105, Angriff und Verteidigung

Jede Verteidigung gibt Areal des Angriffs auf, hinterlässt Angriffspotential zugunsten der Stabilisierung der Linien, des eigenen Nahberreichs. Die Verteidigungsnot des Subjekts liefert es der gesellschaftlichen Schlachtordnung aus. Es müsste sich mit anderen sammeln und weniger verezinzelt kämpfen.

Der im Bürgerlichen Gesetzbuch sanktionierte Egoismus des Einzelnen wird realiter untergraben mit dem ihm zugestandenen wie verbrieften Recht, mit anderen, was immer heißt: gegen andere ein Geschäft zu machen. Bellum omnium contra omnes. Die bürgerliche Freiheit ist das Recht eines Einzelnen, der in seinem Recht das Recht anderer beschneidet: „Die Pointe liegt vielmehr darin, daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebnen Mitteln erreicht werden kann, also an die Reproduktion dieser Bedingungen und Mittel gebunden ist. Es ist das Interesse des Privaten; aber dessen Inhalt, wie Form und Mittel der Verwirklichung, durch von allen unabhängige gesellschaftliche Bedingungen gegeben. Die wechselseitige und allseitige Abhängigkeit der gegeneinander gleichgültigen Individuen bildet ihren gesellschaftlichen Zusammenhang. Dieser gesellschaftliche Zusammenhang ist ausgedrückt im Tauschwert, worin für jedes Individuum seine eigne Tätigkeit oder sein Produkt erst eine Tätigkeit und ein Produkt für es wird…“1Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 42, Dietz Verlag Berlin, Seite 90

Die oberste Therapieverordnung lässt nicht zu, dass jemand sich verteidigt. Nur im Verschwinden entzöge sich das Subjekt dem Angriff. „(…) Stets scheint die Reduktion das letzte Mittel der Annäherung an Realität und Idealität, des Überlebens in der Materie oder in der Idee zu sein.“2Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 (Nachwort)

 

 

  • 1
    Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 42, Dietz Verlag Berlin, Seite 90 ↩︎
  • 2
    Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 (Nachwort) ↩︎

104, phänophobisch – Kontrolle und Konspiration

Reduktion
Der Versuch im Beschneiden des Blickfeldes, die Eindrücke, Sensationen zu begrenzen und überschaubar in Form zu bringen, zeigt das zurück­weichende Subjekt an: es muß (sich) reduzieren, um (dran) zu bleiben, seinen Wahrnehmungsraum verkleinen, um – den Rest – beschreiben zu können. Den Überblick behalten zu wollen, geht einher mit Isolierung wie Reduzierung von Wahrnehmungsmaterial, geht hinein zur Ignoranz gegenüber dem Ausgeschlossenen und führt die Köpfe unter Eis, zwängt zur Untersicht. Übersicht erhalten zu wollen, weist auf ihr Schwinden hin. Das Beobachten scheint mit den anwachsenden Differenzen, die sich in Formen zeigen, den empirischen Fluten überfordert. Die angestrebte Übersicht zwängt das empirische Material auf die zu erlangende, möglichst formierte Sichtbreite ein: Selektion. Das zu denken, was der Andere von meinem Denken denken könnte – als eine nach oben hin geöffnete Feedbackschleife sich bedingender Kommunikation – führt zu paranoiden Zusammenschlüssen kommunikativer Kontexte. Die wirkliche Kommunikation wird zur nur vorgestellten Kommunikation aufgelöst und vom Hier und Jetzt entleert. Die Spekulation übernimmt Faktizität; ersetzt sinnliche Beeindruckung. In dieser Situation hat das Leben, das Umfeld keine Chance vom Subjekt erlebt zu werden, denn es möchte sich mittels Kontrolle gegen das, was passieren kann, schützen. (Ebenso chancenlos wäre, die Totalität sinnlicher Eindrücke insgesamt wahrnehmen zu wollen.) Bevor etwas passiert, ist es bereits in Kategorien abgelegt und sicher bewertet. Je absoluter die Forderung ans Übersicht-Behalten gestellt wird, desto beschränkender wirken die kalkulierten Erwartungen an die Ereignisse. Sie werden von Erwartungen, Vorahnungen eingeschränkt, überstülpt. Eine selbstprophezeiende Logik ist im Gang. Die Umwelt wird auf ein im Voraus festgesetztes Beschreibungsraster eingestellt.

Die Paranoia zwingt den Zweifel zur Gewissheit und sorgt für Klarheit.1Jörg Heiser erforscht in seinem Artikel „Nicht ohne den 9ten Nusknaker“ künsterische Ableger der Paranoia. Sein erster Satz des Artikels „Paranoia sorgt für Klarheit.“ trifft ins Schwarze Loch der Symptomatik. Jörg Heiser, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 296, Seite 15, vom 24./25./26. Dezember 2003

Kontrolle – Die Wirklichkeit an ihre Grenze treiben
Wenn  Kontrolle organisiert werden soll, muss die Organisation kontrolliert werden, die Kontrolle organisiert usw. Die kapitalistische Paranoia hat ihre eigens produzierten Krähen im Nacken: Die Konkurrenz schläft auch nicht. Die erlangte Übersicht schneidet das Über-Sehene ab von denen, die es nicht trennen können und sich nicht der Zumutung stellen, rational zu sein. Übersicht/ Kontrolle erreichen zu wollen, wirkt auf das Kontrollierte isolierend, weil auslesend – abgesehen von der durch arbeitsteilige Spezialisierung provozierten Wahrnehmungs-Isolation der Ereignisse. Im Fluchtgang zwischen Kontrolle und deren Verlust pendelt das bezwängte Subjekt. Das Kontrollieren-Wollen wird stets von dessen Versagen, dem Verlust an Kontrolle begleitet – alles geht halt nicht. Bis man durchdreht. Der gescheiterte Versuch, in der Welt zu sein, schlägt in die Versuchung um, den Entzug von Welt auszuhalten. In der phänomeno­logischen Beschreibungswut kommt die Intention zur Sprache, durch die zunehmende Einteilung der Beschreibungswelt, d. h. durch die Konzentration auf immer mehr und kleinere Teile (Phänomenen), Zeit zu erzeugen: fest zu halten. Verweile doch! Mit dem Akt der Beschreibung, Aufenthalt in der Welt zu erlangen. heißt, sie durch stetes Beschreiben zu verlangsamen – als ästhetisches Programm. Wer beschreibt bleibt. Wenn ich etwas festhalten kann, wird es schön. Hemmung, Verlangsamung als Zeitgewinn. Verweile doch… Vielleicht ist Malerei auch ein Kontrollprogramm: das die Welt so sei, wie sie im Bild dargestellt werden konnte.

