85, Disziplin

Disziplin heißt In-der-Welt-Bleiben: In der Arbeitswelt. Im zurückwerfenden Blick auf die Produkte ist zu sehen, wie beim Produkteinverleib gestorben und getötet wurde. Disziplin heißt: gehorche und vertrau dem Zwang! Immer wieder nach oben schauen ist: getötet werden! „Gesellschaftliche Existenz hängt von der unausgesetzten Unterwerfung des biologischen Widerstandes beim Einzelnen ab.“1Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite 194 Vom kapitalen Orakel gezeichnet.

 

 

 

  • 1
    Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, Seite 194

84, quer ego

Der Geschmack am toten Fleisch
geht zum eigenen hin.
Wie lange kann man
mit seinem Fleisch den Hunger überdauern?

Eine erfolgreiche Behandlung erfordert
die Unterwerfung unter ein Behandlungsmandat.
Die Krankenhausbesitzer brauchen die Kranken.
Niemand mehr der hilft, wenn kein Blaulicht fährt.
Masochismus angewendet aufs extrahierte Subjekt:
das Ich als Krankheit, reduziert aufs Rezept. Individuell.

Aber überall: Gebannte Areale, gebahnte entsorgte Träume
wie
schmächtige Erfahrungen
müssen zurück durch die Drahtzäune der formalen, diagnostischen Sprachnetze kriechen.

Den Wahnsinn niemandem versagen.
Ins Leben verbissen leben.
Sehr weit innen die Zähne.
Den Lebendigen das Fleisch.

Dichter Athlet, Disziplin Poesie.
Der Sprachlichkeit geschuldet.
Fortwärts in die Medien der Unverständlichkeit, der Kunst tauchen.
Verbleichen zwischen den Zeilen,
verbleiben in der Sprache urig Laut.
Erschreckend:
Es gibt nichts mehr zu tun
und wir haben jetzt Zeit
für verrückte Sachen:
Bomben ehelichen.

 

 

83, Nervenarbeit

Bei genügend starker Parallelisierung durch Wiederholung von Wahrneh­mungs-Sinnesreizen im Gehirn – als monotoner Frequenzgang der Ereignisse vorstellbar, wenn die sogenannten Nervenbahnen oft genug befahren werden – ist es im unaufhörlichen Lärm des Reiz-Flimmerns möglich, einige wenige ankommende Reize filtriert zu empfangen,  analogisch auf das Bekannte zu reduzieren. Die Empfänglichkeit für X oder Y wird gesteigert – der Weg für X und Y wird zugänglicher. Die anderen Areale treten zurück, sind leise oder werden zugunsten der neuen Wegbefestigung unterdrückt. Hierin zeigt sich die Wirkung von Drogen. Die Kanäle werden breit geschoben, geweitet, damit viele Reizsignale ankommen können – ohne (übliche) Differenzierung  ankommender Signale. Drogen verstärken nicht den Welt-Reiz, das Wahrnehmungs-Flimmern, sondern sie ermöglichen das vollständigere Durchkommen (von etwas, das sonst nicht reichte) – voll drauf sein – wenigstens aber ermöglichen sie das Ankommen der befassten, bevorzugten Welt. Die Verästlung der Verbindungen ist nicht schmerzfrei. Die Einheit von Funktion (Fähigkeit) und Funktionsbildung (Training) erfordert physiologisch eine funktionelle Einschränkung des Organs. Das Organ, die Nerven beschränken sich zugunsten der Häufigkeit eines Signals statt der Qualität – man könnte Filterung von Signalen als Wegbefestigung beschreiben. Es erwachsen Fähigkeiten in der Beschränkung von anderen Fähigkeiten (zu vielen Möglichkeiten). Im erinnerbaren Abrufen von trainierter Fähigkeit1Gregory Bateson nennt diesen Vorgang Primärprozess, vgl. Bateson in: Ökologie des Geistes, Seite 195 f ist auch die Art und Weise der ehemals erarbeiteten Einschränkung geschultert, huckepack genommen. – Das meint die Reduzierung der Sinnesschwellen (Stichwort: Sensibilisierung) ebenso wie die organische Zerstörung vorhandener Funktions-Einheiten zugunsten bestimmter (zu entwickeln­der) Vermögen. Die physische Zerstörung, Beschränkung potentieller Funktionen ermöglicht gezielte Funktions­bildung. Die Bedingung der Möglichkeit setzt hier die Reduzierung von Möglichkeiten voraus. Der nervale Ort des Trainings verkleinert, verjüngt – sensibiliert – sich mit jeder Übung weiter. Ein Chagrinleder des Geistes. Die mangelnde Fähigkeit ganzheitliche Prozesse (also alle Details im Auge zu behalten, sie ins Auge zu bekommen) zu erzeugen oder zu erkennen, hängt mutmaßlich mit dieser funktionellen Sinnbildung bzw. diesem Konzentrations- d. h. Spezialisierungsprozess – und das heißt hier: dem organischen Funktions­optimum – zusammen.2vgl. Eccles, in: Das Gehirn des Menschen, Piper, Seite 140 f
Konzentration als geglückte Lähmung ungeahnter Möglichkeiten. Die industrielle Verknappung menschlicher Kreationsvermögen (zum not-wendigen personifizierten Arbeitsverhältnis) wiederholt den Einschränkungsprozess des Lernens auf der gesellschaftlichen Ebene des individuellen Alltags: Im Arbeitsprozess. „Arbeitsfähigkeiten werden durch die technologische Entwicklung abgestuft, entqualifiziert. Dies stellt eine Enteignung dar und ist zugleich ein Stück Entwirklichung.“3Oskar Negt, Alexander Kluge, in: Geschichte und Eigensinn, Band I, Edition Suhrkamp Seite 39
Die Konstruktion von Konzentration (die zweckgerichtete Spezialisierung als Herauslösung von Objekten) steht vor deren funktionaler Anwendung, vor dem konzentrierten Zusammenschneiden der Konstrukti­onsteile, dem Zusammenbringen von Welt-teilen. “So reift der sich bildende Geist langsam und stille der neuen Gestalt entgegen, löst ein Teilchen des Baues seiner vorhergehenden Welt nach dem anderen auf, ihr Wanken wird nur durch einzelne Symptome angedeutet.“4G. W. F. Hegel, in: Phänomenologie des Geistes, Suhrkamp Wissenschaft, Seite 18 Das ungefilterte sinnliche Eindringen des Menschen in die Totalität des Hier und Jetzt würde ihn umbringen, wenn er erkennt, dass sie nicht existiert. Die Hegelsche Aufhebung der Totalität als Konkretes ist deren Rettung: Die Transformation der Totalität in etwas Konkretes ist unsere Rettung: Es ist, als ob sich dieser Prozess physiologisch im Gehirn wiederholend einbrennt bis er sich zur wissenschaftlichen Macht der analogischen Vernetzung abbildet. Wir lernen, das alles und jedes auf ein Anderes nieder gebrochen werden kann. Die Steigerung der Konstruktionsleistung im Gehirn, der zunehmende (wissenschaftlich geförderte wie gewohnte) Konstruktionszwang von Welt – zur Neu-Ortung des eigenen Daseins, und dessen wechselhaftes Schicksal  (z.B. Berufswechsel), verschärft das ständige Neuanlegen und damit Demolieren von Nervengebilden und Gedankengestalten. Die Geschwin­digkeit des Wechsels von Bildung und Vergessen nimmt zu (erst Kopfschmerz dann Burnout als Zerstörungsschmerz?). Das Gehirn bildet in seiner permanenten (evolutionären) Zerfurchung und im aus- bzw. haushalten der Zerfurchungen seine Verwendung, Aufgabe. Dessen organische Destruktion ist ebenso sehr dessen kognitiver Aufbau. Sind daher besonders die Verstandesbegabten von psychischer Destruktion bedroht? Das einzelne Sterben, Verkümmern der Nervenzellen zeugt von der abschließenden Konstruktion des Organs.

