Was für eine Mühe, die einmal den eigenen Lebensumständen zugestandenen Konstruktionen des Wahrnehmens zugunsten unbekannter, neuer Wahrnehmungsgegenstände aufzulösen – als wären sie eine Täuschung.
Sich menschlich zu enttäuschen, das alte Gestrüpp abzulegen, die vorhergehenden Erfahrungen als Täuschungen zu akzeptieren, ist vernünftig. Wie ein Erwachen. Der Traum ist noch da, aber ich träume nicht mehr.
Da schob sich quer über den Horizont ein breiter dunkler Streifen zum Ufer hin, wo ich stand. Eine ungeheure Welle sammelte sich, begleitet von einem neuen Geräusch, ein rhythmisches Flackern im tiefen Bass, kam näher und näher, höher und höher. Alle flüchten, ich versuche mein Laptop von der Hauswand zu lösen: Es ist mit mehreren Fäden angebunden, meine schwarze Tasche liegt schon halb im Wasser, ich muss fliehen. Wohin? In der Scheune haben sich einige vor der ankommenden Flut verkrochen. Ich sehe genau hin: Das Mauerwerk ist nichts mehr wert. Die Scheune wird in den Fluten untergehn. Kurz entschlossen, von Panik ergriffen lasse ich das Laptop sein, die Tasche liegen und renne eine lange Treppe abwärts bis zu einem Mauervorsprung. Ich blicke zurück, sehe die Sintflut langsam kommen, warte, dass sie die Scheune wegbricht. Eine unendliche Zeitlupe der mächtigen Welle beginnt, ein weißer Schaum ohnegleichen – bis ich erwache.
Der anfängliche Eindruck/ Widerstand im Betrachten eines Kunstwerks erweist sich als erste Irritation des Betrachters gegen seine herkömmlichen Formen des Betrachtens: die Kunstwerke werden als Fremdes – die eigene Wahrnehmungserfahrung in Frage stellend – festgestellt. Das Fremde – wahrgenommen als ein zum eigenen Kosmos geronnenes Anderssein – markiert einen Unterschied zum Erfahrungsstand, zur eigenen Gewohnheit des Wahrnehmens.

Letzte Kerze
Ich halte die Flamme
Stunden noch Tage
Einige Wochen
Kann ich sie schützen
Ich werde vor Wind Regen
Auf der Hut sein
Meine Hände
Stoffe, Decken, Gedanken
Deine Papiere
Auch die kleinen
Schützend um sie legen.
Hüten wie mich selbst.

„Grundsätzlich aber halte ich die möglichen Definitionen des Schönen für etwas, das mit der Ökonomie der Formen zu tun hat und somit wertfrei ist; das Schöne ist für sich nur ein anderes Wort für Prägnanz und Stringenz von Sinnfiguren.“ Was kann im Betrachten von Bildern, Kunstwerken, von Zerstörung darstellenden Fotos für den Betrachtenden wertfrei sein: nichts! Wer bestimmt also was und für wen das Schöne eine Sinnfigur ist? Heinrichs gräbt tiefer: „Jeder Bezugsrahmen und jede Technik ist angstmindernd und macht Geschehen erträglicher – was legitim ist. Erst die Ausbildung der Technik zum Abwehrmanöver, das sich als wertfreie Beobachtungssituation tarnt, wird zur entscheidenden Quelle von Irrtümern. Kultur- und persönlichkeitsbestimmte >>Isolierungsstrategien<< >>entgiften<< angsterregendes Material.“