Therapie: Aufmerksamkeit
Phänomenologie als therapeutischer Aufenthalt durch das Verweilen im kleinen Bereich, an der Blüte, als Distanzversprechen gegen die Totalität – gründend auf der Angst vor dem Verlust von Welt oder von einem Ereignis, das als eine Form schließend wahr genommen werden muss. Eine erstarren machende Annäherung. Der Dialektiker zieht die Zerstörung (der Künstler: die Ästhetisierung der Zerstörung) von Wirklichkeit in Betracht, um Erfahrung machen zu können, also um für sich eine Lebensnähe zu produzieren. Die Flügel der Fliege werden rausgerissen, um sie unters Mikroskop zu legen. Man tritt in Beziehung zu sich über die Objektivation des anderen. Negative Dialektik: Die Zerstörung der Beziehungen, der Objekte verstrickt sie zu neuen Netzen, bedingt die Vergrößerung des ichigen Myzels – sprengt es von seiner Wurzel.
Das, was zum Erhalt des empirischen Materials durch seine Sichtung beitrug, um zu wissen, über wen oder was sich Übersicht stellen kann, wird im zwanghaften, weil unendlichen Bedürfnis nach Übersicht übersehen und löscht das stete Material durch dessen beständige Verkleinerung aus. In einer Art rationalisierten Zwangs-Totale wird die Welt reduziert gedacht gemacht, um sie zu regieren, planbar zu erhalten. Das ideale Reich dieser menschlichen Freiheit ist seine psychische Implosion. Diese Psyche wird von ihren Zeitgebilden bestimmt, oder lebt von ihren Bildungen, Auswüchsen und zehrt sie aus.
Phantasie als Notgeburt oder eine zu frühe. Wahnsinnsgetränkt. Sie entsteht nicht jenseits der das Subjekt umfassenden Realität, die den Körper am entgegentretenden Außen verortet, welch tolle Gedanken, sondern aufgrund der realen Beschneidungen aufs Subjekt entsteht Phantasie als selbstischer Therapieversuch. Sie überbrückt mit ihren Erfindungen abgeschnittene Areale und ist verlebendigte Mangelerscheinung, überkämpfte, kompensierte, ach ja, auch sublimierte Leerstelle. Begabung als geglückte sublimierte Wut. (Adorno) Phantasiegebilde sind ihres Ausbruchs harrende Kampfansagen gegen die Ein-Richtung der Welt. Manchmal erwächst Phantastisches aus dem Verfolgungsdruck der Alltäglichkeit und das andere Mal, diesen Druck abzuschütteln.  Phantasie arbeitet mit Bruchstücken der Wirklichkeit, ist auf die Leerstellen der Wirklichkeit angewiesen. Das ist ihr realistischer Kern. Phantasie entspringt verurteilter, unerfahrener Realitätsbereiche. – Dann stellt man sich das ganz klar vor und hat ein Bild… Der Verlust und der Gebrauch von Realitätsmacht zeigt die psychische Bewegungs­richtung an. Die Auswüchse können paranoide Grade erreichen, ob als Misstrauen, Verfolgungswahn oder sie können – mit  Unterstützung entsprechender Kapitalien – zu unternehmerischen Visionen mutieren. Audi Werbung: „Wer die Zukunft vorhersehen will, muß sie erschaffen.“

Paranoia und Kapital
Gemäß des Sinns kapitalistischer Produktionsverhältnisse, die die entsprechenden medizinisch angezeigten Indikationen (Kontrollzwang, Produktgespinnste) aufheben und verwerten, dass heißt: regelrecht produzieren, liest sich das so: „Jedoch wissen wir aus der Geschichte, dass es angesichts der Fortschritte in unserer Industrie nicht lange dauert, bis andere mit ähnlichen Dingen aufwarten. Und diese grundlegende Sicht unserer Industrie zwingt uns, fortlaufend zu erneuern. Wie unser Chairman, Andy Grove, immer wieder betont: „Only the paranoid survive“, nur der Paranoide kann überleben. Folgerichtig befassen wir uns unablässig mit zukunftsträchtigen Innovationen.“2Pat Gelsinger, CEO bei Intel in der c‘ t, Zeitschrift für Computer und Technik, Seite 94, Heft 13, 2003 Ja: der paranoide Vorwärtsdrang der Flucht soll in den Rücken der Verfolger führen. Die kapitalistische Paranoia hat ihre eigens produzierten Krähen im Nacken – Die Konkurrenz schläft niemals! Die Paranoia der Verfolger schlägt in die Paranoia der Verfolgten um.

Zukunft
Die Zukunft wird modelliert über die Aussagen, die über sie getroffen werden können.
Die unternehmenslustige Phantasie oder die phantasiemächtige Produktivität der Unternehmen, die Macht der CEO‘s schlägt in Paranoia um. Die Erhaltung der Macht ist vom stets möglichen, also drohenden Verlust der Machtposition gekennzeichnet. Wo sie sich erhalten kann, wächst aus der Hydra die noch größere Erbin: Erhaltung – Vergrößerung – Vernichtung – Vergröße­rung. Die Pathologie der Macht (schläft die Konkurrenz, was hat sie vor?) erzeugt einen Verfolgungswahn, der darauf abzielt, alle Mittel einzusetzen, die mutmaßlichen Feinde zu vernichten, denn in diesen Führungs-Positionen schätzt man sich auch als Feind der anderen. Das Wort Beherrscht-Sein erhält hier den Sinn von Beherrschung – der eigenen wie der anderen Ängste. Marktbeherrschung = Angstbeherrschung. In den Regionen hoher Etagen verselbstständigt sich die Lenkung des Fahrzeugs von der Fahrt: Das Produktportfolio wie die Steigerung des Profits werden oder sind nur kurz relevant. Es geht um den Lenker, ihn festzuhalten, nicht um die Fahrt. Das es für die Konzernlenker nur ein Job ist, in dem sie ihre Ängste ausagieren, erweist sich daher als fatal, weil sie einen Lenker in der Hand haben, der große Welten lenkt. Der Angstschrei des Aktienhändlers in der 132. Etage wird hörbar für Millionen.
Aus dem Verfolgungswahn spricht das Ertapptsein eigenen Tuns. Denn die Flucht vor Verfolgung führt in sie hinein – die Paranoia der Verfolgten.

 

 

  • 1
    Jörg Heiser erforscht in seinem Artikel „Nicht ohne den 9ten Nusknaker“ künsterische Ableger der Paranoia. Sein erster Satz des Artikels „Paranoia sorgt für Klarheit.“ trifft ins Schwarze Loch der Symptomatik. Jörg Heiser, in: Süddeutsche Zeitung Nr. 296, Seite 15, vom 24./25./26. Dezember 2003 ↩︎
  • 2
    Pat Gelsinger, CEO bei Intel in der c‘ t, Zeitschrift für Computer und Technik, Seite 94, Heft 13, 2003 ↩︎

103, Abbruch

Abbruch: Jammert nicht, ihr Hunde. Lasst uns die Not mit Farbe aufs Papier streichen. Wie schön! Wie immer. Hier hat sie Ruhe und kann fressen: An unserem Erbe. Für die Lichtscheuen haben wir noch was im Keller: Kadaver in Formaldehyd. Im Beisskrampf erstickt an Mitgefühl und Miete. Schlangen um Vaters Hals. Die Bekanntschaft des Erfolgs wird ab jetzt rechts und links der Klinge gemacht. Welch ein Blutbad. Nur für Käufer! Sie wollten darin baden und sind nass geworden. Freiwillig. Es war Liebe auf den ersten Blick: am Bankschalter. Dort fuchtelten wir mit unseren Organen und Gliedern: Zum Verkauf! Was für Zuneigung. Jetzt sammelt sich das Publikum und hängt sich/ die Bilder in die Grabkammer. Anderswo schleifen Beinearmehüftengerinsel eine Strasse nach Norden. Damit ihr’s wisst: Das ist der Weg.

https://berlinergazette.de/abbruch-aufbruch/

 

 

102, Sex und Sublimierung

Sex – vielleicht ein anderes Wort für das Bedürfnis nach Nähe. Die Nähe zum Fremden vermittelt unmittelbar im Sex die stärkste Intensität. Eine Art Direktsprung ins körperliche Kapital der Evolution ohne Umschweife, ohne die sozial auferlegten Gesprächsrunden vorher: praktiziert in One-Night-Stands. Über die Lust wird der direkte körperliche Weg zum Anderen gefunden, bevor durch das Reden, das Kennenlernen der anderen Geschichte sich eine – nun gemeinsam geteilte – Geschichte zwischen die Körper schiebt. Psychisch schon von Verlassenheit geprägt, ist auf den Körper noch verlass. Denn die Körper sind in ihrer unerfassten Fremdheit am schönsten. Man kann sich dem eigenen Körper ohne Umschweife (ohne Verantwortung für ein Davor oder Danach) hingeben. Sich loslassen. Frei von sich – der eigenen Geschichte ledig – und nah körperlich bei sich zugleich. Man will das Schöne, die Nähe, aber im Akt der Vereinigung lässt man keinen an sich ran. Die von Liebe erfüllten Gefühle spielen hier eine geringe Rolle, wenn man dem schuldlosen Körper freien Lauf gewährt. Das Begehren nach Nähe, nach dem Schönen ist schuldlos – bis der Körper seine Schuldigkeit getan hat. Nachts sind wir nah am Blut, einander aussaugend, tagsüber verkriechen wir uns vor unserer Geschichte. Dann sind wir gestillt.

