9, Kapital, Kunst & Wahn

Die Invasion medialer Aufmerksamkeitsmaschinen auf das Ich, auf das Autonomie beanspruchende Ich, auf seine wohlmögliche bestimmbare Freiheit, führt es auf seine Beliebigkeit zurück. Ein Ich – so anders wie alle anderen – passt sich an die Angebote an: individuelle Wahl im Regal. Dieser permanent verlockende Wahrneh­mungsdruck durch die produktbezogene Kommunikation beengt das Blickfeld, gemeindet den individuellen Geschmack in die Waren orientierte Gesellschaft ein. Das führt zu einer allmählich schleichenden Nivellierung, Eindimensionalität der Wahrnehmungsphänomene.1 „Es scheint etwas wie ein Greshamsches Gesetz der kulturellen Evolution zu geben, nach dem die übervereinfachten Ideen immer die verfeinerten ersetzen werden und das Vulgäre und Hassenswerte immer an die Stelle des Schönen treten wird. Und doch erhält sich das Schöne am Leben.“ Gregory Bateson, in: Geist und Natur, stw 691, Frankfürt am Main: Suhrkamp Verlag, 1982, Seite 12Der Möglichkeitssinn menschlicher Sinne wird auf erzwungene produktimmanente Ent-Äußerungen reduziert. Es wird zum Zielgruppenmutanten geschrottet. Eine (ästhetisch-therapeutische) Gegenwehr wird in der bürgerlichen Gesellschaft zur Kunst deklariert, wenn sie sich im juristisch gefälligen Kontext bewegt. Kunst als therapeutischer Schutzraum – nicht nur für ihre Produzenten. Die ins Ästhetische gehobene Form des Widerspruchs scheint geradezu Ausdruck juristischer Formung und richtiger Folgenlosigkeit. Die etablierten Kontextgefängnisse sind der gedeckte Scheck des Kunstmarkts. Unter diesem Mantel bricht und schützt dieses System ihm gemäße Kunst.2ein wichtiges Buch hierzu: Kunst und Kapital, Begegnungen auf der Art Basel. Franz Schultheis, Erwin Single, Stephan Egger, Thomas Mazzurana, Hrsg. Christian Posthofen, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2015

Das Zusammenbrechen unter der dem Individuum angetragenen Last kann die Psychiatrie pharmazeutisch begleiten. Gefängnisempfängnis. Künstlertum gilt als unendlicher Umweg vor der Einlieferung. Der Traum der Avantgarden – Kunst und Leben zusammen zu schweißen – geht in Erfüllung: Das individuelle Leben ist so ausgequetscht, das es (therapeu­tische) Rettung in der Kunst findet. Lebens-Empfängnis als Verfolgungssituation wie Fluchtreaktion. Im Sinne von: Nur das ästhetisch Reizvolle kann verfolgt werden. Das sinnlich Erscheinende ist als rücksichtsvoller Fluchtpunkt ausgemacht. Denn der lebenspraktische (Un-)Sinn der vorgefundenen Welt stellt die Differenz (Entfremdung, Uneinigkeit) zum gegen sie opponierenden Individuum desto klarer heraus.
Die künstlerische Verrücktheit stellt ein Widerstandssymptom dar, an der so unauffällig wie möglich festzuhalten ist. Die Grenze der Normalität ist nicht der Wahnsinn – am Lauf der Dinge werden wir scheitern. Das Wachsen zur bürgerlichen Persönlichkeit ist zu verstehen als Abbau von Persönlichkeit, als Distanz von ihren menschlichen Voraussetzungen. Dieses Wachsen führt fort vom menschlich respektablen Leben. Unsere Häute waren Inseln, die zerfetzt wurden, weil wir zu uns selbst durchbrechen wollten, um ein Leben zu retten: das eigene! Ein Parcours im gesellschaftlichen Minenfeld verlockender Verhaftungen. Ein Leben retten: Das eigene.

