Die weißen Flecken, die unbesetzten Landschaften, das Unbekannte, das noch nicht Erklärliche ist der Ausgangspunkt wie Brücke oder Sprungbrett zugleich, das so noch Nicht-Gesehene, Ungewusste in sprachlich bekannte Bezüge, Kontexte einzuordnen; also in eine eigene Beschreibungswelt zu transformieren, d. h., zu integrieren. Man gibt nicht einfach seinen Sprachraum auf. Die theoretischen Annahmen – erste sprachliche Proben, Spaziergänge ins Dunkle – versuchen, mit alten wortgewandten Maschen das Neue mit gewohnter Weltkenntnis, Erfahrungswelt zu beschreiben. Sie geben daher stets Auskunft darüber, wie sie neue Fragen, ungelöste Probleme (Phänomene) in gewohnte Modelle pressen, erfassen oder einfangen. Sie konstruieren ein Netz um das Problem herum, vernachlässigen mit groben Maschen, dann feiner werdend andere Gründe, Möglichkeiten bis eine Lösung, eine Antwort sich darin verfängt. Diese groben Maschen, Löcher sind anfänglich notwendig, damit Theorien, Annahmen – mit und gegen die etablierte Erfahrung – (im gewöhnten Erfahrungsraum) geltend gemacht werden können. Auch großzügige Raster schränken die Möglichkeiten von Aussageräumen hinreichend ein, damit die Annahmen innerhalb oder zwischen den Löchern, einen Handlungsraum ermöglichen und ihn damit als vorläufig existent konstituieren. Die Unwägbarkeit des neuen Geländes ist eine Art Prüfung alter Erfahrung: aber sie sind die Bedingung für die Brücke, die über dem unbekannten Sumpf konstruiert wird. Der theoretische Sinn wird „als Behelf zur Überbrückung eines Mangels an formaler Kapazität“ konstruiert.
Das viele Licht in meinem Auge, kommt ohne eine Tür nicht aus ihm heraus. Discus nervi optici: Der Ausgang ist der blinde Fleck hinten in der Netzhaut. Dort werden die lichten Ereignisse als nervale Informationen gesammelt, weitergeleitet. Die Weiterleitung von Licht-Reiz-Informationen braucht eine Öffnung des Netzes, bedingt einen Eingang in das Netz. Die Öffnung, die Sammellinse ist das Loch, das Kabel ist der Verlust genau an der Stelle, wo die Licht-Ereignisse ankommen. Sie müssen verschwinden, abfließen, um Platz für neue Lichter zu machen. Die Erregungen (Informationen) sind nicht losgelöst von ihrem Netz, dass sie fängt. Es existiert kein Reiz ohne Reaktion, ohne Differenzial zu seinem Null-Punkt bzw. erregungslosen Ausgangspunkt – bevor die Reiz-Information zustande kam. Je nach Beobachtungspunkt oder je nach Selektionskriterium werden die Reiz- Informationen als Differenz modifiziert. Diese Vertrübung, Beschränkung auf Differenzierbares zugunsten manifester Wahrnehmung ist jeder Selektion immanent.

©Hans Georg Köhler
Man weiß, dass man nicht alles sehen kann.
In der Unschärfe suchen wir noch den Vergleich mit bekannten – schon gesehenen – Gestalten, so flüssig, und formlos sie sein mögen. Eine Überprüfung des Sichtfeldes macht für den Blinden keinen Sinn. Man kann das Nicht-Wissen wissen, aber nicht orten. Das Wissen um die Leerstelle hilft nicht, sie zu füllen, jedoch sie zu bezeichnen. Man kann also die Lücke, die Leere verkleinern in unendlichen Annäherungen. Unsere Wissens-Kontexte bilden sich um sie herum. Die Produktion von Kontexten als Rettung vor dem Unbekannten setzt ein. Das Bezeichnen fängt niemals das Bezeichnete ein. Oder: das Projektil als Wahrnehmungssinn wird Projekt der Wahrnehmung – man zieht, was man sieht in Zweifel. Jetzt ist nichts mehr sicher. Die unerwarteten Treffer werden als Ziele ästhetisiert, oder das Unerwartete ist im Ziel, das Treffer wurde, maskiert.
Könnte der mit Blindheit geschlagene sich vor ihr schützen? Vor dem Sinnzusammenhang nur deshalb, weil alles zusammenhängt? Vor so vielen eiternden Angeboten und verkauften Eitereintrittskarten? Kann er leben malen lieben ohne die Lieder aufs eigne Ausrutschen? Könnte dieser Mensch sich davor schützen, dass er schwach ist, weil er menschlich ist? Könnte der Mensch im Stillen schreien, versteckend seine Einzelheit? ER WILL NICHTS LERNEN ABER AUCH NICHT SCHIEßEN.
Paranoia – Irrweg und Erkenntnis
Das Schicksal ist eine Täuschung, das mit steten Veränderungen wartet und Neues ins Leben schmeißt. Es nährt den Zweifel. Kontrolle ist besser.
Ja!
Nichts soll bleiben und
Nichts zu Ende gehen.
Dem Nebenbuhler konnte man noch heroisch in die Fresse springen, doch was im Leben unentwirrbar mit jedem neuen Tag lauert, bildet einen Schatten über alles, an allen Bedürfnissen klebt er, ist Fingerabdruck in jedem menschlichen Verhältnis – hinter den Plakaten unerkannt, die Verbrechen unter Deckung, warten die Masken des Irrtums, der Zweifel auf seine Saat. Alles könnte anders sein.
Ich lutsche an der Ananas. Ich kann das Glück nicht fassen, warum wird es mir zuteil?
Das Misstrauen gegen die Anderen, die ständige Sorge der stete Zweifel am Handeln Anderer – was beabsichtigen sie? -, als die Angst vor Verfolgung, Kontrolle, Durchleuchtung durch die anderen Verrückten, als Prozess, der in den Anderen böse Absichten kreiert: Paranoia. Ihr explosiver Kraftstoff: Verschwörungstheorie. Man kann paranoides Verhalten als Ermächtigung, als übergriffige, kontrollierende, zwanghafte Erkenntnis-Struktur begreifen, die sich gegenüber anderen Erkenntnisweisen erhebt, die sich ihnen voraus sich wähnt: als Imagination der Verfügung über die Sichtweisen, die andere Beobachter auf den eigenen Beobachtungsstandpunkt ausüben. Der Paranoiker glaubt zu wissen, was der andere über ihn zu wissen glaubt und welche Handlungsintentionen sich daraus ergeben. Er bemächtigt sich der Pläne, den unterstellten Intentionen, die die anderen schmieden – er weiß es vor ihnen, er will es kontrollieren. Das ermöglicht, die eigenen para-projektiven Konstruktionen als Konstruktion der Anderen gegen sie selbst zu setzen. Das ist die Watzlawick-Story mit dem Hammer.
Der Verfolgte folgt den imaginierten Verfolgern, will ihnen zuvorkommen – damit nicht nochmal passiert, was dunkel im Körper wütet, aber vorbei ist, was als Verlust noch gährt. Die Zukunft muss kontrolliert werden, so dass sie in die Gegenwart eingesperrt werden kann. Es soll nicht wieder vorkommen.
Der Verfolger oder die (vermeintlichen) Absichten der Anderen sind ideale Verkörperungen eigener – verschwörerischer – Kritik zu einem Menschen-Objekt, an dem eine potentielle Täterschaft abgeleitet werden kann. Diese Projektionsflächen bzw. Inszenierungen von Verfolger-Objekten (es kann ein Himmelsstreif oder eine gelbe Möhre sein) dienen mit jeder Fluchtbewegung, die sich im Misstrauen ausdrückt, der Stabilisierung der Position des Zweifelns, um das Trauma, den Auslöser der Flucht nach vorn, den Schmerz durch die Nicht-Anerkenntnis zu vernichten. Denn was anderes ist denn der Zweifel am Verhalten der anderen als die Abwehr, Infragestellung der anderen? Verschwörungen sind abhängig von solchen Ziel-Objekten. Jede Person, jeder Gegenstand kommt in Frage und wird mit Misstrauen markiert. Die Tat, das Trauma, das mögliche Opfer-Sein soll getilgt werden, indem die Täterrolle auf alles andere, auf andere Personen übertragen wird. Auf alles andere deshalb, weil das ursprünglich konkrete Trauma erfolgreich isoliert, versteckt wurde und der Kontext verschwommen ist – man tappt im Dunkeln, vor jedem ist die Furcht. Daher oft eine Generalisierung von „symbolischen Tätern“, der allgemeine gemeine Verdacht gegen alles neu herein Flutende, sich Ändernde. – So, als könne man mit Misstrauen die Möglichkeit des Betrugs im Zaume halten. Man möchte niemals mehr betrogen sein.
Der paranoide Terminator kehrt schließlich an den Tatort zurück, vor allen anderen, vor den Tätern, um seine Zukunft zu retten, indem er in die Vergangenheit zurückkehrt. Solang dieses Feuer nicht gelöscht ist, ist der Ort, „wo alles begann“ nicht gefunden. Es ist argumentativ leichter, sich als Opfer zu definieren und sich hinter bezichtigter Täterschaft zu verstecken.
In der Hoffnung, den Armen, den Zungen der Vergangenheit zu entkommen. Auf der Flucht vor der furchterregenden Welt lerne ich zu überleben, lerne ich die Furcht besiegen, indem ich selbst das Fürchten lehre.
Man will diesem paranoiden – durch Vor-Stellungen konstruierten – Welt-Haushalt unbedingt zuvorkommen, um eine selbstische Aktivität sich selbst gewähren zu können – um aus dem Verfolgt-Sein rauszukommen. Paranoia (Misstrauen) scheint ein Zustand zu sein, der die (spekulative) eigenmächtige Konstruktion von Weltzusammenhängen braucht, um diese als selbst-inszenierte Weltmodelle (als gültige Realität) gegen andere Weltmodelle zu setzen und sie zu untergraben, zu hintergehen, zu überlisten. Wenn etwas den konstruierten – angstbesetzten – Erwartungen/ Vorstellungen nicht entspricht, beweist das umso mehr, das für sich selbst entwickelte Misstrauen, den Zweifel, die Angst und berechtigt die eigene paranoide Vor-Sehung. Das Leben wird zum Fantasia-Tatort: Als Versuch, das zwanghaft wiederholende Muster zu beherrschen, endlich den Schleier abzureißen. Die unter paranoides Misstrauen gestellten Anderen, können das ihnen anheimgestellte böse Verhalten nicht umgehen: Sie erfüllen es oder indem sie es nicht erfüllen, bestätigen sie, dass sie Misstrauen verdienen. Die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ist aufgehoben, weil die Fremdreferenz durch das Misstrauen gegen die fremde Welt blockiert wird. Niemand kann sagen, wo es lang geht, denn die paranoide Selbstermächtigung tilgt die Zweifel der anderen, um den eigenen zu wahren. Die stetig konstruierte Evidenz der Möglichkeiten erfordert eine permanente – misstrauische – Reaktionsbereitschaft gegen sie. Als könnte man den (vorgestellt) zukünftigen Ereignissen „einen-Schritt-voraus“ sein. Das Paradox besteht darin, dass eine spekulierte, vorhergesehene Zukunft das gegenwärtige Handeln (in Hinsicht auf diese Zukunft) bestimmt, aber dieses Handeln hebt sich dadurch vom tatsächlich vorhandenen sozialen Lebens-Grund ab, d.h. vom Möglichkeitssinn des gegenwärtigen So-Seins. In der Absicht, der Zukunft im Hier und Jetzt schon habhaft zu sein, ist man der Gegenwart ganz enthoben. Die Welt ist nicht, was der Fall ist, sondern wird aus dem konstruiert, was der Fall sein könnte. Sie entsteht kommunikativ nicht aus dem, was gerade passiert, sondern aus dem, was passieren könnte. Angst essen Hirn. Paranoia dunkelt nicht die Erkenntnis, sie ist ihr Schatten. Sie ist eine Form der Beobachtung der Beobachtung, in der das Beobachtet-Werden in eine Endlosschleife der Selbst-Beobachtung implodiert. Die Bedingung der Möglichkeit verstrickt sich in den Möglichkeiten ihrer Bedingungen. Gut böse gut böse gut böse, ganz einfach.
