115, Das Ich und seine Beziehungen: Kunst und Liebe

„Die Neurose ist der Weg, dem Nichtsein auszuweichen, indem man dem Sein ausweicht.“1Paul Tillich, in: Der Mut zum Sein, De Gruyter, Seite 56 Das ist ein künstlerisches Betätigungsfeld und eine Gebrauchsanweisung für Kunstprodukte – gesellschaft­lich legitimiert ist lediglich das künstlerische Schlachten der Gegenstände, Phänomene durch deren ästhetische Anästhetisierung. Man befände sich bloß auf der Umlaufbahn um die gravierenden Punkte, mit dem Angstschweif ideeller Gedanken. Der angstkonstruierende Moment aber, unsichtbar, ungesehn zu sein, lebt fort noch im Dunkeln. Nicht so sehr, dass ich nichts sehe, doch selbst nichts von mir zu sehen ist, sondern: nicht erkannt, gesehen zu werden, bereitet ontologische wie berufliche Unsicherheit. Dieses Ich sieht nicht und Nichts, wenn keiner da ist. Oder mindestens: Einer. Allein kann es sich nicht von außen, aus dem Fremden, über das Fremde, das sich als das Andere im Ich oder als Ich im Anderen entpuppt, entgegenkommen.2„Über die existierende Sprache als Mensch kann man in verschiedenen Ebenen der Diktion sprechen. In der Humboldtschen Ebene kann ich sagen: Wie ich mein Ich nur im Gespräch mit dem Mitmenschen, in dem ich als Anerkannter existiere, habe, wie ich mein Bewußtsein daher nicht in einer Innerlichkeit habe, sondern an ihm, der mich anerkennt, sofern ich an ihm das außer mir existierende Ich erkenne, wie ich also wirkliches Ich nicht in der Subreption eines logischen Ich (Kant) bin, sondern soweit ich mir von außen, aus dem Fremden entgegenkomme, so komme ich mir nur aus der Geschichte entgegen.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 22 Es weicht sich aus, indem es auf den Anderen zugeht. Im Brennpunkt des Zugleich von Du und Ich3Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, ab Seite 19 ff, und ab 107 f entsteht ein Nur-noch-im-anderen-sein-können – wenn man Ich will. Ohne den Anderen soll Ich nicht sein. Diese verquer Liebenden im Ich lösen sich auf, weil sie den Anderen umfänglich als Anderen einlösen. Ein neurotisches Verhältnis (die Verdrängung des Problems auf Kosten der Realität, Freud) vom sich ausweichenden Ich bestimmt die Paarbeziehung. In dieser Auswicklung des gebildeten Paares, in der Achterbahn um das Du weit vom Ich4Das Nur-noch-ohne-sich-im-anderen-sein-können wächst die Liebesbeziehung zur pathologischen Maske. In der Paarbeziehung Deckung suchend verkleinert sich das Ich: in der schützenden Reduzierung, systematisch Nichts, Niemand zu werden. Aber dies Schweigen im Nichts ist ein stilles Beladen im Lärm.
Hier scheint der Begriff der Entfremdung mit dem der Konstituierung des Ich durch das Fremde (als davon anerkanntes) – soweit es sich von außen, aus dem Fremden (als Wiedererkanntes) entgegenkommen kann – verschränkt zu sein. Die Selbstbegegnung mit dem Anderen im Ich bedingt ein Maß an Entfremdung des Selbst vor sich selbst, um sich selbst als Selbst entgegenkommen zu können. Das gehirnige Ego entwickelt sich zur entfremdeten Form des Denkens – die eigenen Gedankenkonstrukte stehen ihm fremd, feindlich und verrückt gegenüber.5Vgl. Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 70 Insofern ist die entfremdete Form des Anderen oder der Andere ein Ich-Reservoir. Die self-alienation entzieht dem Subjekt die Orientierung im eigenen Haus, seine Konstituie­rung als Ich lässt es desto mehr die eigenen Gespenster erkennen. „…Warum entfremdet sich das Subjekt um so mehr, je mehr es sich als Ich affirmiert [konstituiert]?“6Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 69
„Das Ich (…) ist absolut ununterscheidbar von den imaginären Verhaftun­gen, die es von Kopf bis Fuß konstituieren, in seiner Genese wie in seinem Status, in seiner Funktion wie in seiner Aktualität, durch einen andern und für einen andern. Anders gesagt, die Dialektik, die unsre Erfahrung unterstützt, indem sie sich auf dem einhüllendsten Niveau der Wirksamkeit des Subjekts situiert, verpflichtet uns, das Ich vom einen Ende zum anderen in der Bewegung der fortschreitenden Entfremdung zu verstehen, worin sich in der Hegelschen Phänomenologie das Selbstbewußtsein konstituiert.“7Jacques Lacan, in: Schriften III, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 184
Das Selbstbewusstsein wird von seinen Entfremdungsleistungen her konstituiert. Es muss aus sich heraus, weg sehen, sich verlassen… Zu prüfen ist der Zusammenhang von Entfremdung von sich als Einfühlung in den Anderen. Die Einfühlung in dein Leiden zieht mich aus mir heraus? Affirmation und Fettisch, Erotik arbeiten vom Fremden her. Identifizierte Fremdheit als das Andere, das mich bewohnt oder dessen Haus ich begehre, worin ich mich heimischer fühle als in mir selbst, setzt das Werben um den Geschlechtspartner in Gang. Der geliebte Andere hat Informationen, die der Liebende, das andere Ich, nicht hat. Bevor der Geschlechtsakt vollzogen wird, braucht der jeweils Andere die Anerkennung, das er ein Anderer ist. Erotik als genealogische Brücke, die Fremdheit, das Andere als Ich-Schranke zu überwinden. Das Erotische fungiert als Vermittler, Kuppler zwischen Entfremdung vom Ich und Einfühlung ins Ich am Anderen (wo die Affirmation des Ich mit sich selbst in der Liebe zum Anderen sich ausdrücken, darstellen kann). Wenn ich leiden kann, weil es in dir schmerzt, dann so, weil ein Teil von mir zu dir fortgegangen ist: als Schmerz es sich mir zeigte; in körperlicher Verwandtschaft, Empathie. „Im Willen zur Vereinzelung auf sich selbst bekundet sich also zugleich der Unwille zur Gemeinsamkeit mit andern. Weil das Dasein ursprünglich Mitsein ist, bedeutet die Position des Einzelnen, der so ist, wie einer einzig und allein nur selbst sein kann, somit eo ipso eine Opposition gegen alle ‚anderen‛, welche andern sich ihrerseits – vom Standpunkt des sie ausschließenden Ich aus gesehen – als öffentliche Allgemeinheit bestimmen.“8Ludwig Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite 109 Dem ist das Ich ausgesetzt.
Das Ich vergisst sich, es strömt durch sich an sich vorbei, indem es für Andere, Anderes ist. Das eigene Leiden findet im Anderen ein zu Hause und findet nicht mehr heim. Dem anderen tut es weh.
Die geliebte Person als ein Außer-mir-seiendes Ich, ein Fremdes, unbekanntes Ich, als eine Möglichkeit, durch den Anderen sich sich selbst vorzustellen – wiedergefunden durch den Anderen. Am Anderen probiert der liebende Ich-Sucher, wie er sein möchte, wie er auf seine Fragen, Antworten erhält: Erwiderung und Imagination. Die Vorstellung der Möglichkeit (der Liebe) ist hier eng an die Nicht-Verwirklichbarkeit der Möglichkeit gebunden. Die vorstellbare Möglichkeit (von X, von Liebe, irgendwas) entsteht gerade aus dem Moment, das sie vorgestellt werden kann – das sie also erst durch die Vorstellung ihren Möglichkeitssinn erhält. Die Bedingung der Vorstellung wird aus der Realität abgezogen. Die Qualität der Vorstellung, des Sich-aus-Malens eines So-und-so-könnte-es-sein, wird aus der Leblosigkeit tatsächlicher Existenz, aus der Nichterfüllung einer nicht-realisierbaren Liebe gezogen. Vielleicht entspricht die Fähigkeit zur Einfühlung in einen vorgestellt anderen Menschen dem, was der einfühlende Mensch über sich vorstellen und ausdrücken kann. Die Selbstreflexion wird zugunsten einer praktischen Erprobung am Anderen verschoben, externalisiert.
Die vollzogene Einfühlung (das Eingefühltsein) als gelungene Übertragung. Liebe als Annahme der Übertragung; einer trage des anderen Last – nachdem er seine nicht zu tragen bereit ist. Übertragung bedeutet, etwas abzugeben, was die eigene Person zu sehr beschwert, was nicht mehr getragen werden kann.9Zum Widerstand als Funktion der Übertragung siehe Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Das Seminar Buch I, Quadriga 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, z. B. Seite 56: „In derjenigen Bewegung, in der sich das Subjekt einbekennt, tritt ein Phänomen auf, welches Widerstand ist. Wenn dieser Widerstand zu stark wird, taucht die Übertragung auf.“ Insofern hat die Filmindustrie ein Problem – einen Widerstand, den sie unter immensen Kosten überwinden möchte. Nicht der Zuschauer fühlt sich in den Helden ein, sondern der Filmbetrieb fühlt sich in seinen Zuschauer, Kritiker, Therapeuten ein. Eigentlich überträgt sie ihren Widerstand gegen die Menschlichkeit (allgemein, im Bemühen den Zerfall zu erhalten) auf die Zuschauer mittels „Einfühlung“. Atlas. Man ist des Tragens über-drüssig. In der Geburtshilfe wird davon gesprochen, daß das Baby übertragen ist, also getragen über den – für die Mutter – tragbaren Zustand hinaus. Die Übertragung auf andere, wenn das Getragene zu schwer, wie festgestellt, oder zumindest die Projektion des Übertragens, des Übertragen-Könnens Erleichterung verspricht. Transit. Die Leistung besteht mehr darin, sich zum Vehikel des Transports – wie heißt es so schön: Träger des Erbgutes – der Übertragung, zum Transportmittel zu machen, als zum Transportierten selber. Die Wege zu finden, die Energie aufzubringen, einen Ort der Übergabe zu erspähen. Es scheint nicht beliebig zu sein, an wen oder was die Übergabe, die Übertragung seine Statt/ Kommunikationsebene findet. Fetische als Übertra­gungsempfänger /-Medien per se: Hier kann ich meine Sehnsucht abladen, draufsetzten, durchschleusen.
Die betrachtete Person, das ‚Du‘, ist jene Person plus meine Betrachtung, mein Bedürfnis nach Ich-Konstruktion. Wie groß ist mein Anteil meiner Erfahrung an deiner Erfahrung und welcher Anteil entspricht deinem Verhalten auf mich? Ein ‚Du‘ meint das ‚Ich‘ in dir, worin du selbst die Differenz zwischen deinem Ich und meinem gemeinten Du erfährst, worin ich mich als Differenz wahrnehme und im Durchlauf des sprachlichen Lebens wirst du mein Ich in dir – wenn du es annimmst. Ein an dich gerichtetes ‚Du‘, ist mein einsetzendes Ich, ein von mir eingesetztes Ich. Sobald ich ‚Du‘ sage, beginne auch ich, beginnt mein Ich – im Normalfall. Es gilt diese Produktionsstätte zugunsten der Liebe aufzubrechen, um dich aus mir und mich aus dir auszutreiben. Das wäre kein Liebesverlust, weil der geliebte, bekannte Feind aufhört, mein altes besetztes Ich in dir stirbt. „Als ‚Du‘ bist du mir gegenüber nicht dadurch selbständig, daß du dich auf dich selbst zurückziehen und dich so für dich selbst als (anderes) Ich bestimmen kannst, sondern deine Selbständigkeit kannst du mir positiv nur dadurch erweisen, daß du als zweite Person dich zugleich in erster Person zur Geltung bringst, wie auch andererseits Ich – die erste Person – zugleich als der Deine – in zweiter Person – bestimmt bin. Zumeist bist du für mich zwar ‚zweite Person‘ – Du eines Ich –, aber indem wir zueinander im Verhältnis stehen, entdeckt sich in dieser zweiten Person eine selbständige ‚erste Person‘, zeigst du dich mir als ‚Du selbst‘.“10Ludwig Binswanger zitiert Karl Löwith (Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen. Ein Beitrag zur anthropologischen Grundlegung der ethischen Probleme. Drei Masken Verlag, München 1928), in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger Heidelberg 1993, Seite 108

