269, Identität als widerspenstige Falle im Sozialisierungsprozess

Die gesellschaftliche Honorierung des zur anerkannten sozialen Rollen-Identität sich verarbeitenden Ichs, sind in seiner Sozialisations-Konfusion1vgl. Erik H. Erikson, in: Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1966, Seite 153 ff – vorallem in der Pubertät – zu erkennen. Besonders in dieser Lebensphase gilt es, sich auf den drohenden Verlust des bisherigen Selbsts einzurichten oder mindestens ihn zu antizipieren. Im zu leistenden Verzicht auf seine bisherigen von der Gesellschaft losgelösten Verselbstständigungen eigener Individualität wird das sozialisierte Selbst künftig verzichten müssen. Wo es diese soziale Normierung überwinden muss, geht es gegen sich an und driftet in soziale Stigmatisierung ab oder richtet sich darin ein.2vgl. Erving Goffman, in: Stigma, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 24. Auflage, z. B. Seite 9 ff, 56 f Das neue – mit sozialisierender Normierung eingeübte – Selbst kann nur aus seiner Asche bisheriger „Persönlichkeit“ aufsteigen. Eine andere Metapher: Die soziale Häutung gewährt dem Selbst seine Anpassung – mit dünner Haut.

Keine Sozialisation ohne traumatischen Prozess.
Die gesellschaftlich normierte Individualität als Grad der Zerstörung des eigenen Individualitätsstatus, die sozial normierte Individualität als eine Funktion angenommener gesellschaftlicher Identität. Identität als gesellschaftliche Funktion des Ichs: normative Sozialität als soziale Prothese. Der eigene Verlust von Ich-Mächtigkeit als sozialer Gewinn für die Gemeinschaft.

Gleichheit im Brei
Sich allem common sence gleich zu machen, im Menschenbrei unterzutauchen, um nicht entdeckt zu werden: mit der Chance, unter dem vielen Gewimmel und süchtig Flüchtenden sich zu verkriechen. „Flucht vor der Drohung des Identitätsverlustes in Identitätslosigkeit.“3Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 44 In der feindlichen Menge.

Pathologisierung
Vollstopfen mit oder Entleeren von gesellschaftlichen Normativen als Symptom eines Begleichens sozialer Normen. Weil der eigene Raum vernichtet wird zugunsten des Einstehens für einen gemeinsamen sozialen Raum, den aber das Ich nicht mit anderen teilen will: Eingeeingt im Massen-Raum voller Egos.

Identitäts-Gefängnis
Die Identität des Gefesselten ist sein Material: der Strick um seinen Hals. Die Totalität der normierenden Zugriffe aufs Ich entspricht der Totalität der übermannenden Angebote zur Freiwilligkeit. Ein riesiger Markt für Ersatz-Objekte der Individualität – Selbstverrat„Wahrscheinlich sind alle Menschen, wenn sie erst sozialisiert sind, latente >>Verräter an sich selbst<<. Die psychische Schwierigkeit dieses Verrates wird jedoch größer, wenn entschieden werden muß, welches >>Selbst<< von Fall zu Fall verraten werden soll.4Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag 2016, Seite 181

 

 

  • 1
    vgl. Erik H. Erikson, in: Identität und Lebenszyklus, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1966, Seite 153 ff ↩︎
  • 2
    vgl. Erving Goffman, in: Stigma, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 24. Auflage, z. B. Seite 9 ff, 56 f ↩︎
  • 3
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stromfeld Rote Stern, 4. Auflage 2002, Seite 44 ↩︎
  • 4
    Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag 2016, Seite 181 ↩︎

268, Verwandlung oder Behandlung?

Behandlung
Urteile über Personen werden oft leichtfüßig im pathogenisierenden Jargon gefällt. Da ist der Begriff Narzsissmus, Prokrastination oder Asberger nicht weit. Sind tatsächlich Verhaltensauffälligkeiten vorhanden, ist es nicht trivial, sie „korrekt“ einzuordnen: stets in der Gefahr, das die Diagnose als Machtinstrument über den Patienten herreinstürzt. In der zunehmenden Ausdifferenzierung diagnostischer Kategorien – wie in der Historie des DSM nachzuverfolgen -, ist das begriffliche Ringen abzulesen.
Die verurteilenden Bewertungen von Mitmenschen, als Mobbing besonders in pubertierenden Kohorten „gängig“ wie auch die Einordnung in der medinzinischen Diagnostik, sind normierende, gar pathogenisierende Instruktionen, wenn sie auf die Wiedereingliederung – mit Behandlung – bzw. auf den Ausschluß des Menschen aus dem sozialen Körper hin wirken: sie sind ein Kontrollinstrument. Der mit Diagnose belastete Mensch droht aus dem sozialen Körper herauszufallen: weil er dem Druck von Bewertungen und Normierungsassimilation nicht mehr standhält. Die psyschich-physiologische Anpassung des diagnostisch erfassten Menschen gelingt nicht ausreichend, um zu bestehen. Die Grenze zwischen kognitiv-genetischer Disposition und sozial-psychischer Anpassung befindet sich auf Seiten der amtlichen Manuale, medizinischer wie kassenärztlicher Instruktionen oder in der Dienstvorschrift. Die Beschreibungen der (administrativ definierten) Fehlleistungen sind bereits Zuschreibungen von Verhalten: Objektivierungen herrschen über das nichtangepasste, aber zur Veränderung verpflichtete menschliche Wesen anhand gültiger und vergüteter Anamnesen. Sind es also die sozialen Umstände oder die wütenden Körper, die nicht passen?

Verwandlung – Multividuation
Soziale Eingliederung – ob nun im Sinne produktionstechnischer Verwertung oder normativer Sozialisierungsrituale – wird mit den jeweiligen Normierungen nicht nur kontrollierend begleitet, sondern ebenso ermöglicht. Für den Großteil der Menschen passt der sozial-normierende Anzug: Die Verwandlung zum sozialen Bürger ist gelungen.
Die diagnostische, dienstliche oder sozial abgesicherte Normierung stützt die Ebene der resozialisierenden Produktivität des Menschen, wobei die sich gegen Normierung abwehrende Befindlichkeit des zu Therapierenden in ihm selbst verankert bleibt. Die amtlich bestätigte Andersartigkeit treibt spaltende Keile ins Herz der Selbstbestimmung: Wer definiert sie? Wo gerade jener Mensch nur seine ausgemachte Unbestimmtheit inmitten anderer Menschen spürt und versucht, aus-zuleben. Diese verurteilenden Bemächtigungen, als soziale Rezepte gern verteilt, bedeuten die verwirklichte Verhinderung einer Anpassung oder Neujustie­rung des be- oder getroffenen Menschen. Sie multividieren ihn in jeweilig anders genormte Lebensbereiche und stretchen ihn. Die Selbstverortung des betroffenen Menschen in sozial überdeterminerten Verhältnissen wie zum Beispiel in prekären Arbeitsverhältnissen ist ihm so verwehrt.
Ist in der Existenz – im pragmatischen Leben – die Differenz von Klinik (Symptombehandlung) und Produktion/ Sozialisierung (Symptomobjektivierung) fehlgeschlagen, wuchert „die Firma“/ das „System“ und der tauschwerte Arbeitplatz in den daran erkrankenden Körper hinein: Jetzt ist er verrückt geworden.

 

 

267, Zeichnen als Berührung denken

Ich zeichne eine Linie, kurz vorher eine Ahnung: Ein Zwischen von Hintergrund und Gegenstand wird Form im Auge Hirn, dann zur Kontur im Papier vibrierend: das Gezeichnete kann im Zeichnen zur Gestalt des zeichnenden Körpers hinübertaumeln. Die Linie als Berührungsgrenze: des Stifts mit der Welt zwischen mir und dem Papier. Das Gesehene wird haptisch im Zeichnen erleichtert oder verstärkt. In der Zeichnung wird der Unterschied zwischen Beobachter und Beobachteten in der Darstellung zur Form vollzogen. Die wahrgenommenen Eindrücke als transformierte Ausdrücke werden im Be-Zeichnen gegen die Realität ästhetisch abgedichtet.
Den Akt der Zeichung sich vorstellen als Berührung, die zur Linie gequetscht wird: worin Beobachtung, Beobachtetes und Beobachter zusammen kommen. Als eine Verlängerung des Gesehenen ins Sichtbare hinein, zurück ins Wahrnehmbare einer Gestalt auf dem Papier oder der Leinwand. Das Gesehene – die Blume, die Wolke – wird nun durch die Zeichnung, d. h. durch die geglückte, weil wahrgenommene Berührung in der selbstischen Gestaltung gesehen: als formales Zeichen oder Zeichnung. Ein neuer Aggregatzustand der Wahrnehmung ist entstanden.

