100, Farbe

Die Farbe getrennt von ihrem zu beschreibenden Zustand des Erzählens betrachtet, verliert ihren naturalistischen Beigeschmack. Aber ohne Medium – welcher Beschreibung sie auch immer dient – wird sie der Formlosigkeit übergeben. Kann nicht Haut oder Oberfläche der Blume sein ohne deren Blätter. Dem Objekt abgezogen – nackt verbrennt es in meinem Auge – ist sie nicht darstellbar. Die Farbe kann im Berühren nicht hinter sich treten. Sie versinkt in sich hinein: leere Leinwand. Und doch der Wunsch in Farbe zu sprechen, parler peinture. Das edelste Instrument des Malens ist als Instrument nicht darstellbar. Durch empfindsame Behandlung der Form, sie muß zurückgedrängt werden, kann die Farbe wieder aus sich hervor treten. Dieses Hinter-sich-versinken und Aus-sich-hervortreten kennzeichnet die Ambivalenz der Farbe zur Form in der Malerei. Die Fesselung der Farbe aber ist selbst wie die des Feuers an seine Geisel, an das, was es vertilgt. Sie erscheint, weil sie andere auslöscht. Die Verkrampfung der Adlerkrallen im Fassen seiner Beute. Ohne ihre Beute scheint sie sinnlos. Ohne den laufenden Hasen gibt es keinen Hund, der ihn jagt. Die Hand läßt ihren Träger nicht los: sich selbst.
Der ästhetische Grind des atmenden Körpers verpflichtet zu fühlen und verbindet das Lösen Verrohen Töten.

 

 

99, Verständnis

Das Risiko des Verstandenwerdens ist Verschlungenwerden. Über was kann man dann aber reden? Verständnis korreliert mit auflösender Identität. Alles zu verstehen, heißt alles zu verzeihen, ist Verrat. (Müller) Die intellektuelle Vorwegnahme führt in ein Verhältnis implodie­render Rücksichtnahme. Das Gewaltsame des Beginns, wo das Leiden am Ungewissen an den Anfang gesetzt wird, als Demut vor der Reichweite des Subjekts und seiner Kürze.

Das Œuvre, das Werk ist das, was aus dem Niemand (dem unbekannten Erzeuger) einen Überlebenden macht.

 

 

98, Beschreibungsweisen als soziale Synchronisation

Sprachverwaltungen
Das Verrücken des Menschen durch bestimmte Beschreibungsweisen, die in sprachlichen Spaltungen verkehren bis diese Spaltungen auf das Subjekt der Beschreibung übergehen – sie sind dann seine Kleider. Eingehaun ins Subjekt. Damit muss es sprachlich umgehen, denn die Sprache ist ein Erkenntnisorgan des Menschen. Die Verwaltungsakte in der Sprache, die sprachlich manifeste Verwaltung von Welt, die gespaltenen Zungen werden in die kontextuelle sprachliche Existenz anderer Sprach-Teilnehmer hinein getrieben, sozial synchronisiert. Die Versicherung der Zugehörigkeit des einzelnen Subjekts mittels der Sprache zum gesellschaftlichen Sprach-Zusammenhang wird labil oder gar abgeschnitten, wenn durch Administrierung vorgegebene Sprachakte dem Beobachter/ Subjekt gänzlich als indefiniter Realitätsbereich erscheinen. Das so behandelte Subjekt wird in diesen Sprachakten geborgen als ein Empfangs-Rohstoff. Ermittelt und entkleidet, ist es nicht mehr teilnehmend und findet sich darin nicht zurecht. Es ist angehalten, sein sprachliches Territorium als Handlungsraum aufzugeben. Es kann nicht in den Fluss zwischen Beobachtung und Beobachteten treten, wenn es sich nur als betrachtet empfindet. Es repräsentiert ohne Präsenz. Die Zertrümmerung der Welt für diesen Menschen schlägt in verquere Sprachlichkeit um. Die Redundanz und oder die Beschränktheit gesprochener Inhalte ist Symptom, Ausdruck versuchter Haltegriffe geworden. Litanei. Gleichsam als Gegenbewegung kann solch nichtverständiges Sprach-Subjekt sich idealiter noch im sprachlichen Raum verstecken, wenigstens mit den Buchstaben fechtend, derweil im gesellschaftlichen Verkehr das Blut fließt oder der Schreibschweiß. Fiebrig – noch ist‘s nicht entschieden.
Die Unterscheidung zwischen der Sprache der Wirklichkeit und der Wirklichkeit der Sprache führt in sprachlich nicht abgedeckte Leerstellen, dann zu den von ihnen gerissenen ontologischen Löchern – denn ohne Sprache ist Wirklichkeit, die gesellschaftliche Realität, nicht für das sprechende Subjekt zu verhandeln. „Lebendig-Sein heißt an sprachlicher Wirklichkeit teilhaben, aber diese Teilhabe bedeutet für den Menschen, der >>nach Gottes Bild erschaffen<< ist, Teilhabe an der Schöpfermacht des Seins durch Sprechen, d. h. nicht bloß >>Entsprechen<<, sondern schöpferisches Sprechen, und schöpferisches Sprechen in einer sprachlichen Wirklichkeit bedeutet: diese sprechend verwandeln, und die Verwandlung sprachlicher Wirklichkeit, die diese nicht zerstört, ist Übersetzen. Nicht-Übersetzen wäre Verrat an der sprachlichen Wirklichkeit. … Treue halten, dieser zweideutiger Begriff, wird zu einem Synonym für Übersetzen.“1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage 2002, Seite 112
Der sprechende Mensch ist im Sprechen, im Namen und Begriffe geben, immer schon Übersetzer seiner Lebenspraxis.
„Menschen existieren daher im Bereich der Objekte, die sie durch ihr Sprachhandeln hervorbringen.“
„Wenn sich der Körper verändert, ändert sich das Handeln in Sprache, und wenn sich das Handeln in Sprache verändert, verändert sich der Körper. Hierin liegen die Macht und Gewalt der Worte. Worte sind Knotenpunkte in den Koordinationen von Handlungen im Prozeß des Sprachhandelns und entstehen als solche durch strukturelle Interaktionen zwischen Körperlichkeiten.“2Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, stw 1502, Suhrkamp 2000, Seite 202 und 204