Die Nervenenden werden von bestimmten Reizen in dafür bestimmte Areale des sich Vernetzens getrieben (Hören, Sehen, Sprechen). Dieses Wachsen erwirkt eine Sensibilisierung, eine höhere Empfangsbereitschaft – als Vorbereitung der Wege, die die organische Wüste flutet. Die fata morgane Wirklichkeit, Umwelt, Operationsbasis – wie man will – verschwindet im wirklichen Wasser. Wir ertrinken nicht darin, und trinken nicht davon, doch sehen wir das Meer. Dieses Wachsen mit der Gefahr von Endgültigkeit, weil das Weiter der Konstruktion abgebrochen werden kann, weil der Nachschub an Reizen fehlt, wenn die Empfänglichkeit unberührt bleibt. „Nur die [internervalen] Verbindungen werden stabilisiert, die im weiteren Entwicklungsgang des Hirnes auch aktiviert werden.“5Olaf Breidbach, Konturen einer Neurosemantik, in: interne Repräsentationen, Neue Konzepte der Hirnforschung, stw 1277, Seite 10 Idealisiert dargestellt: Reicht ein bestimmtes Reizpensum, d. h. dessen Nervenverschlingende Entsprechung als Wachstum der Nerven­sprossen aus, beginnt die Nerven- und Sinnesbahn, das Reizempfindungs- und Empfangssignal zu funktionieren; das weitere Konstruieren/ Wachsen versiegt, nun reduziert auf seine von ihm geschaffen Gleise. Das Anfangen des Verstehens schließt sein (physiologisches) Eingefangensein ein. Nur im Rahmen des Verstehens kann ich verstehen. In diesem Sinn beendet das Verstehen die Neugier, wenn das Erschrecken am Unbekannten zu groß für die Empfangsbereitschaft ist. Das ungestörte Wissen beendet die Suche, aufgrund vorzeitigen Funktionierens. „So besitzt beim Menschen das Hirn des Embryos – etwa mit drei Monaten – die absolut größte Anzahl von Nervenzellen, nach dieser Aufbauphase werden die Nervenzellen aktivitätsabhängig abgebaut.“6Olaf Breidbach, Konturen einer Neurosemantik, in: interne Repräsentationen, Neue Konzepte der Hirnforschung, stw 1277, Seite 11  Das, was ehemals unmittelbar Reiz war, geht über in Reflex, in funktionale Wahrnehmung, mutiert zur Konsolidierung der Gedächtnisspur, in Schon-Gewußtes. Als würde eine Abstimmung, ein Abgleich auf den Punkt des Endes vom Weg erfolgen; dort wo die Nervenbahn nicht weiter kam. Ein erfahrener (reflektorischer) Vorschuss des Bewusstseins auf seine Wirklichkeit. Jedes neue, brachiale Reiz-Fluten zerstört die schon angelegten Engramme (Bahnen), überwuchert deren Vergangenheit, jede neue Markierung fixiert die an ihr verwendete, aufgebrauchte Lern-Zeit-Energie als Widerstand. Die überflutenden Möglichkeiten belagern die bisherigen Erfahrungsbedingungen – die Überfrachtung machen sie nutzlos. In der physiologisch funktionellen Empfangsbereitschaft des Gehirns ist ein doppeltes Moment zu sehen: Das die erworbene Empfänglichkeit für bestimmte Informationen (Reize) diesen einen leichteren Zugang ermöglicht, was zugleich den Abbau einer schon erworbenen Empfänglichkeit provoziert. In dieser konstruierenden Zerstörungsarbeit liegt die Zukunft des noch Wahrnehmbaren, das Aufnahmevermögen, die Sensibilität. Unsere Ahnungen sind Läsionen: Bei größer werdender Reizaufnahme werden die vorhergehenden Engramme, Bahnen, Gleise vergraben, verdichtet, genannt: Vergessen.7“Ruhende Festlegungen kennen die Gehirne nicht. Die synaptischen Bahnungen verlöschen bei Nichtgebrauch. Wenn also im Gedächtnis des Gehirns etwas aufbewahrt werden soll, muß es im unbewußten Rohmaterial beweglich bleiben, d. h. es arbeitet dort, es darf nie vergessen werden.“ Oskar Negt, Alexander Kluge, in: Geschichte und Eigensinn, Band I, Edition Suhrkamp, Seite 54 Die ständig dazu kommenden Stockwerke des Sinnesverkehrs bilden ein Hochhaus ab, wo im obersten Ausguck nicht mehr erinnert werden kann, wie rein zu kommen war, wie und wo man den Eingang fand, >>wo bin ich hier<< dann erst oben fragend. Die unteren Stockwerke verschütteten den Blick nach oben und sind dunkel für den Blick von oben nach unten. Sind die Läsionen zu schwerwiegend, betreffen sie das zukünftige Agieren. Die Nervenbahnen können sich nicht mehr über sich hinweg arbeiten, sind sich im Weg. Wenig Erinnerung und Neues schont die Nerven (physisch, schont die Nerven-Rinde vor dem Nachempfinden des sie überwach­senden Reizes möglicher neuer Wahrnehmungen, schont vor ihrer immerwährenden Erstürmung. Bevor das Alte vergeht, hört es noch das neue Gras wachsen. Der erinnerbare Traum ist ein Nothalt. Er zeigt das Nachflimmern, Schweifen der Nerven, das von ihnen Unerledigte des Tages. Traum als Rückgriff schultert gestörte Erfahrungszusammenhänge bzw. Kompensationsvorgänge. Kanalarbeit.

 

 

  • 1
    Gregory Bateson nennt diesen Vorgang Primärprozess, vgl. Bateson in: Ökologie des Geistes, Seite 195 f
  • 2
    vgl. Eccles, in: Das Gehirn des Menschen, Piper, Seite 140 f
  • 3
    Oskar Negt, Alexander Kluge, in: Geschichte und Eigensinn, Band I, Edition Suhrkamp Seite 39
  • 4
    G. W. F. Hegel, in: Phänomenologie des Geistes, Suhrkamp Wissenschaft, Seite 18
  • 5
    Olaf Breidbach, Konturen einer Neurosemantik, in: interne Repräsentationen, Neue Konzepte der Hirnforschung, stw 1277, Seite 10
  • 6
    Olaf Breidbach, Konturen einer Neurosemantik, in: interne Repräsentationen, Neue Konzepte der Hirnforschung, stw 1277, Seite 11
  • 7
    “Ruhende Festlegungen kennen die Gehirne nicht. Die synaptischen Bahnungen verlöschen bei Nichtgebrauch. Wenn also im Gedächtnis des Gehirns etwas aufbewahrt werden soll, muß es im unbewußten Rohmaterial beweglich bleiben, d. h. es arbeitet dort, es darf nie vergessen werden.“ Oskar Negt, Alexander Kluge, in: Geschichte und Eigensinn, Band I, Edition Suhrkamp, Seite 54

82, Gedichte in der Gummizelle (Produktion und Produkt)

Erst der Verinnerlichungsdruck im Arbeitsprozeß – dass der seine Arbeitskraft Verkaufende und auf Verkauf hoffende Tätige sich als dessen Funktionale ausbildet und sich als Funktionale versteht, dann in den verlängerten Arbeitsverhältnissen (das sind z.B. auch die Sinnesverhält­nisse zur Umwelt, in der Freizeit), wenn der vorher tätige Mensch mit den von ihm gefertigten Produkten klar kommen muß – bildet pathogene Muster aus.  Jeder noch so kleine soziale Verkehr ist potentiell ein funktionales Verhältnis zum Arbeitsmarkt, ein an Personen vollzogener Markt.1vgl. Marx, MEW, Band 42, Seite 147 ff
Zwischen Arbeits- und Familienverhältnissen breiten sich die Containerschiffe in die Hirne: Als bezahlte Entfremdung in funktionalisierten Prozessen (auf dem Arbeitsmarkt, in der Produktion) und deren Stabilisierung in der bürgerlich definierten Persönlichkeit. Aus Notwehr, einen Gegenreiz zum allgegenwärtigen Missbrauch persönlicher Sinnesverhältnisse, gegen den Verkauf der eignen Nervenzellen zu schaffen, entsteht eine Rückeroberung des Körpers. Drogen Suff Gewalt, Gedichte in der Gummizelle.