 

 

  • 1
    Paul Tillich, in: Der Mut zum Sein, De Gruyter, Seite 56
  • 2
    „Über die existierende Sprache als Mensch kann man in verschiedenen Ebenen der Diktion sprechen. In der Humboldtschen Ebene kann ich sagen: Wie ich mein Ich nur im Gespräch mit dem Mitmenschen, in dem ich als Anerkannter existiere, habe, wie ich mein Bewußtsein daher nicht in einer Innerlichkeit habe, sondern an ihm, der mich anerkennt, sofern ich an ihm das außer mir existierende Ich erkenne, wie ich also wirkliches Ich nicht in der Subreption eines logischen Ich (Kant) bin, sondern soweit ich mir von außen, aus dem Fremden entgegenkomme, so komme ich mir nur aus der Geschichte entgegen.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 22
  • 3
    Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, ab Seite 19 ff, und ab 107 f
  • 4
    Das Nur-noch-ohne-sich-im-anderen-sein-können
  • 5
    Vgl. Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 70
  • 6
    Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 69
  • 7
    Jacques Lacan, in: Schriften III, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 184
  • 8
    Ludwig Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite 109
  • 9
    Zum Widerstand als Funktion der Übertragung siehe Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Das Seminar Buch I, Quadriga 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, z. B. Seite 56: „In derjenigen Bewegung, in der sich das Subjekt einbekennt, tritt ein Phänomen auf, welches Widerstand ist. Wenn dieser Widerstand zu stark wird, taucht die Übertragung auf.“ Insofern hat die Filmindustrie ein Problem – einen Widerstand, den sie unter immensen Kosten überwinden möchte. Nicht der Zuschauer fühlt sich in den Helden ein, sondern der Filmbetrieb fühlt sich in seinen Zuschauer, Kritiker, Therapeuten ein. Eigentlich überträgt sie ihren Widerstand gegen die Menschlichkeit (allgemein, im Bemühen den Zerfall zu erhalten) auf die Zuschauer mittels „Einfühlung“.
  • 10
    Ludwig Binswanger zitiert Karl Löwith (Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen. Ein Beitrag zur anthropologischen Grundlegung der ethischen Probleme. Drei Masken Verlag, München 1928), in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger Heidelberg 1993, Seite 108

114, Sehen ist gesehen werden, Suchen ist gefunden werden

Das-sich-nach-außen-Wenden z.B. in der Kleidung, im Habitus und in Tatoos, Frisuren, Piercings  weißt auf die Externalisierung der Person, die Ableitung ihrer mit sich vereinbarten Merkmale hin. Absonde­rung stellvertretend für Individualisierung aufgefasst, zum Schein. Positiv: Über den Umweg der optischen Absonderung wird individuelle Entsorgung von Inventar betrieben – gleichwohl möchte man zur Normalität inbegriffen sein: Man opponiert der ausgemachten Normalität, um sie nach eigenem Gustus zu veränderen. Es wird um Akzeptanz – „wir sind auch ganz normale Menschen“ – bei der Menschengruppe geworben, gegen die man sich unterscheiden will. Sie möchten als erkannte Subjekte in die Gemeinschaft eintreten, sich zur Welt wenden. Gesehen-werden ist ein Rest einer Erfahrung von In-der-Welt-sein (esse est percipi), Lebendigkeit. Das optische Hämmern (Gesehen-werden-wollen) soll wahrgenommen werden, es stiftet gegen die erfahrene Nichtigkeit des Ichs an. Bevor der Pank Mode wurde, repräsentierte er die Demonstration des Nicht-dazu-Gehörens ebenso wie die Opposition gegen diesen Zustand. Man strebte kreativ danach, seiner gesellschaftlichen Nichtigkeit nicht zu entsprechen. Dem der Täuschung zugänglichste Sinn (Auge) hofiert das mangelnde Ich; sprachliche Auseinandersetzung scheint schwierig, unerwünscht. Du sollst staunen, aber nicht quatschen. Der Zauberer hat sich selbst verzaubert, bannte seine Sinne. Die eigene zerpiercste Gestalt ist zur Oberfläche für die Augen der Anderen geworden. Das Ich hat sich in der Tinte versteckt.

 

 

113, Du und Ich, Objekt

Das Profil eines Netz-Nutzers, die darin erfassten Vorstellungen dieses Menschen, eines Ichs, ermittelt entsprechend der Interessen und Absichten anderer Menschen, Unternehmen und Organisationen: Das Ich als die Entsprechung der Absicht eines Anderen, als ein Objekt. Das Gesehenwerden des Subjekts überführt es ins Objekt. „Ein Objekt, ein wirkliches Objekt wird mir nämlich nur da gegeben, wo mir ein auf mich wirkendes Wesen gegeben wird, wo meine Selbsttätigkeit – wenn ich vom Standpunkt des Denkens ausgehe – an der Tätigkeit eines andern Wesens ihre Grenze – Widerstand findet. Der Begriff des Objekts ist ursprünglich gar nichts andres als der Begriff eines andern Ich – so faßt der Mensch in der Kindheit alle Dinge als freitätige, willkürliche Wesen auf –, daher ist der Begriff des Objekts überhaupt vermittelt durch den Begriff des Du, des gegenständlichen Ich. Nicht dem Ich, sondern dem Nicht-Ich in mir (…) ist ein Objekt, d.i. andres Ich gegeben; denn nur da, wo ich aus einem Ich in ein Du umgewandelt werde, wo ich LEIDE, entsteht die Vorstellung einer außer mir seienden Aktivität, d. i. Adjektivität. Aber nur durch den Sinn ist Ich nicht Ich.“1Ludwig Feuerbach, in: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, § 33, Felix Meiner Verlag Hamburg, Seite 75 Es zwängt sich – sich umkehrend – auf den Anderen zu: Kommunikation. Bedingung der Kommunikation: Anschlussfähigkeit, um sich durch andere wahrgenommen selbst erblicken zu können, muss es gesehen werden und über diese Spiegelung kann es sich rückkoppeln. Sehen als Gesehenwerden. Oder das Wahrsein eines Subjekts oder Objekts wird dem Betrachter übergeben: „Wahr ist, was Ihr Kunde wahrnimmt!“2Spiegel Spezial, „Die Entschlüsselung des Gehirns“, Nummer 4, 2003 Wenn das Ich der Absicht eines Anderen entspricht, den (anderen) Stimmen im Kopf folgt, dann kehrt es sich gegen sich selbst, und es wird sein eigener Gegner – verfolgt von sich selbst, der als Anderer zu ihm spricht. Dem Anderen zu entsprechen, ihm entgegen zu kommen, bedeutet dessen Annahme, Anerkenntnis. Dieses Ich ist von sich selbst herausgetrieben, es hat sich verloren – im Netz. Eine Art pathogene Netz-Empathie hat es aufgelöst. Eine Verluststellung: Dieser Körper ist permanent dem fremdgesteuerten Sehen, den Sinnen – seinen Einfühlungen ausgesetzt, sichtbar – bar dem Schutz.3Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Seins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite107 f

 

 

  • 1
    Ludwig Feuerbach, in: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, § 33, Felix Meiner Verlag Hamburg, Seite 75
  • 2
    Spiegel Spezial, „Die Entschlüsselung des Gehirns“, Nummer 4, 2003
  • 3
    Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Seins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite107 f