 

Bild 1, aus der Serie „Choreo / 2024“, © Hans-Georg Köhler
https://hansgeorg-koehler.de/zeichnung/choreo-2024/

 

 

266, Haut zwischen uns

Haut als ein Kontaktraum zur Überwindung der Einsamkeit, wenn wir sie – mit einem anderen – teilen. Wenn wir andere berühren, gleiten wir zwischen unseren Häuten an unseren Grenzen entlang. Die Haut ist die Erfahrungsfläche des Begehrens: als Betätigungsfeld des anderen Egoismus im Liebeskampf um Zuneigung. Spüren und Berühren als Grenzverletzung verschmelzen einander: einvernehmlich. Die Erfahrung des eigenen Körpers als fremden, als ein durch den anderen endlich wahrgenommener und die Wahrnehmung der Körperlichkeit am anderen bilden eine Einheit: Das “Ich-nehme-dich“ heißt: Ich nehme an mir teil. Sex als Objektivierung des Körpers: man nimmt an der Wahrnehmung der eigenen Existenz durch den anderen senso-motorisch teil: Mit der schmerzhaften Erfahrung, der Objektivierung des eigenen Körpers ausgesetzt zu sein, gerade durch das Begehren des oder zum anderen. Das Einlassen auf den geliebten anderen Menschen impliziert ein Wagnis zur Entzweiung, um „im Anderen bei sich zu sein“. (Hegel) Die eigene Haut kommt niemals ohne den anderen so lustvoll in die selbstische Existenz. Die Erfahrung der eigenen Grenze durch ihre Verletzung, Überschreitung durch den anderen Teil-Nehmer.
Man verliert die eigene Grenze mit Haut und Haaren. Aus seiner Haut zu kommen fordert, sie zu verlieren: in lustvollen Momenten.

 

 

265, Jacob Burckhardt: Gedanken zum Krieg und ihre Aktualität – uff

„Sodann ist hier vorauszunehmen schon der Krieg überhaupt als Völkerkrisis und als notwendiges Moment höherer Entwicklung.
Es gehört mit zur Jämmerlichkeit alles Irdischen, daß schon der einzelne zum vollen Gefühl seines Wertes nur zu gelangen glaubt, wenn er sich mit anderen vergleicht und es diesen je nach Umständen tatsächlich zu fühlen gibt. Staat, Gesetz, Religion und Sitte haben alle Hände voll zu tun, um diesen Hang des einzelnen zu bändigen, d. h. ins Innere des Menschen zurückzudrängen. [sic!] Für den einzelnen lächerlich, unerträglich, abgeschmackt, gefährlich, verbrecherisch, sich ihm offen hinzugeben.
Im Großen aber, von Volk zu Volk, gilt es als zeitweise erlaubt und UNVERMEIDLICH [Hervorhebung von mir], aus irgendwelchen Vorwänden übereinander herzufallen. Der Hauptvorwand ist, im Völkerleben gebe es keine andere Art von Entscheid, und >>wenn wir’s nicht tun, so tun’s die anderen<<. Die sehr verschiedenen inneren Entstehungsgeschichten der Kriege, die oft äußert komplizierter Art sind, lassen wir einstweilen außer Betracht.

Ein Volk lernt wirklich seine volle Nationalkraft nur im Kriege, im vergleichenden Kampf gegen andere Völker kennen, weil sie nur dann vorhanden ist; auf diesem Punkt wird es dann suchen müssen, sie festzuhalten; eine allgemeine Vergrößerung des Maßstabs ist eingetreten (…) die Kriege reinigten die Atmosphäre wie Gewitterstürme [die gesellschaftlichen Phänomene werden hier zurück ins Naturhafte getrieben], stärkten die Nerven, erschütterten die Gemüter, stellten die heroischen Tugenden her auf welche ursprünglich die Staaten gegründet gewesen, gegenüber ENTARTUNG, FALSCHHEIT und FEIGHEIT.
Der lange Friede bringt nicht nur Entnervung hervor, sondern läßt das Entstehen einer Menge jämmerlicher, angstvoller Notexistenzen zu, welche ohne ihn nicht entständen und sich dann doch mit lautem Geschrei um >>Recht<< irgendwie an das Dasein klammern, den wahren Kräften den Platz vorwegnehmen und die Luft versticken, im Ganzen auch das Geblüt der Nation verunedeln. Der Krieg bringt wieder die wahren Kräfte zu Ehren. Jene Notexistenzen bringt er wenigstens vielleicht zum Schwingen.
Sodann hat der Krieg, welcher so viel als Unterordnung alles Lebens und Besitzes unter einen momentanen Zweck ist, eine enorme sittliche Superiorität über den bloßen Egoismus des einzelnen [die „Kameradschaft“ im Schützengraben?]: er entwickelt Kräfte im Dienst eines Allgemeinen, und zwar des höchsten Allgemeinen und innerhalb einer Disziplin, welche zugleich die höchste heroische Tugend sich entfalten läßt, er allein gewährt dem Menschen den großartigen Anblick der allgemeinen Unterordnung unter ein Allgemeines.“1Jacob Burckhardt, in: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Kröner Verlag 1978, Seite 160 f

“Und da ferner nur wirkliche Macht einen längeren Frieden und Sicherheit garantieren kann, der Krieg aber die wirkliche konstatiert, so liegt in einem solchen Krieg der künftige Friede.
Die Peliaden kochten je auf Zureden der Medusa ihren eigenen Vater, aber er blieb tot. In solchen Zeiten konstatiert man eine Abnahme der gemeinen Verbrechen: Selbst das Böse wird von dem großen Moment berührt.“2Jacob Burckhardt, ebenda, Seite 172

„Zum Lobe der Krisen läßt sich nun vor allem sagen: die Leidenschaft ist die Mutter großer Dinge, d. h. die wirkliche Leidenschaft, die etwas Neues und nicht nur das Umstürzen des Alten will. Ungeahnte Kräfte werden in den einzelnen und den Massen wach, und auch der Himmel hat einen anderen Ton. Was etwas ist, kann sich geltend machen, weil die Schranken zu Boden gerannt sind oder eben werden.
Die Krisen und selbst ihre Fanatismen sind (freilich je nach dem Lebensalter, in welchem das betreffende Volk steht!) als echte Zeichen des Lebens zu betrachten, die Krisis selbst als eine Aushilfe der Natur, gleich einem Fieber, die Fanatismen als Zeichen, daß man noch Dinge kennt, die man höher als Habe und Leben schätzt. Nur muß man eben nicht bloß fanatisch gegen andere und für sich ein zitternder Egoist sein.
Überhaupt geschehen alle geistigen Entwicklungen sprung- und stoßweise, wie im Individuum, so hier in irgendeiner Gesamtheit. Die Krisis ist als ein neuer Entwicklungsknoten zu betrachten.“3Jacob Burckhardt ebenda, Seite 188


9 Jahre nach der Veröffentlichung der „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ aus dem Nachlass Jacob Burckhardts ist mein Großvater Willi – 2. von rechts – im 1. Weltkrieg in einem Schützengraben abgelichtet. Sein Sohn, mein Vater, wird als Soldat 1943 in den 2. Weltkrieg eingezogen.

 

 

 

  • 1
    Jacob Burckhardt, in: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Kröner Verlag 1978, Seite 160 f ↩︎
  • 2
    Jacob Burckhardt, ebenda, Seite 172 ↩︎
  • 3
    Jacob Burckhardt ebenda, Seite 188 ↩︎

264, Liebe und Kohlendioxid

Hüften wie Hufe klopfen im Märchenbuch – der Verwechslung mit einem anderen Körper wurde stattgegeben: durch Stunden, 4 Beine, eine Bewegung, gegeneinander treibend.
Atem Augenwind – aus der Tiefe der Bläschen mit Kohlendioxid getauft. Liebe.

