. Sie verkleidet den Zuschauer zum Sympathisanden. Die Komödie versteckt durch das Gelächter die unterbrochene Tragödie.
Die Frage “Wer hat das siebentorige Theben gebaut?“ führt in die Geschichte seiner Zerstörung. Interessant ist: Wer hat es zerstört? Die Personifizierung der Geschichte verdeckt hinter der Fassade der „geschichtlichen Persönlichkeit“ die Arbeit aller daran beteiligten.
Die Fixierung auf Oberflächen – Werbeplakate, Verpackungen, Lackierungen, Brands – als konsumorientierter Individualismus.

Lifestyle-Produkte werden als Lebenssinn beworben, bevor man sich versieht, ist man in der Einbauküche gefangen. Die Freiheit existiert als Wahl, aber nicht als Befreiung. Individualismus bedeutet Beschränkung, weil die bestimmenden Produktionsprozesse das jeweilige Individiuum nur individuell beschränken: Man hat den Beruf selbst gewählt, in dem man nun verschlissen wird. Deshalb erscheinen solche Arbeitsverhältnisse, Bedingungen der Arbeit beschränkt auf das einzelne Individuum. Die jeweillige Deformation ist das Individuum und bildet sich in ihm ab. Die universelle, aber für jeden Einzelnen gesetzte Schranke, artikuliert das jeweils herausgepresste Symptom, das individuelle Innehalten. Hier der Raum für bürgerliche Geschmacksverstärker, die sich in der „Freiheit zur Wahl“ ausdrücken. Der Ohring, das Tatoo, der Benz oder Trabbi gibt über das Entscheidenmüssen keine Auskunft. Körperliche Auswucherungen erheischen individuellen Klang, Beigeschmack. Krankheitsmuster als Weise und Ausdruck gestörter Lebenskontinuität. Die Defekte definieren das Ich. Eine Notlösung. Die Evakuierung des gesellschaftlich bedrängten wie bedingten Subjekts ins Monadische ist folgerichtig: Dass sie erfolgt, ist der Erfolg. Wie das Subjekt Welt erfährt, muß übersetzt werden als Verfahren der Welt mit ihm. Erfahrungsstoff formiert das Subjekt; formiert das phänomenologisch aktuelle Geschehen als physiologischen Prozess zur pathologischen Oberfläche. Als einzelner ist der Mensch der Wartende, um ihn herum wird seine Person im Wellnessbereich, auf dem Kreuzfahrtschiff hospitalisiert. Verwaltungsakte konfiszieren seine Räume. Ständige Ermahnungen zur Rationalisierung, Beschleunigung: Alles muß noch besser gehen. Aber wohin? Der gesellschaftlich Vereinzelte ist potentiell krankhaft, symptomatisch und unvollkommen für die kapitale Maschinerie. Ein Überlebender – angesichts der Gegenwart von Terror Hunger und Not, den vielen menschlichen Schicksalen und Unfällen. Regelrecht wird zur Gesundung angetrieben. Der Überlebenwollende ist auf sich selbst entlassen, um eine unmögliche Wahl zu treffen. Es sind ungeheure Reproduktionen nötig, dem gerecht zu werden. Das Gesundheitspotential ist bei den Kranken am größten, wenn sie es bezahlen. Die Trusts verdienen an dem von ihnen erarbeiteten Gesundheitspotential bzw. -defizit.
„Der Eintritt in ein Grand Hotel beginnt für den Gast mit dem Verlust seiner ganzen Habe. Der Autoschlüssel wird ihm vom livrierten Wagenmeister weggenommen, der das Gefährt irgendwo in nicht einsehbarem Gelände abstellt. Das Gepäck wird derweil schnurstracks von drei Pagen entführt. Für einen Augenblick, der dem neuen Gast recht lang vorkommen mag, bleibt ihm nichts als das, was er auf dem Leib trägt, nicht einmal ein Zimmer, denn erst jetzt tritt man an die Rezeption, um sich den Beherbergungskünsten des Personals anzuvertrauen.“
Mit diesem Luxus wird der Mensch sinnlos gemacht. Nackt, bar seiner sonstigen Allüren, seinen Fähigkeiten beraubt, muß er jetzt in der Sonne schmoren. Die reichhaltigen Verbote, Empfehlungen, ja: der gemeine Luxus zwingt die von ihm Befallenen – im Gleichnis einer Krankheit – zu parasitärem Verhalten.
„Dieses vorgegebene Ritual der Wegnahme aller Lasten soll den Besucher zum Pflegefall de luxe machen. Die Gastlichkeit des Hauses wächst mit der exzessiven Bedürftigkeit des Gastes.“
Menschen getarnt im Luxus hilflos zu machen und danach das Abwenden der erzeugten Hilfsbedürftigkeit von denselben bezahlen zu lassen, ist ein Gebaren wie Geschäftszweig, der sich an die Struktur der Schutzgelderpressung orientiert. Der Luxus und der Rauschgifthandel setzen an dem hilflos gemachten Menschen an: Im gewissen Sinn wird im Luxus selbst Hand an der eigenen Hilflosigkeit gelegt, d. h. sie wird selbst bezahlt. Lebensentzug als Sucht oder Luxus. Vielleicht erwächst der Drogenkonsum aus Bedürftigkeit nach fühlbaren Leben und der schier grenzenlose Luxusanspruch aus dem bloßen Bedürfnis nach Herrschaft über das eigene Gefühlsleben mittels der Beherrschung anderer? Im letzten Fall, um die (produzierte) Hilflosigkeit zu maskieren, im ersten Fall, um sie zu überwinden, abzubauen.
