Herbert Spencers Satz survival of the fittest ist ein oft gebrauchtes Zitat, dass in positivistisch-normativer Weise dafür herhalten soll, wie soziales Handeln – Interagieren – als Überlebenskampf in die Gesellschaft zurück in eine Naturwüchsigkeit geätzt wird, aus der wir als Menschen einst entstiegen sind. Gesellschaft soll in unabänderliche Natur gestampft werden. Der Imperativ der kapitalistischen Produktion wird in alle, auch in kleinste soziale Interaktionen der Menschen und deren kommunikative Verhältnisse getrieben. Als wäre das schon immer so und als hätten wir nichts anderes zur Hand, unsere Ellenbogen, unseren Egoismus mit evolutionären Erkenntnissen zu schmücken. „Bereite dich vor, eine bestimmte Funktion nützlich auszufüllen.“ Der eskalierende Prozeß der Arbeitsteilung wird als Funktion des sozialen Bedürfnissesgemünzt. „[Es ist] unsere Pflicht, ein vollendetes und ganzes Wesen werden zu wollen, ein Ganzes, das sich selbst genügt, oder im Gegenteil dazu dient nur Teil eines Ganzen zu sein, Organ eines Organismus?“50 Jahre später konstatiert Brecht die Folgen solcher Funktionsbestimmung für diejenigen, die mit dem Gewissen der eingeimpften Produktionsgerechten Pflicht gegen ihre Ent-Pflichtung arbeiten, wenn sie nicht mehr in regressiven Produktionszusammenhängen stehen: „interessant, wie eine funktionsabdrosselung die person aufdröselt. das ich wird formlos, wenn es nicht mehr angesprochen, angegangen, angeherrscht wird. selbstentfremdung setzt ein.“ Der Job muß Spaß machen, um das abstrakte Verhältnis des bürgerlichen Individuums zu seiner falschen Freiheit – als Wahl zu seiner Funktionalität – aufrecht erhalten zu können. Seine Leistungsbereitschaft ist längst beschlossen worden. (Ich möchte Spaß, Freiheit und Leistungsbereitschaft in Anführungszeichen setzen. Die Worte werden zu Lügnern.) Die Verschleierung des ökonomischen Drucks – dessen Affirmation zum Berufsethos – geht einher mit der Ermutigung zum selbst gewählten Gefängnis. 3 Tage später schreibt sich Brecht selbst in den Spaltungsprozeß entfremdender Arbeit ein: „das individuum, das mehr und mehr sein ansehen (ist gleich: charakter) von der produktion zu gewinnen hat, geht hier durch eine böse phase, da die produktion eben gedrosselt und manipuliert ist. gewöhnt daran, meine würde zu nehmen von der würde der aufgabe, meine bedeutung von der bedeutung, die ich für die allgemeinheit habe, meine energie von den kräften, mit denen ich in berührung komme, wo bleibe ich, wenn die aufgabe unwürdig, die allgemeinheit depraviert ist und wenn in der umwelt keine energie sich sammeln kann?“
Den präformierenden Bedingungen des Existenzerhalts/-verkaufs kann man kaum entkommen, indem sie erstmal als Pflicht erfüllt bzw. als notwendiges Übel angenommen werden. So, als wäre man am Ende des Tages frei und könnte die Kür für das vermeintlich eigene Leben beginnen, das es niemals mehr gibt. Die von solcher pflichtbehafteten Produktionstätigkeit bestimmte Daseinsweise – worin die eigene Existenzkraft zur Verfügung zu stehen hat, erlaubt nicht zwingend eine Bewußtseinsweise, die eine menschliche Existenz inmitten affirmativer Fremdbestimmung konstruieren kann. Das Abtauchen in die Pflichterfüllung (ich mach hier nur meinen Job.) als funktionsbestimmtes Versteck, um nicht erkannt zu werden, lässt desto weniger den sich Verkriechenden frei. Eine Rechnung wie ein Fliegenkleber. Die Pflicht ist hier Ausdruck der angenommenen Resignation, die sich nicht aus der unverschuldeten Unfreiheit lösen kann. Die Freiheit ist vom Einzelnen nur als Selbst-Täuschung zu erlangen, weil sie in der Verfügungsgewalt des Beherrschtwerdens steht. Diese Pflicht steht der Frage nach einem Sinn des eigenen Handelns im Wege, aber wenigstens hat es für diejenigen Arbeiter, die auf Geheiß handeln – in der Pflicht stehen – Geltung: Man ist dem Handeln bereitwillig nachgekommen, so als wäre es ein eigenwilliger Entschluss, als hätte man selbst gehandelt. Und diese Behandlung zur Gewissenlosigkeit gegenüber sich selbst wird als wenigstens tue ich was, und komme der Pflicht nach, etwas zu tun… schöngeredet. Die Freiwilligkeit zum Zwang, enthebt ihn nicht seiner Wirkung. Aber auf der Autobahn können wir manchmal rasen, egal, mach Platz da, verdammt schon wieder Tempolimit…
Es gehört zu den Schwierigkeiten im künstlerischen Prozess, dass mit zunehmender Tiefenforschung, Abstrahierung der Formen, Verfremdung des Materials der ehemals gewohnte Verweis auf ein Phänomen, einen Satz, eine Abbildung etc. zugunsten neu zu entdeckender Formen vernachlässigt wird, oder gar aufgelöst erscheint. Die ästhetische Präsenz einer Darmschleife, eines Leberlappens, der noch frisch rötlichen Aorta auf dem Seziertisch der veterinärmedizinischen Abteilung oder dem an technischer Kälte nicht zu überbietenden Stahlblech im Schlachthaus lebt vom aufgelösten Organismus/ Zusammenhang, denn das Tier als Untersuchungsgegenstand ist in vereinbarte organische Strukturen zerlegt worden: Herz, Lunge, Niere, Magen, Darm etc.

Die Flügel der Fliege sind nicht herausgeschnitten, um zu verstehen, sondern nur, um ihren schönen Glanz zu zeigen. Stell dir vor, ein Arm wird von deinem Körper getrennt, weil er so wohlgeformt ist.
Die ästhetisch anmutende Außenhaut der Form schiebt sich in der Kunst über die funktionelle Form des organischen Innenlebens. Die Funktion hat sich ganz in die Form zurückgezogen. Die Abbildung ist Bild geworden.
Wenn wir malen, werden die herausgerissenen Teile eines Ganzen wieder zu Formen eines anderen.
Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas als Einschränkung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herauslösenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand intensivierte Beobachten, Beschreiben mit anderen herausgelösten Objekten vergleichbar zu machen und ihre Differenzen zu nivellieren. Es entstehen Superobjekte, die zur Norm für andere Objekte werden. So fährt man zu verschieden Orten auf mit Sichtschutz begrenzten Autobahnen – Erfahrung ohne Landschaft. Vergleiche werden zwischen Mauern aus Kategorien gefällt.

Foto vom Autobahnneubau A 38 © Karl Weise, 2006
„Die Gleichheit liegt nicht in den Dingen, sondern in der Markierung, die es ermöglicht, Dinge ohne Berücksichtigung ihrer Differenzen zu addieren. Die Markierung bewirkt, dass die Differenz getilgt wird […].“ Die Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit zugunsten einschränkbarer Details und erzwingt die Schrumpfung der Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer Vergegenständlichung zum Beschreibungsmaterial – Töne zu Noten, Wiesenlicht zu Pantone-Farben, Berührung zu Kilogramm – fungiert für die eingeschlossenen Geißeln der Wahrnehmungssinne als unabgelenkte Tunnelfahrt. Sie soll den Beginn des objektiven Beobachtens, Denkens bedingen, nachdem viel Gegenwärtiges weggeschlagen worden ist. Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit der Kalkulation eingefroren. Die Herauslösung des Gegenstands oder des Phänomens durch die Beschreibungskriterien kann nicht durch neue Modifikation der Kriterien rückgängig gemacht werden. Der Ausgangspunkt kann durch einen neuen ersetzt werden. Die objektivierende Beschreibung schleppt ein Präteritum des Objekts in die Gegenwart des Beschreibens. „Alle bewußten Erfahrungen und Handlungen sind von einem Erinnerungsvermögen abhängig.“
Funktionsstörung
Es entsteht eine problematische Situation für den Menschen, wenn der Zusammenhang von Erfahrung und Erinnerung stetig durch neue Erfahrungsforderungen angegriffen wird. Das (erinnerbare) Erfahrungspotential wird durch stetig neu zumachende Erfahrung verkümmert, überschwemmt das Vermögen des Sich-Erinnerns und stellt es in Frage. Die erlernte Gewohnheit ist nutzlos, was ehemals hilfreicher Stift war, ist Stachel – wozu ist er da? Ständig sich wandelnde Objekte, sind schwerlich durch Objektivierung festzusetzen. Die Spezialisierung im Rationalisierungszwang des zweckgerichteten Denkens dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion. Noch eine psychologische Seite: Wenn die verstärkte Benutzung der Ratio Wahrnehmungsquantität reduziert als Einschränkung zugunsten der Konzentration, die Übersicht gewährt, impliziert dies einen Ausschluss von Umwelt, Mannigfaltigkeit. Die Reduktion fungiert als Gegenreiz im Rückzug zum inneren Fluten, weil die allgegenwärtige Welt, die zunehmenden Produktschreie überall die persönliche Welt zerstört. Briefmarkensammler, Spinnenmelker.
Entfremdung
Mit der ins Private geretteten Macke, in die persönliche Kleinstruktur (Freizeit, Familie) übernommenen Kauzigkeit – mangelnde Fremdreferenz? – wird im Subjekt die entkörperlichende Arbeitsweise/ Handlungsstruktur zur pathologischen ratifiziert. Denn was als monotoner Handgriff in den Stätten der Produktion als Bedingung für komplexe Arbeitsteilung gilt, dringt im entspannten Zustand – in der Nichtarbeit – an die Oberfläche der von sich entfremdeten Sinne. Es wird das Sehen, Berühren, Fühlen, Kotzen gefeiert. Das Innegehaltene läuft über den Rand des Gefäßes – alles muß raus! – Der nichtangewendete Mensch arbeitet gegen sich – er will jetzt seine Sinne spüren, handgreiflich werden. Er agiert sich gegen seine Spezialisierung aus. Als exerzierte der gepresste Mensch sich selbst noch einmal vor, um in dieser Selbstgewähltheit dysfunktionaler Freiheit Schutz zu finden? Die Macken, die Tics etc. das letzte Refugium. Ein Spiel aus Reduzierung und Verstärkung von Bewußtseinsreizen, je nach Stellung oder Funktion im Produktions- oder Kommunikationsprozess, der sich auf die Ware bezieht, durch Waren getrieben wird und schließlich nur in Warenform sich ausdrücken kann. Ist es das, was Marx mit Entfremdung meint?
Der Fokus auf Details und absolute Wahrheiten, die die Nacht durch den Tag verraten, haben gemeinsam, dass sie das Privileg ungeteilter Aufmerksamkeit gegen alles andere genießen. Man braucht eine spezielle Haltung, um andere Bedeutungen für die eine besondere aufzugeben. Das Besondere als das große Minus vor dem Allgemeinen. In dem Sinn engt Spezialisierung andere mögliche Bedeutungen ein – zugunsten eines Besonderen. Spezialisierung als eine Flucht „in die Blindheit gegenüber der Vielzahl der Möglichkeiten“ Wenn man sich für einen Gegenstand interessiert, ist das Interessante an ihm dadurch besonders, weil es im Fokus der eigenen Aufmerksamkeit steht. Man sieht genau hin, d. h., man konzentriert sich auf einen ausgewählten Ausschnitt – alles andere lässt man weg, schneidet ab, fliegt weg. Der so fixierte – spezialisierte – Blick auf das auserwählte Objekt negiert zugleich alle anderen möglichen Konstellationen des Wahrnehmens. Ein Mehr halten wir nicht aus. Die Fixierung des Objekts durch die Prämissen der Beobachtungskalküle ermöglicht eine Loslösung des beobachteten Objekts von seinen Zusammenhängen mit anderen Objekten und führt zur Trennung des beobachtenden Subjekt von seinem Objekt. Man muß sich entscheiden: was nicht zugleich am Objekt beobachtet werden kann, wird abgeschnitten – auch wenn es auf derselben Sichtebene liegt. Einfacher ist es doch, den Rest zu erfinden, aufzufüllen, passend zu machen und sich aus der Verantwortung des eigenen Blicks zu stehlen. Denn „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemachte werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.“