Eine ehemals sinnliche Erfahrung von einem Phänomen X wird, wenn ähnliche, assoziierende Wahrnehmungsreize sich wiederholen, aus der von dem Phänomen (Wahrnehmungsreiz) erzeugten nervalen wie körperlichen Struktur wiedererkannt (in dem Sinn: die Nerven erkennen nicht, aber sie reproduzieren bei strukturell sich wiederholenden Reizschemen reproduzierbare Assoziationen). Der bekannte (trainierte) Wahrnehmungsreiz löst die Reproduktion, die Erinnerung an ihn aus. Die Assoziation war angelegt worden.
Ich hatte einen Traum: Ich befand mich auf einem Flughafengelände. Kurz vor der Abfertigung, Kontrolle zum Gate, bemerkte ich, dass ich meine Tasche, irgendwas Wichtiges vergessen hatte. Ich rannte also „zurück“ – schon im Traum viel mir als 2. Beobachter auf, dass ich exakt den gleichen Weg zurückgerannt bin oder: am Zurückrennen bemerkte ich, dass das der richtige Hinweg war. Ich mußte durch eine Tür zu einem großen Gebäude, eine Halle. Hastig trat ich ein: Alles Dunkel! Ich begann wild drauf los ins Dunkle zu rennen – und jetzt das Phänomenale: Mit jedem Schritt zeigte sich mir ein ca. ein bis zwei Meter kurzer Lichtflur, in dem ich ging rannte. Egal welche Richtung nahm, wohin ich auch hin und her abbog: stets eröffnete sich mir der Weg meines Laufens durch die diesen kurzen Lichtflur: Ich hatte einen Weg, weil ich ihn beging.
Beschreibt der Begriff der Transzendentalen Apperzeption (bei Kant) nicht gerade den Zeitumgang (d.h., die Zeit zu umgehen, als Erfahrungszeit auszuschließen) in der Erschließung von Erkenntnisgegenständen? Eine klare Vor-Stellung aus der sinnlichen Wahrnehmung zu bilden (Wikipedia), scheint als Vorgriff auf die (kommende) Zeit, Erkenntnis ohne sinnliche Wahrnehmung, d. h, Ratifizierung von Umwelt ohne Wahrnehmungserfahrung möglich. Ich muß nicht alles sinnlich erfahren haben, um Entscheidungen zu treffen – so wie in meinem Traum. Erkenntnisgewinn (aus Vor-Annahmen gebildet) wäre somit Zeitgewinn, d. h. man umgeht die Verlangsamung einer sinnlich noch zu erfahrenden Welt durch die Konstruktion von Gewissheit, von Urteilen – man überspringt sozusagen noch einzuholende Wahrnehmungserfahrung, weil die bisher schon gemachte sinnliche Erfahrung als nervale Verschaltung die angenommen nächste konstruieren hilft. So umgeht man dem Stein, dem Brett vorm Kopf, dem täglichen Stolpern ohne jedesmal die Erfahrung des Schmerzes zu machen. Die Wahrnehmungs-Erfahrung als eine sinnlich konstituierende Orientierung reicht als Bedingung der Existenz, der Erfahrung nicht aus oder ist nicht nötig – mit einer Vor-Annahme können wir schon nächste Schritte tun: Wir können aus gemachten Erfahrungen mehr oder weniger schließen, was uns erwartet. Mit den durch die spekulative Erfahrungserwartung, „Vernünftigkeit“ (à priori) erzeugten, also durch die Vor-Erwartung angenommenen wie dadurch gemachten Erfahrungen, überwinden wir den durch die sinnliche Erfahrung erzwungen Zeit- bzw. Erkenntnisstau. Diese Konfrontation zwischen jenen Nerven, worin Lichtgestalten (die sinnlichen Phänomene) abgelegt oder aufgefunden worden sind, mit ihren begrifflich mächtig operierenden Nachbarn, die die Wiederholung der Erfahrung durch operative Abstraktion (in Beschreibungen) verkürzen, hilft die sinnlich zugängliche Zeit zu überbrücken. Die Bedingungen der Möglichkeit eine Entscheidung, Codierung aus zu Vernunft geronnenen Erfahrungen zu konstruieren – also in der urteilsmäßigen Codierung nicht auf das sinnliche Erfahrungsmoment (vollständig) angewiesen zu sein, bedeutet, einen Unterschied, eine Form aus der (erwartbaren) Wahrnehmungsmasse zu extrahieren, ohne dass jener Unterschied oder jene Form im leiblichen Kontext der Wahrnehmung steht. Die – nun operativen – Begriffe der Beschreibung sind ihrer nervalen Leiblichkeit ent-sprungen. Um synthetische Urteile zu erlangen, ist es also Bedingung, aus der Schleife von Zeit füllender Wahrnehmung/ Strukturierung herauszukommen. Paradoxal: Synthetischer Urteile (präadaptive Entscheidungen, Annahmen) dienen als Konstruktion erwartbarer Phänomene. Durch die Barrikade der Erwartung (der Apperzeption/ Vorwegnahme) werden die sinnlichen Prämissen der Wahrnehmung als Erfahrungsgegenstand zu einer funktionalen Struktur konstruierbarer Objektbeschreibung verkürzt. Das synthetische Urteil – als apperzeptives Handeln – beschleunigt den Objektgewinn über dessen sinnlichen Gehalt hinaus. Die Verlangsamung des Denkens durch die Barrikade des durch Wahrnehmung erzeugten Objektgewinns wird durch Annahmen über das wohlmögliche, wahrscheinliche Phänomen, Objekt, durch Fantasie-Wahrnehmung, durch Träume überwunden.
Was das Auge im Innersten zusammenhält.
Den Vorgang des Wahrnehmens zu beschreiben, heißt, die funktionale Ordnung komplexer, selektiver Prozesse im Hirn zu beschreiben: da wird gefeuert oder nicht gefeuert, ja oder nein. Die Nervenzellen arbeiten schon – man sieht noch nichts, hat noch nichts gesehen, auch nicht den gelben Kombi vor der Tür, aber bevor ich ihn beschreiben kann, war er schon da. Diese Wahrnehmung sichernden nervalen Prozesse zwischen uns und den Dingen vor uns und unserem Körper, zwischen unseren Sinnesorganen und deren gehirnigen Korrespondenz miteinander, bewahren und modellieren die selektive Komplexität der Wahrnehmungssinne: Als Wahrnehmungs-Erleben kann ich es beschreiben – als Wahrnehmen des Wahrnehmens. Ich sehe die rote Blume: „Ich sehe“ – als sprechendes Zitat der Beschreibung des Wahrnehmungs-Erlebens und „die rote Blume“ – als Wahrnehmungsbeschreibung des Wahrnehmungsaktes. Wahrnehmung gestaltet Erfahrung und Erfahrung wirkt auf Wahrnehmung ein. Gelungene Wege wirken sich verstärkend aus, d. h., sie realisieren eine Selektion wahrnehmbarer Phänomene. Dieser Prozess hinterlässt Spuren, bildet Wege und bildet sich als De- wie Codierungsordnung, als ein Geäst im Wahrnehmungssystem unseres Körpers heraus. Das Licht brennt sein Spektrum: Es leuchtet oder leuchtet nicht, die Nervenzelle feuert oder feuert nicht. Erinnerungen an Wahrnehmungserfahrungen sind gleichsam hinterlassene Reifenspuren wie Fahrberichte in, für uns. Der Fahrer bildet mit dem Auto, dem Asphalt und seinem Blick ein System von Sinnesabhängigkeiten: sehen, riechen, fühlen, hören. Die erzeugten Sinnes-Spuren können nicht einfach verschwinden, denn sie fahren stets mit. Mit jedem Blick, Geräusch benutz ich sie. Jeder Ein-Druck bleibt Spur, jeder Sinnes-Schritt ermöglicht den nächsten. Bevor Selektionskriterien – oder: Sinnes-Sensationen – abstumpfen, können neue etabliert werden, die die Differenzierung weiter antreiben. Die „Gewöhnung“ an wiederholt auftretende Wahrnehmungsereignisse ermöglicht eine weitergehende Differenzierung von Wahrnehmungsmöglichkeiten: die bekannten werden als bekannte durchgelassen und Ressourcen für neue werden ermöglicht. Die Wahrnehmung als Orientierungs- bzw. Beobachtungs-System kann ich nicht verlassen, weil ich mich an meine Welt gewöhnt habe, in ihr bin und meine Wahrnehmungssinne nicht von der Welt zu trennen sind – sie sind aus ihr entstanden. Mein Wahrnehmen kann durch stete Erweiterung (Selektion) der Wahrnehmungsmöglichkeiten /-Kriterien erhalten, stimuliert werden. Dass wir manche Musik im ersten Ton erkennen, bezeugt dies. Der Komplexität oder: der Selektion von Wahrnehmungsakten – stetig feiner sich einander abstufende Sinne – ist bis zum Tod keine Grenze gesetzt. Betriebsblind wird man, wenn die erreichte Wahrnehmungsstruktur nicht weiter differenziert werden kann, ohne den Stimulus der Differenzierung erschlaffen unsere Sinne.
Kindheit
Ich brauchte Wahnsinn
Bezwängt von Fäusten früh bis spät,
Zwischen Frühstück und Abendbrot
Tränen im Kopfkissen und Essbesteck
Fein sortiert,
Kaputte Tassen
Ein Verbrechen.
Tag für Tag
Stück für Stück
Grün und blau
Mit Nase Mund und Auge
Schneid ich Vergangenheit ab
Mit Dichtung Silikon:
Kein Tropfen, der da durch kommt.
Einer meiner immer Abschied.