 

 

  • 1
    vgl. Marx, MEW, Band 42, Seite 147 ff

81, Spezialisierung – kognitive Arbeitsteilung als Objekt-teilung

Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas – besonders in Arbeitsprozessen sichtbar – als Einschrän­kung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herausschneidenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand angewendete Beobachtungskalkül mit anderen Gegenständen vergleichbar zu machen – sie also unter ein bestimmtes Kalkül „gleich“ zu machen, um Vergleichbarkeit herzustellen. Damit diese Objektteilung gelingt, werden die Objekte, Gegenstände in unserer Erfahrungswelt isoliert, als Entitäten sprachlich sozialisiert: „Wir teilen […] unsere visuellen, auditorischen und taktilen Erfahrungsfelder in voneinander geschiedene Teile auf, die sodann in unserer kognitiven Organisation zu Einzelelementen oder „Dingen“ werden. Das heißt, wir differenzieren bzw. „schneiden“ mit Erfolg Dinge aus einer Umgebung heraus und nehmen jedes davon als eine Entität bzw. ein Ganzes wahr.“1Ernst von Glasersfeld, in: Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Hrsg. Siegfried J. Schmidt und Peter Finke, Verlag Friedrich Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1987, Seite 246 Wir lernen in diesem Wahrnehmungsprozess, verschiedene sensorischen Merkmale bestimmten – wiederkehrenden – Objekteigenschaften zuzuordnen und bauen damit unsere (Objekt-) Welt auf. Aus nur sendorischen Wahrnehmungen können wir weder Tisch, Wein und Blick „erkennen“. Wir bauen aus verschiedenen Quellen das „Ding“ zusammen.2ebenda, Seite 247 Wir wissen zum Beispiel, dass der Tisch nicht mit dem Boden verwachsen ist, auch wenn es visuell so scheint, weil wir das Objekt „Tisch“ (und alle Quellen, die dazu gehören) irgendwann einmal ver-rückt haben.

Die – sprachliche – Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit eines Objekts zugunsten einschränkbarer – wie wiederholbarer – Details und ermöglicht unabhängig von sensorischen Sinneseindrücken assoziative sprachliche Begriffsbildung.3vgl. Ernst von Glaserfeld, ebenda, Seite 246  Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer kognitiven Vergegenständlichung kann man sich als ein Fischen nach markanten – schon einordbaren – Merkmalen mit bestimmten formalen Merkmalen vorstellen,4Stichwort „Quellen“, siehe oben im Text, das im Modus von Versuch und Irrtum operiert, um Form – Funktion – Material – Zweck – und X zu einem Begriff zusammenzubauen: Damit ein Becher ein Becher für uns ist, müssen wir vorher: Greifen, Sehen, Zylinder kennen, Farbe vernachlässigen, Trinken gelernt haben usw.
Siehe auch Frame 259.

Wenn es zu weit geht
Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit seiner kalkulierbaren Teile eingefroren, Teile immer kleiner. Unterscheidungen werden als vernachlässigbar organisiert, um Muster oder kontrollierbare Strukturen herstellen zu können. Die Spezialisierung im Deduktionszwang des zweckgerichteten Denkens in arbeitsteiligen Organisationen5vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung/ Wiedererkennen ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Arbeits-Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion.6z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89

Was uns ermöglicht, aus sensorischen Beeindruckungen eine begriffliche Welt zu transformieren und in ihr sprachlich, also sozial zu agieren, führt in eindimensionalen, spezialisiert-arbeitsteiligen Prozessen zur Schlüssellochperspektive: Das Sicht- wie Handlungsfeld ist eingeengt.
Idiotisch.

 

 

  • 1
    Ernst von Glasersfeld, in: Wissen, Sprache und Wirklichkeit. Hrsg. Siegfried J. Schmidt und Peter Finke, Verlag Friedrich Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1987, Seite 246
  • 2
    ebenda, Seite 247
  • 3
    vgl. Ernst von Glaserfeld, ebenda, Seite 246
  • 4
    Stichwort „Quellen“, siehe oben im Text
  • 5
    vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff
  • 6
    z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89

