Wenn der Genuss am Objekt (Beobachtetem) aus der Beobachterposition als Fallhöhe, als Macht-Sicht (Macht aus Distanzmöglichkeit) gegenüber dem Objekt (Beobachtetem) gezogen wird, die Instrumentalisierung der Beobachter-Position andere Beobachtungsstrukturen -und Objekte erzeugt, verkümmert die Fähigkeit zur Beobachtung 2. Ordnung – die Selbstreferenz geht verloren. Empathie schwindet. Das Objekt wird zugerichtet.
Die mit Sicht-Macht ausgestattete Beobachter-Position macht den Unterschied zwischen gewährtem und erarbeitetem Genuss. Das Gefälle zwischen dem Gladiator und Publikum ist scheinhaft. Solang wir ihm zusehen, sind wir an seiner Statt. Der sich nur-beobachtend wähnende Beobachter – derjenige, der sich keine Sicht-Macht zuschreibt und Distanz aus der Ohnmacht gewinnt – wird zur gesellschaftlichen Stabilisierung funktionalisiert werden.
All das, was als Beobachtetes gezeigt wird, ermöglicht Rückschlüsse auf den Beobachter. – Nunmehr zum Geschäftsmodell im Internetz geworden. Der Beobachtete wird mit einem Fernrohr getröstet oder tröstet sich selbst durch das Distanzversprechen der Optik (dem technisch zwischengehaltenen Medium). Denn jedes weitere Kommunikations- bzw. Informationsinstrument macht den jeweiligen Nutzer von Beobachtungsmedien desto mehr ort- und dechiffrierbar. Man kommt überall hin, aber nirgendwo ungesehen durch. Beinah ungezwungen wird man zum Mitteilungsträger. Infomotoriker. Blockwart seiner selbst: durch die Augen, Kommentare der Anderen. Der Apparat verschluckt im vorweg greifenden algorithmischen Zugriff die jeweilig künftige Biografie, Handlungs-Geschichte des Einzelnen und erfasst ihn nicht nur (wie es z. B. in Buch- oder Artikelempfehlungen auf amazon geschieht), sondern schleift ihn mit. In der Imagination der siegenden Unternehmen verdampft das lebendige Subjekt ins avatarische, in eines, über das Daten gesammelt werden, aber nichts nachlesbar steht. Der Unrat der soziopathischen Verwertungs-Gesellschaft quillt aus den Wunden des vereinzelten Subjekts, aus seinen Lesezeichen im Browser, aus den Reißverschlüssen seiner Plastiksachen. Das einzelne Subjekt erweist sich als abwickelbar, sofern es im Produktionsprozess erkannt und beschrieben werden kann. Die Beschreibungen erfolgen hier erkennungsdienstlich. Die Welt zu verdauen, um Geschmack an uns selbst zu finden, ist die Falle. Die Eitelkeit der kapitalistischen Produktion in ihrer Selbstdarstellung, deren Raubbau an menschlicher Sozialität produziert ebenso ihren Kannibalismus: Menschen, die sich so als Konsumenten, Ware, Produzenten zur Schau stellen, wollen von Uniformen, Produkten gefressen werden, bevor sie es selbst tun. Der Geldeingang nach dem erzwungen affirmativen Verrat im Job ist der Riegel vor der Konsequenz von Alternativen. Die neue Qualität: Seid bereit, die Welt zu verlangen, alles soll euch zu Füßen stehen, überall hin könnt ihr scheißen. Ihr müßt nur zahlen! Ihr müßt nur an euch selbst satt werden. „Spare dich satt.“ (Werbeanzeige eines Discounters.)
Der werbeträchtig unterminierte Sinn des Kunst-Geschmacks ist als Form eines ästhetischen Sogs finanzkräftigen wie partikulären Interessen unterworfen. Jede beworbene Ware verlangt, das rohe nachfragende Bedürfnis mit Geschmack zu überhöhen, d. h., der produzierte Ideengehalt der Ware (Image, Branding) soll die Ideen der Käufer beeinflussen, ja, sein Image darstellen. Ein Auto verleiht erotische Anziehung, ein Händi spirituelle Tiefe – mittlerweile bereiten Klamotten auf den Sinn des Lebens vor. Das durch Kauf versprochene Lebensgefühl dient dem die Ware ratifizierenden Konsumenten als bezahlbarer Unterschlupf. Jener Geschmack als „materielles, unmittelbares sinnliches Privateigentum ist der materielle sinnliche Ausdruck des entfremdeten menschlichen Lebens.“ Dass über Geschmack nicht gestritten werden könne, heißt nur, dass der jeweilige Ladentisch für jegliche Waren und Preise frei bleiben soll. Das Lebensgefühl wird auf Waren aus dem Regal projiziert. Design-Zeitschriften sind voll von verdinglicht eingerichteten Lebenssinn.
