120, nach Heidegger

Schuld ist der Ruf des Lebens nach sich selbst in der Stille. Das Nichtsein korreliert ins Schweigsame, in sprachlose Schuld – Mundstill vor der Schönheit des ontologischen Bergens der Sprache. Der Schmerz ist der Ruf des Lebens nach dem Tod. Der Schmerz ist der Ruf des Todes nach dem Leben. Der zwingende, erzwungene Bezug auf sich selbst teilt das Ich, teilt es von der Welt ab. Die Schäden am Selbst werden im Ich reguliert, abreagiert und zum Ichotaurus aus-formuliert. Die in den Produktionsstätten erreichte Entfremdung vom menschlichen Empathiestoff, zeigt sich in der Entstehung einer Industrie, die genau diesen empfundenen Zwiespalt als menschliche Leerstelle anpreist und zu füllen anbietet. In jenen Urlaubsgettos, Freizeitbetrieblichkeiten, in denen das erarbeitete Recht auf die Behandlung des erlittenen Verschleißes sich verbüßen darf, werden Ereignisse vermittelt, die Projektionen erzeugen, nicht aber Erfahrbarkeit erreichen. Der kapital entfesselte Körper soll bewältigt, im bloßen Genuß überwunden werden. Eingeschlossen in dies Fleisch und diese Knochen kommt dieser Körper nicht über sich hinaus.

 

 

119, Schicksal oder Fehlfunktion: Künstlertum

Dass meine Umwelt nicht von mir partizipiert, obwohl ich angehalten bin, mich an ihr empathisch zu beteiligen, entwickelt sich zur Abkehr von Partizipation. Die Enttäuschung, Kränkung erschöpft sich schließlich in Hemmung, Abwehr. Eine vermeintliche Ich-Mächtigkeit ist im Gang: Solipsismen aller Art, Größenwahn. Wenn die Welt nicht nach meinen Blicken sucht, sich nicht interessiert, wie, was ich sehe, erhebe ich auf die Fatalität Anspruch, sie nicht mehr wahr zu nehmen, verbinde die Augen und verweigere ihr, was ich in ihr gesehen habe, was ich in ihr ausdrücken kann, lehne ab, was sie mir geben soll: Beteiligung, Aufmerksamkeit. Aber: Der Blick ist jetzt frei, in die tiefsten Tiefen des Ich zu starren.
Die vom künstlerischen Subjekt angestrebte Verwehrung, sich als funktionaler Teil in die Welt einzuordnen, ist eine Stilisierung seiner widerständigen Einfalt, damit es im Licht der Welt gesehen werden kann und wird zur psychologischen Metapher gegen Licht. Die abgelehnte, aber so sehr von diesem künstlerischen Subjekt angestrebte Affirmation als Teil der Welt zu gelten, ist für es um so grausamer, weil es sich nach der nicht erteilten Teilhabe, desto mehr als Appendix, als verzichtbares Teil empfindet. Als würde das Licht – als Metapher für soziale Interaktion – schuld sein, beginnt das Subjekt sich vor dem Licht der Öffentlichkeit zu vergraben. Es richtet sich im Dunkeln ein, um nicht vom erhellenden gesellschaftlichen Tag abhängig zu sein. Die Kritik gegen die Welt entspricht so sehr der Sehnsucht nach ihr. Die Welt verliert, was das Subjekt in ihr sein könnte: teilnehmende Wirklichkeit. Die Leerstellen werden zur Parallelwelt konstruiert.
Das betätigte Ich. Keiner ihm die Geburt vergab. Alles ihm Niemand. Mit Blinden sicher. Das entkörperlichende Verhältnis der Nacht zu ihren Gespenstern, zu den von ihr heimisch befallenen Objekten, läßt die Ideen, Vorstellungen geradezu physisch erscheinen. Nichts wird mehr gesehen, das Auge kollidiert mit der Dunkelheit, nur noch wird es stolpern. Es ist nun Platz in leerer Umgebung, Umnachtung, sich Gedanken zu machen, Angst zu entwickeln. Die Sorge im Vielen, am Tag, im Licht flüchtet sich in die Geborgenheit des Dunklen, der Farben, Worte und Gespinnste.

 

 

118, Medusa & Perseus im Spiegel

Die Spiegel-Metapher in der Perseus-Geschichte, in der er gegen die einzig sterbliche Gorgone Medusa kämpft und sie – da ihr leibhaftiges Angesicht tödlich ist – in seinem spiegelnden Schild abbildlich einfängt und stellt, erinnert mich daran, dass ein Spiegelbild eine Art existentielle Fixierung der Zeit für die im Spiegel gebannten Betrachter darstellt. Das Wiedererkennen im Spiegel als Dopplung der Person zum Preis ihrer Vernichtung. Das Interessante am Spiegel ist dessen Stopp: Nichts geht über den gegenwärtigen Moment des Anblicks der Abbildung hinaus: ein spiegelndes Schwarzes Loch; wende ich mich ab, sehe ich mich nicht wider. Dass Perseus ein Schild trägt, das ihm in dessen reflektierender Oberfläche den Ort von Medusa zeigt, erzählt von dieser Ambivalenz. Die Interpretationen im Zusammenhang mit Medusa sind vielschichtig. Ihr Angesicht – so der Mythos – wäre für Perseus tödlich. Der Blick auf die weiblich gebärende und aus Weiblichkeit geborene Schönheit risse ihn in den versteindernden Bann des Schönen. Davor mußte er sich schützen. Eine Folie für den Übergang des Matriarchats zur narzisstischen männlichen Herrschaft. Als konkrete Geschichte berichtet sie vom Verschwinden durch ein Gesehen-werden, worin das Subjekt sich wieder-erkennt, das es herausreißt aus der solipsistischen Nische und ans Licht zerrt bar jeder Deckung. Wie ein Erschrecken. Es gibt auch ein Gesehen-werden-wollen, worin sich die Projektionsarbeit (wie ein Anderer den Ich-Projektor sehen könnte) des Subjekts an der spiegelbildlichen Oberfläche entspinnt, worin es an der Imagination des Anderen der selbstischen Wahrnehmung willen arbeitet, um durch das Sich-außer-sich-stellen selbst im Blickfang zu sein. Diese imaginierten Anderen sind maskierte Diener. Perseus beobachtet Medusa über die Beobachtung des tötenden Spiegels. Beide Blicke treffen im unbeteiligten dritten Beobachter – den Spiegel – aufeinander. Er arbeitet mit einer kybernetischen Täuschung, indem er die Beobachtung 2. Ordnung einnimmt. Er verlässt damit die unmittelbare Kampfzone. Die tödliche Kampf-Situation wird zugunsten einer fixierenden Beschreibbarkeit verlassen – im Abbild wird das Ereignishafte, die Zeitlichkeit aufgelöst. Perseus beginnt zu kämpfen nach der Beschreibung (= der Fixierung seines Gegenstandes). Seine Möglichkeiten sind dadurch vielfältiger, weil er sich jetzt selbst als beobachtbar im neu geschaffnen Kontext verorten kann: seine Position wird ihm durch den Spiegel vermittelt ohne direkt im Kampf sein zu müssen. Das drohende Nichts, die Petrifikation im Angesicht der Seinsmächtigkeit von Medusa, wendet er gegen sie. Das Befangensein im Banne des Schönen, wird durch dessen Beschreibbarkeit, Ab-Bildung aufgehoben. Er stellt sich nicht, er stellt ihr nach; versteckt sich hinter ihrem Abbild. Sein Spiegel war ihr Feind-Bild. Das Schild der Spiegel drang tödlich in sie ein.

1Im Film „Matrix“ von 1999 wird Neo von der Scheinwelt in einem Entkopplungsritual getrennt. Er sieht sich im Spiegel, berührt ihn. Danach löst sich der Spiegel auf und bemächtigt sich der gerade in ihn hineinschauenden Person/ Neo und überdeckt den Körper bis schließlich die Spiegelmasse in seinen Mund/ Körper hineinfließt.

Wie kann man der Beobachtung entgehen, um nicht erfasst zu werden? Als gelte es, nicht entdeckt zu werden? Als würde das eigene Angesicht in den Spiegelkammern der Beobachtbarkeit gleichsam enthauptet werden. Kann man dem Gesehen-werden ausweichen, indem man vor dem Sichtbaren schwindet und nichts von sich zu anderen Augen kommen läßt? Die Nacht als Konserve des Überlebens.