Können Formen – hier gefasst als selbstständig gewählte Einheit von Betrachtungs-Subjekt und Betrachtungsgegenstand – ökonomisch einander entsprechen? Wie verhalten sich Formen, wenn sie einer Ökonomie – als Ökonomie der Formen – unterstellt werden? Aber jedes menschlich Ungesehene oder Gesehene, ein jedes, steht im Beziehungsgeflecht des Sehenden mit der Welt – wer sollte sonst darüber sehen und reden? Für bestimmte Optiken scheint mancher Gegenstand nichts zu sein, mehr oder weniger scharf, gar unauffällig – entfernt von unserem menschlich zugemessenen „objektiven“ Wert. Das, was von Wert frei sein soll oder ist, geht noch über die Metaphysik hinaus, noch über den Ordnungssinn der zwanghaft unbedrängt sein wollenden Scharfrichter des Objektiven – diejenigen, die sich die Ackerkrume als Verzierung eines weißen Hemdes nicht denken können, kaum die Rose mit Stacheln, jetzt, wo sie kaum mehr riecht. Das, was als Wert ökonomisch noch unbestimmt ist (noch nicht: monetär, ästhetisch, philosophisch bewertet ist), von Werten befreit ist, vom chirurgischen und doch gleich unbeachteten Schnitt gefeit: Das soll nicht existieren ohne eine Wertbestimmung. Was auf eine Selbstleugnung des Betrachters hinausläuft, denn er ist ja im Wahrnehmungsakt dabei. Denn: wo sich zu irgendwas verhalten wird, entstehen Verhältnisse, ob nun von Lust oder Unlust beeinflusst. „Die Ökonomie der Formen“ wird vom Menschen zugebilligt oder nicht gebilligt, d. h., sie drücken stets ein bestimmbares Verhältnis von Wahrnehmung und Einordnung aus, den Stand seiner Beobachtung, seines Beobachtungsverhältnisses zur Form, zum Gegenstand. Das sogenannte Wert-frei-sein missbraucht einen Gegenstand, um sich seiner und dem verwickelten Beobachten zum Gegenstand zu entledigen, um sich aus der Sache herauszuhalten, indem die Verwicklung (zwischen Gegenstand und Betrachter) im Sehakt abgelehnt, erwürgt zur Sache gemacht wird. In diesem Schritt entmenschlicht sich der Beobachtende selbst; danach schlägt die heillose Welt der Dinge entmenscht zurück, als unerkannte Sachen sind sie entwertend untätig. Das beobachtende Subjekt wird zerrissen und wo es sich zum Verwalter und Behandler von Sachen erklärt, befindet es sich bereits in Auflösung und wird der Sache, dem angezeigten Gegenstand gleich, subjektlos objektiviert. Das ist anmaßend außerirdisch Gottgleich. Die sogenannte sachliche Haltung des beobachtenden Subjekts macht es selbst zur Sache. Die Entmächtigung des Objekts (durch die Leugnung der Selbstbeteiligung im Wahrnehmen am wahrgenommenen Objekt) führt schnurstracks in die Machtlosigkeit des (am Beobachtungsvorgang beteiligten) Subjekts. In solcher Subjektlosigkeit wird das Nicht-Teilnehmen-können zum Nichts-Damit-Zutun-Haben-Wollen funktionabel. Zwang mutiert zur Verantwortungslosigkeit. Das war nicht Ich, der das machte, be-obachtet hatte, denn Ich – als fühlendes Subjekt – durfte, sollte nicht mit sich selbst verwickelt werden, konnte nicht dabei sein. Die erzwungene Abspaltung des menschlichen Anteils im technokratischen Prozess der Ermittlung von „Objekten“ führt zur Entmenschung des Beobachtungsvorgangs. So sehr vom eigenen Körper zugunsten der Objektivität entwirklicht, wird man zum bloßen Instrument kalter Objektivität und deren Beobachtungskalküle. Man war nicht der, der daran beteiligt war. Einer institutionellen Objektivität zu dienen, ist für das Subjekt ein Versteck unter die das Subjekt entlastenden Enthaltungsvorschriften.
