Hüften wie Hufe klopfen im Märchenbuch – der Verwechslung mit einem anderen Körper wurde stattgegeben: durch Stunden, 4 Beine, eine Bewegung, gegeneinander treibend.
Atem Augenwind – aus der Tiefe der Bläschen mit Kohlendioxid getauft. Liebe.
Das Zucken der Glieder, das Pulsen der Herzen, Schwellen der Adern; Haut wird dünn. Nervenzittern, Herzgeschrei. Barfuß duschen. Vorhänge auf den Lippen, dahinter Abgrund. Ein Nimmmichindeinearme. Bitte quäle mich, mach was du willst. Stoß mich in die Höhe – ich warte.
Nachdem der Sprengstoff seine Funktion abgab, war der Mensch das Gebiet, wo nichts ist. Ein Nichts wie ein Trichter in den etwas Schutt, Fetzen Körperteile nach Bruchteilen zurückfallen, ihren Ausgang oder Beginn einnehmend. Ratifiziert.
Vom Leben scheidend ein löchriger Schrei nach Luft.
Der Anspruch auf Verrat gegen eine – begehrte – Person folgt der nichteingelösten Verbindung, dem erhofften, aber nicht eingelösten Bund, kanalisiert das Begehren negativ auf die Person, indem sie aus „Selbstschutz“ weggeschoben wird (und macht sie dadurch als Projektionsfläche kenntlich). Dem Verrat geht der empfundene Verrat voraus, nicht von der umworbenen Person in Freundschaftsbünde gewählt worden zu sein. Wenn Verrat der eingelöste Mangel an Zuneigung bedeutet, weil Zuneigung dem Verratenden nicht entgegengebracht wurde, das unermeßliche Bedürfnis nach personalisierter Aufmerksamkeit nicht eingelöst werden konnte, droht Verrat ständig in Kraft zu treten. Deshalb ist Verrat-Üben auch Selbstverrat, weil das Streiten um den noch einzulösenden Bund aufgegeben wurde und das Warten, Kämpfen, Werben um Zuneigung nicht fortgeführt worden ist. Unter dem Deckmantel der Sachlichkeit, irgendwelcher formal konstruierter Gründe – die Begabung zum Mißtrauen konstruiert formale Zusammenhänge leicht – sucht der Verräter seinen Selbst-Betrug mit konstruierten Annahmen in Rechtfertigungen zu bannen. Er vermochte nicht mit menschlichen Mitteln den anderen für sich einzunehmen. Gänzlich ohne Kunst der Einfühlung und ohne feste Anstellung im persönlichen Revier des anderen tabbt der potenzielle Verräter im unsicheren Feld eigennütziger Annahmen von nicht eingelösten Bedürfnissen.
Konkurrenz und Verrat
Der hier verhandelte Kontext des „Verraten-Werdens“ wird im gesellschaftlichen Umfeld bereits als produktive Struktur vorexerziert: Das Verraten-Werden und Verraten-Können legt das paranoide Wesen des kapitalistisch-egozentrischen Zeitalters offen. Es ist gesellschaftlich opportun, im „unternehmerischen Privatinteresse“ den anderen zu übervorteilen und mündet in der paranoiden Hatz des kapitalistischen Konkurrenzdrucks. Der Verrat agiert symptomatisch das gespaltene Produktions-Wesen (Mensch) im Kapitalismus zur Paranoia am einzelnen Schreibtisch aus. Bevor dem Verrat anheim zu fallen wäre, gilt es schneller zu sein – Verraten-Können wird zur antizipierenden Fähigkeit im Arbeitsmarkt. Die Angst vor Verrat ist dann die Vorwegnahme der befürchteten Auflösung von Zusammenhängen, Bünden, Bündnissen. „Angst vor Verrat läßt nach Verrätern Ausschau halten.“
Misstrauen konstatiert hiermit eine pathologische Schädigung vor dem erlittenen oder befürchteten Verrat. Er ist im Misstrauen als Annahme vorweggenommen. Ein psychologischer Trick ist es, ihn auszuschließen, indem er ins Handeln eingeschlossen wird (Vorwegnahme). Gleichwohl gebiert sich Misstrauen als eingeimpfter Realitätsbeweis der kapitalistischen Wirklichkeit. In ständiger Erwartung verraten oder „hinters Licht“ geführt zu werden, macht den eigenen Platz unsicher. Wahrnehmung missbraucht zur Wachsamkeit. David Shapiro, in: Formale Charakteristika des mißtrauischen Wahrnehmens und Denkens in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, Seite 61 ff
Einer gegen alle und alle gegen einen: bis in die feinste soziale Ritze!
siehe auch Frame-Beitrag: 245, Misstrauen als Rückzug
Skepsis als böse Blume einstiger Optimisten. Die Korrekturtätigkeit des eigenen Beobachtens wurde zuungunsten der Beobachtung der Beobachtung (Beobachtung 2. Ordnung) eingestellt und verpflichtet die enttäuschten Optimisten zur skeptischen Verhornung, zur Panzerung vor den unerhört neuen Neuigkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Sie ertrinken in der Wunde, die sie vorher stopften, die sie sich nur erhalten wollten, um darin als „Rechthaber“ zu kosten. Jenes feindosierte Leiden war als Selbstschutz gedacht. Nun frißt die gemästete Wunde der erhofften Möglichkeiten als selbstgerechte Erwartungen das Heute, den Rest des Lebens auf.
Das Misstrauen in alles und jeden vergrößert das skeptische Leiden dieses Ichs, und dieses so gemästete Ich vergrößert auch das Leiden. Sie nehmen sich beide den Platz.