Verbreite deinen dichten Vorhang, Nacht!
Du Liebespflegerin! damit das Auge
Der Neubegier sich schließ‘, und Romeo
Mir unbelauscht in diese Arme schlüpfe. –
Verliebten g’nügt zu der geheimen Weihe
Das Licht der eignen Schönheit; oder wenn
Die Liebe blind ist, stimmt sie wohl zur Nacht. –
Komm, ernste Nacht, du züchtig stille Frau,
Ganz angetan mit Schwarz, und lehre mir
Ein Spiel, wo jedes reiner Jugend Blüte
Zum Pfande setzt, gewinnend zu verlieren!
Verhülle mit dem schwarzen Mantel mir
Das wilde Blut, das in den Wangen flattert,
Bis scheue Liebe kühner wird und nichts
Als Unschuld sieht in inn’ger Liebe Tun.(Shakespeare, Romeo & Julia, Dritter Aufzug, Zweite Szene)

 

Dementia praecox I
Die Furcht, ans Licht gezehrt zu werden, folgt dem Gefühl, die eigene Sichtbarkeit zu begründen, gar zu rechtfertigen. Man kann sich gegen andere retten, wenn kaum Lebendiges zur Sicht geboten wird: wenig Angriffsfläche. In der Tendenz ist dieses Verschwinden eine unendliche Annäherung ans Nichtsein: dem Verschwinden wird mit der Reduzierung von Sichtbarkeit oder Nahrung (wie im Hungerstreik) die drohende Qualität genommen. Es ist ein Paradox: in der Angleichung ans Gerade-noch-nicht-Tote soll das, was noch als Lebendiges sterben kann, so klein wie möglich sein. Mit der Einschränkung der Lebendigkeit – der Reduzierung des Stoffwechsels, die Stoffe, die Kleider nicht zu wechseln – wird versucht, zu überleben. Es ist eine Bewegung in der Nähe zum dichten Schweigen, um den sprachlichen Abfluß ans Nichtsein zu verlangsamen. Das lebendige Schweigen vereint das erfahrene und vorweggenommene Nicht-gesehen-werden, das Lauernde und das Nicht-gesehen-worden-sein, das geglückte Ausweichen vorm Licht. Personae. Maske gegen das Sein. Aus dem verhassten Todsein wird die Kraft eines kaum lebendigen Nicht-sterben-wollens gezogen. Esse non percipi.
Ich wurde nicht gesehen und das war mein lebenserhaltendes Unglück. Ich habe mich darin eingerichtet, so dass es nicht auszuhalten wäre, würde ich gesehen.
Dem Nichtgesehenwerden (Negation des Ichs) begegnen mit Nichts-sehen-wollen (Negation des Allgemeinen, Öffentlichkeit) – Hände vor den Augen. Rückzug. Da arbeitet eine große Kränkung bei denjenigen Menschen, die sich genötigt sehen, gesehen zu werden. Künstlerischer Solipsismus als Lebensreserve? – Oder als neurotisches Symptom: Ich soll ein Schwert sein gegen die Phobie des Verschwindens. Die Behauptung des Ich schon Kompensation, Regulierung der Defizite.

 

 

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    Im Film „Matrix“ von 1999 wird Neo von der Scheinwelt in einem Entkopplungsritual getrennt. Er sieht sich im Spiegel, berührt ihn. Danach löst sich der Spiegel auf und bemächtigt sich der gerade in ihn hineinschauenden Person/ Neo und überdeckt den Körper bis schließlich die Spiegelmasse in seinen Mund/ Körper hineinfließt. ↩︎

117, reflexives Ausweichen, Selbstanzeige und Identifikation

Identifikation zu sich und mit sich zu suchen mittels der Projektion eines Anderen – wo sind die Länderein, die meiner Beschreibung/ Projektion entsprechen, die ich betreten will, wo ich im Anderen mir beitreten kann?1Alfred Korzybski ist im „Landkarte-Territorium-Problem“ auf diese endlose Identifikation, das Verhältnis von Landkarte/ Territorium, Bezeichnung/Bezeichnetes eingegangen. „Eine Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie repräsentiert, aber wenn sie korrekt ist, ist sie in ihrer Struktur der Struktur des Gebietes gleich (oder ähnlich), worin ihre Brauchbarkeit begründet ist” (Korzybski 1933). Der erste Teil des Satzes besagt, daß eine Abbildung nicht mit dem identisch ist, was es abbildet. Der zweite Teil besagt, unter welchen Bedingungen eine Abbildung, eine Landkarte gut ist, d.h. zu funktionellen Handlungsentwürfen und damit Ergebnissen führt. Zitiert nach: https://handbuch-manipulation.de/alfred-korzybski/
Das Wahrnehmen des Anderen mit der Projektion auf den Anderen läßt die andere Person als erzeugte Projektion auf das projizierende Subjekt zurückfallen. Also der Zusammenhang des Gesehen-werden-wollens mit der selbst hergestellten Sichtachse des fremden Blicks. Ein Kartenhaus aus Erwartungen. Das Schmelzen der Linse für eigenes Licht. Das Ich ist das Bild, das an die Wand geworfen wurde; geschützt vor der Erfahrung durch sein projiziertes Abbild, denn der Andere ist die Landkarte, nicht das Territorium.

 

 

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    Alfred Korzybski ist im „Landkarte-Territorium-Problem“ auf diese endlose Identifikation, das Verhältnis von Landkarte/ Territorium, Bezeichnung/Bezeichnetes eingegangen. „Eine Landkarte ist nicht das Gebiet, das sie repräsentiert, aber wenn sie korrekt ist, ist sie in ihrer Struktur der Struktur des Gebietes gleich (oder ähnlich), worin ihre Brauchbarkeit begründet ist” (Korzybski 1933). Der erste Teil des Satzes besagt, daß eine Abbildung nicht mit dem identisch ist, was es abbildet. Der zweite Teil besagt, unter welchen Bedingungen eine Abbildung, eine Landkarte gut ist, d.h. zu funktionellen Handlungsentwürfen und damit Ergebnissen führt. Zitiert nach: https://handbuch-manipulation.de/alfred-korzybski/ ↩︎

116, Theater und Katharsis

Extremitäten weg schleudern, Fortsein spielen – sich dem Unbekannten unausweichlich stellen, nicht im Hier wandeln, den Körper fort von seinen Bewegungen nehmen. Kinderspiel, Verschwinden mit Händen vor Augen.

 

 

