284, Vom Besteigen realer Wirklichkeiten – ideal real mit Brecht

Bezüglich Kunst:
Realistische wie idealistische Darstellungen von sogenannter Weltbeschreibung in der Kunst stellen Konstruktionen zur Wirklichkeit der Autorinnen her (als Produkte ihrer spezifischen Weltbegegnung). Artefakte, Gedankenspiele – individuell. Jedoch geht der Idealist von einem konstruierten, oder zu konstruierendem Schönheits- und, oder Kunstideal aus, das als Antwort auf seine Beziehung zur Verblendung, Resignation, Ohnmacht verstanden werden kann. Während der Realist immerfort Idealisierungen an der Wirklichkeit mißt, sie auf den stumpfen Boden seines Lebenszusammenhangs zu drücken bestrebt ist und seine Vorstellungen von Wirklichkeit daran abgleicht, formal korrigierend, heißt: an-passend macht.1Folgender Beitrag bezieht sich auf Bertolt Brechts ARBEITSJOURNAL. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)

Realismus, Idealismus
Der Realismus steht nicht im scheinbaren Gegensatz zum Idealismus, „sondern er bedeutet diesen Kampf“2Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)in dieser Beziehung. Es gilt ihm nicht nur die konkret erfahrne Wirklichkeit zur Darstellung >ihrer selbst< zu bringen, vielmehr gilt es, sie gegen ihre idealistisch-konstruierten Abkömmlinge durchzusetzen; den Abbild-Verdacht zu erhärten. Der Realismus entwickelt Stilelemente, sprich Verhärtungen, formale Stagnationen als Symbole der Symptome (Symptome als Kompromissbildungen des Zeigens) wie der Idealismus, er fördert Überzeugungen wie dieser, aber er opponiert dabei gleichwohl – und diese Opposition ist sein konstitutives Moment – gegen Stilisierung, gegen Symptomatik, gegen festgefügte, kompromissbildende Welt-Abbilder, in denen die unmittelbare Immanenz der Unmittelbarkeit des wirklichkeitsbildenden Zugangs zur Welt verschüttet wird. Er enthält etwas Relativistisches, Abgleichendes. „seine schilderungen sind relativ realistisch, dh wenn verstanden ist, daß er die wirklichkeit >>ins treffen führt<<.“3Ich habe die Kleinschreibung im Original von Brecht übernommen. Zitat: Arbeitsjournal, Seite 126 
Man sollte die Ideen vorkommen lassen, zur Prostitution zwingen vom Zuhälter Realität, damit sie zu ihrer Realität empor kommen.

Realistischsein in der Kunst
Realistischsein in der Kunst bekundet sich nicht darin, sich in den alten, ererbten Formen bestimmter geschichtlicher, künstlerischer Epochen aufzuhalten, oder so zu gestalten, wie damals Realität in das Kunstwerk hineinwachsen konnte, wie ehemals, die zum Stil versteinerte geschichtliche Epoche, sondern darin, Wirklichkeitssinn im künstlerischen Gestalten zu bekunden und zu zeigen. Also die realistische Darstellung stellt auch den (gesamten) Produktionsprozess realistisch dar und wird dem Publikum als Wirklichkeitssinn zur Verfügung gestellt. Mit diesem Wirklichkeitssinn kann die ästhetische Dimension eingeführt, nicht eingefühlt, werden: das ist Kunstsinn – der ausgeprägte Sinn für die Realität ihres Zustandekommens.
Neuerungen, technische Veränderungen (in der künstlerischen techne) sind auf ihre soziale Funktion zu prüfen – der Wissenschaft vom humanen Leben verpflichtet. Kunst hat eine gesellschaftliche Funktion, denn sie ist eine Funktionale zur gesellschaftlichen Stabilisierung, als Funktionale des Kunsthandels gelangt sie wieder in die gesellschaftliche Kommunikation als ihre Münze. Die Herstellung von Kunstwerken hat nicht dem Sog formaler Logik als Ausweis kontrollierbarer Beschreibungsfähigkeit bzw. Ermäßigung zu folgen. Es gilt, den Verständigungsmotor ihrer Beschreibungsgeschichte ins Stottern zu bringen. Die Künstler wirken nicht für Kunstepochen, sie sind sich für die Aneignung ihres Talents heute selbst genug und bemächtigen sich der (ästhetisch-kommunikativen) Formen, in dem sie sie nach ihrem Gusto zu verändern.

 

 

 

  • 1
    Folgender Beitrag bezieht sich auf Bertolt Brechts ARBEITSJOURNAL. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940) ↩︎
  • 2
    Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940) ↩︎
  • 3
    Ich habe die Kleinschreibung im Original von Brecht übernommen. Zitat: Arbeitsjournal, Seite 126 ↩︎

283, Ware Zukunft

Das Heilsversprechen, dass die Zukunft menschlicher als das Heute sei, hat sich in das kapitale Versprechen einer Gegenwart, die als eine >>schönere Welt schon heute<< angeboten wird, verdreht. Das zukünftige Szenario macht Erschrecken und hat abschreckende Wirkungen. Jetzt soll alles verramscht werden. No futur! – Was ehemals vielleicht eine trotzige Reaktion auf den Abbau/ Raubbau von Welt und auf das janusköpfige Ansparen der Rente war, ist nun das Treibmittel für konsumtiven Verbrauch geworden; was an den Folgen solchen Handelns nichts ändert. Um das Jetzt zu beschleunigen, die alte Ordnung zu erhalten. Das drückt aus, das alles Gegenwärtige in/ mit seinen Umwälzungen kämpft. Die ständige Zirkulation ist bedrohlich dadurch, dass die Zukunft und der gegenwärtige Mensch auseinander getrieben werden. Sein verstandesgemäßes Verhalten wird gegen sein ihm biologisch angeknüpftes Verhalten gewendet. Sein tiernahes Verhalten – in der Sorge um seinen Nachwuchs, seine Nachkommenschaft – als seine menschliche Poesie, geht verloren in der Abschaffung seiner Natur, Umwelt. Das Kommende wird ausgeschrien, verkauft als Abwesenheit alles Alten. Die begrifflich und wirtschaftlich prognostizierten Aufladungen der Zukunft arbeiten im Niemandsland der Geschichte, aber sie sind ein (Werbe-) Instrument der Steuerung und Besetzung. Noch nicht geschichtlich faktisch, weil nur als zukünftige Planung, wird die Drohung als Geschichte machend dargestellt, d. h. sie wird verkauft – in den Waren des täglichen Bedarfs. Die befürchtete Zukunft wird selbst zum Verdrängungsbegriff unserer Geschichte.
Unsere menschliche Zukunft wird jetzt aufgebraucht. Sie ist ein Marktplatz am heimischen PC, zu dem jeder Zugang hat.