„Wer nicht ohne Zögern den Wagenmeister zum Herbeibringen der im Wagen vergessenen Sonnenbrille und gleich darauf wieder zum Apportieren der Landkarte losschickt, der wird wohl nie die erwartete Ansprüchlichkeit eines Grand-Hotel-Gastes entwickeln. Nicht nur das Personal, auch der Gast muss sich in die forcierte Dienstleistungsgesellschaft einüben und jene Scham verscheuchen, die einen, ungleich heftiger, vor einem knienden Schuhputzer befallen kann.“
Im Überfluß von Erfahrungsangeboten, von wahrzunehmender Vielheit, wenn zu viele Ereigniskoordinaten eintreffen, scheinen sich die dazugehörigen memorierten Zeiten nicht entwickeln zu können – es spriest überall, überall hin – die Erinnerung findet keinen Platz, erhält keine leibliche – nervige – Substanz. Der eventuell noch selbstständig vorgebrachte Rückzug aus dem Zuviel (aus dem als zu intensiv empfundenen Ereignisangebot) bereitet schließlich die Angst vor, oder ist schon deren Ergebnis, das Gedächtnis zu verlieren, das alles nicht verarbeiten zu können. Darin spricht sich aus, das Gedachtes, Gedächtnis, die Erinnerung an Gedanken eine Bedingung des Denkens ist: Der Rückgriff auf das Netzwerk der Vernetzungen: Erfahrung. Die Verkörperung der wahrgenommenen Objekte in den neuronalen Vernetzungen haften den Objekten als gedachtes, als erinnerbares an. Manchmal ist es sogar der Duft, der immer wieder kehrt, wenn ich Glas klirren höre. Der Duft und das Glas sind vom ersten wahrnehmenden Moment an zusammengeschweißt.
Die Schwierigkeit ist, sich vorzustellen, dass es wahrscheinlich keine Trennung von Information (Reizsignal, Wachstum der Dendriten) und Medium existiert. Das Wachsen der Sprossen ist die Information, d.h., wie sie – wohin – wachsen. Duft und Glas.
Wie sieht die Deformierung der Psyche aus, wenn statt des Raumes (des Ereignisraumes, der Ereigniskoordinate) die Zeit aus der Erinnerung (dem Erinnerungsgebäude) verschwindet? Sich das Gedächtnis, die Funktion der Zeit sich in unwirklich scheinende Gedanken auflöst, verklumpt, weil der räumliche Bezug fehlt? Es entstehen zwei Wirklichkeiten: das Gehirn als materialisierte Form (als Aktualisierungprozess) gebundener Erinnerungen – denn die Gedanken sind da – und die verschwommene Örtlichkeit der Erinnungen, denen ihre wahrhaftigen Bezüge entzogen worden sind. Wenn die Ereigniskoordinaten der Erinnerung nichts mehr erzählen vermögen? In Bezug auf die Psyche – daß jemand etwas wisse, aber nicht (mehr) sehen kann – beschränkt sich hier die Erinnerung, die ihre Zeit verloren hat, auf das Sehen, daß nichts mehr weiß! Leer zu starren in einen sinnlos gewordenen Raum; ohne Gewußtes mehr. Eine Entleiblichung der Zeit, der Erinnerung findet statt, aber bietet kein örtliches Echo. Das Erinnerte schrumpft zur bloßen Existenz: Wer bin ich? Wer bist du? Dein Sohn!
Man (Wer?) weiß noch die Begebenheit, aber ob Gestern oder vor Jahren kann nicht erfasst werden. Jetzt jetzt jetzt jetzt, immer neu neu neu, geil, wahnsinn…
Wenn Erinnerung nicht mehr an ihre räumliche Koordinate, ursprüngliche Topografie, an ihre verorteten Einschreibungen anknüpfen kann, ihr Seil des Herkommens verloren hat, wenn eben diese konkrete Raum- und Zeitimplikation zerstört wurde, vermag das Erinnern nicht, sich eines Ausgangspunktes zu versichern. Der Vergegenwärtigung des erinnerten Ereignisses fehlt die Verbindung zum Realitätsraum. Das Erinnern nimmt unwirkliche Züge an; es wird abstrakt wie ein fake. Die ehemalige Praxis – in Zeit und Ort – zieht sich in graue Berge des Vergessens zurück – nichts ist an dem Ort treu der Erinnerung. Das Erinnerte muss verwesen oder zum Paradies mutieren, weil die Verknüpfung zur Jetztzeit des Individuums fehlschlägt. Dieser Widerspruch zwischen dem Wissen da war das und das passiert, da stand doch meine Werkhalle und aber dem Nicht-mehr-Sehen, Nicht-Auffinden, wo das alles war, wo die bestimmte Erfahrung – auf die ja die Erinnerung zurückleitet – passierte, depressiert schließlich das Individuum. Das Wiedererkennen erhält in diesem Verhältnis eine existentielle Bedeutung, die dem Individuum sicher in seine Zeitformen einwebt und ihm seine (Erfahrungs-) Kontinuität zu sich selbst erhält. Ohne diese Kontinuität lastet das gelebte Leben als ausgelöschtes Verhältnis zur Gegenwart unabgeglichen auf dem enträumlichten Menschen. Lebenskontinuität entsteht aus einer stabilen Beziehung zwischen physiologisch abgelegter Raum-Zeitimplikation – eine neuronale Re-Aktions-Vernetzung – und deren weltlicher Wiederauffindbarkeit. Man braucht die Spuren. Die Erfahrungskontinuität beruht auf raum-zeit-gültigen Vernetzungen – also eine bestimmte Art der Vernetzung wird jeweils mit einem Zeitstempel verknüpft. Der Entzug der raumgültigen Grundrisse (Netzstruktur) – die Trennung von Information und Medium – einer Erinnerung durch die Zerstörung ihrer raum-zeitlichen Koordinaten – oder sind es Knoten? – in der Topografie, Knotenstruktur des abgelegten wie erinnerbaren Ereignisses fußt auf der verorteten wie verzeitlichten Verknüpfung des (erinnerten) Ereignisses, der Begebenheit zum Hier und Jetzt. Die Verknüpfung von Information als Wissenserzeugung – gleichbedeutend mit der neuronalen Wegbeschreibung zum erlangten Wissen: Erinnerung. Die Verknüpfung von Raum (= Vernetzung der Vernetzung) und Zeit (eine Art archäologische Schichtung der Vernetzungen) zum Ereignis ist in diesem Sinn Erinnerung und ist der Sinn von Erinnerung.