„Das Leiden vergrößerte sein Ich; der Eindruck, daß er gegen eine böse Macht kämpfe, reizte seine Widerstandskraft zu wildem Trotz auf; die Lust, gegen das Schicksal zu kämpfen, erwachte, und aus einem Reisighaufen nahm er gedankenlos einen langen spitzen Ast. Der wurde in seiner Hand ein Spieß und eine Keule. Er brach in den Wald ein, schlug die Zweige nieder, als schlüge er sich mit diesen dunkeln Riesen. Er trat mit seinen Füßen Pilze nieder. Als habe er ebenso viele leere Zwergschädel eingeschlagen. Er schrie, als habe er Wölfe und Füchse aufgejagt, und >>Auf! Auf! Auf!<< rollte der Ruf durch den Fichtenwald.“
Der zu sich selbst forschende Mensch (um als Beobachter seines Beobachtens Übersicht und Kontrolle über das Beobachtete zu gewinnen) wird in der ozeanischen Ereignismasse immer wieder auf sich selbst – seinen Wahrnehmungshaushalt – zurückkommen: seine Zweifel, seine Unsicherheit über zu treffende Unterscheidungen begleiten ihn: Wohin mit all der Vielfalt, den Unterscheidungen, welche treffen? Aufgrund mangelnden Entscheidungs-Mutes in kaum unentscheidbaren Situationen oder im Zustand nicht getroffener Unterscheidungen ist es leichter, sich gegen das Unbekannte auszuschließen: man bleibt vor der Entscheidung stehen, besteht auf den eigenen – so oft geprobten – Erfahrungsfreeze. Um endlich Gewissheit und Ruhe zu finden, kann man sich in unendlichen Differenzen einhausen, um formale Sicherheit zu konstruieren oder um die Entscheidung zur Differenz hinauszuschieben. Aber dies beschneidet denjenigen – den Alles-andere-Ausschließenden – vom Ausgeschlossenen. Das Land, was er baut, erreicht er nicht. „Der Arbeiter als Spezialfigur ist im Ozean der universell gewordenen Arbeit ertrunken.“ Er ist ein Sisyphos gegen die eigene Existenz geworden: immer wieder vor der nichtgetroffenen Entscheidung sich stellend und dann wieder die Probleme wälzend, kann sich der sisyphosale Mensch in das autoprotolytische Bad seiner Selbstfällung werfen. Alles in seinen Teich kommende Fremde kann nur durch ihn selbst ausgefällt – geschieden – werden: Er scheidet sich mit selbst konstruierten Differenzierungen aus dem Meer der Indifferenzen aus. „Unser Ideal besteht darin, fähig zu sein, insgesamt durchzublicken, alle die uns betreffenden Gründe festzustellen, über nichts, was für uns relevant ist, im Dunkeln zu bleiben, vollständig und perfekt informierte Hüter unserer eigenen Interessen zu sein. So sähe es aus, wenn wir fähig wären, unsere Handlungsweise immer so zu wählen, wie die Vernunft sie diktiert.“
Indifferenz als künstlerischer Werkzeugkasten – Zweifel als Form:
Das verzweifelte Ringen um die passende Form – man kann sagen: Formenruhe – beginnt mit der Unmöglichkeit, eine richtige Wahl aus dem Meer der möglichen Differenzierungen treffen zu können. Die „Wahl-zu-haben“ – welche begründbare Differenz zu anderen? – wird zur Qual. Überlastung im Formen-Meer: Der künstlerische Charakter als stilistisch orientierter Entscheidungs-Profi hat darin sein Betätigungsfeld. Die freie Bestimmung von formalen Differenzen aus dem selbstgeschaffenen Gefängnis formaler Möglichkeiten zeichnet künstlerische Arbeit aus.
Die nie zu Ende kommende Wahl formaler Differenzierung wird im Kunstwerk auf Zeichen, Symbole (Stilistiken) übertragen, auf Formen reduziert. Die Wahrnehmungs-Realität der Beobachter kann auf die vorgeleisteten formalen Entscheidungen im Kunstwerk eingehen oder nicht: All der Zorn auf das „Unverstandene“, auf die nicht einzuordnende Form-Differenz kann, nun auf das Detail, auf den Staub, aufs Parkverbot wüten.
Ich bin durch
Keinen Verrat wie Nähe begehren, den Liebesanspruch sprengen – auf eigene Gefahr -, weil niemand dich verlassen kann: Nur du selbst kannst es. Liebende sind nicht böse, aber tödlich. Der ganze Mensch wird eingefordert. Lichterloh wird das Hirn gelöscht. Feuerbestattung im Kerzenschein. Du mußt dich herausgeben! Solang ein Krümel Liebe von dir übrig ist, kannst du was geben. Danke. Lieber nicht!
Die Sehnsüchte sind der Kampfplatz, die Erfahrungen das Verteidigungsareal. Also wehren! Beisammenhalten, was anfänglich war. Der Zerstörung beiwohnen, das bürgerliche Glück aufbrauchen. In Liebe. Zielen und Treffen hält mit sich Schritt. Was waren wir bereit, zu verlangen, statt zu geben? Dort am Boden liege ich, meine Wäsche rot, grau der Beton. Im Korn der Mitwisserschaft versenkt die Kimme den Puls. Mit lichtigen Resten glitzern Werbeplakate. Ach, deine Hand blutete mich aus.
In den ersten Momenten der Beobachtung eines Phänomens, in der Begegnung mit einem Gegenstand konstruieren wir zuerst grobe, eingeschränkte (aufgrund unserer mangelnder Kenntnis) – wie den Gegenstand einschränkende Modelle. Wir montieren aus diesem „Erste-Hilfe-Set“ gewöhnter Erfahrung erste Annahmen und erstellen daraus reduktionistische Wegweiser auf bekannten Pfaden, um – in der Metapher bleibend – das neue Territorium zu beschreiten, das heißt, beschreiben zu können. Wir simulieren Phänomene mit induktiven Annahmen. Wir greifen mit Modellen vor, in dem wir auf eine erwartbare Welt zurückzugreifen: Wir generieren Möglichkeiten (aus der Vergangenheit), damit wir uns auf sie (Morgen) einstellen können. Die vorerst vom Phänomen abstrahierenden Annahmen speisen sich aus löchrigem Wissen, unpassenden Erfahrungen oder anders: groben neuronalen Netzen und aus „früher erworbenen semantischen Wissen.“ Die Redundanz der Erfahrung wird zu Mustern in Modellen zusammengefasst. Ein Modell als Regel verstanden, in dem Regeln konstruiert sind, um „Regelmäßigkeiten“ in den geregelten Ereignismengen zu konstruieren.
Das kognitive Hantieren, der Kommunikationsprozess im kognitiven System des Neuronalen Netzwerkes entsteht aus einem steten Interagieren mit der Umwelt: Im Beschreiben verleiben wir uns mit ihr. Im Beschreiben der Umwelt, schreibt das Beschriebene sich in den Beschreibenden ein: Das Beschreiben selbst schreibt sich als Modellierung in den Beschreibenden phänomenal ein. Wie aber ist das Beschreiben aus der Beobachterperspektive zu verstehen? Hier werden Modelle (als begriffliche Vorannahmen gefasst) konstruiert, um der Beschreibung von Gegenständen (Formen) Herr zu werden. Die Beschreibung eines Gegenstandes als Verhalten wie Verhältnis zu diesem Gegenstand erfordert modellhafte Strukturen in Beschreibungsvorgängen selbst. Wir sprechen in syntaktischen Ordnungen und transformieren den wahrgenommenen Gegenstand in kommunikable Ereignisse, um Austausch mit anderen Beobachtern und uns selbst zu ermöglichen. Schon die sprachlichen Modelle (syntaktisch, semantisch und pragmatischer Art) sind konstitutiv für den Beobachter wie für das Beobachtete (den Gegenstand der Beobachtung). Die Beziehung zwischen einem Modell der Beschreibung und der Modellierung des Beschriebenen ist funktional konstitutiv für den Beschreibungsvorgang und den (zu beschreibenden) Gegenstand – sie bedingen sich. Da ein Modell hilft, den Gegenstand modellhaft einzuordnen, kann dieser Gegenstand nur in dem geschaffenen Modell-Raum erfasst werden: der Gegenstand wird mit zuhandenen Annahmen modelliert und insofern ans Modell angepasst. Man könnte sagen: Die Beschreibung folgt dem Modell (einer den Gegenstand reduzierenden Annahme) und das Modell verfolgt – adaptiert – den Gegenstand, bis das Modell über den Gegenstand und der Gegenstand der Beschreibung annähernd übereinstimmen. Der Gegenstand entsteht also vorerst aus dem (jeweiligen) Modell seiner Beschreibung. Der Beschreibungsvorgang ist das experimentelle Medium zwischen Handlungsanweisung (Funktion des Modells) und Gegenstands-Beschreibung. „Wir können das, was wir über unsere Modelle von der Welt lernen, als Konstituierung unserer Modelle von unseren Modellen der Welt betrachten.“ Die Möglichkeiten, die durch ein (konstruiertes) Modell zur Beschreibung eines Gegenstandes entstehen, zwängen den Gegenstand zugleich in sein Modell über ihn ein. Der Gegenstand wird auf das Reservoir der Modellannahmen gestutzt. Insofern ist die Anwendung eines Modells zur Beschreibung vorerst eine Infragestellung, Ver-Urteilung des zu beschreibenden Gegenstandes. Etwas Neues am Gegenstand zu entdecken, erfordert die vielfältige Kombination der durch das Modell in Betracht gezogenen bzw. produzierten Erfahrungen. In einer Art skeptischen Bewegung um das bis dato unbekannte Phänomen wird durch dessen modellhafte Zurichtung erprobtes Sprachmaterial als semantischer Handlungsspielraum erkämpft.