 

 

282, Existenz und Produktion, nach Marx

„… Die abstrakte Existenz des Menschen als eines bloßen Arbeitsmenschen, der daher täglich aus seinem erfüllten Nichts in das absolute Nichts, sein gesellschaftliches und darum sein wirkliches Nichtdasein hinabstürzen kann – wie andrerseits die Produktion des Gegenstandes der menschlichen Tätigkeit als Kapital, worin alle natürliche und gesellschaftliche Bestimmtheit des Gegenstandes ausgelöscht ist, das Privateigentum seine natürliche und gesellschaftliche Qualität (also alle politischen und geselligen Illusionen verloren hat und mit keinen scheinbar menschlichen Verhältnissen vermischt ist) verloren hat […].1Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 525
„… Und als Arbeiter sind seine menschlichen Eigenschaften nur da, insofern sie für das ihm fremde Kapital da sind.“2Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 523

Kapital und Psyche
Wenn psychologische Störungen als Pathologien eine Folge der entfremdeten Arbeit im gesellschaftlichen Arbeitsprozess sind, haftet seinen Produkten das Mal der gestörten Produzenten an. Der Arbeitsprozess bildet Ver-Störungen in den daran involvierten Menschen ab: Diejenigen Störungen, die angestellte Menschen mitbringen müssen – um das zu tun, was sie tun sollen, und diejenigen Störungen, die sie durch ihre entstellenden Tätigkeiten in ihrer Lebens und Arbeitspraxis erzeugen und verstärken. In der entstellenden wie entfremdeten Tätigkeit kann die angestellte Person als soziale Person überleben – denn in dem Verhältnis zur Produktion wird ihr Verhalten als sozial anerkannte Person bestimmt. Die soziale Existenz wird aus dem eingenommenen Verhältnis zur Produktion bestimmt, die dem Menschen seine sozialen Bedingungen menschlicher Ausdrucksweise entzieht.  Manchmal gelingt es, unter den Symptomen sich zu verstecken. Die Sicherung des biologischen Lebens, um sozial, menschlich leben zu können, verkrüppelt eben diesen Zweck. Arbeit zu haben, gilt nunmehr überhaupt als Lebensberechtigung im Kapitalismus. Ihr gesellschaftlicher Status ist Mittel der (sozialen) Existenz geworden.
„Indem daher die entfremdete Arbeit des Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben, seine sinnliche Gattungsgegenständlichkeit und verwandelt seinen Vorzug vor dem Tier [„… Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins.“3Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 516] in den Nachteil, daß sein unorganischer Leib, die Natur, ihm entzogen wird.“4Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517

Verkörpungen
Der von Marx beschriebene Prozess körperlicher Entfremdung äußert sich in einer Symptomatik, die von den betroffenen als taubes Gefühl, leblos, von ihnen als funktionioelle Hülle erlebt wird. Diese unorganische Natur5„Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“ Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 515 des den Körper von sich selbst entfremdenden Arbeitsprozesses tritt dem arbeitenden Menschen als sein werkzeughafter Körper, als ein ihm fremd gewordener im eigenen Leib entgegen. Am Grund dieser werkzeughaften Natur des Arbeitsprozesses entwickeln sich die Bedingungen für eine Angst vor Verkörperungen, vor Instrumentalisierungen. Das Desinteresse für jeglichen körperlichen Einsatz in Bereichen, die über die bloße Arbeit hinausgehen – wie musische Betätigung – scheinen ebenso naheliegend wie deren ersatzbildender Fetischcharakter. Die Phobie vor Verkörperung von funktionellen Tätigkeiten ergreift den derart arbeitenden wie bearbeiteten Menschen. Der Ekel vor dieser zweckrationalen Natur des Arbeitsprozesses ist das Produkt des zur Entfremdung führenden, aber sein Leben erhaltenden Stoffwechsels mit ihr. Es ist seine zwangvolle Betätigungsweise, die dem darin verwickelten Menschen entgegen schlägt. Der Ekel vor Kalbsfleisch ist daher der Ekel vor dessen entgegenständlichender, menschlich entfremdeter Herstellung. Der Körper entkörpert sich in seiner Produktion. Die in den Produkten der Produzenten geopferte Umwelt verkörpert sich im ihm fremd werdenden Körper. Seine Sinne, seine Kommunikation im sozialen Leben arbeiten mehr und mehr am Entzug dessen, was dem Menschen Gewißheit im Lebensprozeß verschafft. Das noch bloß sinnlich Wahrgenommene entwickelt sich zum Phänomen des menschlich-sinnlichen Entzugs und wird als romantisches Vehikel zum Defizit an sinnlicher Gegenständlichkeit. Die abgestumpften sinnlichen Fertigkeiten scheinen das Individuum vom bisherigen Erfahrungszusammenhang zu verrücken. Der Mond, die Sterne, der Himmel und die grünen Blätter sind das letzte Reservoir menschlicher Entzückung geworden. Der gefühllose Arbeitsprozess bringt das sinnliche Gefühl zum Erliegen. Dieser Mensch steht sich fremd, sich selbst als Geist gegenüber, als Alien. Statt: Im Anderen bei sich zu sein (Hegel), wird das Ich der Andere in mir. Das, was das Individuum unter seinem Ich subsumiert, wütet als Anderer in ihm. Die verrückten Geister kommen aus dem Produktionsprozess, sie werden also tatsächlich produziert und sind nicht in der vergegenständlichten, entnaturalisierten Natur nur verkörpert, denn sie sind sein produziertes Geisterbild.

Fetisch
Ein Fetisch als nicht eingestandene Entzweiung mit dem Produkt. Es verkörpert den Versuch, die Produkte, Ergebnisse der entfremdenden Aneigungsweise des eigenen werktätigen Lebens als angenommene Verdinglichungen mit den potentiellen Urheberinnen zu versöhnen.

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 525 ↩︎
  • 2
    Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 523 ↩︎
  • 3
    Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 516 ↩︎
  • 4
    Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517 ↩︎
  • 5
    „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“ Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 515 ↩︎

281, Robinsonade II: Abflug

Abflug Urlaub

Vögel fliegen
Flüge pflügen
Pflücken Träume
Linien schicken
Doppelzimmer
Ficken Landschaft

Einsteigen
Bording

Sitzen am Platz
Platzen im Sitz
Alles eng
Dritte Klasse erste Wahl

Flugangst?