Wenn der entwickelte Erfahrungszusammenhang (Lebenskontinuität) durch steten Orts- bzw. Berufswechsel entzogen oder materiell zerstört wurde – die Erinnerung trügt – kann es zu verstörtem und dann zerstörerischem Verhalten führen. Die erlernte wie vorgeprägte (habituierte) Lebensweise mit ihren darin gewonnenen Erfahrungen folgt vorherrschenden Lebensbedingungen und ist als kündbare Verpackung stets labil und gefährdet. Eine Revolution und die Biografie erfährt Bestätigung oder wird sinnlos.
Als „Präsenz des Vergangenen im Gegenwärtigen“ ist ein Großteil von Erfahrung beschreibbar, besonders wenn Erfahrung als abrufbarer Denk- und oder Gewißheitsstatus auftritt – sie sich in Wiederholungsmustern zeigt, verfestigt. Die Wiederholung von Erfahrung korreliert mit dem Lustgewinn durch die Wiederholung. Aber gerade in der Wiederholung zeigt sich der strukturgebende Prozeß zirkulärer Realität. Die Erfahrung ist eine Spur, ein Trampelpfad, dessen Benutzung eine Art Verlässlichkeit für die Gegenwart erzeugt. Sie ermöglicht mit dem Schon-Gewußten das Unabgeglichene zu erobern. Die Matrix meiner Erfahrung ist das grobe Netz auf unbekanntem Gelände. Das etwas zur Erfahrung gelingt, braucht den Mut und den Eigensinn, das, was als Handeln geschah, nochmal zu probieren. Die Erfahrung des ersten Kusses konnte sich durch die wiederholten Küsse festigen, steigern; der jähe Atem damals erinnert sich mir im Vergleich zu seiner sonstigen, heutigen Normalität. Aber auch das Jetzige ist gesichert in den zeitlichen Ablagerungen, der Vergangenheit, in der Schlacke. Meine Rückstände sind meine Gehhilfen. Zufriedenheit als ein In-sich-ruhen, d. h. aus seinem eigenen Erfahrungs-Schwerpunkt heraus zu agieren, würde dann das Auskommen mit den gemachten Erfahrungen bezeugen. Reißt aber die Erfahrungskontinuität ab (z. B. durch ständigen Arbeitsplatzwechsel), entschwinden die Erfahrungs-Ablagerungen und das Dasein böte keine vergehende Zeit mehr an, keinen Schutz im Vergangenen. Nur die Zeit treibt auseinander. Lebensspalt, Schwemmland. Ursache (Entspringen) und Wirkung (Aufkommen) betreten und treffen nie den gleichen Platz,
„Theorie ist die artikulierte Vision der Erfahrung.“ Von der Erfahrung zur Vision kommen – nur welche kann man sich anziehen? Die Möglichkeit menschlichen Daseins erfordert menschliche Beziehungen im gesellschaftlichen Austausch. Was für eine Vision! Die menschlichen Beziehungen selbst, die zur Erfahrung durchschlagende Kommunikation ist ja schon ein gestörtes Verhältnis, das von Ausgrenzung, Überforderung zur Entgrenzung, Anpassung, Überwindung als Autonomie, zweckgerichteter Kommunikationsherrschaft beeinflusst, gar diktiert wird. Die stete Transformierung der Kommunikationsverhältnisse in Warenverhältnisse, die ständige Auflösung des Menschen in seine markt- und entfremdungsfähigen Bestandteile führt schließlich zur Ablösung von dem, was jemals dem Leben (als ein Sich-selbst-genügendes) noch unterstellt werden kann.