Es ist eine tägliche Übung, das unbekannte Phänomen in Regulative (von determinierenden Modellen) zu pressen, damit die Gedanken dem assoziativen Überschuss der Sinne nicht erliegen, sondern (sprachlich) Halt finden.
Ein noch unbekanntes X ist vorerst nicht ohne Modell beschreibbar. Für eine stringente Modellierung der vorgefundenen Welt braucht es musterhafte Modelle, die die Welt unbekannter Phänomene als beschreibbar voraussetzt. Die Modelle über den einzeln zu erfassenden Gegenstand oder sein/ unser Verhalten prädeterminieren ihn: sie sind dem Gegenstand vorauslaufend und definieren für ihn Voraussagen. (In der Annahme, du seist so, wie ich es annehme, verhalte ich mich nach der mir selbst auferlegten Annahme dir gegenüber. Das Ergebnis wird sein, dass du auf mein dir unterstelltes So-Sein re-agieren wirst, was mehr oder weniger meine Annahme verstärkt.) So konstruieren wir stückweit die Gegenstände unserer Welt.
Es ist die Entwicklung vom Verstehenwollen eines Phänomens zu dessen Simulation als seine wirkliche Entwirklichung: Wir nennen es Konstruktion. Die aus Erfahrungen gewonnenen Wahrscheinlichkeiten eines Verhaltens von ‚X‘ verändern seine Geschichte. Aus Simulationen werden funktionelle Vorschriften bzw. Beschriftungen generiert.
Aus Beschreibungen werden Beschriftungen.
Die Modelle über X ziehen die Simulation eines angenommenen X nach sich. Noch hinken die Voraussagen, Gewißheitsversprechen – die ans Phänomen X gezeichneten Merkmale – seiner Lebensbewegung, Beobachtung hinterher, doch werden sie mehr und mehr Bestimmung für sein modelliertes Dasein. Das, wie über X gehandelt – beschrieben – wird, ist noch nicht seine Realität, jedoch schon unsere. Die Behandlung des Phänomens X durch seine Beschreibung steht als Imperativ gegen die Unsicherheit der ersten Begegnung geschrieben. Beschreibungsvorgänge sind sprachliche Interaktionsbereiche – sämtliche X bleiben von dieser Interaktion nicht unberührt. In der Interaktion des Beschreibens verändern – konstruieren – wir unsere Wirklichkeit. Unsere modellhaften Annahmen filtrieren aus der Vergangenheit die zukünftigen Szenarien von Beschreibungs- und Verständnisvorgängen. Sie lösen die von uns beschriebene Welt in unsere Wirklichkeit auf. Welche Zuschreibungen – Modellannahmen – wir wählen, welche Wirklichkeit wir konstruieren, liegt in unserer Hand. Wir können also nicht die Verantwortung an Modelle abgeben und uns hinter einer „Objektivität“ verstecken.
Je totalitärer Modellparameter auf Objekte zugreifen, desto reduktionistischer („einfacher“) können ihre verhandelten Objekte behandelt, d. h. aus ihren Zusammenhängen ausgeschlossen werden
Ob wir Robben töten – für ihr Fell, Fleisch fressen oder mit unseren Fliegern zig Tonnen CO2 verschütten, um einen Sonnenuntergang zu sehen, oder freundlich sind: Unsere Entscheidung.
Wenn die temporäre Überbrückung des Begehrens intellektuell nicht zu leisten ist (Sublimierung), kein kognitiver Ersatz erzeugt werden kann, wenn das Begehren droht, den Körper durch seine eigene Lust zu verhaften, wird die Arbeit an der Überwindung des Begehrens um so grausamer. Im Begehren selbst verbindet sich die körperliche Erfüllung mit körperlicher Auflösung. „Auslöschung, danke.“
Im Zustandekommen der angestrebten Erfüllung ist der Begehrensvorgang – wenn auch kurzzeitig – abgeschlossen. Von hier an scheint es möglich, zur Überwindung des Begehrten überzugehen. Sofern die Ersatzbefriedigungen nicht mehr ausreichen, werden die körperlichen Sprünge als Kompromissbildungen pathologisch fassbar und wachsen zu Symptomen aus. Auffällig ist die veränderte (umgekehrte) Bewertung der Zeitfolge bei denjenigen Sexualstraftätern, die das Trieb- oder Begehrensobjekt vernichten nach dessen Missbrauch, um das eigene Begehren ungeschehen zu machen (mit der nachträglichen Negierung des Objekts des Begehrens)? Sofern bei bestimmten Psychosen die Vergangenheit verdrängt wird, um die Gegenwart auszuhalten, sauber zu halten vom Staub des Gestern oder mit ihm erträglich zu gestalten, soll im pathologischen Zustand die Gegenwart verändert, vernichtet werden, um die Vergangenheit zu fixieren, so zu belassen, wie sie war. Was bei denen die verrückte Gegenwart, ist bei anderen irre Vergangenheit. Die Verwandlung von Mister Jekyll zu Mister Hyde (oder umgekehrt) ist so eigentlich eine (Zurück-)Verwandlung: Vom Mörder zum Arzt. In dem Sinne ist jeder seiner Auftritte als Arzt ein Heilen eigener Taten; wieder zusammenflickend, was er vorher aufgerissen. Er kämpft mit jedem seiner Opfer um das Ende seines Begehrens, schiebt seine Todesangst in den anderen Körper hinein, um sie mit Chirurgenbesteck wieder zu zunähen. Das Begehren zeigt sich in seiner auflösendensten Form: als Tötungsrausch, um – dann als Dr. Jekyll – wieder heilen zu können.
Ein Begehren, dessen Scheitern nicht aus dem Körper ausgetrieben, selbst nicht ausgehalten werden konnte, ist imstande, sich sein Bedürfnis mit Gewalt zu befriedigen: Mit der Verachtung des Lustobjekts wird die Gegenwart der Lust verhöhnt und befreit von Gelüsten – mit den verachtetenden Übergriffen am Begehrten selbst: Endlich Ruhe und keine Aufregung.