Fliegen fliegen
Träume lügen
Pflügen den Himmel
Deine Frau, die Landschaft
Im Ressort

Vorfreude auf Transport 
Gepäck ist teuer
Platz für Träume gegen Preis und Gewicht
Nicht billig
Aber an Bord

Flüge lügen
pflügen Äcker
Leben bersten
Konten schneiden
Herzen mit Kerzen

Egal

Ankommen ist
Vernichtete Ferne
Umschlungen von Millionen
Angeboten

Gefangen
Im schwachen Portemonnaie
vom Hochglanzpapier gelockt
Werden Augen angekettet
Durch die Lüge des Layouts

Bitte anschnallen!

Trümmer liegen
Flug und Lug
Alles wag
Dein Nachbar, die Landschaft
Der Service im Himmel

Geboren im Sitz
Über den Wolken
Über den Verhältnissen

Economy

Kriecht
Das Ego
Aus dem Gate

In der Ankunftshalle stolz
Schlüpft
Aus dem Touristen
Geschickt
Check in

Der Terror
Gegen die Armen
Wehrlosen Landschaften

Schön hier!

 

 

 

 

280, kapitale Robinsonaden

Die in die private Gesellschaft sich aus der Arbeit verurlaubenden Kohorten benutzen für ihre temporär mit Urlaubstagen vergütete Flucht aus den erschöpfenden Arbeitsverhältnissen gern Inseln als Reiseziele: kapitale Robinsonaden. Der verabreichte Inselurlaub stigmatisiert die Sehnsucht nach Flucht in eine bezahlbare Etappe im Ressort. Geplanter Sonnenuntergang kann nicht schaden. Unabhängigkeitswünsche werden durch die Versicherung abgesichert und zeitlich befristet. Das Überschaubare am Eiland zeigt das Partizipieren am Überschaubaren an; die Sehnsüchte bleiben kontrolllierbar. Die Unübersichtlichkeit der hiesigen Welt bzw. der notwendige Aufwand für Erkenntnis schlägt in das individuell noch tragbare Bedürfnis um, Überblick zu behalten. Diesem Bedürfnis wird im Reisehandel entsprochen: als eine temporäre Erfüllung von Überschaubarkeit, die manchmal zum bloßen Luxus von Körperberührungen – Massagen – hochgeschraubt wird oder in der Verluxung von notwendigen menschlichen Lebensprozessen (Abhängen und Essen) als Extravaganz zu Tage tritt. Solche Wunscherfüllung, Unterhaltung zielt auf die Passivität der betroffenen Urlauber ab – Luxus als bezahlte Faulheit. Der Urlaubs-Mensch gibt seinen humanen Untergrund fürs Vegetieren auf.


Süddeutsche Zeitung

 

 

279, solitude absolument

Einsamkeit wuchert in mir. Wilde Zellen. Fressen Ruhe Gedanken mich.

Ja ja klar, aus dem Zustand der Liebesfähigkeit hinaus geworfen. For all und zu alt.

Niemals mehr zusammen frühstücken.

Die Freiheit allein zu sein und sich selbst unabhängig zu verwalten, zeigt dir um so mehr, dass niemand mehr fehlen kann.

 

 

278, Hegel und Heinz: Beobachten 2. Ordnung

Beobachten 2. Ordnung als Beobachten, das in der Beobachtung vom >Objekt der Beobachtung< getrennt wird und auf sich selbst stösst. Der Beobachtende weiß sich getrennt als Getrenntes vom erkorenen Beobachtungsobjekt und monologisiert mit sich: über den bewussten Trennungsvorgang vom Beobachtungsobjekt und -Subjekt. Das angenommene An-sich-Sein des Objekts dringt zum Für-sich des Beobachtenden durch: über die unendlich versuchten wie gescheiterten Objektivierungen des Beobachtenden selbst. Das Ich im eigenen Beobachtungsvollzug zu erkennen, heißt der eigenen Konstruktion im Beobachten gewahr zu werden und sich der Implikation eigenen Eingeschränktseins (Blindseins) im Beobachten zu vergewissern. Das zu sich selbst kommende Subjekt ist ein intrinsisch gespaltenes.

„Die Begriffe zweiter Ordnung endbergen Einsichten in den Prozess des Beobachters, die auf der Ebene der 1. Ordnung gar nicht möglich sind. Auf dieser Ebene handelt man einfach, verwendet bestimmte Konzepte, Vorannahmen und Theorien, die nicht reflektiert werden. Erst auf der Ebene der zweiten Ordnung entsteht die Möglichkeit der Selbstreflexion. Nichts ist einfach mehr da, nichts ist mehr selbstverständlich. Entscheidend ist, dass der Beobachter für seine Beobachtung, sein Sprechen und Handeln verantwortlich ist. Er ist untrennbar mit dem Gegenstand und Objekt seiner Beschreibung verbunden. Der epistemologische und der logische Bereich der eigenen Aussagen gelangt in eine neue Dimension.“1Heinz von Foerster

 

277, Entsagung und Sozialisation


Puppe mit Strick, coloriert, Hans-Georg Köhler 2017

 

Das durch die Kette der Entsagungen1Vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Einleitung. Hier stellt Marcuse die Aufschiebung der Lustenergie als Bedingung kultureller Leistungen (Sublimierungen) voran. „gebildete Subjekt der Zivilisation, das, um sein Leben zu fristen, ständig mehr gibt, als es empfängt“,2Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 180 ist das Resultat der durch die Geschichte gehenden Introversion des Opfers:3vgl. Adorno/ Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Seite 62 es ist das entsagende Ich. Es gilt mehr vom eigenen Leben zu geben, zu veräußern, als davon verteidigen zu können: „Das entfaltet sich im Zusammenhang der falschen Gesellschaft. In ihr ist jeder zuviel und wird betrogen.“4vgl. Adorno/ Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Seite 62 Dieses Leben gebiert sich in seiner Abschaffung, Abwicklung. In Erwartung auf das Ende des Entsagens entspinnt sich versöhnlicher Trost; wie schön. Die tröstende Utopie beginnt im opfernden, entsagenden Hier und Jetzt des Menschen. Aber hier beginnt auch das unendliche Warten: die in die Zukunft verschobenen Kräfte der Befreiung zwingen mehr denn je zur Praxis der zur Entsagung antreibenden, produktiven Gegenwart. Utopie als projektiver Vollzug eigener Erwartungen. Paket ohne Adressat.