115, Das Ich und seine Beziehungen: Kunst und Liebe

„Die Neurose ist der Weg, dem Nichtsein auszuweichen, indem man dem Sein ausweicht.“1Paul Tillich, in: Der Mut zum Sein, De Gruyter, Seite 56 Das ist ein künstlerisches Betätigungsfeld und eine Gebrauchsanweisung für Kunstprodukte – gesellschaft­lich legitimiert ist lediglich das künstlerische Schlachten der Gegenstände, Phänomene durch deren ästhetische Anästhetisierung. Man befände sich bloß auf der Umlaufbahn um die gravierenden Punkte, mit dem Angstschweif ideeller Gedanken. Der angstkonstruierende Moment aber, unsichtbar, ungesehn zu sein, lebt fort noch im Dunkeln. Nicht so sehr, dass ich nichts sehe, doch selbst nichts von mir zu sehen ist, sondern: nicht erkannt, gesehen zu werden, bereitet ontologische wie berufliche Unsicherheit. Dieses Ich sieht nicht und Nichts, wenn keiner da ist. Oder mindestens: Einer. Allein kann es sich nicht von außen, aus dem Fremden, über das Fremde, das sich als das Andere im Ich oder als Ich im Anderen entpuppt, entgegenkommen.2„Über die existierende Sprache als Mensch kann man in verschiedenen Ebenen der Diktion sprechen. In der Humboldtschen Ebene kann ich sagen: Wie ich mein Ich nur im Gespräch mit dem Mitmenschen, in dem ich als Anerkannter existiere, habe, wie ich mein Bewußtsein daher nicht in einer Innerlichkeit habe, sondern an ihm, der mich anerkennt, sofern ich an ihm das außer mir existierende Ich erkenne, wie ich also wirkliches Ich nicht in der Subreption eines logischen Ich (Kant) bin, sondern soweit ich mir von außen, aus dem Fremden entgegenkomme, so komme ich mir nur aus der Geschichte entgegen.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 22 Es weicht sich aus, indem es auf den Anderen zugeht. Im Brennpunkt des Zugleich von Du und Ich3Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, ab Seite 19 ff, und ab 107 f entsteht ein Nur-noch-im-anderen-sein-können – wenn man Ich will. Ohne den Anderen soll Ich nicht sein. Diese verquer Liebenden im Ich lösen sich auf, weil sie den Anderen umfänglich als Anderen einlösen. Ein neurotisches Verhältnis (die Verdrängung des Problems auf Kosten der Realität, Freud) vom sich ausweichenden Ich bestimmt die Paarbeziehung. In dieser Auswicklung des gebildeten Paares, in der Achterbahn um das Du weit vom Ich4Das Nur-noch-ohne-sich-im-anderen-sein-können wächst die Liebesbeziehung zur pathologischen Maske. In der Paarbeziehung Deckung suchend verkleinert sich das Ich: in der schützenden Reduzierung, systematisch Nichts, Niemand zu werden. Aber dies Schweigen im Nichts ist ein stilles Beladen im Lärm.
Hier scheint der Begriff der Entfremdung mit dem der Konstituierung des Ich durch das Fremde (als davon anerkanntes) – soweit es sich von außen, aus dem Fremden (als Wiedererkanntes) entgegenkommen kann – verschränkt zu sein. Die Selbstbegegnung mit dem Anderen im Ich bedingt ein Maß an Entfremdung des Selbst vor sich selbst, um sich selbst als Selbst entgegenkommen zu können. Das gehirnige Ego entwickelt sich zur entfremdeten Form des Denkens – die eigenen Gedankenkonstrukte stehen ihm fremd, feindlich und verrückt gegenüber.5Vgl. Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 70 Insofern ist die entfremdete Form des Anderen oder der Andere ein Ich-Reservoir. Die self-alienation entzieht dem Subjekt die Orientierung im eigenen Haus, seine Konstituie­rung als Ich lässt es desto mehr die eigenen Gespenster erkennen. „…Warum entfremdet sich das Subjekt um so mehr, je mehr es sich als Ich affirmiert [konstituiert]?“6Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 69
„Das Ich (…) ist absolut ununterscheidbar von den imaginären Verhaftun­gen, die es von Kopf bis Fuß konstituieren, in seiner Genese wie in seinem Status, in seiner Funktion wie in seiner Aktualität, durch einen andern und für einen andern. Anders gesagt, die Dialektik, die unsre Erfahrung unterstützt, indem sie sich auf dem einhüllendsten Niveau der Wirksamkeit des Subjekts situiert, verpflichtet uns, das Ich vom einen Ende zum anderen in der Bewegung der fortschreitenden Entfremdung zu verstehen, worin sich in der Hegelschen Phänomenologie das Selbstbewußtsein konstituiert.“7Jacques Lacan, in: Schriften III, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 184
Das Selbstbewusstsein wird von seinen Entfremdungsleistungen her konstituiert. Es muss aus sich heraus, weg sehen, sich verlassen… Zu prüfen ist der Zusammenhang von Entfremdung von sich als Einfühlung in den Anderen. Die Einfühlung in dein Leiden zieht mich aus mir heraus? Affirmation und Fettisch, Erotik arbeiten vom Fremden her. Identifizierte Fremdheit als das Andere, das mich bewohnt oder dessen Haus ich begehre, worin ich mich heimischer fühle als in mir selbst, setzt das Werben um den Geschlechtspartner in Gang. Der geliebte Andere hat Informationen, die der Liebende, das andere Ich, nicht hat. Bevor der Geschlechtsakt vollzogen wird, braucht der jeweils Andere die Anerkennung, das er ein Anderer ist. Erotik als genealogische Brücke, die Fremdheit, das Andere als Ich-Schranke zu überwinden. Das Erotische fungiert als Vermittler, Kuppler zwischen Entfremdung vom Ich und Einfühlung ins Ich am Anderen (wo die Affirmation des Ich mit sich selbst in der Liebe zum Anderen sich ausdrücken, darstellen kann). Wenn ich leiden kann, weil es in dir schmerzt, dann so, weil ein Teil von mir zu dir fortgegangen ist: als Schmerz es sich mir zeigte; in körperlicher Verwandtschaft, Empathie. „Im Willen zur Vereinzelung auf sich selbst bekundet sich also zugleich der Unwille zur Gemeinsamkeit mit andern. Weil das Dasein ursprünglich Mitsein ist, bedeutet die Position des Einzelnen, der so ist, wie einer einzig und allein nur selbst sein kann, somit eo ipso eine Opposition gegen alle ‚anderen‛, welche andern sich ihrerseits – vom Standpunkt des sie ausschließenden Ich aus gesehen – als öffentliche Allgemeinheit bestimmen.“8Ludwig Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite 109 Dem ist das Ich ausgesetzt.
Das Ich vergisst sich, es strömt durch sich an sich vorbei, indem es für Andere, Anderes ist. Das eigene Leiden findet im Anderen ein zu Hause und findet nicht mehr heim. Dem anderen tut es weh.
Die geliebte Person als ein Außer-mir-seiendes Ich, ein Fremdes, unbekanntes Ich, als eine Möglichkeit, durch den Anderen sich sich selbst vorzustellen – wiedergefunden durch den Anderen. Am Anderen probiert der liebende Ich-Sucher, wie er sein möchte, wie er auf seine Fragen, Antworten erhält: Erwiderung und Imagination. Die Vorstellung der Möglichkeit (der Liebe) ist hier eng an die Nicht-Verwirklichbarkeit der Möglichkeit gebunden. Die vorstellbare Möglichkeit (von X, von Liebe, irgendwas) entsteht gerade aus dem Moment, das sie vorgestellt werden kann – das sie also erst durch die Vorstellung ihren Möglichkeitssinn erhält. Die Bedingung der Vorstellung wird aus der Realität abgezogen. Die Qualität der Vorstellung, des Sich-aus-Malens eines So-und-so-könnte-es-sein, wird aus der Leblosigkeit tatsächlicher Existenz, aus der Nichterfüllung einer nicht-realisierbaren Liebe gezogen. Vielleicht entspricht die Fähigkeit zur Einfühlung in einen vorgestellt anderen Menschen dem, was der einfühlende Mensch über sich vorstellen und ausdrücken kann. Die Selbstreflexion wird zugunsten einer praktischen Erprobung am Anderen verschoben, externalisiert.
Die vollzogene Einfühlung (das Eingefühltsein) als gelungene Übertragung. Liebe als Annahme der Übertragung; einer trage des anderen Last – nachdem er seine nicht zu tragen bereit ist. Übertragung bedeutet, etwas abzugeben, was die eigene Person zu sehr beschwert, was nicht mehr getragen werden kann.9Zum Widerstand als Funktion der Übertragung siehe Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Das Seminar Buch I, Quadriga 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, z. B. Seite 56: „In derjenigen Bewegung, in der sich das Subjekt einbekennt, tritt ein Phänomen auf, welches Widerstand ist. Wenn dieser Widerstand zu stark wird, taucht die Übertragung auf.“ Insofern hat die Filmindustrie ein Problem – einen Widerstand, den sie unter immensen Kosten überwinden möchte. Nicht der Zuschauer fühlt sich in den Helden ein, sondern der Filmbetrieb fühlt sich in seinen Zuschauer, Kritiker, Therapeuten ein. Eigentlich überträgt sie ihren Widerstand gegen die Menschlichkeit (allgemein, im Bemühen den Zerfall zu erhalten) auf die Zuschauer mittels „Einfühlung“. Atlas. Man ist des Tragens über-drüssig. In der Geburtshilfe wird davon gesprochen, daß das Baby übertragen ist, also getragen über den – für die Mutter – tragbaren Zustand hinaus. Die Übertragung auf andere, wenn das Getragene zu schwer, wie festgestellt, oder zumindest die Projektion des Übertragens, des Übertragen-Könnens Erleichterung verspricht. Transit. Die Leistung besteht mehr darin, sich zum Vehikel des Transports – wie heißt es so schön: Träger des Erbgutes – der Übertragung, zum Transportmittel zu machen, als zum Transportierten selber. Die Wege zu finden, die Energie aufzubringen, einen Ort der Übergabe zu erspähen. Es scheint nicht beliebig zu sein, an wen oder was die Übergabe, die Übertragung seine Statt/ Kommunikationsebene findet. Fetische als Übertra­gungsempfänger /-Medien per se: Hier kann ich meine Sehnsucht abladen, draufsetzten, durchschleusen.
Die betrachtete Person, das ‚Du‘, ist jene Person plus meine Betrachtung, mein Bedürfnis nach Ich-Konstruktion. Wie groß ist mein Anteil meiner Erfahrung an deiner Erfahrung und welcher Anteil entspricht deinem Verhalten auf mich? Ein ‚Du‘ meint das ‚Ich‘ in dir, worin du selbst die Differenz zwischen deinem Ich und meinem gemeinten Du erfährst, worin ich mich als Differenz wahrnehme und im Durchlauf des sprachlichen Lebens wirst du mein Ich in dir – wenn du es annimmst. Ein an dich gerichtetes ‚Du‘, ist mein einsetzendes Ich, ein von mir eingesetztes Ich. Sobald ich ‚Du‘ sage, beginne auch ich, beginnt mein Ich – im Normalfall. Es gilt diese Produktionsstätte zugunsten der Liebe aufzubrechen, um dich aus mir und mich aus dir auszutreiben. Das wäre kein Liebesverlust, weil der geliebte, bekannte Feind aufhört, mein altes besetztes Ich in dir stirbt. „Als ‚Du‘ bist du mir gegenüber nicht dadurch selbständig, daß du dich auf dich selbst zurückziehen und dich so für dich selbst als (anderes) Ich bestimmen kannst, sondern deine Selbständigkeit kannst du mir positiv nur dadurch erweisen, daß du als zweite Person dich zugleich in erster Person zur Geltung bringst, wie auch andererseits Ich – die erste Person – zugleich als der Deine – in zweiter Person – bestimmt bin. Zumeist bist du für mich zwar ‚zweite Person‘ – Du eines Ich –, aber indem wir zueinander im Verhältnis stehen, entdeckt sich in dieser zweiten Person eine selbständige ‚erste Person‘, zeigst du dich mir als ‚Du selbst‘.“10Ludwig Binswanger zitiert Karl Löwith (Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen. Ein Beitrag zur anthropologischen Grundlegung der ethischen Probleme. Drei Masken Verlag, München 1928), in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger Heidelberg 1993, Seite 108