Begehren korrespondiert mit Furcht – das Begehren nimmt die schüchterne Seite des furchtsamen Subjekts ein (heimlich, subversiv, erst nur vorstellend treibt das begehrende Ich das Selbstbewusstsein des Körpers auf die Straße, den Strich). Das Wissen-Wollen, die Neugier an allem Lust-Einflößenden versucht die Überwindung des Furcht-Erregenden. Hinter der Furcht steht ein Begehren, welches die Furcht (-Erregung) braucht, an ihr sich entwickelt, um den final act der Lust zu suchen: Ihr endlich gegenüberzustehen. Die erlangte Erfahrung über die lustvollen Weltphänomene dient der Aufbewahrung des noch nicht erledigten Körpers der eigenen Lust. Endlich Macht und Gewissheit über den eigenen Körper zu erlangen – gegen die anderen (begehrten) Körper.
Die sexuelle Lust als eine zur Wiederholung antreibende, intrinsisch-evolutionäre Kraft, eine evolutionäre (am) Objekt behaftete Wahrnehmungsfigur, eine durch die Evolution hervorgebrachtes Begehrensobjekt. Die empfangene Erektion verbindet die Körper zu einer Zukunft und mit ihren Ahnen. Das, was die Erektion empfängt, ist nicht abgeteilt vom Organ der Pollution: Es sind zwei Körper – selbst der eigene Körper ist im Akt mit einem anderen mit sich zu zweit – jenseits dem Empfangen-Wollen des anderen Körpers. Das sexuelle Begehren als kopulierende Gewissheit, nicht vollkommen zu sein. Nicht nur das Pendel zwischen Tod und Leben, Kopplung und Entkopplung, Trennung und Vereinigung (raus, rein) bedeutend, sondern auch dessen stete Bestätigung, Betätigung: Wiederholung der körperlichen Lebenslust mit einem anderen Körper. Im fortpflanzlichen Begehren wird das Leben zur Wiederholung von sich selbst angetrieben und zugleich von sich – seinem bisherigen Zustand – fortgerissen: Durch die eigene sexuelle Ausschweifung/ Entkörperlichung.
Das Bild von Amors Pfeil, der die Liebenden mit Treffern markiert, macht auf das schmerzliche Herausgerissen-Werden aus dem solitären Lebensstadium aufmerksam. Das fortpflanzliche Vermischen ist mehr ein Zuschütten als Zusammenschütten. Im Geschlechtstrieb löst sich der Lebenstrieb auf: le petite mort. Das Erotische zwischen den Körpern erscheint in der sich zerfasernden (ausdifferenzierenden?) bürgerlichen Gesellschaft als Selbstzweck zwischen Körpern sich aufzulösen und sich des Anderen als (käufliches) Lustspiel zu bemächtigen. Fortpflanzung als Konsequenz gilt als ein entfremdetes Ergebnis, eher einem Unfall nahe als dem lustfickenden Menschen. So sehr der Natur entfernt, entfremdet, bedeuten die natürlichen Resultate des menschlichen Coitus schon eine Entmenschlichung des Tierkörpers. Der omnipotente Kern des Eros beim erwartungsfrohen und langweiligen bürgerlichen Subjekt schrumpft zum bloßen Begehren, zum nur käuflichen Akt des sexuellen Lebens. Das bürgerlich erotische Dasein verschwindet zwar noch im Geschlecht, aber es selbst wird nicht mehr realisiert; in seiner pornografischen Auferstehung wird es abermals unterdrückt, potent nur für seine Unterhaltung, medial aufbereitet.
Die Wollust ist als Spiel zu begreifen, das im Hinundhergerissen-Sein von Selbstüberwindung (das Liebesgeständnis) und Bemächtigung des totalitär Anderen (des geliebten Fremden, des anderen Menschen, des drohenden Todes) aufgehoben wird. Der Orgasmus ist ein Sinnbild der Vereinigung von Entleeren und Leere.
Der Geschlechtstrieb fungiert als Aufseher seiner ständigen Verrichtung und Erschlaffung. Fest verzurrt mit der Entropie seiner organischen Bedingtheit explodiert er fürs Leben und muss Haushalten darin.
Eros interupt
Die Liebe kann als Abbruch der bisherigen Lebenskontinuität betrachtet werden, denn das begehrende Individuum kommt nicht über sein begehrtes Ziel hinaus. Eine Entäußerung – jegliche Wahrnehmung wird rosarot auf das Begehren konzentriert und projiziert – und Enteignung des menschlichen Anteils im glühenden Körper offenen Auges. Heraus- und fortgerissen aus den Schleifen der Selbstbeobachtung fordert der immense Energieverbrauch baldige Beendigung, einen final act. Das Durchhalten kann plausibel in einer Filmlänge gezeigt werden. Der in der erotischen Parallelaktion abgedichtete Geist, seine Auslieferung auf das Geilsein, implodiert mit seinem Körper, schrumpft auf die dem Begehren folgende Leere des Egos: Es schrumpft zum anderen hin. Ein Ausbruch der Natur zitiert die menschlichen Sinne in ihren animalischen Wurzeln: alles ist irgendwie intensiver, sinnenschärfer: Wahrnehmung feiert ihre natürliche Evolution. Das könnte ungefähr das pubertäre Trauma sein, in dem der bisherige kognitive Zustand schwer eine Einstellung findet zu seinen ungewohnt-neuen körperlichen Regungen. In dieser Phase wird der Geist (das neuronale System) – das objektbemächtigende Organ – vom überschüssigen Körper getrennt und enteignet. Der Körper markiert der Vernunft ihren Ausgang: ein Annex, Rattenschwanz. Temporär entstellt, hat der projizierende Intellekt ein Bild gefunden. Von nun an bestimmt vorwiegend der Geschlechtstrieb die Wahrnehmung von und die Einstellung zur Umwelt; im Rhythmus von erotischer Verausgabung und intellektueller (kognitiver) Erholung. Wo gedacht wird, kann nicht geliebt werden. Vice versa. Das Begehren versucht eher die Unterbrechung des Lebens, die Fortsetzung des unterbrochenen Liebes-Lebens statt die Folgen als Fortpflanzung zu begreifen. Im Begehren (das Verliebtsein ist dessen poetische Folie) findet der Sehnsuchtsschrei nach Veränderung, nach liebestollem Abfluss des energetischen Schleims seinen Ort. In dieser Ziellinie des je eigenen Lebens eröffnet sich nicht nur ein Fluchtpunkt vor der Welt da draußen, es scheint sogar, dass diese Welt veränderbar ist, denn sie erhält andere Lichter. Aus dem gestauten Gefühl der Objektbemächtigung, das nicht sein Begehren erreicht, entwickelt sich Sehnsucht nach ihm.