 

 

  • 1
    Vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Einleitung. Hier stellt Marcuse die Aufschiebung der Lustenergie als Bedingung kultureller Leistungen (Sublimierungen) voran. ↩︎
  • 2
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 180 ↩︎
  • 3
    vgl. Adorno/ Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Seite 62 ↩︎
  • 4
    vgl. Adorno/ Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Seite 62 ↩︎

276, Kunst und Behörde

Kunst zu machen, entspringt realen Bedingungen sozialer Partizipation, aber oft wird ihr partizipatives Versprechen gegen die „individuelle“ Kreativität ausgespielt und im Kunstmarkt verramscht. In diesem Diskursfeld schrumpfen wir Künstlerinnen zur anspruchslosen Kleinheit, die an die Gegenwehr keine Ansprüche mehr stellt. Von den Widersprüchlichkeiten ermüdet, entsteht keine „große Verdichtung“, die ein ausdrucksstarkes Sterben im Überleben verspricht. Der kompromitierte und sich komprimierende Mensch überläßt damit seinen Teil an der Welt den Bestattungsinstituten. Vergessliche Nachgesänge. Solang der Mensch schrumpfem kann, dient die Schrumpfung ihm zum Versteck und er kann die Bewegung des Rückzugs halten. Ein Versteck in der antizipierten eigenen Leiche, von „der Gnade der Entkörperung“1„Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt, mit deren Hilfe in verhärteten Gesellschaftsordnungen unterworfene Schichten Unerträgliches zu ertragen fähig gemacht wurden, (…) Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewußtseins von Unglück.“ Adorno, Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, Seite 70 getragen, weil die menschliche Verkörperung mit allem Lebendigen scheiterte. Solche Menschen haben sich in ihre Behauptungen zurückgezogen. Ihr Rückzug ist ein Weg ohne Ankunft. In dieser Selbstzerstörung durch Selbstbehauptung löst sich gerade auf, was gerettet sein soll. An dieser Stelle ist es zu spät, die letzten Reste herzugeben, um die letzten Reste zu retten. Die sehnsüchtige Flucht in Liebesverhältnisse, Affären aller Art mit Objekten aller Arten – im neuen Schicksal dem alten zu entgehen – findet in der Hundehütte ihr Ende; dem Bürger sei es ein Palast, eine Filmlänge lang. Der Rückzug des Ich-Zentrums aus der Welt löst es nun auch auf, übergibt es den Behörden. Das Ich wird zu Verwaltungvorgängen ausgebaut. Auf dem erzwungenen Rückzug stellt sich das so gehetzte Ich gegen seine immanente Selbstreflektion, denn nur Blindheit ist nötig, um durchzukommen. Was ist das Selbstreflexion anderes als die Fähigkeit, Differenzierungspunkte mitten im Sich gegen die Umwelt zu schälen und fest zu legen. Das Künstler-Ich treibt Keile in sich hinein, begibt sich in schizophrene Zwangslagen. Es zieht sich auf seinen innerkörperlichen Raum für sich zurück.

 

 

  • 1
    „Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt, mit deren Hilfe in verhärteten Gesellschaftsordnungen unterworfene Schichten Unerträgliches zu ertragen fähig gemacht wurden, (…) Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewußtseins von Unglück.“ Adorno, Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Fischer Verlag, Seite 70 ↩︎

275, Geburt, Schmerz und Trennung

„Erst im Schmerz der Trennung tritt das Selbst ins Leben.“1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 69 Es wird losgetreten, ausgetrieben, ins Leben hineingestoßen. Das Geboren-Werden ist ein erstes Zerissen-Werden. Das intrinsisch-embryonale Subjekt wurde losgelassen: geboren. Das Ich ist nur im Kappen seiner Verbindung mit der Mutter möglich. Eine physische Enteignung vom Mutterleib. Die nächste steht bevor: die soziale Metamorphose des Ichs zum gesellschaftlich habituerten Leib.

Ödipus beiderseits
Die erste Liebe außerhalb des Mutter-Kind-Kreises mit einem anderen Liebesobjekt als ein Motiv des Verrats.
Einerseits gegenüber der Mutter: nicht sie, sondern jemanden anderes zu lieben; und andererseits von der Mutter auf den Sohn betrachtet: der empfundene Verlust der Liebe des Sohnes zu ihr. Die Ungeteiltheit mit dem Mutterleib muss sich physiologisch im Körper festgesetzt haben, denn die Beschreibungen des Kokainkonsums zitieren im postnarkotischen Zustand – dem bekannten Katzenjammer – embryonale Körperhaltungen im Bett, auf der Matte, stundenlang.

Soziale Geburt als Selbstspaltung
Entlassen aus dem Mutterleib, befreit von ihm, bewegt sich das Individuum abermals in einen Zustand hinein, indem es – nun im gesellschaftlichen Umfeld – wieder ausgeboren wird: das Marx’sche gesellschaftliche Wesen. Ihm droht wiederholt seine Entlassung in die beziehungslose Freiheit der Produktionsverhältnisse. Statt Selbstverwirklichung öde Selbstspaltung, Entsozialisierung. Ausgestoßen, arbeitslos, ohne Kommunikationsmedium, gekappt vom gesellschaftlichen Körper als geprägtes soziales Display – die eigene Fresse in social-media Feeds stopfend oder hinter ihr her postend. Selbstzerstörung scheint der gesellschaftlich produktiven Auslöschung zuvorzukommen: Ein florierendes Geschäft etabliert sich am Verschwinden, an der Aufhebung der Zerissenheit: Kaum Brot aber Spiele. Mit Konsum wird der Eingang zur Sucht des Hinwegspülens geschaffen, der Idee folgend, dass die gesellschaftliche Lebensexistenz durch Ablenkung allerlei Angebote gehalten werden kann. Entzug davon droht ständig: Auf sich selbst geworfen zu werden ist die größte Gefahr. Nichts ist so geil wie der Entzug der Wirklichkeit durch die Konstruktion einer eigenen. Drogen und Konsum ent-ziehen Wirklichkeit, weil diese Wohlfühlrausche so mächtig sind, eine andere zu etablieren. Diese Ersatzwirklichkeiten nehmen uns an unseren eigenen Wünschen fest.2„Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt, mit deren Hilfe in verhärteten Gesellschaftsordnungen unterworfene Schichten Unerträgliches zu ertragen fähig gemacht wurden. […] Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewußtseins von Unglück.“ Adorno, Horkheimer Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag. Seite 70 Der gesellschaftlich honorierte Zwang der Selbstbehauptung oder Selbstverwirklichung im Produktionsprozess – ist das nicht gleich? – liefert das Individuum seiner Selbstzertörung aus, denn es sieht sich genötigt, permanent sich zu bearbeiten, sich für sein gesellschaftliches Fortkommen zu designen; sich zu institutionalisieren für die Sklaverei angenommener Wünsche. Adjustment. Hier strickt und hackt es noch mit heißer Nadel, hier löscht es seinen Aufruhr durch die Haut oder Nase. Die Selbstzerstörung schränkt das Blickfeld notwendig ein; was immer entschieden werden soll, wo und wann zur richtigen Zeit und am rechten Ort die Bearbeitung der eigenen Existenz vollzogen wird, ein Auge muss die erlösende Perspektive beibehalten. Die bürgerliche Wirklichkeit ist Behelf, ihr zu entkommen. Lasst uns die Masken!