[Ausführung abgebrochen]
Ist unsere Selbstreferenz nicht das Ergebnis normativer Fremdreferenz, auch wenn Fremdreferenz uns seltener glückt? „Sein heißt, wahrgenommen werden.“ Wie wir wahrgenommen werden, entspricht nicht notwendigerweise dem, wie wir uns selbst wahrnehmen und: das gilt natürlich vice versa. Das Sehen des Anderen schließt den Blick auf sich selbst mit ein – um der zu sein, als den man sich zu sehen wünscht. Als solitäre Menschen können wir auch auf die Wahrnehmungen von uns selbst reagieren (Selbstreferenz). Auch wenn wir uns in anderen somit spiegeln, peinlichst auf die Rückkopplung der anderen auf uns achten, werden wir uns diese Spiegel nicht so einrichten können, dass wir sie als unsere Spiegel kontrollieren können. Und doch begreifen wir uns zuweilen als eigenwilliges Resultat unserer selbst – entkoppeln uns von den Spiegelblicken der anderen und stellen uns mit großer Geste als Individuum dar. Als ein Ego, das sich ohne die Rekursion der anderen begreift. Selbst-Wahrnehmung mutiert zum selbstverschlingenden Partizipationsbedürfnis an sich selbst. Selbstdarsteller, Performer… Die Reaktion auf die Wahrnehmung des Selbst durch andere (deren Zuschreibungen) führt zur steten Modellierung der Selbstwahrnehmung. Der beobachtete Mensch internalisiert sich zum Reaktions-Feld, als ein Echo der ihn durch Wahrnehmung verflechtenden Umwelt? Es entsteht in diesem Wahrgenommen-Werden eine Einheit von gesellschaftlicher (Außen) und individueller Ebene (Innen), von entäußerter Wahrnehmungsfläche (ich will gesehen werden) mit äußerer Zuschreibung (ich werde gesehen und beschrieben). „Weil das normative Selbstbild eines jeden Menschen […] auf die Möglichkeit der steten Rückversicherung im Anderen angewiesen ist.“ – Die Seile der sinnlichen Reize, die das Subjekt auswirft, umknoten seine Oberfläche, halten es im und durch den Anderen fest. Dieses Einschmelzen des Ich durch den Beschreibungsvorgang des Wahr-genommen-seins in den Objekt-Schatten der Welt erfordert eine stete Modulation von dem, was als Wahrnehmungsstoff neu angenommen werden kann. Die Anverwandlung der Sinne in den vorherrschenden Sinn ist gefragt. Sowohl die Anpassung der Nervenzellen an die sinnlichen Qualitäten der Welt (Hell-Dunkel, Aggregatzustände, Riechen usw.) wie deren individuelle Neuformulierung münden beständig in jenes Sein des Subjekts, das sich aus seinem Wahrgenommen-Werden rekonstruiert.
Auf welche Seite der Beobachtung kann man sich schlagen, wenn es gilt, sich in die Phänomene zu schicken? Betrachte ich etwas als Bakterienkultur oder bin ich von Pest betroffen? Das Ich ist also das, was an ihm wahrgenommen, und es ist nur das, was es selbst in der Lage ist, wahrzunehmen. Konstitutiv. Die wahrgenommen Gegenstände sind ebenso das Baumaterial für seine eigene Kommunikationsmaschine. Was vom Gegenstand wahrgenommen, daraus besteht er, darin besteht dessen Einzäunung, auf die jeweilig gewählten Beschreibungskategorien wird der Gegenstand eingedampft. Die Beschreibungskontexte bedingen dieses Verhältnis. Sofern das Individuum erkennt, was an ihm wahrgenommen wird und was von ihm in die jeweiligen Beschreibungskontexte abfließt, kann das von ihm Wahrgenommene sein wahrer Dienst an sich selbst werden und der Verlust seiner solipsistischen Einzelheit zugleich. Nur das Genommene ist wahr.
Wahrnehmung als Liebesakt
Perzeption geht in Auflösung über, weil das Individuum im unaufhörlichen Ringen um neue Wahrnehmungs-Selbstdarstellungs-Angebote Gefahr läuft, sich zu verschleißen.
Die Rezeption sinnlicher Qualitäten in Kunstwerken stellt einen Moment geglückter Verschmelzung von Sinn und Sein dar. Der Wahrnehmungssinn stellt hier den Sinn gemachter Wahrnehmung her. Die Perzeption als der Faden zwischen Individuum und dem von ihm Wahrgenommenen bleibt ambivalent und ist die grüne Ampel zur Konfusion: Das Ich mit seiner Negation im Hier wie Dort ist Körper und sein Gegenstand. Das, was ich mir aneigne, sehe, rieche, höre, entspricht meiner temporären Wahrnehmung. Das, was meiner körperlichen Matrix (meinen Wahrnehmungssinnen) am Wahrgenommenen entspricht, was sie ansprechen kann und ihnen derart sinngemäß entspringt, eignet sich mir gemäßer an. Was physiologisch und psychologisch dem aktuellen habituierten Status entgegenkommt (entsprechend geeignet) ist, eigne ich mir überhaupt erst an. Ein – sich ständig resozialisierender – Rahmen von Präferenzen, Präformation und Prägung. Als wäre Wahrnehmung auf Wahrnehmbares gestützt, verfolgt die Katze jede Bewegung der Maus doch mit jeder Faser ihrer Körpersinne. Die Bildung des Wahrnehmungs-Sinns scheint genetisch mit dem Objekt der Wahrnehmung zu kooperieren. Maus und Katze gehören zusammen, einander fixiert, mit ACTG-Kombinationen in einer genetisch-ontologischen Beziehung festgelegt. Im Wahrnehmen selbst ist dessen Negativität gesetzt. Wo ich nichts mehr sehe, verschwindet mein Sichtbares selber. Das erkenne ich, nur das, nichts anderes, mehr nicht, mehr sehe ich nicht… Die Nichtigkeit fährt mit. Der Platz gegen das Neue, das Hinzukommende heißt Vergessen. Es ist schwer, stets „bedacht“ zu sagen.
Esse!