Aber:
Der sinnliche Sog der Geschlechter, der die Menschen in ihre evolutionäre Prägung führt (Fortpflanzung), wird im Zuge gesellschaftlich-industrieller Intervention gefährdet, mißbraucht wie verwertet. Mit der Zerstörung der sinnlichen Welt durch ihre monetäre Verwertung, „nimmt die Entwertung der Menschenwelt in direktem Verhältnis zu.“1Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I. Teil, Dietz Verlag Berlin, Seite 511 Das mit der Geburt sinnlich ausgestattete Leben gerät in den petrifizierenden Schlund verdinglichender Produktions­prozesse. Die Realität der Anpassung ist nun der Verfolger, Erkenntnis ist Steinzeug, um Kompromisse herauszuschlagen. Mühe und Essen, Lohn und Hunger oder Katalogreise. Es droht die Fixierung der menschlichen Bewegung an das ihn bewegende Fließband. Es scheint, als würde die bürgerliche Gesellschaft an der Befreiung des Ästhetischen vom Ethischen arbeiten. Was noch zweckfrei, unschuldig schön ist, muß zum Markt geführt werden. Solange Menschen verdinglicht, für Marken, Brands, Unternehmens-Image ästhetisiert werden können, fließt ihr jäh eigenwilliges sinnliche Gespür ab. Die warenförmigen Statthalter der bürgerlichen Existenz sind für den Bürger „seine“ Produkte geworden, seine ihm selbst aufgezwungenen Neutralisierungen: sein Erfolg, seine Selbstverwertung. Selbst kritischer Einspruch wird wieder vom eigenen Konsum einverleibt und zugedeckt. Das ausgestattete Ich schaut in seinen Spiegel und die ihm angenähte Fratze seiner Vernutzung springt in es hinein.

Und:
Sublimierung. Die Leistungen der Sublimierung2„Die Sublimierung ist ein Prozeß der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Zeil wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen.“ Sigmund Freud, in: Zur Einführung des Narzißmus, Essays I, Hrgb. Dietrich Simon, Verlag Volk und Welt, Berlin 1989, Seite 567 als intellektuelle Kompensation beschrieben wie aufgenötigt, um gegen den Realitätswiderstand zu bestehen, zeugen vom realen, sozial modernen Einspruch gegen den eigenen Körper. Das körperlich sich lustvoll zeugende Ich erleidet die geistig-psychische Anstrengung der Kompensation seiner Verhinderung als gesteigertes Begehren, weil der körperliche Gebrauch der Lust verweigert wurde. Sublimate – als in Arbeit oder in ästhetische Ausdrucksweisen transformierte Libido – sind Ausdrücke gegen die eigenen körperlichen Ansprüche. Hier ist „die Triebkontrolle zum allgemein anerkannten Ausweis sozialer Reife avanciert.“3Wolfgang Engler, Verspielt, Schriften und Gespräche zu Theater und Gesellschaft, Verlag Theater der Zeit, 2012, Seite 158
Der sozial konform gemachte Besitzer evololutionärer Triebhaftigkeit lebt fortan nur in einem Traum eines sich lustvoll vollstreckenden Körpers: als ein von den pflichtgemäßen Forderungen geentertes Schiff im Sturm seiner libidinösen Seel. Gegenüber seinen Tierschwestern -und Brüdern hat der Mensch die Möglichkeit, seinen Triebanspruch zu intellektualisieren.4vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp, Seite 9 (Einleitung) Die erzwungen psychischen Ablenkungen machen den Weg frei für den Eiter, der auf Kultur getauft wird, bis zum Altar, quer durch allen Hochglanz führt die Spur – an der Basis ein Selbstmord, im Überbau ein Ideal oder eine Filmgeschichte – der Mann hat alles gegeben. Was wir Kultur nennen, kündigt vom Sportsgeist, der das Abwichsen sprachlich honoriert. Vielleicht entspinnt sich der ontologisch befestigte Zweifel aus ideologischen Trennung von Intellekt und Körper. Eine kulturelle Verteidigung der Individualität durch die Verwüstung der Individuen? Kunst als eine Verteidigung des Leidens, um nicht in Barbarei zu fallen?5„(…) das leiden hat die kultur geschaffen; so wird wohl barbarei entstehen, wenn das leiden abgestellt wird?“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Eintrag vom 18.8.1942

 

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband I. Teil, Dietz Verlag Berlin, Seite 511 ↩︎
  • 2
    „Die Sublimierung ist ein Prozeß der Objektlibido und besteht darin, daß sich der Trieb auf ein anderes, von der sexuellen Befriedigung entferntes Zeil wirft; der Akzent ruht dabei auf der Ablenkung vom Sexuellen.“ Sigmund Freud, in: Zur Einführung des Narzißmus, Essays I, Hrgb. Dietrich Simon, Verlag Volk und Welt, Berlin 1989, Seite 567 ↩︎
  • 3
    Wolfgang Engler, Verspielt, Schriften und Gespräche zu Theater und Gesellschaft, Verlag Theater der Zeit, 2012, Seite 158 ↩︎
  • 4
    vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp, Seite 9 (Einleitung) ↩︎
  • 5
    „(…) das leiden hat die kultur geschaffen; so wird wohl barbarei entstehen, wenn das leiden abgestellt wird?“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Eintrag vom 18.8.1942 ↩︎

101, Stille halten, Blicke blenden

Stille halten
Wie der Fotograph früher zum Stillehalten anhielt, um das Konterfei zu bannen, in der Art halten wir noch die Gegenstände, Begriffe fest, wenn wir sie als schönen Augenblick behalten wollen – und zerren sie aus ihrem entropischen Fluß der Zeit. Aber nur „wer die Natur kann herausreißen, der hat sie.“ (Dürer) Wenn wir über Gegenstände, Motive reden, reden wir über sie, wie sie waren als wir anfingen, über sie zu sprechen. Wir sind auf den momenthaften Zustand verwiesen, den er flüchtet schnell aus dem Hier und Jetzt. Auch Kommunikation verweist das Kommunizierte auf einen vergangenen Ausgangspunkt. Im Sprechen wird der Gegenstand festgehalten: das Sprechen hält die Verbindung zwischen Beobachter/ Sprecher und Beobachtetem/ Besprochenen aufrecht. Die begriffliche Nähe von Erstarrung (Stillleben) und Starren (Kamera) macht darauf aufmerksam, das dieses durch Stillehalten eingeforderte Herausreißen des markierten Gegenstands aus seinem Fluß die Sinne nicht gewöhnt sind: Nicht nur das langsame, anhaltende Anschauen, auch das wiederholende, immer wieder darauf zurückkommende, ermüdet das Auge. Die Versteinerung, Fixierung des Gegenstands zementiert sich in seinen operator, Auftraggeber hinein. Sie dient der Konservierung eines jetzigen, aber durch das kamerataugliche Festhalten in einen ehemaligen Zustand, damit Erfahrung sich im schönen Bild vollziehen kann. Im Bild wird der Moment, Ausgangspunkt der schönen Wahrnehmungung gefestigt – wir können stets dahin zurückkehren. Ambivalent stülpt sich die versteinerte Ab-lichtung über ihre Resultate, hält jenen gefundenen Moment als Wissen um den schönen Augenblick fest, wo er eingefangen war. Dieses Ab-Bilden fixiert das Erlebnis auf eine bildlich-formale Struktur. Es läßt das Schaf, das die Milch gab, nicht auf die Weide zurück; digital eingefroren. Verweile doch… Im schönen Augenblick schwindet die Zeit.