Der Mensch als das Wesen, was sich selbst vermag, in der Enge von Möglichsein und Vermögen (Potentia und Potenz), im Sturm von Frage/ Begehren und Antwort/ Ablehnung. Ich vermag heißt, die bloße Möglichkeit zu bezwingen: ich vermag, das Gemochte zu verschlingen.
Man lernt, die eigene Lust zu regulieren. Das Ich bindet sich in seiner eigenen Nähe – vorerst narzisstisch.
Aus evolutionärer Fortpflanzung entwickelt sich ein Selbstzweck der menschlichen Begehrens-Geschichte: Das Begehren des Begehrens. Das (lustvolle) Wandeln im Anderen, am Umschlagplatz der Geschlechter. Transit mit Drama und kunstvoll erledigt.
Der Eros als menschlich gefühlte Zwangsmaßnahme der Natur verschwindet, erlischt im Erfüllungsort der Liebenden: im Sex. Insofern setzt sich das Leben für sein Verschwinden ein – als ein Aufenthalt an der Ermattung entlang: für den anderen. Die Erfüllung erreicht temporär die andere Seite der Bewegung: Erschöpfung. Dem glücklichen Höhepunkt entspringt sein Unglück: Dem Lachs nach seinem Laich erreicht der Tod. Auf der Spitze der erfüllten Ermattung geht der Projektion des Begehrens das Licht aus: Da ist niemand, da ist nur Körper. Die Begehrens-Projektion kehrt in ihre Materie – in den Körper zurück. Momentlang versiegt das Leben und wandelt im Todesreich: Eurydike. Kurz vor dem Identisch-Werden (der Tod und das Leben vereinen sich zur Liebesstarre, zur Entleerung oder wie man es sonst ausdrücken möchte) – vor der Identität des Begriffs, wenn das Begehren im Begriff steht, sich zu erfüllen, zu sich selbst zu kommen – verliert das Begehren sein gezieltes Identisch-Werden, gelangt nicht zur Identität mit seiner liebenden Bewegung. Die Erfüllung des Triebanspruchs geht mit der Drohung der völligen Verausgabung (menschlich-körperlichen Entleerung) einher. Im Lichte der industriellen Produktion sind die Erfüllungsorte des Begehrens Ausdruck des umworbenen, aber zur Verstümmelung erzogenen Begehrens geworden: Treibgut der Distribution: Waren! Doch gleich hier oben, in orgastischen Höhen gilt als versäumt, was gerade getan war. Da hilft nur Neu-Bewerbung oder Neukauf! Lieferung sofort!
Begehren als Neugier auf Lust verschaffende Objekte: begehrte Objekte sind libidinöse Attribute des nach Verbindungen suchenden Geistes.
Das Gehirn übt vor allen anderen Organen seinen Erhalt (seine Funktion) mit der Negativität seiner selbst: Es vergisst und kreiert. Kreiert, um zu vergessen. Vergisst, um zu kreieren. Es kann nicht aufhören, sich etwas auszudenken – daher sind Vorstellungen so lohnend. Um Ausgleich dessen bemüht, was durch die körperlichen Eruptionen ihm fehlt (an objektivierender, kontrollierender Kontinuität verloren geht), verbraucht es sich selbst, verschlingt es seine nervliche Substanz, um zwischen seinen Zellen, Teilen, Löchern wieder neue Verbindungen zu ermöglichen, die das Lustprinzip umgehen: Sublimierung – die Konzentration auf das ästhetisch Schöne – ist hier nervliche Nebenbeschäftigung, ein Training nah an der Natur, um erstmal weiter zu leben.
Die Begierde als Überbrückung von Denkstarre, Isolation gedacht: der Körper heizt dem Geiste ein, treibt ihn an: Mit dem Gleitmittel der Evolution, um aus der Notwendigkeit des Tieres heraus in den Akt mit dem Anderen, dem Begehrten zu gelangen. Das Individuum als kampfdurchtobte Vielheit, als zu grabender Tunnel durch seine Möglichkeiten, „in der die verschiedenen Tendenzen die Oberhand gewinnen, so dass die jeweilige Handlung nur den Kompromiss darstellt.“ Eine Art Burgfrieden mit dem lechzenden Körper.
Das, was sich selbst vermag, degeneriert zu dem, was es sich selbst angetan. Die gescheiterten Versuche, die Ablehnungen, Verletzungen bestimmen die Begehrensstruktur.
„Das Triebhafte ist das, was noch nicht aufgehoben ist.“
Ich versuche nur Klarheit für mich zu erlangen.
Aufklärung, enlightment, dort wo Licht ist, Donnerblitze als Teilung der Welt in Buchstaben voller Licht. Gegen die ungeklärten Ungetüme der Welt springen wir im Licht hinaus zu den Gegenständen oder in Theorienetze, um vor dem unbekannt Erhellten zu flüchten oder es zu bannen. Intelligenz als Angstvermögen. Reflexion – ein Modus der Angstabwehr: Die Konstruktion eines Verstehens als Bewältigung der Ängste.
Intelligenz als ein Attribut des Angstvermögens? Angst-Haben und Zweifeln-Können als ein Möglichkeitssinn des durch die neuronale Netzwerkstruktur eröffneten Vorstellungsraumes. Zeigt nicht das Zweifeln noch Spuren der Angst in der Ungewissheit, des Schwankens vor dem gedachten-phantasierten Vorgestellten auf? Wissenschaft wäre apriori nicht nur der intelligiblen Möglichkeiten des Menschen zuzuschreiben, sondern sie entspränge seiner Fluchtbewegung vor den von ihm erkannten Möglichkeiten: Angstbewältigung vor den unbestimmbaren, ungewohnten Phänomenen. Erklärungsmodelle ermöglichen die Netze gegen die Welt enger zu stricken. „Wenn etwas nicht konkret ist, konkretisiert man es auf eine Weise, die von Ferne ziemlich merkwürdig aussieht: man erfindet eine dieser Skalen. Indem man dies tut, kann man eine komplette, verfluchte, amorphe Sache nehmen und auf eine Zahl reduzieren, schon ist sie real und konkret. Im logischen Sinne ist das eine unmögliche Aufgabe. Aber man macht es, und schon sie real … wenn die Sache also global, allgemein, amorph und vage ist – gibt man ihr eine Zahl.“ Eine Flucht hin zu theoretischen Instanzen – weg vom Widersprechenden (mit dem Widerspruch arbeitend), raus aus den Höhlen (mit Höhlengleichnissen aus den Höhlen aufsteigend). Angestellte Theorien als ein abgesicherter Modus der Beruhigung mittels technisch-formaler Kompetenzen der Wissenschaft, um aus den Verrückungen, Verrücktheiten herauszukommen. Denken als Gesundwerdenwollen: die Suche nach Invarianz (Homöostase) im Gestrüpp vielfältiger Variablen. Weil gedacht werden kann, weil jegliches Unhinterfragte nunmehr Zweifel, Angst, Schrecken, Öffnung und wieder Nachdenken herstellt, braucht das vernunftbegabte Tier Erklärungen – Aufklärung: Dünn gedrucktes Licht aus Buchstaben. Den Wissenschaften ist gemein, dass sie nach Gewissheit ringen und Gewissheitsversprechen gaben. Die zerrissene Realität, die unterbrochene Konsistenz, die unmenschlichen Leerstellen, der verlorene Bedeutungszusammenhang muten insofern paradox an, als wurden sie nur deshalb präsent, weil nach deren Bedeutung gefragt werden konnte. Diese erarbeiteten – erfürchteten – Diskontinuitäten wurden mit dem Anspruch auf ein Gewissheitsversprechen überbrückt. “In einer Welt unmittelbarer Sinnesdaten, in der keine Körper postuliert (posit) und keine Fragen aufgeworfen würden, hätte die Unterscheidung von Wirklichkeit und Täuschung keinen Platz. Das Postulieren von Körpern ist bereits rudimentäre Physik; und erst nach dieser Phase können die lästigen Unterscheidungen des Skeptikers Sinn ergeben. Man muß zuerst Körper postulieren, um ein – wenn auch dürftiges – Motiv dafür zu haben, eine unverbindliche Welt des unmittelbar Gegebenen hinzunehmen.“
Im Orkus: Social-Media
Technisch-kommunikative Möglichkeiten der Körperausweitung als körperlich-menschliche Katastrophe: Die Ausweitung kommunikativer bzw. kommunizierter Körper- und Wahrnehmungszonen durch die weltweit mögliche Präsenz ihres Kommunizierens entzieht dem Körper die Kontrolle über seinen Kommunikationsraum.