Auge Auge, Zeichnung auf Papier © Hans Georg Köhler, 2012
Man könnte auch sagen, dass der „blinde Fleck“ gegenüber ganzheitlichen Zusammenhängen dem spezialisierten Auge Rechnung trägt. Wenn man also nicht „alles“ im Blick behalten kann, sollte man sich auf etwas Besonderes fokussieren. Der durch okulare Blickschnitte konstruierte blinde Fleck markiert daher sowohl eine Art Überfülle an Wahrnehmbarkeit wie deren Abwehr durch Konzentration auf Einzelheiten. Die Münze der Auslöschung ist Spezialisierung. Die Vereinzelung der Techniker, Wissenschaftler, der „verrückten Professoren“, Literaten, Künstler bildet das Herauslösen aus der autistisch anmutenden Überfülle des Wahrnehmbaren ab. Es entsteht „ein Geschöpf reduzierter Vollkommenheit, das seine Chancen seinen Einschränkungen verdankt.“ So erscheint eine Konstruktion möglich, in der das Besondere wie Ausgeklammerte zum Modell einer beobachtbaren Welt wuchert: Der reduzierte, eingeengte Blick wird zum Ausgangspunkt von Welt-Beobachtung. Aber genau mit dieser irren Intention, Welt aus den (freiwillig) beschränkten Wahrnehmungs-Ableitungen durch „objektive“ Normen zu konstruieren, wird der Körper zum letzten Einsatz gegen die Maschinerie operativen Lebensvollzugs. In Hinblick auf den ausschließlichen Charakter des Zeigens, des Aus-Stellens, wie es in der Kunst geläufig ist, können wir aus der Beobachterperspektive 2. Ordnung – das Beobachten des Beobachtens – begreifen, dass das besonders Gezeigte immer auch auf etwas anderes hinweist, als es den ersten Anschein hat. Die Eingrenzung, die durch das Zeigen markiert wird, schleust das Nicht-Gezeigte als Ausklammerung ins Zeigen mit hinein – als Ausgegrenztes. Die Grenze oder die Differenz läuft mit – könnte man sagen. Gerade in dem Gezeigten sehen wir nicht nur die Konzentration auf etwas besonders Ausgedrücktes eines Künstlers als sein Augenmerk, als seine Beschränkung, sondern auch, dass in dieser Beschränkung nicht nur Rückzug bzw. Konzentration stattfindet, sondern ebenso Hinweise auf das durch die Formen ausgesondert Verlassene, auf das Verlassene selbst gezeigt werden kann. Die Grenze des Zeigbaren befindet sich im Gezeigten, wird durch das Zeigen realisiert.
Dass spezialisierte Einseitigkeit als normative Setzung des wissenschaftlichen Apparates und der Produktion (Arbeitsteilung) auf ihre Bediensteten durchschlägt, ist die an der Produktion rationalisierte und geförderte, aber tatsächlich individuell auszufechtende Seite des problematischen Prozesses der Ausdifferenzierung sozialer Handlungsfelder. Die aufgezwungene und erforderliche wissenschaftliche Einseitigkeit (Konzentration, Stilisierung wären hierfür auch brauchbare Worte) ermöglicht damit psychogene Strukturen, die zur Störung, zur Verrückung des Bewußtseins führen. Die Etablierung eines besonderen Interesses engt natürlich die Möglichkeiten für andere Interessensgebiete ein. Die besondere Begabung – ob für Zahlen, Formen oder Partituren – ist dann gesellschaftlich anschlussfähig oder wird herausselektiert. Daraus folgen die gesellschaftlichen Normierungen bzw. Stigmatisierungen. Die Kompatibilität einer speziellen Begabung zu anderen sozialen Handlungsräumen hängt von ihrer individuell ausgetragenen Anpassungsfähigkeit bzw. sozialen Akzeptanz ab. Ein „passendes“ Individuum existiert nicht, sondern nur dessen mehr oder weniger großer Konflikt, Anschlussfähigkeit zu erlangen.
Moderne Individuen finden sich in einer ambivalenten Situation vor: Auf Grund ichfeindlicher, d. h. aufgezwungener Berufspraxis nimmt die soziale Isolation des Individuums zu, obgleich es diese soziale Verarmung mit elektrisch-algoritmisch kanalisierten sozialen Medien (Skype, Facebook, Instagram, twitter etc.) zu überwinden sucht. In diesem elektrischen Raum ist es angehalten – neben dem ästhetischen Repräsentationsbedürfnis – eine ästhetische (Re-) Konstruktion seines Lebensentwurfs voranzutreiben. Es ist seinem medial inkorperierten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ausgesetzt. Das wiederum schlägt in eine Art Zwangsvernetzung der permanent zur Verfügung und Verwertung stehenden Akteure um. Die soziale Isolation zwingt eine Art Selbsterhaltung durch Selbstverstärkung auf – bis die isolierte Person in ihrem Spiegel implodiert und ihre Ich-Maske erkennt: Personae. Die monadische Selbstbetrachtung – alle habhaften Ereignisse, Objekte, Menschen durch das ichige Nadelöhr zu ziehen und zu prüfen – treibt das (künstlerische) Subjekt desto mehr in existentielle Ausnahmezustände. Die Individuation ist nicht eine Charakterfrage, sondern sie ist den Arbeits- und Lebensumständen verpflichtet; sie entsteht als Defekt aus ihnen. Wenn man Krankheiten als Individuationsprozess inmitten eines soziaen Umfelds fassen kann, so kann das soziale Umfeld des Individuums in sein Krankheitsfeld einbezogen werden. Schon deshalb, weil die soziale Realität des Individuums in ihm selbst als seine Symptomatik ausagiert wird und an ihm als gesellschaftliche Stigmatisierung durch den Begriff der Krankheit kenntlich ist. Charakteristisch ist der Zirkel in dem sich dieses Individuum befindet: Aus der existentiellen Notdurft nach sozialer Integration (Aufmerksamkeit) folgt Isolation, folgt die Absenz vom gesellschaftlichen Common sense und daraus entwickelt der Kranke, Verrückte, Künstler seinen ästhetisch-existentiellen Ausschrei. Die Arbeit zur Selbstbehauptung läuft permanent Gefahr in narzisstischen Nihilismus auszuarten: Die oder ich. Vom Rand des Ichs in sein Inneres vorzudringen, zerstört es. Es wird durchlässig, sensibel, um permanent den Augenblick der eigenen Hölle, des eigenen Spiegels ästhetisieren zu können und das Leid, den Schwerz als die eigene abgerungene Expression vor sich hin zu stellen: Als Bild, Skulptur, Performance, als abwehrendes Distanzversprechen gegen die idiotische Welt. Dem gepflegten Bewusstsein der Verletzlichkeit – Sensibilität – und deren ästhetische Verteidigung geht die Verletzung des Bewusstseins voraus. Kunstmachen ist beides: das Bewusstsein von Verletzung (in die eigene selbstverschuldete, aber ohnmächtige Freiheit entlassen zu sein) und die Verteidigung der Verletzung mit ästhetischen Mitteln, um sie als Lebenszweck zu behaupten. Es sind die Fäden zum Wirrwarr verschachtelter Begriffs- und Ordnungssysteme, verweisender Hypertexte, Kontexte, Hieroglyphen, die ich als Netz auf mein ästhetisch motiviertes Handeln werfe, so steck ich darin wie ein sich selbst fangender Fisch. Es sind Ariadnes Fäden, die mich selbst zahlreich in gelobte Wege einspinnen und zu täglich wechselnden Standpunkten zur Hölle der Affirmation drängen.
Warum werden so viele Urlaubsfotos, Selfies, Permanent-Fotos auf Partys und Shots vom Fernsehturm, von Sehenswürdigkeiten gemacht? Dient das Foto-schießen Rumballern mit Fotos als touristisch-terroristische Aneignung von Welt, die mit ihrem großen digitalen Treibnetz keine Objekt-Oase durch die neugierig-kolonisierenden Objektive entkommen lässt? Ohne fotografische Aufnahme droht das Gesehene, Erlebte ins Nicht-Passierte zu versinken. Widersprüchlich ist die Differenz zwischen der singulär anmutenden Intention der fotografierenden Person, die ihren Moment bannen will – egal, wo er im Foto-Ordner abgelegt wird und wie überquellend die je einzelnen Momente sich im Wege stehen – und ihrem Bedürfnis, den erkorenen Moment mit aller Welt teilen zu wollen (wo doch der Fernsehturm als Motiv millionenfach reproduziert wurde). Oder sind wir mit dem, was wir individuell von uns abbilden, beliebige, austauschbare Teile des Rauschkörpers Menschheit? Erringen wir geradezu die Beliebigkeit der Orte, unterwerfen wir sie durch das tausendfache Abbilden, um selbst nicht zu sinken? Das gepostete Foto soll eben nicht zu individuell sein, sondern mehr den Anteil am Durchschnitt markieren: es matched mit dem Gros der Adressaten. So geht mit dem Bedürfnis nach geteilter Aufmerksamkeit auch eine soziale Stabilisierung des fotografisch gebannten Er-Lebens durch dessen medial-soziale Verteilung einher. Es scheint, dass mit der verinnerlichten Blick-Technik sozial-medialer Reproduktion von persönlichen Erlebnisses eine Sicherheit, d. h. Vergewisserung über das eigene soziale Leben gewonnen wird. Geht’s dir nicht auch so? Ja, dort war ich auch schon mal.

© Hans Georg Köhler, 2021
Im 19. Jahrhundert stellte die aufkommende Fotografie das Selbstverständnis der Bildenden Kunst in Frage. Landschaftsmalerei, Porträt, Stillleben, Handwerksszenen verloren den mimetischen Blick der Künstler als Realitätsverweis. Jenseits eingeforderter Authentizität zu als real empfundenen Vorstellungen über gesellschaftliche Landschaften sind und waren die Kunstwerke geprägt von künstlerischen Eingriffen und Verklärungen. Die in die Kunst des 19. Jahrhunderts hereinbrechenden revolutionären Abbildungstechniken sprengten die herkömmlichen, omnipotent-künstlerischen, d. h. natürlich auch: eigenmächtigen Darstellungsweisen gesellschaftlicher Realität, und entzog dem Dargestellten den Makel des individuell-anhaftenden Blicks, ja, emanzipierte das Abbilden von der Expertise der Künstler. Der Geschmack an Wirklichkeit brauchte für seine technisch machbare Nachbildung keine gesonderte künstlerische Form mehr – die fotografische Nachbildung von Wirklichkeit wurde populär – und die künstlerische Form wurde der verinnerlichten naturgetreuen Referenz auf außerkünstlerische Formen ledig: In der künstlerischen Form wurde nun selbst – unabhängig von Authentizitätsverweisen gegenüber von Realitätsreferenz – eine inhaltliche Selbstbestimmung gesucht. Die Authentizität als Treue zum Nachgebildeten entwickelte sich zur Authentizität des künstlerischen Prozesses (mit all ihren noch heute zu findenden Mystifikationen). Das Authentisch-Sein des Kunstwerks konnte in der Künstlerexistenz geborgen werden, nahm dort Zuflucht. Die Selbsterfindung des Künstlers mußte sich fortan an eigenen, selbstbezüglichen Erfindungen von Formen im Kunstwerk messen lassen.
Das revolutionäre der Fotografie war, dass nun massenhafte Seherfahrungen in massenhaften Reproduktionen bildlich abrufbar, d. h. wiederholbar dargestellt werden konnten. Man brauchte nicht mehr in verschwommenen Erinnerungen stecken bleiben, sondern hatte jetzt ein wiederholbares Wahrnehmungs-Abbild zur Hand. Die Fotografie konnte Wahrnehmungs-Erfahrungen, die bisher der Kunst oblagen, schneller zu Ab-Bildern formen und vervielfältigen. Die Ähnlichkeit mit dem Objekt als Wirklichkeitsbezug emanzipierte sich in der Fotografie gegen die Bildende Kunst und verlor in den künstlerisch langsameren – und kostspieligeren – Darstellungsweisen ihre Wirklichkeitszitierende Bedeutung. Dieser Zusammenhang von auf Wiederholung insistierender Wahrnehmung der Reproduktion und Produktion von neuen fotografischen Wahrnehmungsangeboten beschleunigte nicht nur den Prozess der Verbreitung von Wahrnehmungsofferten aus dem Produktionsumfeld (als Repräsentationskommunikation der Produktion), sondern auch die Entwicklung der technischen Reproduktionsleistung der foto-technischen Apparatur. Die kapitalistische Produktion begann sich deren technisch-erfassbare Abbildbarkeit in ihre Selbstwahrnehmung einzuschreiben. Ihr Selbstverständnis pocht auf die Objektivierungstechnik der neuen Apparate und wird in Zahlen, Fakten, Daten gegossen. Die menschliche Seh-Erfahrung wurde in technisch erfassbare Kalküle überführt wie beschnitten und durch kalkulierbare Erfassungsmedien geändert. Der menschliche Blick konnte auf das Format erweitert wie fixiert werden und ist technisch ausdifferenzierter geworden, er ist vorhersagbar in die Maschine geflüchtet und kann durch sie abgebildet werden – wenn man den Blick für sie hat. Es entsteht eine menschlich-technische Verwandtschaft zwischen der individuellen Technik der Abbildung, den Foto- und Reproduktionsapparaten und der Abbildung von Technik. Es ist technisch naheliegend, dass die Produktion von Abbildungen irgendwann mit ihrer produktkonformen Verwertung zusammenfällt: Beinah jedes Foto, das in modernen Kameras entsteht, löst ein investigatives Ereignis aus: Geotagging, Internet-Anbindung ermöglichen nicht nur weltweite Verortung des Abbildungs-Ereignisses (das Ereignis ist jetzt ein technisches), sondern auch weltweiten Zugriff. Es ist kaum ein Foto mit dem Handy zu machen, dass nicht von Serverfarmen gespeichert und letztlich für Netzwerk-Konzerne und IT-basierte Geschäftsideen abrufbar und daher auswertbar deren Nutzung unterliegt. Gesichtserkennung, Produktplacement etc. Es kommt zur Annäherung zwischen dem (einzelnen fotografisch herausgerissenen) Objekt und seiner reproduktiven Erfassung: eine potentielle Vervielfältigung durch Verwertung – Entwertung durch Vervielfältigung? – ist jedem Schnappschuss eingeschrieben.