80, Therapie – produktionsimmanent verschwörerisch

Die Endlichkeit der Therapieversuche, die das zu behandelnde Subjekt als unproduktiv gewordenes Subjekt betrachten, zeigt sich dort, wo sie an den gesellschaftlichen Gegebenheiten scheitert und die behandelten Subjekte als nicht reintegrierbar in medikamentöse Dosen oder Anstalten überweist. Die für den Arbeitsprozess ausgefallenen Subjekte sollen für das, was sie vormals krank machte, wieder fit gemacht werden. Sie werden aus dem Produktionsprozess externalisiert, werden dessen Anhängsel, um sie abermals hineinzustecken – als funktionstüchtige produktive Probanten. Der Entlassung aus dem Produktionsprozess folgt die Einweisung oder Verhaftung. Das im ökonomischen System etablierte und herausgeforderte institutionell verwaltete Gesundsein schiebt das behandelte Subjekt in einen temporären nicht der Vernutzung ausgesetzten Zustand, in einen latent-reproduktiv zu leistenden Wiedereingliederungs­zustand. Hier kann man einen strukturellen Zusammenhang von Gesundheitsmarketing und den Ergebnissen des Drogenkonsums erkennen.1zur Untermalung eine Probe aus >>Gehirn & Zeit<<, Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung, Jahreszahl?, Nr.:6, Seite 26 f: „Medikamente für Gesunde? Offiziell werden die Forschungsbemühungen zwar gern als Suche nach einem Medikament gegen Alzheimer deklariert, doch das halten viele Insider lediglich für einen Vorwand: >>die Behandlung von Demenzerkrankungen liefert nur die medizinische Rechtfertigung<<, (…) >>Die Pharmafirmen geben es nicht zu, aber sie haben es auf ganz normale Menschen abgesehen – auf den 44-jährigen Geschäftsmann, der versucht, sich einfach besser an die Namen seiner Kunden zu erinnern. Dort wartet der Profit.<<“ „Sollte sich diese Art des Hirndopings noch weiter ausbreiten, befürchten Farah und ihre Kollegen weit reichende Konsequenzen: >>Dann kommt es zwangsläufig zu Situationen, in denen Menschen dazu gezwungen sind, ihre geistigen Fähigkeiten auch wirklich zu verbessern.<< Denn schließlich würde jeder Berufstätige bemerken, dass er mit Gedächtnispillen und Wachmachern schneller und effektiver arbeitet als ohne – und endlich wieder mit dem psychopharmakologisch längst >>getunten<< Kollegen am Nebentisch mithalten kann. Was ist, wenn der Verbleib im Job oder in der Schule davon abhängt, ob jemand bei der neurokognitiven Leistungssteigerung mitmacht?“ [Statt mit Faustkeil, Schwert oder Napalm schlachten wir uns pharmakologisch ab. Es geht auch nur darum, im Arbeitsleben zu bestehn; jeglicher Horizont der Vorstellung unterstellt ein Angestellten- oder Arbeitsverhältnis. Die Menschen verschwinden, bevor sie aussterben.] Was im Gesundheitsmarketing als reproduktive Lebensqualität angepriesen, ist im per Drogen erhaltenen Arbeitspensum schon Zustand: die Landschaften des Rauschs. Der Wohlfühlkick, „die Steigerung der Lebensqualität“, „des aktiven [!?] Lebensgefühls“. Wie auf allen Märkten, so auch auf dem Gesundheitsmarkt – was für ein Wahnsinn schon in diesem Wort – soll die gesteigerte Anzahl der Produkte das Bedürfnis nach diesen Gesundheitsprodukten (welch sprachliche Ironie) erzeugen, dann befriedigen: es geht darum, einen Markt zu schaffen.2„Zur Überschätzung der Medikamente trage zudem bei, dass die Firmen durch offen und versteckte Marketingkampagnen versuchen, natürliche Alterungsprozesse und Befindlichkeitsstörungen in angeblich Behandlungsbedürftige Krankheiten umzudefinieren, die einen Massenmarkt versprechen: Medikamente werden Teil des modernen Lebens. (…) Doch gerade da, wo es für ein Medikament keine klaren medizinischen Argumente gibt, geben die Hersteller immer mehr Geld für Werbung aus. >>Etwa ein Drittel ihres Umsatzes investieren die Firmen in Marketing und Vertrieb, für Forschung geben sie nur halb so viel aus<<“… besondere Sorge bereitet, „dass viele Maßnahmen verdeckt ablaufen und ihre Quelle verborgen bleibt.“ SZ, 19.05.2005, >>Pillendreher und Strippenzieher<< Ein Bericht des britischen Parlaments deckt auf, wie massiv der Einfluss der Pharmaindustrie in Europa ist (von Klaus Koch) Das sich in Arbeit verausgabende Subjekt ist einer Reduzierung seiner Gesundheit ausgesetzt und das beiderseitige Interesse besteht, den Mangel solange wie möglich mit Präparaten hinauszuschieben. Statt mit Faustkeil, Schwert oder Napalm schlachten wir uns pharmakologisch ab. Es geht vorrangig darum, im Arbeitsleben zu bestehen; der Horizont der Vorstellung endet im Angestelltenverhältnis. Die Menschen verschwinden, bevor sie aussterben.
Die suggerierte Möglichkeit der Steigerung der Gesundheit – den Arbeitstag zu überleben, fördert zugleich den gesundheitlichen Mangel in der bisherigen Praxis des Konsumenten zu Tage. Die Verschreibung medikamentöser Mittel gegen Depressionen hat sich in Deutschland, als auch in Groß-Britannien verdoppelt.3SZ, 19.05.2005, >>Pillendreher und Strippenzieher<< Ein Bericht des britischen Parlaments deckt auf, wie massiv der Einfluss der Pharmaindustrie in Europa ist (von Klaus Koch) Das, was du jetzt mit dem Produkt XY in der Arbeit performst, fehlte dir vorher. Ohne ist es nicht zu schaffen. Im Steigerungszwang von Gesundheit – den Arbeitsplatz zu überleben mit dem erneuten Kauf von solcherart Gesundheits-Produkten – kulminiert das Gesund-werden-Müssen in den Status des Nicht-mehr-gesund-Seins. Die Definitionsmacht der Gesundheitsindustrie und deren Produkte erzeugen ein Gesundheitsimperativ, dessen individuell zu ergreifende medikamentöse Eingriffstechnik dem Leib der jeweiligen Unternehmen entspringt. Nichts weniger als eine Abarbeitung der Psyche für die Vollendung des wirtschaftlichen Körpers wird verlangt.49 von 10 klinischen Studien werden von Pharmafirmen finanziert, SZ, 19.05.2005, >>Interessierte Helfer<< Besonders zeichnet das Angst-Haben aus, dass Vorstellungen über den Angst-freien Zustand nicht oder kaum mehr entwickelt werden. Der von Angst Befallene kommt über die im Arbeitsprozess erzwungene gesundheitliche Unendlichkeit seiner temporären Tätigkeit nicht hinaus.5„Der Patient erweist sich als unfähig, seine Angst begrenzende, relativierende oder negierende Gegenvorstellungen und Gefühle zu entwickeln. So kann er in der besonders häufigen Angst, nie wieder gesund zu werden, keine Vorstellung mehr davon entwickeln, dass sein gegenwärtiger Zustand je wieder aufhören könnte. Verluste erscheinen unausgleichbar, unwiederbringlich – endgültig und unermesslich, eine Schuld unaufhebbar und unbegrenzbar.“ Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 110
Es geht offenkundig darum, „die natürliche Ausstattung [!] des Menschen zu verbessern.“ Der innerbetriebliche Konkurrenzkampf wird – außer den noch zu erwähnenden chirurgischen Eingriffen, Abschneidungen, Torturen – medikamentös ausgetragen. „So wie sich durch die Schönheitschirurgie unsere Vorstellung von ‚normalem’ Aussehen wandelt [es wandelt sich – die Macht versteckt sich im Passiv], könnte Neuro-Enhancement Normen verändern“ […]. Die Unterstützung für Firmen, Projekte, die auf diesem Gebiet forschen, unterstützt durch Pharmakonzerne „weißt darauf hin, dass der profitable Markt der gesunden Unzufriedenen erschlossen werden soll.“ Laut dem Artikel zufolge, scheint die Möglichkeit nicht utopisch, „mit Elektroden im Gehirn das Denken zu beeinflussen“ […] „auch können sie Patienten von Zwangsvorstellungen befreien, etwa der krankhaften Angst vor Bakterien. Erwogen wird der Einsatz gegen Drogen- oder Fresssucht.“ (Nature, Bd. 436, S. 18, 2005) Sie können die Arbeitenden davon befreien, Angst vor Überarbeitung, vor Arbeit- oder Nichtarbeit zu haben, sie können gegen widerständiges Denken eingesetzt werden. Vielleicht erstmal nur pharmakologisch statt mit Elektroden. In der bürgerlichen Zeitung liegt man so sehr auf der Wahrheit, dass sie nicht gesehen wird: „Unter Arbeitskollegen, die durch solche Mittel pausenlos gut gelaunt sind, oder in einer Klasse, in der Schüler mit Pharma-Unterstützung lernen, wären diejenigen, die heute als durchschnittlich gelten, vielleicht bald Miesepeter oder versetzungsgefährdet. So frei ist die Entscheidung für oder gegen das Hirn-Viagra damit nicht. Auch wird es Pillen für das schöne neue Denken wohl kaum auf Krankenschein geben – nicht jeder wird sich einen klügeren Kopf leisten können.“6SZ, Nr. 226 (23.09.2005), Seite 11, >>Doping fürs Gehirn<<, Medikamente zur Therapie neurologischer Leiden verbessern auch die Denk- und Gedächtnisleistung Gesunder (von Wiebke Rögener)
Diese Möglichkeiten scheinen erzwungen, aber sie sind der gesellschaftlichen Kommunikation immanent, die die Produktionssysteme darstellen. Die in den Produktionsprozessen ausgelösten – indizierten – Zwangsvorstellungen, diese als unabänderbar zu sehen, die Vorstellung also, die in den Zwang ausartet, die zwanghaft wird, fordert für diesen massenhaften Zwang, zwangsweise Massenartikel. Der Zwangsvorstellung folgt der Massenartikel. „In der psychischen Ökonomie erscheint der Massenartikel als Zwangsvorstellung. [Ein natürlicher Bedarf für ihn ist nicht da.] Der Neurotiker ist genötigt, sie mit Gewalt in den natürlichen Zirkulationsprozeß zwischen die Vorstellungen hineinzupumpen.“7Walter Benjamin, in: Das Passagen Werk, Suhrkamp Verlag, Seite 429

 

 

  • 1
    zur Untermalung eine Probe aus >>Gehirn & Zeit<<, Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung, Jahreszahl?, Nr.:6, Seite 26 f: „Medikamente für Gesunde? Offiziell werden die Forschungsbemühungen zwar gern als Suche nach einem Medikament gegen Alzheimer deklariert, doch das halten viele Insider lediglich für einen Vorwand: >>die Behandlung von Demenzerkrankungen liefert nur die medizinische Rechtfertigung<<, (…) >>Die Pharmafirmen geben es nicht zu, aber sie haben es auf ganz normale Menschen abgesehen – auf den 44-jährigen Geschäftsmann, der versucht, sich einfach besser an die Namen seiner Kunden zu erinnern. Dort wartet der Profit.<<“ „Sollte sich diese Art des Hirndopings noch weiter ausbreiten, befürchten Farah und ihre Kollegen weit reichende Konsequenzen: >>Dann kommt es zwangsläufig zu Situationen, in denen Menschen dazu gezwungen sind, ihre geistigen Fähigkeiten auch wirklich zu verbessern.<< Denn schließlich würde jeder Berufstätige bemerken, dass er mit Gedächtnispillen und Wachmachern schneller und effektiver arbeitet als ohne – und endlich wieder mit dem psychopharmakologisch längst >>getunten<< Kollegen am Nebentisch mithalten kann. Was ist, wenn der Verbleib im Job oder in der Schule davon abhängt, ob jemand bei der neurokognitiven Leistungssteigerung mitmacht?“ [Statt mit Faustkeil, Schwert oder Napalm schlachten wir uns pharmakologisch ab. Es geht auch nur darum, im Arbeitsleben zu bestehn; jeglicher Horizont der Vorstellung unterstellt ein Angestellten- oder Arbeitsverhältnis. Die Menschen verschwinden, bevor sie aussterben.]
  • 2
    „Zur Überschätzung der Medikamente trage zudem bei, dass die Firmen durch offen und versteckte Marketingkampagnen versuchen, natürliche Alterungsprozesse und Befindlichkeitsstörungen in angeblich Behandlungsbedürftige Krankheiten umzudefinieren, die einen Massenmarkt versprechen: Medikamente werden Teil des modernen Lebens. (…) Doch gerade da, wo es für ein Medikament keine klaren medizinischen Argumente gibt, geben die Hersteller immer mehr Geld für Werbung aus. >>Etwa ein Drittel ihres Umsatzes investieren die Firmen in Marketing und Vertrieb, für Forschung geben sie nur halb so viel aus<<“… besondere Sorge bereitet, „dass viele Maßnahmen verdeckt ablaufen und ihre Quelle verborgen bleibt.“ SZ, 19.05.2005, >>Pillendreher und Strippenzieher<< Ein Bericht des britischen Parlaments deckt auf, wie massiv der Einfluss der Pharmaindustrie in Europa ist (von Klaus Koch)
  • 3
    SZ, 19.05.2005, >>Pillendreher und Strippenzieher<< Ein Bericht des britischen Parlaments deckt auf, wie massiv der Einfluss der Pharmaindustrie in Europa ist (von Klaus Koch)
  • 4
    9 von 10 klinischen Studien werden von Pharmafirmen finanziert, SZ, 19.05.2005, >>Interessierte Helfer<<
  • 5
    „Der Patient erweist sich als unfähig, seine Angst begrenzende, relativierende oder negierende Gegenvorstellungen und Gefühle zu entwickeln. So kann er in der besonders häufigen Angst, nie wieder gesund zu werden, keine Vorstellung mehr davon entwickeln, dass sein gegenwärtiger Zustand je wieder aufhören könnte. Verluste erscheinen unausgleichbar, unwiederbringlich – endgültig und unermesslich, eine Schuld unaufhebbar und unbegrenzbar.“ Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 110
  • 6
    SZ, Nr. 226 (23.09.2005), Seite 11, >>Doping fürs Gehirn<<, Medikamente zur Therapie neurologischer Leiden verbessern auch die Denk- und Gedächtnisleistung Gesunder (von Wiebke Rögener)
  • 7
    Walter Benjamin, in: Das Passagen Werk, Suhrkamp Verlag, Seite 429