Die Schläge härteten
Die Haut
War dünn
Wurde Panzer mein Körper
In täglicher Runde mit
Faust Schlag Schrei
Wurde Narbe ist Spur
Im Fels
Der Erinnerung
Sind mein Brunnen und Zeuge
Der Treffer
Gegen kleine Hände, die wiederholt
Aus mir
Vor mein Gesicht sprangen
Schutz suchend
Damals.
Dieser Mann, dieses Schwein
Fällte täglich sein Urteil
Mit Fäusten, Kohlenzange oder Lederriemen.
Ein Quicken ohne Ende.
Es war mein Körper Kopf
Meine Wunde
Mein Schrei.
Ich musste warten.
Bis jetzt.
„Wenn Sie einen Millionär suchen, ist Monte Carlo der beste Ort. Ich liebe es, alles zu vereinfachen. Vereinfachen ist am einfachsten, wenn man Geld besitzt. Meinem Mann gehörten Casinos und Hotels dort und auf den Bahamas, wir hatten eine herrliche Zeit. Es ist wahnsinnig traurig, dass dieser Mann so früh sterben mußte. Meine Trauer war so groß, dass ich mir erst nach 6 Monaten einen Diamanten gekauft habe. Er hinterläßt ein großes Vermögen. Man darf vom Leben nicht zu viel verlangen.“
Herbert Spencers Satz survival of the fittest ist ein oft gebrauchtes Zitat, dass in positivistisch-normativer Weise dafür herhalten soll, wie soziales Handeln – Interagieren – als Überlebenskampf in die Gesellschaft zurück in eine Naturwüchsigkeit geätzt wird, aus der wir als Menschen einst entstiegen sind. Gesellschaft soll in unabänderliche Natur gestampft werden. Der Imperativ der kapitalistischen Produktion wird in alle, auch in kleinste soziale Interaktionen der Menschen und deren kommunikative Verhältnisse getrieben. Als wäre das schon immer so und als hätten wir nichts anderes zur Hand, unsere Ellenbogen, unseren Egoismus mit evolutionären Erkenntnissen zu schmücken. „Bereite dich vor, eine bestimmte Funktion nützlich auszufüllen.“ Der eskalierende Prozeß der Arbeitsteilung wird als Funktion des sozialen Bedürfnisses gemünzt. „[Es ist] unsere Pflicht, ein vollendetes und ganzes Wesen werden zu wollen, ein Ganzes, das sich selbst genügt, oder im Gegenteil dazu dient nur Teil eines Ganzen zu sein, Organ eines Organismus?“ 50 Jahre später konstatiert Brecht die Folgen solcher Funktionsbestimmung für diejenigen, die mit dem Gewissen der eingeimpften Produktionsgerechten Pflicht gegen ihre Ent-Pflichtung arbeiten, wenn sie nicht mehr in regressiven Produktionszusammenhängen stehen: „interessant, wie eine funktionsabdrosselung die person aufdröselt. das ich wird formlos, wenn es nicht mehr angesprochen, angegangen, angeherrscht wird. selbstentfremdung setzt ein.“ Der Job muß Spaß machen, um das abstrakte Verhältnis des bürgerlichen Individuums zu seiner falschen Freiheit – als Wahl zu seiner Funktionalität – aufrecht erhalten zu können. Seine Leistungsbereitschaft ist längst beschlossen worden. (Ich möchte Spaß, Freiheit und Leistungsbereitschaft in Anführungszeichen setzen. Die Worte werden zu Lügnern.) Die Verschleierung des ökonomischen Drucks – dessen Affirmation zum Berufsethos – geht einher mit der Ermutigung zum selbst gewählten Gefängnis. 3 Tage später schreibt sich Brecht selbst in den Spaltungsprozeß entfremdender Arbeit ein: „das individuum, das mehr und mehr sein ansehen (ist gleich: charakter) von der produktion zu gewinnen hat, geht hier durch eine böse phase, da die produktion eben gedrosselt und manipuliert ist. gewöhnt daran, meine würde zu nehmen von der würde der aufgabe, meine bedeutung von der bedeutung, die ich für die allgemeinheit habe, meine energie von den kräften, mit denen ich in berührung komme, wo bleibe ich, wenn die aufgabe unwürdig, die allgemeinheit depraviert ist und wenn in der umwelt keine energie sich sammeln kann?“
Den präformierenden Bedingungen des Existenzerhalts/-verkaufs kann man kaum entkommen, indem sie erstmal als Pflicht erfüllt bzw. als notwendiges Übel angenommen werden. So, als wäre man am Ende des Tages frei und könnte die Kür für das vermeintlich eigene Leben beginnen, das es niemals mehr gibt. Die von solcher pflichtbehafteten Produktionstätigkeit bestimmte Daseinsweise – worin die eigene Existenzkraft zur Verfügung zu stehen hat, erlaubt nicht zwingend eine Bewußtseinsweise, die eine menschliche Existenz inmitten affirmativer Fremdbestimmung konstruieren kann. Das Abtauchen in die Pflichterfüllung (ich mach hier nur meinen Job.) als funktionsbestimmtes Versteck, um nicht erkannt zu werden, lässt desto weniger den sich Verkriechenden frei. Eine Rechnung wie ein Fliegenkleber. Die Pflicht ist hier Ausdruck der angenommenen Resignation, die sich nicht aus der unverschuldeten Unfreiheit lösen kann. Die Freiheit ist vom Einzelnen nur als Selbst-Täuschung zu erlangen, weil sie in der Verfügungsgewalt des Beherrschtwerdens steht. Diese Pflicht steht der Frage nach einem Sinn des eigenen Handelns im Wege, aber wenigstens hat es für diejenigen Arbeiter, die auf Geheiß handeln – in der Pflicht stehen – Geltung: Man ist dem Handeln bereitwillig nachgekommen, so als wäre es ein eigenwilliger Entschluss, als hätte man selbst gehandelt. Und diese Behandlung zur Gewissenlosigkeit gegenüber sich selbst wird als wenigstens tue ich was, und komme der Pflicht nach, etwas zu tun… schöngeredet. Die Freiwilligkeit zum Zwang, enthebt ihn nicht seiner Wirkung. Aber auf der Autobahn können wir manchmal rasen, egal, mach Platz da, verdammt schon wieder Tempolimit…
Es gehört zu den Schwierigkeiten im künstlerischen Prozess, dass mit zunehmender Tiefenforschung, Abstrahierung der Formen, Verfremdung des Materials der ehemals gewohnte Verweis auf ein Phänomen, einen Satz, eine Abbildung etc. zugunsten neu zu entdeckender Formen vernachlässigt wird, oder gar aufgelöst erscheint. Die ästhetische Präsenz einer Darmschleife, eines Leberlappens, der noch frisch rötlichen Aorta auf dem Seziertisch der veterinärmedizinischen Abteilung oder dem an technischer Kälte nicht zu überbietenden Stahlblech im Schlachthaus lebt vom aufgelösten Organismus/ Zusammenhang, denn das Tier als Untersuchungsgegenstand ist in vereinbarte organische Strukturen zerlegt worden: Herz, Lunge, Niere, Magen, Darm etc.

Die Flügel der Fliege sind nicht herausgeschnitten, um zu verstehen, sondern nur, um ihren schönen Glanz zu zeigen. Stell dir vor, ein Arm wird von deinem Körper getrennt, weil er so wohlgeformt ist.
Die ästhetisch anmutende Außenhaut der Form schiebt sich in der Kunst über die funktionelle Form des organischen Innenlebens. Die Funktion hat sich ganz in die Form zurückgezogen. Die Abbildung ist Bild geworden.
Wenn wir malen, werden die herausgerissenen Teile eines Ganzen wieder zu Formen eines anderen.
Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas als Einschränkung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herauslösenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand intensivierte Beobachten, Beschreiben mit anderen herausgelösten Objekten vergleichbar zu machen und ihre Differenzen zu nivellieren. Es entstehen Superobjekte, die zur Norm für andere Objekte werden. So fährt man zu verschieden Orten auf mit Sichtschutz begrenzten Autobahnen – Erfahrung ohne Landschaft. Vergleiche werden zwischen Mauern aus Kategorien gefällt.

Foto vom Autobahnneubau A 38 © Karl Weise, 2006
„Die Gleichheit liegt nicht in den Dingen, sondern in der Markierung, die es ermöglicht, Dinge ohne Berücksichtigung ihrer Differenzen zu addieren. Die Markierung bewirkt, dass die Differenz getilgt wird […].“ Die Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit zugunsten einschränkbarer Details und erzwingt die Schrumpfung der Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer Vergegenständlichung zum Beschreibungsmaterial – Töne zu Noten, Wiesenlicht zu Pantone-Farben, Berührung zu Kilogramm – fungiert für die eingeschlossenen Geißeln der Wahrnehmungssinne als unabgelenkte Tunnelfahrt. Sie soll den Beginn des objektiven Beobachtens, Denkens bedingen, nachdem viel Gegenwärtiges weggeschlagen worden ist. Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit der Kalkulation eingefroren. Die Herauslösung des Gegenstands oder des Phänomens durch die Beschreibungskriterien kann nicht durch neue Modifikation der Kriterien rückgängig gemacht werden. Der Ausgangspunkt kann durch einen neuen ersetzt werden. Die objektivierende Beschreibung schleppt ein Präteritum des Objekts in die Gegenwart des Beschreibens. „Alle bewußten Erfahrungen und Handlungen sind von einem Erinnerungsvermögen abhängig.“
Funktionsstörung
Es entsteht eine problematische Situation für den Menschen, wenn der Zusammenhang von Erfahrung und Erinnerung stetig durch neue Erfahrungsforderungen angegriffen wird. Das (erinnerbare) Erfahrungspotential wird durch stetig neu zumachende Erfahrung verkümmert, überschwemmt das Vermögen des Sich-Erinnerns und stellt es in Frage. Die erlernte Gewohnheit ist nutzlos, was ehemals hilfreicher Stift war, ist Stachel – wozu ist er da? Ständig sich wandelnde Objekte, sind schwerlich durch Objektivierung festzusetzen. Die Spezialisierung im Rationalisierungszwang des zweckgerichteten Denkens dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion. Noch eine psychologische Seite: Wenn die verstärkte Benutzung der Ratio Wahrnehmungsquantität reduziert als Einschränkung zugunsten der Konzentration, die Übersicht gewährt, impliziert dies einen Ausschluss von Umwelt, Mannigfaltigkeit. Die Reduktion fungiert als Gegenreiz im Rückzug zum inneren Fluten, weil die allgegenwärtige Welt, die zunehmenden Produktschreie überall die persönliche Welt zerstört. Briefmarkensammler, Spinnenmelker.