Das Zucken der Glieder, das Pulsen der Herzen, Schwellen der Adern; Haut wird dünn. Nervenzittern, Herzgeschrei. Barfuß duschen. Vorhänge auf den Lippen, dahinter Abgrund. Ein Nimmmichindeinearme. Bitte quäle mich, mach was du willst. Stoß mich in die Höhe – ich warte.

Nachdem der Sprengstoff seine Funktion abgab, war der Mensch das Gebiet, wo nichts ist. Ein Nichts wie ein Trichter in den etwas Schutt, Fetzen Körperteile nach Bruchteilen zurückfallen, ihren Ausgang oder Beginn einnehmend. Ratifiziert.
Vom Leben scheidend ein löchriger Schrei nach Luft.

 

 

 

263, Verrat als unerfülltes Begehren: Misstrauen III

Der Anspruch auf Verrat gegen eine – begehrte – Person folgt der nichteingelösten Verbindung, dem erhofften, aber nicht eingelösten Bund,1zum Begriff des Bundes (der geschichtlichen Bündnisse) vgl. Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002  kanalisiert das Begehren negativ auf die Person, indem sie aus „Selbstschutz“ weggeschoben wird (und macht sie dadurch als Projektionsfläche kenntlich). Dem Verrat geht der empfundene Verrat voraus, nicht von der umworbenen Person in Freundschaftsbünde gewählt worden zu sein. Wenn Verrat der eingelöste Mangel an Zuneigung bedeutet, weil Zuneigung dem Verratenden nicht entgegengebracht wurde, das unermeßliche Bedürfnis nach personalisierter Aufmerksamkeit nicht eingelöst werden konnte, droht Verrat ständig in Kraft zu treten. Deshalb ist Verrat-Üben auch Selbstverrat, weil das Streiten um den noch einzulösenden Bund aufgegeben wurde und das Warten, Kämpfen, Werben um Zuneigung nicht fortgeführt worden ist. Unter dem Deckmantel der Sachlichkeit, irgendwelcher formal konstruierter Gründe – die Begabung zum Mißtrauen konstruiert formale Zusammenhänge leicht – sucht der Verräter seinen Selbst-Betrug mit konstruierten Annahmen in Rechtfertigungen zu bannen. Er vermochte nicht mit menschlichen Mitteln den anderen für sich einzunehmen. Gänzlich ohne Kunst der Einfühlung und ohne feste Anstellung im persönlichen Revier des anderen tabbt der potenzielle Verräter im unsicheren Feld eigennütziger Annahmen von nicht eingelösten Bedürfnissen.

Konkurrenz und Verrat
Der hier verhandelte Kontext des „Verraten-Werdens“ wird im gesellschaftlichen Umfeld bereits als produktive Struktur vorexerziert: Das Verraten-Werden und Verraten-Können legt das paranoide Wesen des kapitalistisch-egozentrischen Zeitalters offen. Es ist gesellschaftlich opportun, im „unternehmerischen Privatinteresse“ den anderen zu übervorteilen und mündet in der paranoiden Hatz des kapitalistischen Konkurrenzdrucks. Der Verrat agiert symptomatisch das gespaltene Produktions-Wesen (Mensch) im Kapitalismus zur Paranoia am einzelnen Schreibtisch aus. Bevor dem Verrat anheim zu fallen wäre, gilt es schneller zu sein – Verraten-Können wird zur antizipierenden Fähigkeit im Arbeitsmarkt. Die Angst vor Verrat ist dann die Vorwegnahme der befürchteten Auflösung von Zusammenhängen, Bünden, Bündnissen. „Angst vor Verrat läßt nach Verrätern Ausschau halten.“2Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Roter Stern Stromfeld, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002, Seite 21
Misstrauen konstatiert hiermit eine pathologische Schädigung vor dem erlittenen oder befürchteten Verrat. Er ist im Misstrauen als Annahme vorweggenommen. Ein psychologischer Trick ist es, ihn auszuschließen, indem er ins Handeln eingeschlossen wird (Vorwegnahme). Gleichwohl gebiert sich Misstrauen als eingeimpfter Realitätsbeweis der kapitalistischen Wirklichkeit. In ständiger Erwartung verraten oder „hinters Licht“ geführt zu werden, macht den eigenen Platz unsicher. Wahrnehmung missbraucht zur Wachsamkeit.3vgl. David Shapiro, in: Formale Charakteristika des mißtrauischen Wahrnehmens und Denkens in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, Seite 61 ff
Einer gegen alle und alle gegen einen: bis in die feinste soziale Ritze!

siehe auch Frame-Beitrag: 245, Misstrauen als Rückzug

 

 

  • 1
    zum Begriff des Bundes (der geschichtlichen Bündnisse) vgl. Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Stroemfeld Verlag, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002 ↩︎
  • 2
    Klaus Heinrich, in: Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Roter Stern Stromfeld, Frankfurt am Main und Basel, 4. Auflage 2002, Seite 21 ↩︎
  • 3
    vgl. David Shapiro, in: Formale Charakteristika des mißtrauischen Wahrnehmens und Denkens in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, Seite 61 ff ↩︎

262, Sepsis Skepsis

Skepsis als böse Blume einstiger Optimisten. Die Korrekturtätigkeit des eigenen Beobachtens wurde zuungunsten der Beobachtung der Beobachtung (Beobachtung 2. Ordnung) eingestellt und verpflichtet die enttäuschten Optimisten zur skeptischen Verhornung, zur Panzerung vor den unerhört neuen Neuigkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Sie ertrinken in der Wunde, die sie vorher stopften, die sie sich nur erhalten wollten, um darin als „Rechthaber“ zu kosten. Jenes feindosierte Leiden war als Selbstschutz gedacht. Nun frißt die gemästete Wunde der erhofften Möglichkeiten als selbstgerechte Erwartungen das Heute, den Rest des Lebens auf.
Das Misstrauen in alles und jeden vergrößert das skeptische Leiden dieses Ichs, und dieses so gemästete Ich vergrößert auch das Leiden. Sie nehmen sich beide den Platz.
„Das Leiden vergrößerte sein Ich; der Eindruck, daß er gegen eine böse Macht kämpfe, reizte seine Widerstandskraft zu wildem Trotz auf; die Lust, gegen das Schicksal zu kämpfen, erwachte, und aus einem Reisighaufen nahm er gedankenlos einen langen spitzen Ast. Der wurde in seiner Hand ein Spieß und eine Keule. Er brach in den Wald ein, schlug die Zweige nieder, als schlüge er sich mit diesen dunkeln Riesen. Er trat mit seinen Füßen Pilze nieder. Als habe er ebenso viele leere Zwergschädel eingeschlagen. Er schrie, als habe er Wölfe und Füchse aufgejagt, und >>Auf! Auf! Auf!<< rollte der Ruf durch den Fichtenwald.“1Karl Jaspers, in: Strindberg und Van Gogh, Merve Verlag, Seite 48

 

 

  • 1
    Karl Jaspers, in: Strindberg und Van Gogh, Merve Verlag, Seite 48 ↩︎

261, existentielle Indifferenz – Zweifel als Form

Der zu sich selbst forschende Mensch (um als Beobachter seines Beobachtens Übersicht und Kontrolle über das Beobachtete zu gewinnen) wird in der ozeanischen Ereignismasse immer wieder auf sich selbst – seinen Wahrnehmungshaushalt – zurückkommen: seine Zweifel, seine Unsicherheit über zu treffende Unterscheidungen begleiten ihn: Wohin mit all der Vielfalt, den Unterscheidungen, welche treffen? Aufgrund mangelnden Entscheidungs-Mutes in kaum unentscheidbaren Situationen oder im Zustand nicht getroffener Unterscheidungen ist es leichter, sich gegen das Unbekannte auszuschließen: man bleibt vor der Entscheidung stehen, besteht auf den eigenen – so oft geprobten – Erfahrungsfreeze. Um endlich Gewissheit und Ruhe zu finden, kann man sich in unendlichen Differenzen einhausen, um formale Sicherheit zu konstruieren oder um die Entscheidung zur Differenz hinauszuschieben. Aber dies beschneidet denjenigen – den Alles-andere-Ausschließenden – vom Ausgeschlossenen. Das Land, was er baut, erreicht er nicht. „Der Arbeiter als Spezialfigur ist im Ozean der universell gewordenen Arbeit ertrunken.“1Günther Anders, in: Der Blick vom Mond, Beck’sche Reihe, Seite 33  Er ist ein Sisyphos gegen die eigene Existenz geworden: immer wieder vor der nichtgetroffenen Entscheidung sich stellend und dann wieder die Probleme wälzend, kann sich der sisyphosale Mensch in das autoprotolytische Bad seiner Selbstfällung werfen. Alles in seinen Teich kommende Fremde kann nur durch ihn selbst ausgefällt – geschieden – werden: Er scheidet sich mit selbst konstruierten Differenzierungen aus dem Meer der Indifferenzen aus. „Unser Ideal besteht darin, fähig zu sein, insgesamt durchzublicken, alle die uns betreffenden Gründe festzustellen, über nichts, was für uns relevant ist, im Dunkeln zu bleiben, vollständig und perfekt informierte Hüter unserer eigenen Interessen zu sein. So sähe es aus, wenn wir fähig wären, unsere Handlungsweise immer so zu wählen, wie die Vernunft sie diktiert.“2Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 39 