Wenn wir zu uns herausbrechen, außer uns sind, außerhalb unserer uns eingeprägten Gewöhnungen Aufenthalt erlangen, dann sind wir nicht mehr weit von uns entfernt: bald frei. Vorher aber ein Leiden am Außen, am eigenen Außer-sich-Sein und zugleich im Leiden gefangen, außer-sich-zu-sein, weil man nicht bei sich ist? Im Aus-sich-Herausdrücken, in der künstlerischen Reduzierung wird es aushaltbar. Im Inneren ist der auf sich selbst-geworfene Schmerz nicht auszuhalten. Im Außer-Sich-Sein – in der Beobachtung, Projektion des eigenen Körpers – besteht die Möglichkeit, näher an sich heran kommen: über die Kunst. Das erfahrene Gespaltet-Sein – die produktive Trennung des Menschen in sein Objekt-sein (als Bewußtsein des Körpers) und Subjektsein (als Bewußtsein durch den Körper) – kann der Beginn einer aktiven menschlichen Existenz werden. Das Gespaltensein (das Bewusstsein vom Körper und als Bewusstsein durch den Körper) wird präsent durch allerlei Macken, Vorlieben, durch Kranksein und die das Leben einschränkenden formalen Überforderungen. Künstlerischer Ausdruck als eine Art erzwungene wie angenommene, zugeworfene Rinne zwischen den Lebens-Kontinenten. Diese Schnittstelle, Grenze – die Verstörung, Entfremdung, Entwertung – einerseits wahrzunehmen und zugleich in ästhetischer Form zu kanalisieren, ist nichts anderes als die Konstituierung menschlicher Daseinsform zu ästhetisch lebendigen Ausdrucksformen: Kunst als Lebensentwurf. Als Künstler arbeitet man an seinen Grenzen selbst: Die Klinge des Ausdrucksbegehrens schneidet schlägt aus der Existenz eine (biografische) Skulptur: hämmernd, den Berg hochschleifend, den Berg sprengend – das ist schmerzhaft – suchend wie hoffend, sich zu gestalten und als Mensch Gestalt zu gewinnen. In den Spalten, Schnitt-Mengen, Widersprüchen, Grenzen formen, entwickeln wir unsere Menschlichkeit. Ein Modus, sich mit sich bekanntzumachen. Der künstlerische Akteur, die Künsterin wird für sich selbst Medium: stellt sich selbst als einen ausdrucksmächtigen Körper zur Verfügung: Jetzt endlich stellt der Körper sich dar und vor. Er stellt sich sich vor. Er begreift, ergreift sich.

3Choreografie: Selbstdarstellung, HGK, 2006, Foto: Tristan Siegmann

Ein stetiges Bekanntmachen und Durchdringen: sich lebendig halten und abtöten. Aufzehren, niederringen, sich leben und lieben. Sich wieder zu bezeugen im vergeblichen Verschmelzungsakt mit Mama.
Die Differenz, der produktive Spalt des Wahnsinns ist markiert: Es würde mir genügen, knapp neben mir zu stehen, um Platz für mich zu haben.4nach Kafka, Tagebuch, 24. Januar 1922So geh ich durch meine Kleidung ganz aus mir heraus. Diese Fluchtbewe­gung zu sich, um aus sich heraus zu kommen, mutet wie eine ästhetische Kampfreserve des Künstlers an: „Für die heroische Stilisierung und Ästhetisierung des Wahnsinns gebe es eine Reihe von Gründen, die auch das umgekehrte Phanstasma verständlich machen, daß die psychotische, insbesondere die schizophrene Produktion die eigentliche Präfiguration künstlerischer Hervorbringung sei, daß der Psychotiker anstrengungslos und jenseits von Kalkül eben dies erreiche, worum der Künstler, oft genug vergeblich, ringen müsse.“5Rainald Goetz in: Irre, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 14. Auflage 2012, Seite 78Die eigene Expression als ein Als-Ob der Erkenntnis. – Man kann es ja mal probieren. Manchmal gehe ich übers Seil, um irgendwas raus zu kitzeln, heraus zu finden. Aber der Versuch, mich von der anderen Seite zu beobachten, mich als Gestalt im Stein, den Sternen oder Worten zu entdecken, verschlingt mich noch mehr in mich hinein. So entdecke ich mich in den entferntesten Gegenden und bin doch nah vertraut mit ihnen. Als Astronaut im eigenen Körper war ich der erste, der ihn vergessen und verlassen hatte. „Je mehr er [der Künstler] daran glaubt, Phänomene zu inszenieren, die er selbst womöglich nicht beherrscht, desto mehr wähnt er, Macht über Dinge und Personen zu besitzen, die diese Illusion mit ihm teilen wollen.“6Michael Kräger, in: Kunstzeitung, Nr. 174, Februar 2011, Seite 19