 

 

  • 1
    Paul Tillich, in: Der Mut zum Sein, De Gruyter, Seite 56 ↩︎
  • 2
    „Über die existierende Sprache als Mensch kann man in verschiedenen Ebenen der Diktion sprechen. In der Humboldtschen Ebene kann ich sagen: Wie ich mein Ich nur im Gespräch mit dem Mitmenschen, in dem ich als Anerkannter existiere, habe, wie ich mein Bewußtsein daher nicht in einer Innerlichkeit habe, sondern an ihm, der mich anerkennt, sofern ich an ihm das außer mir existierende Ich erkenne, wie ich also wirkliches Ich nicht in der Subreption eines logischen Ich (Kant) bin, sondern soweit ich mir von außen, aus dem Fremden entgegenkomme, so komme ich mir nur aus der Geschichte entgegen.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 22 ↩︎
  • 3
    Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, ab Seite 19 ff, und ab 107 f ↩︎
  • 4
    Das Nur-noch-ohne-sich-im-anderen-sein-können ↩︎
  • 5
    Vgl. Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 70 ↩︎
  • 6
    Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Buch I, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 69 ↩︎
  • 7
    Jacques Lacan, in: Schriften III, Quadriga, 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, Seite 184 ↩︎
  • 8
    Ludwig Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite 109 ↩︎
  • 9
    Zum Widerstand als Funktion der Übertragung siehe Jacques Lacan, in: Freuds Technische Schriften, Das Seminar Buch I, Quadriga 2. Auflage 1990, Hrsg. von Jacques-Alain Miller, z. B. Seite 56: „In derjenigen Bewegung, in der sich das Subjekt einbekennt, tritt ein Phänomen auf, welches Widerstand ist. Wenn dieser Widerstand zu stark wird, taucht die Übertragung auf.“ Insofern hat die Filmindustrie ein Problem – einen Widerstand, den sie unter immensen Kosten überwinden möchte. Nicht der Zuschauer fühlt sich in den Helden ein, sondern der Filmbetrieb fühlt sich in seinen Zuschauer, Kritiker, Therapeuten ein. Eigentlich überträgt sie ihren Widerstand gegen die Menschlichkeit (allgemein, im Bemühen den Zerfall zu erhalten) auf die Zuschauer mittels „Einfühlung“. ↩︎
  • 10
    Ludwig Binswanger zitiert Karl Löwith (Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen. Ein Beitrag zur anthropologischen Grundlegung der ethischen Probleme. Drei Masken Verlag, München 1928), in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins, Verlag Roland Ansanger Heidelberg 1993, Seite 108 ↩︎

114, Sehen ist gesehen werden, Suchen ist gefunden werden

Das-sich-nach-außen-Wenden z.B. in der Kleidung, im Habitus und in Tatoos, Frisuren, Piercings  weißt auf die Externalisierung der Person, die Ableitung ihrer mit sich vereinbarten Merkmale hin. Absonde­rung stellvertretend für Individualisierung aufgefasst, zum Schein. Positiv: Über den Umweg der optischen Absonderung wird individuelle Entsorgung von Inventar betrieben – gleichwohl möchte man zur Normalität inbegriffen sein: Man opponiert der ausgemachten Normalität, um sie nach eigenem Gustus zu veränderen. Es wird um Akzeptanz – „wir sind auch ganz normale Menschen“ – bei der Menschengruppe geworben, gegen die man sich unterscheiden will. Sie möchten als erkannte Subjekte in die Gemeinschaft eintreten, sich zur Welt wenden. Gesehen-werden ist ein Rest einer Erfahrung von In-der-Welt-sein (esse est percipi), Lebendigkeit. Das optische Hämmern (Gesehen-werden-wollen) soll wahrgenommen werden, es stiftet gegen die erfahrene Nichtigkeit des Ichs an. Bevor der Pank Mode wurde, repräsentierte er die Demonstration des Nicht-dazu-Gehörens ebenso wie die Opposition gegen diesen Zustand. Man strebte kreativ danach, seiner gesellschaftlichen Nichtigkeit nicht zu entsprechen. Dem der Täuschung zugänglichste Sinn (Auge) hofiert das mangelnde Ich; sprachliche Auseinandersetzung scheint schwierig, unerwünscht. Du sollst staunen, aber nicht quatschen. Der Zauberer hat sich selbst verzaubert, bannte seine Sinne. Die eigene zerpiercste Gestalt ist zur Oberfläche für die Augen der Anderen geworden. Das Ich hat sich in der Tinte versteckt.

 

 

113, Du und Ich, Objekt

Das Profil eines Netz-Nutzers, die darin erfassten Vorstellungen dieses Menschen, eines Ichs, ermittelt entsprechend der Interessen und Absichten anderer Menschen, Unternehmen und Organisationen: Das Ich als die Entsprechung der Absicht eines Anderen, als ein Objekt. Das Gesehenwerden des Subjekts überführt es ins Objekt. „Ein Objekt, ein wirkliches Objekt wird mir nämlich nur da gegeben, wo mir ein auf mich wirkendes Wesen gegeben wird, wo meine Selbsttätigkeit – wenn ich vom Standpunkt des Denkens ausgehe – an der Tätigkeit eines andern Wesens ihre Grenze – Widerstand findet. Der Begriff des Objekts ist ursprünglich gar nichts andres als der Begriff eines andern Ich – so faßt der Mensch in der Kindheit alle Dinge als freitätige, willkürliche Wesen auf –, daher ist der Begriff des Objekts überhaupt vermittelt durch den Begriff des Du, des gegenständlichen Ich. Nicht dem Ich, sondern dem Nicht-Ich in mir (…) ist ein Objekt, d.i. andres Ich gegeben; denn nur da, wo ich aus einem Ich in ein Du umgewandelt werde, wo ich LEIDE, entsteht die Vorstellung einer außer mir seienden Aktivität, d. i. Adjektivität. Aber nur durch den Sinn ist Ich nicht Ich.“1Ludwig Feuerbach, in: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, § 33, Felix Meiner Verlag Hamburg, Seite 75 Es zwängt sich – sich umkehrend – auf den Anderen zu: Kommunikation. Bedingung der Kommunikation: Anschlussfähigkeit, um sich durch andere wahrgenommen selbst erblicken zu können, muss es gesehen werden und über diese Spiegelung kann es sich rückkoppeln. Sehen als Gesehenwerden. Oder das Wahrsein eines Subjekts oder Objekts wird dem Betrachter übergeben: „Wahr ist, was Ihr Kunde wahrnimmt!“2Spiegel Spezial, „Die Entschlüsselung des Gehirns“, Nummer 4, 2003 Wenn das Ich der Absicht eines Anderen entspricht, den (anderen) Stimmen im Kopf folgt, dann kehrt es sich gegen sich selbst, und es wird sein eigener Gegner – verfolgt von sich selbst, der als Anderer zu ihm spricht. Dem Anderen zu entsprechen, ihm entgegen zu kommen, bedeutet dessen Annahme, Anerkenntnis. Dieses Ich ist von sich selbst herausgetrieben, es hat sich verloren – im Netz. Eine Art pathogene Netz-Empathie hat es aufgelöst. Eine Verluststellung: Dieser Körper ist permanent dem fremdgesteuerten Sehen, den Sinnen – seinen Einfühlungen ausgesetzt, sichtbar – bar dem Schutz.3Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Seins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite107 f

 

 