© Hans Georg Köhler, 2021
So wie die Produktion auf sich selbst blickt, können wir nicht schauen. Der Auslöser eines Fotos mutiert mit ihm zu einem Daten-Portfolio von Koordinaten aus Wann, Wo, Wer – ortbar. Das ausgelöste Foto hält das Motiv, Ereignis nicht nur fest, das Motiv, Ereignis wird im digitalen Orbit von seinen individuellen Fesseln befreit, ja: Ein Ereignis wird zum Ereignis, indem es als Abbildung – als digitaler Datensatz – ausgelöst wird. Wir inszenieren! Wir verändern die sichtbare Welt.
In der Bestimmung wie wir durch das Objektiv schauen, wird auch das, was wir sehen (könnten), verändert. In der technisch verwertbaren Abbildung eines Objekts (als Ereignis des Objekts) ist die technisch verwertbare Realität des Objekts (als das Objekthafte im Ereignis) zu erkennen. D. h. auch, dass stetig Objekte durch das Abbilden (erst) erzeugt werden, was auch heißt, dass Zusammenhänge – als die Verbindungen zwischen den Teilen begriffen – auseinandergerissen werden und die herausgeschlagenen Bruchstücke zu Objekten erniedrigt werden. Die Wirklichkeit der Abbildung ist ihre Verwertbarkeit. Man gewinnt der Realität mehr ab, als nur das (Ab-) Bild der Ereignisse. Die Realität gewinnt ihre Qualität dadurch, dass sie verrückt werden kann und das sie ihre Objekte zurechtrückt. Die im technischen Vollzug konstatierten – der Reproduktion kompatiblen – Erfahrungen werden so zu technisch kompatiblen Schnittstellen der Kommunikation. Der ideologische Wunsch nach Selbstdarstellung der Produktivkräfte- wie Mittel konnte mit der produktiveren Technik bildlicher Reproduktion durch die Fotografie erfüllt werden. Ab hier suchte die bildende Kunst ihre neuen Arbeitsfelder, Ausdrücke, Nischen. Das ästhetische Kalkül in der Kunst hatte das Vorrecht der Abbildung verloren und erlangte zwangsweise wie folgerichtig die Freiheit vom Konstrukt der Ähnlichkeit. Die fototechnisch reproduzierbare Empirie stand nun im Dienst technisch rationalisierbarer Realitäts-Erfahrung und gewährte gerade aufgrund ihrer technischen Kühle eine vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeits-/Wahrnehmungsgehalt (wenn es soetwas überhaupt gibt). Das technische Verfahren des Abbildens versicherte Gewissheit, eine Kontrolle über den technischen Ablauf der Bemächtigung von Phänomenen. Eine Art technisch leistbare Kontrolle als Bemächtigung über das Ereignis ohne leibliches Erleben erhält Vorrang. Die Frau der Mann hinter der Kamera wird unsichtbar. Der technisch bezeugte Realitätsgehalt im technisch-fotografisch erzeugten Abbild fungiert als objektive, weil technische Rückkopplung auf sein – nun abgebildetes – vor-bildliches Stattfinden/ Stattfgefundenhaben: Das Ereignis ist Foto geworden. Das Foto ist original. Der technische Abbildungs-Apparat – z. B. die Kamera zwischen Auge und Beobachtetem – trennt wie vermittelt die unmittelbare Wahrnehmung zwischen Auge und Beobachtetem. Die digital-reproduktive Verwirklichung von Gesehenem zu Abgebildeten ist die neue Wirklichkeit des Betrachters. In der fotografischen Fixierung des Objekts manifestiert sich bereits dessen Petrifikation (…ein Bild schießen). Die Totalität der medialen Reproduktion erlaubt dem angeblickten Augenblick nicht mehr zu verschwinden. Als hätte der Fotografierende in verlorener, hoffnungsloser Lage noch etwas aufgenommen, was er nicht begreifen kann, aber in der Handhabung der Kamera ist etwas fixiert, woran er sich mit dem Apparat erinnern kann.
Ich weiß nicht, ob wir befürchten müssen, dass zugunsten einer digitalisierbaren Beobachtungskultur die unmittelbare Sinnlichkeit des körperlichen Wahrnehmens dem Körper entzogen wird. Die Interaktion zwischen Beobachter und Beobachtetem wird durch dessen abbildhafte Bannung – das Foto – unterbrochen, und die Interaktion zwischen den Teilnehmern des Ereignisses. Mit den Möglichkeiten fotografischer Abbildungstechniken wird das Erlebte derart foto-digital vervielfältigt, so dass Interaktionen zwischen den – an diesem Erleben – Beteiligten unnötig werden. Die Vergewisserung der Teilnahme wird im Teilen und goutieren der Abbildungen (posts) erlangt. Das Medium der technischen Apparatur erübrigt die Interaktion der Anwesenden.
Erst im Anblick des Urlaubs-Fotos scheint sich eine Bestätigung der erlebten Situation zu einer erinnerbaren zu realisieren. Ein Dabei-Sein, was vorbei ist, wird (als Ab-Bild) eingeholt. Die technisch möglich gemachte also fotografisch abrufbare Erinnerung setzt die Erfahrung erst durch erinnerbares Erlebnis-Material in Gang. Eine Art posthistorische Erfahrungskontinuität entsteht. Die Vermittlung von Authentizität zur Kontinuität der eigenen Geschichte findet a posteriori und mit technischer Vermittlung (als ausgedrucktes oder gepostetes Foto) statt. D. h. nur bei solchem Anblick eines ständig wiederholbaren Fotos findet sie statt. Fotos sind Erinnerungsprothesen. Die Gegenwart wird durch technische Apparate geschleust und zur Abbildbarkeit gezwungen, um Vergangenheit zu realisieren. Was faktisch auf dem Foto erscheint, mutiert zum Narrativ des abgebildeten Ereignisses und ist es nicht selbst. Denn die Formen, Farben auf dem Fotopapier verweisen materiell-technisch beschränkend auf den erinnerbaren Erfahrungsraum und das abgebildete Ereignis ist als fotografischer Ausschnitt eines Erlebnisses eben auf einen technisch machbaren Ereignisausschnitt angewiesen. Wir lügen uns mit unseren Fotos an. Die technischen Umstände der Erinnerungsfixierung bestimmen, wie und was zu erinnern ist. Sie sind durch den technisch machbaren Abbildungsraum determiniert. Auch das Schauen selbst wird damit vor-bestimmt. Was ohne technische Hilfsmittel dem Gedächtnis nicht erinnerbar ist, ist das, was vergessen wurde, ist das, was vorbei ist: Es hat im Sinne der individuellen Selbstrepräsentation nicht stattgefunden, wenn es nicht durch publizierbare Nachweise gesichert wurde.
Durch die technische Fixierung vergangener Lebenspunkte wird dem seine Ereignishaftigkeit abbildende Subjekt seine Nicht-Anwesenheit, sein Nicht-Erleben, seine nicht vollzogene unmittelbare Interaktion im Foto, Video angezeigt – es ist längst zum Beobachter seiner (abgebildeten) Biografie, zum Selfie geworden. Es ist ein Subjekt, das immerfort während der technischen Aufnahme seiner Ereignisse im Ereignis selbst nicht da ist, nicht bei sich ist oder im Selfie als sein eigenes kaltes Objekt gebannt ist. Denn, dass dies oder jenes als Lebenspunkt festgehalten wurde, heißt doch auch, dass durch den Augenblick des (technisch diskriminierten) Festhaltens genau dieser Augenblick verloren ging. Das (performative) Erleben wird in Information – digitale Fotopixel – verwandelt. Das was informativ konstatiert wird, steht quer zur performativen Aktivität. Die Differenz zum Erleben wird als Unterscheidung in Form einer konstatierbaren Information (Selfie, Foto) hergestellt. „Die gesellschaftsweite Beobachtung der Ereignisse ereignet sich nun nahezu gleichzeitig mit den Ereignissen selbst.“
Die Möglichkeit des menschlich-individuellen Vergessens wird durch selbstverliebte Datenberge erschwert. Der Zugriff auf alles irgendwie fotografisch Erlebten wird fürs Individuum allgegenwärtig machbar. Die menschliche Fülle erlebter Erfahrung aber beinhaltet Erinnerungsarbeit – was ein selektives Vergessen impliziert. Das, was als erprobte Erfahrung zur geschichtlichen Kontinuität des Individuums beitragen soll, wird Initial seines Spaltungsprozesses, wenn die geübte Erfahrung nutzlos ist.Die empfundene Gegenwart als Standpunkt realisierter Vergangenheit in dem Sinn, dass gegenwärtig gefundene Unterschiede zu etablierten, angeeigneten Formen vorhandener Erfahrung zu neuen Möglichkeiten gerinnen, die in ihrer Vielheit eine Struktur für ein zukünftiges Handeln gewähren.
Wie aber, wenn ich das Neue nicht sehe und immer wieder die alten Fotos betrachte. Ich mich zurückziehe auf konstatiertes – fotografisch festgehaltenes – Erleben. Meine Erfahrungen sind lediglich technisch vollzogene (fotografische) Reproduktionen meiner technisch etablierten Erinnerungen. Ich erschließe, verunmögliche meine Gegenwart durch den zeit-authentischen Verweis meiner Erfahrung im vergilbten Foto. Je technischer vermittelnd Erfahrung in flachen, digitalen Reproduktionen abbildend in Gang bzw. auf stand-by gehalten werden kann, desto mehr nimmt sie den Charakter prothesenhafter Idealisierung an. Sie ist aus dem Gedächtnis in den digitalen Speicherplatz ausgelagert. Die fotografisch animierte Erinnerung stellt das betrachtende Subjekt auf einen zeitlich jüngeren Zustand seines Erlebens zurück. Es schlüpft aber nicht in die Zeit seines tatsächlichen Erlebens zurück, sondern in jenes digitale Versteck, das den Erlebnisraum technisch beschränkend markiert, jedoch jenseits des Individuums installiert: in der Cloud kommen jene sich selbst gegenüber fremd seiende Schnappschüsse zur Ruhe. Die pathologisch anmutende Fotografierwut und die Speicherung ihrer Resultate scheint leibliche Erfahrung zugunsten einer selektiven wie jederzeit abrufbaren Bildspeicherordnung aufzugeben. Modelling. Das gegenwärtig zu Erlebende wird im Foto zur Versicherung, dass man gegenwärtig war. Natürlich fängt nicht jeder fotografischer Schuss ein Ereignis ein.
Kann ein Ereignis, die über die technische Reproduktion des Wahrnehmungsmaterials erschlossen wird, für jemanden, der nicht zu ihrem Abbildungsmaterial gehört, evident sein? Als eine Erfahrung, die sich erst durch deren fotografische Reproduktion erschließen lässt? So, als wohnte man einem Schauspiel bei, indem man selbst Akteur war, aber zugleich die Kamera hielt und sich deshalb als Protagonist ausschloss? Muss man die Abbildung (Speicherung) eines Ereignisses mit der darin gemachten Erfahrung zusammendenken? Braucht solches Reproduktionsmaterial ästhetische Qualitäten, um den Erfahrungsfremden in den angebotenen und abgebildeten Ereignissraum hineinzuführen? Weil das Ich sich sonst nicht dazu verhalten kann? Das Ereignis-Ich müsste sein eigenes – durch seine Kamera – beobachtetes Ereignis „gut dargestellt“ haben, um einen selbstischen Kontakt zu sich über diese Abbildung wiederum herzustellen. Das heißt, dass das Ästhetische der Abbilder zur Entkörperlichung der Wahrnehmung der Wirklichkeit beiträgt, den ursprünglichen Augenblick überschreibt. Oder ist das entkörperlichende Phänomen des Ästhetisierens oder die Flucht zum Ästhetischen unserer Erfahrungsweise näher? Man sieht – gerade in der Kunst wie in den (stets auch sinnlich wahrzunehmenden) Massenmedien –, dass das konstatierende Moment einer Information das performative ihrer Mitteilung nicht auslöscht. Die Kunst ist durch ihren formalen Gebrauch sinnlichen Materials ambivalent zur Entkörperlichung des Sinnlichen.
Abhören beginnt im Ohr, das Sichtfeld wird durch die evolutionäre Kamera im eigenen Hirn gerahmt: Sehend bewege ich mich im Gestrüpp von Zeichen, Schildern, Plakaten, gebotenen Wege-Markierungen im öffentlichen Raum. Quer zum penetrierenden Beobachtungsdruck von Werbeangeboten stresse ich mich nach Hause. Die unvermeidbaren nach Konsumenten, nach mir Ausschau haltenden Werbebotschaften in Bahnhöfen, an Kreuzungen und in Computer-Screens greifen immerzu die sinnlichen Organe an; die Pixel sind tief in meinen Körper gekrochen versteckt, die Reizschwellen der Wahrnehmung allseits unter Strom. Überall Selbstdarstellungsangebote. Ungefragt bedrängt quetsche ich mich mit anderen zwischen Pop-ups durch die Menschen-Menge. Ich will hier raus. Im Bahnhof stehen 2 Fahrkartenautomaten und 8 digital gesteuerte Werbe-Info-Screens.
Einerseits.