 

 

  • 1
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage 2002, Seite 112
  • 2
    Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, stw 1502, Suhrkamp 2000, Seite 202 und 204

97, Terminator Ödipus

In das Gestern kriechen, die Geschichtsschreibung benutzen, um den laufenden Tag zu regeln. Wider das Orakel. Ein ungefähres Modell zur psychoanalytischen Behandlung: Es heißt, den Patienten aus seinem Vergangenen heraus zu verändern, indem die Vergangenheit geändert, neu geflochten wird, neu interpretiert: damit die Geister aus der Zukunft kommen können. Allerdings mit der Gefahr, das die Zukunft verhindert wird, um der perhorriszierten Veränderung des Vergangenen zu entgehn (Terminator II). Die Zukunft kommt nicht in Gang, wenn die Vergangenheit unendlich umgebaut wird. Weil die Wirkungen des Umbaus nicht vorhergesagt werden können, kommen sie nicht zu Stande.
Wie weit muß das be-handelte Subjekt sich voraus sein, in einem sich prognostizierten vorausgeeilten Lebensentwurf, damit es wissen kann, wie es nicht werden will, also zu wissen, was mit dem Selbst passiert. Die industrielle Medizin geht einen anderen Weg: Sie suggeriert eine gentechnische  Bestimmbarkeit eines diagnostischen Punktes weit vor dem kritischen Punkt des Subjekts – sein Eintritt in die Krankheit. Die Linderung ist profitabler als die Heilung. Die gentechnische Untersuchung des Erbmaterials Paarungswilliger  soll dem zukünftigen Subjekt eine Zukunft ermöglichen, die nicht durch eine schlechte, degenerierte Vergangenheit seiner Eltern bestimmt ist.

Liebe und Zeit
Allein das Liebesbedürfnis, das sich zuerst den Eltern zuwendet, blendet die Zeitfäden des Subjekts aus. Die Liebe benötigt keine Vorstellung der Zeit. Der Koitus bedingt und erzeugt ein Vergessen, das Türen öffnet. Bestimmt durch die getötete Zeit, nicht von der gelebten. Liebesbedürfnis = Therapiebedürfnis, sich gegen das (gesellschaftliche) Leben abzudichten und oder für das Leben zu heilen.
Aber diese Linie existiert nicht. Die menschlich bestimmte Zeit kehrt jäh in ihr Werk zurück, zerteilt sich in jeweilige Konflikte, Verwandtschaften. Sie ist eine unzählig auftretende Parallelsekunde, durchschwirrt überall jede Biografie, vernetzt sich berührt sich mit sich selbst, so dass sie dem Einzelnen als sein Schicksal erscheint.

 

 

96, Das Heute zurück treiben

Sowenig die Gegenwart unabänderlich ein Resultat von Ursachen mimen kann, ein Abgeschnittenes, ein vertrockneter Kadaver, sowenig ist die (biografische) Vergangenheit starr und bloß Gräberstaub. Je nach psychisch-physischem Zustand des Betrachtenden, wird die Betrachtung umgewälzt, das Fernrohr umgedreht.
In der Überwindung der Trennung von Wirklichkeit in Vergangenheit und Gegenwart – merkwürdig nennen wir es „Erfahrung der Wirklichkeit [machen]“ – sucht die heilende Behandlung, das heilende Begreifen die Stelle des Weges, bevor dieser sich teilte, bevor das Jetzt das Gestern erleidet. Gegen die Bewahrung1Diese Bewahrung des Selbst fällt gesellschaftlich in Belohnung aus. In der Zementation des Nur-Bewahrten wird eine niedrige ontologische Sicherheit entwickelt (-Ästhetizismus). Es werden Erfahrungen vollzogen, die keine über sie hinausgehenden (ableitenden) Ent-sprechungen (Be-deutungen) produzieren. Das menschliche Dasein redundiert in seiner animalischen Erhaltung. Wiederholen ohne Durcharbeiten. der Zeit, gegen die Verkapselung (die sogenannte Normalität) muß das Ich sich be-währen. Die Metamorphosen eigener Bewegungen, Entwicklungen gilt es, in die Geschichte zurück zu treiben und hinter der Quelle die Wolke den Tropfen suchen! Den Keil von der Spitze an heraus treiben!