Spiegelreflex
Wie toll und erschreckend unmittelbar die Welt doch in diesem Spiegelreflex eingeleuchtet und einleuchtend wirkt. Wie dennoch jedes weitere Abspiegeln, Festhalten die optische Präsenz schwächt, verflacht. Die Sensation, das Erschrecken wird in Abbildungen verteilt und klart als manifestes Bild auf. Abgebildete Erinnerung ernährt sich davon, die Gegenwart als Gebanntes auszublenden. Ein stetes Wiedererkennen schiebt sich über das Erkennen. Die Gegenwart im Ablichten, die Verschlusszeit zerrt uns in eine Vergangenheit und gähnt uns als Gewesenes an.

MEDUSA Inversion
Der verwendete Spiegel – das Schild des Perseus, konnte ihn im bereits versteinerten Umfeld unzähliger Versuche, dem Anblick von Medusa zu widerstehen, über ihre Schönheit hinweg täuschen. Der Vermittlung des zweiten Beobachters wohnt Täuschung inne. Sein Spiegel als Schild: die Reflexion vermittelte ihr Angesicht als Ab-bild und bannte den Schrecken bedrängender schönster Umittelbarkeit. Perseus benutzte ein spiegelndes Schild gegen die in sich endlos schön verharrende und Blicke tötende Medusa. Denn wer sie durch bloßes Blicken bestehlen wollte, machte sie vergleichbar. Wer in ihr Dasein starren und töten wollte, erstarrte im eigenen Ansinnen zu Stein. Perseus war ein Held: Er war ein Erster, der durch Fixierung, durch falsche Verdopplung die Gegenwart erledigen konnte. Die Antizipation ihrer Gegenwart über den versteckten Spiegel blendete Medusa mit ihrem eigenen Blick zu Tode. Die Identität mit ihrem Abbild brachte sie um. Die Spiegelung nahm sie im eigenen Raum gefangen. Das von ihr ab- wie losgelöste Bild im Spiegelreflex machte sie sterblich. Sie war kein Narziss. Ihr eigener Anblick verdoppelte sie bis zur Entzweiung. Ihr Blick blendete sich selbst.

DAPHNE Devolution
Die Versteinerung vor dem Betrachter, vor seiner befürchteten Berührung: DAPHNE.
Die Versteinerung ihre Abschreckung. In der Totalität ihres Endes egalisierte sich ihre erotische Faßbarkeit, ihr Geschlecht. Das Spiel ist auf das Spiel seines Endes gekommen. Die Entortung des Geschlechter-Kampfes, weil das menschliche Begehren im wurzelschlagenden Gezweig wegtrieb. Die baumartig umwachsenden Adern fesseln ihren Blutverlust. Das Geronnene wird Zeugnis eines innehaltenden Einverständnisses – Identität mit Blattwerk und jenem Verwandten, der ihr half, so starr zu blühen. PENEIOS. Die symbolisch aus ihr sprießenden, der Liebe nicht zugänglichen Zweige des Baumwerks sind Ausdruck des Nicht-Beherrschten geworden. Sie hatte keine Wahl: Wollte sie ihr noch unberührtes Wesen behalten, mußte sie es verlieren! – Auf evolutionär frühere Stufe gestellt, rein pflanzlich. Ein nicht zu Ende gekommenes Wort APPOLLONS machte sie erstarren. Entmischung als Identitätsbehauptung, die Verweigerung krönte ihren Kopf mit Lorbeerkranz.1Zum Begriff der Vermischung, der Identität vgl. Klaus Heinrich, in Dahlemer Vorlesungen tertium datur, Band 1, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1987, u.a. Seite 76 ff
Das, was die mit AMORS bleibeschwerten Pfeilen ausgelöste gerade noch lebendige Versteinerung darstellt, im Versuch ihr Identisches zu erhalten, verstümmelt zwar, aber noch lebend, ist ein Bild für das Individuum, das der zeitgenössischen, massenhaft umgarnenden Bildermasse der Produktwer­bung gegenübersteht. Heut schon sind wir Überlebende und können den Morgen nicht grüßen, zu viel Blutverlust bis hierhin geschleppt.
Vermischung findet nicht statt oder wird befürchtet. Als Gewesenes skulpturiert; die Macht der Reaktion, der Verweigerung – Insektenhaft starr im Banne der Gefahr. Versteinerung ein Abwehrprogramm im psychoti­schen Steinbruch. Wo ehemals aus den Wunden die Haut des sich entwickelnden Menschen rinnen sollte, gerinnt jetzt gesellschaftlicher Unrat als Konsumgut aus seinen Körperenden, quillt das flexible Individuum aus ihm heraus – flüssig gehalten von der Industrie der Gerinnungshemmer – bis es nichts mehr ist als die Halterung der ihm zugewiesenen produktgemäßen Verkörperungen. Das Blut läuft aus Körpern wie aus Betonpressen. Der Plan ist, das Morgen auszuhärten. Ohne Zuversicht an Morgen sterben die Ahnen. Ohne Hoffnung wird Vergangenheit sinnlos. Daphne: Ein Sinnbild des unausgefochtnen Kampfes. Aus Furcht vor einer liebreizenden Berührung, oder war es Gerührtsein? Ihre Flucht endete im steinwachsenden Baum. Als Armor Daphne erkennt, ihr nachstellt – die Pfeile seines Erkennens auf sie richtend: flüchtete sie, weil sie sich den Pfeilen entziehen wollte (dem Erkanntwerden), oder versuchte sie, dem Resultat des Erkanntwordenseins als ihrer Objektivierung zu entrinnen? Sie nahm sich unmittelbar vor ihm weg. Die sehnsuchtsvolle Vorwegnahme der Kopulation läßt eine Vermittlung von Objekt und Welt nicht in Kraft treten. Als Sinnbild der Liebe: Sie wollte geliebt, aber nicht erkannt werden. Die Begehrte vergab ihrem Körper nicht die Liebe.
Er hätte treffen müssen, dann mit schnellen Drehungen den breiten Pfeil aus ihrem Körper ziehen und ins grad noch warme Fleisch zwischen den zuckenden Nieren seine Finger stecken – die linke Hand hat bereits ihr Genick gebrochen – bis er das höllisch zarte Organ, das wuchernde Erinnerungsmodul der Menschheit aus der blutigen Verästelung befreit.

Verweile doch
Der Mythos von Medusa und Daphne gibt einen Hinweis, weshalb der Schönheit, dem Ästhetischen zu Leibe gerückt wird. – Die Traurigkeit, Ohnmacht gegenüber der Fixierung, Erstarrung beim Anblick einer schönen Frau trägt diesen Rest des Haupt-Abschlagens bei sich. Das schöne Fremde wird durch den Sex in abrupte Nähe vergewaltigt. Weil man mit solcher entfernten Schönheit nicht leben kann, wird sie in Nähe über-wunden und aufgelöst. Oder narzisstisch gewendet: Man kann mit solch fremdartiger Schönheit des Lebens nicht im Leben bleiben.2Vgl. Sigmund Freud, in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer Taschenbuch, Seite 59 Woran erinnert das Schöne? An die vergangene Unschuld, an etwas Natürliches: an die Natur, die Schuld nicht kennt. An den Verlust und die Möglichkeit der Schuldlosig­keit.