Das menschliche, das fühlende Subjekt trennt sich seinem sinnlichen Wahrnehmungskörper, es entleert ihn, damit es sich seiner Verantwortung nicht stellen muss. Nicht durch sich selbst zu Schicksal werdend, wird das Individuum in Schicksalsverfallenheit – in die Macht und Kälte des Objektiven – aufgelöst: Namenlos ist es tauglich für objektivierende Vorgänge.
Das Zitat von Schrott ist schwach, denn kann etwas so prägnant, signifikant sein, das es unauffällig gegen den Kopf knallt. Wer also stellt Prägnanz fest? Wer benutzt Stringenz und für was, für wen soll gelten, dass etwas prägnant ist? Form („als die Ökonomie bestimmter Formen“) ist immer schon ein durch deren Betrachtung und Erzeugung bestimmter Unterschied.
Die Gleichsetzung von Ökonomie der Formen und sogenannter Wertfreiheit, zu was führt sie?
Letztlich braucht man auch noch die Leute, die Wertfreiheit bestimmen können (= Raoul Schrott).
Die kamerataugliche Näherung an Phänomene, an katastrophische Ereignisse mit deren Abbildung: Der belichtete Moment – der fototaugliche Augenblick – wird als Hort eines archivierten Gestern befristet, befunden als wiederauffindbar gekennzeichnet abgelegt. Der belichtete Ort, das Erlebnis wird durch dessen abgebildete Archivierung besetzt. Schnappschüsse als Platzhalter für zukünftiger Vergangenheiten. Um der Gewissheit willen, morgen noch sich seiner Vergangenheit zu versichern. Die geforderte Veränderbarkeit aller Verhältnisse als stetes Lernen ohne Ende – jeden Moment kann es anders werden – verunsichert noch das Gefühl für den „schönen Augenblick“. Das kleine Verweilen ist schon nicht mehr machbar, gilt als Unkonzentriertheit und wird permanent produktiven Zusammenhängen zugeführt. Die Gegenwart schrumpft zu einer technisch zu meisternden und zu realisierenden Vergangenheit. Die Zukunft ist ein Schreckgespenst, das mit Vorliebe wuchernde Fotoarchive frisst.
Ästhetik als Distanzversprechen
Die erste Maßnahme Katastrophen zu bewältigen, verlangt deren bildliche Vervielfältigung als Wiederholung, um sie der Gewöhnung zu zuführen. Das Unfassbare als Beobachtbares zu bannen, heißt Abbildungen zu realisieren, die mit ästhetisch-formalen Maß des Abbildens hantieren, damit sie als dokumentarisch gemachte erscheinen können. Das gewährt Distanz.
Bilderzwang als bildlicher Zwang, das Reale ästhetisch zu bezwängen? Die technische Wiederholung (wie in Fotografien von Zeitungen) ermöglicht die Verlagerung der Katastrophe ins statuarische Bild. – Medusas Untergang im Spiegel war dem Ab-Bild geweiht.
Die ästhetische Aufbereitung der zu bewältigenden Ereignisse im Fotoformat ist ein Zeichen dafür, dass sich im therapeutischen Zustand befunden wird: sich zu trösten mit Wiederholungen. Die abbildhafte Vervielfältigung der Störung (als katastrophales Ereignis) wired zums ästhetischen Moment verfestigt: Auf Bilder schauen wir mit anderen (ästhetisch-sinnlichen) Kontexten – sie erlauben (formale) Distanz. Die Toten überleben als Kulturschock, meisterhaft abgelichtet.
Das Einmalige, Besondere eines Ereignisses – was gerade so vermutet, angenommen wird – soll anhand seiner Vervielfältigung bezwungen werden. Millionenmal ein Bild gesehen, verdünnt das Abgebildete zur Bedeutungslosigkeit wie der Akt der Wahrnehmung bedeutungslos für das Abgebildete wird. Beliebig geworden – vervielfältigt – zeigt die technisch verhaftete Fixierung (als Abbildung) das Scheitern der Erkenntnis als normative Empathie. In der Abbildung können wir Katastrophen ertragen, oder ihrer habhaft werden.