 

 

  • 1
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 69 ↩︎
  • 2
    „Solche Idylle, die doch ans Glück der Rauschgifte mahnt, mit deren Hilfe in verhärteten Gesellschaftsordnungen unterworfene Schichten Unerträgliches zu ertragen fähig gemacht wurden. […] Im besten Falle wäre es die Absenz des Bewußtseins von Unglück.“ Adorno, Horkheimer Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag. Seite 70 ↩︎

274, Wir und Ich: verschwinden in der Spaltung oder im Spalt

Embryonal: verschwunden im Wir – Mutti und ich.
Ich will nicht verschwinden unterm Wir.
Meine erste Zerreißung fand in ihrem Geburtskanal statt. Mein Entspringen war Zerrissenwerden. Eine überlebte Teilung. Eine lebenslange Entschärfung der Bindung, die nun bis zu meinem Tode tickt.
Mein Selbst gründete sich zunächst auf die Abspaltung vom Mutterleib. Von hier an hat das Wieder-Identischwerden begonnen, das Sich-mit-sich-Bekanntmachen, das Sich-Sich-Selber-Vorstellen, das kritische Anschwellen des Ich für das für Für-sich-selbst-sein. Schneiden und Nähen, Trennen & Vereinigen.

Ich bin zu mir selbst gekommen: ein entleiblichichtes, heraus gebrochenes Menschlein, das vorher antizipatorisch im Geiste eine Wiedervereinigung mit dem Leim aller Leime, mit der Mutter suchte – solange der Leim hielt und eine Verbindung versprach. Danach suchte ich mich selbst. Ich fand
Die Quelle
War ich
    Ein Tropfen
Im Ozean
Aller 

 

 

273, Identität: a = a

Schrei nach Identität, I
Im anhaltenden Aussprechen von ‚A‘ zum AAAAAAAAAAA erlangt die Spache ihr bewußteres Hören. Das temporäre Versteck des Gedachten wird durch das Aussprechen in ein hörbar Wahrnehmbares geborgen. Die Verlangsamung des Sprachtaktes – Singen, Summen – verhilft zur Seinsgewißheit ohne akkustische Unterscheidungen: Das A bleibt ein A solang man es als A auspricht. Das Gesprochene ermöglicht in seiner akkustischen Dehnung gerade in der temporären Verlängerung des Zeitcharakters der Sprache, ein bewußteres in der Zeit-Sein. In der Ausdehnung der Sprache mit sich selbst (AAAAAAAAAAA), kann das sprechende und gesprochene Ich zu sich selbst dringen. Die (akkustischen) Auffassungen über die Welt gehen mit ihrer (hörbaren) Erfassung einher. Die Gesänge der Identität würden in einen einzigen Ton münden.

Identität II – als symbolische Spaltung
„Warum muß sich A spalten [im Sinne von: kopieren, clonen], sobald ich seine Selbigkeit aussagen will? Oder ist A gespalten schon vor dem Aussprechen von: A = A?“1Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 59
Das A ist in sein Spiegelbild zu spalten, um seine Identität zu bezeugen. Ist erst durch eine Teilung in zwei gleiche Teile, die ein Eines waren, also auf Kosten der Spaltung – was einen homogen symmetrischen Gegenstand vorraussetz würde – Identität auszudrücken/ herzustellen? Ist Identität ein Ergebnis einer unbeschadeten Teilung oder einer gelungenen Heilung der vormaligen Spaltung? Gehen dem Identischwerden Entsorgungsprozesse von Unterscheidungen voraus?
Der Widerspruch tritt als als Vereinigungsversprechen auf: A = (ist gleich/ bleibt) A, als wieder einzuholende Identität, die als versöhnlicher wie ästhetischer Moment auftritt, um sich der Existenz mit ihrem gefrorenen Spiegelbild (Gleichnis) zu versichern. Hier das Widersprüchliche: Um ein gleiches ‚A‘ zu formulieren, braucht man bereits ein anderes ‚A‘.
A = A, als ein Gleichnis unter Ausschluss der Zeit; im nur logifizierten Raum, bereinigt von allerlei Gestern und Morgen. Diese durchs Formulieren erzeugte Zeitstrecke im Aufsagen, die Dauer des sprachlichen Manifestierens von Identität – also die Ablösung des A (von A) durch oder mit dem Gleichheitszeichen als deren Erneuerung, kann als Entwicklung des Lebens selbst – durch dessen permanente Formulierung – aufgefasst werden.
Die logische Identität, wenn sie auf das Sein und nicht auf das Werden gerichtet ist, verflacht die Komplexität des Lebens und seiner Beschreibungen. Sie ist eine logische Konstruktion. In der Evolution sind Teilungsprozesse (Zellteilungen) dem Vielfachen erneuten Teilens ausgesetzt: Wachstum später Ausdiffernzierung  und nicht die bloße Identität ist der Ausgangspunkt für spiegelbildliches Kopieren. Für die Lebendigen ist Identität eine Regression auf ihren Status, auf ihre unmittelbare Situation. Identität zitiert das Problem des Werdens als Mangel an Fortbewegung (als ein Problem, das einen Mangel an Fortbewegung aufweist).

A ≠ B
A ist nicht, was B gleich ist. Die Zeit als Differenz von mindestens 2 Bewegungen oder Zuständen. Nur im angenommenen zeitlosen Raum kann etwas sich gleich sein oder es gibt Doppelwelten.
A ist das, was B nicht ist. A als das, was B ausschließt. B kann alles sein, außer A.