Indifferenz als künstlerischer Werkzeugkasten – Zweifel als Form:
Das verzweifelte Ringen um die passende Form – man kann sagen: Formenruhe – beginnt mit der Unmöglichkeit, eine richtige Wahl aus dem Meer der möglichen Differenzierungen treffen zu können. Die „Wahl-zu-haben“ – welche begründbare Differenz zu anderen? – wird zur Qual.3vgl. Peter Gross, in: „Ich-Jagt“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1999, Seite 204 f  Überlastung im Formen-Meer: Der künstlerische Charakter als stilistisch orientierter Entscheidungs-Profi hat darin sein Betätigungsfeld. Die freie Bestimmung von formalen Differenzen aus dem selbstgeschaffenen Gefängnis formaler Möglichkeiten zeichnet künstlerische Arbeit aus.
Die nie zu Ende kommende Wahl formaler Differenzierung wird im Kunstwerk auf Zeichen, Symbole (Stilistiken) übertragen, auf Formen reduziert. Die Wahrnehmungs-Realität der Beobachter kann auf die vorgeleisteten formalen Entscheidungen im Kunstwerk eingehen oder nicht: All der Zorn auf das „Unverstandene“, auf die nicht einzuordnende Form-Differenz kann, nun auf das Detail, auf den Staub, aufs Parkverbot wüten.

 

 

  • 1
    Günther Anders, in: Der Blick vom Mond, Beck’sche Reihe, Seite 33 ↩︎
  • 2
    Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreiheit, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 39 ↩︎
  • 3
    vgl. Peter Gross, in: „Ich-Jagt“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1999, Seite 204 f ↩︎

260, Ich als Verrat

Ich bin durch

Keinen Verrat wie Nähe begehren, den Liebesanspruch sprengen – auf eigene Gefahr -, weil niemand dich verlassen kann: Nur du selbst kannst es. Liebende sind nicht böse, aber tödlich. Der ganze Mensch wird eingefordert. Lichterloh wird das Hirn gelöscht. Feuerbestattung im Kerzenschein. Du mußt dich herausgeben! Solang ein Krümel Liebe von dir übrig ist, kannst du was geben. Danke. Lieber nicht!

Die Sehnsüchte sind der Kampfplatz, die Erfahrungen das Verteidigungsareal. Also wehren! Beisammenhalten, was anfänglich war. Der Zerstörung beiwohnen, das bürgerliche Glück aufbrauchen. In Liebe. Zielen und Treffen hält mit sich Schritt. Was waren wir bereit, zu verlangen, statt zu geben? Dort am Boden liege ich, meine Wäsche rot, grau der Beton. Im Korn der Mitwisserschaft versenkt die Kimme den Puls. Mit lichtigen Resten glitzern Werbeplakate. Ach, deine Hand blutete mich aus.

 

 

259, Modelle beschreiben – Phänomene verstehen

In den ersten Momenten der Beobachtung eines Phänomens, in der Begegnung mit einem Gegenstand konstruieren wir zuerst grobe, eingeschränkte (aufgrund unserer mangelnder Kenntnis) – wie den Gegenstand einschränkende Modelle. Wir montieren aus diesem „Erste-Hilfe-Set“ gewöhnter Erfahrung erste Annahmen und erstellen daraus reduktionistische Wegweiser auf bekannten Pfaden, um – in der Metapher bleibend – das neue Territorium zu beschreiten, das heißt, beschreiben zu können. Wir simulieren Phänomene mit induktiven Annahmen. Wir greifen mit Modellen vor, in dem wir auf eine erwartbare Welt zurückzugreifen: Wir generieren Möglichkeiten (aus der Vergangenheit), damit wir uns auf sie (Morgen) einstellen können. Die vorerst vom Phänomen abstrahierenden Annahmen speisen sich aus löchrigem Wissen, unpassenden Erfahrungen oder anders: groben neuronalen Netzen und aus „früher erworbenen semantischen Wissen.“1Vgl. Herbert A. Simen, in: Die Wissenschaften vom Künstlichen, hrsg. von Rolf Herken, Band III, Verlag Kammerer & Unverzagt Berlin, 1990, Seite 85 Die Redundanz der Erfahrung wird zu Mustern in Modellen zusammengefasst. Ein Modell als Regel verstanden, in dem Regeln konstruiert sind, um „Regelmäßigkeiten“ in den geregelten Ereignismengen zu konstruieren.2vgl. O. Wiener, in: Kambrium der Künstlichen Intelligenz, Nachwort, Seite 183, in Herbert A. Simon, in: Die Wissenschaft vom Künstlichen, Springer Verlag Wien, New York, 2. Auflage, 1994
Das kognitive Hantieren, der Kommunikationsprozess im kognitiven System des Neuronalen Netzwerkes entsteht aus einem steten Interagieren mit der Umwelt: Im Beschreiben verleiben wir uns mit ihr. Im Beschreiben der Umwelt, schreibt das Beschriebene sich in den Beschreibenden ein: Das Beschreiben selbst schreibt sich als Modellierung in den Beschreibenden phänomenal ein. Wie aber ist das Beschreiben aus der Beobachterperspektive zu verstehen? Hier werden Modelle (als begriffliche Vorannahmen gefasst) konstruiert, um der Beschreibung von Gegenständen (Formen) Herr zu werden. Die Beschreibung eines Gegenstandes als Verhalten wie Verhältnis zu diesem Gegenstand erfordert modellhafte Strukturen in Beschreibungsvorgängen selbst. Wir sprechen in syntaktischen Ordnungen und transformieren den wahrgenommenen Gegenstand in kommunikable Ereignisse, um Austausch mit anderen Beobachtern und uns selbst zu ermöglichen. Schon die sprachlichen Modelle (syntaktisch, semantisch und pragmatischer Art) sind konstitutiv für den Beobachter wie für das Beobachtete (den Gegenstand der Beobachtung). Die Beziehung zwischen einem Modell der Beschreibung und der Modellierung des Beschriebenen ist funktional konstitutiv für den Beschreibungsvorgang und den (zu beschreibenden) Gegenstand – sie bedingen sich. Da ein Modell hilft, den Gegenstand modellhaft einzuordnen, kann dieser Gegenstand nur in dem geschaffenen Modell-Raum erfasst werden: der Gegenstand wird mit zuhandenen Annahmen modelliert und insofern ans Modell angepasst. Man könnte sagen: Die Beschreibung folgt dem Modell (einer den Gegenstand reduzierenden Annahme) und das Modell verfolgt – adaptiert – den Gegenstand, bis das Modell über den Gegenstand und der Gegenstand der Beschreibung annähernd übereinstimmen. Der Gegenstand entsteht also vorerst aus dem (jeweiligen) Modell seiner Beschreibung. Der Beschreibungsvorgang ist das experimentelle Medium zwischen Handlungsanweisung (Funktion des Modells) und Gegenstands-Beschreibung. „Wir können das, was wir über unsere Modelle von der Welt lernen, als Konstituierung unserer Modelle von unseren Modellen der Welt  betrachten.“3Marvin L. Minsky, in: Mentopolis, Klett-Cotta, Stuttgart, 1990, Seite 304 Die Möglichkeiten, die durch ein (konstruiertes) Modell zur Beschreibung eines Gegenstandes entstehen, zwängen den Gegenstand zugleich in sein Modell über ihn ein. Der Gegenstand wird auf das Reservoir der Modellannahmen gestutzt. Insofern ist die Anwendung eines Modells zur Beschreibung vorerst eine Infragestellung, Ver-Urteilung des zu beschreibenden Gegenstandes. Etwas Neues am Gegenstand zu entdecken, erfordert die vielfältige Kombination der durch das Modell in Betracht gezogenen bzw. produzierten Erfahrungen. In einer Art skeptischen Bewegung um das bis dato unbekannte Phänomen wird durch dessen modellhafte Zurichtung erprobtes Sprachmaterial als semantischer Handlungsspielraum erkämpft.
Es ist eine tägliche Übung, das unbekannte Phänomen in Regulative (von determinierenden Modellen) zu pressen, damit die Gedanken dem assoziativen Überschuss der Sinne nicht erliegen, sondern (sprachlich) Halt finden.
Ein noch unbekanntes X ist vorerst nicht ohne Modell beschreibbar. Für eine stringente Modellierung der vorgefundenen Welt braucht es musterhafte Modelle, die die Welt unbekannter Phänomene als beschreibbar voraussetzt. Die Modelle über den einzeln zu erfassenden Gegenstand oder sein/ unser Verhalten prädeterminieren ihn: sie sind dem Gegenstand vorauslaufend und definieren für ihn Voraussagen. (In der Annahme, du seist so, wie ich es annehme, verhalte ich mich nach der mir selbst auferlegten Annahme dir gegenüber. Das Ergebnis wird sein, dass du auf mein dir unterstelltes So-Sein re-agieren wirst, was mehr oder weniger meine Annahme verstärkt.) So konstruieren wir stückweit die Gegenstände unserer Welt.
Es ist die Entwicklung vom Verstehenwollen eines Phänomens zu dessen Simulation als seine wirkliche Entwirklichung: Wir nennen es Konstruktion. Die aus Erfahrungen gewonnenen Wahrscheinlichkeiten eines Verhaltens von ‚X‘ verändern seine Geschichte. Aus Simulationen werden funktionelle Vorschriften bzw. Beschriftungen generiert.
Aus Beschreibungen werden Beschriftungen.
Die Modelle über X ziehen die Simulation eines angenommenen X nach sich. Noch hinken die Voraussagen, Gewißheitsversprechen – die ans Phänomen X gezeichneten Merkmale – seiner Lebensbewegung, Beobachtung hinterher, doch werden sie mehr und mehr Bestimmung für sein modelliertes Dasein. Das, wie über X gehandelt – beschrieben – wird, ist noch nicht seine Realität, jedoch schon unsere. Die Behandlung des Phänomens X durch seine Beschreibung steht als Imperativ gegen die Unsicherheit der ersten Begegnung geschrieben. Beschreibungsvorgänge sind sprachliche Interaktionsbereiche – sämtliche X bleiben von dieser Interaktion nicht unberührt. In der Interaktion des Beschreibens verändern – konstruieren – wir unsere Wirklichkeit. Unsere modellhaften Annahmen filtrieren aus der Vergangenheit die zukünftigen Szenarien von Beschreibungs- und Verständnisvorgängen. Sie lösen die von uns beschriebene Welt in unsere Wirklichkeit auf. Welche Zuschreibungen – Modellannahmen – wir wählen, welche Wirklichkeit wir konstruieren, liegt in unserer Hand. Wir können also nicht die Verantwortung an Modelle abgeben und uns hinter einer „Objektivität“ verstecken.
Je totalitärer Modellparameter auf Objekte zugreifen, desto reduktionistischer („einfacher“) können ihre verhandelten Objekte behandelt, d. h. aus ihren Zusammenhängen ausgeschlossen werden