Deinen Magen,
sofern dein Hunger.
Fels-Identität: Prometheus.
Mit nichts vermischt,
außer Ketten und Stichen
ins Geweide, wird er
von den Tieren und Texten verzehrt.
Das Beste ist:
nichts sehen, berühren,
wegkriechen!
Aus deinem Schrei
quillen Sprachen
laufen über,
dauernd Erbrochenes.
Nichts Eigenes, nur
Leiden für Feuer,
für uns:
Bis du gestillt bist.
Das Erkennen der eigenen Lage scheint so nah. Die Redundanz der Schutzbehauptungen, wie: „so ist eben das Leben“ zeigt die Anziehung in der psychischen Umlaufbahn der Vermeidung, Verdrängung und die frühe Fixierung des Subjekts zum gegebenen Weltverältnis: Affirmation. Es wird kein individueller Standpunkt eingenommen – nur der zu einem normopathogenen Commen sense, aber verharrend auf sich selbst, wird gegen die strörende Welt gestritten. Im Unbestimmten, wird die Indifferenz zu sich selbst ausgehalten. Die Hand wird nicht nach Welt ausgestreckt, denn man würde nur ihre einzwengend pragmatische Sichtweise einlösen. Diese Entzweiung, die in der Entgegensetzung von Welt und Subjekt besteht, solang das Subjekt sich glauben macht, seine Umwelt zu kontrollieren, indem es sich agierend gegen Welt entlang des geforderten Pragmatismus verhält, führt letztlich in den eigenen Körper hinein. Die eigene Hand schlägt das Subjekt, ausgehändigt von eben jener Welt, die sich als sein Schicksal erweisen sollte. Die Welt, wie sie ein Ich sieht, kann diesem Ich nur zeigen, was es sehen kann. Dieses Sehen ist eingeschränkt durch den Spalt, den das Ich mit der Zweck-Mittel-Relation zwischen sich und Welt errichtet. Eine Implosion zum Ich findet statt, weil jeder erfahrne Moment nicht eingeholter – dirigierbarer – Welt auf es selbst zurück schlägt.
Am Eingang zum eingeschränkten Weltverhältnis – wie ich es hier meine – steht Eigenliebe. Als pathogene Isolierung des Menschen von seiner Umwelt. Vielleicht kann der zelebrierte Masochismus von Sportlern als Selbst-Bestrafung gelesen werden, sich an sich selbst vergriffen zu haben – total entkoppelt von den Ressourcen der Anpassungsfähigkeit. Eine Wette gegen die Welt auf Kosten des eigenen Körpers. Kaum Quälerei, sondern: effektive Züchtigung zur maximierten Selbst-Selektion gegen den eigenen Körper. Als Leistungssport hier honoriert, ist es ohne Kontrolle ein Verhungern. Das Material ist in den Körper übergegangen. Es findet eine Anverwandlung ans Leblose statt. Ein Verstecken im Verschwinden mit Narben und Wunden im Selbst im Selbstbehaupten. – Ein psychotisches Kennzeichen. Ein Ausweichen vor dem Nichtsein mit verschwindenden Zuständen. Aus dem Sonnenaufgang wird das Morgengrauen. Das Anschwellen angstbehafteter Zustände bereits Zeichen des In-Besitz-genommen-seins. Es scheint, dass die Phobie des Subjekts (vor der Niederlage in Sport, Beruf, Beziehung) ein Ausdruck seiner Selbst ist. Die Furcht vor etwas ist schon inmitten; die „Angst wahnsinnig zu werden“ (als auch die „Angst vor Wahnsinn“), zeigt schon Mitgliedschaft an. Das durch den von ihm angenommenen zweckrationalen Pragmatismus bedingte Ich liegt im Allgemeinen wund und wird dort nicht aufgehoben. Im eigenen Körper ist der Körper entpersonalisiert – durch ihn selbst (sein fremdes Selbst) wird dem Ich eine gesellschaftliche Maske zur Hand gegeben. Du darfst weiterleben, aber maskiere dich! Mach dich zur normativen Persönlichkeit. Das Begehren, sich durch Öffentlichkeit vor dem Tod zu verstecken, drückt sich in Maskierungen aus. Man er-kauft das Ich mit einer artifiziellen Maske, d. h. man muß, wenn man sein Ich behalten will, es mit Maskierungen ausstatten. Die Janusköpfige Geschichte im bürgerlichen Begriff der Verwirklichung wird von dieser formalen Maskerade bestimmt. Könnte die bürgerlich hofierte Eigenliebe ein Notausgang aus der geisterhaften Normalität sein? Aus der zwanghaft erotisierten Form des gesellschaftlichen Lebens mit all seinen Überwältigungstechniken ist schwer zu entkommen. Die erotisierten Formen, Waren, Verhältnisse verweisen den Bürger auf seinen Naturzusammenhang, auf den nicht zugelassenen Körper. Tragische Stoffe werden hier geboren. Körper immer Brennen und Wärmen. Die nach innen gekehrte Zerstörung der Wirklichkeit findet im Ich, im gesellschaftlich vereinzelten Subjekt statt, und wird seine Landschaft. Paradise nur Schlacke, Ideologischer Überbau, Überbleibsel, Stoffwechselendprodukt. Der Verlust an Wirklichkeitssinn, an kommunikativen Stoffwechsel mit der praktisch-operativen Lebenswelt des Menschen vermindert den Zulauf des Außen, erfordert gar die Sperrung des Zugangs nach Außen, um ein Gleichgewicht anzunehmen, einen reduzierten Punkt zu besetzen, der wieder Überleben verspricht. Öffnung aber für das Sterben, um zu leben. Das Ich jedoch ist sein Begehren zu sich. Eines, das seine Verwandlung durch sich selbst absorbiert.