Preppers choise
Die durch den Produktionswettbewerb geforderte wie geförderte Annahme einer steten Konkurrenzsituation inmitten der Gesellschaft: als ein individualisiertes Gefühl eines allgegenwärtigen Verfolgtseins von gesellschaftlichen Konkurrenten, ob von der Überwachungskamera, von Radiowellen, von vermeintlichen Verschwörungen oder ihren Theoretikern oder von der Unternehmenschefin: die kapital-paranoide Ideenmaschine braucht den drohenden Untergang internalisierter Lebenskonstrukte als Treibstoff zum Fortkommen. Dieser fatal internalisierte Wettbewerb – gegen jeden und alles bis zur universellen Möglichkeit, dass alles geht – setzt ein mit Erkenntnis und Phantasie begabte wie spekulierende Person voraus und seine Furcht, sich zu verlieren. Das mögliche berufliche Scheitern definiert die Angst und den (psychotischen) Einsatz der Mittel. Mehr und mehr wird verkörperlicht, was einmal nur auf einer Vorstellung, Spekulation fußte. Die von Konkurrenz gehetzte Person setzt sich mit seinen angstbesetzten Vorstellungen praktisch spekulierend in eine andere (zukünftige) Gegenwart, sie gräbt sich unterirdisch aus ihrem gegenwärtigen Leben, aus ihrem furchtgebundenen Hier-Sein: Angefüllt mit Vorräten im Beton gewappnet – preppers choise.
Die pathogen spekulative Person setzt sich mittels ihrer – in die selbst konstruierte Realität gesetzten – Annahmen als klüger voraus, um gegen das Hier und Jetzt zu sein, um sich in der angenommenen, vorgestellten Realitätssphäre überlegen gegen andere zu wähnen. Ja, es ist, als ob eine Vorstellungswelt mit allen möglichen, unmöglichen Annahmen konstruiert werden würde, nur, um so vehementer gegen diese – erfundenen – Konstrukte sich zu positionieren. Wenn die eigenen Annahmen über Realität zweifellos erscheinen, so kann man aus (selbst-)versicherter Position gegen den anderen Zustand, den man selbst „ausgemacht“ hat, richten. Der Paranoiker verschwört sich gegen seine gegenwärtige Wirklichkeit, um seine angenommene zu retten. Das Wort „annehmen“ drückt zwei Seiten aus: Zum Einen in der Bedeutung von Vorstellen, Spekulieren (ich nehme an, dass Person E nicht zu Person F zurückkehren wird) – also ein vorgestelltes E zieht ein F – scheinbar – nach sich. Und zum Anderen, annehmen als entgegennehmen eines Gegenstandes (z. B. ein Paket, ein Geschenk) bzw. das Hereinnehmen eines Etwas in den körperlichen Nahbereich. Der stete Versuch, Überblick zu gewinnen, besser noch Kontrolle über die eigene Arbeits- oder Lebenssituation zu erlangen, geht einher mit dem Verlust, in ihr praktisch zu bleiben: Alles wird in Zweifel gezogen, was die mit sich selbst abgemachte und angenommene Vorstellung der eigenen Konstruktion von Wirklichkeit bedroht. Als ob man sich ständig über Bord würfe – aus dem sozial normativen Kontext – und dennoch Commander über den verlassenen Kontext bleiben könnte. Vielleicht kommt daher das Missionarische dieser Quertreiber – vor allem sichtbar im Bezug und der Bezeugung von abstrakten Quellen oder Mythen (z. B. wird gern Bibelliteratur zitiert). Dieses Auf-sich-selbst-schauen aus imaginierter Distanz entleiblicht den Körper – er zieht sich aus sich heraus – und erarbeitet eine disparate Existenz: vielleicht übergießt er sich mit Feuer, Selbsthass oder oszilliert im Nichtentscheidenkönnen über Realitäten. Spaltungen der Persönlichkeit sind im Gange, um die