Die menschliche Exhibition als Lust, den verwalteten, gezügelten Körper zu zeigen: in seinen sinnlichsten Formen. Wild, lebendig der Poesie von Mikroben, Follikeln, Blut und Dendriten zugeneigt, werden die Rasierklingen oder Farbtuben gezückt, die Hemden und Hosen freizügig weggeschmissen. Der gesellschaftliche, soziale Apparat – nicht nur die Systemtheorie – drängt den sich Ausstellenden zum Beobachten seiner selbst, zu einer von ihm entfernteren, ihm fremden, nicht immanenten Beobachterposition.
Guck dich doch mal an, wie du wieder aussiehst. Aber ich will doch nur, dass ihr mich seht!
Das bürgerliche Künstlersubjekt, Ha-und-Em-Produkt, das Primarkt-Individuum will sich weniger sehen, sondern zeigen – gesehen werden! Es verzichtet in seinen Ex-Positionen auf sich selbst, denn es sieht sich im Spiegel nicht selbst, eher als Schaufenster, mehr noch als Referenz von sich an der man sich bedienen oder ergötzen kann.

self II, 2007, © Hans Georg Köhler
Das Spiegelbild stellt sich aus, um in ästhetischer Form für sich zu werben, ja, sich als Individuum zu bewerben: Aufmerksamkeit für den neuen Satus zu erzeugen. Stets einfach nur: wahrgenommen-werden-wollen. Ein Schrei nach sich selbst, doch die anderen müssen es wollen können hören und sehen, sonst kommt im Sich kein Ich zustande. Das entäußert Gezeigte dient einem diffusen Möglichkeitssinn. Ich kann heute dieser, morgen diese sein; es kann dies oder jenes bedeuten (Kunst). Das Sich-Ausstellen, als ein Sich-Übergeben: als schöner Moment oder Ekel der Wahrnehmung anderer anderen zu Füßen. Eine Bewegung zum menschlichen Antlitz: Ich zeige mich euch als Mensch, wohl oder übel, seht ihr? Es ist wie ein Sich-gewahr-werden durch das Gewähren des Sich-Zeigens und: des Sich-Sehens durch die Augen anderer. Was für ein Risiko – von den Augen anderer durchlächelt zu werden. Wahrgenommen-werden-wollen als Schwachstelle – man überführt sich selbst.
Freiheit im Kunstmachen als die begriffene Gefahr wie Entscheidungsverantwortung, die Möglichkeit ergreifen zu können, sich seines Ausdrucks täglich grundtief zu versichern – im Bild, auf dem Papier, im Ton – oder vor der Entscheidung zusammenzubrechen, daneben zu greifen und sich ausdrucksmäßig verzweifelt werkimmanent zu töten. Der Tod, die Selbstzerstörung im Ausdruck als letzter persönlicher Standpunkt: alles wegschmeißen, verbrennen. Manchmal ist das ein guter Anfang. Die hochgehaltene Entscheidungsgewalt über die Formen oder ihr bewusster Verlust im Werk – als eine Strategie der Selbsterhaltung, wenn sie den Akt der Gegengewalt, des Zweifels als Ausdruck in das personale Ausdrucks-System zeichnen, einschreiben kann, bleibt eine ständige Aufgabe. Die Freiheit besteht in der Befreiung vom Zweifel.
Ästhetische Veränderungen, also formale Entscheidungen für oder gegen eine Form, Farbe, sind ohne Zerstörung (der bisherigen Form, Farbe) nicht zu machen. Aber nur ästhetisch inspirierte intellektuelle Kritik am Werk zerstört nichts, verändert im Werk nichts – bleibt im Orbit von Mutmaßungen stecken. Die Ästhetik der Zerstörung läuft im Prozess am Werk nicht auf die Zerstörung der Ästhetik hinaus – wenn man es aushält.