112, Spiegel und Angst, Kontrolle und fremdes Fluten

Die versuchte Reinkarnation des eigenen Körpers durch ein Gegenbild: im Spiegel, als Konserven-Foto, als Selfie, in der Röntgenaufnahme, als MRT-Detail im Krankenhaus – als unbekannte Ansicht des eigenen Körpers, ist ein Bereich, indem der sichtbar werdende Körper sich in bisher verborgenen Bildern dem eigenen zeigt. Das vergegenständlichte Bild des eigenen Körpers spukt als nicht vergeistigter Begriff im Patienten umher. Die akute Traumati­sierung, Störung (das Schöne als Schrecken) löst einen chronischen Befall aus, wird unter bestimmten Umständen zur Ohnmacht vor der Macht der Sinnlichkeit der Objektwelt, wird zur Angst vor dem permanenten Eindringen der Welt  über die Tore der Sinne. Das Fluten, das Licht kommt als Schönheit daher. Der Beobachter ist zum ständigen Rapport über die Vorgänge seiner Umwelt angehalten. Die Mutmaßungen über das eigene Objekt-Werden sind schon Objektivierungen – in einer von Sachzwängen anerkannten, umstellten Welt, in der das Subjekt geräumt wurde. Der Beobachtungsjunkie verwächst nicht nur mit der Angst, selbst Objekt zu werden, fühllos und fremd mit sich wächst er in die verkörperlichte Angst hinein, sondern er steht auch vor der Aufgabe, sein vermeintliches Objektsein in sich zur Welt austragen zu müssen, d.h., selbst Teil jener Objektivierungs­macht, Vergegenständlichungsorgie zu werden. Gern würde ich formulieren: Die Beobachtung zweiter Ordnung als Selbst-Infiltration durch angenommene auto-poetische Entfremdung. Die wissentliche Mit-Durchführung dieser Selbst-Infiltration1„Man sagt alles höhere Leben partizipiere an einer Figur der Rückkopplung seiner Wirkungen auf seine Ursachen. Das heißt bei Systemtheoretikern Selbstreferenz. Man hält das für eine Errungenschaft, die praktisch und theoretisch unterboten werden kann. Sie sei gewissermaßen das Ethos der fortgeschrittenen Moderne, aus dem Ansprüche für das Handeln und das Denken erwachsen. Handele so, daß die Wirkungen Deines Handeln immer zugleich auch als Ursachen desselben gelten können! Denke so, daß die Folgen Deines Denkens die Bedingungen desselben darstellen, wo nicht gar verändern: Das handelnde und denkende Subjekt ist damit politisch vollkommen zum Selbst erklärt, zu einem reinem Selbst, dem es bei seinem Selbstsein nur um sich selbst geht. So sind die Geschichte des Geistes und die Geschichte des Subjekts kurzgeschlossen: ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, Selbstgeburt durch das Selbst. Autopoiesis, Selbstserschaffung… Im Hintergrund derart aufgeblähter Eitelkeiten hört man in der Tat das Gelächter des Teufels.“ Dietmar Kamper, in: Unmögliche Gegenwart, Zur Theorie der Phantasie, Wilhelm Fink Verlag Münschen, 1995, Seite 114  von sich und der Welt, der Gefühle, Erfahrungen in Objekte, schlägt um in eine Angst, als Objekt betrachtet, genommen zu werden (Vergewaltigungszene). Die Anwendung kolonialen Beobachtungsbegehrens auf sich (den Beobachter) selbst fördert die Anverwandlung des humanen Körpers ans Objekthafte: Da wird mit Nadeln schon der Körper durchlöchert, mit Tinte verdunkelt und markiert, um sich als Beobachtungsobjekt (für andere) zu erweisen. Natürlich sind sie im alltäglichen Eroberungskrieg um Körper auch „schmerzliche Vergewisserung der ganz alltäglichen Entfremdung“.2Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – Zur Ästhetik der nachpopulären Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, 2017, Seite 96
Angst gemeinhin als Ausdruck eines antizipierten Verfügungsverlusts des Körpers gegen die ihn fremd machenden Objekte! Angst setzt einen Verleiblichungsprozess3Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f in Gang, der ein stellvertretendes Ersatzteil, einen Hort für die Macke, ein symptomatisches Equivalent braucht. Diese Symptomatik zeigt den geäußerten Versuch des Körpers, der Angst zu entkommen oder sie in der Symptomatik zu kanalisieren. Aber dieser angstbesetzte Körper ist noch im Stande, sich in Verleiblichungen (Externalisierungen),4Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f also durch körperliche Funktionen auszudrücken (funktionelles Symptom). Das heißt auch, dass durch eine erzwungene körperliche Wahrnehmung – sogenanntesTrickern, Angst ausgelöst werden kann. Die Verleiblichung des Wahrgenommen führt zur besetzten Ver-gegenständlichung des Körpers: Als Angst vor Versteinertwerden, Erstarrung, vor Starrwerden. Die tollen, nicht Mensch werdenden Objekte (Gegenstände) führen im eigenen Körper ein Eigenleben, entmächtigen die bisherige Orientierungsstruktur im Lebensprozeß. „Körperbezogene Ängste können besonders quälend sein, weil man das Angst machende Objekt ständig bei sich hat, in ihm lebt und leibt…“5Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 237
Die sich im Körper verkrochenen, unbewältigten Begriffe, Gegenstände halten das betroffene Individuum auf, befremden es. Es ist außer sich vor Angst, ein An-sich zu sein, ein Objekt zu werden. Die selbstzer­störerische Tendenz dieses Gefühlslebens besteht darin, dass das Ich als Objekt und das Objekt im Ich entdeckt, erkannt wurde. Das Fremde (das Objekt) ist ständig bei sich in mir, im es austragenden Körper. Nur unter Aufgabe des Selbst ist es zu bewältigen, damit es endlich heraustritt. „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen“6Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Marx-Engels-Werke Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517 und übernimmt das Kommando über ihn. Alien.

Die Angst z. B. vor Enge (Agoraphobie) kontrollieren zu wollen mit der Ermittlung eigener Freiheitsgrade muß scheitern: Im Angstinhalt liegt der zu verlierende Handlungsspielraum, d. h. Kontrollverlust über die Situation, über sich selbst. Die Zurückgewinnung von (verloren) Handlungsspielraum bietet einen ernsthaften Therapieansatz zur Überwindung von Angst. Indem Angst, bzw. die Einschränkung des Ich zur Freiheit umgekehrt werden kann, als Freiheit zu dem, wovor das Ich Angst hatte. „Man kann nur solche Zustände oder Aktivitäten eines Dinges kontrollieren, die in den Bereich seiner Freiheitsgrade fallen oder, mit anderen Worten, in den Bereich dessen, was es kann.“7Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum, Seite 73, – Zunehmende Kontrolle führt tatsächlich desto mehr zur weiteren Einschränkung von entsprechender Freiheit. Was man nicht kann (wo kein Handlungsspielraum existiert), kann nicht kontrolliert werden. Daraus zieht der Motor der Spekulation seinen Treibstoff. Daher die permanente Überprüfung des eigenen Handlungsbereiches und zugleich dessen Infragestellung. Dauerschleife.

Opfer zur Tat
Die Phobie, beraubt, penetriert zu werden, mündet in deren Bindungs-Versuch, in unvermittelt scheinende, reflexhafte Aneignung eines potentiellen Auslösers: Täters. Der Versuch, der befüchteten Tat zuvor zu kommen, indem man zur Tat schreitet. Man bemächtigt sich der aungstauslösenden Gründe und wird selbst Täter. Man kommt ihnen zuvor. Welch Gefühl, endlich zu agieren. In dieser psychotischen Umgebung ist Täterschafft Alibi für das gefürchtete Opfersein. Diese Ermächtigung hilft, die eigene Angst durch Gewalt gegen andere abzuwenden. Das Leiden emanzipiert sich zum Täter. Zum Dieb geworden aus Angst vor Diebstahl.8„Eine Möglichkeit, das zu bekommen, was man von einem anderen haben will, während man gleichzeitig über den Prozeß des Erwerbs die Kontrolle behält, ist der Diebstahl. Schizoide Phantasien über Stehlen und Beraubtwerden basieren auf diesem Dilemma. Wenn du das, was du vom anderen brauchst, stiehlst, behälst du die Kontrolle. Du bist nicht auf das angewiesen, was dir gegeben wird. Aber jede Intention wird sofort auch dem anderen zugeschrieben. Der Wunsch zu stehlen erzeugt Phobien, beraubt zu werden. Die Phantasie, daß man alles, was man an Wert besitzt, durch Stehlen bekommen kann, wird von der Gegenphantasie begleitet, daß die Werte, die andere haben, einem selbst gestohlen wurden und daß alles, was man hat, letzten Endes weggenommen wird: Nicht nur, was man hat, sondern was man ist, das eigene Selbst.“ Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln 1994, Seite 113
Erscheint im Gewaltverbrechen die durchgeführte Verstofflichung von „fehlgeleiteten“ – kulturell nicht verwertbaren –  Furchtenergien? Die fehlgeschlagene Bemächtigung von Wirklichkeit, von ungebrochene Lebensnähe Versprechendem, mit der Idee des Raubes zuvor zu kommen (dadurch wird Angst vollzogen), erfüllt sich vorläufig im Objektersatz, der die mutmaßliche Leerstelle besetzt. Im Falle einer mangelnden Objektivierung der auftretenden Angstzustände, kann das betroffene Individuum dem angedrohten Angst-Objekt nicht durch dessen aktive Entmächtigung/ Entmaterialisierung zuvorkommen. Z. B. durch den erzwungenen Diebstahl, das Pfeifen im Dunkeln reicht nicht, um der vermuteten Gewalttätigkeit aus dem Weg zu gehen. Es ist schon von der Angst besetzt und kann Phänomene nicht durch Objektivation kontrollieren. Es kann sich seine Objekte nicht selbst bilden. In Ersatz-Adressaten, Ersatzbildungen wie Spinne, Käfer, Geräusche usw. versteckt, tarnt der Angst-Mensch seine verheimlichten so unheimlichen Urspünge seiner Angst.9„… Das Unheimliche sei gerade nicht jenes absolut Fremde, als welches wir es erleben. Es wäre vielmehr das >heimlich< Vertraute, das aus seinem inneren Exil heraus in die Magie des äußeren Objekts verbannt wurde.“ Heinz Weiß, in: Zwei Seiten des Unheimlichen, in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 80 Die psychische Potenz wird in leibliche gewendet – Vorstellungs-Vermögen schlägt in körperliches Agieren um. Die Vorstellung eines Menschen, beraubt, genommen zu werden, wird zum Raub, ins Nehmen gewendet. Der Raub wäre als Schutz vor Raub funktionalisiert. Man kommt der Spaltung seiner Person (z.B. durch Gewaltanwendung) zuvor, indem sich der Objekte (der äußeren Dingwelt) versichert wird: Bereicherung. Vielleicht kennzeichnet der Begriff der Bereicherung ein privates Motiv für all die vergoldeten Prothesen der Reichen, die sich gegen diese Angst anreichern. Die aufgewen­dete Aggressivität für den Erhalt vergoldeter Prothesen (zumeist durch eine Privatarmee an Sicherheitsleuten) weist auf die empfundene Drohung ihres Entzugs hin. Die Produkte des Diebstahls (der Phobie) machen auch Welt zugänglich, helfen sie herzustellen. Der Diebstahl, die Objekt-Ent-Nahme dient hier zur Prävention vor der Welt eben mit ihrer Dinglichkeit. Es gilt die Welt auszusaugen, um in sie hinein zu kommen, in ihre leeren Gefilden. Hier erscheint bemächtigende Aufklärung vornehmlich oral, in Form des goldenen Schnullers, das erachtete Weltteil in sich festhaltend, im Verdauungsorgan vor äußerlichen Einflüssen geschützt. Das ist Vorbeugen durch Vernichten. Klauen jenseits von wirtschaftlicher Notwendigkeit betrachtet.10vgl. Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Kiepenheuer & Witsch, Seite 114 Die Beobachtung, dass nach erlittenem Diebstahl die Bestohlenen nun selbst dasselbe Objekt auf selbe Weise wiederbeschaffen mögen – als Rationalisierung muss das eigene Leid herhalten – zeigt neben dem psychisch defekten Verhalten auch die Schwere der psychischen Deformation, die ein solcher Diebstahl beim Geschädigten hinterließ.