 

 

  • 1
    Diese Bewahrung des Selbst fällt gesellschaftlich in Belohnung aus. In der Zementation des Nur-Bewahrten wird eine niedrige ontologische Sicherheit entwickelt (-Ästhetizismus). Es werden Erfahrungen vollzogen, die keine über sie hinausgehenden (ableitenden) Ent-sprechungen (Be-deutungen) produzieren. Das menschliche Dasein redundiert in seiner animalischen Erhaltung. Wiederholen ohne Durcharbeiten.

95, Spaltung II – Kreis oder Oval oder Krank

Der Mensch hat keinen Platz in seiner Wunde: in sich. Alles, was er wahrnehmen kann, wozu er Unterschiede zu sich beschreiben kann, ist größer als seine körperliche Ausdrucks-Fähigkeit, über die er die Differenz zu seiner Umwelt kommuniziert. Ein ständiges Fluten – bis es ihn niederreist. Sein Organismus, das, was ganzheitlich noch zu denken wäre, findet sich nicht an den wahrgenomme­nen Unterschieden ein – die Verschmelzung wäre tödlich – er findet keinen Platz in seinen schon angefressenen, sich verzweifelnden (Erkenntnis-)Organen. Die entstehende Funktionale der individuellen Beobachtung beschreibt daher die Beobachtungsweise am Beobachteten und verweist auf den Beobachtenden. Umgekehrt kann man deshalb formulieren, dass der typische Patient eine Funktion einer typischen Beobachtung darstellt. Er existierte gar nicht. Der Typus unterliegt der beobachtenden Ärzteschafft. Die Unsicherheit in der Beobachtungsweise kann jeder Zeit zu sich selbst korrumpierenden Informationen im Beobachter führen. Trotz konstitutiver Irritation welterzeugenden Beobachtens gegen voreilige Kontextualisierungen gewappnet zu sein, zu überleben, bleibt dem Genius vorbehalten.1Vgl. Giorgio Agamben, in: Profanierungen, Edition Suhrkamp 2407, Seite 9 f

Lieber Krank als Mensch?
In Beziehung zur eigenen Krankheit zu leben, ist eine Chance, aber wir sind gezwungen, getrennt von ihrem humanen Potential zu genesen: Die Verlangsamung, das Innehalten, die Überprüfung des Körpers durch sich selbst, wird termingerecht auf Krankschreibungen ausgelagert. Der Zusammenhang von Befindlichkeit und Einsicht wird in der funktionalen Bestimmung des Subjekts in der kapitalistischen Produktion aufgelöst. Man pflegt eine Beziehung mit der ausgestellten Krankheit und lernt das Getrennt-Sein von ihr. Es ist ein In-Bezug-getrennt-sein. Der unproduktive Zustand als abschweifiges Gelände, als verlorenes Territorium des Ich, ist ein unbemannter Satellit, ein Mond vom verlassenen Gestirn, ist ein Außer-sich-sein gerade in der Hinwendung zum eigenen Gebrechen. Man gibt sich von sich weg: ergeben den Hebeln, Lenkrädern und Tastaturen. Der Körper als dazwischen befindliche Linie von A nach B. Löchrig gemacht, aufgebohrt, strömen wirre Medikamente in die undichte Haut. Besserung gewiss: Für die Produktion.

 

 

  • 1
    Vgl. Giorgio Agamben, in: Profanierungen, Edition Suhrkamp 2407, Seite 9 f