 

 

  • 1
    „Es scheint etwas wie ein Greshamsches Gesetz der kulturellen Evolution zu geben, nach dem die übervereinfachten Ideen immer die verfeinerten ersetzen werden und das Vulgäre und Hassenswerte immer an die Stelle des Schönen treten wird. Und doch erhält sich das Schöne am Leben.“ Gregory Bateson, in: Geist und Natur, stw 691, Frankfürt am Main: Suhrkamp Verlag, 1982, Seite 12
  • 2
    ein wichtiges Buch hierzu: Kunst und Kapital, Begegnungen auf der Art Basel. Franz Schultheis, Erwin Single, Stephan Egger, Thomas Mazzurana, Hrsg. Christian Posthofen, Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, 2015
  • 3
    Choreografie: Selbstdarstellung, HGK, 2006, Foto: Tristan Siegmann
  • 4
    nach Kafka, Tagebuch, 24. Januar 1922
  • 5
    Rainald Goetz in: Irre, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 14. Auflage 2012, Seite 78
  • 6
    Michael Kräger, in: Kunstzeitung, Nr. 174, Februar 2011, Seite 19

8, Identität & Nabel

Was bedeutet Identität? Eine Übereinkunft mit der Biografie, den erlittenen kulturellen, sozialen, sexuellen, finanziellen Beschränkungen/ Möglichkeiten oder die gelebte Differenz, die Abgrenzung von all dem?1„Identität, Einheit, Übereinstimmung, gegenseitige Infiltration, gegenseitige Durchdringung, wechselseitige Abhängigkeit (oder wechselseitige Bedingtheit), wechselseitige Verbundenheit oder wechselseitiges Zusammenwirken – all das sind verschiedene Ausdrücke für ein und denselben Begriff, der sich auf folgende zwei Umstände bezieht: 1. Im Entwicklungsprozeß der Dinge setzt jede der beiden Seiten des jeweiligen Widerspruchs die Existenz der anderen, ihr entgegengesetzten Seite als Bedingung ihrer eigenen Existenz voraus, wobei beide Seiten in einer Einheit koexistieren. 2. Jede der beiden entgegengesetzten Seiten verwandelt sich unter bestimmten Bedingungen in ihr Gegenteil. Eben das heißt Identität.“ Mao Tse-Tung, in: Ausgewählte Werke, Band 1, Verlag für Fremdsprachige Literatur, Peking 1968, Seite 396Als Übereinkunft und Verknüpfung des Ich-werdenden-Subjekts mit seinen gewohnten Strukturen verstanden, wäre Identität lebenslange Konstituierung des Mangels, eine selbstauferlegte Beschränkung, um mit Beschränkungen, Erwartungen (regulierend) auszukommen. Der identitäre Mensch ist gefordert, sich sein am gesellschaftlichen Erwartungs-Design perfektioniertes Spiegelbild als Gegenbild seiner Erwartungen in sich auslöschend einzubrennen. Identität ist nur Futur – ein etwas zu Erreichendes, eine Art Struktur permanenter Differenz. Identität – mit sich selbst? – kommt nicht zu Stande. Der Begriff der Identität ist eher Ausdruck von stabilisiertem Mangel, permanenter Differenz und nicht Übereinkunft, oder eben als Übereinkunft zur gelebten Differenz. Etwas nicht zu wollen, jemand nicht zu sein, das Feuer zu löschen, Brandflecke bekommen, das Sterben verhindern, die Zeit mit dem Schönen zu töten2Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 43: „Das Schöne also tötet die Zeit.“– ist das Identität? Markiert das Aufbegehren, das Abgrenzen Identität? – Als eigenes Begehren? (Feuerwehr, Polizei, Medizin – Berufsfelder, in denen etwas nicht gewollt wird: Feuer, Unordnung und Krankheit/ Sterben). Befreiung von ein- oder vorgeübten Mustern als Probe auf einen selbstischen Gang offenbart sich dem Individuum als Schnitt gegen das Gewohnte und kläckert schweißtropfend in das soziale Umfeld hinein. Im Kampf des Ich gegen sein gesellschaftlich produziertes Spiegelbild, gegen die ihm unterstellten Identitäts-Muster, erwächst das von ihm errungen Abgeschlagene zu einem ihm entrissenen Lebensraum. In fremder Umgebung geht man wieder in die Kirche. Das glücklich abgeteilte, sich abteilende Individuum trägt noch die Teilung – das Abschneiden, Kappen – als Mal bei sich weiter. Wer kann schon von sich loslassen und seinen verwundeten Körper liegen lassen. Mich ereilt nicht nur die Stunde der geteilten Nabelschnur, ich trage fortan die Narbe und verweile an der geschlagenen Verbindung. Loslassen ist Geschnittenes. Nicht: a = a, sondern: a/a (a geteilt durch a).