  • 1
    Ludwig Feuerbach, in: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, § 33, Felix Meiner Verlag Hamburg, Seite 75 ↩︎
  • 2
    Spiegel Spezial, „Die Entschlüsselung des Gehirns“, Nummer 4, 2003 ↩︎
  • 3
    Vgl. Binswanger, in: Ausgewählte Werke Band 2, Grundformen und Erkenntnis menschlichen Seins, Verlag Roland Ansanger, Heidelberg 1993, Seite107 f ↩︎

112, Spiegel und Angst, Kontrolle und fremdes Fluten

Die versuchte Reinkarnation des eigenen Körpers durch ein Gegenbild: im Spiegel, als Konserven-Foto, als Selfie, in der Röntgenaufnahme, als MRT-Detail im Krankenhaus – als unbekannte Ansicht des eigenen Körpers, ist ein Bereich, indem der sichtbar werdende Körper sich in bisher verborgenen Bildern dem eigenen zeigt. Das vergegenständlichte Bild des eigenen Körpers spukt als nicht vergeistigter Begriff im Patienten umher. Die akute Traumati­sierung, Störung (das Schöne als Schrecken) löst einen chronischen Befall aus, wird unter bestimmten Umständen zur Ohnmacht vor der Macht der Sinnlichkeit der Objektwelt, wird zur Angst vor dem permanenten Eindringen der Welt  über die Tore der Sinne. Das Fluten, das Licht kommt als Schönheit daher. Der Beobachter ist zum ständigen Rapport über die Vorgänge seiner Umwelt angehalten. Die Mutmaßungen über das eigene Objekt-Werden sind schon Objektivierungen – in einer von Sachzwängen anerkannten, umstellten Welt, in der das Subjekt geräumt wurde. Der Beobachtungsjunkie verwächst nicht nur mit der Angst, selbst Objekt zu werden, fühllos und fremd mit sich wächst er in die verkörperlichte Angst hinein, sondern er steht auch vor der Aufgabe, sein vermeintliches Objektsein in sich zur Welt austragen zu müssen, d.h., selbst Teil jener Objektivierungs­macht, Vergegenständlichungsorgie zu werden. Gern würde ich formulieren: Die Beobachtung zweiter Ordnung als Selbst-Infiltration durch angenommene auto-poetische Entfremdung. Die wissentliche Mit-Durchführung dieser Selbst-Infiltration1„Man sagt alles höhere Leben partizipiere an einer Figur der Rückkopplung seiner Wirkungen auf seine Ursachen. Das heißt bei Systemtheoretikern Selbstreferenz. Man hält das für eine Errungenschaft, die praktisch und theoretisch unterboten werden kann. Sie sei gewissermaßen das Ethos der fortgeschrittenen Moderne, aus dem Ansprüche für das Handeln und das Denken erwachsen. Handele so, daß die Wirkungen Deines Handeln immer zugleich auch als Ursachen desselben gelten können! Denke so, daß die Folgen Deines Denkens die Bedingungen desselben darstellen, wo nicht gar verändern: Das handelnde und denkende Subjekt ist damit politisch vollkommen zum Selbst erklärt, zu einem reinem Selbst, dem es bei seinem Selbstsein nur um sich selbst geht. So sind die Geschichte des Geistes und die Geschichte des Subjekts kurzgeschlossen: ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, Selbstgeburt durch das Selbst. Autopoiesis, Selbstserschaffung… Im Hintergrund derart aufgeblähter Eitelkeiten hört man in der Tat das Gelächter des Teufels.“ Dietmar Kamper, in: Unmögliche Gegenwart, Zur Theorie der Phantasie, Wilhelm Fink Verlag Münschen, 1995, Seite 114  von sich und der Welt, der Gefühle, Erfahrungen in Objekte, schlägt um in eine Angst, als Objekt betrachtet, genommen zu werden (Vergewaltigungszene). Die Anwendung kolonialen Beobachtungsbegehrens auf sich (den Beobachter) selbst fördert die Anverwandlung des humanen Körpers ans Objekthafte: Da wird mit Nadeln schon der Körper durchlöchert, mit Tinte verdunkelt und markiert, um sich als Beobachtungsobjekt (für andere) zu erweisen. Natürlich sind sie im alltäglichen Eroberungskrieg um Körper auch „schmerzliche Vergewisserung der ganz alltäglichen Entfremdung“.2Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – Zur Ästhetik der nachpopulären Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, 2017, Seite 96
Angst gemeinhin als Ausdruck eines antizipierten Verfügungsverlusts des Körpers gegen die ihn fremd machenden Objekte! Angst setzt einen Verleiblichungsprozess3Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f in Gang, der ein stellvertretendes Ersatzteil, einen Hort für die Macke, ein symptomatisches Equivalent braucht. Diese Symptomatik zeigt den geäußerten Versuch des Körpers, der Angst zu entkommen oder sie in der Symptomatik zu kanalisieren. Aber dieser angstbesetzte Körper ist noch im Stande, sich in Verleiblichungen (Externalisierungen),4Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f also durch körperliche Funktionen auszudrücken (funktionelles Symptom). Das heißt auch, dass durch eine erzwungene körperliche Wahrnehmung – sogenanntesTrickern, Angst ausgelöst werden kann. Die Verleiblichung des Wahrgenommen führt zur besetzten Ver-gegenständlichung des Körpers: Als Angst vor Versteinertwerden, Erstarrung, vor Starrwerden. Die tollen, nicht Mensch werdenden Objekte (Gegenstände) führen im eigenen Körper ein Eigenleben, entmächtigen die bisherige Orientierungsstruktur im Lebensprozeß. „Körperbezogene Ängste können besonders quälend sein, weil man das Angst machende Objekt ständig bei sich hat, in ihm lebt und leibt…“5Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 237
Die sich im Körper verkrochenen, unbewältigten Begriffe, Gegenstände halten das betroffene Individuum auf, befremden es. Es ist außer sich vor Angst, ein An-sich zu sein, ein Objekt zu werden. Die selbstzer­störerische Tendenz dieses Gefühlslebens besteht darin, dass das Ich als Objekt und das Objekt im Ich entdeckt, erkannt wurde. Das Fremde (das Objekt) ist ständig bei sich in mir, im es austragenden Körper. Nur unter Aufgabe des Selbst ist es zu bewältigen, damit es endlich heraustritt. „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen“6Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Marx-Engels-Werke Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517 und übernimmt das Kommando über ihn. Alien.

Die Angst z. B. vor Enge (Agoraphobie) kontrollieren zu wollen mit der Ermittlung eigener Freiheitsgrade muß scheitern: Im Angstinhalt liegt der zu verlierende Handlungsspielraum, d. h. Kontrollverlust über die Situation, über sich selbst. Die Zurückgewinnung von (verloren) Handlungsspielraum bietet einen ernsthaften Therapieansatz zur Überwindung von Angst. Indem Angst, bzw. die Einschränkung des Ich zur Freiheit umgekehrt werden kann, als Freiheit zu dem, wovor das Ich Angst hatte. „Man kann nur solche Zustände oder Aktivitäten eines Dinges kontrollieren, die in den Bereich seiner Freiheitsgrade fallen oder, mit anderen Worten, in den Bereich dessen, was es kann.“7Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum, Seite 73, – Zunehmende Kontrolle führt tatsächlich desto mehr zur weiteren Einschränkung von entsprechender Freiheit. Was man nicht kann (wo kein Handlungsspielraum existiert), kann nicht kontrolliert werden. Daraus zieht der Motor der Spekulation seinen Treibstoff. Daher die permanente Überprüfung des eigenen Handlungsbereiches und zugleich dessen Infragestellung. Dauerschleife.