79, Täter und Fluch

Wenn ein Mensch im Hier und Jetzt keinen Ort und keinen Halt beziehen kann, verliert er sich vielleicht in Erinnerungen, entkoppelt sich von der Gegenwart. Die Gegenwart stört und wird zerstört, und die Leute darin sind Wurmlöcher, Erinnerungspfade zur Insel aus Vergangenheiten. Denn dort, wo die Anderen niedergehen, hat er seinen Ort, seine Feier gefunden. Die Bewältigung des Anderen als Überwältigung. Die Be-Hauptung des Ich, ist eine Enthauptung des Anderen. Man be-hauptet sich mit fremden Federn, schmückt seinen Kopf wie eine Königin und stellt sich über andere. Oder handgreiflicher formuliert: Die vorgestellte, gehasste Welt geht in die Nicht-Existenz, in das Gewesensein des Anderen über – als Outsourcing, Exterritorialisierung. Die Gegenwart des sich behaupteten Subjekts wird durch seine niedergekämpfte Vergangenheit gefüllt. Es ist, was es war. Ein verfluchter, unterdrückter Täter. Mit dem Verschwinden der das Subjekt umgebenden Anderen, dem Wegfall der gemeinsamen Referenz, Umwelt, bricht das Subjekt ein. Die Konzentration auf die Vernichtung verstärkt die Gewalt. Der bevorstehende Raub der nächsten Tage durch die fehlenden Finger der Uhr: das Leben wird vom Erinnerungsorkus gefressen. In der Konzentration auf die Ahnen schwindet das zu erfahrende Jetzt. Zum Gegner wird der wirkliche lebendige, menschliche Kontakt. Das Gewusste schlägt gegen das lebendige Jetzt zu Buche und dichtet sich gegen Neues ab. Das Erinnerte jagt das in die Gegenwart fließende Leben, jagt die fehlbesetzte Jetztzeit und versucht, darin zu verschwinden. Die Zukunft wird von der Vergangenheit gefressen. Das Erinnerungsvermögen als Bedingung für bewusstes Erfahren und Handeln wird gänzlich vom Erinnerungsvorgang aufgesogen.1Vgl. John C. Eccles, in: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Piper, Seite 130

 

 

  • 1
    Vgl. John C. Eccles, in: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Piper, Seite 130

78, Sichtbarkeit

Ist das, was wir sehen ein Vorwand für das, was wir beschreiben können?
Aufs bloß Sichtbare reduziert, ist die Charakterisierung der visuellen Kategorien deshalb von sehr einfach-modellierten Zuschreibungen geprägt. Es scheint, dass die Einfachheit der besseren Sichtbarkeit geschuldet ist. Das Wahrnehmungsmaterial wird durch Vereinfachungen nicht nur aufs Sichtbare reduziert, es wird überhaupt dadurch sichtbar gemacht. Besonders analogische Verfahren helfen, das Wahrzunehmende zu bannen.

 

 

 

77, Fressgier als Besitzgier – eine Skizze

Die Gier nach etwas als Kompensation des Verlusts: Von Beziehungen, Dingen, etwas Anderem oder sich selbst. Darstellbar als der Verlust eines Teils des Selbst, der als kompensatorisches Objekt von Außen, oral wieder zugeführt werden soll. Man wird fett, weil man sich selbst aufrisst. Fressgier zum Beispiel. Der menschliche Verlust führt zu Verlusten an Menschen. Die vielen Armen, Kriege und Dinge, die gebraucht werden, um solches verlustgeplagtes Selbst aufzufüllen. Das Versäumnis der Mutter – zu lieben – kolonisiert, wuchert aus dem Selbst heraus und wird urbar gemacht als produktinvasiver Familienersatz, Fetisch, als Auto oder gefliester Küche, in der sich heimisch gefühlt werden soll, oder in der mit Messern aufeinander losgegangen wird.
Das Beschießen von Anderen, des Anderen ließe sich erklären aus der umgewendeten Besitzgier, also eine auf sich selbst angewendeten Übertragung von Entkörperlichung, Selbstentfremdung, Selbsthass. Die Anderen sind das, was dem Selbst fehlt.
Rückhaltenot durch Entleerung, Abortieren. Das Besitzen (das Draufsitzenbleiben beim Kleinkind z. B.) soll den vorgestellten (projizierten) Entbehrungen zuvor kommen.1Vgl. David Cooper, in: Der Tod der Familie, Rowohlt, Seite 87 Hier sind Sekrete noch Präposition des Selbst, Konstituierendes.2Vgl. Freud, in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer Taschenbuch, Seite 87 ff (Die masturbatorischen Sexualäußerungen) Das ist durchs Ich hindurchge­gangen, war Ich, vertraut, ja verdaut; verkörperlichtes Ich.
Das gegenwärtig Besessene soll mit dessen Vernichtung in die Vergangenheit gerettet werden, um daraus – sichere – Geschichte zu machen: Fotos ohne Ende. Die gegenwärtige Präsenz des Anderen (Objekts, Gefühls) geht zugunsten der Inkorporierung verloren. Das Haben wird ein Ausdruck der Beschwörung einstmals besessener Gegenwart, in den Analen des Besitzes bleibt der beängstigende Verlust habhaft. Ein Skalp, eine Relique. Abermals verschwindet das bedürftige Objekt in der Fetischsammlung und erfordert Nachschub, fordert zu neuer Vernichtung, Internalisierung des Verlust auf.
Ist die Sehnsucht nach einem das eigene Selbst liebenden Menschen eine Phantasie über Entbehrungen? Eine Verlustanzeige? Ist das nicht die mensch­lichste Besitzgier, sich der Zuneigung eines Anderen sicher sein zu wollen?

 

 

  • 1
    Vgl. David Cooper, in: Der Tod der Familie, Rowohlt, Seite 87
  • 2
    Vgl. Freud, in: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, Fischer Taschenbuch, Seite 87 ff (Die masturbatorischen Sexualäußerungen)

76, Zweifel

Die selbstauferlegte Verzweiflung muss nicht im Selbstmord enden. Man kann sich langsam zurichten: In der Klinik, bei der Therapie. Vielleicht ist man Künstler oder verrückt. Ja, ja. Aber: Was passiert, wenn man den Bonus artifizieller Begabung nicht erhält? Findet dann eine Klassifizierung des eigenen Zustands durch den medizinischen Apparat statt? Würde jedwede Subversion schon pathologisch verdächtig sein? Auffällige Handlungsmuster würden bereits medizinisch katalogisiert sein, bevor es die Möglichkeit gäbe, sie auszuleben.
Die individuellen Subversion gegen den Lauf der Dinge macht das Individuum verdächtig: Du kommst nicht klar mit deinem Leben? Wir können dir helfen: In der Psychiatrie. Die Entmündi­gung des unangepassten Subjekts wird durch die Klassifikation des Krankseins vorangetrieben. Die Denunziation seiner Utopien wird durch die Pathologisierung seines Verhaltens beschleunigt: Realitätszwang. Der Realismus gewöhnt uns an die Niederlage. Die Niederlage gewöhnt uns an den Realismus.