Ob wir Robben töten – für ihr Fell, Fleisch fressen oder mit unseren Fliegern zig Tonnen CO2 verschütten, um einen Sonnenuntergang zu sehen, oder freundlich sind: Unsere Entscheidung.

 

 

  • 1
    Vgl. Herbert A. Simen, in: Die Wissenschaften vom Künstlichen, hrsg. von Rolf Herken, Band III, Verlag Kammerer & Unverzagt Berlin, 1990, Seite 85 ↩︎
  • 2
    vgl. O. Wiener, in: Kambrium der Künstlichen Intelligenz, Nachwort, Seite 183, in Herbert A. Simon, in: Die Wissenschaft vom Künstlichen, Springer Verlag Wien, New York, 2. Auflage, 1994 ↩︎
  • 3
    Marvin L. Minsky, in: Mentopolis, Klett-Cotta, Stuttgart, 1990, Seite 304 ↩︎

258 a, Jekyll und Hyde Konstrukt

Wenn die temporäre Überbrückung des Begehrens intellektuell nicht zu leisten ist (Sublimierung), kein kognitiver Ersatz erzeugt werden kann, wenn das Begehren droht, den Körper durch seine eigene Lust zu verhaften, wird die Arbeit an der Überwindung des Begehrens um so grausamer. Im Begehren selbst verbindet sich die körperliche Erfüllung mit körperlicher Auflösung. „Auslöschung, danke.“1McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 63
Im Zustandekommen der angestrebten Erfüllung ist der Begehrensvorgang – wenn auch kurzzeitig – abgeschlossen.2Sigmund Freud ging vom unendlichen Befriedigungserlebnis aus: „Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildung und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten >ungebändigt immer vorwärts dringt< (Mephisto im >>Faust<<, I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Verdrängun-gen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichten zu können.“ In: Jenseits des Lustprinzips, Verlag Volk und Welt Berlin 1989 Von hier an scheint es möglich, zur Überwindung des Begehrten überzugehen. Sofern die Ersatzbefriedigungen nicht mehr ausreichen, werden die körperlichen Sprünge als Kompromissbildungen pathologisch fassbar und wachsen zu Symptomen aus. Auffällig ist die veränderte (umgekehrte) Bewertung der Zeitfolge bei denjenigen Sexualstraftätern, die das Trieb- oder Begehrensobjekt vernichten nach dessen Missbrauch, um das eigene Begehren ungeschehen zu machen (mit der nachträglichen Negierung des Objekts des Begehrens)? Sofern bei bestimmten Psychosen die Vergangenheit verdrängt wird, um die Gegenwart auszuhalten, sauber zu halten vom Staub des Gestern oder mit ihm erträglich zu gestalten, soll im pathologischen Zustand die Gegenwart verändert, vernichtet werden, um die Vergangenheit zu fixieren, so zu belassen, wie sie war. Was bei denen die verrückte Gegenwart, ist bei anderen irre Vergangenheit. Die Verwandlung von Mister Jekyll zu Mister Hyde (oder umgekehrt) ist so eigentlich eine (Zurück-)Verwandlung: Vom Mörder zum Arzt. In dem Sinne ist jeder seiner Auftritte als Arzt ein Heilen eigener Taten; wieder zusammenflickend, was er vorher aufgerissen. Er kämpft mit jedem seiner Opfer um das Ende seines Begehrens, schiebt seine Todesangst in den anderen Körper hinein, um sie mit Chirurgenbesteck wieder zu zunähen. Das Begehren zeigt sich in seiner auflösendensten Form: als Tötungsrausch, um – dann als Dr. Jekyll – wieder heilen zu können.
Ein Begehren, dessen Scheitern nicht aus dem Körper ausgetrieben, selbst nicht ausgehalten werden konnte, ist imstande, sich sein Bedürfnis mit Gewalt zu befriedigen: Mit der Verachtung des Lustobjekts wird die Gegenwart der Lust verhöhnt und befreit von Gelüsten – mit den verachtetenden Übergriffen am Begehrten selbst: Endlich Ruhe und keine Aufregung.
Begehren korrespondiert mit Furcht – das Begehren nimmt die schüchterne Seite des furchtsamen Subjekts ein (heimlich, subversiv, erst nur vorstellend treibt das begehrende Ich das Selbstbewusstsein des Körpers auf die Straße, den Strich). Das Wissen-Wollen, die Neugier an allem Lust-Einflößenden versucht die Überwindung des Furcht-Erregenden. Hinter der Furcht steht ein Begehren, welches die Furcht (-Erregung) braucht, an ihr sich entwickelt, um den final act der Lust zu suchen: Ihr endlich gegenüberzustehen. Die erlangte Erfahrung über die lustvollen Weltphänomene dient der Aufbewahrung des noch nicht erledigten Körpers der eigenen Lust. Endlich Macht und Gewissheit über den eigenen Körper zu erlangen – gegen die anderen (begehrten) Körper.