 

 

  • 1
    Zum Begriff der Vermischung, der Identität vgl. Klaus Heinrich, in Dahlemer Vorlesungen tertium datur, Band 1, Stroemfeld/Roter Stern, Frankfurt am Main 1987, u.a. Seite 76 ff ↩︎
  • 2
    Vgl. Sigmund Freud, in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer Taschenbuch, Seite 59 ↩︎

100, Farbe

Die Farbe getrennt von ihrem zu beschreibenden Zustand des Erzählens betrachtet, verliert ihren naturalistischen Beigeschmack. Aber ohne Medium – welcher Beschreibung sie auch immer dient – wird sie der Formlosigkeit übergeben. Kann nicht Haut oder Oberfläche der Blume sein ohne deren Blätter. Dem Objekt abgezogen – nackt verbrennt es in meinem Auge – ist sie nicht darstellbar. Die Farbe kann im Berühren nicht hinter sich treten. Sie versinkt in sich hinein: leere Leinwand. Und doch der Wunsch in Farbe zu sprechen, parler peinture. Das edelste Instrument des Malens ist als Instrument nicht darstellbar. Durch empfindsame Behandlung der Form, sie muß zurückgedrängt werden, kann die Farbe wieder aus sich hervor treten. Dieses Hinter-sich-versinken und Aus-sich-hervortreten kennzeichnet die Ambivalenz der Farbe zur Form in der Malerei. Die Fesselung der Farbe aber ist selbst wie die des Feuers an seine Geisel, an das, was es vertilgt. Sie erscheint, weil sie andere auslöscht. Die Verkrampfung der Adlerkrallen im Fassen seiner Beute. Ohne ihre Beute scheint sie sinnlos. Ohne den laufenden Hasen gibt es keinen Hund, der ihn jagt. Die Hand läßt ihren Träger nicht los: sich selbst.
Der ästhetische Grind des atmenden Körpers verpflichtet zu fühlen und verbindet das Lösen Verrohen Töten.

 

 

99, Verständnis

Das Risiko des Verstandenwerdens ist Verschlungenwerden. Über was kann man dann aber reden? Verständnis korreliert mit auflösender Identität. Alles zu verstehen, heißt alles zu verzeihen, ist Verrat. (Müller) Die intellektuelle Vorwegnahme führt in ein Verhältnis implodie­render Rücksichtnahme. Das Gewaltsame des Beginns, wo das Leiden am Ungewissen an den Anfang gesetzt wird, als Demut vor der Reichweite des Subjekts und seiner Kürze.

Das Œuvre, das Werk ist das, was aus dem Niemand (dem unbekannten Erzeuger) einen Überlebenden macht.

 

 

98, Beschreibungsweisen als soziale Synchronisation

Sprachverwaltungen
Das Verrücken des Menschen durch bestimmte Beschreibungsweisen, die in sprachlichen Spaltungen verkehren bis diese Spaltungen auf das Subjekt der Beschreibung übergehen – sie sind dann seine Kleider. Eingehaun ins Subjekt. Damit muss es sprachlich umgehen, denn die Sprache ist ein Erkenntnisorgan des Menschen. Die Verwaltungsakte in der Sprache, die sprachlich manifeste Verwaltung von Welt, die gespaltenen Zungen werden in die kontextuelle sprachliche Existenz anderer Sprach-Teilnehmer hinein getrieben, sozial synchronisiert. Die Versicherung der Zugehörigkeit des einzelnen Subjekts mittels der Sprache zum gesellschaftlichen Sprach-Zusammenhang wird labil oder gar abgeschnitten, wenn durch Administrierung vorgegebene Sprachakte dem Beobachter/ Subjekt gänzlich als indefiniter Realitätsbereich erscheinen. Das so behandelte Subjekt wird in diesen Sprachakten geborgen als ein Empfangs-Rohstoff. Ermittelt und entkleidet, ist es nicht mehr teilnehmend und findet sich darin nicht zurecht. Es ist angehalten, sein sprachliches Territorium als Handlungsraum aufzugeben. Es kann nicht in den Fluss zwischen Beobachtung und Beobachteten treten, wenn es sich nur als betrachtet empfindet. Es repräsentiert ohne Präsenz. Die Zertrümmerung der Welt für diesen Menschen schlägt in verquere Sprachlichkeit um. Die Redundanz und oder die Beschränktheit gesprochener Inhalte ist Symptom, Ausdruck versuchter Haltegriffe geworden. Litanei. Gleichsam als Gegenbewegung kann solch nichtverständiges Sprach-Subjekt sich idealiter noch im sprachlichen Raum verstecken, wenigstens mit den Buchstaben fechtend, derweil im gesellschaftlichen Verkehr das Blut fließt oder der Schreibschweiß. Fiebrig – noch ist‘s nicht entschieden.
Die Unterscheidung zwischen der Sprache der Wirklichkeit und der Wirklichkeit der Sprache führt in sprachlich nicht abgedeckte Leerstellen, dann zu den von ihnen gerissenen ontologischen Löchern – denn ohne Sprache ist Wirklichkeit, die gesellschaftliche Realität, nicht für das sprechende Subjekt zu verhandeln. „Lebendig-Sein heißt an sprachlicher Wirklichkeit teilhaben, aber diese Teilhabe bedeutet für den Menschen, der >>nach Gottes Bild erschaffen<< ist, Teilhabe an der Schöpfermacht des Seins durch Sprechen, d. h. nicht bloß >>Entsprechen<<, sondern schöpferisches Sprechen, und schöpferisches Sprechen in einer sprachlichen Wirklichkeit bedeutet: diese sprechend verwandeln, und die Verwandlung sprachlicher Wirklichkeit, die diese nicht zerstört, ist Übersetzen. Nicht-Übersetzen wäre Verrat an der sprachlichen Wirklichkeit. … Treue halten, dieser zweideutiger Begriff, wird zu einem Synonym für Übersetzen.“1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage 2002, Seite 112
Der sprechende Mensch ist im Sprechen, im Namen und Begriffe geben, immer schon Übersetzer seiner Lebenspraxis.
„Menschen existieren daher im Bereich der Objekte, die sie durch ihr Sprachhandeln hervorbringen.“
„Wenn sich der Körper verändert, ändert sich das Handeln in Sprache, und wenn sich das Handeln in Sprache verändert, verändert sich der Körper. Hierin liegen die Macht und Gewalt der Worte. Worte sind Knotenpunkte in den Koordinationen von Handlungen im Prozeß des Sprachhandelns und entstehen als solche durch strukturelle Interaktionen zwischen Körperlichkeiten.“2Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, stw 1502, Suhrkamp 2000, Seite 202 und 204

 

 

  • 1
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage 2002, Seite 112 ↩︎
  • 2
    Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, stw 1502, Suhrkamp 2000, Seite 202 und 204 ↩︎

97, Terminator Ödipus

In das Gestern kriechen, die Geschichtsschreibung benutzen, um den laufenden Tag zu regeln. Wider das Orakel. Ein ungefähres Modell zur psychoanalytischen Behandlung: Es heißt, den Patienten aus seinem Vergangenen heraus zu verändern, indem die Vergangenheit geändert, neu geflochten wird, neu interpretiert: damit die Geister aus der Zukunft kommen können. Allerdings mit der Gefahr, das die Zukunft verhindert wird, um der perhorriszierten Veränderung des Vergangenen zu entgehn (Terminator II). Die Zukunft kommt nicht in Gang, wenn die Vergangenheit unendlich umgebaut wird. Weil die Wirkungen des Umbaus nicht vorhergesagt werden können, kommen sie nicht zu Stande.
Wie weit muß das be-handelte Subjekt sich voraus sein, in einem sich prognostizierten vorausgeeilten Lebensentwurf, damit es wissen kann, wie es nicht werden will, also zu wissen, was mit dem Selbst passiert. Die industrielle Medizin geht einen anderen Weg: Sie suggeriert eine gentechnische  Bestimmbarkeit eines diagnostischen Punktes weit vor dem kritischen Punkt des Subjekts – sein Eintritt in die Krankheit. Die Linderung ist profitabler als die Heilung. Die gentechnische Untersuchung des Erbmaterials Paarungswilliger  soll dem zukünftigen Subjekt eine Zukunft ermöglichen, die nicht durch eine schlechte, degenerierte Vergangenheit seiner Eltern bestimmt ist.