Die Kunstgeschichte dokumentiert in ihrem Habitus als Geschichte die Veränderungen, die Zerstörungen, die Zerstörungsweisen in der Kunst und interpretiert sie als an einen Fortschritt gebundene Entwicklungen – retrospektiv. Es kommt darauf an, das Kunst-Machen von der positivistischen Betrachtungsweise epochenmachendem Kunstfortschritts abzukoppeln und es als dialektische Form der jeweiligen gesellschaftlichen Situation der Künstlerinnen zu sehen: als Diskriminierung oder Integration sozialer Formentwicklung; nicht aber als Entleerungsprogramm marktfähig operierender Kunst-Kritik – in der Aufmerksamkeits-Ideologie gegenseitig abhängiger Statusversicherungen. Dann entstünde eine Kunstgeschichte, die sich ihre merkantile Abhängigkeit bewusst macht und die Zusammenhänge sozialer wie transhumaner Formentwicklung beschreiben kann. Die Kultur der Kritik hat gegen ihre Eingemeindung durch marktpolitische Konsequenzen im Kunstmarkt zu kämpfen.
Die Trägheit des Beschreibens bedingt, dass dieser Prozess erst in der Überlieferung kenntlich wird.

Abbildung: Philipp Donald Göbel, Snapshot vom Instagram-Account: philippdonald
Mit freundlicher Genehmigung zur Abbildung: © Philipp Donald Göbel, philippdonaldgoebel.de

Heidi, 1987
Projektion als Übertragung, Transformation eigener Ansichten, Interpretationen, Wünsche auf etwas anderes oder eine andere Person. Das Begehren, Leiden, Sehnen etc. verkörpert sich nicht nur im Begehrenden, Leidenden, Sehenden, sondern diese körperlichen Zustände werden im Anderen – in Objekten, oder zu Objekten gemachten Verhältnissen – durch die Annahme der Projektionen (= Übertragung) als Einfühlungen verkörperlicht: ich nehme das Verhalten, das So-sein des Anderen als Bestätigung meiner Projektion wahr. Anders gesagt: ich ordne das beobachtete Verhalten meinen Wünschen/ Projektionen unter. Alles Wahrnehmen ist projizieren. Eine Technik, um den eigenen Körper in den anderen zu versetzen (zu transformieren), hinein zu beamen, einzuschleusen. Das Andere, der die das Fremde als ein emphatisches Wunschobjekt, als eines, das im eigenen Körper durchgespielt werden kann, ermöglicht die Einfühlung zu sich selbst.
Das Sich-auf-etwas-Projizieren als Technik der Einfühlung behält das noch nicht angenommene Andere, das noch Nicht-Apperzipierte in Sichtweite. Das äußerliche Phänomen ist, sobald es als Phänomen, als etwas anderes wahrgenommen wird, schon dem Wahrnehmenden anhängig. Es harrt der Eingemeindung in die eigene Weltauffassung. Deshalb der Satz: Die Welt ist wie sie ist, weil du bist, wie du sein willst. Oder: „Man findet sich in der Weltsicht des anderen erwartet als derjenige, der zu sein man sich bemüht.“
Die projizierte Welt hält das projizierende Bewußtsein in Bann. Die jeweiligen Projektionsleistungen markieren als Einfühlungsprozess die Ambivalenz von Nähe und Distanz zur Umwelt. Ich kann die Umwelt nur als eigene erkennen. Weil der Moment des Daran-Denkens (ob nun Erinnerungen bedacht oder Projektionen gedanklich ausgelebt werden) als Möglichkeitssinn einer Lebenspraxis mich in eine Art Jetzt-Zeit möglicher Welten holt. Diese gedachte Welt wird real, weil sie als gedachte stattfindet und Denken und Körper nicht geschieden sind: beide treten in den Jetzt-Prozess des Ichs ein. Dieses reale Vorstellen tritt als ein Jetzt-Prozess ins Ich hinein. Deshalb ist nichts, woran sich erinnert werden kann, vorbei. (Klaus Heinrich) Die Eifersucht auf einen Ex-Partner meiner Freundin ist neben dem bürgerlichen Besitzanspruchsscheiß ein Ausweis der Einfühlung in längst vergangene Geschichten, weil sie in der gedanklichen Bewegung des Sich-Vorstellens (z. B. eines Miteinander-Schlafens mit einem Anderen) gerade ein Wieder-Erleben als mentales Jetzt-Ereignis provoziert. Wenn ich etwas denke, einfühle, passiert es auch jetzt in meinem Hirn, in meinem Körper findet es statt. Es ist ein Realtätsbereich geworden. Und das ist das, was quält – als würde es jetzt sich ereignen, weil ich es jetzt denken fühlen, erinnern kann. Aus dieser Sicht ist Einfühlung (in den Formen von Eifersucht, Hass, Liebe…) mehr als nur ein Rezeptionsprogramm für Theaterstücke. Ist es nicht verständlich, das der Wahrnehmung unzugängliche Phänomene abgewehrt werden und als Fremdes umdeklariert in einen Angstprozess überführt werden? Die Angst behält die ungenügend verstofflichten Phänomene im Blickfeld. Sie fungiert als 2. Beobachtungsinstanz ungelöster Probleme, um sie weiterhin kontrollieren und auf Abstand bekämpfen zu können. Das Projizierte hält den Projizierenden gefangen. Das Subjekt fühlt sich in seine projizierte Welt hinein und kommt nicht mehr heraus.