 

 

 

  • 1
    McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 63 ↩︎
  • 2
    Sigmund Freud ging vom unendlichen Befriedigungserlebnis aus: „Der verdrängte Trieb gibt es nie auf, nach seiner vollen Befriedigung zu streben, die in der Wiederholung eines primären Befriedigungserlebnisses bestünde; alle Ersatz-, Reaktionsbildung und Sublimierungen sind ungenügend, um seine anhaltende Spannung aufzuheben, und aus der Differenz zwischen der gefundenen und der geforderten Befriedigungslust ergibt sich das treibende Moment, welches bei keiner der hergestellten Situationen zu verharren gestattet, sondern nach des Dichters Worten >ungebändigt immer vorwärts dringt< (Mephisto im >>Faust<<, I, Studierzimmer). Der Weg nach rückwärts, zur vollen Befriedigung, ist in der Regel durch die Widerstände, welche die Verdrängun-gen aufrechthalten, verlegt, und somit bleibt nichts anderes übrig, als in der anderen, noch freien Entwicklungsrichtung fortzuschreiten, allerdings ohne Aussicht, den Prozeß abschließen und das Ziel erreichten zu können.“ In: Jenseits des Lustprinzips, Verlag Volk und Welt Berlin 1989 ↩︎

258, sexuelle Lust – als evolutionäre Rückkopplungsschleife

Die sexuelle Lust als eine zur Wiederholung antreibende, intrinsisch-evolutionäre Kraft, eine evolutionäre (am) Objekt behaftete Wahrnehmungsfigur, eine durch die Evolution hervorgebrachtes Begehrensobjekt. Die empfangene Erektion verbindet die Körper zu einer Zukunft und mit ihren Ahnen. Das, was die Erektion empfängt, ist nicht abgeteilt vom Organ der Pollution: Es sind zwei Körper – selbst der eigene Körper ist im Akt mit einem anderen mit sich zu zweit – jenseits dem Empfangen-Wollen des anderen Körpers. Das sexuelle Begehren als kopulierende Gewissheit, nicht vollkommen zu sein. Nicht nur das Pendel zwischen Tod und Leben, Kopplung und Entkopplung, Trennung und Vereinigung (raus, rein) bedeutend, sondern auch dessen stete Bestätigung, Betätigung: Wiederholung der körperlichen Lebenslust mit einem anderen Körper. Im fortpflanzlichen Begehren wird das Leben zur Wiederholung von sich selbst angetrieben und zugleich von sich – seinem bisherigen Zustand – fortgerissen: Durch die eigene sexuelle Ausschweifung/ Entkörperlichung.

Das Bild von Amors Pfeil, der die Liebenden mit Treffern markiert, macht auf das schmerzliche Herausgerissen-Werden aus dem solitären Lebensstadium aufmerksam. Das fortpflanzliche Vermischen ist mehr ein Zuschütten als Zusammenschütten. Im Geschlechtstrieb löst sich der Lebenstrieb auf: le petite mort. Das Erotische zwischen den Körpern erscheint in der sich zerfasernden (ausdifferenzierenden?) bürgerlichen Gesellschaft als Selbstzweck zwischen Körpern sich aufzulösen und sich des Anderen als (käufliches) Lustspiel zu bemächtigen. Fortpflanzung als Konsequenz gilt als ein entfremdetes Ergebnis, eher einem Unfall nahe als dem lustfickenden Menschen. So sehr der Natur entfernt, entfremdet, bedeuten die natürlichen Resultate des menschlichen Coitus schon eine Entmenschlichung des Tierkörpers. Der omnipotente Kern des Eros beim erwartungsfrohen und langweiligen bürgerlichen Subjekt schrumpft zum bloßen Begehren, zum nur käuflichen Akt des sexuellen Lebens. Das bürgerlich erotische Dasein verschwindet zwar noch im Geschlecht, aber es selbst wird nicht mehr realisiert; in seiner pornografischen Auferstehung wird es abermals unterdrückt, potent nur für seine Unterhaltung, medial aufbereitet.

Die Wollust ist als Spiel zu begreifen, das im Hinundhergerissen-Sein von Selbstüberwindung (das Liebesgeständnis) und Bemächtigung des totalitär Anderen (des geliebten Fremden, des anderen Menschen, des drohenden Todes) aufgehoben wird. Der Orgasmus ist ein Sinnbild der Vereinigung von Entleeren und Leere.
Der Geschlechtstrieb fungiert als Aufseher seiner ständigen Verrichtung und Erschlaffung. Fest verzurrt mit der Entropie seiner organischen Bedingtheit explodiert er fürs Leben und muss Haushalten darin.

Eros interupt
Die Liebe kann als Abbruch der bisherigen Lebenskontinuität betrachtet werden, denn das begehrende Individuum kommt nicht über sein begehrtes Ziel hinaus. Eine Entäußerung – jegliche Wahrnehmung wird rosarot auf das Begehren konzentriert und projiziert – und Enteignung des menschlichen Anteils im glühenden Körper offenen Auges. Heraus- und fortgerissen aus den Schleifen der Selbstbeobachtung fordert der immense Energieverbrauch baldige Beendigung, einen final act. Das Durchhalten kann plausibel in einer Filmlänge gezeigt werden. Der in der erotischen Parallelaktion abgedichtete Geist, seine Auslieferung auf das Geilsein, implodiert mit seinem Körper, schrumpft auf die dem Begehren folgende Leere des Egos: Es schrumpft zum anderen hin. Ein Ausbruch der Natur zitiert die menschlichen Sinne in ihren animalischen Wurzeln: alles ist irgendwie intensiver, sinnenschärfer: Wahrnehmung feiert ihre natürliche Evolution. Das könnte ungefähr das pubertäre Trauma sein, in dem der bisherige kognitive Zustand schwer eine Einstellung findet zu seinen ungewohnt-neuen körperlichen Regungen. In dieser Phase wird der Geist (das neuronale System) – das objektbemächtigende Organ – vom überschüssigen Körper getrennt und enteignet. Der Körper markiert der Vernunft ihren Ausgang: ein Annex, Rattenschwanz. Temporär entstellt, hat der projizierende Intellekt ein Bild gefunden. Von nun an bestimmt vorwiegend der Geschlechtstrieb die Wahrnehmung von und die Einstellung zur Umwelt; im Rhythmus von erotischer Verausgabung und intellektueller (kognitiver) Erholung. Wo gedacht wird, kann nicht geliebt werden. Vice versa. Das Begehren versucht eher die Unterbrechung des Lebens, die Fortsetzung des unterbrochenen Liebes-Lebens statt die Folgen als Fortpflanzung zu begreifen. Im Begehren (das Verliebtsein ist dessen poetische Folie) findet der Sehnsuchtsschrei nach Veränderung, nach liebestollem Abfluss des energetischen Schleims seinen Ort. In dieser Ziellinie des je eigenen Lebens eröffnet sich nicht nur ein Fluchtpunkt vor der Welt da draußen, es scheint sogar, dass diese Welt veränderbar ist, denn sie erhält andere Lichter. Aus dem gestauten Gefühl der Objektbemächtigung, das nicht sein Begehren erreicht, entwickelt sich Sehnsucht nach ihm.
Der Mensch als das Wesen, was sich selbst vermag, in der Enge von Möglichsein und Vermögen (Potentia und Potenz), im Sturm von Frage/ Begehren und Antwort/ Ablehnung. Ich vermag heißt, die bloße Möglichkeit zu bezwingen: ich vermag, das Gemochte zu verschlingen.
Man lernt, die eigene Lust zu regulieren. Das Ich bindet sich in seiner eigenen Nähe – vorerst narzisstisch.
Aus evolutionärer Fortpflanzung entwickelt sich ein Selbstzweck der menschlichen Begehrens-Geschichte: Das Begehren des Begehrens. Das (lustvolle) Wandeln im Anderen, am Umschlagplatz der Geschlechter. Transit mit Drama und kunstvoll erledigt.
Der Eros als menschlich gefühlte Zwangsmaßnahme der Natur verschwindet, erlischt im Erfüllungsort der Liebenden: im Sex. Insofern setzt sich das Leben für sein Verschwinden ein – als ein Aufenthalt an der Ermattung entlang: für den anderen. Die Erfüllung erreicht temporär die andere Seite der Bewegung: Erschöpfung. Dem glücklichen Höhepunkt entspringt sein Unglück: Dem Lachs nach seinem Laich erreicht der Tod. Auf der Spitze der erfüllten Ermattung geht der Projektion des Begehrens das Licht aus: Da ist niemand, da ist nur Körper. Die Begehrens-Projektion kehrt in ihre Materie – in den Körper zurück. Momentlang versiegt das Leben und wandelt im Todesreich: Eurydike. Kurz vor dem Identisch-Werden (der Tod und das Leben vereinen sich zur Liebesstarre, zur Entleerung oder wie man es sonst ausdrücken möchte) – vor der Identität des Begriffs, wenn das Begehren im Begriff steht, sich zu erfüllen, zu sich selbst zu kommen – verliert das Begehren sein gezieltes Identisch-Werden, gelangt nicht zur Identität mit seiner liebenden Bewegung. Die Erfüllung des Triebanspruchs geht mit der Drohung der völligen Verausgabung (menschlich-körperlichen Entleerung) einher. Im Lichte der industriellen Produktion sind die Erfüllungsorte des Begehrens Ausdruck des umworbenen, aber zur Verstümmelung erzogenen Begehrens geworden: Treibgut der Distribution: Waren! Doch gleich hier oben, in orgastischen Höhen gilt als versäumt, was gerade getan war. Da hilft nur Neu-Bewerbung oder Neukauf! Lieferung sofort!
Begehren als Neugier auf Lust verschaffende Objekte: begehrte Objekte sind libidinöse Attribute des nach Verbindungen suchenden Geistes.
Das Gehirn übt vor allen anderen Organen seinen Erhalt (seine Funktion) mit der Negativität seiner selbst: Es vergisst und kreiert. Kreiert, um zu vergessen. Vergisst, um zu kreieren. Es kann nicht aufhören, sich etwas auszudenken – daher sind Vorstellungen so lohnend. Um Ausgleich dessen bemüht, was durch die körperlichen Eruptionen ihm fehlt (an objektivierender, kontrollierender Kontinuität verloren geht), verbraucht es sich selbst, verschlingt es seine nervliche Substanz, um zwischen seinen Zellen, Teilen, Löchern wieder neue Verbindungen zu ermöglichen, die das Lustprinzip umgehen: Sublimierung – die Konzentration auf das ästhetisch Schöne – ist hier nervliche Nebenbeschäftigung, ein Training nah an der Natur, um erstmal weiter zu leben.
Die Begierde als Überbrückung von Denkstarre, Isolation gedacht: der Körper heizt dem Geiste ein, treibt ihn an: Mit dem Gleitmittel der Evolution, um aus der Notwendigkeit des Tieres heraus in den Akt mit dem Anderen, dem Begehrten zu gelangen. Das Individuum als kampfdurchtobte Vielheit, als zu grabender Tunnel durch seine Möglichkeiten, „in der die verschiedenen Tendenzen die Oberhand gewinnen, so dass die jeweilige Handlung nur den Kompromiss darstellt.“1Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin, 1977, Seite 691 Eine Art Burgfrieden mit dem lechzenden Körper.
Das, was sich selbst vermag, degeneriert zu dem, was es sich selbst angetan. Die gescheiterten Versuche, die Ablehnungen, Verletzungen bestimmen die Begehrensstruktur.
„Das Triebhafte ist das, was noch nicht aufgehoben ist.“2Lyotard, in: Intensitäten, Merve Verlag, Seite 99