Der Konsum technischer Kommunikationsmedien entkörpert die praktischen Lebenssinne seiner Konsumenten (– oft ungewusst über die Folgen, beginnen die Kleinkinder damit). Wahrnehmung wird auf Kommunikation von Wahrnehmungen reduziert: Wahrnehmung von Lebensbezügen reduziert auf den FB-Insta-Tiktok-Kanal – der Selbstentmündigung zum Preis. Leichtfertig lassen sich Nutzerinnen zu Produkten ihrer Sehnsüchte verführen. Auf dem Weg zur Inthronisierung des eigenen Ichs im Universum der durch Wahrgenommen-Sein definierten bürgerlichen Individualität, übergibt dieses Ich alles von sich der medial-digitalen Offerte des Wahrgenommen-Werdens. Eine Abhängigkeit gegenüber dem technifizierten Erfahrungsersatz von Individualität entsteht: das Ich geht online, fickt Algorithmen (statt seinesgleichen) oder wird von ihnen gefickt. Die körperlichen Kommunikations-Prothesen übernehmen das Kommando. Vollzug von körperlicher Erfahrungskälte macht sich breit: der Rollator sozialer Medien entkoppelt den Nutzer von leiblicher Fortbewegung. Technisch-kommunikative Prothesen exterritorialisieren den menschlichen Handlungsspielraum – dem Life-Sprechen-Hören via Screen fehlt die leibliche Präsenz des Gesprächspartners: die leibliche Interaktion findet nicht statt. Der menschliche Bewegungsapparat sitzt auf der Couch und zieht sich Erfahrung ohne eigene Erfahrungs-Bewegung rein: Inhalt ohne Erfahrung: Flachbildschirmgeschichten. In diesem sich entwickelnden leiblich-sozialen Hohlraum nehmen (erfahrungslose) Ängste Platz: Das, was über eine Person gesagt wird – statt mit ihr – übernimmt die Kontrolle über ihre (vermeintlichen) sozialen Interaktionen. Das Ich wird in seinen selbst (?) gewählten sozial-medialen Prothesen exterritorialisiert, aus seinem sinnlich anfassbaren Leben herausgeworfen. Reals als verpasste Chance, mit anderen zu sein, aber: Selbstgewissheit simulierend. Guy Debord:„Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen […] Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat […] In allen seinen besonderen Formen – Information und Propaganda, Werbung oder unmittelbarer Konsum von Zerstreuungen – ist das Spektakel das gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden Lebens […] Form und Inhalt des Spektakels sind identisch die vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des bestehenden Systems. Das Spektakel ist auch die ständige Präsenz dieser Rechtfertigung, als Besetzung des wesentlichen Quantums der außerhalb der modernen Produktion gelebten Zeit […] Das Spektakel will es zu nichts anderes bringen als zu sich selbst.“ – Das mediale Spektakel auf „social media“ ist die konsumierte Fratze einer Als-ob-Individualität im Spiegel produzierter Sehnsüchte. Medusa Facebook Insta Tiktok.
Eine andere Seite:
Der Prozess der technischen Entnabelung vom eigenen Leib schlägt in die Konstruktion der Bedrohung, in Angst vor Entleiblichung um. Theoretisch angenommene oder konsumierte Bedrängungen des Körpers wuchern zu sinnlicher Dichte: Die Wahrnehmung der kommunikativen Surrogate verstrickt sich in die eigenen Nerven. Die erklickte virtuelle Vorstellung der vom Ich konsumierten Außenwelt, setzt dessen Spaltung von ihr in Gang: Die netzweiten Verbindungen mit der Welt am Monitor entwurzelt den betroffenen Menschen vom tatsächlichen sozialen Verkehr. Hier entwickelt sich die Abwehr (Ausschließung) von allem, was dieses Ich (technisch) kommunikativ bedrängt, zu manifesten psychischen Konstruktionen: die sogenannten sozialen Blasen. Diese Konstruktionen des angenommenen Bedrohtseins (Angstzustände) durch zu bedienende virtuellen Kommunikations-Apparate engt das betroffene Ich so weit ein, dass das vermeintlich angedroht Ereignete – die einwabbernden „positiven“ Klicks – die Kontrolle über die Lebenspraxis übernimmt. Die kommunikativen Blasen wachsen sich zu Verschwörungs-Trash aus und vermitteln angstschwere Lebenspraxis (zumindest im social-media-Kosmos). Die sich einander verstärkenden Blasen digitaler Produktion sind tatsächlich zu groß, als mit ihnen zu leben: zu teilende Informationen werden als Köder mißbraucht, aufeinander loszuschreien. Kommunikationsteilnehmerinnen sind Gegner, die einem via Händi zu nahe kommen.
Diese virtuellen, wie angsterfüllten kommunikativen Landschaften aus selbstverstärkenden Annahmen werden medial gelernt und sind als Anpassung an diese digital-mediale Kommunikation als Lernen zu fassen: als Anpassung an den Konsum übernommener wie selbstratifizierter Vorstellungen, als die Bestätigung und Betätigung einer selbstentmächtigenden vorallem virtuell überlieferten sozialen Umwelt. Vielleicht liegt es daran, dass wir als Subjekte unsere Spaltung von vorauseilendem Intellekt und dessen körperlichen Vollzug– in welchen Medium auch immer – zu überwinden suchen.
Verantwortung für sich und für alle zu übernehmen als ständige Infragestellung des sozialen Ichs. Hier: unterschreibe die Petition… „Nein, ich will nicht!