Entfremdung
Mit der ins Private geretteten Macke, in die persönliche Kleinstruktur (Freizeit, Familie) übernommenen Kauzigkeit – mangelnde Fremdreferenz? – wird im Subjekt die entkörperlichende Arbeitsweise/ Handlungsstruktur zur pathologischen ratifiziert. Denn was als monotoner Handgriff in den Stätten der Produktion als Bedingung für komplexe Arbeitsteilung gilt, dringt im entspannten Zustand – in der Nichtarbeit – an die Oberfläche der von sich entfremdeten Sinne. Es wird das Sehen, Berühren, Fühlen, Kotzen gefeiert. Das Innegehaltene läuft über den Rand des Gefäßes – alles muß raus! – Der nichtangewendete Mensch arbeitet gegen sich – er will jetzt seine Sinne spüren, handgreiflich werden. Er agiert sich gegen seine Spezialisierung aus. Als exerzierte der gepresste Mensch sich selbst noch einmal vor, um in dieser Selbstgewähltheit dysfunktionaler Freiheit Schutz zu finden? Die Macken, die Tics etc. das letzte Refugium. Ein Spiel aus Reduzierung und Verstärkung von Bewußtseinsreizen, je nach Stellung oder Funktion im Produktions- oder Kommunikationsprozess, der sich auf die Ware bezieht, durch Waren getrieben wird und schließlich nur in Warenform sich ausdrücken kann. Ist es das, was Marx mit Entfremdung meint?
Der Fokus auf Details und absolute Wahrheiten, die die Nacht durch den Tag verraten, haben gemeinsam, dass sie das Privileg ungeteilter Aufmerksamkeit gegen alles andere genießen. Man braucht eine spezielle Haltung, um andere Bedeutungen für die eine besondere aufzugeben. Das Besondere als das große Minus vor dem Allgemeinen. In dem Sinn engt Spezialisierung andere mögliche Bedeutungen ein – zugunsten eines Besonderen. Spezialisierung als eine Flucht „in die Blindheit gegenüber der Vielzahl der Möglichkeiten“ Wenn man sich für einen Gegenstand interessiert, ist das Interessante an ihm dadurch besonders, weil es im Fokus der eigenen Aufmerksamkeit steht. Man sieht genau hin, d. h., man konzentriert sich auf einen ausgewählten Ausschnitt – alles andere lässt man weg, schneidet ab, fliegt weg. Der so fixierte – spezialisierte – Blick auf das auserwählte Objekt negiert zugleich alle anderen möglichen Konstellationen des Wahrnehmens. Ein Mehr halten wir nicht aus. Die Fixierung des Objekts durch die Prämissen der Beobachtungskalküle ermöglicht eine Loslösung des beobachteten Objekts von seinen Zusammenhängen mit anderen Objekten und führt zur Trennung des beobachtenden Subjekt von seinem Objekt. Man muß sich entscheiden: was nicht zugleich am Objekt beobachtet werden kann, wird abgeschnitten – auch wenn es auf derselben Sichtebene liegt. Einfacher ist es doch, den Rest zu erfinden, aufzufüllen, passend zu machen und sich aus der Verantwortung des eigenen Blicks zu stehlen. Denn „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemachte werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.“

Auge Auge, Zeichnung auf Papier © Hans-Georg Köhler, 2012
Man könnte auch sagen, dass der „blinde Fleck“ gegenüber ganzheitlichen Zusammenhängen dem spezialisierten Auge Rechnung trägt. Wenn man also nicht „alles“ im Blick behalten kann, sollte man sich auf etwas Besonderes fokussieren. Der durch okulare Blickschnitte konstruierte blinde Fleck markiert daher sowohl eine Art Überfülle an Wahrnehmbarkeit wie deren Abwehr durch Konzentration auf Einzelheiten. Die Münze der Auslöschung ist Spezialisierung. Die Vereinzelung der Techniker, Wissenschaftler, der „verrückten Professoren“, Literaten, Künstler bildet das Herauslösen aus der autistisch anmutenden Überfülle des Wahrnehmbaren ab. Es entsteht „ein Geschöpf reduzierter Vollkommenheit, das seine Chancen seinen Einschränkungen verdankt.“ So erscheint eine Konstruktion möglich, in der das Besondere wie Ausgeklammerte zum Modell einer beobachtbaren Welt wuchert: Der reduzierte, eingeengte Blick wird zum Ausgangspunkt von Welt-Beobachtung. Aber genau mit dieser irren Intention, Welt aus den (freiwillig) beschränkten Wahrnehmungs-Ableitungen durch „objektive“ Normen zu konstruieren, wird der Körper zum letzten Einsatz gegen die Maschinerie operativen Lebensvollzugs. In Hinblick auf den ausschließlichen Charakter des Zeigens, des Aus-Stellens, wie es in der Kunst geläufig ist, können wir aus der Beobachterperspektive 2. Ordnung – das Beobachten des Beobachtens – begreifen, dass das besonders Gezeigte immer auch auf etwas anderes hinweist, als es den ersten Anschein hat. Die Eingrenzung, die durch das Zeigen markiert wird, schleust das Nicht-Gezeigte als Ausklammerung ins Zeigen mit hinein – als Ausgegrenztes. Die Grenze oder die Differenz läuft mit – könnte man sagen. Gerade in dem Gezeigten sehen wir nicht nur die Konzentration auf etwas besonders Ausgedrücktes eines Künstlers als sein Augenmerk, als seine Beschränkung, sondern auch, dass in dieser Beschränkung nicht nur Rückzug bzw. Konzentration stattfindet, sondern ebenso Hinweise auf das durch die Formen ausgesondert Verlassene, auf das Verlassene selbst gezeigt werden kann. Die Grenze des Zeigbaren befindet sich im Gezeigten, wird durch das Zeigen realisiert.
Dass spezialisierte Einseitigkeit als normative Setzung des wissenschaftlichen Apparates und der Produktion (Arbeitsteilung) auf ihre Bediensteten durchschlägt, ist die an der Produktion rationalisierte und geförderte, aber tatsächlich individuell auszufechtende Seite des problematischen Prozesses der Ausdifferenzierung sozialer Handlungsfelder. Die aufgezwungene und erforderliche wissenschaftliche Einseitigkeit (Konzentration, Stilisierung wären hierfür auch brauchbare Worte) ermöglicht damit psychogene Strukturen, die zur Störung, zur Verrückung des Bewußtseins führen. Die Etablierung eines besonderen Interesses engt natürlich die Möglichkeiten für andere Interessensgebiete ein. Die besondere Begabung – ob für Zahlen, Formen oder Partituren – ist dann gesellschaftlich anschlussfähig oder wird herausselektiert. Daraus folgen die gesellschaftlichen Normierungen bzw. Stigmatisierungen. Die Kompatibilität einer speziellen Begabung zu anderen sozialen Handlungsräumen hängt von ihrer individuell ausgetragenen Anpassungsfähigkeit bzw. sozialen Akzeptanz ab. Ein „passendes“ Individuum existiert nicht, sondern nur dessen mehr oder weniger großer Konflikt, Anschlussfähigkeit zu erlangen.
Moderne Individuen finden sich in einer ambivalenten Situation vor: Auf Grund ichfeindlicher, d. h. aufgezwungener Berufspraxis nimmt die soziale Isolation des Individuums zu, obgleich es diese soziale Verarmung mit elektrisch-algoritmisch kanalisierten sozialen Medien (Skype, Facebook, Instagram, twitter etc.) zu überwinden sucht. In diesem elektrisch-algorithmischen Raum ist es angehalten – neben dem ästhetischen Repräsentationsbedürfnis – eine ästhetische (Re-) Konstruktion seines Lebensentwurfs voranzutreiben. Es ist seinem medial inkorperierten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ausgesetzt. Das wiederum schlägt in eine Art Zwangsvernetzung der permanent zur Verfügung und Verwertung stehenden Akteure um. Die soziale Isolation zwingt eine Art Selbsterhaltung durch Selbstverstärkung auf – bis die isolierte Person in ihrem Spiegel implodiert und ihre Ich-Maske erkennt: Personae. Die monadische Selbstbetrachtung – alle habhaften Ereignisse, Objekte, Menschen durch das ichige Nadelöhr zu ziehen und zu prüfen – treibt das (künstlerische) Subjekt desto mehr in existentielle Ausnahmezustände. Die Individuation ist nicht eine Charakterfrage, sondern sie ist den Arbeits- und Lebensumständen verpflichtet; sie entsteht als Defekt aus ihnen. Wenn man Krankheiten als Individuationsprozess inmitten eines soziaen Umfelds fassen kann, so kann das soziale Umfeld des Individuums in sein Krankheitsfeld einbezogen werden. Schon deshalb, weil die soziale Realität des Individuums in ihm selbst als seine Symptomatik ausagiert wird und an ihm als gesellschaftliche Stigmatisierung durch den Begriff der Krankheit kenntlich ist. Charakteristisch ist der Zirkel in dem sich dieses Individuum befindet: Aus der existentiellen Notdurft nach sozialer Integration (Aufmerksamkeit) folgt Isolation, folgt die Absenz vom gesellschaftlichen Common sense und daraus entwickelt der Kranke, Verrückte, Künstler seinen ästhetisch-existentiellen Ausschrei. Die Arbeit zur Selbstbehauptung läuft permanent Gefahr in narzisstischen Nihilismus auszuarten: Die oder ich. Vom Rand des Ichs in sein Inneres vorzudringen, zerstört es. Es wird durchlässig, sensibel, um permanent den Augenblick der eigenen Hölle, des eigenen Spiegels ästhetisieren zu können und das Leid, den Schwerz als die eigene abgerungene Expression vor sich hin zu stellen: Als Bild, Skulptur, Performance, als abwehrendes Distanzversprechen gegen die idiotische Welt. Dem gepflegten Bewusstsein der Verletzlichkeit – Sensibilität – und deren ästhetische Verteidigung geht die Verletzung des Bewusstseins voraus. Kunstmachen ist beides: das Bewusstsein von Verletzung (in die eigene selbstverschuldete, aber ohnmächtige Freiheit entlassen zu sein) und die Verteidigung der Verletzung mit ästhetischen Mitteln, um sie als Lebenszweck zu behaupten. Es sind die Fäden zum Wirrwarr verschachtelter Begriffs- und Ordnungssysteme, verweisender Hypertexte, Kontexte, Hieroglyphen, die ich als Netz auf mein ästhetisch motiviertes Handeln werfe, so steck ich darin wie ein sich selbst fangender Fisch.
Es sind Ariadnes Fäden, die mich selbst zahlreich in gelobte Wege einspinnen und zu täglich wechselnden Standpunkten zur Hölle der Affirmation drängen.