3meine Fäuste im Kopierer, HGK 1999

 

 

 

  • 1
    „Identität, Einheit, Übereinstimmung, gegenseitige Infiltration, gegenseitige Durchdringung, wechselseitige Abhängigkeit (oder wechselseitige Bedingtheit), wechselseitige Verbundenheit oder wechselseitiges Zusammenwirken – all das sind verschiedene Ausdrücke für ein und denselben Begriff, der sich auf folgende zwei Umstände bezieht: 1. Im Entwicklungsprozeß der Dinge setzt jede der beiden Seiten des jeweiligen Widerspruchs die Existenz der anderen, ihr entgegengesetzten Seite als Bedingung ihrer eigenen Existenz voraus, wobei beide Seiten in einer Einheit koexistieren. 2. Jede der beiden entgegengesetzten Seiten verwandelt sich unter bestimmten Bedingungen in ihr Gegenteil. Eben das heißt Identität.“ Mao Tse-Tung, in: Ausgewählte Werke, Band 1, Verlag für Fremdsprachige Literatur, Peking 1968, Seite 396
  • 2
    Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 43: „Das Schöne also tötet die Zeit.“
  • 3
    meine Fäuste im Kopierer, HGK 1999

7, Kindheit

Alle Buntheit der Welt
war einmal
Im Bonbonpapier
Eine Verkündigung
Der Vorfreude auf Trost und Maximum
Durch Süßes
Mit glitzernden Augen
In Kistchen behutsam gelegt
Versteckt
Zum Austausch bereit
Mit anderen Versprechen

1ich

 

 