Konsum-Leitsystem-Autobahn, Foto-Collage © Hans Georg Köhler, VG Bild Kunst, 2007
Andererseits:
Das um sich schießende, wuchernde Repräsentationsbedürfnis der Menschen der Ersten Welt – gefüttert von der Postpopindustrie mit ihrer anmutenden Demokratisierung marktkonformer ästhetischen Auslese – braucht schließlich die Reverenz der Beobachtung von anderen auf die eigene Performance. Die Vergewisserung des anderen Beobachterstandpunktes (durch die Feedbackschleifen anderer Beobachter, durch die Relevanzspiegel Sozialer Medien) auf das eigene Repräsentationsbedürfnis, ist ein vages Versprechen an den ästhetisch operierenden Selbstdarsteller. Narzissmus wird massentauglich. Das „Wie-werde-ich-von-den-anderen-wahrgenommen“ ist das existentielle Motiv und das in produktaffine Leere laufende Begehren zugleich. Die Selbstdefinition des Einzelnen über die angebotene Aufmerksamkeits- wie Selbstwahrnehmungskultur Sozialer Medien (wie Instagram, tiktok, Facebook, Twitter u. a.) mit ihren normativen Konsum-Zwängen entwickelt sich zur Adaption, wenn nicht Unterwerfung der Teilnehmenden unter die technisch kalkulierten Beobachtungsprämissen, denn die erhoffte Bestätigung der Fremdreferenz durch Likes wird algorithmisch nivelliert. Die visuellen und akustischen Angebote schleifen die Nerven. Die selbstische Repräsentation passt sich der technisch-kommunikativen Zurichtung der medialen Oberflächen an – share me – und die Selbste werden selbst Oberfläche: Outfit. Das sich selbstdarstellende Subjekt nimmt dieses Umsichher real wahr, als Realität wahr – es ist singulär betroffen. Das Reale ist das vorgegebene, angebotene Beobachtbare. Wir sind in dem, was wir sehen, gefangen. Und was als beobachtbar gilt, ist durch systemische Vorgaben technisch-medialer Zugänglichkeit bestimmt. Aus sich verstärkenden Feedbackschleifen werden Hamsterräder im Monadenkäfig. Jeder generiert seinen eigenen Informationshorizont – und wird gefüttert. Das persönlich bevorzugte Medium sozialer Repräsentanz offeriert bedienbare Schnittstellen für einschneidende Botschaften. Solang ich darauf klotze, macht es etwas mit mir, denn, was ich sehe, blickt mich an. Wahrscheinlich bin ich schon konditioniert.

Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER I, Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst
Das individuelle Repräsentationsbedürfnis wird an der Aufmerksamkeitsfloskel der vor-herrschenden kommunikativen Instanzen abgeschliffen. Aus der individuellen ästhetischen Repräsentation, die beachtet werden will, wird dann eine, die ihrer kommunikativen Darstellbarkeit willen – im Sinne des vorherrschenden medial-technischen Stils – gerecht werden will. Zensur als technische Hürde des anschlussfähigen Kommunikationskanals. Die Frage also, wie jemand mit einer Werbebotschaft, einem Kunstwerk oder einer Schlagzeile erreicht werden kann, wie man jemanden definiert, der sich für diese Themen interessieren könnte, bleibt im Aufmerksamkeitsschlund überbordender Reize für die Anbieter der Selbstdarstellungsplattformen nicht unbeantwortbar, wenn auch technisch herausfordernd. Aufmerksamkeitsmacht ist zwingender als das wohlmöglich Interessante. Das Gute setzt sich überhaupt nicht durch, wenn es keinen Sammler, keinen Verlag, keine Durchsetzungsmacht besitzt. Um ästhetisch oder im Sinne der Selbstdarstellung kommunizieren zu können, geht das daran interessierte Selbst mit der gegebenen Kommunikationsstruktur konform, es passt sich ihr an, adaptiert sie: nur Anschluss unter Instagram Facebook tiktok bla bla. Die so verkappte ästhetische Repräsentation des Individuums läuft Gefahr in beliebige, aber werbekonforme Uniformierung überzugehen. Mit den zum Kanal, zu Markte getragenen Ich-Repräsentationen bewegt man sich förmlich = angepasst in den Instanzen der kommunikativen Wahrnehmungsgewalt Sozialer Medien – wo sonst? Aus der Frage, wie möchte ich mich präsentieren, wird die Frage, wie kann ich der öffentlichen – also jeweils mir gegebenen, empfohlenen – Wahrnehmungsweise entsprechen, um präsent zu sein. Die Selektionskriterien sind vorgegeben, jedoch nicht einfach zu decodieren. Die ursprüngliche Intention, der Lebensschrei des Individuums, kehrt sich um. Hier beginnt das Gebiet der Projektionen, Mutmaßungen. Denn um zu wissen, wie und ob die eigene Repräsentation in die Öffentlichkeit gelangt, scheint es natürlich, die Prämissen bzw. Funktionalismen der herrschenden Beobachtungskultur als gültig zu erfassen. Diese problematische Lage schlägt leicht in eine Unterstellung um, das dass, was gerade en vogue sein könnte oder als solches breitenwirksam ist, zu wiederholen bzw. vorauseilend vorwegzunehmen. Das sich darstellende, repräsentierende Individuum wird zum Rezipienten seiner Funktionalität, seiner repräsentierten, aber doch funktionalisierten Darstellung von sich selbst. Es wird der Wärter seines Gefängnisses. Da geht es nicht mehr um Content, sondern um Sichtbarkeit. Täglich eine Story über simpelste alltägliche Verrichtungen. Statt der eigenen individuellen Bedürftigkeit zu folgen, werden aufs peinlichste vermeintliche Beobachtungsmächte wie Magazine, Webportale etc. gelesen wie verfolgt. Hitzig werden neueste Moden im medialen Orkus verfolgt und der Haben-Wollen-Ich-Will-Auch-Jäger ist hiermit längst schon Verfolgter geworden. Man ist zum Stalker gegen die eigene Lebendigkeit mutiert. Und dann gibt es noch die, die sich verfolgt fühlen von ihrem Wahr-genommen-werden, das tatsächlich nicht stattfindet. Das sind die, die ihr Agieren auf einen vermeintlich von außen wahrgenommenen Wahrnehmungsgehalt richten, statt auf sich selbst. Der Punkt ist der, dass wir sicherlich mehr unter Beobachtung stehen, als dass wir der Ordnungen der Beobachtungen bzw. der Beobachtung der Ordnungen Herr sind. Es bleibt keine andere Wahl als auf die Paranoia der Beobachtbarkeit der Beobachtung zu verzichten und sich mit dem, was man hat – das ist nur das eigene kümmerliche Ich – in den repräsentativen Hunger hinein zu werfen. Die Entwicklung mannigfaltiger Vervielfältigungsmedien -und Kanäle fördert die algorithmische Erfasstheit der Bedürfnisse, also eine wiederverwertbare Gewissheit über verwertbare, an den Mann die Frau zu erbringende Angebote. Jede weitere technische Übersetzung, Umsetzung, Ableitung von privat gemeinter Kommunikation erhöht nicht nur den Durchsatz prüfbaren Kommunikationsmaterials, sondern ermöglicht die Durchsetzung des Rückkopplungseffektes jedweder Information zu den jeweiligen (technischen) Instanzen kontrollierender, d.h. selektierender Operations-Macht. Man kann kaum noch im Web unterwegs sein, ohne der Aufforderung nachzukommen, dem Sammeln und Ermitteln eigener Browser-Daten die Zustimmung zu erteilen. Je technisch abbildender die Kommunikation oder deren Darstellung eines Nutzers verwertet wird, desto zugänglicher ist sie der Kontrolle. Der Werbeslogan von Sony – „Egal, was Sie aufnehmen, Sie werden es nie vergessen“ – fühlt sich in diesem Zusammenhang wie eine Drohung an: Sollten sie es vergessen, sind wir für sie da, wir vergessen nichts, was auch immer sie tun.
Die Welt ist unique, universell, die Produktionsstätten parteilos – der Mord ist mit der richtigen Kamera gefilmt. Es wird werbend unterstellt, dass der technische Abbildungsapparat über die ästhetische Qualität der menschlichen Wahrnehmung entscheidet. Die Verschiebung der Erfahrung, des Ereignisses, des instant in die Cloud verwiesenen geschossenen Fotos zum omnipotenten digitalen Medium egalisiert den Erfahrungsstoff für alle Teilnehmenden. Die Gegenstände, Ereignisse werden technisch kompatibel zu weltweiter Verfügbarkeit geschliffen. Es kommt nicht darauf an, Informationen zu sammeln, sondern sie zu interpretieren. Die von Menschen geschaffnen Maschinen sind jetzt dazu in der Lage.

Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER II (Auto-Pilot), Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst 2020
Die durchs Objektivieren in Objekte geteilte und zugerichtete Welt wird abermals durch unzählige Objektive der allgegenwärtigen Smartphones-Kameras mit geschossenen Foto-Objekten überformt. Das zu fotografierende Phänomen wird den technischen Möglichkeiten der Aufnahmeapparate angepasst, dadurch verändert und als Abbild beeinflusst es seine Wahrnehmungsweise. Wir näheren uns dem Phänomenen über vorgefertigte Abbilder. Dass die Ausschnittsuche im Sucher der Kamera als künstlerisch honoriertes Kriterium gilt, legt den technischen Zusammenhang zu unseren ästhetischen Erfahrungen offen. Künstlerische Komposition ist hier wesentlich der Objektivierung, der Kontrolle geschuldet, das Material zu bändigen. Der zu nutzende Beobachtungsapparat stülpt sich über den Beobachter und seinen Gegenstand gleichermaßen. Wir gucken wie die Maschinen, wir inkarnieren ihren Blick. Zum Selektionskäfig ist noch der Käfig des Selekteurs zu rechnen. Die durch Abbild-Maschinen beschleunigte Verdinglichung des Erfahrungsraums bremst die menschlich gegebene Wahrnehmungsphysiologie aus (Fotos bilden den Raum flach auf dem Papier ab).
Kafka, Haut und bodyhacking
Kafkas Beschreibung der Herausbildung von Vorurteilen, Verdächtigungen, Annahmen in „Der Prozeß“ und seine detailreiche, minutiose literarische Darstellung der Vollstreckung eines Urteils in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“, ist deshalb interessant, weil sie die Verstrickung einer eingekesselten, in ein Schicksal hinein geworfenen und nach Übersicht schnappenden Person darstellt, die sich in einem funktional integrativenProzess undurchsichtiger Abhängigkeiten aufhält. Die ihr vorgesetzten funktionalen Ordnungen sind für die darin agierende Person kaum dechiffrierbar; sie wird ohnmächtig, zappelt im Netz der sich ihr entgegenstellenden Kontexte und immerfort schreibt sich die Funktionen bestimmende Ordnungsmacht tiefer in sie hinein: so wird die Haut der Angeklagten in Kafkas „In der Strafkolonie“ zur Grenze wie Areal dieses Prozesses: Mit feinen spitzen Nadeln werden den Häuten Porentief Gesetzestexte eingeschrieben.
Niemand ist wirklich frei wie unabhängig von anderen und gänzlich ohne funktionelle Bestimmung in der Gesellschaft. In administrierten Arbeitsprozessen verschärft sich die Differenzierung der persönlichen Funktionalitäten wie die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Personen. Keine funktional definierte Person hat in komplexen Institutionen eine totale Perspektive auf das sie bestimmende Geschehen. Es sind die Anderen. Das Handeln des literarischen Akteurs ist in Kafkas Strafkolonie als auch im Prozeß in eine beschränkte oder ihn beschränkende funktionelle Teilhabe an der ihn betreffenden Funktionsbestimmung – als Vollstreckung des verübten Funktions-Urteils – verstrickt. Die geringe Funktions-Schnittmenge des Akteurs mit anderen Funktionsträgern stößt im Prozess des Aushandelns verschiedenster Funktionsebenen an unvorhersehbare – durch unbekannte Funktionen definierte – Grenzen. Der fehlenden Überblick aufs „Große Ganze“ trifft den einzelnen Akteur jedoch persönlich, denn er ist funktional darin eingegrenzt und er stößt wiederholt an die funktionalen Beschränkungen seines Funktionsbereiches, an seine ihm vorgesetzte und ihn bestimmende Entscheidungsbefugnis, die ihm als Institution entgegentritt. Der Protagonist ist systemisch gefangen. Der um seine Unauffindbarkeit, Unauffälligkeit kämpfende Protagonist – er will nicht in Konflikt mit anderen Funktionsbestimmungen geraten – muß scheitern aufgrund der systemischen Vor-Verurteilung seines (persönlichen) Habitats zur Funktion. Die dem Protagonisten aufgetragene wie ihn selbst tragende Funktion treibt ihn bald unfrei in diese hinein. Der dem jeweilig in der Firma Mitarbeitenden zugewiesene Funktionsbereich suggeriert einen Handlungsspielraum, eine Ermächtigung qua ihm vorgesetzter Funktionalität. In dieser Funktionsebene besitzt der Mitarbeiter inklusive seines funktional bestimmten Handlungsspielraums jedoch kaum Anschlussfähigkeit zu anderen Hierarchien. Er macht hier seinen Job und ist für alles andere nicht zuständig. Die Angst vor „funktionellen“ Fehlern, lässt wenig Verantwortung zu. Im Arbeits-Kontrakt sind die Arbeits-Funktionen als paragraphierte Handlungsanweisungen festgesetzt und die Mitarbeiter sind mit ihnen verhaftet, verkörpert. Die Putzfrau dringt nicht zum Direktor vor. Die Verstrickung der Person mit ihren Lebensentwürfen entsteht zwischen der abstrakten Idee von sich selbst als freies bürgerliches Individuum und der erzwungenen oder von sich selbst verkörperten Erwartung der Einordnung in einem das Leben verdienenden Funktionsbereich; in irgendeiner Arbeit. So erkennt sich die Person als Funktion und erkennt andere als solche. Die funktionell befangene Person ist schon in Gefangenschaft mit seinen Funktionen befangen, bevor ein Urteil gefällt werden braucht. Ambivalent an dieser Situation ist, dass die funktionelle Person wieder als Person auferstehen kann, wenn sie sich mit Haut und Haaren ihrer Funktion verschreibt, d. h., wenn sie in ihrem Job total aufgeht, wenn’s ihr Spaß macht, sich als Person mit ihrer Funktion zu vermählen. Die funktionell definierte Person entkommt der ihr unterstellten Funktion nur, indem sie diese überbietet, sich als Person tatsächlich als Funktion durchführt, sich selbst als Funktion begreift. Aus Frau Meier wird die Zahnärztin. Die Funktionen tragenden Personen werden zur sozialen Richtschnur des Schicksals für jedermann. Dieser Einschreibungsprozess ist äußerlich am Habitus, an der Kleiderordnung, im Bewegungsstil zu erkennen und geht bis unter die Haut. Man trägt nach außen vor, schreibt sich mit erkennbaren individuellen Uniformen ins soziale Umfeld ein, was innen, im Körper bereits als Funktion wuchert. Vor der Hochzeit von Mensch und Maschine vermählen wir uns mit deren Aufgaben. Ja – es geht um Identität. An der Grenze unserer Körper schneiden wir uns zuerst: Wir ketten uns an das eigene Piercing, an die verehrte Band, an ein Symbol, eine Marke. Die Haut als Schnittstelle – Interface – bildet diesen Prozeß der Vereinnahmung ab.
Enter you, baby!

Die physische Einschreibung einer selbstischen Handlungsanweisung oder Vorschrift auf die eigene Haut – als funktionelle Verkörperung eines Gesetzes wie in Kafkas „In der Strafkolonie“ exerziert – spiegelt die Möglichkeiten neuer Vereinnahmungen des Körpers wider: für die Übertragung von ideologischen, politischen und Produkt affinen Botschaften. Der menschliche Körper ist das Medium funktionaler Botschaften und deren Kontexte geworden. Produkt wie Werbe-Medium, Subjekt und Objekt gleichen sich hier an: auf der Haut des menschlichen Körpers. Der sichtbare Körper wird Kampfplatz, performativer Ort des Ausdrucks und Mediums produktinvasiver Botschaften, wenn auch individuell verklärt. „Die Epidermis, das flächenmäßig größte Organ des Menschen, wird als Interface entdeckt.“
Die kapitalistische Über-Produktionsweise erzwingt die Erweckung nach ständig neuen Bedürfnissen – wie sonst könnten die massenhaften Produkte abgesetzt werden – und deren fleischliche Eingemeindung ins individuelle Bewußtsein. Ein ständiges Aufreißen neuer Bedürftigkeit ist im Gange, flutet die Screens. Die beworbenen Produkte werden mit dem Schrei nach ihnen durch die Konsum-Junkies gerechtfertigt. Aus Bedürfnis wird Bedürftigkeit gepresst. Das inszenierte Individuum ist Opfer seiner Ansprüche geworden und geht in den Streik, wenn es nicht verreisen oder konsumieren kann. Die Produktspezifisch aufgeblasene Individualität kollabiert an ihren monadisch-narzisstischen Ansprüchen, an ihrer Künstlichkeit. Jeder Körper ist nur ein Absatzgebiet und er selbst schreibt sich als Adressat in den ihn betreffenden Verbrauch als seine Abnutzung ein. Da soll nichts anderes gefühlt werden als der empfohlene Warentausch. Empathie ist zur Differenz zwischen empfohlener Ware und ihrem empfundenen Verlust geschrumpft. Dem Gesetz kapitaler Vernutzung verpflichtet, wird der querulante Körper endlich mit der eigenen Haut und der Oberfläche der Ware kongruent. Das Produkt wird dem geilen Konsumenten eingeschrieben: in seine Haut mit den Buchstaben des über ihm herrschenden Bedürfnis- wie Bedürftigkeitsurteils. Als beschriebe der Konsument sich selbst, wird er Produktkonform zur Produktreferenz verkörperlicht. Die unheimliche Zukunftsvision in Kafkas Strafkolonie ist in die Realität der Häute eingebrochen. Es gilt als schick, sich mit Sponsorenlogos zu tätowieren. Branding. Kafkas Strafkolonie nahm heutige Funktions- bzw. Produkt-Einschreibungen als Besetzung des eigenen Leibes literarisch vorweg. Die KZ–Tätowierung als Brandzeichen ist das Gleichnis für jene, die für ihren Arbeitgeber im Zuge einer coporate identity werben müssen. Das Lohnempfänger-Subjekt wird zum Antagonisten seiner selbst in den industriellen Schlachten gegen andere Lohnempfänger. Die Werbeindustrie stürzt sich mit seinen Produktmanipulationen, Täuschungen auf das Körper-Areal, welches im Konzentrationslager schon zur Verwaltung von Menschenmaterial diente. Die an Menschen-Häuten sich orientierende Organisation des Tötens ist in zeitgenössischen Werbekampagnen direkt am vom Waren-Konsum beherrschten Körper ablesbar: Durch hautnah eingeschriebene Markierungen. Sie zeigen die Inkorporierung von Produktions-Ideologien zum Lebensgefühl. Der definitorische Nachfrage-Zwang, Zielgruppen mit permanentem Kunden-Hacking zu generieren, zeigt sich noch in der allumfassenden Ermittlung von digitalen Fußabdrücken umworbener, weil potentieller Kunden. Der Preis ist eine ungeahnte komplexe Struktur für Entscheidungsvorgänge im alltäglichen Leben. Dialektisch schön wird dieser komplexe Lebens-Zustand durch das Angebot seiner Überwindung angepriesen:
„Leben Sie, wir kümmern uns um die Details.“ Slogan der Hypovereinsbank

Die politisch wie wirtschaftlich ins Naziregime verstrickten Konzerne haben ihren Werbeenkeln die gemeinsame Geschichte beigebracht. Wenn damals noch Haut abgezogen wurde für Lampenschirme, so umschmeicheln heute globale Konzerne mit ihren Werbekampagnen Produkte wie Kunden mit Häuten auf denen eingebrannte Firmenlogos festsitzen. Zuweilen wurde die Haut der Stirn als Eingabegerät für Kundenwünsche dargestellt.
Die Haut muß abziehbar, abwaschbar bleiben, d. h. offen für neue Angebote, Angriffe, Lebens-Erhaltungen. Botox-Glättungen. Brandzeichen kommen auch schon vor. Wie in der Massentierhaltung: codierte Ohrclips zeigen am Ochsen oder Kalb seine produktspezifische industrielle Verwertung an. Im gesellschaftlichen Produktionsverkehr kann man die Zuordnung der Menschen zu bestimmten Waren als Zielgruppen zusammenfassen und als Selektion begreifen. Der Begriff der Zielgruppe ist ein Mal schlechter Auserwähltheit: determiniert zum Verbraucher. Nicht Selbst-Bestimmung, sondern Einordnung wird eingefordert. Marketing als Erfassung und Bezeichnung der Person. Der altmodische Satz, dass „die Haut nicht zu Markte getragen werden darf“, spricht im Tabu verkleidet die Dialektik des leiblichen Zugriffes des Marktes auf die Körper aus: da ist der Zugriff schon äußerlich am Körper mit Marken-Klamotten fest gemacht und zugleich das Tragende seines Trägers. Das Logo am getragenen Kleidungsstück wird im doppelten Sinn Getragenes: ein bloßes Transportmittel der warenmäßigen Botschaft. Man schleppt eine permanente Zielgruppenbestimmung mit. Bis auf die Haut. Die fürs Marketing kolonisierte Haut wird ihrem Träger als Landmarke eingedrückt. Die ehemals physische Einheit, der letzte biologische Überzug wird zur Produktions- und Projektionsfläche. Das äußerlich Identifizierbare, dem Auge Zugängliche hat die Körper besetzt. Längst sind die Gehirne an der Wahrnehmung und Kommunikation von Produkten sozialisiert, sie sind in ihrer sich zu Markte tragenden „Individualität“ erreicht. Die menschliche Haut ist ein Angelplatz umworbener Handelsplätze. Cremes, Stoffe, Mode, Parfüm, Banken, Sex, Autos.
Werbung total orbital, verknotete Blicke, verklebte Schnittstellen von beschnittener Kommunikation sind Narben in Bewußtseinsarealen geworden. Sie sind das vernarbte Outfit eingehackter Eindrücke. Images. Eingesponnen von den Leitungsdrähten der fakemächtigen Sozialen Medien, markieren die Posts des Nutzers die Wege zum nächsten Produkt. Im Gehirn flackern die Lichter endlos. In der Weise wie Codes mein Erblicktes „sehen“, interpretieren, werde ich als mein Beobachter, Ob-Server, digital neu geboren. Mein Outfit ist das stets aktuelle Benutzerprofil. Sehen als Test für das, was des Sehens würdig. Klicken – nicht Blicken!
Wie ist die kalkulierte Verletzung eines Körpers in einem Werbefoto zu fassen, auf dem die plakative Verletzung zur werbewirksamen Reizschwelle ästhetisiert worden ist?