Selfieversum
Warum werden so viele Urlaubsfotos, Selfies, Permanent-Fotos auf Partys und Shots vom Fernsehturm, von Sehenswürdigkeiten gemacht? Dient das Rumballern mit Fotos in social-media Kanälen als touristisch-terroristische Aneignung von Welt, die mit ihrem großen digitalen Treibnetz keine Objekt-Oase durch die neugierig-kolonisierenden Objektive entkommen lässt? Ohne fotografische Aufnahme droht das Gesehene, Erlebte ins Nicht-Passierte zu versinken. Widersprüchlich ist die Differenz zwischen der singulär anmutenden Intention der fotografierenden Person, die ihren Moment bannen will – egal, wo er im Foto-Ordner abgelegt wird und wie überquellend die je einzelnen Momente sich im Wege stehen – und ihrem Bedürfnis, den erkorenen Moment mit aller Welt teilen zu wollen (wo doch der Fernsehturm als Motiv millionenfach reproduziert wurde). Oder sind wir mit dem, was wir individuell von uns abbilden, beliebige, austauschbare Teile des Rauschkörpers Menschheit? Erringen wir geradezu die Beliebigkeit der Orte, unterwerfen wir sie durch das tausendfache Abbilden, um selbst nicht zu sinken? Das gepostete Foto soll eben nicht zu individuell sein, sondern mehr den Anteil am Durchschnitt markieren: es matched mit dem Gros der Adressaten. So geht mit dem Bedürfnis nach geteilter Aufmerksamkeit auch eine soziale Stabilisierung des fotografisch gebannten Er-Lebens durch dessen medial-soziale Verteilung einher. Es scheint, dass mit der verinnerlichten Blick-Technik sozial-medialer Reproduktion von persönlichen Erlebnisses eine Sicherheit, d. h. Vergewisserung über das eigene soziale Leben gewonnen wird. Geht’s dir nicht auch so? Ja, dort war ich auch schon mal.

© Hans-Georg Köhler, 2021
Realität zwischen Fotografie und Bildender Kunst
Im 19. Jahrhundert stellte die aufkommende Fotografie das Selbstverständnis der Bildenden Kunst in Frage. Landschaftsmalerei, Porträt, Stillleben, Handwerksszenen verloren den mimetischen Blick der Künstler als Realitätsverweis. Jenseits eingeforderter Authentizität zu als real empfundenen Vorstellungen über gesellschaftliche Landschaften sind und waren die Kunstwerke geprägt von künstlerischen Eingriffen und Verklärungen in diese. Die in die Kunst des 19. Jahrhunderts hereinbrechenden revolutionären Abbildungstechniken sprengten die herkömmlichen, omnipotent-künstlerischen, d. h. natürlich auch: eigenmächtigen Darstellungsweisen gesellschaftlicher Realität, und entzog dem Dargestellten den Makel des individuell-anhaftenden Blicks, ja, emanzipierte das Abbilden von der Expertise der Künstler. Der Geschmack an Wirklichkeit brauchte für seine technisch machbare Nachbildung keine gesonderte künstlerische Form mehr – die fotografische Nachbildung von Wirklichkeit wurde populär – und die künstlerische Form wurde der verinnerlichten naturgetreuen Referenz auf außerkünstlerische Formen ledig: In der künstlerischen Form wurde nun selbst – unabhängig von Authentizitätsverweisen gegenüber von Realitätsreferenz – eine inhaltliche Selbstbestimmung gesucht. Die Authentizität als Treue zum Nachgebildeten entwickelte sich zur Authentizität des künstlerischen Prozesses (mit all ihren noch heute zu findenden Mystifikationen). Das Authentisch-Sein des Kunstwerks konnte in der Künstlerexistenz geborgen werden, nahm dort Zuflucht. Die Selbsterfindung des Künstlers mußte sich fortan an eigenen, selbstbezüglichen Erfindungen von Formen im Kunstwerk messen lassen.
Wiederholung und Zugriff
Das revolutionäre der Fotografie war, dass nun massenhafte Seherfahrungen in massenhaften Reproduktionen bildlich abrufbar, d. h. wiederholbar dargestellt werden konnten. Man brauchte nicht mehr in verschwommenen Erinnerungen stecken bleiben, sondern hatte jetzt ein wiederholbares Wahrnehmungs-Abbild zur Hand. Die Fotografie konnte Wahrnehmungs-Erfahrungen, die bisher der Kunst oblagen, schneller zu Ab-Bildern formen und vervielfältigen. Die Ähnlichkeit mit dem Objekt als Wirklichkeitsbezug emanzipierte sich in der Fotografie gegen die Bildende Kunst und verlor in den künstlerisch langsameren – und kostspieligeren – Darstellungsweisen ihre Wirklichkeitszitierende Bedeutung. Dieser Zusammenhang von auf Wiederholung insistierender Wahrnehmung der Reproduktion und Produktion von neuen fotografischen Wahrnehmungsangeboten beschleunigte nicht nur den Prozess der Verbreitung von Wahrnehmungsofferten aus dem Produktionsumfeld (als Repräsentationskommunikation der Produktion), sondern auch die Entwicklung der technischen Reproduktionsleistung der foto-technischen Apparatur. Die kapitalistische Produktion begann sich deren technisch-erfassbare Abbildbarkeit in ihre Selbstwahrnehmung einzuschreiben. Ihr Selbstverständnis pocht auf die Objektivierungstechnik der neuen Apparate und wird in Zahlen, Fakten, Daten gegossen. Die menschliche Seh-Erfahrung wurde in technisch erfassbare Kalküle überführt wie beschnitten und durch kalkulierbare Erfassungsmedien geändert. Der menschliche Blick konnte auf das Format erweitert wie fixiert werden und ist technisch ausdifferenzierter geworden, er ist vorhersagbar in die Maschine geflüchtet und kann durch sie abgebildet werden – wenn man den Blick für sie hat. Es entsteht eine menschlich-technische Verwandtschaft zwischen der individuellen Technik der Abbildung, den Foto- und Reproduktionsapparaten und der Abbildung von Technik. Es ist technisch naheliegend, dass die Produktion von Abbildungen irgendwann mit ihrer produktkonformen Verwertung zusammenfällt: Beinah jedes Foto, das in modernen Kameras entsteht, löst ein investigatives Ereignis aus: Die stehende Verbindung durch Geotagging, permanente Internet-Anbindung ermöglich eine weltweite Verortung des Abbildungs-Ereignisses (das Ereignis ist jetzt ein technisches) und weltweiten Zugriff auf dieses technisch kanalisierte Ereignis. Es ist kaum ein Foto mit dem Handy zu machen, dass nicht von Serverfarmen gespeichert und letztlich für Netzwerk-Konzerne und IT-basierte Geschäftsideen abrufbar und daher auswertbar deren Nutzung unterliegt. Gesichtserkennung, Produktplacement etc. Es kommt zur Annäherung zwischen dem einzelnen fotografisch herausgerissenen Objekt und seiner reproduktiven Erfassung: Eine potentielle Vervielfältigung durch Verwertung oder Entwertung durch Vervielfältigung ist jedem Schnappschuss eingeschrieben.

fifty layers of Fernsehturm © Hans-Georg Köhler, 2021
So wie die Produktion auf sich selbst blickt, können wir nicht schauen. Der Auslöser eines Fotos mutiert mit ihm zu einem Daten-Portfolio von Koordinaten aus Wann, Wo, Wer – ortbar. Das ausgelöste Foto hält das Motiv oder das Ereignis nicht nur fest, das Motiv, Ereignis wird im digitalen Orbit von seinen individuellen Fesseln befreit, ja: Ein Ereignis wird zum Ereignis, indem es als Abbildung – als digitaler Datensatz – ausgelöst wird. Wir inszenieren! Wir verändern die sichtbare Welt.
Objekt und Objektiv
In der Bestimmung wie wir durch das Objektiv schauen, wird auch das, was wir sehen (könnten), verändert. In der technisch verwertbaren Abbildung eines Objekts (als Ereignis des Objekts) ist die technisch verwertbare Realität des Objekts (als das Objekthafte im Ereignis) zu erkennen. D. h. auch, dass stetig Objekte durch das Abbilden (erst) erzeugt werden, was auch heißt, dass Zusammenhänge – als die Verbindungen zwischen den Teilen begriffen – auseinandergerissen werden und die herausgeschlagenen Bruchstücke zu Objekten erniedrigt werden. Die Wirklichkeit der Abbildung ist ihre Verwertbarkeit. Man gewinnt der Realität mehr ab, als nur das (Ab-) Bild der Ereignisse. Die Realität gewinnt ihre Qualität dadurch, dass sie verrückt werden kann und das sie ihre Objekte zurechtrückt. Die im technischen Vollzug konstatierten – der Reproduktion kompatiblen – Erfahrungen werden so zu technisch kompatiblen Schnittstellen der Kommunikation. Der ideologische Wunsch nach Selbstdarstellung der Produktivkräfte- wie Mittel konnte mit der produktiveren Technik bildlicher Reproduktion durch die Fotografie erfüllt werden. Ab hier suchte die bildende Kunst ihre neuen Arbeitsfelder, Ausdrücke, Nischen. Das ästhetische Kalkül in der Kunst hatte das Vorrecht der Abbildung verloren und erlangte zwangsweise wie folgerichtig die Freiheit vom Konstrukt der Ähnlichkeit. Die fototechnisch reproduzierbare Empirie stand nun im Dienst technisch rationalisierbarer Realitäts-Erfahrung und gewährte gerade aufgrund ihrer technischen Kühle eine vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeits-/Wahrnehmungsgehalt (wenn es soetwas überhaupt gibt). Das technische Verfahren des Abbildens versicherte Gewissheit, eine Kontrolle über den technischen Ablauf der Bemächtigung von Phänomenen. Eine Art technisch leistbare Kontrolle als Bemächtigung über das Ereignis ohne leibliches Erleben erhält Vorrang. Die Frau der Mann hinter der Kamera wird unsichtbar. Der technisch bezeugte Realitätsgehalt im technisch-fotografisch erzeugten Abbild fungiert als objektive, weil technische Rückkopplung auf sein – nun abgebildetes – vor-bildliches Stattfinden/ Stattfgefundenhaben: Das Ereignis ist Foto geworden. Das Foto ist original. Der technische Abbildungs-Apparat – z. B. die Kamera zwischen Auge und Beobachtetem – trennt wie vermittelt die unmittelbare Wahrnehmung zwischen Auge und Beobachtetem. Die digital-reproduktive Verwirklichung von Gesehenem zu Abgebildeten ist die neue Wirklichkeit des Betrachters. In der fotografischen Fixierung des Objekts manifestiert sich bereits dessen Petrifikation (…ein Bild schießen). Die Totalität der medialen Reproduktion erlaubt dem angeblickten Augenblick nicht mehr zu verschwinden. Als hätte der Fotografierende in verlorener, hoffnungsloser Lage noch etwas aufgenommen, was er nicht begreifen kann, aber in der Handhabung der Kamera ist etwas fixiert, woran er sich mit dem Apparat erinnern kann.