Identität III
Das Neue wird durch das Vergleichen in das Alte eingeschmolzen, ins Vergangene gestoßen – irgendwoher muß es herkommen. So ist sich nichts gleich (wie könnte etwas sich selbst gleich sein – ohne den Verweis auf sich selbst?), aber unter bestimmten Kategorien bspw. des Visuellen, der Menge oder der Kategorie der Qualität usf. können ausgewählte Urteile (Bestimmungen) unter ein prototypisches Urteil zusammengefasst, begrifflich zusammengedacht werden. In dieser Weise werden die sprachlich erfassten Dinge einer bestimmten, gedankensprachlich heraufbeschworenen Operation (Urteil, Schluß, Begriff) unterzogen, d. h., einer ihnen voran-gestellten und zugleich als von der Empirie gegebenen Fixierung gleich gestellt. Die Sprache ist das Medium, worin sich das sinnlich Gegebene mit den von ihm ausgelösten Empfindungen – unsere Wahrnehmungen – austauscht, vermittelt, zum Ausdruck gebracht werden. Das sinnlich gegebene Objekt wird permanent in den Verstand gesogen und von seiner Mannigfaltigkeit entleert.2Kant unterscheidet zwischen Sinnlichkeit und Verstand als Wurzeln der Erkenntnis: „Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.“ Quelle: Immanuel Kant, in: Kritik der reinen Vernunft, in „Texte zur Medientheorie“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18239, Seite 74 Die Objekte werden erst unter einer bestimmten kategorialen Einteilung einer sprachlich hinreichenden Fixierung zugesprochen: einem Begriff gleich gemacht.
Die Herstellung von Identität von Dingen besteht in der Zerstörung der lebendigen Zeitlichkeit der Dinge.

Der Identität die Veränderung austreiben
Die Veränderung eines jeden Gegenstandes – sei es, weil er wachsen und vergehen oder durch den entropistischen Verfall zu Staub werden kann, steht der sprachlich-statischen erfassten und dem als identisch isolierten Objekt entgegen: oder man schneidet ihm die zeitliche Differenz aus seinem Lebenzyklus. Die so ins Objekthafte gezogenen Dinge, sind nun in ihrer sprachlichen Bekleidung nicht gut „aufgehoben“. Die Struktur der sprachlichen Grammatik ist zeitlos. Sie behandelt die in sie gefallenen Merkmale des Objekts als Ist-Zustand (in der Beschreibung). Insofern kämpft sie gegen das ständig sich bewegende Leben, um es in das Territorium der Beschreibung hinein zu ziehen. Der Satz der Identität beschreibt daher eine fiktionale Funktion, um Identität – als Annahme – herzustellen. In diesem Sinn ist sie Argument stiftend. Das ist die paradoxe Ambivalenz des Identitätssatzes, denn er stellt sie fest, indem er sie herstellt. Was ist das für eine Gewalt, die nötig ist, um zum Beispiel ein Subjekt aus sich herauszuziehen, damit es für die thesenartige Millisekunde sich – als Identität – gegenübersteht?! Die Idee der Identität setzt hier den Vorgang der Spaltung voraus. “Daß das, was er als eines behauptet, wenn er es überhaupt zutreffend behaupten will, zweimal da sein muß; daß er also bereits ausgeht von der Spaltung dessen, wovon er sagt, es sei eines.“3Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 36
Sicherlich: Alles Beschreiben ist selektives Spalten. Die Abbildung – Verkürzung – der Welt auf die Fläche einer Sprachgrammatik: Auf einen Sprachcode. Im autonomen Sinn, ist die Rede von der Identität nicht auf das Womit (mit Was) ausgerichtet, sondern auf die Beschwörung der Sich-selbst-Gleichheit, als ein mehr oder weniger solipsistischer Akt des Sich-findens.
Diese Identität ist gegen die Zeit gedacht und behandelt, gegen das Leben, das wuchernde, und dessen verbreitete Unstimmigkeit mit den Begriffskalkülen. Denn in Begriffen auf Papier ist es möglich, die Zeit still zu lassen und sich im (codierten) Raum zu orientieren. Ein beständiges Verflüssigen und Verfestigen ist im Gang. Die Identität ist ein Limes, der in seiner Unerreichbarkeit die unendlichen sprachlichen Annäherungsversuche für die Aufklärung der Welt produktiv macht.

Aus dem – durch den Begriff der Zeit – darstellbaren Vorgang des Lebens (als biologischer Prozess) wird das zur Identität zugerichtete aber zugleich sie erzeugende ‚a‘ als Begriffsstummel herausgeschnitten. Es taucht auf insofern es als Wiederholung von bestimmten funktionalen Gemeinsamkeiten identifiziert werden kann. Wo Identität gemeint wurde, erwies sich Wiederholung als das „Gleiche“. Das Identische wird zunehmend aus dem identischen Akt der Wiederholung gewonnen; die Wiederholung oder die dieselbe Wiederholung der Wiederholung beschwört Identität. Dem Identisch-Sein geht bereits eine Setzung des Mit-Seins, des Auch-so-wie als analogische Operation voraus. Wenn Identität eine Abstraktionsleistung darstellt, so wird das unter Identität subsumierte Objekt, Begriff, Phänomen abstrakt erscheinen: Sie dient der Fiktion, durch die Rückführung auf leicht zu Wiederholendes eine Reduktion von Komplexität zu erreichen. Obwohl das Identischmachen mit Begriffen, Vorstellungen und Begehrenszuständen das Zeitliche, die Prozeßhaftigkeit der Dinge, Objekte sukzessive aus deren Bewegung ausschließt, bedarf es eines (wiederholbaren) Vorbildes, eines Orientierungspunktes, auf dass das Gleichgemachte verwiesen werden kann.
Das ist die analogische Verwandtschaft des Erinnerns zur Identität. Die am analogisch determinierten Vorbild zugerichtete Identität erscheint desto gelungener, je mehr es mit Vergessen, als Entropie der Zeit, behaftet werden konnte. Identität erscheint als Heimsuchung des Vergessens, weil alles aus der Bewegung kommt. Als Leerheit, Wüste, als permanente Ausschließung und Unverbindlichkeit. Die Zeit wird in diesem Prozess der Identitätsfindung nicht nur abgeschlagen, sie selbst ist als Vergessen tätig. Identität ist Vergessen! Identität ist nicht Wissen – Wissen ist selektiv, im Fluß. Identität als Todpunkt.