Die Auflösung der Person zum Benutzerprofil: Zielgruppenanalyse verwendet algorithmische Rationalitäten der „persönlichen“ Erfassung, die jedes Verhalten ins Visier nimmt und zum Ziel eines Angebots macht, was wir nicht ablehnen können. Wir werden nicht durch Arbeit oder Gas getötet, sondern im Müll unserer Produkte ersticken wir.
„Was anderes ist die Kunst als das Anerkennen unserer eigenen Verzweiflung?“
Kunstwerke als formal funktionierende Verzweiflungstaten!? Das Existentielle unseres Zweifels in der Kunst ist Ausdruck der erkenntnistheoretisch geschulten Spaltung des Beobachtens der Beobachterposition gegenüber, die dem Objekt der Beobachtung und dem Subjekt der Beobachtung zugleich Herr zu werden trachtet. Ich fühle etwas, bilde mir Vorgänge ein und ab und bin auf physisch wahrnehmbares Material, auf Objekte, auf meinen Körper angewiesen. Durch das künstlerisch bedingte Verfahren, Wirklichkeit zu erzeugen – in Überwindung der Spaltung von Objekt und Subjekt – ist man selbst dem methodischen Zwang ausgesetzt, seine Gedanken, Ideen und Verhältnisse als Objekt zu materialisieren. Ich als Künstler bin mein Objekt, das spricht. Der Preis von Erkenntnis (die Erfahrung, Erfahrung aufzugeben), ist ein psychodelischer Beitrag: Ich begebe mich zugunsten des herzustellenden Artefakts, der zu gewinnenden Erkenntnis, als dem Zusammenführen von Gedanke und Körper, in den Spaltungsprozess von Erfahrung hinein, um in ausdrucksmäßiger oder formal darzustellender Weise ihn im Kunstwerk zu überwinden. Ich als Künstler bin Teilnehmer wie Beobachter meines Problems, meines Interesses, das in der Differenzierung von Formen, Dingen, Erfahrungen aufgelöst wird. Ich bin das Objekt, das als Subjekt darüber sprechen, malen, meißeln kann. Alles in meinem Körper ist Objekt wie Subjekt, ist Form – ist als formbare Gestaltung zu ergreifen und zu zeigen. Das künstlerische Pendeln zwischen Subjekt und Objekt erzeugt einen sozialen Raum.

Die Kunst vermag die Tomate aus ihrem nur pragmatischen Zusammenhang herausreißen: Die Kunst kann dem glänzenden Zinnober ihrer Oberfläche eine über das Nahrungsmittel hinausweisende Bedeutung verschaffen. Dafür lasse ich sie aus meiner Hand wachsen: malend auf der Leinwand.
Kommunikation als soziale Interaktion zwischen sprachhandelnden Leuten beginnt mit dem Sich-Einlassen auf den anderen, auf Unsicheres, Zweifelhaftes, noch Ungeprüftes, Differentes, auf das, was ohne Gewißheit schon da ist: die Bedingung der Möglichkeit teilzunehmen und zu reden. Möglicherweise eine Lust, in der Gegenwart eines anderen sich gegen den anderen zu differenzieren, weil der andere da ist. Differenz entsteht durch und mit dem anderen Teilnehmer der Auseinandersetzung. Individualisierung wird ermöglicht durch die Abgrenzung, die der Gesprächspartner bietet. Ohne Differenzierung – Meinungsverschiedenheit – gibt es keinen Grund, zu reden. Differenz als Bedingung für Kommunikation wie ihr Ergebnis. Ja: Wenn man nichts hat, wovon man sprechen kann, müsste man darüber schweigen.Anders im Streit: hier lauert die Gefahr, dass der kontrollierende Intellekt die erkorenen Entscheidungs- bzw. Abgrenzungsparameter stetig an den Widerstreitenden anpasst oder mit sich selbst verfeindet. Eine Unendlichkeit des Streits entsteht. Oder: Die redende Person untergräbt sich selbst und stimmt mit dem Gegenüber – der er selbst sein kann – letztlich überein. Die Bedingung des Gesprächs – Kommunikation durch Differenz auszulösen – löst sich im Zustand der Übereinstimmung, Einigung auf oder fährt sich fest, wenn die Differenz überbordet und zur Verletzung führt. Man hatte einen Grund, zu reden, aber er führte ins Nichts.

Dann gibt es noch eine Art idiotische Bewegungsreserve, in der ständig zwischen möglichen Entschlüssen und wohlmöglichen Einigungen, neue Differenzen, neu zu beachtende Schwierigkeiten gesucht werden, und das wohlbekannte ‚Aber‘ die Konstruktion der Unentschiedenheit aufrecht erhält. Der prokrastenierende Idiot pendelt in seinen unendlichen Abgrenzungen hin und her und kommt nicht vom Fleck. Differenzen zum Gegenüber, zum Gegenstand verhärten sich zum Alibi, in der Differenz, in der Frageposition, in der Infragestellung aller Positionen zu bleiben, um nicht in die Aktion gehen zu müssen, um nicht wohlmögliche Konsequenzen einer Entscheidung zu realisieren. Der Spalt zwischen dem Sich-Einlassen auf Zweifelhaftes (Unsicheres) in einer Diskussion und der Haltung, sich zweifellos zum Anhänger des bloßen Dabeiseins der Diskussion, des Streits zu machen – ich will mitreden, jedoch ohne Konsequenz – markiert eine Angst-Reserve gegen eine Ent-Scheidung oder ist der auszuhaltende (psychologische) Spagat, um vor der Entscheidung, Aktion zu verharren. Solange man mitredet, braucht nichts entschieden zu werden. Aber nein, aber ja, aber nein. Der Entzug, die aktive Ent-Haltung vor einer durch Entscheidung ermöglichten Erfahrung oder das Nichtzustandekommen von Praxis durch die Beschneidung der Handlungsfreiheit zugunsten nichtvollzogener oder zukünftig zu erreichender Entscheidungskalküle, läuft auf eine Spekulation nichtexistenter Ereignisse hinaus. Denn die vermeintlichen oder befürchteten Folgen einer zu treffenden Entscheidung werden rekursiv in die Entscheidungskriterien einbezogen und beeinflussen die Entscheidung wie ihr Ergebnis. Die Spekulation auf eine Aktie verändert ihren Wert. Die spekulativen Folgen einer Entscheidung manipulieren somit das Fällen derselben. Das spekulierte Vorherwissen arbeitet gegen die Praxis der durch Entscheidung herbeigeführten Erfahrung und lenkt sie zugleich. Man ist resistent – nicht renitent. Die Verengung des Aktionsradius durch Ausschluss angrenzender Bereiche schränkt das Blickfeld ein und radikalisiert die Wahrnehmung.
Diese hier beschriebenen Schwierigkeiten, Praxis, Leben zu gestalten, d.h., Entscheidungen aus einem schier unendlich scheinenden Reservoir von formalen Kriterien – Formen, die jeweils Unterschiede zur gegenwärtigen Rednerposition markieren – zu treffen, geben einerseits ein Einblick auf die latente Überforderung informierter Individuen einer Gesellschaft, andererseits formieren sie die existentiellen Bedingungen für tatsächlich wahrzunehmende Praxis.
Durch meine Abbildungen rücke ich mir meine Wirklichkeit ins Bild – in einen Ausschnitt. Ich kann sehen, was ich sehen will. Ich bilde Wirklichkeit durch meine Ab-Bilder von ihr. Meinen Blick auf die sogenannte Wirklichkeit bilde ich ab bzw. nach. Was ich sehe, blickt mich an.