Opfer zur Tat
Die Phobie, beraubt, penetriert zu werden, mündet in deren Bindungs-Versuch, in unvermittelt scheinende, reflexhafte Aneignung eines potentiellen Auslösers: Täters. Der Versuch, der befüchteten Tat zuvor zu kommen, indem man zur Tat schreitet. Man bemächtigt sich der aungstauslösenden Gründe und wird selbst Täter. Man kommt ihnen zuvor. Welch Gefühl, endlich zu agieren. In dieser psychotischen Umgebung ist Täterschafft Alibi für das gefürchtete Opfersein. Diese Ermächtigung hilft, die eigene Angst durch Gewalt gegen andere abzuwenden. Das Leiden emanzipiert sich zum Täter. Zum Dieb geworden aus Angst vor Diebstahl.8„Eine Möglichkeit, das zu bekommen, was man von einem anderen haben will, während man gleichzeitig über den Prozeß des Erwerbs die Kontrolle behält, ist der Diebstahl. Schizoide Phantasien über Stehlen und Beraubtwerden basieren auf diesem Dilemma. Wenn du das, was du vom anderen brauchst, stiehlst, behälst du die Kontrolle. Du bist nicht auf das angewiesen, was dir gegeben wird. Aber jede Intention wird sofort auch dem anderen zugeschrieben. Der Wunsch zu stehlen erzeugt Phobien, beraubt zu werden. Die Phantasie, daß man alles, was man an Wert besitzt, durch Stehlen bekommen kann, wird von der Gegenphantasie begleitet, daß die Werte, die andere haben, einem selbst gestohlen wurden und daß alles, was man hat, letzten Endes weggenommen wird: Nicht nur, was man hat, sondern was man ist, das eigene Selbst.“ Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln 1994, Seite 113
Erscheint im Gewaltverbrechen die durchgeführte Verstofflichung von „fehlgeleiteten“ – kulturell nicht verwertbaren –  Furchtenergien? Die fehlgeschlagene Bemächtigung von Wirklichkeit, von ungebrochene Lebensnähe Versprechendem, mit der Idee des Raubes zuvor zu kommen (dadurch wird Angst vollzogen), erfüllt sich vorläufig im Objektersatz, der die mutmaßliche Leerstelle besetzt. Im Falle einer mangelnden Objektivierung der auftretenden Angstzustände, kann das betroffene Individuum dem angedrohten Angst-Objekt nicht durch dessen aktive Entmächtigung/ Entmaterialisierung zuvorkommen. Z. B. durch den erzwungenen Diebstahl, das Pfeifen im Dunkeln reicht nicht, um der vermuteten Gewalttätigkeit aus dem Weg zu gehen. Es ist schon von der Angst besetzt und kann Phänomene nicht durch Objektivation kontrollieren. Es kann sich seine Objekte nicht selbst bilden. In Ersatz-Adressaten, Ersatzbildungen wie Spinne, Käfer, Geräusche usw. versteckt, tarnt der Angst-Mensch seine verheimlichten so unheimlichen Urspünge seiner Angst.9„… Das Unheimliche sei gerade nicht jenes absolut Fremde, als welches wir es erleben. Es wäre vielmehr das >heimlich< Vertraute, das aus seinem inneren Exil heraus in die Magie des äußeren Objekts verbannt wurde.“ Heinz Weiß, in: Zwei Seiten des Unheimlichen, in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 80 Die psychische Potenz wird in leibliche gewendet – Vorstellungs-Vermögen schlägt in körperliches Agieren um. Die Vorstellung eines Menschen, beraubt, genommen zu werden, wird zum Raub, ins Nehmen gewendet. Der Raub wäre als Schutz vor Raub funktionalisiert. Man kommt der Spaltung seiner Person (z.B. durch Gewaltanwendung) zuvor, indem sich der Objekte (der äußeren Dingwelt) versichert wird: Bereicherung. Vielleicht kennzeichnet der Begriff der Bereicherung ein privates Motiv für all die vergoldeten Prothesen der Reichen, die sich gegen diese Angst anreichern. Die aufgewen­dete Aggressivität für den Erhalt vergoldeter Prothesen (zumeist durch eine Privatarmee an Sicherheitsleuten) weist auf die empfundene Drohung ihres Entzugs hin. Die Produkte des Diebstahls (der Phobie) machen auch Welt zugänglich, helfen sie herzustellen. Der Diebstahl, die Objekt-Ent-Nahme dient hier zur Prävention vor der Welt eben mit ihrer Dinglichkeit. Es gilt die Welt auszusaugen, um in sie hinein zu kommen, in ihre leeren Gefilden. Hier erscheint bemächtigende Aufklärung vornehmlich oral, in Form des goldenen Schnullers, das erachtete Weltteil in sich festhaltend, im Verdauungsorgan vor äußerlichen Einflüssen geschützt. Das ist Vorbeugen durch Vernichten. Klauen jenseits von wirtschaftlicher Notwendigkeit betrachtet.10vgl. Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Kiepenheuer & Witsch, Seite 114 Die Beobachtung, dass nach erlittenem Diebstahl die Bestohlenen nun selbst dasselbe Objekt auf selbe Weise wiederbeschaffen mögen – als Rationalisierung muss das eigene Leid herhalten – zeigt neben dem psychisch defekten Verhalten auch die Schwere der psychischen Deformation, die ein solcher Diebstahl beim Geschädigten hinterließ.

Jekyll & Hyde
Dass im Nachvollzug, in der Dopplung der Tat, die eigene Leidenserfahrung verschoben, delegiert werden könne, weißt auf die therapeutische Wirkung der Nachahmung, Wiederholung hin. Mit der Wiederholung der Tat am Anderen wird die am eigenen Leib erlittene Tat abgelöst. Der leidende Körper verschwindet im anderen. Das eigene Leiden wird durch ein anderes ersetzt. Die Abwehr des Opferseins führt zur Umkehr: Zur Täterschaft. Sie ist jetzt in derselben Person zu Hause. Das Opfersein wird Antrieb für das Tätersein, das sich zugleich daraus rechtfertigt. Die Taten graben sich tief in die Person wie sie dort vergraben sind. In der gespaltenen Persönlichkeit bleibt den Opfern ihr Opferstatus erhalten, ihre Täterschaft reproduziert sie. Im Doppelleben wird der Betane Täter.
Übertragen auf eine Gesellschaft, die in der Rationalisierung des Diebstahls und Raubbaus als Systemanforderung massenhaft Leid erzeugt, besteht die propagierte Lösung des Konflikts in dem Vorschlag, allzeit Erster sein zu müssen: survival of the fittest. Tatsächlich bestätigt jeder Egoismus das gesellschaftlich eingepflanzte Negativ, den Mangel des eigenen Daseins durch die Arbeit der Anderen zu beseitigen. Es fehlt an so vielen ersten Plätzen. Es gehört zu den wesentlichen bürgerlichen Phrasierungen, dass der einzelne Egoismus mit seiner eigenen Rationalisierung, oder mit der Rationalisie­rung des Systems auf seinen „eigenen“ Zweck, sich vor den Vorgriffen Anderer mit dem Erreichen erster Plätze zu schützen glaubt. Ein Doppelleben gegen den Rest der Welt, oder: Die Welt als ein Minus vor dem Ich, sie ist das, was es nicht ist.

 

 

  • 1
    „Man sagt alles höhere Leben partizipiere an einer Figur der Rückkopplung seiner Wirkungen auf seine Ursachen. Das heißt bei Systemtheoretikern Selbstreferenz. Man hält das für eine Errungenschaft, die praktisch und theoretisch unterboten werden kann. Sie sei gewissermaßen das Ethos der fortgeschrittenen Moderne, aus dem Ansprüche für das Handeln und das Denken erwachsen. Handele so, daß die Wirkungen Deines Handeln immer zugleich auch als Ursachen desselben gelten können! Denke so, daß die Folgen Deines Denkens die Bedingungen desselben darstellen, wo nicht gar verändern: Das handelnde und denkende Subjekt ist damit politisch vollkommen zum Selbst erklärt, zu einem reinem Selbst, dem es bei seinem Selbstsein nur um sich selbst geht. So sind die Geschichte des Geistes und die Geschichte des Subjekts kurzgeschlossen: ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, Selbstgeburt durch das Selbst. Autopoiesis, Selbstserschaffung… Im Hintergrund derart aufgeblähter Eitelkeiten hört man in der Tat das Gelächter des Teufels.“ Dietmar Kamper, in: Unmögliche Gegenwart, Zur Theorie der Phantasie, Wilhelm Fink Verlag Münschen, 1995, Seite 114 ↩︎
  • 2
    Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – Zur Ästhetik der nachpopulären Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, 2017, Seite 96 ↩︎
  • 3
    Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f ↩︎
  • 4
    Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 230 f ↩︎
  • 5
    Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, stw 1292, Seite 237 ↩︎
  • 6
    Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Marx-Engels-Werke Ergänzungsband, Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517 ↩︎
  • 7
    Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum, Seite 73, ↩︎
  • 8
    „Eine Möglichkeit, das zu bekommen, was man von einem anderen haben will, während man gleichzeitig über den Prozeß des Erwerbs die Kontrolle behält, ist der Diebstahl. Schizoide Phantasien über Stehlen und Beraubtwerden basieren auf diesem Dilemma. Wenn du das, was du vom anderen brauchst, stiehlst, behälst du die Kontrolle. Du bist nicht auf das angewiesen, was dir gegeben wird. Aber jede Intention wird sofort auch dem anderen zugeschrieben. Der Wunsch zu stehlen erzeugt Phobien, beraubt zu werden. Die Phantasie, daß man alles, was man an Wert besitzt, durch Stehlen bekommen kann, wird von der Gegenphantasie begleitet, daß die Werte, die andere haben, einem selbst gestohlen wurden und daß alles, was man hat, letzten Endes weggenommen wird: Nicht nur, was man hat, sondern was man ist, das eigene Selbst.“ Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln 1994, Seite 113 ↩︎
  • 9
    „… Das Unheimliche sei gerade nicht jenes absolut Fremde, als welches wir es erleben. Es wäre vielmehr das >heimlich< Vertraute, das aus seinem inneren Exil heraus in die Magie des äußeren Objekts verbannt wurde.“ Heinz Weiß, in: Zwei Seiten des Unheimlichen, in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 80 ↩︎
  • 10
    vgl. Ronald D. Laing, in: Das geteilte Selbst, Kiepenheuer & Witsch, Seite 114 ↩︎