Identitätsproduktion
Das Produktive den der Satz von der Identität freilegt, ist sein modus vivendi: Das Streben, die Suche nach Identität zündet Erinnerungen an ein schon Dagewesenes. Der Prozess der Identität ist ein ständiges Ab- und Zuschlagen vom Fels der Zeit und heißt: Vergessen & Erinnern. Flip und flop. Um zwei Punkte als identisch zu erklären, muß ich die Geschichte zwischen ihnen überwinden und mich auf formale Kriterien der Identität beschränken. Zugleich trägt diese Überwindung das Erinnern von ausgeschlossener Geschichte mit sich. In ihrer leichtesten Form verhält sich diese Setzung als Spekulation zum jeweiligen Objekt. In dieser Lesart schafft Identität oder: erzeugt die Erfüllung des Begriffs der Identität die Wiederholung, Redundanz. Sie wirkt wie ein Urteil. Sie stellt nicht fest, sondern hält fest. Als Prozess betrachtet: Erst durch Wiederholung wird Identisches entwickelt. Dann – wenn also trotz Bewegung, sei sie gedanklicher oder räumlicher Art, die Gegebenheiten als unverändert erscheinen bzw. angenommen werden, schrumpft die Empfindung der Zeit gegen Null. Im Wiederholen – als Akt der Begriffsbildung, als Akt des Wiedererinnerns – wird die Zeit gefangen: sie verschwindet, um in der sie bezeugenden Wiederholung wieder aufzutauchen: als Wort. Das Identische schreitet nicht mehr fort, es rotiert in seiner Bewegung. Die geglückte Identifikation als Annahme des Wiedererkannten. So ist die Herausbildung der Erinnerung an wieder zu Erkennendem dem Identisch-Werden wesentlich. Liegt im Identischen nicht die Sehnsucht nach dem Gewesen, dem, wo man herkommt, begründet? Das Bedürfnis, die gegen das eigene Leben ab-laufende Zeit auf ihre jeweils vorige Sekunde zu bringen. Zu leben zwar, ohne Zeit, wird kristallin.
Lebendige Sprache – Sprechen ist eine Äußerung des Lebens – entzieht sich der begriffenen Identität wie sie auf sie zuwächst. Die komplexer werdenden Beschreibungsumfänge erwachsen aus dem Schrotthaufen einstiger Identitätsmobile.

Zeit und Identität
Formen können sich gleich sein, Leben sich nicht. Form – eine Abstraktion mit Zeitentzug. Warum spricht man von zeitlosen Formen? Das inhaltliche Versprechen der Formen ist eine Projektion auf die Zeitlosigkeit: Die Form soll in Jahren noch haltbar sein.
Identität als begriffliche Festlegung der sich-selbst-Gleichheit versperrt im formal logischen Sinn das Zeitliche, die Veränderung. Da das begriffliche Urteil der Identität nur sprachlich zugewiesen werden kann, aber Sprache selbst ein flüchtiges Medium darstellt, entpuppt sich an der als identisch festgestellten Form: Identität kann nur im sprachlichen Raum ausgedrückt werden. Das Paradox, dass das als gegen die Zeit gestellte Identische nur in der Zeit seiner sprachlichen Markierung aufgehoben ist. So sehr die Buchstaben über Jahrhunderte dauern können, müssen sie doch gelesen werden. Identitäts-Begriffe können als sprachliche Orientierungsmasken der Sprechenden aufgefasst werden. (Im Theater werden Masken verwendet, mit denen das Böse, das Gute z. B. dargestellt wird, um die Handlung mit dem Akteur als ein Identisches durch die Maske zu verschmelzen.) Es geht darum, Identität zu erringen. Das A = A gleicht einer Mausefalle: Bis zu ihr – meine Bewegung, ab dem Moment des Eintritts in sie: Bewegungs- und Leblos, „Seinsfest“. Tot einfach. Könnte ein Mensch sich gleich werden, würde er sich verdoppeln. Ein Klon. Wenn er sich selbst gleich sein soll, müßte er sich als Gegenüber konstruieren. Identifizierung bedeutet dann Auslöschung, nicht mehr über das Identische – Sich-Selbst-Gleiche – hinauskommend. Es scheint, als ob aller Begriffsbildung ein fangnetzartiges Identifizieren vorausgeht. Dass man etwas meint, bedeutet das nicht, dass man das Gemeinte unter ein grobmaschiges Netz von Identitäten wirft? Geht nicht aller Identifikation gemeinte Identität voraus? Wir hätten nichts, worüber wir reden oder orientieren könnten.

Das Schlachtfeld: die 2-dimensionale sprachliche Abbildung 3-dimensionaler Welt. Sprachlich manifestierte Identität als Ankerpunkt räumlicher Koordinaten der Fortbewegung. Es gibt einen Unterschied zwischen Zuständen (Null und Eins als digitaler Wert des Zutreffens oder Nicht-Zutreffens) und Zeit. Zwischen grammatikalischer Syntax (Sprache) und dem alles überschießenden Begriffs losen Sowohl-als-auch gibt es den Raum, zu überleben. Unsere Rettung ist, dass die Sprache grob ist oder anders gesagt: Wir können zielen, aber nicht treffen, doch stets wieder zielen.

„Die sprachlichen Gebilde, die einstehn für Realität.“4Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 79

Sprechen als ein Medium, was der Selbstdarstellung der (eigenen) Lebens- bzw. Daseinsweise Substanz vermittelt. Wer spricht, ist nicht tot. Die Sprachakte behandeln, verifizieren, vermitteln neben dem Kommunizierten das Kommunizieren selbst. Die Wendungen des Seins sollen in bestimmten Redewendungen fixiert werden (können). Versiegte das Sprachmaterial als Erfahrungsmaterial, so geht das (Ver)Schweigen auf soziale Isolierung hinaus, oder es zwingt zur Tätlichkeit, zur sprachlosen Bewegung, um wieder in kommunikativen Kontakt zu treten.

 

  • 1
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 59 ↩︎
  • 2
    Kant unterscheidet zwischen Sinnlichkeit und Verstand als Wurzeln der Erkenntnis: „Nur so viel scheint zur Einleitung, oder Vorerinnerung, nötig zu sein, daß es zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden.“ Quelle: Immanuel Kant, in: Kritik der reinen Vernunft, in „Texte zur Medientheorie“, Reclams Universal-Bibliothek Nr. 18239, Seite 74 ↩︎
  • 3
    Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 36 ↩︎
  • 4
    Klaus Heinrich, in: tertium datur. Eine religionsphilosophische Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band I, Stroemfeld/Roter Stern: Basel, Frankfurt am Main 1987, Seite 79 ↩︎

272, Schweigen und Leiden

Das unmittelbar empfundene Leiden in einer Situation, weil man übergangen worden ist, verletzt im persönlichen Nahbereich, spricht sich im konsternierten Schweigen aus; die Stille ist rein, entfernt von den Ankern der Worte. Wo nichts erlitten, sprichts sichs leichter. Über das Objektivierte – also das in die Bezeichnung gezerrte „Objekt“ – kann eher gesprochen werden, als das der Objektivator über sich selbst Worte findet: Denn er hat Distanz zu sich genommen. Der Laut eigener Worte ist nicht mehr „Organ des Willens“.1Vgl. Ernst Cassirer, in: ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Philosphie der symbolischen Formen, Erster Teil Die Sprache, Seite 258 Wo wir getroffen sind, wie gelähmt von der vorausgegangenen Verletzung, sind wir oft hilflos schweigend. Wo wir schweigen, können wir nicht reden. Dem Schweigenden ist der gemeinsame Orientierungsraum der Sprache mit deren versöhnenden Verkörperungen, Übersetzungen abgeschnitten.2vgl. Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 109 ff

Lass uns reden!