Too much too much (Songtext von Bonaparte, 2008, Link: https://genius.com/Bonaparte-too-much-lyrics)
„gefangen“, 42 sec, Video-Animation aus Videostills des Films „Matrix“, 1999, © Hans-Georg Köhler, 2024
Fluten
Die phänomenalen Fluten schnelllebiger Ereignishaftigkeit – als Bilder, News, Farben, Reals, Storys sekündlich – wüten gegen ihre körperlich-ökonomische wahrnehmbare Eingrenzung, erschweren „klare“ Interpretationen bzw. abschließende Einordnung auf Seiten der von ihnen bedrängten Menschen.
Alles zu bunt und zu viel. Es entsteht eine „…Unfähigkeit, sich der anströmenden Eindrücke des unselektierten Möglichen zu erwehren.“ Die Zerstreutheit als Buntheit der Welt missverstanden, all ihre zu vielen Details führen erst zur Belastung, dann zur Verunsicherung der von dieser Vielheit betroffenen, wahrnehmungsoffenen Menschen. „Die unerhörte Komplexität der Welt bedroht jeden, der sich um ein differenziertes Urteil bemüht, mit Handlungsunfähigkeit. Wollte er stets alle Fakten gewichten, alle möglichen Sichtweisen einbeziehen und jede denkbare Komplikation gedanklich vorwegnehmen, so würde er zwangsläufig gelähmt in seinem Bett liegen bleiben und jede Bewegung vermeiden müssen (was allerdings auch schon wieder fatale Folgen haben könnte).“ Der Musiker Bonaparte bringt es in seinem Stück „Too much too much too much…“ auf den Punkt.
Autistische Wege
Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, ist dafür das oft zitierte Symptom. Inmitten phänomenaler Dichte und Simultanität und stetig auf den Wahrnehmungskörper eintreffende Begriffe, Brands und Botschaften konsumgieriger Jetzte, in der leeren Aktualität neuester Neuigkeiten, gefangen im Netz feuernder Synapsen, also in Landschaften schier bedingungsloser Möglichkeiten des Beeindruckt-Seins, wird der Prozess der Ununterscheidbarkeit aufgrund der (zu) hohen Ereignisdichte angetrieben. Der Wahrnehmungsgehalt ist bereits vor der organisch-nervalen Übersetzung symptomatisch, fördert Unsicherheiten, schließlich schlägt die physiologische Beanspruchung in psychologische Überreizung um. Es sind zu viele Bäume geworden, um noch Wald sehen zu können, um die Menge der Bäume zum Wald zu klassifizieren. Um dieser vibrierenden Schleife der Entscheidungsunmöglichkeit zu entgehen, entstehen psychische Entlastungsstrategien – eine Art Barrikade gegen die von ihnen wahrgenommene Überlastung. So mutmaßen wir, dass besonders autistisch und paranoisch eingestellte Menschen eine bedingte Vorliebe für klare, durch Anfang und Ende strukturierte, d. h.. formal kontrollierbare Annahmen haben; sie werden Kontrollfreaks genannt. Diese Art der Kontrolle reduziert die phänomenalen Elemente im Wahrnehmungsfeld: Es wird sauber gehalten. Auch dieses Kontroll-Verhalten ist ein Inter-Reagieren im kommunikativen Prozess zwischen Phänomen, wahrnehmenden Körper und zu haltenden Gleichgewicht.
Therapeutische Stabilisierung
Zur therapeutischen Stabilisierung von psychisch-sozial belasteten Menschen werden formal ungeübte Prozessschleifen des kommunikativen Handelns in Gang gesetzt: Sie werden geändert, neu gelernt, von ihrem Problem gelöst oder abgebrochen. Wenn dies nicht gelingt, provozieren die kommunikativ-formal gesicherten – aber normativ abweichenden – Strukturen eine Verstärkerfunktion für formalistische Prozesse selbst. Diese formalisierten Prozessschleifen verstärken für diejenigen, die einen unregulierten, nicht kalkulierten, unbeobachteten Platz suchen, die psychotischen Annahmen aufgrund dieser formalisierten kommunikativen Verhältnisse. Es scheint eine Frage der bevorzugten bzw. abgelehnten Kommunikationsweise zu sein: Was für die einen als formal gesicherter Modus der Weltbegegnung die Probleme beseitigen hilft, die sie mit der Unübersichtlichkeit des Kommunizierens haben, ist für die anderen der Beginn des Problems – ein Gefängnis formaler Ordnungen/ Anweisungen.
Die Verrückten bereiten den Boden für das Verrücktsein der anderen: wenn die anderen in denselben Ring steigen oder aus ihm nicht heraus kommen. Verschwörungstechniker sind Widerstandskämpfer gegen das angstmachende Jetzt: das Jetzt gilt als Vorbereitung für die befürchtete Zukunft.
Paranoia: ständig im Begriff seiend, noch ungefürchteten, ungesteuerten, nicht verfolgten kalkulierten Platz zu suchen; den noch von der Konkurrenz frei gelassenen. Für die paranoid-konkurrenzgetriebene sich entwickelnde kapitalistische Gesellschaft verwandeln sich Phänomene – Prozesse, Zustände, Zusammenhänge – in symptomatische Annahmen, die neue Fluchtbewegungen bzw. Kontrollinstanzen animieren: selbsterfüllende Annahmen.

Videosnap aus MATRIX, © Lana und Lily Wachowski und © Warner Bros.
Der instabile psychische Zustand der Paranoiden ist das Spiegelbild der Furcht erfüllten, Angst besetzten und formale Prozesskalküle erzeugenden Gesellschaft. Die Angst, das Erschrecken des Kranken, die Sorge vor Beeinflussung, Unterwerfung, Kontrolle verschmilzt mit dem Impuls zu kontrollieren, zu unterwerfen… der strikten Steuerung (Beeinflussung), um sich von Kontrolle zu befreien.
Das ist die ungefähre Linie, auf der von einem bestimmten Punkt an die psychische Störung, als individuell erlebte Weise der Entfremdung von den Ereignissen aufhört, ein individuelles Krankheitsbild zu zeichnen. Die psychische Störung gleicht einem Spiegel, der mit den psychotischen Selbstbildern zerläuft, sich übers Ich stülpt, dann in es hineinfließt. Die gewählte Selfie-Welt überfällt das Ich und füllt es von innen aus. Der Mensch als verinnerlichtes Bild seines Spiegelbildes, das sich in ihm ergießt. Die Reflexion ist Berührung geworden. Von nun an kann der Selfie-Man sich als Berührtes und Berührter denken und verabreden mit seiner Wirklichkeit: seinem Spiegelbild.
Mit ausgemerzten Illusionen Bilder malen. Subjekt für sich zu sein, die Härte, den Dreck zu schmecken und sich allem Kindergeschrei und Vogelzug zu freuen. Tränen werden Perlen.