 

12 Flaggen, Textildruck auf Kunstfaser, 100 x 220 cm, 2009, © Hans Georg Köhler

Wie schnell doch der (sogenannte) Realismus in eine Vermeidungsstrategie gegen die Realität mündet. Aus der Illusionslosen, realen Einschätzung von Chancen in der Schlange der Bewerbungen wurde ich zerquetscht. „Da habe ich doch sowieso keine Chance.“
Aus der Illusionslosigkeit an der Welt teilnehmen zu können, formiert sich eine Illusion über sich selbst. Es schwindet der eigene Handlungsraum, weil jedes Scheitern an Teilnahme eine Absage gegen das Ich ist. So verpanzert diese innerliche Kommunikation über die vermeintliche Realität das Individuum bis zur psychischen Enteignung, Ent-Realisierung. Aus der Vermeidung vom Hier und Jetzt wird eine Haltung gegen das Hier und Jetzt.

Scheiß STATUS EGO. Infight der verpassten Chancen, aber ich will nicht zweifeln, nicht jetzt.
Sie pfeiffen auf mich; in ihren letzten Tönen: braucht ihr mich nicht? – Mit dem Elend des ungebrauchten Talents in die Münze EIGENVERANTWORTUNG entlassen – aber warum sperrt ihr mich nicht gleich weg?
Was ist mit euch los? NEHMT MICH oder tötet. Vergessen ist zu kompliziert. Der Selbsthaß beginnt, wo die Gegner verschwunden sind: In mir? Da draußen?
Ohne zu wissen, wo das ist.
Nimmt die Menschheit Platz in meiner Wunde.

 

 

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    2 Flaggen, Textildruck auf Kunstfaser, 100 x 220 cm, 2009, © Hans Georg Köhler

75, Biografie neoliberal

Das neoliberale Narrativ des Geschichts- wie Schicksalsmächtigen Individuums – es sei für alles was ihm als Niederlage entgegentritt nur selbst verantwortlich, verschwistert die Forderung, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen mit der Ohnmacht, Entscheidungen mächtiger Instanzen zu erfüllen. Der selbstermächtigende Weg zwischen Sein (Sozialisation) und Bewußtsein ist ein schmaler Grad. Die erstrebenswerte Individualisierung  stößt im Spaltungsprozess funktioneller Einverständnisse – zugunsten des Lebensunterhalts – an ihre Grenzen und versperrt dem sich selbst noch unangekommenen Individuum die Sicht auf seinen Dreck durch den davor liegenden Müllhaufen der Menschheit – woran es Teil hat. Die schlechte Auserwähltheit in Form von interessanten Jobs, neuer Projekte, von Arbeit, die Spaß macht, wird gegen das eigen­mächtige Leben ausgespielt – es kommt nicht zum Zug. Lebensträume werden in funktionale Jobs eingetütet. Die dem Subjekt auferlegten Funktionen werden ihm als Individualismus überantwortet, obwohl das Individuum gegen die institutionalisierte – habituierte – Unsicherheit machtlos bleibt, wird ihm jegliches Scheitern angeheftet.1Zum Begriff der Institutionalisierung und Habitualisierung: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, 1980 Seite 56 f u. a. O. Das produktive Funktionieren ist als Individualität deklariert, aber im Individuum funktioniert sie nicht, denn sie besteht in eigenwilliger Anpassung.2Vgl. Pierre Bourdieu, in: Gegenfeuer 2, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Seite 30-32
Die Selbst-Beschreibungsstrukturen rekonstruieren genau die Welt, in die sich das Individuum einpassen kann. Ja, die Geschichte, der Erzählstoff eines Lebens entsteht aus der zunehmenden Spiegelung herrschenden Selektionsdrucks im Nachrichten-Produktionssystem: als Aufmerksamkeitskapital in der Konkurrenz des Scheiterns.

 

 

  • 1
    Zum Begriff der Institutionalisierung und Habitualisierung: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, 1980 Seite 56 f u. a. O.
  • 2
    Vgl. Pierre Bourdieu, in: Gegenfeuer 2, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Seite 30-32

74, Systemtheorie

Der gesellschaftliche operationale Raum des Subjekts übersetzt im schönen Begriff der Wirklichkeit, zerteilt sich unablässig in Bestandteile, Wirklichkeitsbereiche, d. h., die Wirklichkeit wird stetig aus unter­schiedlichen operativen Kriterien jeweiliger Beobachtungssysteme heraus differenziert und segmentiert. Dieser Verwirklichungs-Raum (oder der operable Bezug zu ihm) wird aus unaufhörlich mehr werdenden funktionalen Bezugs-Teilen, d. h. aus Kontexten der Zuweisung zu einer Hypertextualität zusammengesetzt. Das bedeutet, dass die Bestandteile – die jeweiligen Bezüge im Bezugssystem – sich relativ zur Gesamtbedeutung verkleinern, denn sie müssen alle im selben Gefäß Wirklichkeit Platz nehmen. (Natürlich wird das Gefäß selbst auch größer.) Die Idee eines gesamtoperablen Betätigungsfeldes löst sich auf, wird nichtig. Die Ganzheit des Subjekts wird in dessen Funktionalitäten – je nach Wirklichkeitsbezug –  parzelliert.
Die Informationen verschachteln sich einander. Für uns die Gefahr, sich zwischen den Unterschieden (= Informationen) keine weiteren Unterscheidungen treffen zu können, vor dem Medium der Beschreibung formal zu ersticken, d.h., ohne Differenz zur Information (Form, Unterschied) wird man zum Anhängsel der zu beschreibenden Form, zum Parteigänger des beschriebenen Objekts. So entstehen immer mehr und neue Konstellationen von unfassbaren, ungewöhnten – nicht-operablen – Bezugspunkten im Beschreibungs­dickicht: es entsteht Komplexität. Die zunehmende Beschreibungsmasse  als Informationsprosa steigert den verhältnismäßigen Verlust an Informationen über die gestauten Teile, die mit jeder neuen Information nicht ohne Mühe in – neue – Form gebracht werden können. Die Vervielfältigung der Details ermöglicht eine sich gegen die Beschreibungsmasse abdichtende Detailversessenheit – als Manierismus in der Kunst kenntlich. Es scheint eine Gegenbewegung zur anschwellenden Komplexität der Umwelt zu sein, auf simple Formen zurück zu greifen. Das-sich-Ergießen in Details ohne deren Einordnung zu einer möglichen (übergeordneten kategorialen) Bedeutung, ist entweder eine künstlerische Materialbeschaffung oder eine autistische Begabung. Von beiden Seiten wird um die Reduzierung von Komplexität durch (formale) Selektion gerungen, um Komplexität (Form-Bildung) herzustellen bzw. aufrecht zu erhalten.1„Komplexe Systeme sind mithin zur Selbstanpassung gezwungen, und zwar in dem Doppelsinne einer eigenen Anpassung an die eigene Komplexität.“ Niklas Luhmann, in: Soziale System, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt 1987, Seite 56 Das scheint paradox, aber man schafft Komplexität, um Komplexität zu lenken, auszuhalten, reduziert sie, um sie an anderer Stelle zu erzeugen. Dies schafft neue Komplexität, die früher oder später durch die Einführung neuer Kriterien der Differenz (Selektion) spezifiziert, d. h. markiert wird oder sie wird als andere thematische Ebene, als anderer Realitätsbereich etabliert. Die fortschreitende Beschreibungsfähigkeit erlaubt einen Fortschritt an Beteiligung der divergierenden Teile (durch die Beschreibungstätigkeit), denn das Beschreiben ermöglicht ein Reservoir an Möglichkeiten, d. h. es schafft ein Feld, indem gewählt oder ausgeschlos­sen werden kann. Dieses Reservoir an Möglichkeiten dissoziiert das Operationsfeld für Unterbrechungen, woraus Subjektivierung für den eigenen Möglichkeitssinn gegossen wird. Distinctions offers possibillitis.
Die Steigerung der Komplexität in jeglichen Produktionsprozessen (= Formierungsprozessen) fordert stets zu neuen Mühen und Arbeitszeiten im Differenzierungsakt des menschlichen Arbeitskörpers – und entwertet die aufgewendeten. Die Bedienung des Mediums tritt in den Vordergrund – kaum mit Bildung von Form: Bedeutet das nicht einen Verlust an individuell gestaltbaren Kreationen?
Am Beispiel der Massenmedien ist erkennbar, dass die minütliche Sendung von Nachrichten ihren informativen Charakter verliert, weil die informative Sequenz das Empfangen abstumpft. Es ist Produktion von Informationen angesagt, denn die Kommunikationsmedien müssen weiter laufen. Hier wird zuerst das Medium bedient. Es ist Geschichts- bzw. Gedächtnisverlust im Gange, weil ständig gequatscht wird.2Zum Gebrauch von Informationen bzw. der Verteilung der „Wahrheit“ (die schlechten Nachrichten z. B.) in den Massenmedien ist bei Heinrich von Kleist folgender Hinweis zu finden, in: Lehrbuch der Französischen Journalistik, Heinrich von Kleist sämtliche Werke, Hrsg. Paul Stapf, Emil Vollmer Verlag München, Wiesbaden, Seite 1050): „(Aufgabe / § 23/ Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen.) Man schweige davon (§ 5), bis sich die Umstände geändert haben (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten; entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden sind, als Schlacht von Marengo, von der Gesandtschaft des Persenschahs und von der Ankunft des levantischen Kaffees, oder in Ermangelung aller mit solchen, die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt (§ 20), und irgendein Vorteil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon; und an ihren Schwanz hänge man die schlechte Nachricht an. q. e. d.“ Und man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Die schiere Abfolge der Info-Ereignisse löscht sie aus und macht sie stumpf gegen andere.