Die Welt ist durchs Schweigen nicht zu verzaubern.

Ich, Hans-Georg Köhler, 2022
Foto: © Enrico Trippa

 

 

 

  • 1
    Vgl. Ernst Cassirer, in: ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Philosphie der symbolischen Formen, Erster Teil Die Sprache, Seite 258 ↩︎
  • 2
    vgl. Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 109 ff ↩︎

271, Widerstand

Widerstand zu suchen, sich nicht in den Zuständen einzurichten, nicht in ihnen zu assimilieren, bedeutet, der Realität ihr Vorkommen zu beweisen: Die Abwehr markiert den Gegner. Widerstand als ein Realitätsbeweis für Widersprüche. Dem Widerstand damit Realität bezeugen, weil das Selbst sich real in den Realtitätvollzug einbringt und: in der erfahrenen Realität gegen sie opponiert. Der widerständigen „Disposition“ des Menschen zur geltenden Herrschaft der Situation wird damit Realität – Ausdruck – verliehen. Die widerspenstige Nicht-Anpassung an die normierte Normalität kann als Befreiung vom Zwanghaften bürgerlicher Sozialisierungsprozesse erfahren werden. Zugleich wird im widerständigen Ausdruck gegen die sogenannte Realität das Zwanghafte an und in ihr zum Ausdruck gebracht. Nicht nur wird die Realität im Widerstand gegen sie erfahren, d. h. überhaupt erlangt, der Widerstand selbst wird realistisch, weil er zum Ausdruck kommt und Gestalt gewinnt. Das Wirklich-Sein entsteht also in der Auseinandersetzung gegen und mit der Realität/ Wirklichkeit. Wirklichkeit also nur im Kontakt/ Konflikt mit ihr.

Die Wurzel des Widerstands ist sein Gegen-Stand: Das Ich arbeitet gegen die Um-Stände seiner Gegenstände.

 

 

270, Lernen als traumatischer Prozess

Fritz B. Simon:
„Lernen erfolgt im Wechselspiel von Akkomodation und Assimilation nach Maßgabe der Nicht-Anpassung an die relevanten Umwelten des Systems, d. h. nicht ohne >>Not<< bzw. nur, wenn es notwendig ist.“

„Lernen ist riskant, weil dadurch erprobtes und bewährtes Wissen/ Können disqualifiziert wird (= Verlernen/ Entlernen/ Entwertung bzw. concellation des alten Wissens).“1Fritz B. Simon, in: Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen. Carl-Auer-Systeme Verlag GmbH Heidelberg, 2018, Seite 80

Das angehäufte, gelernte Wissen kann durch wiederholte Anwendung verfestigt werden – es wird in der selbst erzeugten Erfahrungsspur festgehalten: Es hat sich im Körper eingenistet. Dazu gehören auch leidvoll gemachte Lern-Erfahrungen: sie sind erlitten, weil die Überwindung des jeweiligen Status quo der Erfahrung durch neu zu erlernende Lernkontexte ein Bewusstsein der Labilität erzeugt: Morgen – in der Schule – wird ein anderer, neuer Lernstoff die bisherigen Lernerfahrungen herausfordern: „[…] Denn Veränderung ist der Prozeß, der die Regeln der Vergangenheit auslöscht.“2Heinz von Foerster, in: Sicht und Einsicht, Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1985, Seite 10 Lernfähigkeit impliziert die Fähigkeit zu leiden, sich stetig neu zu orientieren, zugunsten der Anpassung an provoziert neue Situationen: Also die Forderung, sich lernend zu ändern, das bisher Gewusste in sich selbst zu überwinden für die als neu gegen das Gewusste auftretenden Lern-Bedingungen. Ein lernendes Individuum mobilisiert seinen Erfahrungszusammenhang – seine bevorzugte biologische Trägheit/ Stabilität (Homöostase) als bisherige Nische – gegen die provozierte Infragestellung dieser Nische, gegen seinen bisherigen Erkentnisprozess. Wird der Widerspruch zwischen der auf stabilen Erfahrungen beruhenden Gewißheit und dem Neuen, noch Uneinortbaren – als neuer Lernstoff – vom Individuum nicht ausgehalten, wird es vom Schock des neuen Lernkontextes traumatisiert. Die stete Unterbrechung der erzielten Gewohnheit, bisherigen Anpassung, als Krise: der kognitive Ausnahmezustand durch stetig neue Anpassungsforderungen als beständiges Lernsetting gefasst. „Menschliche Wesen haben eine Bindung an die Lösungen, die sie entdecken, und gerade diese psycholgische Bindung macht sie verletzbar […]“3Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1985, Seite 318  In diesem Prozess entstehen die Narben der missglückten Lernerfahrungen. Im Aufeinandertreffen mit noch nicht durch die Erfahrung abgestelltem, erfassten Wissen stößt das durch Erfahrung angepasste Subjekt mit sich – seinem ungenügendem, weil unvorbereiteten Selbst – zusammen. Es stößt auf seine nichteingelöste Anpassung selbst; seine bisher geglückte erfahrungsmäßige Trägheit stösst auf seine noch nicht eingelösten kognitiven Möglichkeiten: Frustriert schicken sich Schüler in erholsame Ablenkungen – retardierende Spiele.
In der Reflexion mit Rezipienten habe ich beobachtet, dass in der unmittelbaren Wahrnehmung eines neuen, unverständlich scheinenden Objekts – besonders bei Kunstwerken – also dort, wo Wahrnehmung selbst ein Medium der Produktion ist, mit Unwillen, einer gewissen Aggressionslust reagiert wird. Eine Art intuitive Spontanabwehr gegen die ungewohnte Erfahrung der Wahrnehmung.

 

 

  • 1
    Fritz B. Simon, in: Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen. Carl-Auer-Systeme Verlag GmbH Heidelberg, 2018, Seite 80 ↩︎
  • 2
    Heinz von Foerster, in: Sicht und Einsicht, Viehweg & Sohn Braunschweig/ Wiesbaden 1985, Seite 10 ↩︎
  • 3
    Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1985, Seite 318 ↩︎