Ich-Wirklichkeit wird vollzogen, konstruiert durch eine ästhetische Verrückung, Ver-Wirklichung der Wirklichkeit – durch den Akt der Festlegung eines Ausschnitts und durch das selbstgeschaffene Ausdrucksmaterial aus der Wirklichkeit selbst. Persönliche Ver-Wirklichung ist Ent-Wirklichung, stets Ent-Rückung von anderen möglichen Weltansichten. Ich ent-nehme der Wirklichkeit meine Bilder und ver-wirkliche dadurch meine Wirklichkeit. Langsam, mehr und mehr wird meine Umwelt mit meinen Abbildungen versehen, übersehen, überklebt, überlagert. All das, was als Rohstoff meiner Blicke dient, um sich der Welt wiedergebend auszudrücken, wird ins Abbildhafte überführt, denn in der Fixierung kann es erfasst werden. Der gemalten Sonnenblume, der Seerose, Klosterruine in Oybin kann ich die Wünsche meiner Weltdarstellung offenbaren – wenn ich sie in ein Bild gepresst habe. Die Welt wird mir erst wirklich, wenn sie – durch ein gestaltbares Medium – ausgedrückt, d. h., wieder-gegeben werden kann. Das Ausdrückbare/ Kommunizierbare in meinem Welt-Abbild entsteht durch den Unterschied zwischen meiner Welt-Abbildung und anderen, möglichen Welt-Abbildungen. Unsere verschiedenen Abbilder, Ansichten sind Voraussetzung, um über das, was Welt sein kann, zu kommunizieren. Wir sprechen, streiten, einigen uns, weil wir Teile einer Welt sind – als egoistische Puzzlestücke.
Wenn ich mich in den Abbildern nur selbst suche und keine Welt mehr darin erblicke, wenn die durch Abbilder gewährte Fixierung sich zur Fixierung auf bestimmte Abbilder entwickelt – ist es dann ein Tic, ein narzisstischer Käfig?
Wir definieren uns aus formalen, ausdrucksmäßigen Decodierungen des Wahrnehmungsmaterials, aus anschaulichen Formen der Differenz – oder einfacher: aus der Konstruktion eines Bildes, eines Satzes, als sinnlich vollzogene Nachstellung von Welt. Wir müssen reden! Oder malen. Ein Bild, Foto, Audiotape ermöglicht fassbare Nähe, konkretes Vorstellen; es reduziert die Distanz, macht das jeweilige Weltstück eines anderen greifbar. Jedes verwirklichte Bild ist eine Konstruktion, eine Verwirklichung des Bildproduzenten. Die (künstlerisch) abgebildete Gegenständlichkeit der Welt verspricht einen Rückgriff auf einen sinnlichen Körper-Zustand und eine An-Maßung, Bemessung des Akteurs auf sein Gegenwärtig-Sein. Abbildungen sind Verkörperungen meines Blickes auf die Welt. Kunstwerke sind Blickspeicher, sie dauern, sie vergehen nicht mit dem Augenblick, denn sie halten den Kontakt mit dem ursprünglich unmittelbaren Vorgang des Erblickens, Ergreifens, mit dem Da-gewesen-sein.
Spiegel – verkehrte Welt?
Der Blick in den Spiegel als eine erste Erfahrung des eigenen Abbilds. In diesem flachen Spiegelraum kann ich mich sehen, im Tausch der Seiten, seitenverkehrt, als Ausschnitt. Über Spiegel-Bilder wird Wirklichkeit als Different-Sein zwischen Blick-Varianten der Nähe oder Ferne reformuliert. Die Welt, wie sie im Spiegelbild erscheint, stellt nicht nur einen Ausschnitt dar, vielmehr noch ein (in die Spiegelfläche) Eingeschnittenes. In diesem Rahmen, in dieser Weise des Hineinschneidens wie Reduzierens meines Blickes in die globale Welt kann ich sie partiell sehen und sehe zugleich meinen Blick in ihr. Wieder dient der Spiegel als Metapher einer Weltrekonstruktion, die man sich aus farbigen Schatten vorstellt und durch Spiegelbilder zusammenträgt, erschließt. Über Spiegelgestalten entsteht so eine Erzählung über die Welt, die durch deren abbildliche Rückkopplungen (Rückschlüsse) emphatische Vorstellungen über Wirklichkeit erzeugen hilft. In der erfahrungsgemäßen Rückkopplung auf Gewußtes wird eine Umwelt trotz vorhandener Differenzen zum Ich-Beobachter rekonstruierbar. Der Erfahrungszusammenhang, der aus Wahrnehmung, Rekonstruktion, Analyse und Interpretation entsteht, kann anderen Bewertungsmodellen unterzogen, d. h., in andere formale Ausdrucksebenen transformiert werden. So ist es in der Psychoanalyse Praxis: hier können die Interessen, die Intentionen, die einer Erfahrung, einem Trauma, einem Traum zu Grunde liegen, bildvoll dargestellt und daher sprachlich decodiert werden. Individuelle Welt-Abbildungen sind für andere Weltensichten, Interpretationen erschließbar, weil der andere Blick den eigenen herausfordert und sucht.
Alles Abbilden ist intentional. Das Intentionale des Handelns, das sich ausdrücklich – in Körpern, Sprache, in Sprach-Bildern, – niederschlägt, bricht in Texten, Bildern als erfahrene Wirklichkeit aus ihr wieder heraus. Selbst wenn Abbilder einen spezifischen Blick aus der Welt destilliert haben, können sie ihr Vor-Bild, ihren Blickwinkel, ihre eingenommene Position zur Welt nicht verbergen.
Die sinnliche, ästhetische Materialisierung – Formung – der Abbildungen und Einbildungen über die Welt führt schließlich zu Veränderungen in der Wahrnehmung von Welt. Die Insassen der Welt entfernen sich von ihr durch die Abbilder, die sie sich von ihr machen. Die Abbilder beginnen ein Eigenleben, schaffen Kontexte selbständiger, sich selbstverstärkender Weltansichten.
Naturalistische Verzerrung
Die Verrückten, die Künstler sind Spezialisten, eine eigene Welt aus einer anderen heraus-zu-rücken. Es ist kreativ, Realität durch formale Veränderung ihres Abbilds neu zu besetzen. Erfahrene Realität – als Abbild, Wissen, Gestalt festgesetzt, transformiert – wird gegen den Einfluss der Realität ausgespielt, mit den aus ihr gewonnenen (künstlerisch aufgebohrten) Abbildungen konfrontiert, überschrieben, erweitert. Der Umwelt – als eigener Erfahrungsbereich – werden Abbilder aufgezwungen, die sie verändern.
Ein (Ab-)Bild ist eine andere Realität. Es ist aus der Welt genommen, entwickelt. Man kann sich nicht auf die Wahrheit des Sehens verlassen, indem man das Gesehene abbildkonform – treu der Oberflächen – wiedergibt. Wiedererkennbarkeit als bloße Qualität gefasst, ist nichts, sie feiert Seh-Muster, nicht Erkenntnis. Naturalismus in der Kunst ist kein Realismusersatz.Ähnlichkeiten von Abbildungen mit ihren gegenständlichen Vorbildern als realistisch zu titulieren, verzerrt nicht nur die abgebildeten Gegenstände, sondern auch den Bezug des realistisch-seins zu individuellen Erfahrungen. Eine Abbildung über Realität ist eben nicht real, sondern erzeugt eine neue Ansicht zur Realität. Das formal-ästhetische Erfinden von glaubhaften Zusammenhängen zur Realität im Kunstwerk anhand analoger Verweise auf sie, ist natürlich nur ein formales Experiment, um in symbolisch-formaler Verwandtschaft zur Realität sie selbst zu domestizieren. Hier blickt Erfinden aufs Fangen. Wir erfinden kleine große Welten in Bilden, Texten, Gesten, um die Welt zu verstehen, aus der wir kommen, um vielleicht mit einer Inszenierung eines Anfangs, eine mögliche Geschichte uns selbst erzählen zu können. Verstörend daran ist, als Akteur der Beschreibung zugleich das Objekt der Beschreibung zu sein. Dieser Riss macht uns aus. Das, was dazwischen passt, ist real, Licht oder Schmerz. Wirklich ist, was weh tut. Dieser realistische Schock führt nicht zur Erstarrung der Beschreibung noch des Beschriebenen, denn aus der immanenten formalen Fixierung dieses Spalts wird der ästhetische Schrecken in Bildern, Gesten, Ausdrücken abgeleitet: als Leiden, als gefundene Form, als Bildentwurf, als Pirouette, als Form einer möglichen Differenz zu anderen Formen, die dadurch wieder wahrnehmbar, beschreibbar werden. Der Ideengehalt eines Bildes, eines Ausdrucks, einer Skulptur wird nicht durch den Augias-Stall bloßer Abbildlichkeit geleitet, sondern durch den eigenen Körper des künstlerisch Schaffenden erlangt die aufgefangene ästhetisierte Form eine bildliche Realität. Bildliche Realität als gefundene Differenz, als gemaltes Modell von Differenzierung. D.h., dort, wo ich Differenz (Leiden) in Form bringen, ausdrücken kann, kann ich zugleich die Differenz (das Leiden) als Form beschreiben. Im Bild, im Kunstwerk liegt diese Differenz mir vor. Durch mich kann ich sie sehen. Also was heißt dann Realität? Was kann gesehen werden?
Sich in Realität/ Wirklichkeit zu finden, zu emanzipieren, heißt, sich in ihr von ihr zu differenzieren.
Der Widerspruch, dieses alltägliche Drama – sich nur in der Realität (Umwelt, Gesellschaft) sich gegen sie individualisieren zu können, ist der Motor von Kreation.
Die Transformation der Differenz von mir zur Welt in die Bilder, Texte hinein entspricht dem empfundenen und herausgearbeiteten Zwiespalt des malenden Körpers (im Beschreibungsakt) zum erblickten Objekt (Beschreibungsobjekt). Das ist Empfindung: wenn der sinnliche Blick zur Form gerinnt.
(Analoge) Ähnlichkeit – die verführende Gewähr auf gesellschaftliche Referenzen durch deren symbolische, metaphorische Nach-Bildung. Der (künstlerische) Realismus wird so zur Re-Projektion einer Idee von Realität: Das Bild stützt stürzt sich auf seine Ableitungen, das reale Reservoir seiner Umwelt und ist zugleich ihr Objekt. Man kann diese Mauer – Subjekt der Beschreibung und zugleich Objekt der Beschreibung zu sein – schwer durchbrechen. Jeder neue Meißel, um die Realität zu behauen, verweist auf die Hand, die ihn hält, auf den Blick, der ihn führt.
(Wiederholung durch Wissen : Wissen durch Wiederholung)
Wenn Modelle aus beobachteten Wiederholungen von Ereignissen und Erfahrungen künftige Erwartungen ableiten, so erwachsen aus sich wiederholenden Beobachtungen abrufbare Strukturen der Erfahrung: Muster. Sie helfen Orientierung herzustellen und Erwartungen zu stabilisieren. Die Wiederholung kulminiert in der Erwartung der Wiederholung und: die Erwartung der Wiederholung provoziert Wiederholung. Durch die Wiederholung kommt es zur Gewöhnung ans Wiederholte. Die Sinne flachen ab. Theorien, Modelle, Weltbilder beschreiben nicht lediglich voraussagbare Ereignisse, Erfahrungen, sondern richten sie auch ein. Das Erkennen von Mustern geht über in deren Konstruktion. Erfahrungen entstehen also auch als synthetische Konstruktionen und erschaffen ihren Beobachtungsgegenstand selbst. Sternzeichen und Wolkenbilder. Farbe, Formen, Ordnungen, analoge oder homologe Vergleiche sind Netze, um die Gegenstände zu fangen, um sie in den Blick zu bekommen. Theoriebildung als Modellierung schafft synthetisierte Aussagen über das Beobachtete. Die Wiederholung wird durch die synthetische Konstruktion als Modellbildung kenntlich, als Beobachtungsstruktur synthetisiert. Ohne diese Konstruktion von Welt würde konstatierbare Wiederholung seltener erscheinen und erkannt werden. Die Methode, vergleichbare Tatsachen durch die synthetische Vergröberung der unbekannten Phänomene herzustellen, führt dazu, die Wiederholungen von Strukturen, Ereignissen nicht nur zu erkennen, sondern auch zu bilden.

„Ich bin der Meinung, dass Organismen nicht passiv auf Wiederholung eines (oder mehrerer) Ereignisse warten, um ihrem Gedächtnis Regelmäßigkeiten oder regelmäßige Verbindungen einzuprägen oder aufzudrängen. Vielmehr versuchen die Organismen ganz aktiv, der Welt vermutete Regelmäßigkeiten (und damit Ähnlichkeiten) aufzudrängen.
Wir versuchen demnach, Ähnlichkeiten in unserer Welt zu entdecken, und zwar im Lichte von Gesetzmäßigkeiten oder Regelmäßigkeiten, die wir selbst versuchsweise eingeführt haben. Ohne auf Wiederholungen zu warten, machen wir Schätzungen, stellen Vermutungen an; ohne auf Prämissen zu warten, springen wir zu Schlüssen. Diese müssen vielleicht aufgegeben werden; und wenn wir sie nicht rechtzeitig aufgeben, werden wir womöglich mit ihnen beseitigt. Genau diese Theorie aktiv angebotener Vermutungen und Widerlegung (durch ein Art natürliche Auslese) möchte ich anstelle der Theorie der bedingten Reflexe vorschlagen und anstelle der Theorie, es gebe auf natürliche Weise wiederholbare Reize, die der Organismus zwangsläufig als dieselben ansehen müsse. Für uns sehen sich zwei Spatzen außerordentlich ähnlich, aber wohl kaum für Spatzen.“

Die Grenzen des sinnlich Erkennbaren, also die menschlich fassbaren Qualitäten des Hörens, Sehens, Fühlens usw., als die Grenze der ästhetisch bestimmten Wahrnehmung werden durch die methodisch-konstruierte – synthetische – Sprengung überwunden. Rein vernünftig kennen wir das Rote, weil wir es wissen.
Ich habe oft beobachtet, dass sich die Gäste während ihres Partymachens permanent ab-fotografieren, abbilden. Sie schießen Fotos oder filmen sich gegenseitig. Es schien, dass sie mehr in der technischen Reproduktion, im Auge der Apparatur zugegen sind als bei sich selbst, im Ereignis.
Als würde die Party erst real, wenn/ weil sie dokumentiert werden kann. – Realisierung durch Dokumentierbarkeit? Als Nachweis des Vollzugs, dabei gewesen zu sein? Das Fotografieren ratifiziert also das Gerade-im-Ereignis-Sein – sonst würde der Foto-Apparat nicht bedient werden können, denn er garantiert das Erleben des Momments. Der Moment des Stattfindens wird durch die reproduzierbare Abbildlichkeit mit-konstruiert: In der Dopplung des Stattfindens als erlebtes Ereignen durch die fotografische Erregung (- dem Bedienen des Auslösers) und des dokumentierten Stattfindens (durch die fotografische Abbildung). Das Erlebte wird in zwei Zeitformen gespalten: In die Gegenwart des Erlebens und in die Vergewisserung dieses Erlebens mittels fotografischer Erlebnis-Archive, wo abgelegte Gegenwart = Vergangenheit jederzeit vergegenwärtigt werden kann. So können Fotos das Ge-lebte als Wieder-zu-Erlebendes konstruieren. Die Ratifizierung des Erlebens (in der Party) wird durch Frameraten gepresst, Verschlusszeiten zerteilt, in eine unendliche verkleinernde Erweiterung gedehnt und schließlich durch die technische Apparatur des Mediums aufgesogen, auf die Reproduktion hin abgelenkt. Ein eigenartiger Loop hat sich durch die Popularität technischer Medien entwickelt. Der Vorgang zeitnaher fotografischer Dokumention schiebt sich vor das mögliche Erlebnis: Ohne Foto, Multi-Selfie hast du keine Party gehabt, warst an keinem Ort.

Fundstück, 2011, ©Hans Georg Köhler
Die Determiniertheit der mitgeschleppten technoiden Apparatur bestimmt die Formen der Teilnahme am Dabeisein und ebenso bestimmt die Beschränkung der Repro-Technik selbst eine Art technischen Solipsismus des Wahrnehmungsgehalts. Die Wahrnehmung der Unmittelbarkeit eines schönen Augenblicks, das Von-ihm-Getroffensein, ist an die technische Prothese seiner Realisierung gekoppelt. Wahrnehmung geht über in ein unmittelbar vorhandenes und allzeit betriebsbereites Gerät und erweitert mein Gedächtnis um tausende originale Abbildungen. Mit dem Abblitzen des Geschehens – auf Baryt- oder Flashspeicher – kann der Mensch zum Betrachter seiner Erfahrung, zum Modelleur seiner Vergangenheit, zum Meister seiner Biografie werden. Im stets bereiten Posieren vor zahllosen Motiven wird die allgegenwärtige personifizierbare Abbildung zur medialen Form der Person – sie wird sich selbst zum Medium ihrer Selbstdarstellungsgeschichte. Die Pose schiebt sich als Maske vor die Person. Ja, die selbst-ausgelösten Inszenierungen werden schließlich zum (selbst-definierten) Rahmen der Selbstdarstellung. Der Mensch-User wird zu einem Bilde geformt, das durch die elektronischen Codes zustande kommt und von dessen Medien abhängig ist, die sie gewähren. Die wollen auch dabei sein.