Jekyll & Hyde
Dass im Nachvollzug, in der Dopplung der Tat, die eigene Leidenserfahrung verschoben, delegiert werden könne, weißt auf die therapeutische Wirkung der Nachahmung, Wiederholung hin. Mit der Wiederholung der Tat am Anderen wird die am eigenen Leib erlittene Tat abgelöst. Der leidende Körper verschwindet im anderen. Das eigene Leiden wird durch ein anderes ersetzt. Die Abwehr des Opferseins führt zur Umkehr: Zur Täterschaft. Sie ist jetzt in derselben Person zu Hause. Das Opfersein wird Antrieb für das Tätersein, das sich zugleich daraus rechtfertigt. Die Taten graben sich tief in die Person wie sie dort vergraben sind. In der gespaltenen Persönlichkeit bleibt den Opfern ihr Opferstatus erhalten, ihre Täterschaft reproduziert sie. Im Doppelleben wird der Betane Täter.
Übertragen auf eine Gesellschaft, die in der Rationalisierung des Diebstahls und Raubbaus als Systemanforderung massenhaft Leid erzeugt, besteht die propagierte Lösung des Konflikts in dem Vorschlag, allzeit Erster sein zu müssen: survival of the fittest. Tatsächlich bestätigt jeder Egoismus das gesellschaftlich eingepflanzte Negativ, den Mangel des eigenen Daseins durch die Arbeit der Anderen zu beseitigen. Es fehlt an so vielen ersten Plätzen. Es gehört zu den wesentlichen bürgerlichen Phrasierungen, dass der einzelne Egoismus mit seiner eigenen Rationalisierung, oder mit der Rationalisie­rung des Systems auf seinen „eigenen“ Zweck, sich vor den Vorgriffen Anderer mit dem Erreichen erster Plätze zu schützen glaubt. Ein Doppelleben gegen den Rest der Welt, oder: Die Welt als ein Minus vor dem Ich, sie ist das, was es nicht ist.

 

 

  • 1
    „Man sagt alles höhere Leben partizipiere an einer Figur der Rückkopplung seiner Wirkungen auf seine Ursachen. Das heißt bei Systemtheoretikern Selbstreferenz. Man hält das für eine Errungenschaft, die praktisch und theoretisch unterboten werden kann. Sie sei gewissermaßen das Ethos der fortgeschrittenen Moderne, aus dem Ansprüche für das Handeln und das Denken erwachsen. Handele so, daß die Wirkungen Deines Handeln immer zugleich auch als Ursachen desselben gelten können! Denke so, daß die Folgen Deines Denkens die Bedingungen desselben darstellen, wo nicht gar verändern: Das handelnde und denkende Subjekt ist damit politisch vollkommen zum Selbst erklärt, zu einem reinem Selbst, dem es bei seinem Selbstsein nur um sich selbst geht. So sind die Geschichte des Geistes und die Geschichte des Subjekts kurzgeschlossen: ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, Selbstgeburt durch das Selbst. Autopoiesis, Selbstserschaffung… Im Hintergrund derart aufgeblähter Eitelkeiten hört man in der Tat das Gelächter des Teufels.“ Dietmar Kamper, in: Unmögliche Gegenwart, Zur Theorie der Phantasie, Wilhelm Fink Verlag Münschen, 1995, Seite 114
  • 2
    Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – Zur Ästhetik der nachpopulären Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, 2017, Seite 96
  • 3
    Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f
  • 4
    Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f
  • 5
    Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 237
  • 6
    Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Marx-Engels-Werke Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517
  • 7
    Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum, Seite 73,
  • 8
    „Eine Möglichkeit, das zu bekommen, was man von einem anderen haben will, während man gleichzeitig über den Prozeß des Erwerbs die Kontrolle behält, ist der Diebstahl. Schizoide Phantasien über Stehlen und Beraubtwerden basieren auf diesem Dilemma. Wenn du das, was du vom anderen brauchst, stiehlst, behälst du die Kontrolle. Du bist nicht auf das angewiesen, was dir gegeben wird. Aber jede Intention wird sofort auch dem anderen zugeschrieben. Der Wunsch zu stehlen erzeugt Phobien, beraubt zu werden. Die Phantasie, daß man alles, was man an Wert besitzt, durch Stehlen bekommen kann, wird von der Gegenphantasie begleitet, daß die Werte, die andere haben, einem selbst gestohlen wurden und daß alles, was man hat, letzten Endes weggenommen wird: Nicht nur, was man hat, sondern was man ist, das eigene Selbst.“ Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln 1994, Seite 113
  • 9
    „… Das Unheimliche sei gerade nicht jenes absolut Fremde, als welches wir es erleben. Es wäre vielmehr das >heimlich< Vertraute, das aus seinem inneren Exil heraus in die Magie des äußeren Objekts verbannt wurde.“ Heinz Weiß, in: Zwei Seiten des Unheimlichen, in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 80
  • 10
    vgl. Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Kiepenheuer & Witsch, Seite 114

111, Wahrnehmung als Störung des Gegenstandes: Schnittstelle

Das in der Betrachtung in Betracht gezogene, das, was als das Wahrzunehmende, als die unmittelbar wahr zu nehmende Totalität der Umwelt uns entgegen kommt, markiert eine Schnittstelle, die ein Verhältnis zum betrachteten Gegenstand, schlicht ein Verhalten zu ihm fordert. Indem das bisherige Verhältnis (von Beobachter und Beobachtetem) verletzt oder abgeschnitten wird, kann die Stelle einer neuen Verbindung geschaffen werden: Schnittstelle, Interface. Die durch ungewohnte, schockhafte Wahrnehmung erzeugte Verletzung, Neuausrichtung des in die Wahrnehmung gesetzten Gegenstandes, also seine unmittelbar neue sprachliche Verkörperung, ist Bedingung dafür, dass das Wahrgenommene ins körperliche Verhältnis umgesetzt, mit Auge, Nase, Haut übersetzt werden kann; es muß geschnitten, gekocht, transformiert werden, damit eine Verbindung gelingt. Bevor Hegels Vergewisserungstechnik der Aufhebung1Vgl. Karl Löwith, in: Hegel und die Aufhebung der Philosophie – Max Weber, in: Sämtliche Schriften Band 5, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1988, Seite 6 ihre Spiralen entwickelt, steht dem Schauenden die Totalität des ersten Kontakts, der Unmittelbarkeit, sein Auf-den-Gegenstand-Geworfen-sein, die Negation seiner Selbsteinschätzung als zu erfahrende Traumatisierung, Störung bevor. Jedem Schauen wohnt dieser Schauer inne. Weil die Schleusen (Sinne) offen sind, vermögen die Gegenstände (Wahrnehmungsdinge), sich in den damit materialisierenden Beobachter (Körper/Geist) zu bohren, sich ihm anzuverwandeln. Sie machen mit ihm etwas. Die Objektivierung der Gegenstände entschlüpft dem Subjekt grausam als eigenes Objekt, das niemals wieder Subjekt werden kann. Auch Diederichsen hat das bemerkt, wenn er über die notwendige indexikalische Produktion von Ausdrucksmitteln und deren Ambivalenz spricht: „…dass man sich also zum Objekt machen lassen muss, ohne deshalb die subjektiven Anteile je loswerden zu können.“2Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – zur Ästhetik nachpopulärer Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, Seite 142

 

 

  • 1
    Vgl. Karl Löwith, in: Hegel und die Aufhebung der Philosophie – Max Weber, in: Sämtliche Schriften Band 5, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1988, Seite 6
  • 2
    Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – zur Ästhetik nachpopulärer Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, Seite 142

110, Arbeit Ware Empathie

Das in der Produktion von Waren mit ausgesprochene Einver­ständnis zur Praxis dieser Produktion, ist oft erzwungen. Es kann aber im Mitleid zu sich selbst, zur eignen Lage als Widerspruch des eigenen Wollens aufgebrochen werden. Die Tarnung der produzierten Gegenstände als Lifestyle würde dann ihre Nutzer nicht mehr zudecken. Sie verschwände durch die im Ich erarbeitete Ent-Täuschung über seinen Zustand. „Die Forderung, die Illusionen über über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“1Karl Marx, in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Band 1, Dietz Verlag Berlin 1988, Seite 379 Aufklärung reicht nicht, wenn es keinen Ausweg gibt. Ab hier ist der Arbeitsplatz Quälstation.
Andernfalls müsste das jäh aufs neue enttäuschte Ich sich noch neueren Täuschungen hingeben, um die alten endlos von neuem zu überwinden. Dann hätte es sich mit dem Zustand der zwanghaften, aber produktiven Täuschung arrangiert. Ein Sinn im Leben mit sinnentleertem Konsum bleibt zu suchen. Dieses arrangierte Subjekt ist als Ressource verwertbar, weil es in der Überwindung seiner menschlichen Ansprüche den Kriterien kapitalistischer Systematik entspricht. Der Produzent ist Produkt geworden.
Mit leidender Empathie zu sich selbst kann sich das Subjekt als Teil fehlender Wirklichkeit, als fehlender Teil seiner unverwirklichten Welt begreifen. Einigen gelingt es, sich als Teil, der der Welt fehlt, als Fehler, der gebraucht wird, darzustellen. Wenn dir Mensch ein Stück Welt fehlt, muss das der Welt auch fehlen.
Aus dem empathischen Erkennen eigener Möglichkeiten oder Un-Möglichkeiten wird das Fehlende deutlich. Hierin kann sich das empathisch begriffene Subjekt seine Differenz zum produktivmächtigen Pragmatismus darstellen. Es kann zeigen, was der Welt fehlen würde, wäre es nicht so da. Es ist Objekt und Objektiv seiner Beobachtung zugleich. Als Organ der Selbstbeschreibung ist der Mensch dann ein sich selbst machendes (vergrößerndes) Wesen. Aus der negativen Erfahrung dieser durch Mitleid vollzogenen Abspaltung vom Commen sense ist sinnliches Neuland zu gewinnen und kann Kunst, d. h. Lebensraum durch Ausdrucksraum entwickelt werden. Im Abbruch kann das Gebäude studiert werden. Dasjenige, was ich im tradierten Verstehenwollen der Wirklichkeit mit dem synthetisierten Kalkül des ihr unterstellten Objektseins abschlage – also: damit ich verstehen kann, zerstöre ich, um anzueignen – ist zugleich das, was dieser Wirklichkeit fehlt. Das engt wiederum die so betrachtete Wirklichkeit auf den Logos des gereinigten Objekts ein. Die Aushöhlung des Ichs beginnt in der Arbeit mit seinen Leerstellen, seinen Unverständnissen, den Mängeln, den Tunneln, beginnt an der Verbindung wie Schnittstelle zur Welt als Vorstellung eigener Möglichkeiten.