  • 1
    ich

6, Techne: Form und äshtetische Prämisse

Der Herstel­lungsprozess eines Kunstwerks als hoffnungsvolles Sinnbild humaner Produktions-Ästhetik hat sich nicht erübrigt. Das Künstlerische am Werk ist Entschlossenheit zum humanen Gebrauch seiner Formen – auch seiner Produktionsformen. Die Angabe einer technisch bestimmten Herstellungsweise sollte für das Kunstwerk nicht entscheidend sein, sondern seine ethischen Prämissen (als Vollzug humaner Methoden der Produktion). Der Begriff künstlerischer Technik ist irreführend,1Vgl. Martin Heidegger, Die Frage nach der Technik, in: Gestalt & Gedanke (Die Künste im Technischen Zeitalter), Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 3. Folge, 1954, Seite 70-108 weil jedwedes Handeln als technisch beschreibbar ist und in der Kunst ist technische Verfertigung von Material immanent. Die Technik ist kein Subjekt und hat kein Eigenleben, sie ist eine Verlängerung von uns selbst – als in Material gegossene, geformte Ausdrucksgestalt – und entsteht unmittelbar im künstlerischen Prozess. Natürlich sind auch technische Vorgänge für die künstlerische Formgewinnung ergiebig. Das künstlerisch motivierte Produzieren ist weniger an technischer Strukturalisierung seiner Produktionsmethoden interessiert – vielmehr an der Produktion nur, insofern sie komplexen Bedeutungsraum baut,2Vielmehr in der Richtung von: Bedürfnis nach Bedeutung schaffen. Marketing in der Kunst bestünde in losgelöster Schönheit, zugänglichem Verständnis (für Jedermann). Ideale zu erzeugen, an denen sie sich abarbeiten kann. In alle Richtungen ohne feste Richtung zugleich (keine Zielgruppen). also Spielwiesen von möglichen Kontexten entwirft. Braucht künstlerisches Handeln technische Gewißheit, um seinen Bedeutungsraum abzusichern? Nein! Man durchschießt ja gerade mit/ in der Kunst die gewohnten Erfahrungskontexte, indem die technischen Möglichkeiten in einen anderen – wieder erfahrbaren – Rahmen gesetzt werden. Ein Hochofen kann deshalb als ästhetisches Objekt entdeckt werden, der malochende Arbeiter entwickelt seine Tätigkeit zur Choreografie. Im Gegensatz zur Industrie: Das Schwein ist Verwertungsobjekt aus Fleisch, Fett, Knochen und Borsten. Die Herstellung empirischer Gewißheit dient hier als Voraussetzung der Beschreibbarkeit und Rationalisierung der Welt. Rationalisierung von Bedeutungszusammenhängen = Schrumpfung von sinnlich erfahrbaren Kontext.

 

 

  • 1
    Vgl. Martin Heidegger, Die Frage nach der Technik, in: Gestalt & Gedanke (Die Künste im Technischen Zeitalter), Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 3. Folge, 1954, Seite 70-108
  • 2
    Vielmehr in der Richtung von: Bedürfnis nach Bedeutung schaffen. Marketing in der Kunst bestünde in losgelöster Schönheit, zugänglichem Verständnis (für Jedermann). Ideale zu erzeugen, an denen sie sich abarbeiten kann. In alle Richtungen ohne feste Richtung zugleich (keine Zielgruppen).

5, Thesen zur Kunst

Schnittstellen/ Außen
– Warum Kunst, wie entsteht sie, weshalb treibt es Menschen zur Kunst (Herstellung und Partizipation), die Sprache als Fehlstelle oder Übersetzungswiderstand
– Kunst als transformatorisches Modell zwischen den sozialen Ebenen, vertikal
– Formale Sprache als Verständigungsproblem oder Schnittstellen-Reservoir künstlerischer Ausdruckstechniken
– Hypertext & Hieroglyphe: Die Komplexität der Kontextproduktion geht in Unkenntlichkeit über (Code, Metapher & Fragment)
– Identität durch Ausschluss, Ausschluss durch Konformität ist auch möglich
– Kapitale Provokationen narzisstischer Identitäten
– Systembildung setzt Selektion voraus (die Erzeugung von Mangel – Beschränkung – an Informa­tionen, Geld, Teilhabe)
– Intransparenz und Abhängigkeit (kontrollierte Korruption) als Bedingung für Netzwerkbildung/ soziale Beziehungen/ Kommunikation
– Ästhetische Pathogenese: die Anwendung ästhetischer Kategorien auf das gesellschaftliche System als Furor kapitaler Bewerbungs-Kommunikation der Produktion

Schnittstellen/ Innen
– Kunst als Lebensentwurf
– Ästhetisierung des Schicksals (ästhetische Repräsentationen des Subjekts als Überlebens­metapher), Repräsentationstechniken des Subjekts zwischen Selbstdarstellung & Selbstbeobachtung, die offene Stelle bist du selbst, zwischen Produktion und Verwertung ein Nadelöhr
– Selbstdarstellung als Selbstzerstörung
– Hegels Traum (Linien zu Hegel)
– Erkenntnis als funktionelle Fiktion, Zerfaserung oder: Die Wirklichkeit als Durchbruch zum Nichts, Konflikt­feld

 

 