 

 

 

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    „Komplexe Systeme sind mithin zur Selbstanpassung gezwungen, und zwar in dem Doppelsinne einer eigenen Anpassung an die eigene Komplexität.“ Niklas Luhmann, in: Soziale System, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt 1987, Seite 56
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    Zum Gebrauch von Informationen bzw. der Verteilung der „Wahrheit“ (die schlechten Nachrichten z. B.) in den Massenmedien ist bei Heinrich von Kleist folgender Hinweis zu finden, in: Lehrbuch der Französischen Journalistik, Heinrich von Kleist sämtliche Werke, Hrsg. Paul Stapf, Emil Vollmer Verlag München, Wiesbaden, Seite 1050): „(Aufgabe / § 23/ Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen.) Man schweige davon (§ 5), bis sich die Umstände geändert haben (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten; entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden sind, als Schlacht von Marengo, von der Gesandtschaft des Persenschahs und von der Ankunft des levantischen Kaffees, oder in Ermangelung aller mit solchen, die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt (§ 20), und irgendein Vorteil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon; und an ihren Schwanz hänge man die schlechte Nachricht an. q. e. d.“

73, Hören und Sehen

Aufhören, Gehorchen. „Du hörst nicht“ (folgst nicht den Anweisungen) – dem Hören folgen.

Der Wahrnehmungsdruck scheint auf das Hören (Gehörte) größer, denn auf das Sehen (Zeigen). Das Hörbare springt einen mehr an, findet direkt Gehör,  statt die stille Buntheit der Umgebung, der Bilder. Die Augen zu schließen oder abzuwenden ist leichter, als die Ohren abzudichten. Der Körper ist in den Hörvorgang direkter eingebunden als beim Sehen: Manche Eltern sagen zu ihren Kindern „gehorche!“ oder wir sagen „hör auf!“. Über Amboss und Hammer werden die Laute in uns hineingeschlagen, durch den Gehörgang geschleust. Beim Sprechen hört man seinen Körper als Echo stets mit: Man gehört sich.

Aber wenn die Bilder Empathie einfordernde Gewalt darstellen, dringen sie besetzend ins Hirn ein. Man kann wegschauen – woanders hin. Die Empathie fürs Leiden des Anderen sprengt die sinnlich-ästhetische Gestalt (Form), geht über sie hinaus in ein Empfinden hinein. Der Augenschein eines massakrierten Körpers auf Papier (oder im Film, im TV) macht den Zuschauenden zum Komplizen. Die Bilder (die Formen in ihnen) haben die Kraft, das Leben (durch die Formen in den Bildern) zu präformieren. Die visuelle Memorierung bzw. Besetzung scheint leichter als die Erinnerbarkeit tonaler Abfolgen. (Vielleicht deshalb, weil die akustische Form konkrete gefühlsmäßige Begleitumstände braucht, um verankert zu werden bzw. setzt das Hören-Wollen eine Stimmung voraus). Die Fassbarkeit der Form von tonalen Medien ist zeitlich verflüchtigender als die von visuellen Medien. Der Ton verschwindet im Hören und ist auf die Erinnerung an ihn angewiesen. Ein Bild bleibt stehen, hängen – es ist fassbar als Frame. Filmsequenzen werden mit musikalischer Hilfe präsent, tonlos kaum. Die laut gelesene Schrift scheint ein doppeltes Zeigen: Man hört sich, indem man liest und die Buchstaben im Zusammenhang sieht. Als Hörbares ist ein Gedicht ein Hörbares wie Lesbares ein wahrzunehmendes Moment und ein bedeutendes zugleich. Kaum in einem anderen Medium als in der Schrift kann der Wechsel von Sehen und Hören ins verstehbare Angesprochene derart direkt dargestellt oder vollzogen werden. (Das zeigt, dass die Wahrnehmungsorgane nicht unabhängig voneinander operieren.) In der niedergeschriebenen, gemalten Form (wie z.B. in asiatischen Schriftzeichen), in der materialisierten Zungen–Sprachbewegung (in der Aussprache der Worte) kann der Mensch sich wieder von der Schwerkraft visualisierter Bedeutungsmuster leiten lassen ohne auf den akustischen Sinn von Sprachbewegungen verzichten zu müssen. Bedeutungsbildung verstärkt durch den Augensinn wirkt ausgeprägter als (nur) durch den Hörsinn – auch wenn sie beide eine Art Rückübersetzung bzw. Transformierung der Sprache ermöglichen. Der Empfindungssinn gegenüber dem Gehörten ist stärker als der Bedeutungssinn gegenüber den Zeichen der Sprache.

Ich höre nicht nur das Schlagen, ich fühle es auch. Der ganze Körper hört mit. Die physische Qualität von Tonfrequenzen ist eindringlicher als der von Lichtwellen.

 

 