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Band 1, Dietz Verlag Berlin 1988, Seite 379

109, Fremdbeobachung, Verhaltensforschung

In der Ermittlung des Verhaltens der Menschen kann das Verhalten des Menschen auf andere Artgenossen und wiederum deren Verhalten auf den einzelnen Menschen als statistisch wahrscheinlich abgestellt werden.1vgl. Klaus Heinrich tertium datur , Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band 1, Stroemfeld/ Roter Stern 2000, Seite 110, 111 und 112 Die Unschärferelation der Beobachtung – dass keine unabhängige Beobachtung eines Ereignisses möglich ist, ohne Teil des Ereignisses und der Beobachtung zu werden – gilt für den Beobachtenden (Kontrolleur) und das Beobachtete. Das gilt aber auch für den Zustand des Fremd-Beobachtet-Seins. Unter Beobachtung zu sein, sich unter Beobachtung zu fühlen, provoziert beim Beobachteten ein Reagieren, eine Veränderung des Handelns. Das Leben der unter solcher Ermittlung stehenden wie erfassten Menschen ändert sich zwangläufig durch diese Art der Beobachtung. Menschen in Räumen mit Überwachungskameras verhalten sich anders als ohne. Der kapitalistische Produktionsweise fördert die Bildung asymmetrischer Beobachtungsweisen, weil sie in ihrer statistisch verfahrenden Mächtigkeit und Beobachtungsmacht eben nur bestimmte, für die Produktion relevante Informationen erfasst und nur erfasste Informations-Kanäle für Partizipation oder geldwerte Aneignung geschaffen werden. Vor allem dient das Beobachtet-Werden der Kontrolle – auch wenn das Beobachtet-Werden als Selbstdarstellungsmöglichkeit missverstanden werden kann.
Die Auflösung aller beobachtbar-verifizierender social-media-Beziehungen in werbeträchtige Beziehungen, also Tauschwerte, Netzwerke, in denen eine funktionalisierte Käuflichkeit markiert werden kann, führt zur Verstärkung medial determinierter Formen der Kommunikation. Jede noch so gemeinte persönliche Artikulation füttert den Kanal, der die Person als beobachtbar, eo ipso kontrollierbar überführt.
Wir erkennen uns in den uns entrissenen menschlichen Versprechen – den Waren – mehr als bei uns. Wir sind in den erworbenen Abbildern von uns, die uns selbst zu Waren verformt haben, heimisch geworden.

 

 

  • 1
    vgl. Klaus Heinrich tertium datur , Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band 1, Stroemfeld/ Roter Stern 2000, Seite 110, 111 und 112

108, Kapital und Menschen im Center

Die Formen des individuellen Einsatzes in der jeweiligen Arbeits- bzw. Produktionsstruktur werden als Verkörperungen aufgewendeter Arbeit in Waren (Produkte) überführt. Die Entleiblichung findet im warenförmigen Spiegel des Produkts ihren Platz. Im geschaffenen Produkt vegetiert die verlorene Zeit des Erzeugers – und ist ihm entrissen. Die billigen Hemden von H & M sind die abgezogenen Häute von Thailändern, Bengalen, Chinesen, Türken: von denen, die sie herstellen. Ich halte mein jeder hält sein knappes Elend aufrecht mit dem der Anderen. NESSOS vergiftet nicht den Träger, sondern die Hersteller seiner Hemden.
Das Anhäufen von Warenwelt  im Shopping – als individueller Lebensausdruck, ich kaufe also bin ich – als ein Wettlauf gegen die Zeit: gegen den Verfall der Produkte als Ladenhüter und dadurch der Verlust der in ihnen aufgewendeten Lebensbestimmung, Die Moden wechseln saisonal und damit die zu verwerfenden ehemaligen Fixpunkte individueller Ausstattung. Als ein Verlust-Begehren, sich dieser verlorenen Zeit, der Nicht-Existenz wieder zu bemächtigen. Über die Bereicherung wird Bemächtigung ausgeübt. Mit dieser durch Kauf vollzogenen Wiederbemächtigung des in Produkten entkörperten Lebens, wird die erfolgte Entmächtigung wie körperliche Enteignung bestätigt wie zurückgenommen. In der (käuflichen) Wiederaneignung des Produkts erlangt der für dessen Herstellung sich verlassende Mensch für einen Moment wieder Kontrolle, einen Sinn.
Die Auflösung aller Beziehungen… in Tauschwerte, Netzwerke, in deren funktionalisierte Käuflichkeit markiert einen Kanal der Verstärkung formaler – von Dingen, Objekten bestimmten – Daseinsweisen. Wir erkennen uns in den uns entrissenen menschlichen Versprechen – den Waren – mehr als bei uns. D. h., wir sind in den erworbenen Abbildern, die zu Waren verformt wurden und als individuell verklärter Menschlichkeit wieder erkannt werden sollen, heimisch geworden.
Ist es möglich, menschlich innerhalb des erzeugten Widerspruchs zu leben, sich aufzuhalten? Zerreißung a priori. Dem Reichtum der Welt samt seinen ästhetisch verzierten Blutspuren, Halsketten, ist endlich die aufgesetzte Fratze der Schönheit Glätte herunterzureißen. Hierin waltet die Projektion des Ästhetischen als saubere Landschaft, frei vom Gestank ihrer qualvollen Bedingungen.

Dem sinnlichen Bedürfnis, dem Bedürfnis nach Sinn für sich oder die Suche nach einer körperlichen Entsprechung zu einer Blume, schönem Tier, gilt es, nachzugehen. Die Regung der Nerven, durch die Osmose in den Lungenbläschen angestoßen, von der Leber her, ist fundamental für den Grundvorgang des Lebens, das ohne Empathie sinnlos wird.

 

Center Mittelmeer

Gesichter braun geteert
Zugepudert
Hosen am Knie
Aufgeschlitzt
Im TV life
Die Körper
Ächzen nach Ware.

Drängeln gegen Armut
Mit Ellenbogen
Arme voll
Hangen
An ausgewühlten Sachen
Bis zur Anprobe

Der letzte Schrei
Der Näherinnen

Egal!
Passt.
    Vielleicht
Bis morgen.

Ob Umkleide oder
Meerestrand:
Hemd oder Schwimmweste
Umtausch
Nur für Flüchtende.

 

 

 

107, Pizza und Postmoderne, Ware & Ego

Das Aufhören der Körper, gepfercht in Prothesen von Lippen hinter entspiegelten Scheiben, aus sich heraus genommen in fremde Lippen, das Ego ausge­brochen, ohne Gold zu finden, glänzt das Kristall der Massen: scharf, kunstfertig, und scheint wie das Schöne der Klinge.
Auf großer Leinwand der Moment des Eisens im Fleisch, ohne Danach, kein Vorher. Eingefroren. Pizza und Leichenteile im Tiefkühlfach. Post­modern. Die Differenz zwischen Lagerhalle, Konzentrationslager und Kunsthalle verschwimmt, verstopft den Zuschauer, zerreißt ihn. Man kann sich zeitgenössisch in einer Ausstellung in Handschellen an Ketten fesseln lassen.1So in der Ausstellung von Monica Bonvicini mit an langen, von der Oberdecke herabhängenden Ketten nebst Handschellen möglich: „I do you“, in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 2023 Der Zusammenhang von Erkenntnis und Ästhetik ist aufgebraucht und mit Zollfreiheit deklariert, friert und schmort im Zolllager der Art Basel. Der individuelle Schwächeanfall vor der gesellschaftlich vermittelten Totalität ist verklärt, verhackstückt im Kunstprodukt. Der nächste bitte.
Ich schweige und schmelze zum Abfluss.

 

In der ästhetisierungsmächtigen und nach Ästhetisierung nötigenden Struktur der Herrschaft ist dem Individuum die Gestaltung seiner Niederlage vorgeschrieben – verkauf dich so gut du kannst – und ebenso entzogen: du hast keine Garantie. Die sinnliche Begegnung mit sich selbst wird bestmöglich ausgelagert: im vorgegebenen Lifestyle, die Selbstertüchtigung wird in Outdoor-Läden outgesourct, Bekleidungsimages ersetzen die individuelle Bandbreite, der Lernprozess ist abgeschnitten.

 

 

  • 1
    So in der Ausstellung von Monica Bonvicini mit an langen, von der Oberdecke herabhängenden Ketten nebst Handschellen möglich: „I do you“, in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 2023

106, Kinderspiel: Phantasie II

Die Entwicklung zum Phantastischen, Träumerischen aus den Realien, dem Vorgefundenen heraus, nimmt nicht nur eine Fluchtrichtung auf, ebenso überbrückt die Phantasie dadurch die Leerstellen einer nichterzeugten, nicht eingeholten, nicht verstandenen Realität mit ihrem spielerischen oder vorgestellten Ersatz. Im Modus des „als ob“ wird Realität simuliert – man ist noch nicht betroffen, aber erzeugt im Spiel Varianten des Verstehens (kindliche Spiele). – Aus den Leerstellen wird Freiraum gewonnen, mit möglichen Zuschreibungen ausgefüllt. Die Besetzung der Umwelt geht folgerichtig idealisiert voran. Aber: an die eigens erzeugte Idealisierung kann man sich fest-halten.
Die stellvertretende Einsetzung der Realität im Spiel, im Phantastischen, in Tagträumen ist eine Setzung der Differenz zum alltäglichen Leben. Die Differenz zur alltäglichen Struktur des Lebens wird angezeigt, die Überbrückung deutlich. Die Antizipation potentieller Handlungsmöglichkeiten wird spielerisch versucht, indem die vor-gestellten Be-Bilderungen in Orte, in Zeiten getauscht werden. Mögliche Zukunft wird im Hier und Jetzt simuliert. Die idealisierten Zeiträume, Raumzeiten (im Spiel, in der Kunst) sind ins Dasein einwirkenden Vor-Erfahrungen, eine Schule der Realität, sind ein Einüben wie Beschreiben der Wirklichkeit. Das Kunstwerk ist eine auf die vorgefundene Situation angewendete phantastische Übersetzung zum Lebendigsein.
Die Teilnahme am praktischen und sozialen Leben ist auch über die erarbeiteten, spielerischen, manchmal psychotisch anmutenden Umwege erreichbar. Eine ästhetische Verwandlung der Stürme in Artefakte, um mit ihnen über das bedrohte Areal des Selbst zu kommen.