Liebe und Zeit
Allein das Liebesbedürfnis, das sich zuerst den Eltern zuwendet, blendet die Zeitfäden des Subjekts aus. Die Liebe benötigt keine Vorstellung der Zeit. Der Koitus bedingt und erzeugt ein Vergessen, das Türen öffnet. Bestimmt durch die getötete Zeit, nicht von der gelebten. Liebesbedürfnis = Therapiebedürfnis, sich gegen das (gesellschaftliche) Leben abzudichten und oder für das Leben zu heilen.
Aber diese Linie existiert nicht. Die menschlich bestimmte Zeit kehrt jäh in ihr Werk zurück, zerteilt sich in jeweilige Konflikte, Verwandtschaften. Sie ist eine unzählig auftretende Parallelsekunde, durchschwirrt überall jede Biografie, vernetzt sich berührt sich mit sich selbst, so dass sie dem Einzelnen als sein Schicksal erscheint.

 

 

96, Das Heute zurück treiben

Sowenig die Gegenwart unabänderlich ein Resultat von Ursachen mimen kann, ein Abgeschnittenes, ein vertrockneter Kadaver, sowenig ist die (biografische) Vergangenheit starr und bloß Gräberstaub. Je nach psychisch-physischem Zustand des Betrachtenden, wird die Betrachtung umgewälzt, das Fernrohr umgedreht.
In der Überwindung der Trennung von Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart – merkwürdig nennen wir es „Erfahrung der Wirklichkeit [machen]“ – sucht die heilende Behandlung, das heilende Begreifen die Stelle des Weges, bevor dieser sich teilte, bevor das Jetzt das Gestern erleidet. Gegen die Bewahrung1Diese Bewahrung des Selbst fällt gesellschaftlich in Belohnung aus. In der Zementation des Nur-Bewahrten wird eine niedrige ontologische Sicherheit entwickelt (-Ästhetizismus). Es werden Erfahrungen vollzogen, die keine über sie hinausgehenden (ableitenden) Ent-sprechungen (Be-deutungen) produzieren. Das menschliche Dasein redundiert in seiner animalischen Erhaltung. Wiederholen ohne Durcharbeiten. der Zeit, gegen die Verkapselung (die sogenannte Normalität) muß das Ich sich be-währen. Die Metamorphosen eigener Bewegungen, Entwicklungen gilt es, in die Geschichte zurück zu treiben und hinter der Quelle die Wolke den Tropfen suchen! Den Keil von der Spitze an heraus treiben!

 

 

  • 1
    Diese Bewahrung des Selbst fällt gesellschaftlich in Belohnung aus. In der Zementation des Nur-Bewahrten wird eine niedrige ontologische Sicherheit entwickelt (-Ästhetizismus). Es werden Erfahrungen vollzogen, die keine über sie hinausgehenden (ableitenden) Ent-sprechungen (Be-deutungen) produzieren. Das menschliche Dasein redundiert in seiner animalischen Erhaltung. Wiederholen ohne Durcharbeiten. ↩︎

95, Spaltung II – Kreis oder Oval oder Krank

Der Mensch hat keinen Platz in seiner Wunde: in sich. Alles, was er wahrnehmen kann, wozu er Unterschiede zu sich beschreiben kann, ist größer als seine körperliche Ausdrucks-Fähigkeit, über die er die Differenz zu seiner Umwelt kommuniziert. Ein ständiges Fluten – bis es ihn niederreist. Sein Organismus, das, was ganzheitlich noch zu denken wäre, findet sich nicht an den wahrgenomme­nen Unterschieden ein – die Verschmelzung wäre tödlich – er findet keinen Platz in seinen schon angefressenen, sich verzweifelnden (Erkenntnis-)Organen. Die entstehende Funktionale der individuellen Beobachtung beschreibt daher die Beobachtungsweise am Beobachteten und verweist auf den Beobachtenden. Umgekehrt kann man deshalb formulieren, dass der typische Patient eine Funktion einer typischen Beobachtung darstellt. Er existierte gar nicht. Der Typus unterliegt der beobachtenden Ärzteschafft. Die Unsicherheit in der Beobachtungsweise kann jeder Zeit zu sich selbst korrumpierenden Informationen im Beobachter führen. Trotz konstitutiver Irritation welterzeugenden Beobachtens gegen voreilige Kontextualisierungen gewappnet zu sein, zu überleben, bleibt dem Genius vorbehalten.1Vgl. Giorgio Agamben, in: Profanierungen, Edition Suhrkamp 2407, Seite 9 f

Lieber Krank als Mensch?
In Beziehung zur eigenen Krankheit zu leben, ist eine Chance, aber wir sind gezwungen, getrennt von ihrem humanen Potential zu genesen: Die Verlangsamung, das Innehalten, die Überprüfung des Körpers durch sich selbst, wird termingerecht auf Krankschreibungen ausgelagert. Der Zusammenhang von Befindlichkeit und Einsicht wird in der funktionalen Bestimmung des Subjekts in der kapitalistischen Produktion aufgelöst. Man pflegt eine Beziehung mit der ausgestellten Krankheit und lernt das Getrennt-Sein von ihr. Es ist ein In-Bezug-getrennt-sein. Der unproduktive Zustand als abschweifiges Gelände, als verlorenes Territorium des Ich, ist ein unbemannter Satellit, ein Mond vom verlassenen Gestirn, ist ein Außer-sich-sein gerade in der Hinwendung zum eigenen Gebrechen. Man gibt sich von sich weg: ergeben den Hebeln, Lenkrädern und Tastaturen. Der Körper als dazwischen befindliche Linie von A nach B. Löchrig gemacht, aufgebohrt, strömen wirre Medikamente in die undichte Haut. Besserung gewiss: Für die Produktion.

 

 

  • 1
    Vgl. Giorgio Agamben, in: Profanierungen, Edition Suhrkamp 2407, Seite 9 f ↩︎

94, Spaltung : Beobachten, Erwachen, Denken

Was soll aus dem Subjekt hervorgehen? Seine Literatur? Wie kann es wirksam darin werden? – Mit einem Wissen um Selbstbezüglichkeit, um die eigene Subjekthaftigkeit, geschmiedet zum anamnetischen Selbstbewußtsein, zum Ego? Es beginnt mit einem sich zum Subjekt begreifenden organischen Körper – ein in die Welt gesetzter und von ihr behandelter Objektivismus, der dem erwachenden Ich vorgesetzt ist. Die vorgefundene Welt als eine durch das Subjekt stets neu zu produzierende Äußerlichkeit, der es sich stellen muß. Dem Erwachenden ist sein Körper zunächst äußerlich; das in die gerade geöffneten Augen flutende lichte Operationsgebiet ist noch ohne Koordinaten, ziemlich irritierend. Das dem Subjekt Ferne und Fremde entspinnt sich durch sein Beschreiben aus ihm heraus in es hinein – wie seine Zuschreibungen sein Eingesponnenes werden. Fremdkörper. All das, was es beschreibt, wird für die folgenden Beschreibungen mitgeschleppt. Ein riesenhaftes Gerüst, das seine Baustelle verdeckt. Dieses Subjekt wird aus seinem Körper gekocht, denn es ist nicht nur Beobachter eines Außen, es ist sich selbst Beobachtungsgegenstand, der das Beobachten und das Beobachtete zu beobachten gelernt hat (Beobachtung 2. Ordnung).1Dieses Sich-selbst-beobachten drängt das geistesgegenwärtige Individuum in eine Art Zirkularität zurück: „Das Gesichtsfeld erscheint uns stets geschlossen; es gibt keine unsichtbaren Stellen. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen. Wir sind blind gegenüber unserer eigenen Blindheit, das ist ein Beispiel für eine Problematik der zweiten Ordnung. Das Nichtsehen wird auf sich selbst angewendet. Aber: Die doppelte Verneinung (das Nichtsehen des Nichtsehens) ergibt keine Bejahung. Daß wir sehen, daß wir nicht sehen, heißt nicht, daß wir jetzt sehen. Und das bedeutet, daß sich die Logik der Begriffe zweiter Ordnung nicht mit der orthodoxen Logik verträgt. Denn demgemäß müßten zwei Verneinungen eigentlich eine Bejahung ergeben.“ Heinz von Foerster, Berhard Pörksen, in: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg, 2019, Seite 114 und 116  Die konstitutive Einheit des Menschen als Beobachter, der sich im Beobachten mit in das Boot des Beobachteten setzt und seine Welt hervorbringt, konditioniert auch die Bedingungen der Spaltung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Dort kommen das Dasein und der Zweifel her. Cogito ergo sum – Zweifel und Dasein als Eines. Die Beschreibungsgeschichte des Subjekts zwängt es in sie hinein – an was soll es sich sonst halten, wenn es seine Be -und Einschreibungen permanent in Frage gestellt sieht: durch die Beschreibungswelten aller Subjekte.