94, Spaltung : Beobachten, Erwachen, Denken

Was soll aus dem Subjekt hervorgehen? Seine Literatur? Wie kann es wirksam darin werden? – Mit einem Wissen um Selbstbezüglichkeit, um die eigene Subjekthaftigkeit, geschmiedet zum anamnetischen Selbstbewußtsein, zum Ego? Es beginnt mit einem sich zum Subjekt begreifenden organischen Körper – ein in die Welt gesetzter und von ihr behandelter Objektivismus, der dem erwachenden Ich vorgesetzt ist. Die vorgefundene Welt als eine durch das Subjekt stets neu zu produzierende Äußerlichkeit, der es sich stellen muß. Dem Erwachenden ist sein Körper zunächst äußerlich; das in die gerade geöffneten Augen flutende lichte Operationsgebiet ist noch ohne Koordinaten, ziemlich irritierend. Das dem Subjekt Ferne und Fremde entspinnt sich durch sein Beschreiben aus ihm heraus in es hinein – wie seine Zuschreibungen sein Eingesponnenes werden. Fremdkörper. All das, was es beschreibt, wird für die folgenden Beschreibungen mitgeschleppt. Ein riesenhaftes Gerüst, das seine Baustelle verdeckt. Dieses Subjekt wird aus seinem Körper gekocht, denn es ist nicht nur Beobachter eines Außen, es ist sich selbst Beobachtungsgegenstand, der das Beobachten und das Beobachtete zu beobachten gelernt hat (Beobachtung 2. Ordnung).1Dieses Sich-selbst-beobachten drängt das geistesgegenwärtige Individuum in eine Art Zirkularität zurück: „Das Gesichtsfeld erscheint uns stets geschlossen; es gibt keine unsichtbaren Stellen. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen. Wir sind blind gegenüber unserer eigenen Blindheit, das ist ein Beispiel für eine Problematik der zweiten Ordnung. Das Nichtsehen wird auf sich selbst angewendet. Aber: Die doppelte Verneinung (das Nichtsehen des Nichtsehens) ergibt keine Bejahung. Daß wir sehen, daß wir nicht sehen, heißt nicht, daß wir jetzt sehen. Und das bedeutet, daß sich die Logik der Begriffe zweiter Ordnung nicht mit der orthodoxen Logik verträgt. Denn demgemäß müßten zwei Verneinungen eigentlich eine Bejahung ergeben.“ Heinz von Foerster, Berhard Pörksen, in: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg, 2019, Seite 114 und 116  Die konstitutive Einheit des Menschen als Beobachter, der sich im Beobachten mit in das Boot des Beobachteten setzt und seine Welt hervorbringt, konditioniert auch die Bedingungen der Spaltung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Dort kommen das Dasein und der Zweifel her. Cogito ergo sum – Zweifel und Dasein als Eines. Die Beschreibungsgeschichte des Subjekts zwängt es in sie hinein – an was soll es sich sonst halten, wenn es seine Be -und Einschreibungen permanent in Frage gestellt sieht: durch die Beschreibungswelten aller Subjekte.

 

 

  • 1
    Dieses Sich-selbst-beobachten drängt das geistesgegenwärtige Individuum in eine Art Zirkularität zurück: „Das Gesichtsfeld erscheint uns stets geschlossen; es gibt keine unsichtbaren Stellen. Mit anderen Worten: Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen. Wir sind blind gegenüber unserer eigenen Blindheit, das ist ein Beispiel für eine Problematik der zweiten Ordnung. Das Nichtsehen wird auf sich selbst angewendet. Aber: Die doppelte Verneinung (das Nichtsehen des Nichtsehens) ergibt keine Bejahung. Daß wir sehen, daß wir nicht sehen, heißt nicht, daß wir jetzt sehen. Und das bedeutet, daß sich die Logik der Begriffe zweiter Ordnung nicht mit der orthodoxen Logik verträgt. Denn demgemäß müßten zwei Verneinungen eigentlich eine Bejahung ergeben.“ Heinz von Foerster, Berhard Pörksen, in: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners, Carl-Auer-Systeme Verlag und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg, 2019, Seite 114 und 116

93, Konkrete Kunst

Je mehr der Vorgang im Bild einem geometrisch-mathematischen (= vorhersehbaren) Form-Kalkül weicht, desto mehr grenzt das Bild an formale Verengungen durch die formalen Ressourcen selbst. Das künstlerisch sich wiederholende Gebaren, bestimmte formale Zeichen, Formen wieder und wieder auszuführen – um als Stil von X Y dem gesellschaftlich geforderten Verformungszwang zu entgehen oder ihm zu entsprechen, kann als stilistischer Ausweg gegen Lähmungserscheinungen (in der Kunst) formalisiert oder als Stagnation innerhalb des Lähmungsprozesses begriffen werden. Stil als formale Lähmung. Konkrete Kunst als Kontrolle konkreter Ängste. Ästhetische Ordnungen werden zum Abbild idealisierter Konstruktion von formaler Stabilität. Faktisch Vakuumiert.
Die Variabilität sinkt, jedoch ist der Malakt, das Anstreichen störungsfrei planbar und mit nichts, mit keinem unmittelbaren Zweifel verunreinigt. Die Auslöschung der gegenständlich-figurativen Verweise im Bild, Ausblendung ungeometrischer Ereignisse orientiert sich an dem Bedürfnis der Künstler nach maßstäblicher Richtigkeit (im den Bildraum vermessenden Sinne), um eine gewisse Unabhängigkeit vom Urteil der Betrachtenden zu erreichen und Distanz zum Angstraum der Wirklichkeit. Die Verweigerung der künstlerischen Vorstellung, selbst das Messer in den Rumpf zu bohren oder zusehen zu müssen, oder am Abzug zu drücken, deutet auf die in geometrischen Formen vollzogene Abstraktionsleistung in geometrischen Formen hin. An der Instrumentalisie­rung der Geometrie erkennt man den Zeitgeist. Abstraktion als Training fürs Töten, fürs Dekor. Die Totalität der Beschränkung auf konkret manifeste geometrische Formen zielt auf eine Absolutheit der Wahrnehmung und nicht auf die Totalität der Angsterfahrung. Die technoiden Arbeitsabläufe in der Backfabrik wie in der Tötungsabteilung der Hennenfarm stumpft die menschliche Empathie ab.
Dort, wo in mathematischen, geometrischen Phänomenen eine ästhetische Dimension entdeckt, wiedererkannt wird oder deren ästhetisch Einführung gelingt – das Verdienst der Konkreten, Abstrakten Kunst, des Minimalismus – zwängt diese mathematisch-geometrische Dimension das Ästhetische auf ein berechenbares Kalkül ein. Der Selbstzweck des Logischen – das auf sich selbst verweisende Kalkül vorhersehbarer Form, die Bezeichnung, die stets auf die Bezeichnung insistiert, weil das Bezeichnete ausgeschlossen ist, zeigt sich hier als Implosion der Form mit sich selbst. Die auf sich verweisenden und rückführbaren formalen Funktionen, die sich zu funktionellen Formen entwickeln, dienen der Feststellung einer (vom Betrachter unabhängigen) bildnerischen Totalität und nicht der Integration der Veränderung, des Werdens-Prozesses, der entropischen Zeitdynamik des Lebens. Vielleicht spricht aus den konkreten Bildern der Versuch, deren Wirkung vorherzusehen, abseits von der Tagesform des Malers festzulegen. Die Form wird formal(istisch), weil funktional. Das Malerische wird zum Anstrich des Kalküls. Es geht um Kontrolle. Sicherheit. Das fördert die zeitlich-epistemologische Beschrän­kung im Umgang mit dieser Kunst und greift in das Verfertigen von funktionalistisch erhärteten Werken ein: das, was zu sagen wäre, was mit der Zeit zu Gehalt werden könnte, ist mit mathematischen Gliederungen fertig gemacht. In diesen Werken glänzt technische Kälte. Wenn jemals eine Funktion (als ästhetisches Erkennen) im Bild durch ihre Formulierungen anspricht, und sich derart ausdrücken kann, so wird in der mathematisch-geometrischen Kunst die Funktion nicht dadurch gerettet, weil deren Formulierung, Durchführung funktional bestimmt wird. Das bedeutet, daß die Form nicht durch deren kaltes funktionales Entstehen bzw. Auswickeln gerettet werden kann. Die Bedeutung kann durch die Form sprechen, aber die Form kann nicht deshalb bedeutend sein, weil ihrer Herstellung besondere Bedeutung zukommt. So in der Form wütend, ist die Funktion schnell dekorativ lesbar. Unter den Fittichen planbarer Kalküle wird die Form steif. Die bildnerische Form geht in der funktionalen nicht auf. Wo nichts berechnet, ausgemessen, und technisch nichts gefangen werden kann, wie soll das Schöne dann zu fassen sein? Betrachtung ohne Sinnlichkeit ist bloße Rationalität, eine Ratio ohne ästhetischen Sinn.