A fühlt sich in B hinein und erlangt die eigene Wahrnehmungswelt am anderen (B). B wird zum eigenen Fleisch von A. Im Anderen ist es bei sich. Der eigene Einfühlungsprozess spielt auf den Anderen ein oder: sich am anderen ab. Der Andere führt zwei Leben: Eines für denjenigen, in den er sich in ihn hineinfühlt – für den Anderen – und eines, das der Andere für sich selbst lebt, unabhängig von den Einfühlungen anderer (, wenn das möglich ist). In der nächsten Stufe der Beobachtung ist es möglich, dass das eigene Empfinden der Projektion des Empfindens eines anderen Subjekts entspricht. Die Liebe ist ein erstes Messer zur Teilung des Subjekts, das, ohne Differenz zu sich (oder zum Anderen), sich in Liebe gründen will.
Die Schwierigkeit die Verinnerlichung (Einfühlung) zuzulassen, mit den durch die Einfühlung gewonnenen Möglichkeiten eine Beobachterposition zu sich selbst einzunehmen, wird dem liebenden Zustand nachgesagt: Metastasen getränkt von der Projektionspumpe wird der Liebeskörper wie der eigene auseinander gezogen, wird zum Territorium fremder, außerkörperlicher Ansprüche und Ausbrüche. Denn, was gedacht oder erinnert wird, ist dem Körper gegenwärtig und ereignet sich ihm im Jetzt. Vielleicht entsteht in dieser Umgebung eine selbsterhaltende Eifersucht zu sich – als (narzisstische) Selbstbehauptung. Sich der eigenen Kontrolle zu unterstellen, erfordert die Ab-Trennung von Beziehungen. Die Liebes-Literatur stilisiert diese hohe Gefahr der Verhinderung durch Verwirklichung (Selbst-Verwirklichung durch Verhinderung ist auch möglich), in der die scheinbar bequeme (weil rationale) Einengung des eigenen Lebens für das andere Leben zugelassen wird, damit der Zukunft noch einen Auslieferungstermin gesetzt werden kann. Dem von Liebe ereilten Schicksal, dem vom Sein Gebrauchten wird eine Erklärung gegeben. In der Gegenüberstellung von sich widersprechenden Vernunftgründen soll die Liebestiefe gelotet werden – Adlige will Bauern, Prinz sucht Putzfrau usw. – das Wunder der Liebe wird mit verdinglichenden Analogien beschrieben. Der Wind in den Blättern säuselt die Projektion ungeklärter Empfindungen her. Die Empfindung wird dem versinnlichten Material übergeben.
Das Zusammenfinden der Liebenden zum Paar spricht gegen die Versöhnung der Subjekte mit sich während der Liebe, so ausufernd ist sie oder das Begehren des so Anderen. Insofern das Verschmelzen, das Identischwerden hier als Nicht-zugegen-Sein, Nicht-bei-sich-sein ausgedrückt werden kann. Die Regenerationsphasen vom Zusammenleben (“für sich Zeit brauchen“) münden in die Rekonstruktion des Ich, in seinen Kontrollraum. Spaltprogramm. Platzmangel entsteht, wenn die Zeit des Anderen (Regeneration, Rekonstruktion) nicht gewährleistet wird. „Seit dem Herr Schmidt mit seiner Frau zusammen lebt, war sein Raubbau größer.“
Vom Stein nähren, an der Asche lutschen, Bonbon der Geschichte. Das mit Kabeln Welt verzweigte Ich endet
In der Liebe
Endet im Ich
Und
Fängt im Patronenlager an.
NUR NOCH DURCHZIEHN.
Jeder Treffer ein zerschossener Traum, zu zeitig zu spät, getroffen:
Amors Pfeile.