Das Subjekt spielt eine Verrücktheit, die ihm nicht erscheint oder es rettet, durch sich in das Spiel mit ihr, bejaht im Spiel die verminderte Wirklichkeitssicht – kenntlich oft durch seine vereinfachende Charakterisierung der Wirklichkeit, einhergehend mit dem Verlust an Differenzierung. Trübung setzt ein. Das Einverständnis mit der Lebenswirklichkeit bedeutet, Frieden mit ihr gefunden zu haben. – Die (eigenmächtige) Produktion von Kunst ist dann eine Lebens-Weise, die sich ästhetischer Formen bedient, um durch sie gerettet zu werden (, weil mit ihnen – unter ästhetischen Gesichtspunkten, Kriterien – die Lebensstruktur einer anderen, ästhetischen, Ordnung unterstellt werden kann). Diese künstlerische Lebens-Produktionsweise ist metakommunikativ, sprachspielerisch. Man kann dann über Realität ästhetisch kommunizieren, aber nicht inmitten. Eine aktive Neurose: die Verdrängung, Verschiebung der Realität zugunsten des Problem-Komplexes, zugunsten der künstlerischen Ideen, in dem Sinn, die Realität zugunsten ihrer artefaktischen Interpretation zu verschieben. Verrücktsein spielen, aber die Verwesung der Maske zwingt Gesicht. Der ästhetisch hochgepäppelte Mythos vom Irrealen in der Kunst ist als schöner Fluchtort vor dem widerlichen Leben ausgemacht, denn die Verhinderung des künstlerischen Subjekts soll ein Damm vor der Einsicht vernutzter Endlichkeit sein. Bedroht vom ständigen Kämpfen, bereit zu stetiger Schwäche. Leben verstehen heißt: in es einbrechen. Die Sicherheit zu haben oder zu bekommen, mit anderen dabei gemein zu sein, in ambivalenter Entschlossenheit. Die Schmerzen der Verzweiflung sind erste Wahrnehmungsindikationen. Geschlagen zu sein durch alles, was das Subjekt beeindruckt, erlaubt die Fokussierung aufs Ich. Eine Art autologische Expressivität wird von dieser Flucht ins Leben angetrieben. Die Haut, die Sinne werden endlich Pforte, Eingang, aufgebrochen zum Ich. Mit Schaum vorm Mund geht es in die Welt hinein, mit seinem Erbrochenen auf den Lippen schreibt malt der ungehaltene Körper.
„Das Bewußtsein zu dem Zeitpunkt, wo es dem gesellschaftlichen Sein am tiefsten versklavt ist, wirft sich auf, ihm in der herrischsten Weise diktieren zu wollen. Die „Idee“ ist nicht mehr als ein Reflex, und dieser Reflex tritt in besonders gebieterischer und terroristischer Form gegenüber der Realität auf.“
Dieser dialektische Zusammenhang äußert sich darin, dass gerade diejenigen, die unter Realität (dem gesellschaftlichen Sein, der praktisch-operativen Lebenswelt) leiden, auf sie ideologisch und mit ästhetischer Rechnungsführung einschlagen. Deshalb „rein ideell“ (ideologisch, ästhetisch), weil das ideologische, ästhetische Äußern dem Verhältnis ihrer relativen Ohnmacht entspricht, d. h. weil das Verhältnis ihres Unmuts gegen ihre Ohnmacht sich nur ideologisch, ideell, in der metakommunikativen Ableitung spiegeln kann. Die „ideelle Form“ entspricht dem verhältnismäßig kleinen Gewicht der Teilhabe an praktisch-operativer Lebenswelt. An dem größer werdenden wirklichkeitsfremden – oder Wirklichkeit entziehenden – ideell-ästhetischen Gebaren ist die Deformierung der Wirklichkeitserzeugung abzulesen und spricht die Deformierung des Welt-Bezugs mit aus. Die ideologische Präsenz ist ausgeprägter als die praktische. So müssen es auch verkommene Ideen sein, wenn sie derart auf die Realität kommen wollen.
Schuld ist der Ruf des Lebens nach sich selbst in der Stille. Das Nichtsein korreliert ins Schweigsame, in sprachlose Schuld – Mundstill vor der Schönheit des ontologischen Bergens der Sprache. Der Schmerz ist der Ruf des Lebens nach dem Tod. Der Schmerz ist der Ruf des Todes nach dem Leben. Der zwingende, erzwungene Bezug auf sich selbst teilt das Ich, teilt es von der Welt ab. Die Schäden am Selbst werden im Ich reguliert, abreagiert und zum Ichotaurus aus-formuliert. Die in den Produktionsstätten erreichte Entfremdung vom menschlichen Empathiestoff, zeigt sich in der Entstehung einer Industrie, die genau diesen empfundenen Zwiespalt als menschliche Leerstelle anpreist und zu füllen anbietet. In jenen Urlaubsgettos, Freizeitbetrieblichkeiten, in denen das erarbeitete Recht auf die Behandlung des erlittenen Verschleißes sich verbüßen darf, werden Ereignisse vermittelt, die Projektionen erzeugen, nicht aber Erfahrbarkeit erreichen. Der kapital entfesselte Körper soll bewältigt, im bloßen Genuß überwunden werden. Eingeschlossen in dies Fleisch und diese Knochen kommt dieser Körper nicht über sich hinaus.