 

14 rote Rechtecke auf blauem PVC, Lack auf PVC, 120 x 195 cm, 2004, © Hans Georg Köhler

Jede symbolische Form – eine zum Eigenwert getriebene Allgemeinheit des Materials, des Sujets usw., worin das Material in den ästhetischen Rang der Kunstform gelangt, wird zur Floskel, wenn sie in der Konzentra­tion aufs Material ihre menschliche Maßstäblichkeit, Geschichtlichkeit verliert. Insofern ist abstrakte Formalisierung Sinnentleerung, weil sie von statischen Formen ausgeht und sie mit sich selbst sinnlich fruchtbar machen will. Die erzählerischen Kontexte werden zugunsten des sinnbestimmten Materials aufgegeben. Das Material erzählt. Die Romantik entdeckte den Eigenwert des (beobachteten) Materials in Naturphänomenen. Das Licht, die Blätter… die Staffage der Natur, deren ethisch unverwerfliche Gegenständlichkeit, die in einer Übertragung auf das menschliche Dasein zur Idealisierung von Gefühls- und Geisteshaltungen dienen konnte. Die für den aufkommenden totalitären Produktionsprozeß notwendigen Abstraktionen, d. h. die zweckgerichtete Einschränkung des verwendeten Materials (der Begriff >Rohstoff< enthält bereits Abstraktionen) auf dessen mittelgerechte Verwendbarkeit führt dem Zwang richtig folgend zur Idee einer weitestmöglichen Anpassung des jeweiligen Materials (der Gegenstände) an die vorgegebenen Bedingungen ihres technischen Einsatzes. Das gilt auch für die Kunst. Die andere Seite: Produktionstechnische Idealisierung materieller Gegenständlichkeit als Ästhetisierung des technischen Effekts ist in allen Gattungen bemerkbar. Die Idealisierung des Produkts/ Kunstwerks als Resultat vielzähliger Abstraktionsschnitte macht die verhackstückten Stoffe und Menschen in dessen Produktion vergessen. Hier trifft sich die romantische Einfühlung am Kirschzweig mit der über allen Klee gelobten idealen Performance des Autolacks.

Doch die Gegenstände, Objekte können wir nur mit ihrer Beschreibbarkeit zu sich selbst entlassen, zurückgeben. Wir haben sie, weil wir da sind, der Beschreibbarkeit schuldig gesprochen. Was bar dieser, ist ein Beschreibungstotes Feld: Ein Gebiet der Angst, woraus das Fürchten in der Nacht. In der Not des Ausdrucks sind Phänomene zu Hause. Kindernahrung für Ungeheuer.