Beziehung schon Bestechung – so weh‘ Daphne!
Fort fliegen,
Von fremdem Blick geronnen
Ein Lächeln, gegenüber
In unseren Wunden
Heilen die Zweifel.
Das Saugen an der Brust als der einzig geglückte Wahnsinnsmoment von Identität, ein Ich mit dem und durch den Anderen zu sein. Abhängig und geliebt, versorgt zugleich. Ein das Innen wie Außen stillendes Verhältnis. Ein Glück, das im Geborenwerden zu einem wegplatzenden Rest-Erinnerungs-Moment schrumpft, dass man Eins gewesen ist. Beim Geburtsakt überrascht – losgerissen – worden, nun „beschmutzt und bekotet ans Licht tretend“, ist man durch die Höhle gekrochen und sucht von Geburt an wieder den Anderen. Identität war im Anfangen, zu Beginn der Existenz eine Zweisamkeit. Ein verschweißter Dualismus, der sich auf die Vergangenheit stützt: Die Welt als Suchort nach Identitätsmustern der verlorenen Einigkeit, Verschmelzung. Es gilt, mit dem Anderen zu leben, d. h. durch ihn mir zu ermöglichen, den eigenen Ursprung, Anfang wieder, bestätigend, mit zu erleben, heißt: In-Beziehung-sein, um wieder anfangen zu können, zu saugen.
Ich wiederhole in meinem Verlangen nach dem, was ich als beginnendes Ich war, das Verlangen des Außen, des stillenden Objekts, um wieder ein zweisames Ich zu werden, in es hinein zu kriechen oder sich als einzelnes Ich aufzulösen. Das Primat ist nicht in der Spiegelung, sondern im Gespiegelten zu erkennen. Alles andere ist nur Schwächung.
Die Uniformierung des Handelns, Konsumierens, Erlebens durch den angebotenen, permanent einbohrenden lifestyle der Massenproduktion in allen Schaufenstern, Werbeplakaten des öffentlichen Raumes umstellt uns, fordert uns heraus, individuell gegen diese Einebnung des Lebens uns differenzierend zu entscheiden. Gleichwohl dient die massenhafte Handelsware als solipsistisches Negativ für die Individuen zur Differenzierung gegen eben jenen Uniformierungszwang, dem sie ausgesetzt sind. In der Figur der Uniform drückt sich das chamäleonhafte Verhältnis dieses durch Produkte deklarierten Differenzierungsprozesses aus. In der uniformen Stilistik, bemächtigt sich der junge Mensch seines erträumten Abbilds – aussehen wie Gaga – indessen stürzt das Spiegelbild auf ihn ein, mit Massenprodukten bemächtigt sich das simulierte Abbild der Sehnsüchte und liefert den Menschen nach ihm ächzenden Waren aus. Soll heißen, das Individuum findet in vorproduzierten Ansprüchen (Uniform, ästhetische Manifeste, Modezeitschriften) und Urteilen Beruhigung, hört aber auf, sich zum Subjekt zu differenzieren, weil es den – wie zum Beispiel in der Reklame zu sehen – ästhetisierten und daher neutralisierten symbolischen Körper annimmt. Der Konsument ist seine Ware. Die Liebe scheint eine Erfindung eines Parfümherstellers oder einer Autofabrik zu sein.
Dass die Innerlichkeit ein von außen Kommendes, Fremdes von ganz nahe stechendes ist, ein Produkt, wird in der Marktgerechten Strukturierung des menschlichen Körpers zu einem marktafinen Körper längst vollzogen und steht im Text jeder Werbeagentur, oder: als Erwartung in psychologisch aufgeladener Literatur entworfen.
Warum? Weil! Schwierig. Mir fiel es nicht leicht. Die Konventionen sind es auch nicht. Stur, trotzig (gegen die Zukunft) habe ich mich, mein Werk geformt. Egal: Ich bin so großartig, dass es eine Frage der Zeit ist. Dass die Zeit mehr Zeit hat als ich, geschenkt. Dieser Icho-Saurier ist ausgestorben. Es ist kein Platz mehr für ihn da. Jetzt stehe ich also vor dem Schrott meines Werks, meiner Zeit: abgelaufen. Noch verteidige ich meine Herz-Kammer mit einigen Tricks und Drinks. Künstler-Sein gehört dazu. Das wußte schon Cypher als er wieder in die Matrix wollte. Mein erster Life-Kontakt mit Kunst war während meiner Armeezeit. 1986 sah ich Duchamps Urinal zum ersten Mal und meistens von Innen: Mit Rasierklinge während der Strafdienste als Soldat. Die künstlerische Überhöhung meiner Ich-Welt brauchte ich zum Überleben. Auf mich war Verlass, die anderen ließ ich nicht mehr ran. Vertrauen war tödlich, Mißbrauch gewöhnlich. Ich konnte das jahrelang nicht abstreifen (kaue heute noch daran).