4, Das narzisstische Urteil

Was das spekulative, sich selbst narzisstisch projizierende, sich durch fremde Selbst-Beobachtung ausgehöhlt enervierende Ich durch die antizipierten oder vorgestellten Blicke der Anderen sieht, zu sehen glaubt: es sind die gestohlenen Augen der Anderen, mit denen das narzisstische Ich auf sich selber starrt. Als Schlund wie Öffnung ist das ersehnte, erkaufte Gesehenwerden eine Bohrstelle nach Aufmerksamkeit. Selbst die physischen Qualitäten der Phänomene werden bestritten – die schöne Blume wird neidvoll erblickt. Wenn die Welt sich nur mit den Blicken der Narzissten entdecken lässt, ist sie verloren. Überall Spiegelsplitter des Aussaugens und Erschauerns. Die im Zusammenprall mit (Konsum-)Phänomenen zum narzisstischen Körper verdichtete Grenze des Ich, ist das bevorzugte Absatzgebiet industriell erzeugter psychischer Mangel-Zustände. Die Medikamente zur work-life balance dienen der Verhärtung, stabilisieren die Norm und treiben das narzisstische Karussell kapitalen Konsums voran. Sie dämpfen die Zweifel. Die Flucht in das narzisstische Spiel der Selbstbeschäftigung mutet wie ein Mit-Spielen aus Selbstschutz an. Die Haut ist die Schnittstelle, wo Produkt-Kolonisation und Ich-Verteidigung (Selbstdarstellung) zusammentreffen:

Nike-Werbung1Nike-Werbung, Hank Williams (USA), Courtesy of the artist and Charles Guice fine art photography

Als die gesetzgebende Ver-Dichtung der Arbeit zur Diktatur rasend die Häute erreichte, konnte das ehemalige Individuum zu einer Zahlenkolonne unterm Oberarm abgeleitet werden, während sich die herfallende Meute sich in eitle Uniformen schickte. „Die kapitalistische Entwicklung führt das Individuum zu einer neuen Höhe subtilen Selbstbewußtseins und zu einem raffinierten Reichtum von Subjektivität, macht aus ihm aber zugleich einen räuberischen Egoisten.“2Terry Eagleton, in: Ästhetik: Die Geschichte ihrer Ideologie, Verlag J.B. Metzler Stuttgart, Weimar, Seite 230

 

 

  • 1
    Nike-Werbung, Hank Williams (USA), Courtesy of the artist and Charles Guice fine art photography
  • 2
    Terry Eagleton, in: Ästhetik: Die Geschichte ihrer Ideologie, Verlag J.B. Metzler Stuttgart, Weimar, Seite 230

3, Wo war ich?

Woher haben sie mich.
Wo war ich
während meiner Inkubationszeit. Wer
Bevor ich zu mir
In die Welt kam.

Aus welchen Orten zusammengetragen?
Wie gelagert,
in welchen Stoffen,
wie zusammengefasst – designt?
Abgedrückt.
Was ist das, was mit mir ausbrach?
Wer ist es, der in mir mit mir ausbricht?
Wer sind sie?
Was für welche, die in mir verdauen,
sammeln und fließen.
Und täglich verschwinden.

 

Mein Körper
Längst durch mich gewichen
Hält nichts aus
Kann mich nicht halten

Zu schwer, zu gierig
Eine Last, ein Laster
Voller Wünsche
Voll
Voller Voll und Über
Ende
Sommer wird er kalt gemacht

Die Löcher
Im System
Sind mein Schlund Stiefel im
Sumpf
Weiches Hirn
Bricht im Discount
Durch
Erpresste Billigware
Zu Tränen
Zwischen Krieg und kriegen aus.

Marschiere in Schaufenster
Sie zu treten

Das soll kaputt gehen
Was ich nicht habe
Soll falsch sein
Krieg mein Versteck


Schlüpfe hinein
Krieg ich
eine neue Hose

 

 

 

2, Familie?