Ich weiß nicht, ob wir befürchten müssen, dass zugunsten einer digitalisierbaren Beobachtungskultur die unmittelbare Sinnlichkeit des körperlichen Wahrnehmens dem Körper entzogen wird. Die Interaktion zwischen Beobachter und Beobachtetem wird durch dessen abbildhafte Bannung – das Foto – unterbrochen, und die Interaktion zwischen den Teilnehmern des Ereignisses. Mit den Möglichkeiten fotografischer Abbildungstechniken wird das Erlebte derart foto-digital vervielfältigt, so dass Interaktionen zwischen den – an diesem Erleben – Beteiligten unnötig werden. Die Vergewisserung der Teilnahme wird im Teilen und goutieren der Abbildungen (posts) erlangt. Das Medium der technischen Apparatur erübrigt die Interaktion der Anwesenden.
Erst im Anblick des Urlaubs-Fotos scheint sich eine Bestätigung der erlebten Situation zu einer erinnerbaren zu realisieren. Ein Dabei-Sein, was vorbei ist, wird (als Ab-Bild) eingeholt. Die technisch möglich gemachte also fotografisch abrufbare Erinnerung setzt die Erfahrung erst durch erinnerbares Erlebnis-Material in Gang. Eine Art posthistorische Erfahrungskontinuität entsteht. Die Vermittlung von Authentizität zur Kontinuität der eigenen Geschichte findet a posteriori und mit technischer Vermittlung (als ausgedrucktes oder gepostetes Foto) statt. D. h. nur bei solchem Anblick eines ständig wiederholbaren Fotos findet sie statt. Fotos sind Erinnerungsprothesen. Die Gegenwart wird durch technische Apparate geschleust und zur Abbildbarkeit gezwungen, um Vergangenheit zu realisieren. Was faktisch auf dem Foto erscheint, mutiert zum Narrativ des abgebildeten Ereignisses und ist es nicht selbst. Denn die Formen, Farben auf dem Fotopapier verweisen materiell-technisch beschränkend auf den erinnerbaren Erfahrungsraum und das abgebildete Ereignis ist als fotografischer Ausschnitt eines Erlebnisses eben auf einen technisch machbaren Ereignisausschnitt angewiesen. Wir lügen uns mit unseren Fotos an. Die technischen Umstände der Erinnerungsfixierung bestimmen, wie und was zu erinnern ist. Sie sind durch den technisch machbaren Abbildungsraum determiniert. Auch das Schauen selbst wird damit vor-bestimmt. Was ohne technische Hilfsmittel dem Gedächtnis nicht erinnerbar ist, ist das, was vergessen wurde, ist das, was vorbei ist: Es hat im Sinne der individuellen Selbstrepräsentation nicht stattgefunden, wenn es nicht durch publizierbare Nachweise gesichert wurde.
Durch die technische Fixierung vergangener Lebenspunkte wird dem seine Ereignishaftigkeit abbildende Subjekt seine Nicht-Anwesenheit, sein Nicht-Erleben, seine nicht vollzogene unmittelbare Interaktion im Foto, Video angezeigt – es ist längst zum Beobachter seiner (abgebildeten) Biografie, zum Selfie geworden. Es ist ein Subjekt, das immerfort während der technischen Aufnahme seiner Ereignisse im Ereignis selbst nicht da ist, nicht bei sich ist oder im Selfie als sein eigenes kaltes Objekt gebannt ist. Denn, dass dies oder jenes als Lebenspunkt festgehalten wurde, heißt doch auch, dass durch den Augenblick des (technisch diskriminierten) Festhaltens genau dieser Augenblick verloren ging. Das (performative) Erleben wird in Information – digitale Fotopixel – verwandelt. Das was informativ konstatiert wird, steht quer zur performativen Aktivität. Die Differenz zum Erleben wird als Unterscheidung in Form einer konstatierbaren Information (als Selfie oder als abbildendes Foto) hergestellt. „Die gesellschaftsweite Beobachtung der Ereignisse ereignet sich nun nahezu gleichzeitig mit den Ereignissen selbst.“
Die Möglichkeit des menschlich-individuellen Vergessens wird durch selbstverliebte Datenberge erschwert. Der Zugriff auf alles irgendwie fotografisch Erlebten wird fürs Individuum allgegenwärtig machbar. Die menschliche Fülle erlebter Erfahrung aber beinhaltet Erinnerungsarbeit – was ein selektives Vergessen impliziert. Das, was als erprobte Erfahrung zur geschichtlichen Kontinuität des Individuums beitragen soll, wird Initial seines Spaltungsprozesses, wenn die geübte Erfahrung nutzlos ist.Die empfundene Gegenwart als Standpunkt realisierter Vergangenheit in dem Sinn, dass gegenwärtig gefundene Unterschiede zu etablierten, angeeigneten Formen vorhandener Erfahrung zu neuen Möglichkeiten gerinnen, die in ihrer Vielheit eine Struktur für ein zukünftiges Handeln gewähren.
Wie aber, wenn ich das Neue nicht sehe und immer wieder die alten Fotos betrachte. Ich mich zurückziehe auf konstatiertes – fotografisch festgehaltenes – Erleben. Meine Erfahrungen sind lediglich technisch vollzogene (fotografische) Reproduktionen meiner technisch etablierten Erinnerungen. Ich erschließe, verunmögliche meine Gegenwart durch den zeit-authentischen Verweis meiner Erfahrung im vergilbten Foto. Je technischer vermittelnd Erfahrung in flachen, digitalen Reproduktionen abbildend in Gang bzw. auf stand-by gehalten werden kann, desto mehr nimmt sie den Charakter prothesenhafter Idealisierung an. Sie ist aus dem Gedächtnis in den digitalen Speicherplatz ausgelagert. Die fotografisch animierte Erinnerung stellt das betrachtende Subjekt auf einen zeitlich jüngeren Zustand seines Erlebens zurück. Es schlüpft aber nicht in die Zeit seines tatsächlichen Erlebens zurück, sondern in jenes digitale Versteck, das den Erlebnisraum technisch beschränkend markiert, jedoch jenseits des Individuums installiert: in der Cloud kommen jene sich selbst gegenüber fremd seiende Schnappschüsse zur Ruhe. Die pathologisch anmutende Fotografierwut und die Speicherung ihrer Resultate scheint leibliche Erfahrung zugunsten einer selektiven wie jederzeit abrufbaren Bildspeicherordnung aufzugeben. Modelling. Das gegenwärtig zu Erlebende wird im Foto zur Versicherung, dass man gegenwärtig war. Natürlich fängt nicht jeder fotografischer Schuss ein Ereignis ein.
Kann ein Ereignis, die über die technische Reproduktion des Wahrnehmungsmaterials erschlossen wird, für jemanden, der nicht zu ihrem Abbildungsmaterial gehört, evident sein? Als eine Erfahrung, die sich erst durch deren fotografische Reproduktion erschließen lässt? So, als wohnte man einem Schauspiel bei, indem man selbst Akteur war, aber zugleich die Kamera hielt und sich deshalb als Protagonist ausschloss? Muss man die Abbildung (Speicherung) eines Ereignisses mit der darin gemachten Erfahrung zusammendenken? Braucht solches Reproduktionsmaterial ästhetische Qualitäten, um den Erfahrungsfremden in den angebotenen und abgebildeten Ereignissraum hineinzuführen? Weil das Ich sich sonst nicht dazu verhalten kann? Das Ereignis-Ich müsste sein eigenes – durch seine Kamera – beobachtetes Ereignis „gut dargestellt“ haben, um einen selbstischen Kontakt zu sich über diese Abbildung wiederum herzustellen. Das heißt, dass das Ästhetische der Abbilder zur Entkörperlichung der Wahrnehmung der Wirklichkeit beiträgt, den ursprünglichen Augenblick überschreibt. Oder ist das entkörperlichende Phänomen des Ästhetisierens oder die Flucht zum Ästhetischen unserer Erfahrungsweise näher? Man sieht – gerade in der Kunst wie in den (stets auch sinnlich wahrzunehmenden) Massenmedien –, dass das konstatierende Moment einer Information das performative ihrer Mitteilung nicht auslöscht. Die Kunst ist durch ihren formalen Gebrauch sinnlichen Materials ambivalent zur Entkörperlichung des Sinnlichen.
Abhören beginnt im Ohr, das Sichtfeld wird durch die evolutionäre Kamera im eigenen Hirn gerahmt: Sehend bewege ich mich im Gestrüpp von Zeichen, Schildern, Plakaten, gebotenen Wege-Markierungen im öffentlichen Raum. Quer zum penetrierenden Beobachtungsdruck von Werbeangeboten stresse ich mich nach Hause. Die unvermeidbaren nach Konsumenten, nach mir Ausschau haltenden Werbebotschaften in Bahnhöfen, an Kreuzungen und in Computer-Screens greifen immerzu die sinnlichen Organe an; die Pixel sind tief in meinen Körper gekrochen, die Reizschwellen der Wahrnehmung allseits unter Strom. Überall Selbstdarstellungsangebote. Ungefragt bedrängt quetsche ich mich mit anderen zwischen Pop-ups durch die Menschen-Menge. Ich will hier raus. Im Bahnhof stehen 2 Fahrkartenautomaten und acht 2 Meter hohe digital gesteuerte Werbe-Screens.
Einerseits.

Konsum-Leitsystem-Autobahn, Foto-Collage © Hans-Georg Köhler, VG Bild Kunst, 2007
Andererseits:
Das um sich schießende, wuchernde Repräsentationsbedürfnis der Menschen der Ersten Welt – gefüttert von der Postpopindustrie mit ihrer anmutenden Demokratisierung marktkonformer ästhetischen Auslese – braucht schließlich die Reverenz der Beobachtung von anderen auf die eigene Performance. Die Vergewisserung des anderen Beobachterstandpunktes (durch die Feedbackschleifen anderer Beobachter, durch die Relevanzspiegel von social-media) auf das eigene Repräsentationsbedürfnis, ist ein vages Versprechen an den ästhetisch operierenden Selbstdarsteller. Narzissmus wird massentauglich. Das „Wie-werde-ich-von-den-anderen-wahrgenommen“ ist das existentielle Motiv und das in produktaffine Leere laufende Begehren zugleich. Die Selbstdefinition des Einzelnen über die angebotene Aufmerksamkeits- wie Selbstwahrnehmungskultur Sozialer Medien (wie Instagram, tiktok, Facebook, Twitter u. a.) mit ihren normativen Konsum-Zwängen entwickelt sich zur Adaption, wenn nicht Unterwerfung der Teilnehmenden unter die technisch kalkulierten Beobachtungsprämissen, denn die erhoffte Bestätigung der Fremdreferenz durch Likes wird algorithmisch nivelliert. Die visuellen und akustischen Angebote schleifen die Nerven. Die selbstische Repräsentation passt sich der technisch-kommunikativen Zurichtung der medialen Oberflächen an – share me – und die Selbste werden selbst Oberfläche: Outfit. Das sich selbstdarstellende Subjekt nimmt dieses Umsichher real wahr, als Realität wahr – es ist singulär betroffen. Das Reale ist das vorgegebene, angebotene Beobachtbare. Wir sind in dem, was wir sehen, gefangen. Und was als beobachtbar gilt, ist durch systemische Vorgaben technisch-medialer Zugänglichkeit bestimmt. Aus den durch Selbstprophezeiung verstärkten Feedbackschleifen werden Hamsterräder im Monadenkäfig. Jeder generiert seinen eigenen Informationshorizont – und wird gefüttert. Das persönlich bevorzugte Medium sozialer Repräsentanz offeriert bedienbare Schnittstellen für einschneidende Botschaften. Solang ich darauf klotze, macht es etwas mit mir, denn was ich sehe, blickt mich an. Wahrscheinlich bin ich schon konditioniert.