Dass meine Umwelt nicht von mir partizipiert, obwohl ich angehalten bin, mich an ihr empathisch zu beteiligen, entwickelt sich zur Abkehr von Partizipation. Die Enttäuschung, Kränkung erschöpft sich schließlich in Hemmung, Abwehr. Eine vermeintliche Ich-Mächtigkeit ist im Gang: Solipsismen aller Art, Größenwahn. Wenn die Welt nicht nach meinen Blicken sucht, sich nicht interessiert, wie, was ich sehe, erhebe ich auf die Fatalität Anspruch, sie nicht mehr wahr zu nehmen, verbinde die Augen und verweigere ihr, was ich in ihr gesehen habe, was ich in ihr ausdrücken kann, lehne ab, was sie mir geben soll: Beteiligung, Aufmerksamkeit. Aber: Der Blick ist jetzt frei, in die tiefsten Tiefen des Ich zu starren.
Die vom künstlerischen Subjekt angestrebte Verwehrung, sich als funktionaler Teil in die Welt einzuordnen, ist eine Stilisierung seiner widerständigen Einfalt, damit es im Licht der Welt gesehen werden kann und wird zur psychologischen Metapher gegen Licht. Die abgelehnte, aber so sehr von diesem künstlerischen Subjekt angestrebte Affirmation als Teil der Welt zu gelten, ist für es um so grausamer, weil es sich nach der nicht erteilten Teilhabe, desto mehr als Appendix, als verzichtbares Teil empfindet. Als würde das Licht – als Metapher für soziale Interaktion – schuld sein, beginnt das Subjekt sich vor dem Licht der Öffentlichkeit zu vergraben. Es richtet sich im Dunkeln ein, um nicht vom erhellenden gesellschaftlichen Tag abhängig zu sein. Die Kritik gegen die Welt entspricht so sehr der Sehnsucht nach ihr. Die Welt verliert, was das Subjekt in ihr sein könnte: teilnehmende Wirklichkeit. Die Leerstellen werden zur Parallelwelt konstruiert.
Das betätigte Ich. Keiner ihm die Geburt vergab. Alles ihm Niemand. Mit Blinden sicher. Das entkörperlichende Verhältnis der Nacht zu ihren Gespenstern, zu den von ihr heimisch befallenen Objekten, läßt die Ideen, Vorstellungen geradezu physisch erscheinen. Nichts wird mehr gesehen, das Auge kollidiert mit der Dunkelheit, nur noch wird es stolpern. Es ist nun Platz in leerer Umgebung, Umnachtung, sich Gedanken zu machen, Angst zu entwickeln. Die Sorge im Vielen, am Tag, im Licht flüchtet sich in die Geborgenheit des Dunklen, der Farben, Worte und Gespinnste.
Die Spiegel-Metapher in der Perseus-Geschichte, in der er gegen die einzig sterbliche Gorgone Medusa kämpft und sie – da ihr leibhaftiges Angesicht tödlich ist – in seinem spiegelnden Schild abbildlich einfängt und stellt, erinnert mich daran, dass ein Spiegelbild eine Art existentielle Fixierung der Zeit für die im Spiegel gebannten Betrachter darstellt. Das Wiedererkennen im Spiegel als Dopplung der Person zum Preis ihrer Vernichtung. Das Interessante am Spiegel ist dessen Stopp: Nichts geht über den gegenwärtigen Moment des Anblicks der Abbildung hinaus: ein spiegelndes Schwarzes Loch; wende ich mich ab, sehe ich mich nicht wider. Dass Perseus ein Schild trägt, das ihm in dessen reflektierender Oberfläche den Ort von Medusa zeigt, erzählt von dieser Ambivalenz. Die Interpretationen im Zusammenhang mit Medusa sind vielschichtig. Ihr Angesicht – so der Mythos – wäre für Perseus tödlich. Der Blick auf die weiblich gebärende und aus Weiblichkeit geborene Schönheit risse ihn in den versteindernden Bann des Schönen. Davor mußte er sich schützen. Eine Folie für den Übergang des Matriarchats zur narzisstischen männlichen Herrschaft. Als konkrete Geschichte berichtet sie vom Verschwinden durch ein Gesehen-werden, worin das Subjekt sich wieder-erkennt, das es herausreißt aus der solipsistischen Nische und ans Licht zerrt bar jeder Deckung. Wie ein Erschrecken. Es gibt auch ein Gesehen-werden-wollen, worin sich die Projektionsarbeit (wie ein Anderer den Ich-Projektor sehen könnte) des Subjekts an der spiegelbildlichen Oberfläche entspinnt, worin es an der Imagination des Anderen der selbstischen Wahrnehmung willen arbeitet, um durch das Sich-außer-sich-stellen selbst im Blickfang zu sein. Diese imaginierten Anderen sind maskierte Diener. Perseus beobachtet Medusa über die Beobachtung des tötenden Spiegels. Beide Blicke treffen im unbeteiligten dritten Beobachter – den Spiegel – aufeinander. Er arbeitet mit einer kybernetischen Täuschung, indem er die Beobachtung 2. Ordnung einnimmt. Er verlässt damit die unmittelbare Kampfzone. Die tödliche Kampf-Situation wird zugunsten einer fixierenden Beschreibbarkeit verlassen – im Abbild wird das Ereignishafte, die Zeitlichkeit aufgelöst. Perseus beginnt zu kämpfen nach der Beschreibung (= der Fixierung seines Gegenstandes). Seine Möglichkeiten sind dadurch vielfältiger, weil er sich jetzt selbst als beobachtbar im neu geschaffnen Kontext verorten kann: seine Position wird ihm durch den Spiegel vermittelt ohne direkt im Kampf sein zu müssen. Das drohende Nichts, die Petrifikation im Angesicht der Seinsmächtigkeit von Medusa, wendet er gegen sie. Das Befangensein im Banne des Schönen, wird durch dessen Beschreibbarkeit, Ab-Bildung aufgehoben. Er stellt sich nicht, er stellt ihr nach; versteckt sich hinter ihrem Abbild. Sein Spiegel war ihr Feind-Bild. Das Schild der Spiegel drang tödlich in sie ein.