Die bürgerliche Familie erscheint als Gefängnis-Modell. Sie hat durch sich selbst am meisten unter sexuellen Übergriffen zu leiden. Vielleicht liegt das an der Enge der Zelle? Ein Zwangsmotor ohnegleichen: Monozelle. Batterie. Klein, eng, verschwiegen. Die äußerste Verlegung der Mit-Täterschaft um das Individuum herum, Laokoon, durch Verwandtschaft, eigenes Blut, familiär beschmierte Bande. Die von Produktion abhängig definierten Familien-Mitglieder werden durch das vorhandene Arbeitsverhältnis ersetzt und diskriminiert, zusammengeschweißt oder zerhackt und als familiäre Funktion in der Produktion mißbraucht. Ausgangssituation. Die Implementierung von familiären Strukturen in Fabriken, Kliniken, Armeen ist zu beobachten wie auch die industrielle Instrumentalisierung der Familie. Einerseits die Spiegelung familiärer Strukturen in hierarchisch gegliederten Arbeitsprozessen, andererseits der einschneidende Zugriff moderner Arbeitsstrukturen auf die Familie, geradezu deren Abbildung in herrschenden Techno-kratien erschwert dem Individuum seine solipsistische Chance, sich tatsächlich einzeln zu fühlen. Die Nutzung familiärer Instanzen im System institutionalisierter Autorität als Abschwä­chung und Vertausendfachung des herrschenden Vaters1vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp, Seite 90, um den Schuldzusammenhang ein- bzw. weiter zu führen, aufrecht zu erhalten und auszubeuten. Eine Instrumentalisierung und Ausbeutung narzisstisch geprägter Defizite kennzeichnet die hierarchischen Verhältnisse. Die ehemals mangelnde Mutter- und Vaterfunktion verfestigt sich und kehrt in gesellschaftlicher rationalisierter Arbeitsgegend wieder. Diese Familisierung gemahnt in der institutionellen Wiederholung an den totgesetzten, tabuisierten und in die Familie eingesperrten Inzest2vgl. Foucault, in: Der Wille zum Wissen, Suhrkamp Verlag, Seite 131, …“Daß die Sexualität ihre bevorzugte Brutstätte in der Familie hat; und daß sie sich aus diesem Grunde >>inzestuös<< entwickelt.“ – gerade mit dem über die Familie belegten gesellschaftlich-produktiven Bann. Ein Mißbrauch oder die Selbstliebe aus Mangel an Aufmerksamkeit zieht seine Bahn.
Das gemünzte Leben, ein falsches, um Beziehungen zur Welt zu erhalten und um sie unterhalten zu können, löst die Beziehungen, Verhältnisse zur Welt, zum Fremden auf: zur Nicht-Beziehung, zur Äußerlichkeit. Dialektik und kein Meer. Wir wollen einander kennenlernen. Der Verkehr der Geschlechter (weniger aber in der Familie) ist Umschlagplatz der Utopien, der Versprechen – sie sind sich selbst nur da genug. Nur hier und jetzt: Die Liebenden.

 

 

  • 1
    vgl. Herbert Marcuse, in: Triebstruktur und Gesellschaft, Suhrkamp, Seite 90
  • 2
    vgl. Foucault, in: Der Wille zum Wissen, Suhrkamp Verlag, Seite 131, …“Daß die Sexualität ihre bevorzugte Brutstätte in der Familie hat; und daß sie sich aus diesem Grunde >>inzestuös<< entwickelt.“

1, Pergamon

4 Positionen
Computeranimation: Pergamonaltar mit 4 Selbst-Gesten, © Foto: Hans-Georg Köhler, 2002

 

Pergamon-Fries: Die Leerstellen, verschüttet und verwittert, füllen wir von nun an. Den Unrat zu benutzen, um all die nächtlichen Schleime, Angstberge von Minuszukunft in eine zu Ende gekämpfte Bewegung zu verwandeln. Die Dialektik des Stillstands, Fleischsumpf aus Langeweile. Den Freeze kulminierender Bildideen in Erzählstoff auflösen, wieder verflüssigen. Den ganzen Altar in eine Animation zur weitergehenden Bewegung bringen, die Playtaste drücken: Der Kampf geht weiter, ich nehme ihn wieder auf. Die Zusammenführung von TheorieKontext mit meinen Herstellungsmotiven fungiert als Modulation von Wunschleben/ Projektion. IMAGO. Aus diesem Spalt siebe ich meine Ausgeburten. Beschreibender und Betroffener. Hyde Jekyll Konstrukt. Am Tag auftauende Träume der nächtlich gefrorenen Geschichte. Den Hammer wenn ich bitten darf.