Selbstbeobachter – SELF-OBSERVER I, Skizze zur Selbstbeobachtung © Hans-Georg Köhler, VG Bild-Kunst, 2002
Das individuelle Repräsentationsbedürfnis wird an der Aufmerksamkeitsfloskel der vor-herrschenden kommunikativen Instanzen abgeschliffen. Aus der individuellen ästhetischen Repräsentation, die beachtet werden will, wird dann eine, die ihrer kommunikativen Darstellbarkeit willen – im Sinne des vorherrschenden medial-technischen Stils – gerecht werden will. Zensur als technische Hürde des anschlussfähigen Kommunikationskanals. Die Frage also, wie jemand mit einer Werbebotschaft, einem Kunstwerk oder einer Schlagzeile erreicht werden kann, wie man jemanden definiert, der sich für diese Themen interessieren könnte, bleibt im Aufmerksamkeitsschlund überbordender Reize für die Anbieter der Selbstdarstellungsplattformen nicht unbeantwortbar, wenn auch technisch herausfordernd. Aufmerksamkeitsmacht ist zwingender als das wohlmöglich Interessante. Das Gute setzt sich überhaupt nicht durch, wenn es keinen Sammler, keinen Verlag, keine Durchsetzungsmacht besitzt. Um ästhetisch oder im Sinne der Selbstdarstellung kommunizieren zu können, geht das daran interessierte Selbst mit der gegebenen Kommunikationsstruktur konform, es passt sich ihr an, adaptiert sie: nur Anschluss unter Instagram Facebook tiktok bla bla. Die so verkappte ästhetische Repräsentation des Individuums läuft Gefahr in beliebige, aber werbekonforme Uniformierung überzugehen. Mit den zum social-Kanal, zu Markte getragenen Ich-Repräsentationen bewegt man sich förmlich angepasst in den Instanzen der kommunikativen Wahrnehmungsgewalt Sozialer Medien – wo sonst? Aus der Frage, wie möchte ich mich präsentieren, wird die Frage, wie kann ich der öffentlichen – also jeweils mir gegebenen, empfohlenen – Wahrnehmungsweise entsprechen, um präsent zu sein. Die Selektionskriterien sind vorgegeben, jedoch nicht einfach zu decodieren. Die ursprüngliche Intention, der Lebensschrei des Individuums, kehrt sich um. Hier beginnt das Gebiet der Projektionen, Mutmaßungen. Denn um zu wissen, wie und ob die eigene Repräsentation in die Öffentlichkeit gelangt, scheint es natürlich, die Prämissen bzw. Funktionalismen der herrschenden Beobachtungskultur als gültig zu erfassen. Diese problematische Lage schlägt leicht in eine Unterstellung um, das dass, was gerade en vogue sein könnte oder als solches breitenwirksam ist, zu wiederholen bzw. vorauseilend vorwegzunehmen. Das sich darstellende, repräsentierende Individuum wird zum Rezipienten seiner Funktionalität, seiner repräsentierten, aber doch funktionalisierten Darstellung von sich selbst. Es wird der Wärter seines Gefängnisses. Da geht es nicht mehr um Content, sondern um Sichtbarkeit. Täglich eine Story über simpelste alltägliche Verrichtungen. Statt der eigenen individuellen Bedürftigkeit zu folgen, werden aufs peinlichste vermeintliche Beobachtungsmächte wie Magazine, Webportale etc. gelesen wie verfolgt. Hitzig werden neueste Moden im medialen Orkus verfolgt und der Haben-Wollen-Ich-Will-Auch-Jäger ist hiermit längst schon Verfolgter geworden. Man ist zum Stalker gegen die eigene Lebendigkeit mutiert. Und dann gibt es noch die, die sich verfolgt fühlen von ihrem Wahr-genommen-werden, das tatsächlich nicht stattfindet. Das sind die, die ihr Agieren auf einen vermeintlich von außen wahrgenommenen Wahrnehmungsgehalt richten, statt auf sich selbst. Der Punkt ist der, dass wir sicherlich mehr unter Beobachtung stehen, als dass wir der Ordnungen der Beobachtungen bzw. der Beobachtung der Ordnungen Herr sind. Es bleibt keine andere Wahl als auf die Paranoia der Beobachtbarkeit der Beobachtung zu verzichten und sich mit dem, was man hat – das ist nur das eigene kümmerliche Ich – in den repräsentativen Hunger hinein zu werfen. Die Entwicklung mannigfaltiger Vervielfältigungsmedien -und Kanäle fördert die algorithmische Erfasstheit der Bedürfnisse, also eine wiederverwertbare Gewissheit über verwertbare, an den Mann die Frau zu erbringende Angebote. Jede weitere technische Übersetzung, Umsetzung, Ableitung von privat gemeinter Kommunikation erhöht nicht nur den Durchsatz prüfbaren Kommunikationsmaterials, sondern ermöglicht die Durchsetzung des Rückkopplungseffektes jedweder Information zu den jeweiligen (technischen) Instanzen kontrollierender, d.h. selektierender Operations-Macht. Man kann kaum noch im Web unterwegs sein, ohne der Aufforderung nachzukommen, dem Sammeln und Ermitteln eigener Browser-Daten die Zustimmung zu erteilen. Je technisch abbildender die Kommunikation oder deren Darstellung eines Nutzers verwertet wird, desto zugänglicher ist sie der Kontrolle. Der Werbeslogan von Sony – „Egal, was Sie aufnehmen, Sie werden es nie vergessen“ – fühlt sich in diesem Zusammenhang wie eine Drohung an: Sollten sie es vergessen, sind wir für sie da, wir vergessen nichts, was auch immer sie tun.
Die Welt ist unique, universell, die Produktionsstätten parteilos – der Mord ist mit der richtigen Kamera gefilmt. Es wird werbend unterstellt, dass der technische Abbildungsapparat über die ästhetische Qualität der menschlichen Wahrnehmung entscheidet. Die Verschiebung der Erfahrung, des Ereignisses, des instant in die Cloud verwiesenen geschossenen Fotos zum omnipotenten digitalen Medium egalisiert den Erfahrungsstoff für alle Teilnehmenden. Die Gegenstände, Ereignisse werden technisch kompatibel zu weltweiter Verfügbarkeit geschliffen. Es kommt nicht darauf an, Informationen zu sammeln, sondern sie zu interpretieren. Die von Menschen geschaffenen Maschinen sind jetzt dazu in der Lage.

Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER II (Auto-Pilot), Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst 2020
Die durchs Objektivieren in Objekte geteilte und zugerichtete Welt wird abermals durch unzählige Objektive der allgegenwärtigen Smartphones-Kameras mit geschossenen Foto-Objekten überformt. Das zu fotografierende Phänomen wird den technischen Möglichkeiten der Aufnahmeapparate angepasst, dadurch verändert und als Abbild beeinflusst es seine Wahrnehmungsweise. Wir näheren uns dem Phänomenen über vorgefertigte Abbilder. Dass die Ausschnittsuche im Sucher der Kamera als künstlerisch honoriertes Kriterium gilt, legt den technischen Zusammenhang zu unseren ästhetischen Erfahrungen offen. Künstlerische Komposition ist hier wesentlich der Objektivierung, der Kontrolle geschuldet, das Material zu bändigen. Der zu nutzende Beobachtungsapparat stülpt sich über den Beobachter und seinen Gegenstand gleichermaßen. Wir gucken wie die Maschinen, wir inkarnieren ihren Blick. Zum technisch determinierten Selektionskäfig ist noch der Käfig des Selekteurs zu rechnen. Die durch Abbild-Maschinen beschleunigte Verdinglichung des Erfahrungsraums bremst die menschlich gegebene Wahrnehmungsphysiologie aus (Fotos bilden den Raum flach auf dem Papier ab).
Kafka, Haut und bodyhacking
Kafkas Beschreibung der Herausbildung von Vorurteilen, Verdächtigungen und Annahmen in „Der Prozeß“ und seine detailreiche, minutiose literarische Darstellung der Vollstreckung eines Urteils in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“, ist deshalb interessant, weil sie die Verstrickung einer eingekesselten, in ein Schicksal hinein geworfenen und nach Übersicht schnappenden Person darstellt, die sich in einem funktional integrativenProzess undurchsichtiger Abhängigkeiten aufhält. Die ihr vorgesetzten funktionalen Ordnungen sind für die darin agierende Person kaum dechiffrierbar; sie wird ohnmächtig, zappelt im Netz der sich ihr entgegenstellenden Kontexte und immerfort schreibt sich die Funktionen bestimmende Ordnungsmacht tiefer in sie hinein: So wird die Haut der Angeklagten in Kafkas „In der Strafkolonie“ zur Grenze wie Areal dieses Prozesses: Mit feinen spitzen Nadeln werden den Häuten Porentief Gesetzestexte eingeschrieben.