Wissensschrei
Alles Wissen einsetzen, ausufern lassen, verschiffen. Verwirklichung drängenden weil ertrinkenden Geistes dringender Ideen ertränken die Zweifel. Im Erddunklen das revolutionäre Schaufeln am Ich. Die Realität der Befreiung bestimmt die Poesie des Kampfes. Die Schlacht hechelt ihrer eingeschrie­benen Poesie hinterher. Gedichte werden von ihrem beschworenen Blut unkenntlich.

 

 

105, Angriff und Verteidigung

Jede Verteidigung gibt Areal des Angriffs auf, hinterlässt Angriffspotential zugunsten der Stabilisierung der Linien, des eigenen Nahberreichs. Die Verteidigungsnot des Subjekts liefert es der gesellschaftlichen Schlachtordnung aus. Es müsste sich mit anderen sammeln und weniger verezinzelt kämpfen.

Der im Bürgerlichen Gesetzbuch sanktionierte Egoismus des Einzelnen wird realiter untergraben mit dem ihm zugestandenen wie verbrieften Recht, mit anderen, was immer heißt: gegen andere ein Geschäft zu machen. Bellum omnium contra omnes. Die bürgerliche Freiheit ist das Recht eines Einzelnen, der in seinem Recht das Recht anderer beschneidet: „Die Pointe liegt vielmehr darin, daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann, also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse des Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben. Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwert, worin für jedes Individuum seine eigne Tätigkeit oder sein Produkt erst eine Tätigkeit und ein Produkt für es wird…“1Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 42, Dietz Verlag Berlin, Seite 90

Die oberste Therapieverordnung lässt nicht zu, dass jemand sich verteidigt. Nur im Verschwinden entzöge sich das Subjekt dem Angriff. „(…) Stets scheint die Reduktion das letzte Mittel der Annäherung an Realität und Idealität, des Überlebens in der Materie oder in der Idee zu sein.“2Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 (Nachwort)

 

 

  • 1
    Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 42, Dietz Verlag Berlin, Seite 90
  • 2
    Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 (Nachwort)

104, phänophobisch – Kontrolle und Konspiration

Reduktion
Der Versuch im Beschneiden des Blickfeldes, die Eindrücke, Sensationen zu begrenzen und überschaubar in Form zu bringen, zeigt das zurück­weichende Subjekt an: es muß (sich) reduzieren, um (dran) zu bleiben, seinen Wahrnehmungsraum verkleinen, um – den Rest – beschreiben zu können. Den Überblick behalten zu wollen, geht einher mit Isolierung wie Reduzierung von Wahrnehmungsmaterial, geht hinein zur Ignoranz gegenüber dem Ausgeschlossenen und führt die Köpfe unter Eis, zwängt zur Untersicht. Übersicht erhalten zu wollen, weist auf ihr Schwinden hin. Das Beobachten scheint mit den anwachsenden Differenzen, die sich in Formen zeigen, den empirischen Fluten überfordert. Die angestrebte Übersicht zwängt das empirische Material auf die zu erlangende, möglichst formierte Sichtbreite ein: Selektion. Das zu denken, was der Andere von meinem Denken denken könnte – als eine nach oben hin geöffnete Feedbackschleife sich bedingender Kommunikation – führt zu paranoiden Zusammenschlüssen kommunikativer Kontexte. Die wirkliche Kommunikation wird zur nur vorgestellten Kommunikation aufgelöst und vom Hier und Jetzt entleert. Die Spekulation übernimmt Faktizität; ersetzt sinnliche Beeindruckung. In dieser Situation hat das Leben, das Umfeld keine Chance vom Subjekt erlebt zu werden, denn es möchte sich mittels Kontrolle gegen das, was passieren kann, schützen. (Ebenso chancenlos wäre, die Totalität sinnlicher Eindrücke insgesamt wahrnehmen zu wollen.) Bevor etwas passiert, ist es bereits in Kategorien abgelegt und sicher bewertet. Je absoluter die Forderung ans Übersicht-Behalten gestellt wird, desto beschränkender wirken die kalkulierten Erwartungen an die Ereignisse. Sie werden von Erwartungen, Vorahnungen eingeschränkt, überstülpt. Eine selbstprophezeiende Logik ist im Gang. Die Umwelt wird auf ein im Voraus festgesetztes Beschreibungsraster eingestellt.

Die Paranoia zwingt den Zweifel zur Gewissheit und sorgt für Klarheit.1Jörg Heiser erforscht in seinem Artikel „Nicht ohne den 9ten Nusknaker“ künsterische Ableger der Paranoia. Sein erster Satz des Artikels „Paranoia sorgt für Klarheit.“ trifft ins Schwarze Loch der Symptomatik. Jörg Heiser, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 296, Seite 15, vom 24./25./26. Dezember 2003

Kontrolle – Die Wirklichkeit an ihre Grenze treiben
Wenn  Kontrolle organisiert werden soll, muss die Organisation kontrolliert werden, die Kontrolle organisiert usw. Die kapitalistische Paranoia hat ihre eigens produzierten Krähen im Nacken: Die Konkurrenz schläft auch nicht. Die erlangte Übersicht schneidet das Über-Sehene ab von denen, die es nicht trennen können und sich nicht der Zumutung stellen, rational zu sein. Übersicht/ Kontrolle erreichen zu wollen, wirkt auf das Kontrollierte isolierend, weil auslesend – abgesehen von der durch arbeitsteilige Spezialisierung provozierten Wahrnehmungs-Isolation der Ereignisse. Im Fluchtgang zwischen Kontrolle und deren Verlust pendelt das bezwängte Subjekt. Das Kontrollieren-Wollen wird stets von dessen Versagen, dem Verlust an Kontrolle begleitet – alles geht halt nicht. Bis man durchdreht. Der gescheiterte Versuch, in der Welt zu sein, schlägt in die Versuchung um, den Entzug von Welt auszuhalten. In der phänomeno­logischen Beschreibungswut kommt die Intention zur Sprache, durch die zunehmende Einteilung der Beschreibungswelt, d. h. durch die Konzentration auf immer mehr und kleinere Teile (Phänomenen), Zeit zu erzeugen: fest zu halten. Verweile doch! Mit dem Akt der Beschreibung, Aufenthalt in der Welt zu erlangen. heißt, sie durch stetes Beschreiben zu verlangsamen – als ästhetisches Programm. Wer beschreibt bleibt. Wenn ich etwas festhalten kann, wird es schön. Hemmung, Verlangsamung als Zeitgewinn. Verweile doch… Vielleicht ist Malerei auch ein Kontrollprogramm: das die Welt so sei, wie sie im Bild dargestellt werden konnte.

Therapie: Aufmerksamkeit
Phänomenologie als therapeutischer Aufenthalt durch das Verweilen im kleinen Bereich, an der Blüte, als Distanzversprechen gegen die Totalität – gründend auf der Angst vor dem Verlust von Welt oder von einem Ereignis, das als eine Form schließend wahr genommen werden muss. Eine erstarren machende Annäherung. Der Dialektiker zieht die Zerstörung (der Künstler: die Ästhetisierung der Zerstörung) von Wirklichkeit in Betracht, um Erfahrung machen zu können, also um für sich eine Lebensnähe zu produzieren. Die Flügel der Fliege werden rausgerissen, um sie unters Mikroskop zu legen. Man tritt in Beziehung zu sich über die Objektivation des anderen. Negative Dialektik: Die Zerstörung der Beziehungen, der Objekte verstrickt sie zu neuen Netzen, bedingt die Vergrößerung des ichigen Myzels – sprengt es von seiner Wurzel.
Das, was zum Erhalt des empirischen Materials durch seine Sichtung beitrug, um zu wissen, über wen oder was sich Übersicht stellen kann, wird im zwanghaften, weil unendlichen Bedürfnis nach Übersicht übersehen und löscht das stete Material durch dessen beständige Verkleinerung aus. In einer Art rationalisierten Zwangs-Totale wird die Welt reduziert gedacht gemacht, um sie zu regieren, planbar zu erhalten. Das ideale Reich dieser menschlichen Freiheit ist seine psychische Implosion. Diese Psyche wird von ihren Zeitgebilden bestimmt, oder lebt von ihren Bildungen, Auswüchsen und zehrt sie aus.
Phantasie als Notgeburt oder eine zu frühe. Wahnsinnsgetränkt. Sie entsteht nicht jenseits der das Subjekt umfassenden Realität, die den Körper am entgegentretenden Außen verortet, welch tolle Gedanken, sondern aufgrund der realen Beschneidungen aufs Subjekt entsteht Phantasie als selbstischer Therapieversuch. Sie überbrückt mit ihren Erfindungen abgeschnittene Areale und ist verlebendigte Mangelerscheinung, überkämpfte, kompensierte, ach ja, auch sublimierte Leerstelle. Begabung als geglückte sublimierte Wut. (Adorno) Phantasiegebilde sind ihres Ausbruchs harrende Kampfansagen gegen die Ein-Richtung der Welt. Manchmal erwächst Phantastisches aus dem Verfolgungsdruck der Alltäglichkeit und das andere Mal, diesen Druck abzuschütteln.  Phantasie arbeitet mit Bruchstücken der Wirklichkeit, ist auf die Leerstellen der Wirklichkeit angewiesen. Das ist ihr realistischer Kern. Phantasie entspringt verurteilter, unerfahrener Realitätsbereiche. – Dann stellt man sich das ganz klar vor und hat ein Bild… Der Verlust und der Gebrauch von Realitätsmacht zeigt die psychische Bewegungs­richtung an. Die Auswüchse können paranoide Grade erreichen, ob als Misstrauen, Verfolgungswahn oder sie können – mit  Unterstützung entsprechender Kapitalien – zu unternehmerischen Visionen mutieren. Audi Werbung: „Wer die Zukunft vorhersehen will, muß sie erschaffen.“

Paranoia und Kapital
Gemäß des Sinns kapitalistischer Produktionsverhältnisse, die die entsprechenden medizinisch angezeigten Indikationen (Kontrollzwang, Produktgespinnste) aufheben und verwerten, dass heißt: regelrecht produzieren, liest sich das so: „Jedoch wissen wir aus der Geschichte, dass es angesichts der Fortschritte in unserer Industrie nicht lange dauert, bis andere mit ähnlichen Dingen aufwarten. Und diese grundlegende Sicht unserer Industrie zwingt uns, fortlaufend zu erneuern. Wie unser Chairman, Andy Grove, immer wieder betont: „Only the paranoid survive“, nur der Paranoide kann überleben. Folgerichtig befassen wir uns unablässig mit zukunftsträchtigen Innovationen.“2Pat Gelsinger, CEO bei Intel in der c‘ t, Zeitschrift für Computer und Technik, Seite 94, Heft 13, 2003 Ja: der paranoide Vorwärtsdrang der Flucht soll in den Rücken der Verfolger führen. Die kapitalistische Paranoia hat ihre eigens produzierten Krähen im Nacken – Die Konkurrenz schläft niemals! Die Paranoia der Verfolger schlägt in die Paranoia der Verfolgten um.