72, Lyrik – Sprache zum Laut

Die lyrische Form: zuerst die Komprimierung des Gesprochenen gegen die Syntax der Sprache zugunsten möglicher Sinn-Assoziationen, dann eine Verschmelzung von Worten zu lauter Sprache, vielleicht zugleich eine Ahnung von Melodie, und wahrscheinlich: eine Verstärkung von sprachlicher Wahrnehmung und sprachgepresster Anrede zum unmittalbaren Erlebnis. Eine Unschärfe, in der Information (die Form des Gesagten, die Formulierung) und Medium (das codierbare Reservoir des Sagens, der Sprachlichkeit) tanzen. Die ungefähre, allgemeine Bedeutung und Lautbarkeit der Worte dockt an die konkrete, individuelle des jeweiligen Hörenden/ Lesenden an. Die sprachlich geretteten Reste des Hörens Sehens Sprechens überdauern, schwarz auf weiß, die Todesstunde, die Furie des Verschwindens. In ihrer universell anmutenden aber immer wieder einfordernden, weil Assoziationsräume frei sprengenden Beschreibungsgenauigkeit, entwickeln die lyrischen Abkürzungen den Übergang zu fantastischen Implikationen eigenen Erinnerungs-Erlebens: Sie nehmen nicht vorweg, sondern holen nach oder: wieder ein. Sie kratzen an der Patina der sprachlich vermittelten Bezeichnung, tauen mit der – und gegen – die Grammatik das Eis des Vergessens. Weil das Lyrische Ausgesprochenes ist, worin mit einem die Sprache ausgeht, braucht es keine prosaische Hinführung des imaginären Lesers durch eine inszenierte Beschreibung. Lyrik markiert direkt das Ich. Die lyrische Bewegung fungiert wie eine Linse über den Zeilen, wo im heißen Focus Sprache neu gebrannt, und gebannt wird – um ihr Medusisches im Spiegel der Laute, der Buchstaben zu fangen und neuer Beschreibbarkeit frei zu geben:
Das unentwegte Bedürfnis nach Sprache im Rhythmus, im Reim ist ein Aussprechen, Überleben gegen das augenblickliche, ständig drohende Verschwinden der Töne zwischen den Lauten und Leuten. Wenigstens sich noch zu hören und damit Gewissheit über das eigene Sprechen zu erlangen, ist ein existentieller Grund des lyrischen Vortrags. Unentwegtes lautes Sprechen als Statthalter wie Hüter des Vergessens, Erinnerns: um entweder das Vergessen zu vergessen oder es wieder hoch zu holen. Das permanent drohende Vergessen bahnt sich im Gedicht den Weg zur Sprache. So oder so. Es kommt zur Oberfläche. So reden wir, um Anker zum Vergessenen auszuwerfen – auch, um im Vergessen verschwinden zu können.
Die lyrischen Formen sind Botschaften verborgener Bedeutung und Schlüssel zu unbedachten, vergessenen, verlorenen Sprachtruhen: Lyrisch angeschoben, gehoben, fallen wir in ihren Assoziationsraum hinein. Gedichte schaffen für das Vergessene Erinnerungspunkte und Anschlüsse für noch nicht Erlebtes. Sie schlagen eine direkte Brücke von erlebter Geschichte zu vorstellbarer. Sie bergen das Vergessene, das Vorgestellte, Geahnte ins Lebendige und hüten es vor dem Vergessen. Gedichte erinnern die Leerstelle der Existenz, dass wir ohne Sprache nichts sind. Die lyrische Unterbrechung dieses vergesslichen Zuges im Leben gewährt dem Subjekt einen menschlichen Verhandlungs­raum über sich selbst: durch das Sprechen. Das im Gedicht provozierte, geahnte Erleben, fixiert den Lesenden momenthaft wieder zu dem, was er einmal gewesen ist oder jetzt ist: lebendig.

Die künstlerische Form ist der Schrei nach Differenz, Veränderung. Beschreibungs­distanz zum Erleben findet im Gehör, im Bild und in der Schrift ihre Beschreibungsform.

 

 

 

71, interesseloses Wohlgefallen: Kunst Krankheit Kant

Das Interesse an der Beobachtung von Kunst soll ein willentlich interesseloser Akt oder willentlich, aber ohne Interesse sein: Interesseloses Wohlgefallen. Das aber scheidet nicht nur den Betrachter (den Rezipienten) vom Hersteller des Kunstwerkes – der ja auch Beobachter im Akt der Herstellung als auch post mortem Beobachter bleibt –, sondern unterstellt dem Beobachter (Rezipienten), dass er seine Betrachtung selber nicht im Betrachten mit reflektiert (, damit es Interessenlos bleibt) und sich somit von seinen individuellen Anschlüssen selber ausschließen müsste. Das interessenlose Wohlgefallen würde gerade den motivierten Moment, vor einem Kunstwerk zu stehen, sich beim freien Beobachten zu sehen, ignorieren. Warum soll das, was gesehen wird, mit nichts im Betrachter verbunden sein?  Darin wird der bequeme Standpunkt offenbar, der sich in der Objektivierungs­macht ausspricht.1„Weil es gegen die grundsätzlichen Prinzipien des wissenschaftlichen Diskurses verstieß, der die Trennung von Beobachter und Beobachtetem gebietet. Das ist das Prinzip der Objektivität: Die Eigenschaften des Beobachters dürfen nicht in die Beschreibung des Beobachteten eingehen. […] Indem das wesentliche des Beobachtens, nämlich der Prozeß der Wahrnehmung, eliminiert wird, wird der Beobachter zu einer Kopiermaschine degradiert, und der Begriff der Verantwortung wurde dadurch erfolgreich exkamotiert.“ Heinz von Foerster, „KybernEthik“, Merve Verlag Berlin, Seite 63 und 74 Konsequent begriffen, würde es auch der künstlerischen Arbeit ein Interesseloses Agieren auferlegen – ein von allen Zwecken freies Beobachten, das sich selbst nicht sieht. Eine Art ferngesteuerter, isolierter Modus – entkoppelt von Referenz, Kontext: Das künstlerische wie betrachtende Individuum müsste sich einem interessenlosen Verschwinden anschließen. Dann wuchern die Formen, die Farben sind nur Farben und weisen auf nichts – was für ein Wahnsinn. Diese Krankheit, Missbildung an Wahrnehmungswucher sucht manchen Künstler heim und zugleich treibt sie ihn produktiv an und überführt dieses Geschehen, Symptom in ein kommunikatives, d. h. gesellschaftlich erkennbares Symbol: exhibition. Das meint man wohl, wenn vom Künstler die Rede ist, der aus sich selbst herausarbeitet, obwohl nur seine Isolation spricht. Kunstmachen als ein Handel mit dem Wahnsinn.2Susan Sontag, „Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen“, Fischer Verlag 2009, Seite 58 Solche künstlerische Isolation wird in den künstlerisch operierenden Organismus stetig hinein getrieben, ästhetisch objektiviert und ausstellbar gemacht.3Vgl. Michel Foucault, in: Die Geburt der Klinik, Fischer, Seite 16 Wenn dem Tempo der jäh eigenen Wucherungen nicht mehr standgehalten werden kann, brechen sie zum Künstler als sein ihn einsperrenden Wahnsinn durch: Artefakt4Laut Fremdwörterbuch, Dudenverlag 1991, Artefakt: 1. Werkzeug aus vorgeschichtlicher Zeit, das menschliche Bearbeitung erkennen lässt (Archäologe.). 2. künstlich hervorgerufene Verletzung (meist in Täuschungsabsicht) und machmal Infarkt. Die definite Krankheit ist ein Sturz in körperliche Objektivität. In der Objektivität, „die der Kranke dem Symptom seiner Krankheit verleiht“ – hier wird es wieder „interessant“ und hier übergibt der Patient/ Künstler bereits Ich-Anteile in das Kunstdepot – „ist mit Recht der Ausdruck subjektiver Störung zu sehen.“5nach Michel Foucault, in: Psychologie und Geisteskrankheit“, Suhrkamp, edition suhrkamp 272, Seite 76 Selbst wenn das so ist, ist es noch möglich, durch Selbstreferenz darauf künstlerisch zu reagieren. Die künstlerische Freiheit zur Differenz – zur Form – wird Notwendigkeit, Bedürfnis. Die Frage nach dem Interesse stellte sich nicht. Gerade die Kunst ermöglicht in deren Herstellung wie Betrachtung allen daran Beteiligten das Beobachten als Beobachtung der Beobachtung (unendlich) neu zu inszenieren.

 

 

 

  • 1
    „Weil es gegen die grundsätzlichen Prinzipien des wissenschaftlichen Diskurses verstieß, der die Trennung von Beobachter und Beobachtetem gebietet. Das ist das Prinzip der Objektivität: Die Eigenschaften des Beobachters dürfen nicht in die Beschreibung des Beobachteten eingehen. […] Indem das wesentliche des Beobachtens, nämlich der Prozeß der Wahrnehmung, eliminiert wird, wird der Beobachter zu einer Kopiermaschine degradiert, und der Begriff der Verantwortung wurde dadurch erfolgreich exkamotiert.“ Heinz von Foerster, „KybernEthik“, Merve Verlag Berlin, Seite 63 und 74
  • 2
    Susan Sontag, „Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen“, Fischer Verlag 2009, Seite 58
  • 3
    Vgl. Michel Foucault, in: Die Geburt der Klinik, Fischer, Seite 16
  • 4
    Laut Fremdwörterbuch, Dudenverlag 1991, Artefakt: 1. Werkzeug aus vorgeschichtlicher Zeit, das menschliche Bearbeitung erkennen lässt (Archäologe.). 2. künstlich hervorgerufene Verletzung (meist in Täuschungsabsicht)
  • 5
    nach Michel Foucault, in: Psychologie und Geisteskrankheit“, Suhrkamp, edition suhrkamp 272, Seite 76