Klarheit nur, wenn man Zusammenhänge tötet, alles entleert, die Landschaft sprengt: Zur Lichtung objektiviert. Natur ist beängstigend unübersichtlich oder formal inspirierend. Ungewissheiten lassen sich nicht klar ausdrücken. Blind mit Stock tappt der Suchende im Gelände: bis er freundlich an der Hand bei Grün über die Straße geführt oder rücklinks vom Raubtier mit Breitreifen und mit methodisch geschärften Zähnen zerrissen wird.

 

 

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    4 rote Rechtecke auf blauem PVC, Lack auf PVC, 120 x 195 cm, 2004, © Hans Georg Köhler

92, Das Kunstwerk als Totalität, bildtheoretisch

Was wir vorfinden, ist unsere Welt, ist das Bild, was wir sehen.
Es ist erforderlich, das Bild in einer Ausstellung von Anfang an in seiner Totalität zu betrachten. Außerordentliche Kontexte sind in diesem Moment nicht notwendig. Jedes seiner Teile mit allen anderem nimmt teil – mit dem, was vom Betrachter über sich und darüber hinaus gewußt werden kann, dabei jede Form zu einer frei gewählten ins Verhältnis setzend. Und dieser Vorgang ist, so gut es geht, aufmerksam zu beobachten, während der Beobachter sich selbst bei dieser Arbeit beschreibt und zugleich fragt, warum, wie etwas auf diese Art und Weise von ihm beschrieben wird. Das verschafft einen Zugang zum Bild. So kann der Raum zwischen Beobachter und dem Bild zum Oszillieren gebracht werden,
Also, nicht der Wahnsinn des Einzelnen, sondern der Wahnsinn des Ganzen, die geschichtliche Maschine des jeweiligen Bildes ist zu sehen, sobald damit angefangen wird, sich auf die Totalität einzulassen. Ohnmacht bleibt nicht aus, Verzweiflung, der Chock über formal-visuelle Zustände ist zuständig für den Beginn von Aufklärung. Die Auswirkung der Formen, die der Betrachter sich selbst beschreibt und für sich zensiert ist als Wirkung auf den einzelnen Beobachter zu bergen und zu begreifen.

In künstlerischen Kontexten besteht das Problem, das Bild-Theorien (Narrative der Bildbeschreibung) mehr sich selbst erhärten als das sie der offenen Beziehung von Gegenstand und Beobachter genügen. Die Möglichkeit verdeckter – absoluter, d.h. vom Betrachter unabhängigen – Beschreibungen, um der Falle des Objektivierungs­zwanges (des Objektivierens, des Objekts) zu entkommen, gibt es nicht. Es hilft nur, die eigene Beobachtung in die Beobachtung mit hinein zu nehmen. Du kannst nur das beobachten, von dem du Teil bist: „…getreu dem Grundsatz, daß eine soziale Situation nicht durch jemanden definiert werden darf, der nicht auch in sie verstrickt ist, mithin Realität im soziologische Verstande nur das ist, als was sie durch ihn definiert wird.“1Helmuth Plessner, in: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite XVI Das Objekt der Betrachtung (das Kunstwerk) und der Betrachtende sind das Objekt der Betrachtung. Darin wird eine Realität erzeugt und bezeugt.
Jede Möglichkeit der symbolisch-begrifflichen Abstraktion von sinnlicher Erfahrung dem Kunstwerk gegenüber erleichtert die totalitäre Geste seiner Beschreibung.

 

 

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    Helmuth Plessner, in: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite XVI

91, Akkupunktur – wenn die Nadel auf die Nerven…

Wenn das Psychische und Physische sich einander ambivalent sind, im Symptom als organisch-geistigen Verkörperung sich Geltung verschafft1Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, stw 571, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main1985, Seite 551: „…daß der geistige Prozess immer eine physische Darstellung finden muß“, Bateson zitiert hier Lamarcks Philosophie Zoologique – der Körper als symptomdialektischer Raum, dann existiert kein Leiden, kein Ereignis, kein Gedanke ohne eine Spur auf die jeweils andere Soma-Seite zu legen. Die Kranken kommen also nicht aus der Dialektik heraus. Das Modell eines zeitlichen Wechsels von psychisch zu physisch, eines  psychischen Vorher mit erforderlicher physischer Folge verfehlt das Zusammensein von Psyche und Physis. Wieviel Krankheit kann ein Mensch mit seiner jeweils anderen Seite unterdrücken, bevor sie ihn doch ergreift? Welchem psychischen Konflikt entspräche der Umstand, daß sich Menschen körperlich vertilgen – um sich von ihrer anderen Seite zu befreien? Erscheinen nicht in psychotisch bestimmten Affekten die auf die Physis gehenden aus­gleichenden Bewegungen? Der Mord, die Schlägerei. Was treibt?
Wo das psychisch gewordene  Symptom ins Körperliche umschlägt, schlägt es da nicht ins anders empfundene Ich, sogar ins andere körperliche Ich zurück? Wo du dein Du hast, schlage ich ins Ich? Wo die Divergenz zu den Lebensumständen zu groß wird, ist dann die Angst der Schmierstoff der anderen Seite oder verschüttert durch Selbstverteidigung?

Man muß die Isolation der Leber… vom universellen Geschehen verhindern. Eine grausame Form der Folter besteht darin, den Menschen auf seine zusammengesetzten Teile zu reduzieren. Dass die Geier an Prometheus‘ Leber nagen, aber eröffnet den Eingang in seine Geschichte.