Kämpfen nicht abbilden, heißt die Losung. Raus aus dem medialen Erinnerungsorkus. Über die therapeutische Zerstörung des Ich: Die Gespenster kommen aus dem Riß zwischen mir und mir und spinnen einen Kokon aus virtueller Vergangenheit: Das Nicht-Getane/ Gemachte, das Nicht-Entschiedene löst das autonome, das in der physischen und psychischen Zeit verankerte Ich auf – revidiert das Gewesene, zerstört das Gegenwärtige, weil es permanent sich aufgefordert sieht, seine Vergangenheit zu zerstören, zu casten, zu be-wältigen, um die Gegenwart zu rechtfertigen. An der Verderbnis der Früchte sehe ich die Zeit, sehe, wie sie das Obst zur Fäulnis anregt. Alles ist Vorgang, alles läuft ab.

Ich wünsche ein Amboss zu sein
Und mein Vater zerschlug auf meiner Brust
Die Toten aus meinem Traum
Vom letzten Jahrhundert

Ich habe mich durch die Reihen gekämpft
Zögerte nicht mit Schwert noch Schild
Auf dem Feld
Ließ ich die Gebeine meiner Freunde
Und auch
Einige meiner.

Strand und Steine
Digitale Fotocollage: Strandfiguren im Pergamon-Altar, Selbst-Choreografie, © Hans-Georg Köhler, 2002

 

Ich schreibe mir meine Selbstkritik ins Hirn. Strecke die Waffen und zähle verrostete Lanzen – wie lächerlich im Zeitalter elektronischer Spinnennetze. Suche die Insel mit Selbstverpflegung, doch Meere steigen. Unaufhörlich. Es ist bekannt, es wird besprochen. Mit mir kann nicht einmal ich ein Geschäft machen! Im Alten habe ich keine Statt, für die neue prüfe ich mich. Cut oder Schlamm der Ebenen. Es soll niemand hören: den Schrei in meine Gefäße. Kurz gesagt: mein Verrat, Laokoon der Wirklichkeit, umwürgt mich. Eingesponnen in mich, muß ich warten. Call for Gods grant.

Zu wissen, dass es Ich nicht mehr gibt: Auch wenn meine Augen, die gallertartigen Schleusen zum Gehirn geöffnet waren und es sahen: Mich, in allen Lagen fortschreitender Objektivierung, der Entzweiung zu Gas, Wasser, Fett, Massenartikel und Zweifel. Die Bäume werden zu Objekten geschrumpft, zu Regalen und Sojafeldern. Eingezwängt im Kampf/ die Niederlage erringend/ werden Fotos geschossen und Kontexte gezäunt. Nun sinke ich, beschwert von Zeit.
So außer mir, mir sehr nahe, nicht weit entfernt. Als Stimmen wachsen sie in mich hinein und formen meine Münder, an der die Zähne wachen. Die feuchten Wände wie Fleisch gewogen, ins Dunkle gegossen.

Leben wie ein Flüchtling
Immer suchend
Auswege
Aus dem umzingelten Jetzt
Laufen für Essen

Die Verlegung der Kriege in den Supermarkt (Müller)
Auf die Leinwand
Hinein
In den Kopf
Statt Stellvertretung und Delegierung

Dieser Aussatz von Kraft
Muß nach Außen, damit ich nicht
Zerfleischt werde
Vom Hack im Kühlregal, von mir.

Den Schmutz mir anziehen.
Wartend auf den Sturm: aus mir.
Ich bin mein Kind. Zu Tode verjüngt.
Zum Leiden befähigt, kriecht der Aussatz sprechend zurück.
An der Haustür

FUCK YOU!

Die wollen mich zur
Lohnkarte pressen – verminte Vita
Meine Brotbüchse mein Kotzbeutel
Ich bin Aas, die Schweine wollen mich
An der Leine und
Meine Frau

Führt mich in den Stall.