Ich versuche nur Klarheit für mich zu erlangen.

 

 

  • 1
    Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin, 1977, Seite 691 ↩︎
  • 2
    Lyotard, in: Intensitäten, Merve Verlag, Seite 99 ↩︎

257, Aufklärung – voll Licht

Aufklärung, enlightment, dort wo Licht ist, Donnerblitze als Teilung der Welt in Buchstaben voller Licht. Gegen die ungeklärten Ungetüme der Welt springen wir im Licht hinaus zu den Gegenständen1Vgl. Friedrich Schiller. Über die ästhetische Erziehung des Menschen. 26. Brief, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. Günter Helmes und Werner Köster. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002. Seite 84 oder in Theorienetze, um vor dem unbekannt Erhellten zu flüchten oder es zu bannen. Intelligenz als Angstvermögen. Reflexion – ein Modus der Angstabwehr: Die Konstruktion eines Verstehens als Bewältigung der Ängste.
Intelligenz als ein Attribut des Angstvermögens? Angst-Haben und Zweifeln-Können als ein Möglichkeitssinn des durch die neuronale Netzwerkstruktur eröffneten Vorstellungsraumes. Zeigt nicht das Zweifeln noch Spuren der Angst in der Ungewissheit, des Schwankens vor dem gedachten-phantasierten Vorgestellten auf? Wissenschaft wäre apriori nicht nur der intelligiblen Möglichkeiten des Menschen zuzuschreiben, sondern sie entspränge seiner Fluchtbewegung vor den von ihm erkannten Möglichkeiten: Angstbewältigung vor den unbestimmbaren, ungewohnten Phänomenen. Erklärungsmodelle ermöglichen die Netze gegen die Welt enger zu stricken. „Wenn etwas nicht konkret ist, konkretisiert man es auf eine Weise, die von Ferne ziemlich merkwürdig aussieht: man erfindet eine dieser Skalen. Indem man dies tut, kann man eine komplette, verfluchte, amorphe Sache nehmen und auf eine Zahl reduzieren, schon ist sie real und konkret. Im logischen Sinne ist das eine unmögliche Aufgabe. Aber man macht es, und schon ist sie real … wenn die Sache also global, allgemein, amorph und vage ist – gibt man ihr eine Zahl.“2 Zitat von John H. Weakland: Conversation – but what kind? In: Steve De Shazer. „…Worte waren ursprünglich Zauber“. Verlag modernes lernen: Dortmund 2. Auflage 1998. Seite 114 Eine Flucht hin zu theoretischen Instanzen – weg vom Widersprechenden (mit dem Widerspruch arbeitend), raus aus den Höhlen (mit Höhlengleichnissen aus den Höhlen aufsteigend)..  Angestellte Theorien als ein abgesicherter Modus der Beruhigung mittels technisch-formaler Kompetenzen der Wissenschaft, um aus den Verrückungen, Verrücktheiten herauszukommen. Denken als Gesundwerdenwollen: die Suche nach Invarianz (Homöostase) im Gestrüpp vielfältiger Variablen. Weil gedacht werden kann, weil jegliches Unhinterfragte nunmehr Zweifel, Angst, Schrecken, Öffnung und wieder Nachdenken herstellt, braucht das vernunftbegabte Tier Erklärungen – Aufklärung: Dünn gedrucktes Licht aus Buchstaben. Den Wissenschaften ist gemein, dass sie nach Gewissheit ringen und Gewissheitsversprechen gaben. Die zerrissene Realität, die unterbrochene Konsistenz, die unmenschlichen Leerstellen, der verlorene Bedeutungszusammenhang muten insofern paradox an, als wurden sie nur deshalb präsent, weil nach deren Bedeutung gefragt werden konnte. Diese erarbeiteten – erfürchteten – Diskontinuitäten wurden mit dem Anspruch auf ein Gewissheitsversprechen überbrückt. “In einer Welt unmittelbarer Sinnesdaten, in der keine Körper postuliert (posit) und keine Fragen aufgeworfen würden, hätte die Unterscheidung von Wirklichkeit und Täuschung keinen Platz. Das Postulieren von Körpern ist bereits rudimentäre Physik; und erst nach dieser Phase können die lästigen Unterscheidungen des Skeptikers Sinn ergeben. Man muß zuerst Körper postulieren, um ein – wenn auch dürftiges – Motiv dafür zu haben, eine unverbindliche Welt des unmittelbar Gegebenen hinzunehmen.“3W.V. Quine. Die Natur natürlicher Erkenntnis. In: Analytische Philosophie der Erkenntnis. Hrsg. von Peter Bieri, Verlag Beltz Athenäum: Weinheim. 4. Auflage 1997. Neue Wissenschaftliche Bibliothek. Seite 422.