Die Haltestelle,
Wo aus Insassen
Panzer werden,
Aus Worten
Gefängniszellen,
War noch da,
Aber kein Zug mehr
Fuhr irgendwohin.
Es ist nicht zu ändern, auch wenn es mir manchmal eine Träne füllt. Ich bin zur Kunst gekommen, um mich zu retten: dem Eindruck einen Ausdruck geben können: lebend. Aber ich war nicht bereit für mein Leben. Mit dem Rücken zur Wand/ die Zukunft hieß/ stehe ich vor Trümmern: ein Puzzle für meine Bilder. Es gilt, den U-Bahnschacht zu finden, der mich zur Geld-Arbeit fährt ecetera ecetera
(Das ist natürlich nicht alles.)
Das, was zum Malen, zum Zeichnen, zur Expression, zum Druckausgleich treibt, ist das noch nicht Da-Seiende, aber vorgestellte Bild, nicht das Malen als bloße Tätigkeit. Es ist der eingestandene Mangel an entsprechenden Ausdrucks- und Beobachtungsformen, der mir ermöglicht, überhaupt mit der wahrgenommenen Differenz zur Umwelt klar zu kommen – sie also als Differenz kommunizieren – artikulieren – zu können und als Differenz in das (artifizielle) Kommunizieren selbst eintreten zu lassen: im Bild, in der Skulptur anhand von Formen. Diese geschaffnen Formen markieren ästhetische Differenzen als Form gewordene Unterschiede und ebenso formieren sie potentiell unendliche ästhetische Differenzierungsmöglichkeiten (= Darstellungsoptionen). Malen, Kreation nur Aggregat. Ausdrückbares Leben als Ventil selbsterzeugter Lebendigkeit. Die eigene Wahrnehmungsfähigkeit -oder Begabung wird mit dem, was der Mensch schon künstlerisch zu kommunizieren weiß, stetig durch die praktisch-künstlerische Tätigkeit ins Verhältnis gesetzt. Eine Welt durch den inneren Zustand zu schleußen, heißt, das Innen, das Verinnerlichte wieder in Welt zu überführen, bedeutet, den eigenen Sprachraum in die Beschreibungsweisen der Welt einzubringen.
„Die Chronifizierung der depressiven Symptomatik ist als Folge langdauernder wiederholter schwieriger Lebenssituationen zu sehen, zu der neben der familiären Problematik die Arbeitslosigkeit (mit vielen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Praktika ohne Erlangen einer festen Anstellung) nach dem Ende der DDR hinzukam. Hier kann von einer Interaktion zwischen den oben genannten Faktoren der Umgebung und mangelnden Problem-Bewältigungsfähigkeiten – im Sinne von „Erdulden“ von Situationen statt aktiven Handelns – sowie negativen Attributionsmustern (stabil und internal: „Es ist meine Schuld, weil ich mich nie durchsetzen kann.“) mit Selbstvorwürfen zu sehen. Die Folgen der körperlichen Erkrankungen führten zu weiterer Verfestigung der Depression. Die Patientin erlebt sich ihren Beschwerden hilflos ausgesetzt, schafft es gleichzeitig nicht, ihr Selbstbild und ihre Aktivitäten in positiver Weise an die körperlichen Krankheiten anzupassen.“
„Der Patient beurteilt sich selbst als fehlerhaft, unzulänglich, krank oder benachteiligt. Er neigt dazu, seine unangenehmen Erfahrungen einem psychischen oder körperlichen Mangel seiner selbst zuzuschreiben, und hält sich wegen seiner angeblichen Mängel für wertlos. Oder aber er (bzw. sie) legt extreme Wertmaßstäbe an und beurteilt das eigene Verhalten als moralisch verwerflich oder unzureichend. Es folgt eine stetige Selbstunterschätzung und überzogene Selbstkritik.“
Eine unendliche Sinnsuche nach Negativität?