Visualisierung eines Schaltplans (Leiterplatte), 2008, ©Hans Georg Köhler
Eine Hochzeit von Apparat und Bedienung. Als abgebildete und damit beobachtbare – fotografisch inszenierte – Chronik kann der Netzwerk-Mensch eine Differenz zum Prozeß seines Lebens erzeugen. Jedes neue Posting bestimmt die Differenz zum aktuellen Leben neu. In diesem Sinn gehört das Foto-Machen bereits zum Ereignis dazu und ist von ihm nicht loszulösen. Das Fotografieren und Posten gehört zum Erleben des Ereignisses. Bevor es zu dieser neuen medialen Einheit kommt und bevor wir bemerken, dass es so ist, wird zunächst die vergewissernde Abbildungs-Erfahrung durch den Fokus des Fotoapparats eingeleitet, bis es schließlich als wiedererkennbares Substitut existiert. Mit der Bedienung des Auslösers erscheint das Ereignis gemacht – bevor es sinnlich als leibliches vollzogen werden kann. Der Verdacht, dass das Erfahrung-Machen unmittelbar ansteht, noch bevor es eintritt, verführt dazu, alles Passieren in ein jederzeit abrufbares Medium auszulagern. Damit ist die fotografisch überführte Erfahrung regelbar, allzeit aufrufbar, wieder-animierbar geworden. So werden Ereignisse in der Network-Zeitleiste verifizierbar. Das Erfahrungssubjekt ist Dirigent wie Musiker des eigenen Stücks und taumelt zwischen Erfahrung/ Ereignis und einer vom technischen Apparat geforderten Bedienung. Die in dieser Struktur gewonnene Beobachterposition schafft Differenz zum Beobachteten ohne selbst sinnlich betroffen gewesen zu sein. Die Beobachtung 2. Ordnung – ich sehe, dass ich sehe – scheint hier ohne den ersten Schritt des Erlebens auszukommen.
Das kommerzielle Network treibt die technisch-medial bestimmte Normierung von Erfahrungmachen voran. Wenn ich soziale Netzwerke nutze, muß ich sie bedienen. Ich möchte dein Feind sein, aber kann nur like klicken. Die vertrackte Möglichkeit, eine inszenierte Biografie zu verfolgen, führt in das Paradox, das sie nicht mehr stattfindet oder eben fließend wie ein Schicksal, wird der aktuelle Lebenstatus der Vergangenheit angepasst: Man hat es jetzt mit der (distanzierten) Inszenierung, einem Image zu tun, anstatt vorzufindender, zu entdeckender Existenz. Schicksal wird durchs Network-Styling abgelöst. Schillernd und leer. Die medial bestimmte Befugnis über die Gegenwart löst die Konstruktion der Vergangenheit aus. Technik als negative Dialektik. Das gut-gemachte Foto schiebt sich als Fratze vor die Gesichter. In der Verifikation technisch ableitbarer Parameter wird Aufmerksamkeit generiert. Googlecharts sind der Schlagschatten blendenden Lichts in der Kommunikationshöhle. Verxingt bin ich meine eigene Wette auf das Erreichen der Rente – gegen den Einsatz, den Download der Anderen.
Die eigene Referenz auf das Wahrgenommene wird durch wiederholendes Konstatieren von like-buttons relevant. Die Verstärkung des Augenblicks zum medialen Ereignis nimmt existentielle Züge an. Die reproduzierbare Zeitleiste/ Chronik als Pfand gegen eine Teilnahme am Leben, das ein Verschwinden von Zeit ist, weil sie verschwendet wird. Die Wiederholung, das Wieder-Erkennen von sich selbst in Fotos, Chroniken etc. treibt Realisation an und bremst zugleich die Initiation von analoger Realität (= Beziehung), weil ein wesentlicher Inhalt des Lustgewinns (Gewinn als Anwendung der Lust) in der permanenten angestrebten Befriedung des Wiederholten und in der Befriedigung durch das Wiederholen – das, was schon einmal Befriedigung verschaffte – liegt. Die Phänomene werden durch deren saubere technische Reproduktion einer verlustfreien visuellen Wiederholbarkeit unterzogen (= digitale Realität). „Verlustfrei“ deshalb, weil kaum oder keine Informationen erzeugt werden, denn die werbende Form der Selbstdarstellung konstatiert sich selbst: Die selbstverliebten Selfi-nist*Innen bestätigen (mit ihren harten Image-bildenden Wiederholungsprogrammen) ihren Status quo ego. Sofern das Wahrgenommene – ohne das es sich dem Unbekannten offen stellt – sich des schon Gewußten übergibt, sich ins stillende Urteil eines Fotos flüchtet, ist es pathologisch: festgesetzt, erstarrte Form. Angebunden, versponnen im Wann, Wo, Wohin und Wer. Fixierung setzt ein. Stil als Befund ist gefundene Form – sie ändert sich nicht mehr. Form dann als Symptom, als Insel, die Unterschiede abwehrt. Festgesetzt. Das Leben entwickelte sich aus visuell wiederaufrufbaren Erinnerungen, aus intendierter Vergangenheit, die sich auf gemachte (technisch-fotografische) Urteile beruft. Diese Vergangenheit ist, was sich durch gewählte Bilder (Texte) bezeugt werden kann, sonst nichts. Im Wiederwahrnehmenwollen des Schon-Erlebten, Vergangenen schlummert die Begierde zur Wiederholung selbst. Die Quelle ist dasjenige Objekt (und davon erzählt die durch Reproduktionstechnik wiederauffindbare Wahrnehmung), das schon einmal Befriedigung verschaffte. Das Glück ist, dass die Kugel immer wieder ins selbe Loch fällt, die Erfahrung retrospektiv bestätigt wird, und dadurch ratifiziert erscheint. Aber diese Logik erscheint nur richtig, weil sie durch eine retrospektive Konstruktion des Gegenwärtigen vollstreckt wird.
Die Wiederholbarkeit von Erleben, von Erfahrung scheint eine Bestägigung wie Beruhigung des waghalsigen Lebens inmitten wackliger Existenz zu sein. Für Melancholikerist die Möglichkeit des lustvollen Wiederauffindens ihrer objekthaften Ersatz-Erfahrung konstitutiv fürs Begehren. Der sichere Ort solch geglückte Erfahrungsobjekte wiederzufinden, die dem sich äußernden Bedürfnis anheimgestellten Objekte zu finden, ist die Erinnerung in der Gestalt einer festgehaltenen Vorstellung. Der Zweck solche Erinnerungen in einem fotografisch festgehaltenen Partymoment zu initiieren, gilt mehr der Wiedereroberung von durch Erinnerung bestimmter Wahrnehmung, anstatt um die Vermittlung von neuer, noch unbestimmter Realität, die noch keinen Erinnerungswert besitzt. Als hätten die Gäste die Gegenwart schon verloren. Aus dem „es wird nie mehr so sein wie jetzt“ ist ein „nie mehr werde ich sein im Jetzt“ geworden. Aber es liegt noch mehr darin: 2010 – die Zukunftfähigkeit eines planbaren Berufslebens schwindet. Mittelfristig kontinuierliche monatliche Geldeingänge können nicht mehr erhofft werden. Die Angst frisst am ängstlich erklommenen Ast nicht getroffener Entscheidungen. Die Läuse zermalmen das Blattwerk beruflicher Sonnenfläche. Ein Ich wie ich reicht nicht über das sich täglich pflanzende Eintagesgewächs hinaus. Noch grün am nächsten Tage/ steht dies Ich nur ein für Erinnerungen an sich selbst. In dieser kurzen Abfolge von Fristen zum beruflichen Erfolg entsteht die retrospektivistische Zeitmaschine. Noch in der abgebildeten Erinnerung kann ich mich mir versichern: als Gewesenes zwar, aber mit lebendiger Erinnerung/ mein letztes Paradies. Die stete Reproduktion während allerlei unspektakulärer Tätigkeit wird so zur Selbstinszenierung und damit zur Rekonstruktion eines Lebensbildes, das nicht mehr stattfindet, aber zumindest wiederauffindbar ist – entgegen der verschwundenen Zukunft. Wenn in der heutigen Arbeit kein Anker für meine Miete für Morgen gelegt werden kann, wird sie sinnlos. Für das sinnlose Geldverdienen gibt es kaum mehr offene Stellen. Die Gegenwart ist zur Frohn für das erinnerbare Gestern geworden. Das Leben geht in dessen Repräsentation unter.

Die Entdeckung der geometrischen Anwendung der Zentralperspektive in der Renaissance findet in der Fotografie der Gleise, die in der geometrischen Flucht auf das Eingangstor von Auschwitz führen, eine barbarische Entsprechung.

Die in den Bildkörper zeichnerisch hinein getriebenen Linien werden zur Landkarte der Eroberung. Kunstwerke sind Eroberungszüge. Die Linien sind ein Gleichnis des kolonialistischen Vollzugs, der Warenströme in noch unbesetzte Ländereien einschneidet und weiter treibt. Die Menschen, Produkte, Ideen, Landschaften werden – wie im perspektivisch organisierten Bildkörper schon angewendet – einer die Natur unterwerfenden, erobernden Geometrie ausgesetzt. Dem Fluchtpunkt wird das Wahrgenommene untergeordnet. Im Vordergrund steht Zweckbestimmung und nicht Raumerfahrung. Rampe Endstation.

Miese Jobs: Die in der Herstellung von Waren aufgewendete Zeit, ist die dem Arbeiter, der Werktätigen oder sonst wie Arbeitskraft verkaufenden Menschen verloren gegangene Zeit – im Leben fehlende Zeit – sie ist dem arbeitenden Menschen abgezogen. Man schmeißt ein Pensum Zeit für Andere – Produkte, Waren, Personen – weg, um ein Stück für sich zu haben. Sozialer Austausch zwischen den Angestellten, Arbeitenden, Freelancern folgt der Zeit-Struktur der Arbeitsverhältnisse. Die Zeit, die jemand braucht, um z.B. zu essen, oder der Zeit-Bedarf von menschlichen Kommunikationsintervallen passt sich der vorgegebenen industriellen Strukturierung persönlicher Verhältnisse ein. Man produziert nicht nur seine Zeit für die Anderen, sondern der soziale Raum wird von Arbeitsverhältnissen –und Strukturen okkupiert oder wird durch die Abhängigkeit zum Arbeitsverhältnis diskriminiert. Es werden Freundeskreise nach Berufsgruppen bestimmt. Ich beobachte Individuen im ständigen Zurückweichen vor den Besetzungen ihrer angestrebten bzw. gewohnten Lebens-Räume. Hiermit findet eine Kontigentierung ihrer sozialen Zeit- bzw. Lebensräume statt, als ein Vorantreiben ihrer vakanten Existenz. Eine Art unendlich verlangsamte aber ständig vor Augen geführte Verengung, Verstopfung und Veräußerung eigener Lebensräume bis zur sozialen Begegnungsarmut. Trennungsangst, die Angst sozialen Kontext zu verlieren, beschreibt den drohenden Verlust der gesellschaftlichen Basis des eigenen Lebens.Die neoliberal geforderte Performance der Persönlichkeit zugunsten einer Massen-Markt affinen Abhängigkeit, Selbstzerstörung durch Arbeit und Konsum, zeigt sich besonders in der narzisstischen Kollektivierung sozialer Medien. Ein beängstigender Prozeß der Funktionalisierung von Beziehungsverhältnissen höhlt die Menschen aus. Der trotzige Versuch gerade durch ein enges Beziehungsgeflecht dieser Situation zu entkommen – sich mit diesem dichten Netz aufgefangen zu wissen, schlägt fehl, weil die anderen Netzpunkte denselben Bedingungen unterworfen sind. Die Niederlage gewöhnt uns an den Realismus. Und:

realism habituates us to defeat, Fotoanimation, 2008, © Hans-Georg Köhler