111, Wahrnehmung als Störung des Gegenstandes: Schnittstelle

Das in der Betrachtung in Betracht gezogene, das, was als das Wahrzunehmende, als die unmittelbar wahr zu nehmende Totalität der Umwelt uns entgegen kommt, markiert eine Schnittstelle, die ein Verhältnis zum betrachteten Gegenstand, schlicht ein Verhalten zu ihm fordert. Indem das bisherige Verhältnis (von Beobachter und Beobachtetem) verletzt oder abgeschnitten wird, kann die Stelle einer neuen Verbindung geschaffen werden: Schnittstelle, Interface. Die durch ungewohnte, schockhafte Wahrnehmung erzeugte Verletzung, Neuausrichtung des in die Wahrnehmung gesetzten Gegenstandes, also seine unmittelbar neue sprachliche Verkörperung, ist Bedingung dafür, dass das Wahrgenommene ins körperliche Verhältnis umgesetzt, mit Auge, Nase, Haut übersetzt werden kann; es muß geschnitten, gekocht, transformiert werden, damit eine Verbindung gelingt. Bevor Hegels Vergewisserungstechnik der Aufhebung1Vgl. Karl Löwith, in: Hegel und die Aufhebung der Philosophie – Max Weber, in: Sämtliche Schriften Band 5, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1988, Seite 6 ihre Spiralen entwickelt, steht dem Schauenden die Totalität des ersten Kontakts, der Unmittelbarkeit, sein Auf-den-Gegenstand-Geworfen-sein, die Negation seiner Selbsteinschätzung als zu erfahrende Traumatisierung, Störung bevor. Jedem Schauen wohnt dieser Schauer inne. Weil die Schleusen (Sinne) offen sind, vermögen die Gegenstände (Wahrnehmungsdinge), sich in den damit materialisierenden Beobachter (Körper/Geist) zu bohren, sich ihm anzuverwandeln. Sie machen mit ihm etwas. Die Objektivierung der Gegenstände entschlüpft dem Subjekt grausam als eigenes Objekt, das niemals wieder Subjekt werden kann. Auch Diederichsen hat das bemerkt, wenn er über die notwendige indexikalische Produktion von Ausdrucksmitteln und deren Ambivalenz spricht: „…dass man sich also zum Objekt machen lassen muss, ohne deshalb die subjektiven Anteile je loswerden zu können.“2Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – zur Ästhetik nachpopulärer Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, Seite 142

 

 

  • 1
    Vgl. Karl Löwith, in: Hegel und die Aufhebung der Philosophie – Max Weber, in: Sämtliche Schriften Band 5, J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung Stuttgart 1988, Seite 6 ↩︎
  • 2
    Diedrich Diederichsen, in: Körpertreffer – zur Ästhetik nachpopulärer Künste, Suhrkamp Verlag Berlin, Seite 142 ↩︎

110, Arbeit Ware Empathie

Das in der Produktion von Waren mit ausgesprochene Einver­ständnis zur Praxis dieser Produktion, ist oft erzwungen. Es kann aber im Mitleid zu sich selbst, zur eignen Lage als Widerspruch des eigenen Wollens aufgebrochen werden. Die Tarnung der produzierten Gegenstände als Lifestyle würde dann ihre Nutzer nicht mehr zudecken. Sie verschwände durch die im Ich erarbeitete Ent-Täuschung über seinen Zustand. „Die Forderung, die Illusionen über über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“1Karl Marx, in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Band 1, Dietz Verlag Berlin 1988, Seite 379 Aufklärung reicht nicht, wenn es keinen Ausweg gibt. Ab hier ist der Arbeitsplatz Quälstation.
Andernfalls müsste das jäh aufs neue enttäuschte Ich sich noch neueren Täuschungen hingeben, um die alten endlos von neuem zu überwinden. Dann hätte es sich mit dem Zustand der zwanghaften, aber produktiven Täuschung arrangiert. Ein Sinn im Leben mit sinnentleertem Konsum bleibt zu suchen. Dieses arrangierte Subjekt ist als Ressource verwertbar, weil es in der Überwindung seiner menschlichen Ansprüche den Kriterien kapitalistischer Systematik entspricht. Der Produzent ist Produkt geworden.
Mit leidender Empathie zu sich selbst kann sich das Subjekt als Teil fehlender Wirklichkeit, als fehlender Teil seiner unverwirklichten Welt begreifen. Einigen gelingt es, sich als Teil, der der Welt fehlt, als Fehler, der gebraucht wird, darzustellen. Wenn dir Mensch ein Stück Welt fehlt, muss das der Welt auch fehlen.
Aus dem empathischen Erkennen eigener Möglichkeiten oder Un-Möglichkeiten wird das Fehlende deutlich. Hierin kann sich das empathisch begriffene Subjekt seine Differenz zum produktivmächtigen Pragmatismus darstellen. Es kann zeigen, was der Welt fehlen würde, wäre es nicht so da. Es ist Objekt und Objektiv seiner Beobachtung zugleich. Als Organ der Selbstbeschreibung ist der Mensch dann ein sich selbst machendes (vergrößerndes) Wesen. Aus der negativen Erfahrung dieser durch Mitleid vollzogenen Abspaltung vom Commen sense ist sinnliches Neuland zu gewinnen und kann Kunst, d. h. Lebensraum durch Ausdrucksraum entwickelt werden. Im Abbruch kann das Gebäude studiert werden. Dasjenige, was ich im tradierten Verstehenwollen der Wirklichkeit mit dem synthetisierten Kalkül des ihr unterstellten Objektseins abschlage – also: damit ich verstehen kann, zerstöre ich, um anzueignen – ist zugleich das, was dieser Wirklichkeit fehlt. Das engt wiederum die so betrachtete Wirklichkeit auf den Logos des gereinigten Objekts ein. Die Aushöhlung des Ichs beginnt in der Arbeit mit seinen Leerstellen, seinen Unverständnissen, den Mängeln, den Tunneln, beginnt an der Verbindung wie Schnittstelle zur Welt als Vorstellung eigener Möglichkeiten.

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Band 1, Dietz Verlag Berlin 1988, Seite 379 ↩︎

109, Fremdbeobachung, Verhaltensforschung

In der Ermittlung des Verhaltens der Menschen kann das Verhalten des Menschen auf andere Artgenossen und wiederum deren Verhalten auf den einzelnen Menschen als statistisch wahrscheinlich abgestellt werden.1vgl. Klaus Heinrich tertium datur , Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band 1, Stroemfeld/ Roter Stern 2000, Seite 110, 111 und 112 Die Unschärferelation der Beobachtung – dass keine unabhängige Beobachtung eines Ereignisses möglich ist, ohne Teil des Ereignisses und der Beobachtung zu werden – gilt für den Beobachtenden (Kontrolleur) und das Beobachtete. Das gilt aber auch für den Zustand des Fremd-Beobachtet-Seins. Unter Beobachtung zu sein, sich unter Beobachtung zu fühlen, provoziert beim Beobachteten ein Reagieren, eine Veränderung des Handelns. Das Leben der unter solcher Ermittlung stehenden wie erfassten Menschen ändert sich zwangläufig durch diese Art der Beobachtung. Menschen in Räumen mit Überwachungskameras verhalten sich anders als ohne. Der kapitalistische Produktionsweise fördert die Bildung asymmetrischer Beobachtungsweisen, weil sie in ihrer statistisch verfahrenden Mächtigkeit und Beobachtungsmacht eben nur bestimmte, für die Produktion relevante Informationen erfasst und nur erfasste Informations-Kanäle für Partizipation oder geldwerte Aneignung geschaffen werden. Vor allem dient das Beobachtet-Werden der Kontrolle – auch wenn das Beobachtet-Werden als Selbstdarstellungsmöglichkeit missverstanden werden kann.
Die Auflösung aller beobachtbar-verifizierender social-media-Beziehungen in werbeträchtige Beziehungen, also Tauschwerte, Netzwerke, in denen eine funktionalisierte Käuflichkeit markiert werden kann, führt zur Verstärkung medial determinierter Formen der Kommunikation. Jede noch so gemeinte persönliche Artikulation füttert den Kanal, der die Person als beobachtbar, eo ipso kontrollierbar überführt.
Wir erkennen uns in den uns entrissenen menschlichen Versprechen – den Waren – mehr als bei uns. Wir sind in den erworbenen Abbildern von uns, die uns selbst zu Waren verformt haben, heimisch geworden.