 

 

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    Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, stw 571, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main1985, Seite 551: „…daß der geistige Prozess immer eine physische Darstellung finden muß“, Bateson zitiert hier Lamarcks Philosophie Zoologique

90, Induktion – für McKenzie Warg

Die induktiven Schlußverfahren (vom Einzelnen zum Allgemeinen) sind die verkleisterte idealistische Fratze der herrschaftlichen Suggestion, eine kapitale Ertüchtigung zum Schicksal, eine Art moralische Hypnose der Massen durch das idealisierte Schicksal des Einzelnen – das längst in idealer Isolation festgestellt wurde. Hier grenzt das Gespinnst des idealisierten Menschen – die allgemeine Moral – an die absolutistische Setzung des Einzelnen im Gesetzbuch. Die Würde des Menschen bla bla. Aber jener Einzelne ist abstrakt gebraucht als das einzelne isolierte Schicksal, losgelöst für alles von allem und für nichts; aufgefüllt mit dem, wofür wir abstrakt als Menschlichkeit einstehen wollen. Die Herrschaft der Gesetze weicht der Konkretisierung aus, fürchtet die Welt hinter der Mattscheibe der bloßen Analogien, aus denen nichts folgt. Verhältnismä­ßigkeit wird umgangen.
Als ob das Interesse, Leben zu retten, kongruent damit wäre, an ihm zu verdienen – siehe Abbildung 1. Auf was läuft die Berichterstattung eines angekündigten Mordes einer Koma-Patientin hinaus?

Abbildung 1

 

 

89, Sprache und Territorium

Die Differenz zum unmittelbaren Wahrnehmungs-Ereignis-Objekt zu seinem ausgestoßenen, abgedrückten Erinnerungswert, produziert Täuschungen, sprachliche Fehlstellen, die sich in der Sprache als körperliche Bemächtigung, als Ungenügen ohne entsprechenden Begriff zeigen. In der Redensart: Ich hab es gleich, mir liegt es auf der Zunge, hat die körperliche Bemächtigung stattgefunden, doch der Vollzug, die Transformation zum sprachlichen Territorium ist nicht erfolgt.

Das Vorstellen von irgendwas oder das Wahrnehmen irgendein Phänomens läuft in ein Bemühen um Sprache aus, um das Wahrgenommene in einen eigenen Erfahrungsbereich zu integrieren. Parallel drängeln besetzende wie umworbene Sprach-Bilder darauf, die eigenen Wahrnehmungen zu branden, also mit instrumentalisierten Produkt-Botschaften zu überschreiben, zu besetzen. Sie überschwemmen das Subjekt mit vorgestanzten Beschreibungen wie sie zugleich überbordende sprachliche Fixierungen anbieten. Die Spaltung der Worte, die symbolische Fragmentierung der Begriffe zugunsten einer angebotenen Sprachware, zeigt die möglichen sprachlichen Barrikaden bis zum konkreten Gegenstand. Der nach Worten Suchende ist zersetzt von der eintönigen Redundanz ver-sprochener Welt. Die Zersplitterung der sprachlichen Erfahrungs-Welt in den medilaen Kanälen der Sprache (Radio, TV, Zeitung, Twitter, SMS-Dienste etc.) zielt auf die sprachlich zu verortende Deformierung des nach Sprache suchenden. „Wissen wir den nicht, daß in den Randbezirken, wo das Sprechen abdankt, die Domäne der Gewalt beginnt, und daß sie dort schon herrscht, selbst ohne daß man sie provoziert?“1Jacques Lacan, in: Schriften III, Quadriga Verlag, 3. Korrigierte Auflage, 1994, Seite 185 Werden aber von vornherein die abgedankten, weil kontextualisierten – also determinierten – Sprachakte, die wissentlich herbeigeführten Sprachrudimente medial serviert, sind ohne Umschweife die animalischen Randbezirke unmittelbar angesprochen. Ganz nah an unserem Tier, besonders bei schnellen Bewegtbild-Nachrichten: „Mit der stetig verkürzten Verweildauer einer Bild-Einstellung auf den Schirmen verkürzt sich die Zeit der Betrachtung, der Wahrnehmung: und damit die Zeit symbolischer Verarbeitung. Die beschleunigt vorbeiziehenden Bild-Zeichen lassen sich nur unvollständig in den Kulturellen Prozeß der >unbegrenzten Demiose<:  im Verweis von Interpretant auf Interpretant hineinziehen. So bleiben Wahrnehmung und Verweis zumeist sehtehen bei rasch abrufbaren emotionalen, valuativen oder appellativen Bild-Inhalten: Erschreicken, Angst, Trauer, Ekel, Wut, Freude, Befriedigung, Inhalte, die dann >magisch< zugeordnet werden können entlang der Nachrichten->Achse< gut vs. Böse, Heil vs. Unheil, Ordnung vs. Chaos, Freund vs. Feind etc.“2Götz Großklaus, in: Medien-Bilder, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2004, edition suhrkamp 2319, Seite 133 Dort, wo gegen den Gebrauch menschlicher Sprache verstoßen wird, weil er in animalischer Sprache nicht eingeholt werden kann, entblößt sich der gewalt­tätige Gebrauch von Sprache.