 

 

  • 1
    Dieses Sich-selbst-beobachten drängt das geistesgegenwärtige Individuum in eine Art Zirkularität zurück: „Das Gesichtsfeld erscheint uns stets geschlossen; es gibt keine unsichtbaren Stellen. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen. Wir sind blind gegenüber unserer eigenen Blindheit, das ist ein Beispiel für eine Problematik der zweiten Ordnung. Das Nichtsehen wird auf sich selbst angewendet. Aber: Die doppelte Verneinung (das Nichtsehen des Nichtsehens) ergibt keine Bejahung. Daß wir sehen, daß wir nicht sehen, heißt nicht, daß wir jetzt sehen. Und das bedeutet, daß sich die Logik der Begriffe zweiter Ordnung nicht mit der orthodoxen Logik verträgt. Denn demgemäß müßten zwei Verneinungen eigentlich eine Bejahung ergeben.“ Heinz von Foerster, Berhard Pörksen, in: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg, 2019, Seite 114 und 116 ↩︎

93, Konkrete Kunst

Je mehr der Vorgang im Bild einem geometrisch-mathematischen (= vorhersehbaren) Form-Kalkül weicht, desto mehr grenzt das Bild an formale Verengungen durch die formalen Ressourcen selbst. Das künstlerisch sich wiederholende Gebaren, bestimmte formale Zeichen, Formen wieder und wieder auszuführen – um als Stil von X Y dem gesellschaftlich geforderten Verformungszwang zu entgehen oder ihm zu entsprechen, kann als stilistischer Ausweg gegen Lähmungserscheinungen (in der Kunst) formalisiert oder als Stagnation innerhalb des Lähmungsprozesses begriffen werden. Stil als formale Lähmung. Konkrete Kunst als Kontrolle konkreter Ängste. Ästhetische Ordnungen werden zum Abbild idealisierter Konstruktion von formaler Stabilität. Faktisch Vakuumiert.
Die Variabilität sinkt, jedoch ist der Malakt, das Anstreichen störungsfrei planbar und mit nichts, mit keinem unmittelbaren Zweifel verunreinigt. Die Auslöschung der gegenständlich-figurativen Verweise im Bild, Ausblendung ungeometrischer Ereignisse orientiert sich an dem Bedürfnis der Künstler nach maßstäblicher Richtigkeit (im den Bildraum vermessenden Sinne), um eine gewisse Unabhängigkeit vom Urteil der Betrachtenden zu erreichen und Distanz zum Angstraum der Wirklichkeit. Die Verweigerung der künstlerischen Vorstellung, selbst das Messer in den Rumpf zu bohren oder zusehen zu müssen, oder am Abzug zu drücken, deutet auf die in geometrischen Formen vollzogene Abstraktionsleistung in geometrischen Formen hin. An der Instrumentalisie­rung der Geometrie erkennt man den Zeitgeist. Abstraktion als Training fürs Töten, fürs Dekor. Die Totalität der Beschränkung auf konkret manifeste geometrische Formen zielt auf eine Absolutheit der Wahrnehmung und nicht auf die Totalität der Angsterfahrung. Die technoiden Arbeitsabläufe in der Backfabrik wie in der Tötungsabteilung der Hennenfarm stumpft die menschliche Empathie ab.
Dort, wo in mathematischen, geometrischen Phänomenen eine ästhetische Dimension entdeckt, wiedererkannt wird oder deren ästhetisch Einführung gelingt – das Verdienst der Konkreten, Abstrakten Kunst, des Minimalismus – zwängt diese mathematisch-geometrische Dimension das Ästhetische auf ein berechenbares Kalkül ein. Der Selbstzweck des Logischen – das auf sich selbst verweisende Kalkül vorhersehbarer Form, die Bezeichnung, die stets auf die Bezeichnung insistiert, weil das Bezeichnete ausgeschlossen ist, zeigt sich hier als Implosion der Form mit sich selbst. Die auf sich verweisenden und rückführbaren formalen Funktionen, die sich zu funktionellen Formen entwickeln, dienen der Feststellung einer (vom Betrachter unabhängigen) bildnerischen Totalität und nicht der Integration der Veränderung, des Werdens-Prozesses, der entropischen Zeitdynamik des Lebens. Vielleicht spricht aus den konkreten Bildern der Versuch, deren Wirkung vorherzusehen, abseits von der Tagesform des Malers festzulegen. Die Form wird formal(istisch), weil funktional. Das Malerische wird zum Anstrich des Kalküls. Es geht um Kontrolle. Sicherheit. Das fördert die zeitlich-epistemologische Beschrän­kung im Umgang mit dieser Kunst und greift in das Verfertigen von funktionalistisch erhärteten Werken ein: das, was zu sagen wäre, was mit der Zeit zu Gehalt werden könnte, ist mit mathematischen Gliederungen fertig gemacht. In diesen Werken glänzt technische Kälte. Wenn jemals eine Funktion (als ästhetisches Erkennen) im Bild durch ihre Formulierungen anspricht, und sich derart ausdrücken kann, so wird in der mathematisch-geometrischen Kunst die Funktion nicht dadurch gerettet, weil deren Formulierung, Durchführung funktional bestimmt wird. Das bedeutet, daß die Form nicht durch deren kaltes funktionales Entstehen bzw. Auswickeln gerettet werden kann. Die Bedeutung kann durch die Form sprechen, aber die Form kann nicht deshalb bedeutend sein, weil ihrer Herstellung besondere Bedeutung zukommt. So in der Form wütend, ist die Funktion schnell dekorativ lesbar. Unter den Fittichen planbarer Kalküle wird die Form steif. Die bildnerische Form geht in der funktionalen nicht auf. Wo nichts berechnet, ausgemessen, und technisch nichts gefangen werden kann, wie soll das Schöne dann zu fassen sein? Betrachtung ohne Sinnlichkeit ist bloße Rationalität, eine Ratio ohne ästhetischen Sinn.