Link (youtube) zu meiner Performance „Bildbesteigung Zeus Ego 3 für alle“ in der Galerie Andrieu Berlin, 2008, © Hans-Georg Köhler
Die gliedmaßigen Gesten sind ein äußerstes Moment des Körpers, sie sind seine Extremitäten. Das auf den Körper Einströmende: der Atem, die Landschaft, das Stolpern, der von ihm ausgewichene Stein wird von ihm als Reaktion nach außen in seinen dadurch eroberten Raum bewegt: Aus der Wahrnehmung wird Wahrgenommenes zum Ausdruck seiner Extremitäten geformt. Beine Arme Hände als Körpersprache: Der Körper spricht zu sich selbst, indem er sich aus-spricht – aus sich heraus bricht: In den Raum hinein. Wie der Glanz der Augen beim Betrachten des von ihnen Gesehenen zum Ausdruck bringt, was gesehen wird, und wieder der Welt den Eindruck der Augen zeigt, so dass die Welt sieht, dass diese Augen ihre Welt sehen: mit Glanz und Freude oder leer und entrückt.
Dieses Sprechen ist über das Gesprochene an den Aus-Sprechenden geklammert: Als sensomotorische Schleife. Auch das Hören seines Sprechens versichert dem sprechenden Körper selbst die eigene Präsenz im Hier und Jetzt: Er hört, sieht und fühlt sich. Der sprechende Körper kommt (nicht nur akustisch) von außen auf sich selbst zu – braucht sich als selbstproduziertes Andere, auf das er reagieren kann. Er ist sein eigenes Instrument. Was als akustisches, taktiles oder visuelles Phänomen nach Innen kommen konnte, das Um-ihn-her tritt dem Körper entgegen, irritiert – perturbiert – ihn: als permanent wahrgenommene wie von ihm interpretierte Differenz zu ihm/ sich selbst. Der Körper nimmt Signale aus der Welt heraus, um seine zu verteidigen. Der Körper ist (von sich selbst) eingenommen im von ihm selbst konstruierten Vollzug der wahrgenommenen Erscheinungen (Phänomene). Die Kontakte mit der Welt provozieren seine Eingriffe in seinen Körper, der seine Welt ist – wenn er es will.
Die in den Körper eindringende Straßenkreuzung, der U-Bahn Nervenstrom, die in den Gehörgängen fahrenden Autos, der Lärm die Blume wird körperlich erfahren, als zum Körper dazugehörig empfunden. Jetzt langen die Arme der Autobahnen nicht mehr nur durch den Körper hindurch – mit dem Körper werden es seine autobahnigen Arme, jetzt spürt er die Reifen, die Flugzeuge, die Motoren als seine eigenen. Die Welt ist mein ein Körper – meine Insel, ich betrete sie am Rand der Hemisphären.

Videostill zu meiner Performance „Bildbesteigung Zeus Ego 3 für alle“ in der Galerie Andrieu Berlin, 2008, © Hans-Georg Köhler
Formale Konzentration als notwendige Einengung des Sichtfeldes, des Operationsfeldes im Bild, erfordert eine akzeptierte Beschränkung der Wahrnehmung. Der Argwohn gegen alle störende Form oder die Lust auf das formale Spezialgebiet engt die Welt der Beobachtung notwendig ein. Um den Fokus auf ‚X‘ beizubehalten, ist es nötig, permanent alles andere auszuschließen. Ein Kampf, gegen das üppige Formenmaterial, was jenseits der Linse existiert. Wahrnehmung wird von der sie selbst reduzierenden Einengung auf das Wahrzunehmende gesteuert. Sensibilität als innere Lähmung, als Festgelegtsein auf einen favorisierten – gelernten – Wahrnehmungshaushalt.
Der Prozess formaler Konzentration eröffnet den Weg, ohne Zweifel und Verzweiflung mit den eigenen Formen in der Welt auszukommen – daher die verstärkte Selbsterzeugung (Selbst-Sensibilisierung) von eigenen formalen Welten.
Der in der „Realitätsferne“ arbeitende Künstler hat keinen Mangel an Realitätssinn, seine Ferne erweist sich als Instrument, die übrige, für die eigene Arbeit unnütze Realität aushaltend abzuwehren. Die selbstisch entwickelte Sichtweise ermöglicht das eigene formale Universum.
Das erotisch aufgeladene Feld zwischen Kunstwerk und Künstlerschafft und der in ihm sich ausagierende therapeutische Sublimierungs-Acker: Im individuell geformten Haushalt werden die formalen Erfindungen, die ästhetischen Entdeckungen gemacht: Der Körper als vollzogener oder utopischer Fluchtort des Ausdrucks. Die Kreation von Formen ist kein ex-klusiver Akt für Beobachter (Zuschauer), sondern zeigt diejenigen Formen an, mit denen man als Künstler, Künstlerin beobachtend möglichst leben will, mindestens kann. Der Prozess des Formalisierens selbst, etwas in Form zu bringen, um etwas zum Ausdruck, zur Entscheidung zu führen, haftet jeglicher kreativen Produktion an. Die Modellierung der (ästhetischen) Differenz als Variabilität der Differenz im künstlerisch-lebendigen Umgang: Um mit ihr umgehen – sie aushalten – zu können. Die Differenz zwischen den nur formalen, d. h. ästhetischen Konsequenzen einer Entscheidung und einer Entscheidungsmöglichkeit zugunsten lebenspraktischer Umstände besteht darin, dass im künstlerischen Ver-formen Formen geboren werden und nur innerhalb der Ver-formung verwaltet, kommuniziert werden können und deshalb übersichtlich, habhaft im sich darin begrenzenden Bildraum sind. Entgegen der künstlerischen Formbarkeit in der Konstruktion von Kunstwerken werden im psychisch geprägten Handeln die Formen als Fixierungspunkte (z.B. als Verhaltenstics) gebraucht – die Fixierung der Differenz als Nichtveränderung bleibt manifest. Das heißt, die künstlerische Form-Findung gewährt ein Entscheiden-Können ohne lebenspraktische Konsequenzen, weil sie zuerst auf das Wahrnehmen in der Rahmung des Kunstwerks insistiert. Insofern stellt die Angst vorm Formalisiert-werden – der Aufenthalt in Zwangsstrukturen – die Einsicht in die eigene Stärke dar. Denn Kreativität – als Erfindung, Neudeklarierung von Formen – ist ein Akt der Rebellion gegen die gewohnte Kommunikation der Mitteilungs-Form. Tief unten in den Körpern die Sprengung der (alten) Entscheidungs-Form als symbolische-stilistische Starre. Ästhetische Deduktion: In provokanter Stärke bewusster egoistischer Defekte werden akonzeptuelle, verrückte, aber ästhetische Lösungen quer zu den gewöhnlichen Realismen angestrebt und ermöglicht. Der Vorteil des Autisten: Die Unstruktur der Details, die Auflösung der hierarchischen Begriffsbedeutung, die unendliche Simultanität im Blick als Chance: Die Überbrückung der sozial strukturierten, determinierten Felder, Kontexte, begriffen als Ideenreservoir neuer formaler Strukturen.
Mit individueller Empathie in der Weltbegegnung werden Formen gezeugt, die die Möglichkeit schaffen, das Empathische als formalen Zusammenhang im Kunstwerk allgemein zugänglich zu machen. Die (ästhetische) Rebellion als kreativer Ausdruck ist ein individueller Akt des sozialen Engagements. Braucht die Rebellion die Kreativität oder entsteht künstlerisches Handeln aus der Rebellion gegen Realität?