„[…] Das zeigt sich in einer mehr oder weniger aggressiven Abwehr des Umstands, dass es außerhalb des eigenen Selbst eine konkrete Wirklichkeit gibt, die das Selbst immer schon (und immer wieder neu) bestimmt. Diese Abwehr verbindet sich mit der Anklage ans Außen, dass, gemessen an der eigenen Unendlichkeit, keine Wirklichkeit je gut genug sein kann. Die Kehrseite einer solchen Aggression ist ein Gefühl innerer Leere. Kierkegaard nennt es Langeweile.“
Spieglein, Spieglein…
Aus mir kriecht die Normalität, Menschengeheul. Mit Systemkritik konnte ich einen Schirm spannen. Ich Narr, im Steinhagel hielt ich zuletzt den Stiel in der Hand – statt den Hammer. Das System habe ich mir wie ich mich betten wollte, zurechtgelegt. Das System konnte ich überall anschreien: mit meiner beschissenen Kindheit, die ich als Ideologie für mein Versagen mißbrauchen konnte. Von der Randnotiz zur Fußnote – mehr ist nicht rauszuholen. Forscher, dann Künstler geworden, um den blauen Flecken, Kopfwunden, Massakrierungen, der Angst einen Sinn zu geben. In meiner Kunst konnte ich mein Geheimnis gefangen halten, dass ich die nicht töte, die in mich rein ritzten – solang ich malen, zeichnen, spritzen konnte. Mit mir hätte ich anfangen müssen. Geworden bin ich: aggressiv, lautlos, arbeitend – bipolares Tier; im Schrei nach einer Eigentumswohnung. Heimlich in der Nacht, im Kunstknast, habe ich alle zerfleischt, AUSGETRETEN. Ich muß Krieg führen für die Margarine im Discount. Prognosen werden nicht erfüllt, dunkel im Maulwurfsbau – die Idee war teuer.
Und jetzt mit Adorno:
„Antithese. – Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Während er danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte er dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt. Solchem Eingedenken aber widerstrebt die Schwerkraft des Bürgerlichen in ihm selber. Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten. Die Kälte, die sie entwickeln muß, ist von der bürgerlichen nicht zu unterscheiden.“
„Etwas ist lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.“
Die kognitive Arbeit an einem Widerstand, einem Ereignis, inmitten einer Erfahrung verheißt eine Verarbeitung, Verabredung mit sich, um mit den neu einstürzenden Erfahrungen, mit neu aufkommendem Äußerlichen – wie es auch immer in Konfrontation mit unbekannter Erfahrung zustande kommt, zum Anderen sich ereignet – klar zu kommen. Sobald ich beobachte, wird das Beobachtete ein mir Äußerliches, ein Anderes, ein Außer-mir – in der Differenz zum Anderen bezeugt. Zugleich ist dieser Prozess ein Versprechen: sich abzuarbeiten an sich selbst mit dem anderen (Menschen, Ereignis, Phänomen). Das mir Äußerliche, meine Hände, Füße, Haare – das ist alles mein Körper, ist mit meinen Sinnen zu mir verbunden. Mein Leib ist mein Beobachtungsgegenstand. Mehr oder weniger durch mich kontrollierbar: entäußerbar und ausdrücklich. Beobachtung leitet Differenz ein: zu mir, meinem Gegenstand (der Beobachtung) oder zum sogenannten Anderen als bewußten Differenzierungsprozess im Beobachten selber (Beobachtung 2. Ordnung). Beobachtung ist schon Spaltung, Widerspruch zwischen Beobachtungskörper und (mutmaßlicher) Beobachtungsdifferenz. Ich kann nicht das sein, was ich sehe: Das Meer die Wellen dein Hals die Haut. Gerade, wenn man nicht bei sich wohnt, markiert das Andere das eigene Nicht-bei-sich-selber-sein.
Um über sich nachdenken zu können (z. B. als Simulation einer Erfahrung, als Empathie, als Sicheindenken in einen Anderen, als Empfindung), d. h. um einen Gegenstand für-sich aus sich heraus zu produzieren, zu begreifen, ist das kognitive System (Körper + ZNS + Gehirn + x) genötigt, in eine innere Kommunikation mit seiner leiblichen Begriffsarbeit zu treten. So kann der kognitive Körper sich selbst zuhören oder aus sich heraus malen, musizieren etc. In einer Art Beratung mit sich selbst, so dass in dieser Selbsterzeugung erst das genügende Potential geschaffen wird (die Differenzen oszillieren mit Informationen zwischen den Körperteilen = Wahrnehmungssinnen) bis schließlich eine Art stehende Verbindung, der oft begangene Trampelpfad, der (erfolgversprechende) Vorgang des Begreifens, der Entscheidungsfindung zustande kommt. Wird die kognitive Produktion vom vernunft- wahrnehmungsbegabten Körper getrennt, ihm abgeschnitten, weil es z. B. nur als reagierendes Element im Produktions- oder Kommunikationsprozess benutzt wird, findet er sich nicht wieder. Dann besteht die Gefahr, dass solcher Geist sich selbst befällt, verrückt wird und das kognitive Streben fällt in der Suche nach einem Ausweg, Auslass auf sich zurück oder über sich her. In intrinsischer Selbstbeschäftigung implodiert der Körper als schwarzes Loch. Er schmort im eigenen Saft.