 

14 rote Rechtecke auf blauem PVC, Lack auf PVC, 120 x 195 cm, 2004, © Hans Georg Köhler

Jede symbolische Form – eine zum Eigenwert getriebene Allgemeinheit des Materials, des Sujets usw., worin das Material in den ästhetischen Rang der Kunstform gelangt, wird zur Floskel, wenn sie in der Konzentra­tion aufs Material ihre menschliche Maßstäblichkeit, Geschichtlichkeit verliert. Insofern ist abstrakte Formalisierung Sinnentleerung, weil sie von statischen Formen ausgeht und sie mit sich selbst sinnlich fruchtbar machen will. Die erzählerischen Kontexte werden zugunsten des sinnbestimmten Materials aufgegeben. Das Material erzählt. Die Romantik entdeckte den Eigenwert des (beobachteten) Materials in Naturphänomenen. Das Licht, die Blätter… die Staffage der Natur, deren ethisch unverwerfliche Gegenständlichkeit, die in einer Übertragung auf das menschliche Dasein zur Idealisierung von Gefühls- und Geisteshaltungen dienen konnte. Die für den aufkommenden totalitären Produktionsprozeß notwendigen Abstraktionen, d. h. die zweckgerichtete Einschränkung des verwendeten Materials (der Begriff >Rohstoff< enthält bereits Abstraktionen) auf dessen mittelgerechte Verwendbarkeit führt dem Zwang richtig folgend zur Idee einer weitestmöglichen Anpassung des jeweiligen Materials (der Gegenstände) an die vorgegebenen Bedingungen ihres technischen Einsatzes. Das gilt auch für die Kunst. Die andere Seite: Produktionstechnische Idealisierung materieller Gegenständlichkeit als Ästhetisierung des technischen Effekts ist in allen Gattungen bemerkbar. Die Idealisierung des Produkts/ Kunstwerks als Resultat vielzähliger Abstraktionsschnitte macht die verhackstückten Stoffe und Menschen in dessen Produktion vergessen. Hier trifft sich die romantische Einfühlung am Kirschzweig mit der über allen Klee gelobten idealen Performance des Autolacks.

Doch die Gegenstände, Objekte können wir nur mit ihrer Beschreibbarkeit zu sich selbst entlassen, zurückgeben. Wir haben sie, weil wir da sind, der Beschreibbarkeit schuldig gesprochen. Was bar dieser, ist ein Beschreibungstotes Feld: Ein Gebiet der Angst, woraus das Fürchten in der Nacht. In der Not des Ausdrucks sind Phänomene zu Hause. Kindernahrung für Ungeheuer.

Klarheit nur, wenn man Zusammenhänge tötet, alles entleert, die Landschaft sprengt: Zur Lichtung objektiviert. Natur ist beängstigend unübersichtlich oder formal inspirierend. Ungewissheiten lassen sich nicht klar ausdrücken. Blind mit Stock tappt der Suchende im Gelände: bis er freundlich an der Hand bei Grün über die Straße geführt oder rücklinks vom Raubtier mit Breitreifen und mit methodisch geschärften Zähnen zerrissen wird.

 

 

  • 1
    4 rote Rechtecke auf blauem PVC, Lack auf PVC, 120 x 195 cm, 2004, © Hans Georg Köhler ↩︎

92, Das Kunstwerk als Totalität, bildtheoretisch

Was wir vorfinden, ist unsere Welt, ist das Bild, was wir sehen.
Es ist erforderlich, das Bild in einer Ausstellung von Anfang an in seiner Totalität zu betrachten. Außerordentliche Kontexte sind in diesem Moment nicht notwendig. Jedes seiner Teile mit allen anderem nimmt teil – mit dem, was vom Betrachter über sich und darüber hinaus gewußt werden kann, dabei jede Form zu einer frei gewählten ins Verhältnis setzend. Und dieser Vorgang ist, so gut es geht, aufmerksam zu beobachten, während der Beobachter sich selbst bei dieser Arbeit beschreibt und zugleich fragt, warum, wie etwas auf diese Art und Weise von ihm beschrieben wird. Das verschafft einen Zugang zum Bild. So kann der Raum zwischen Beobachter und dem Bild zum Oszillieren gebracht werden,
Also, nicht der Wahnsinn des Einzelnen, sondern der Wahnsinn des Ganzen, die geschichtliche Maschine des jeweiligen Bildes ist zu sehen, sobald damit angefangen wird, sich auf die Totalität einzulassen. Ohnmacht bleibt nicht aus, Verzweiflung, der Chock über formal-visuelle Zustände ist zuständig für den Beginn von Aufklärung. Die Auswirkung der Formen, die der Betrachter sich selbst beschreibt und für sich zensiert ist als Wirkung auf den einzelnen Beobachter zu bergen und zu begreifen.

In künstlerischen Kontexten besteht das Problem, das Bild-Theorien (Narrative der Bildbeschreibung) mehr sich selbst erhärten als das sie der offenen Beziehung von Gegenstand und Beobachter genügen. Die Möglichkeit verdeckter – absoluter, d.h. vom Betrachter unabhängigen – Beschreibungen, um der Falle des Objektivierungs­zwanges (des Objektivierens, des Objekts) zu entkommen, gibt es nicht. Es hilft nur, die eigene Beobachtung in die Beobachtung mit hinein zu nehmen. Du kannst nur das beobachten, von dem du Teil bist: „…getreu dem Grundsatz, daß eine soziale Situation nicht durch jemanden definiert werden darf, der nicht auch in sie verstrickt ist, mithin Realität im soziologische Verstande nur das ist, als was sie durch ihn definiert wird.“1Helmuth Plessner, in: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite XVI Das Objekt der Betrachtung (das Kunstwerk) und der Betrachtende sind das Objekt der Betrachtung. Darin wird eine Realität erzeugt und bezeugt.
Jede Möglichkeit der symbolisch-begrifflichen Abstraktion von sinnlicher Erfahrung dem Kunstwerk gegenüber erleichtert die totalitäre Geste seiner Beschreibung.

 

 

  • 1
    Helmuth Plessner, in: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite XVI ↩︎

91, Akkupunktur – wenn die Nadel auf die Nerven…

Wenn das Psychische und Physische sich einander ambivalent sind, im Symptom als organisch-geistigen Verkörperung sich Geltung verschafft1Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, stw 571, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main1985, Seite 551: „…daß der geistige Prozess immer eine physische Darstellung finden muß“, Bateson zitiert hier Lamarcks Philosophie Zoologique – der Körper als symptomdialektischer Raum, dann existiert kein Leiden, kein Ereignis, kein Gedanke ohne eine Spur auf die jeweils andere Soma-Seite zu legen. Die Kranken kommen also nicht aus der Dialektik heraus. Das Modell eines zeitlichen Wechsels von psychisch zu physisch, eines  psychischen Vorher mit erforderlicher physischer Folge verfehlt das Zusammensein von Psyche und Physis. Wieviel Krankheit kann ein Mensch mit seiner jeweils anderen Seite unterdrücken, bevor sie ihn doch ergreift? Welchem psychischen Konflikt entspräche der Umstand, daß sich Menschen körperlich vertilgen – um sich von ihrer anderen Seite zu befreien? Erscheinen nicht in psychotisch bestimmten Affekten die auf die Physis gehenden aus­gleichenden Bewegungen? Der Mord, die Schlägerei. Was treibt?
Wo das psychisch gewordene  Symptom ins Körperliche umschlägt, schlägt es da nicht ins anders empfundene Ich, sogar ins andere körperliche Ich zurück? Wo du dein Du hast, schlage ich ins Ich? Wo die Divergenz zu den Lebensumständen zu groß wird, ist dann die Angst der Schmierstoff der anderen Seite oder verschüttert durch Selbstverteidigung?

Man muß die Isolation der Leber… vom universellen Geschehen verhindern. Eine grausame Form der Folter besteht darin, den Menschen auf seine zusammengesetzten Teile zu reduzieren. Dass die Geier an Prometheus‘ Leber nagen, aber eröffnet den Eingang in seine Geschichte.

 

 

  • 1
    Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, stw 571, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main1985, Seite 551: „…daß der geistige Prozess immer eine physische Darstellung finden muß“, Bateson zitiert hier Lamarcks Philosophie Zoologique ↩︎