Niemand ist wirklich frei wie unabhängig von anderen und gänzlich ohne funktionelle Bestimmung in der Gesellschaft. In administrierten Arbeitsprozessen verschärft sich die Differenzierung der persönlichen Funktionalitäten wie die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Personen. Keine funktional definierte Person hat in komplexen Institutionen eine totale Perspektive auf das sie bestimmende Geschehen. Es sind die Anderen. Das Handeln des literarischen Akteurs ist in Kafkas Strafkolonie als auch im Prozeß in eine beschränkte oder ihn beschränkende funktionelle Teilhabe an der ihn betreffenden Funktionsbestimmung – als Vollstreckung des verübten Funktions-Urteils – verstrickt. Die geringe Funktions-Schnittmenge des Akteurs mit anderen Funktionsträgern stößt im Prozess des Aushandelns verschiedenster Funktionsebenen an unvorhersehbare – durch unbekannte Funktionen definierte – Grenzen. Der fehlenden Überblick aufs Große Ganze trifft den einzelnen Akteur jedoch persönlich, denn er ist funktional darin eingegrenzt und er stößt wiederholt an die funktionalen Beschränkungen seines Funktionsbereiches, an seine ihm vorgesetzte und ihn bestimmende Entscheidungsbefugnis, die ihm als Institution entgegentritt. Der Protagonist ist systemisch gefangen. Der um seine Unauffindbarkeit, Unauffälligkeit kämpfende Protagonist – er will nicht in Konflikt mit anderen Funktionsbestimmungen geraten – muß scheitern aufgrund der systemischen Vor-Verurteilung seines (persönlichen) Habitats zur Funktion. Die dem Protagonisten aufgetragene wie ihn selbst tragende Funktion treibt ihn bald unfrei in diese hinein. Der dem jeweilig in der Firma Mitarbeitenden zugewiesene Funktionsbereich suggeriert einen Handlungsspielraum, eine Ermächtigung qua ihm vorgesetzter Funktionalität. In dieser Funktionsebene besitzt der Mitarbeiter inklusive seines funktional bestimmten Handlungsspielraums jedoch kaum Anschlussfähigkeit zu anderen Hierarchien. Er macht hier seinen Job und ist für alles andere nicht zuständig. Die Angst vor funktionellen Fehlern, lässt wenig Verantwortung zu. Im Arbeits-Kontrakt sind die Arbeits-Funktionen als paragraphierte Handlungsanweisungen festgesetzt und die Mitarbeiter sind den quittierten Handlungsanweisungen verhaftet, verkörpert. Die Putzfrau dringt nicht zum Direktor vor. Die Verstrickung der Person mit ihren Lebensentwürfen entsteht zwischen der abstrakten Idee von sich selbst als freies bürgerliches Individuum und der erzwungenen oder von sich selbst verkörperten Erwartung der Einordnung in einem das Leben verdienenden Funktionsbereich; in irgendeiner Arbeit. So erkennt sich die Person als Funktion und erkennt andere als solche. Die funktionell befangene Person ist schon in Gefangenschaft mit seinen Funktionen befangen, bevor ein Urteil gefällt werden braucht. Ambivalent an dieser Situation ist, dass die funktionelle Person wieder als Person auferstehen kann, wenn sie sich mit Haut und Haaren ihrer Funktion verschreibt, d. h., wenn sie in ihrem Job total aufgeht, wenn’s ihr Spaß macht, sich als Person mit ihrer Funktion zu vermählen. Die funktionell definierte Person entkommt der ihr unterstellten Funktion nur, indem sie diese überbietet, sich als Person tatsächlich als Funktion durchführt, sich selbst als Funktion begreift. Aus Frau Meier wird die Zahnärztin. Die Funktionen tragenden Personen werden zur sozialen Richtschnur des Schicksals für jedermann. Dieser Einschreibungsprozess ist äußerlich am Habitus, an der Kleiderordnung, im Bewegungsstil zu erkennen und geht bis unter die Haut. Man trägt nach außen vor, schreibt sich mit erkennbaren individuellen Uniformen ins soziale Umfeld ein, was innen, im Körper bereits als Funktion wuchert. Vor der Hochzeit von Mensch und Maschine vermählen wir uns mit deren Aufgaben. Ja – es geht um Identität. An der Grenze unserer Körper schneiden wir uns zuerst: Wir ketten uns an das eigene Piercing, an die verehrte Band, an ein Symbol, eine Marke. Die Haut als Schnittstelle – Interface – bildet diesen Prozeß der Vereinnahmung ab.
Enter you, baby!

Werbung aus den 2000er Jahren in der SZ
Die physische Einschreibung einer selbstischen Handlungsanweisung oder Vorschrift auf die eigene Haut – als funktionelle Verkörperung eines Gesetzes wie in Kafkas „In der Strafkolonie“ exerziert – spiegelt die Möglichkeiten neuer Vereinnahmungen des Körpers wider: für die Übertragung von ideologischen, politischen und Produkt affinen Botschaften. Der menschliche Körper ist das Medium funktionaler Botschaften und deren Kontexte geworden. Produkt wie Werbe-Medium, Subjekt und Objekt gleichen sich hier an: auf der Haut des menschlichen Körpers. Der sichtbare Körper wird Kampfplatz, performativer Ort des Ausdrucks und Mediums produktinvasiver Botschaften, wenn auch individuell verklärt. „Die Epidermis, das flächenmäßig größte Organ des Menschen, wird als Interface entdeckt.“
Die kapitalistische Über-Produktionsweise erzwingt die Erweckung nach ständig neuen Bedürfnissen – wie sonst könnten die massenhaften Produkte abgesetzt werden – und deren fleischliche Eingemeindung ins individuelle Bewußtsein. Ein ständiges Aufreißen neuer Bedürftigkeit ist im Gange, flutet die Screens. Die beworbenen Produkte werden mit dem Schrei nach ihnen durch die Konsum-Junkies gerechtfertigt. Aus Bedürfnis wird Bedürftigkeit gepresst. Das inszenierte Individuum ist Opfer seiner Ansprüche geworden und geht in den Streik, wenn es nicht verreisen oder konsumieren kann. Die Produktspezifisch aufgeblasene Individualität kollabiert an ihren monadisch-narzisstischen Ansprüchen, an ihrer Künstlichkeit. Jeder Körper ist nur ein Absatzgebiet und er selbst schreibt sich als Adressat in den ihn betreffenden Verbrauch als seine Abnutzung ein. Da soll nichts anderes gefühlt werden als der empfohlene Warentausch. Empathie ist zur Differenz zwischen empfohlener Ware und ihrem empfundenen Verlust geschrumpft. Dem Gesetz kapitaler Vernutzung verpflichtet, wird der querulante Körper endlich mit der eigenen Haut und der Oberfläche der Ware kongruent. Das Produkt wird dem geilen Konsumenten eingeschrieben: in seine Haut mit den Buchstaben des über ihm herrschenden Bedürfnis- wie Bedürftigkeitsurteils. Als beschriebe der Konsument sich selbst, wird er Produktkonform zur Produktreferenz verkörperlicht. Die unheimliche Zukunftsvision in Kafkas Strafkolonie ist in die Realität der Häute eingebrochen. Es gilt als schick, sich mit Sponsorenlogos zu tätowieren. Branding. Kafkas Strafkolonie nahm heutige Funktions- bzw. Produkt-Einschreibungen als Besetzung des eigenen Leibes literarisch vorweg. Die KZ–Tätowierung als Brandzeichen ist das Gleichnis für jene, die für ihren Arbeitgeber im Zuge einer coporate identity werben müssen. Das Lohnempfänger-Subjekt wird zum Antagonisten seiner selbst in den industriellen Schlachten gegen andere Lohnempfänger. Die Werbeindustrie stürzt sich mit seinen Produktmanipulationen, Täuschungen auf das Körper-Areal, welches im Konzentrationslager schon zur Verwaltung von Menschenmaterial diente. Die an Menschen-Häuten sich orientierende Organisation des Tötens ist in zeitgenössischen Werbekampagnen direkt am vom Waren-Konsum beherrschten Körper ablesbar: Durch hautnah eingeschriebene Markierungen. Sie zeigen die Inkorporierung von Produktions-Ideologien zum Lebensgefühl. Der definitorische Nachfrage-Zwang, Zielgruppen mit permanentem Kunden-Hacking zu generieren, zeigt sich noch in der allumfassenden Ermittlung von digitalen Fußabdrücken umworbener, weil potentieller Kunden. Der Preis ist eine ungeahnte komplexe Struktur für Entscheidungsvorgänge im alltäglichen Leben. Dialektisch schön wird dieser komplexe Lebens-Zustand durch das Angebot seiner Überwindung angepriesen:
„Leben Sie, wir kümmern uns um die Details.“ Slogan der Hypovereinsbank

Werbung Hypo in 2000er Jahren in der SZ
Die politisch wie wirtschaftlich ins Naziregime verstrickten Konzerne haben ihren Werbeenkeln die gemeinsame Geschichte beigebracht. Wenn damals noch Haut abgezogen wurde für Lampenschirme, so umschmeicheln heute globale Konzerne mit ihren Werbekampagnen Produkte wie Kunden mit Häuten auf denen eingebrannte Firmenlogos festsitzen. Zuweilen wurde die Haut der Stirn als Eingabegerät für Kundenwünsche dargestellt.
Die Haut muß abziehbar, abwaschbar bleiben, d. h. offen für neue Angebote, Angriffe, Lebens-Erhaltungen. Botox-Glättungen. Brandzeichen kommen auch schon vor. Wie in der Massentierhaltung: Codierte Ohrclips zeigen am Ochsen oder Kalb seine produktspezifische industrielle Verwertung an. Im gesellschaftlichen Produktionsverkehr kann man die Zuordnung der Menschen zu bestimmten Waren als Zielgruppen zusammenfassen und als Selektion begreifen. Der Begriff der Zielgruppe ist ein Mal schlechter Auserwähltheit: determiniert zum Verbraucher. Nicht Selbst-Bestimmung, sondern Einordnung wird eingefordert. Marketing als Erfassung und Bezeichnung der Person. Der altmodische Satz, dass „die Haut nicht zu Markte getragen werden darf“, spricht im Tabu verkleidet die Dialektik des leiblichen Zugriffes des Marktes auf die Körper aus: Da ist der Zugriff schon äußerlich am Körper mit Marken-Klamotten fest gemacht und zugleich das Tragende seines Trägers. Das Logo am getragenen Kleidungsstück wird im doppelten Sinn Getragenes: ein bloßes Transportmittel der warenmäßigen Botschaft. Man schleppt eine permanente Zielgruppenbestimmung mit. Bis auf die Haut. Die fürs Marketing kolonisierte Haut wird ihrem Träger als Landmarke eingedrückt. Die ehemals physische Einheit, der letzte biologische Überzug wird zur Produktions- und Projektionsfläche. Das äußerlich Identifizierbare, dem Auge Zugängliche hat die Körper besetzt. Längst sind die Gehirne an der Wahrnehmung und Kommunikation von Produkten sozialisiert, sie sind in ihrer sich zu Markte tragenden Individualität erreicht. Die menschliche Haut ist ein Angelplatz umworbener Handelsplätze. Cremes, Stoffe, Mode, Parfüm, Banken, Sex, Autos.
Werbung total orbital, verknotete Blicke, verklebte Schnittstellen von beschnittener Kommunikation sind Narben in Bewußtseinsarealen geworden. Sie sind das vernarbte Outfit eingehackter Eindrücke. Images. Eingesponnen von den Leitungsdrähten der fakemächtigen Sozialen Medien, markieren die Posts des Nutzers die Wege zum nächsten Produkt. Im Gehirn flackern die Lichter endlos. In der Weise wie Codes mein Erblicktes „sehen“, algorithmisch interpretieren, werde ich als mein Beobachter, als Ob-Server im Server digital neu geboren. Mein Outfit ist das stets aktuelle Benutzerprofil. Sehen als Test für das, was des Sehens würdig. Klicken – nicht Blicken!
Wie ist die kalkulierte Verletzung eines Körpers in einem Werbefoto zu fassen, auf dem die plakative Verletzung zur werbewirksamen Reizschwelle ästhetisiert worden ist?

Die Auflösung der Person zum Benutzerprofil: Zielgruppenanalyse verwendet algorithmische Rationalitäten der „persönlichen“ Erfassung, die jedes Verhalten ins Visier nimmt und zum Ziel eines Angebots macht, was wir nicht ablehnen können. Wir werden nicht durch Arbeit oder Gas getötet, sondern im Müll unserer Produkte ersticken wir.