Zukunft
Die Zukunft wird modelliert über die Aussagen, die über sie getroffen werden können.
Die unternehmenslustige Phantasie oder die phantasiemächtige Produktivität der Unternehmen, die Macht der CEO‘s schlägt in Paranoia um. Die Erhaltung der Macht ist vom stets möglichen, also drohenden Verlust der Machtposition gekennzeichnet. Wo sie sich erhalten kann, wächst aus der Hydra die noch größere Erbin: Erhaltung – Vergrößerung – Vernichtung – Vergröße­rung. Die Pathologie der Macht (schläft die Konkurrenz, was hat sie vor?) erzeugt einen Verfolgungswahn, der darauf abzielt, alle Mittel einzusetzen, die mutmaßlichen Feinde zu vernichten, denn in diesen Führungs-Positionen schätzt man sich auch als Feind der anderen. Das Wort Beherrscht-Sein erhält hier den Sinn von Beherrschung – der eigenen wie der anderen Ängste. Marktbeherrschung = Angstbeherrschung. In den Regionen hoher Etagen verselbstständigt sich die Lenkung des Fahrzeugs von der Fahrt: Das Produktportfolio wie die Steigerung des Profits werden oder sind nur kurz relevant. Es geht um den Lenker, ihn festzuhalten, nicht um die Fahrt. Das es für die Konzernlenker nur ein Job ist, in dem sie ihre Ängste ausagieren, erweist sich daher als fatal, weil sie einen Lenker in der Hand haben, der große Welten lenkt. Der Angstschrei des Aktienhändlers in der 132. Etage wird hörbar für Millionen.
Aus dem Verfolgungswahn spricht das Ertapptsein eigenen Tuns. Denn die Flucht vor Verfolgung führt in sie hinein – die Paranoia der Verfolgten.

 

 

  • 1
    Jörg Heiser erforscht in seinem Artikel „Nicht ohne den 9ten Nusknaker“ künsterische Ableger der Paranoia. Sein erster Satz des Artikels „Paranoia sorgt für Klarheit.“ trifft ins Schwarze Loch der Symptomatik. Jörg Heiser, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 296, Seite 15, vom 24./25./26. Dezember 2003
  • 2
    Pat Gelsinger, CEO bei Intel in der c‘ t, Zeitschrift für Computer und Technik, Seite 94, Heft 13, 2003

103, Abbruch

Abbruch: Jammert nicht, ihr Hunde. Lasst uns die Not mit Farbe aufs Papier streichen. Wie schön! Wie immer. Hier hat sie Ruhe und kann fressen: An unserem Erbe. Für die Lichtscheuen haben wir noch was im Keller: Kadaver in Formaldehyd. Im Beisskrampf erstickt an Mitgefühl und Miete. Schlangen um Vaters Hals. Die Bekanntschaft des Erfolgs wird ab jetzt rechts und links der Klinge gemacht. Welch ein Blutbad. Nur für Käufer! Sie wollten darin baden und sind nass geworden. Freiwillig. Es war Liebe auf den ersten Blick: am Bankschalter. Dort fuchtelten wir mit unseren Organen und Gliedern: Zum Verkauf! Was für Zuneigung. Jetzt sammelt sich das Publikum und hängt sich/ die Bilder in die Grabkammer. Anderswo schleifen Beinearmehüftengerinsel eine Strasse nach Norden. Damit ihr’s wisst: Das ist der Weg.

https://berlinergazette.de/abbruch-aufbruch/

 

 

102, Sex und Sublimierung

Sex – vielleicht ein anderes Wort für das Bedürfnis nach Nähe. Die Nähe zum Fremden vermittelt unmittelbar im Sex die stärkste Intensität. Eine Art Direktsprung ins körperliche Kapital der Evolution ohne Umschweife, ohne die sozial auferlegten Gesprächsrunden vorher: praktiziert in One-Night-Stands. Über die Lust wird der direkte körperliche Weg zum Anderen gefunden, bevor durch das Reden, das Kennenlernen der anderen Geschichte sich eine – nun gemeinsam geteilte – Geschichte zwischen die Körper schiebt. Psychisch schon von Verlassenheit geprägt, ist auf den Körper noch verlass. Denn die Körper sind in ihrer unerfassten Fremdheit am schönsten. Man kann sich dem eigenen Körper ohne Umschweife (ohne Verantwortung für ein Davor oder Danach) hingeben. Sich loslassen. Frei von sich – der eigenen Geschichte ledig – und nah körperlich bei sich zugleich. Man will das Schöne, die Nähe, aber im Akt der Vereinigung lässt man keinen an sich ran. Die von Liebe erfüllten Gefühle spielen hier eine geringe Rolle, wenn man dem schuldlosen Körper freien Lauf gewährt. Das Begehren nach Nähe, nach dem Schönen ist schuldlos – bis der Körper seine Schuldigkeit getan hat. Nachts sind wir nah am Blut, einander aussaugend, tagsüber verkriechen wir uns vor unserer Geschichte. Dann sind wir gestillt.

Aber:
Der sinnliche Sog der Geschlechter, der die Menschen in ihre evolutionäre Prägung führt (Fortpflanzung), wird im Zuge gesellschaftlich-industrieller Intervention gefährdet, mißbraucht wie verwertet. Mit der Zerstörung der sinnlichen Welt durch ihre monetäre Verwertung, „nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu.“1Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I. Teil, Dietz Verlag Berlin, Seite 511 Das mit der Geburt sinnlich ausgestattete Leben gerät in den petrifizierenden Schlund verdinglichender Produktions­prozesse. Die Realität der Anpassung ist nun der Verfolger, Erkenntnis ist Steinzeug, um Kompromisse herauszuschlagen. Mühe und Essen, Lohn und Hunger oder Katalogreise. Es droht die Fixierung der menschlichen Bewegung an das ihn bewegende Fließband. Es scheint, als würde die bürgerliche Gesellschaft an der Befreiung des Ästhetischen vom Ethischen arbeiten. Was noch zweckfrei, unschuldig schön ist, muß zum Markt geführt werden. Solange Menschen verdinglicht, für Marken, Brands, Unternehmens-Image ästhetisiert werden können, fließt ihr jäh eigenwilliges sinnliche Gespür ab. Die warenförmigen Statthalter der bürgerlichen Existenz sind für den Bürger „seine“ Produkte geworden, seine ihm selbst aufgezwungenen Neutralisierungen: sein Erfolg, seine Selbstverwertung. Selbst kritischer Einspruch wird wieder vom eigenen Konsum einverleibt und zugedeckt. Das ausgestattete Ich schaut in seinen Spiegel und die ihm angenähte Fratze seiner Vernutzung springt in es hinein.

Und:
Sublimierung. Die Leistungen der Sublimierung2„Die Sublimierung ist ein Prozeß der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Zeil wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen.“ Sigmund Freud, in: Zur Einführung des Narzißmus, Essays I, Hrgb. Dietrich Simon, Verlag Volk und Welt, Berlin 1989, Seite 567 als intellektuelle Kompensation beschrieben wie aufgenötigt, um gegen den Realitätswiderstand zu bestehen, zeugen vom realen, sozial modernen Einspruch gegen den eigenen Körper. Das körperlich sich lustvoll zeugende Ich erleidet die geistig-psychische Anstrengung der Kompensation seiner Verhinderung als gesteigertes Begehren, weil der körperliche Gebrauch der Lust verweigert wurde. Sublimate – als in Arbeit oder in ästhetische Ausdrucksweisen transformierte Libido – sind Ausdrücke gegen die eigenen körperlichen Ansprüche. Hier ist „die Triebkontrolle zum allgemein anerkannten Ausweis sozialer Reife avanciert.“3Wolfgang Engler, Verspielt, Schriften und Gespräche zu Theater und Gesellschaft, Verlag Theater der Zeit, 2012, Seite 158
Der sozial konform gemachte Besitzer evololutionärer Triebhaftigkeit lebt fortan nur in einem Traum eines sich lustvoll vollstreckenden Körpers: als ein von den pflichtgemäßen Forderungen geentertes Schiff im Sturm seiner libidinösen Seel. Gegenüber seinen Tierschwestern -und Brüdern hat der Mensch die Möglichkeit, seinen Triebanspruch zu intellektualisieren.4vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp, Seite 9 (Einleitung) Die erzwungen psychischen Ablenkungen machen den Weg frei für den Eiter, der auf Kultur getauft wird, bis zum Altar, quer durch allen Hochglanz führt die Spur – an der Basis ein Selbstmord, im Überbau ein Ideal oder eine Filmgeschichte – der Mann hat alles gegeben. Was wir Kultur nennen, kündigt vom Sportsgeist, der das Abwichsen sprachlich honoriert. Vielleicht entspinnt sich der ontologisch befestigte Zweifel aus ideologischen Trennung von Intellekt und Körper. Eine kulturelle Verteidigung der Individualität durch die Verwüstung der Individuen? Kunst als eine Verteidigung des Leidens, um nicht in Barbarei zu fallen?5„(…) das leiden hat die kultur geschaffen; so wird wohl barbarei entstehen, wenn das leiden abgestellt wird?“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Eintrag vom 18.8.1942