Wie kann man der Beobachtung entgehen, um nicht erfasst zu werden? Als gelte es, nicht entdeckt zu werden? Als würde das eigene Angesicht in den Spiegelkammern der Beobachtbarkeit gleichsam enthauptet werden. Kann man dem Gesehen-werden ausweichen, indem man vor dem Sichtbaren schwindet und nichts von sich zu anderen Augen kommen läßt? Die Nacht als Konserve des Überlebens.
Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht!
Du Liebespflegerin! damit das Auge
Der Neubegier sich schließ‘, und Romeo
Mir unbelauscht in diese Arme schlüpfe. –
Verliebten g’nügt zu der geheimen Weihe
Das Licht der eignen Schönheit; oder wenn
Die Liebe blind ist, stimmt sie wohl zur Nacht. –
Komm, ernste Nacht, du züchtig stille Frau,
Ganz angetan mit Schwarz, und lehre mir
Ein Spiel, wo jedes reiner Jugend Blüte
Zum Pfande setzt, gewinnend zu verlieren!
Verhülle mit dem schwarzen Mantel mir
Das wilde Blut, das in den Wangen flattert,
Bis scheue Liebe kühner wird und nichts
Als Unschuld sieht in inn’ger Liebe Tun.(Shakespeare, Romeo & Julia, Dritter Aufzug, Zweite Szene) |
Dementia praecox I
Die Furcht, ans Licht gezehrt zu werden, folgt dem Gefühl, die eigene Sichtbarkeit zu begründen, gar zu rechtfertigen. Man kann sich gegen andere retten, wenn kaum Lebendiges zur Sicht geboten wird: wenig Angriffsfläche. In der Tendenz ist dieses Verschwinden eine unendliche Annäherung ans Nichtsein: dem Verschwinden wird mit der Reduzierung von Sichtbarkeit oder Nahrung (wie im Hungerstreik) die drohende Qualität genommen. Es ist ein Paradox: in der Angleichung ans Gerade-noch-nicht-Tote soll das, was noch als Lebendiges sterben kann, so klein wie möglich sein. Mit der Einschränkung der Lebendigkeit – der Reduzierung des Stoffwechsels, die Stoffe, die Kleider nicht zu wechseln – wird versucht, zu überleben. Es ist eine Bewegung in der Nähe zum dichten Schweigen, um den sprachlichen Abfluß ans Nichtsein zu verlangsamen. Das lebendige Schweigen vereint das erfahrene und vorweggenommene Nicht-gesehen-werden, das Lauernde und das Nicht-gesehen-worden-sein, das geglückte Ausweichen vorm Licht. Personae. Maske gegen das Sein. Aus dem verhassten Todsein wird die Kraft eines kaum lebendigen Nicht-sterben-wollens gezogen. Esse non percipi.
Ich wurde nicht gesehen und das war mein lebenserhaltendes Unglück. Ich habe mich darin eingerichtet, so dass es nicht auszuhalten wäre, würde ich gesehen.
Dem Nichtgesehenwerden (Negation des Ichs) begegnen mit Nichts-sehen-wollen (Negation des Allgemeinen, Öffentlichkeit) – Hände vor den Augen. Rückzug. Da arbeitet eine große Kränkung bei denjenigen Menschen, die sich genötigt sehen, gesehen zu werden. Künstlerischer Solipsismus als Lebensreserve? – Oder als neurotisches Symptom: Ich soll ein Schwert sein gegen die Phobie des Verschwindens. Die Behauptung des Ich schon Kompensation, Regulierung der Defizite.
Identifikation zu sich und mit sich zu suchen mittels der Projektion eines Anderen – wo sind die Länderein, die meiner Beschreibung/ Projektion entsprechen, die ich betreten will, wo ich im Anderen mir beitreten kann?
Das Wahrnehmen des Anderen mit der Projektion auf den Anderen läßt die andere Person als erzeugte Projektion auf das projizierende Subjekt zurückfallen. Also der Zusammenhang des Gesehen-werden-wollens mit der selbst hergestellten Sichtachse des fremden Blicks. Ein Kartenhaus aus Erwartungen. Das Schmelzen der Linse für eigenes Licht. Das Ich ist das Bild, das an die Wand geworfen wurde; geschützt vor der Erfahrung durch sein projiziertes Abbild, denn der Andere ist die Landkarte, nicht das Territorium.
Extremitäten weg schleudern, Fortsein spielen – sich dem Unbekannten unausweichlich stellen, nicht im Hier wandeln, den Körper fort von seinen Bewegungen nehmen. Kinderspiel, Verschwinden mit Händen vor Augen.