I don’t like BILD
Der Bild-Zeitungs-Jargon erzeugt Gewalt. Er setzt an die Stelle des vernunftbegabten Durchdringens von Ereignissen nur das unmittelbare gewalttätige Eindringen in das Schreckzentrum der Leser. Zum Beispiel: Mann sprang von Brücke – tot! Der Leser kämpft gegen die schnelllebige Auflage von 1.000.000 Lesern. Die negative Sprachmacht setzt dort an, wo Sprache keinen Raum mehr zugebilligt wird, weil sie genügend behindert, zerstört worden ist. Das Medusenhaupt im Spiegel der Buchstaben heißt „Reality TV“. Eine ambivalente Begriffsbildung in der Sprache – als Sprache der symbolischen Bildung – wird nicht honoriert. Gewaltpotentiale, Krisen, Konflikte sind besser als fauler, empörter Simplifikant reproduzierbar, denn die seriöse Recherche von Ereignissen geht über den bezahlbaren Werbe-Platz der Beschreibung hinaus. Die Zeitung soll von den Junkies einfacher Wahrheiten wieder gekauft werden… „Die modernen technischen Bilder, besonders die Welt-Bilder der TV-Nachrichten, entwerfen ein immenses Zwischenreich der Zeichen und Symbole und geben ihm den Anschein des >Natürlichen< und >Wirklichen<. Sie setzen sich als >Medienrealität< und wollen uns die Inszenierung über Zeichen vergessen machen.“ Und: „Die Bild- und Abbild-Sequenzen […] konfrontieren uns wieder mit der bedrohlichen Erscheinung der Welt im Zustand der Zusammenhangslosigkeit und der Unordnung, alles im abstandslosen Nahbild der live-Übertragung.“3Götz Großklaus, in: Medien-Bilder, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2004, edition suhrkamp 2319, Seite 131 und Seite 130

 

 

  • 1
    Jacques Lacan, in: Schriften III, Quadriga Verlag, 3. Korrigierte Auflage, 1994, Seite 185
  • 2
    Götz Großklaus, in: Medien-Bilder, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2004, edition suhrkamp 2319, Seite 133
  • 3
    Götz Großklaus, in: Medien-Bilder, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2004, edition suhrkamp 2319, Seite 131 und Seite 130

88, soli ego gloria

Die zum Terror gesteigerte Freundschaft oder die zur Freundschaft gesteigerte Ohnmacht. Dein Reich komme, dein Wille geschehe? Nein, mir allein gebührt der Ruhm, die Ehre: Soli ego gloria. Sich auf stellvertretendes Blut zu verlassen, auf die Rettung gar, erfordert, sich selbst (dafür) zu verlassen, aus sich heraus zu kriechen. Diese Abgetrenntheit verspricht Liebe – die Gewähr fürs Abschlagen und Zusammennähen. In diesem Leben etwas zu tun, bleibt das Töten. Maximum risk. Leben in Kauf nehmen, das eigene zu retten. Die Realität annehmen, Leben aufgeben? An welches Ufer? „Das Zeitalter der Verwandten ist vorbei.“1Cooper, in: Der Tod der Familie, Seite 147

 

 

  • 1
    Cooper, in: Der Tod der Familie, Seite 147

87, Erinnerung montieren

Das sprachlich redundante Manifestwerden von Erfahrungsstoff – um mit dem idealisiert vorgestellten, aber ehemaligen Leben zumindest Neues zu illuminieren. Das daraus geliehen Lebendige bleibt ein feingeschliffenes Gegenlicht aus Vergangenem. Erinnern bedeutet: neu montieren, so dass das Gewesene am Hier– und Jetztsein teilnehmen kann. Es wird passend zum Status Quo aktueller Ansichten. Der Erzähler rekonstruiert sich mit Erinnerungs-Erzählstoff ins Heute hinein.

 

 

86, Pfer und Äter

Menschlich: Das Ich will nicht seiner Biologie anheim fallen: Das Begehren soll aufhören. Es gibt sich sich nicht hin. Ein menschliches Ende ist das selbstgewählte. Zerhackt von zu vielen unberührten Hautstellen, bedürftig, schwach geworden: dann soll der Mensch aufhören. Statt andere/ sich selbst töten. Wenn der Mann nicht menschlich gegen sich sein kann, bestraft er andere, statt seine Hand gegen sich zu schlagen. Ganz gewöhnlich und zu oft: Die Übertragung des eigenen Konflikts auf ein zufälliges Opfer, auf eine Hautfarbe, auf einen Gedanken, um dem eigentlichen Konflikt zu beruhigen, stillzulegen: In dieser Welt nicht auszureichen. Über den Rand hin. Wer sich nicht selbst bestrafen/ töten kann, sucht seine Stellvertreter: die Opfer müssen die Übertragung, Stellvertretung annehmen. Da ist man schon in zu vielen Zwängen gefangen, da kann man nicht mit sich selber anfangen. Da ist das Selbststerben in den Tod der Anderen entleert, ins andere Fleisch.