 

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I. Teil, Dietz Verlag Berlin, Seite 511
  • 2
    „Die Sublimierung ist ein Prozeß der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Zeil wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen.“ Sigmund Freud, in: Zur Einführung des Narzißmus, Essays I, Hrgb. Dietrich Simon, Verlag Volk und Welt, Berlin 1989, Seite 567
  • 3
    Wolfgang Engler, Verspielt, Schriften und Gespräche zu Theater und Gesellschaft, Verlag Theater der Zeit, 2012, Seite 158
  • 4
    vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp, Seite 9 (Einleitung)
  • 5
    „(…) das leiden hat die kultur geschaffen; so wird wohl barbarei entstehen, wenn das leiden abgestellt wird?“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Eintrag vom 18.8.1942

101, Stille halten, Blicke blenden

Stille halten
Wie der Fotograph früher zum Stillehalten anhielt, um das Konterfei zu bannen, in der Art halten wir noch die Gegenstände, Begriffe fest, wenn wir sie als schönen Augenblick behalten wollen – und zerren sie aus ihrem entropischen Fluß der Zeit. Aber nur „wer die Natur kann herausreißen, der hat sie.“ (Dürer) Wenn wir über Gegenstände, Motive reden, reden wir über sie, wie sie waren als wir anfingen, über sie zu sprechen. Wir sind auf den momenthaften Zustand verwiesen, den er flüchtet schnell aus dem Hier und Jetzt. Auch Kommunikation verweist das Kommunizierte auf einen vergangenen Ausgangspunkt. Im Sprechen wird der Gegenstand festgehalten: das Sprechen hält die Verbindung zwischen Beobachter/ Sprecher und Beobachtetem/ Besprochenen aufrecht. Die begriffliche Nähe von Erstarrung (Stillleben) und Starren (Kamera) macht darauf aufmerksam, das dieses durch Stillehalten eingeforderte Herausreißen des markierten Gegenstands aus seinem Fluß die Sinne nicht gewöhnt sind: Nicht nur das langsame, anhaltende Anschauen, auch das wiederholende, immer wieder darauf zurückkommende, ermüdet das Auge. Die Versteinerung, Fixierung des Gegenstands zementiert sich in seinen operator, Auftraggeber hinein. Sie dient der Konservierung eines jetzigen, aber durch das kamerataugliche Festhalten in einen ehemaligen Zustand, damit Erfahrung sich im schönen Bild vollziehen kann. Im Bild wird der Moment, Ausgangspunkt der schönen Wahrnehmungung gefestigt – wir können stets dahin zurückkehren. Ambivalent stülpt sich die versteinerte Ab-lichtung über ihre Resultate, hält jenen gefundenen Moment als Wissen um den schönen Augenblick fest, wo er eingefangen war. Dieses Ab-Bilden fixiert das Erlebnis auf eine bildlich-formale Struktur. Es läßt das Schaf, das die Milch gab, nicht auf die Weide zurück; digital eingefroren. Verweile doch… Im schönen Augenblick schwindet die Zeit.

Spiegelreflex
Wie toll und erschreckend unmittelbar die Welt doch in diesem Spiegelreflex eingeleuchtet und einleuchtend wirkt. Wie dennoch jedes weitere Abspiegeln, Festhalten die optische Präsenz schwächt, verflacht. Die Sensation, das Erschrecken wird in Abbildungen verteilt und klart als manifestes Bild auf. Abgebildete Erinnerung ernährt sich davon, die Gegenwart als Gebanntes auszublenden. Ein stetes Wiedererkennen schiebt sich über das Erkennen. Die Gegenwart im Ablichten, die Verschlusszeit zerrt uns in eine Vergangenheit und gähnt uns als Gewesenes an.

MEDUSA Inversion
Der verwendete Spiegel – das Schild des Perseus, konnte ihn im bereits versteinerten Umfeld unzähliger Versuche, dem Anblick von Medusa zu widerstehen, über ihre Schönheit hinweg täuschen. Der Vermittlung des zweiten Beobachters wohnt Täuschung inne. Sein Spiegel als Schild: die Reflexion vermittelte ihr Angesicht als Ab-bild und bannte den Schrecken bedrängender schönster Umittelbarkeit. Perseus benutzte ein spiegelndes Schild gegen die in sich endlos schön verharrende und Blicke tötende Medusa. Denn wer sie durch bloßes Blicken bestehlen wollte, machte sie vergleichbar. Wer in ihr Dasein starren und töten wollte, erstarrte im eigenen Ansinnen zu Stein. Perseus war ein Held: Er war ein Erster, der durch Fixierung, durch falsche Verdopplung die Gegenwart erledigen konnte. Die Antizipation ihrer Gegenwart über den versteckten Spiegel blendete Medusa mit ihrem eigenen Blick zu Tode. Die Identität mit ihrem Abbild brachte sie um. Die Spiegelung nahm sie im eigenen Raum gefangen. Das von ihr ab- wie losgelöste Bild im Spiegelreflex machte sie sterblich. Sie war kein Narziss. Ihr eigener Anblick verdoppelte sie bis zur Entzweiung. Ihr Blick blendete sich selbst.

DAPHNE Devolution
Die Versteinerung vor dem Betrachter, vor seiner befürchteten Berührung: DAPHNE.
Die Versteinerung ihre Abschreckung. In der Totalität ihres Endes egalisierte sich ihre erotische Faßbarkeit, ihr Geschlecht. Das Spiel ist auf das Spiel seines Endes gekommen. Die Entortung des Geschlechter-Kampfes, weil das menschliche Begehren im wurzelschlagenden Gezweig wegtrieb. Die baumartig umwachsenden Adern fesseln ihren Blutverlust. Das Geronnene wird Zeugnis eines innehaltenden Einverständnisses – Identität mit Blattwerk und jenem Verwandten, der ihr half, so starr zu blühen. PENEIOS. Die symbolisch aus ihr sprießenden, der Liebe nicht zugänglichen Zweige des Baumwerks sind Ausdruck des Nicht-Beherrschten geworden. Sie hatte keine Wahl: Wollte sie ihr noch unberührtes Wesen behalten, mußte sie es verlieren! – Auf evolutionär frühere Stufe gestellt, rein pflanzlich. Ein nicht zu Ende gekommenes Wort APPOLLONS machte sie erstarren. Entmischung als Identitätsbehauptung, die Verweigerung krönte ihren Kopf mit Lorbeerkranz.1Zum Begriff der Vermischung, der Identität vgl. Klaus Heinrich, in Dahlemer Vorlesungen tertium datur, Band 1, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1987, u.a. Seite 76 ff
Das, was die mit AMORS bleibeschwerten Pfeilen ausgelöste gerade noch lebendige Versteinerung darstellt, im Versuch ihr Identisches zu erhalten, verstümmelt zwar, aber noch lebend, ist ein Bild für das Individuum, das der zeitgenössischen, massenhaft umgarnenden Bildermasse der Produktwer­bung gegenübersteht. Heut schon sind wir Überlebende und können den Morgen nicht grüßen, zu viel Blutverlust bis hierhin geschleppt.
Vermischung findet nicht statt oder wird befürchtet. Als Gewesenes skulpturiert; die Macht der Reaktion, der Verweigerung – Insektenhaft starr im Banne der Gefahr. Versteinerung ein Abwehrprogramm im psychoti­schen Steinbruch. Wo ehemals aus den Wunden die Haut des sich entwickelnden Menschen rinnen sollte, gerinnt jetzt gesellschaftlicher Unrat als Konsumgut aus seinen Körperenden, quillt das flexible Individuum aus ihm heraus – flüssig gehalten von der Industrie der Gerinnungshemmer – bis es nichts mehr ist als die Halterung der ihm zugewiesenen produktgemäßen Verkörperungen. Das Blut läuft aus Körpern wie aus Betonpressen. Der Plan ist, das Morgen auszuhärten. Ohne Zuversicht an Morgen sterben die Ahnen. Ohne Hoffnung wird Vergangenheit sinnlos. Daphne: Ein Sinnbild des unausgefochtnen Kampfes. Aus Furcht vor einer liebreizenden Berührung, oder war es Gerührtsein? Ihre Flucht endete im steinwachsenden Baum. Als Armor Daphne erkennt, ihr nachstellt – die Pfeile seines Erkennens auf sie richtend: flüchtete sie, weil sie sich den Pfeilen entziehen wollte (dem Erkanntwerden), oder versuchte sie, dem Resultat des Erkanntwordenseins als ihrer Objektivierung zu entrinnen? Sie nahm sich unmittelbar vor ihm weg. Die sehnsuchtsvolle Vorwegnahme der Kopulation läßt eine Vermittlung von Objekt und Welt nicht in Kraft treten. Als Sinnbild der Liebe: Sie wollte geliebt, aber nicht erkannt werden. Die Begehrte vergab ihrem Körper nicht die Liebe.
Er hätte treffen müssen, dann mit schnellen Drehungen den breiten Pfeil aus ihrem Körper ziehen und ins grad noch warme Fleisch zwischen den zuckenden Nieren seine Finger stecken – die linke Hand hat bereits ihr Genick gebrochen – bis er das höllisch zarte Organ, das wuchernde Erinnerungsmodul der Menschheit aus der blutigen Verästelung befreit.

Verweile doch
Der Mythos von Medusa und Daphne gibt einen Hinweis, weshalb der Schönheit, dem Ästhetischen zu Leibe gerückt wird. – Die Traurigkeit, Ohnmacht gegenüber der Fixierung, Erstarrung beim Anblick einer schönen Frau trägt diesen Rest des Haupt-Abschlagens bei sich. Das schöne Fremde wird durch den Sex in abrupte Nähe vergewaltigt. Weil man mit solcher entfernten Schönheit nicht leben kann, wird sie in Nähe über-wunden und aufgelöst. Oder narzisstisch gewendet: Man kann mit solch fremdartiger Schönheit des Lebens nicht im Leben bleiben.2Vgl. Sigmund Freud, in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer Taschenbuch, Seite 59 Woran erinnert das Schöne? An die vergangene Unschuld, an etwas Natürliches: an die Natur, die Schuld nicht kennt. An den Verlust und die Möglichkeit der Schuldlosig­keit.

 

 

  • 1
    Zum Begriff der Vermischung, der Identität vgl. Klaus Heinrich, in Dahlemer Vorlesungen tertium datur, Band 1, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1987, u.a. Seite 76 ff
  • 2
    Vgl. Sigmund Freud, in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer Taschenbuch, Seite 59