Aus dem Mangel des Außen (Differenz kann nicht etabliert und produziert werden) wird die Abwehr des Außen generiert (Differenz wird vernichtet oder nicht zugelassen), um die erlittene Situation zu rechtfertigen. Das System ‚Bewußtsein‘ kann kaum mehr Differenz ertragen erzeugen und bricht zusammen, vor zu viel Neuem, vor dem Anderen, weil es durch die mangelnde Selektionsarbeit keine Differenz und in Folge dessen, keine Komplexität herstellen kann, die das System am Laufen hält.
Subjekt-Objekt-Schranke: Projektion, Vorstellung als Realitätstest.
Etwas – ein Objekt, einen Menschen, eine Sehnsucht – sich vorzustellen, impliziert Fehlstellen des Beobachters zum Beobachteten, als füllte man mit Vorstellungen aus, was in der Selbsterklärung von Umwelt noch nicht zustande gekommen ist. Vorstellungen sind gedanklicher Vor-griff aufs noch Nicht-Begriffene, Nicht-Gemachte. Eine Annäherung. Ein Ausdruck mangelnden Kontakts mit dem gegenwärtigen Sein (des Objekts), der Wirklichkeit. Vorstellungen, Annahmen beschleunigen, verformen die Dinge der Lebenspraxis, das Liegengelassene, die unfertige Materie in neue Zugriffs-Formen der Kommunikation. Vorgestellte, synthetische Erfahrung entpuppt sich als Spekulation über den gegenwärtigen Zustand des Objekts, des in Projektionen eingewobenen Anderen. Vorstellungen sind dann der Ausdruck unzureichender Anschlussfähigkeit eigener Erfahrung im Hier und Jetzt mit dem Anderen, aber vielleicht kann ich genau deshalb in der Zukunft anschließen? Eine Vorstellung unterstreicht die Subjekt-Objekt-Schranke zwischen Beobachter und Beobachtetem. Die Vorstellung eines Objekts, über das Objekt, geht über das Objekt hinweg: Jene Frau weiß noch nicht, das ich mir eine Beziehung mit ihr vorstellen kann, aber ich handele und behandele sie nach meiner Vorstellung.
Die Vorstellung über das So-Sein von Maria klebt den mangelnden Kontakt mit Maria – die Nicht-Erfahrung zu. Die Vorstellung wird Maria angeklebt. Die Person Maria wird vor der Erfahrung schon zugerichtet.
Aus einem anderen Blickwinkel ließe sich sagen, dass projektierte Zukunft (Pläne, Wünsche) erst gegenwärtiges Handeln provoziert, was auch heißt, dass eine Praxis in der Gegenwart nur mit Hilfe einer sich zugebilligten Zukunft gestaltbar ist. Also, wie soll man eine Beziehung, eine Familie planen, wenn auf deren Zukunft nicht vertraut wird?
An den Mond
Umarmt von
Haut
Offenen
Lippen und Wunden
Blicke werfend
Vom Balkon
In das Zwielicht der Bäume
Spät Nachts
Rauchend
Im Rausch
Bereit
Für
Die letzte
Formel des Glücks:
In Hautspalten der
Hoffnung
Offen für Liebe
Oder
Wenn nicht:
Halte den Augenblick!
In Kelchen der Worte
Wie Bienen
In schönsten Blüten
Tranken wir durstig
Berührten
Einen Sommer lang
Alles Farbige
Als
Rot tiefblau umzäunt
Der Mond
Eine Orangenschale
Zu uns kam
Am Ufer
Wo wir saßen

Das Jetzt eines Moments begrüßt in uns etwas, das vorher anfing. Es stößt uns dazu.
Getroffen von der Sprache vorgefundener Augenblicke stottern wir in die Zukunft.