 

 

  • 1
    vgl. Klaus Heinrich tertium datur , Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band 1, Stroemfeld/ Roter Stern 2000, Seite 110, 111 und 112 ↩︎

108, Kapital und Menschen im Center

Die Formen des individuellen Einsatzes in der jeweiligen Arbeits- bzw. Produktionsstruktur werden als Verkörperungen aufgewendeter Arbeit in Waren (Produkte) überführt. Die Entleiblichung findet im warenförmigen Spiegel des Produkts ihren Platz. Im geschaffenen Produkt vegetiert die verlorene Zeit des Erzeugers – und ist ihm entrissen. Die billigen Hemden von H & M sind die abgezogenen Häute von Thailändern, Bengalen, Chinesen, Türken: von denen, die sie herstellen. Ich halte mein jeder hält sein knappes Elend aufrecht mit dem der Anderen. NESSOS vergiftet nicht den Träger, sondern die Hersteller seiner Hemden.
Das Anhäufen von Warenwelt  im Shopping – als individueller Lebensausdruck, ich kaufe also bin ich – als ein Wettlauf gegen die Zeit: gegen den Verfall der Produkte als Ladenhüter und dadurch der Verlust der in ihnen aufgewendeten Lebensbestimmung, Die Moden wechseln saisonal und damit die zu verwerfenden ehemaligen Fixpunkte individueller Ausstattung. Als ein Verlust-Begehren, sich dieser verlorenen Zeit, der Nicht-Existenz wieder zu bemächtigen. Über die Bereicherung wird Bemächtigung ausgeübt. Mit dieser durch Kauf vollzogenen Wiederbemächtigung des in Produkten entkörperten Lebens, wird die erfolgte Entmächtigung wie körperliche Enteignung bestätigt wie zurückgenommen. In der (käuflichen) Wiederaneignung des Produkts erlangt der für dessen Herstellung sich verlassende Mensch für einen Moment wieder Kontrolle, einen Sinn.
Die Auflösung aller Beziehungen… in Tauschwerte, Netzwerke, in deren funktionalisierte Käuflichkeit markiert einen Kanal der Verstärkung formaler – von Dingen, Objekten bestimmten – Daseinsweisen. Wir erkennen uns in den uns entrissenen menschlichen Versprechen – den Waren – mehr als bei uns. D. h., wir sind in den erworbenen Abbildern, die zu Waren verformt wurden und als individuell verklärter Menschlichkeit wieder erkannt werden sollen, heimisch geworden.
Ist es möglich, menschlich innerhalb des erzeugten Widerspruchs zu leben, sich aufzuhalten? Zerreißung a priori. Dem Reichtum der Welt samt seinen ästhetisch verzierten Blutspuren, Halsketten, ist endlich die aufgesetzte Fratze der Schönheit Glätte herunterzureißen. Hierin waltet die Projektion des Ästhetischen als saubere Landschaft, frei vom Gestank ihrer qualvollen Bedingungen.

Dem sinnlichen Bedürfnis, dem Bedürfnis nach Sinn für sich oder die Suche nach einer körperlichen Entsprechung zu einer Blume, schönem Tier, gilt es, nachzugehen. Die Regung der Nerven, durch die Osmose in den Lungenbläschen angestoßen, von der Leber her, ist fundamental für den Grundvorgang des Lebens, das ohne Empathie sinnlos wird.

 

Center Mittelmeer

Gesichter braun geteert
Zugepudert
Hosen am Knie
Aufgeschlitzt
Im TV life
Die Körper
Ächzen nach Ware.

Drängeln gegen Armut
Mit Ellenbogen
Arme voll
Hangen
An ausgewühlten Sachen
Bis zur Anprobe

Der letzte Schrei
Der Näherinnen

Egal!
Passt.
    Vielleicht
Bis morgen.

Ob Umkleide oder
Meerestrand:
Hemd oder Schwimmweste
Umtausch
Nur für Flüchtende.

 

 

 

107, Pizza und Postmoderne, Ware & Ego

Das Aufhören der Körper, gepfercht in Prothesen von Lippen hinter entspiegelten Scheiben, aus sich heraus genommen in fremde Lippen, das Ego ausge­brochen, ohne Gold zu finden, glänzt das Kristall der Massen: scharf, kunstfertig, und scheint wie das Schöne der Klinge.
Auf großer Leinwand der Moment des Eisens im Fleisch, ohne Danach, kein Vorher. Eingefroren. Pizza und Leichenteile im Tiefkühlfach. Post­modern. Die Differenz zwischen Lagerhalle, Konzentrationslager und Kunsthalle verschwimmt, verstopft den Zuschauer, zerreißt ihn. Man kann sich zeitgenössisch in einer Ausstellung in Handschellen an Ketten fesseln lassen.1So in der Ausstellung von Monica Bonvicini mit an langen, von der Oberdecke herabhängenden Ketten nebst Handschellen möglich: „I do you“, in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 2023 Der Zusammenhang von Erkenntnis und Ästhetik ist aufgebraucht und mit Zollfreiheit deklariert, friert und schmort im Zolllager der Art Basel. Der individuelle Schwächeanfall vor der gesellschaftlich vermittelten Totalität ist verklärt, verhackstückt im Kunstprodukt. Der nächste bitte.
Ich schweige und schmelze zum Abfluss.

 

In der ästhetisierungsmächtigen und nach Ästhetisierung nötigenden Struktur der Herrschaft ist dem Individuum die Gestaltung seiner Niederlage vorgeschrieben – verkauf dich so gut du kannst – und ebenso entzogen: du hast keine Garantie. Die sinnliche Begegnung mit sich selbst wird bestmöglich ausgelagert: im vorgegebenen Lifestyle, die Selbstertüchtigung wird in Outdoor-Läden outgesourct, Bekleidungsimages ersetzen die individuelle Bandbreite, der Lernprozess ist abgeschnitten.

 

 

  • 1
    So in der Ausstellung von Monica Bonvicini mit an langen, von der Oberdecke herabhängenden Ketten nebst Handschellen möglich: „I do you“, in der Neuen Nationalgalerie Berlin, 2023 ↩︎

106, Kinderspiel: Phantasie II

Die Entwicklung zum Phantastischen, Träumerischen aus den Realien, dem Vorgefundenen heraus, nimmt nicht nur eine Fluchtrichtung auf, ebenso überbrückt die Phantasie dadurch die Leerstellen einer nichterzeugten, nicht eingeholten, nicht verstandenen Realität mit ihrem spielerischen oder vorgestellten Ersatz. Im Modus des „als ob“ wird Realität simuliert – man ist noch nicht betroffen, aber erzeugt im Spiel Varianten des Verstehens (kindliche Spiele). – Aus den Leerstellen wird Freiraum gewonnen, mit möglichen Zuschreibungen ausgefüllt. Die Besetzung der Umwelt geht folgerichtig idealisiert voran. Aber: an die eigens erzeugte Idealisierung kann man sich fest-halten.
Die stellvertretende Einsetzung der Realität im Spiel, im Phantastischen, in Tagträumen ist eine Setzung der Differenz zum alltäglichen Leben. Die Differenz zur alltäglichen Struktur des Lebens wird angezeigt, die Überbrückung deutlich. Die Antizipation potentieller Handlungsmöglichkeiten wird spielerisch versucht, indem die vor-gestellten Be-Bilderungen in Orte, in Zeiten getauscht werden. Mögliche Zukunft wird im Hier und Jetzt simuliert. Die idealisierten Zeiträume, Raumzeiten (im Spiel, in der Kunst) sind ins Dasein einwirkenden Vor-Erfahrungen, eine Schule der Realität, sind ein Einüben wie Beschreiben der Wirklichkeit. Das Kunstwerk ist eine auf die vorgefundene Situation angewendete phantastische Übersetzung zum Lebendigsein.
Die Teilnahme am praktischen und sozialen Leben ist auch über die erarbeiteten, spielerischen, manchmal psychotisch anmutenden Umwege erreichbar. Eine ästhetische Verwandlung der Stürme in Artefakte, um mit ihnen über das bedrohte Areal des Selbst zu kommen.

Wissensschrei
Alles Wissen einsetzen, ausufern lassen, verschiffen. Verwirklichung drängenden weil ertrinkenden Geistes dringender Ideen ertränken die Zweifel. Im Erddunklen das revolutionäre Schaufeln am Ich. Die Realität der Befreiung bestimmt die Poesie des Kampfes. Die Schlacht hechelt ihrer eingeschrie­benen Poesie hinterher. Gedichte werden von ihrem beschworenen Blut unkenntlich.