 

 

 

 

  • 1
    Vgl. Friedrich Schiller. Über die ästhetische Erziehung des Menschen. 26. Brief, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. Günter Helmes und Werner Köster. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002. Seite 84 ↩︎
  • 2
    Zitat von John H. Weakland: Conversation – but what kind? In: Steve De Shazer. „…Worte waren ursprünglich Zauber“. Verlag modernes lernen: Dortmund 2. Auflage 1998. Seite 114 ↩︎
  • 3
    W.V. Quine. Die Natur natürlicher Erkenntnis. In: Analytische Philosophie der Erkenntnis. Hrsg. von Peter Bieri, Verlag Beltz Athenäum: Weinheim. 4. Auflage 1997. Neue Wissenschaftliche Bibliothek. Seite 422 ↩︎

256, Hirngespinste und Sehnsüchte als sozial-medialer Orkus

Im Orkus: Social-Media
Technisch-kommunikative Möglichkeiten der Körperausweitung als körperlich-menschliche Katastrophe: Die Ausweitung kommunikativer bzw. kommunizierter Körper- und Wahrnehmungszonen durch die weltweit mögliche Präsenz ihres Kommunizierens entzieht dem Körper die Kontrolle über seinen Kommunikationsraum.
Der Konsum technischer Kommunikationsmedien entkörpert die praktischen Lebenssinne seiner Konsumenten (– oft ungewusst über die Folgen, beginnen die Kleinkinder damit). Wahrnehmung wird auf Kommunikation von Wahrnehmungen reduziert: Wahrnehmung von Lebensbezügen reduziert auf den FB-Insta-Tiktok-Kanal – der Selbstentmündigung zum Preis. Leichtfertig lassen sich Nutzerinnen zu Produkten ihrer Sehnsüchte verführen. Auf dem Weg zur Inthronisierung des eigenen Ichs im Universum der durch Wahrgenommen-Sein definierten bürgerlichen Individualität, übergibt dieses Ich alles von sich der medial-digitalen Offerte des Wahrgenommen-Werdens. Eine Abhängigkeit gegenüber dem technifizierten Erfahrungsersatz von Individualität entsteht: das Ich geht online, fickt Algorithmen (statt seinesgleichen) oder wird von ihnen gefickt. Die körperlichen Kommunikations-Prothesen übernehmen das Kommando. Vollzug von körperlicher Erfahrungskälte macht sich breit: der Rollator sozialer Medien entkoppelt den Nutzer von leiblicher Fortbewegung. Technisch-kommunikative Prothesen exterritorialisieren den menschlichen Handlungsspielraum – dem Life-Sprechen-Hören via Screen fehlt die leibliche Präsenz des Gesprächspartners: die leibliche Interaktion findet nicht statt. Der menschliche Bewegungsapparat sitzt auf der Couch und zieht sich Erfahrung ohne eigene Erfahrungs-Bewegung rein: Inhalt ohne Erfahrung: Flachbildschirmgeschichten. In diesem sich entwickelnden leiblich-sozialen Hohlraum nehmen (erfahrungslose) Ängste Platz: Das, was über eine Person gesagt wird – statt mit ihr – übernimmt die Kontrolle über ihre (vermeintlichen) sozialen Interaktionen. Das Ich wird in seinen selbst (?) gewählten sozial-medialen Prothesen exterritorialisiert, aus seinem sinnlich anfassbaren Leben herausgeworfen. Reals als verpasste Chance, mit anderen zu sein, aber: Selbstgewissheit simulierend. Guy Debord:„Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen […] Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat […] In allen seinen besonderen Formen – Information und Propaganda, Werbung oder unmittelbarer Konsum von Zerstreuungen – ist das Spektakel das gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden Lebens […] Form und Inhalt des Spektakels sind identisch die vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des bestehenden Systems. Das Spektakel ist auch die ständige Präsenz dieser Rechtfertigung, als Besetzung des wesentlichen Quantums der außerhalb der modernen Produktion gelebten Zeit […] Das Spektakel will es zu nichts anderes bringen als zu sich selbst.“1Guy Debord, Gesellschaft als Inszenierung, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. von Günter Helmes und Werner Köster, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, Seite 239 – Das mediale Spektakel auf „social media“ ist die konsumierte Fratze einer Als-ob-Individualität im Spiegel produzierter Sehnsüchte. Medusa Facebook Insta Tiktok.

Eine andere Seite:
Der Prozess der technischen Entnabelung vom eigenen Leib schlägt in die Konstruktion der Bedrohung, in Angst vor Entleiblichung um. Theoretisch angenommene oder konsumierte Bedrängungen des Körpers wuchern zu sinnlicher Dichte: Die Wahrnehmung der kommunikativen Surrogate verstrickt sich in die eigenen Nerven. Die erklickte virtuelle Vorstellung der vom Ich konsumierten Außenwelt, setzt dessen Spaltung von ihr in Gang: Die netzweiten Verbindungen mit der Welt am Monitor entwurzelt den betroffenen Menschen vom tatsächlichen sozialen Verkehr. Hier entwickelt sich die Abwehr (Ausschließung) von allem, was dieses Ich (technisch) kommunikativ bedrängt, zu manifesten psychischen Konstruktionen: die sogenannten sozialen Blasen. Diese Konstruktionen des angenommenen Bedrohtseins (Angstzustände) durch zu bedienende virtuellen Kommunikations-Apparate engt das betroffene Ich so weit ein, dass das vermeintlich angedroht Ereignete – die einwabbernden „positiven“ Klicks – die Kontrolle über die Lebenspraxis übernimmt. Die kommunikativen Blasen wachsen sich zu Verschwörungs-Trash aus und vermitteln angstschwere Lebenspraxis (zumindest im social-media-Kosmos). Die sich einander verstärkenden Blasen digitaler Produktion sind tatsächlich zu groß, als mit ihnen zu leben: zu teilende Informationen werden als Köder mißbraucht, aufeinander loszuschreien. Kommunikationsteilnehmerinnen sind Gegner, die einem via Händi zu nahe kommen.2Verschiedene Begriffsebenen werden mit anderen schnell durcheinander gemischt, auf etwas gelenkt, was unabweisbar „wahr“ ist. Z. B. gelingt es der DB auf Facebook nicht, einen Thread in FB sachlich zu halten, wenn sie eine neue Lokomotive o.ä. vorstellt – es mündet nach wenigen Beiträgen in das Fahrplanmißmanagement der DB.
Diese virtuellen, wie angsterfüllten kommunikativen Landschaften aus selbstverstärkenden Annahmen werden medial gelernt und sind als Anpassung an diese digital-mediale Kommunikation als Lernen zu fassen: als Anpassung an den Konsum übernommener wie selbstratifizierter Vorstellungen, als die Bestätigung und Betätigung einer selbstentmächtigenden vorallem virtuell überlieferten sozialen Umwelt. Vielleicht liegt es daran, dass wir als Subjekte unsere Spaltung von vorauseilendem Intellekt und dessen körperlichen Vollzug– in welchen Medium auch immer – zu überwinden suchen.3„Das Problemtische am Menschsein ist heutzutage, dass sich aus unserer Subjektivität nie ein sinnvolles Ganzes ergibt. Das Subjekt ist immer gespalten, immer geteilt, verspürt einen Mangel.“ McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 92

Verantwortung für sich und für alle zu übernehmen als ständige Infragestellung des sozialen Ichs. Hier: unterschreibe die Petition… „Nein, ich will nicht!

Too much too much (Songtext von Bonaparte, 2008, Link: https://genius.com/Bonaparte-too-much-lyrics)

 

 

  • 1
    Guy Debord, Gesellschaft als Inszenierung, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. von Günter Helmes und Werner Köster, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, Seite 239 ↩︎
  • 2
    Verschiedene Begriffsebenen werden mit anderen schnell durcheinander gemischt, auf etwas gelenkt, was unabweisbar „wahr“ ist. Z. B. gelingt es der DB auf Facebook nicht, einen Thread in FB sachlich zu halten, wenn sie eine neue Lokomotive o.ä. vorstellt – es mündet nach wenigen Beiträgen in das Fahrplanmißmanagement der DB. ↩︎
  • 3
    „Das Problemtische am Menschsein ist heutzutage, dass sich aus unserer Subjektivität nie ein sinnvolles Ganzes ergibt. Das Subjekt ist immer gespalten, immer geteilt, verspürt einen Mangel.“ McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 92 ↩︎