Diskrepanz von bezweifelter Gegenwart und Zukunftsflucht auszuhalten. Schon ungelenke Phantasie schlürft am Blut ihres misstrauischen Versorgers. Ein großes Therapieversprechen: Die Kontrolle des eigenen Lebens als Überleben zu fassen. Als Überlebender ist man lebendes Opfer, weil man gegen die „Verfolgung“ besteht. Wer will das bestreiten. Ein Markt für Fake zuerst. In dieser Bewegung dünkt das hellsehende, apperzipierende Subjekt sich klüger, wissender über die von ihm gerichtete, zurückgelassene Situation, über die es Herr sein will. Hier kollidiert der voreingenommene Mensch mit den realen Lebensinteressen- und Bedingungen der Gesellschaft. Das hiesige Leben scheint ein unendlicher Damm gegen die Verwirklichung seiner Versuche die Übersicht darüber zu behalten. Die Annahmen über seine wirkliche Lebenspraxis erscheint dem Paranoiker selbst widerspenstig, unpassend. Diese paranoide Situation bezieht das geistige Leben aus seinen physischen und psychischen Bedingungen, die seine Wahrnehmungen determinieren. Fortgegangen von sich, um sich einzufangen als selbst verantwortlich gegen/ für alles zu wissende, was es in sich und außer sich vorfindet. Findet es Rückkehr. Es spinnt sich ein ins Flüchten aus dem Netz.
In der zunehmenden Entkopplung von den ergreifenden Lebensprozessen durch den Versuch, gerade über sie Klarheit, Übersicht oder Macht zu gewinnen, entschwindet das spaltende Subjekt ins paranoid-produktive Nirvana. Das, was weltlich das Subjekt störte, trifft nun als verstörtes Subjekt auf eine Welt, wo es stört. – Was seine Zweifel um so mehr bestärkt. Es ist wie: Der Unwahrheit angehören und ihr nicht mehr inne sein.
Es steht da wie eine Diagnose: „Das Ganze, wie es im Kopfe als Gedankenganzes erscheint, ist ein Produkt des denkenden Kopfes, der sich die Welt in der ihm einzig möglichen Weise aneignet, einer Weise, die verschieden ist von der künstlerischen, religiösen, praktisch-geistigen Aneignung dieser Welt. Das reale Subjekt bleibt nach wie vor außerhalb des Kopfes in seiner Selbständigkeit bestehn; solange sich der Kopf nämlich nur spekulativ verhält, nur theoretisch. Auch bei der theoretischen Methode daher muß das Subjekt, die Gesellschaft, als Voraussetzung stets der Vorstellung vorschweben.“
Das, was im bürgerlich-sozialen Wirklichkeitsprozess täglich tausendfach ausgespuckt wird, soll in der Prosa einer Beschreibung von Schicksal X Y ein Ausnahmefall sein. Etwas außerordentlich Unterhaltsames. Was im bürgerlichen Drama als individueller Extremfall in der Gesellschaft offeriert wird, ist wenigstens simultane Allgemeinheit, ist offenkundig zum Einzelfall verheimlicht: im individuellen Körper sanktioniert. Woyzeck schreit, Lenz atmet für uns. Die schicksalshaften Extreme einzelner Protagonisten sind die Gliedmaßen Ketten und Räder des gesellschaftlichen Körpers. Es ist das Individuum, das die Gesellschaft kaum aushält – es ist verbannt in die Literatur. – Nahrung für ästhetische Kompromisse.
Wie die funktionalisierte Reproduktion des Individualismus als saisonal modische wie thematische Wiederkehr einem geschäftlichen Interesse folgt, so kennzeichnet das Kopieren, Vervielfältigen, also dessen Verallgemeinerung andererseits seine Verweigerung. In die errungene Beliebigkeit abgeschoben, bricht der reproduzierte Individualismus, das uniform gemachte Individuum unter dem über ihm ausgeheckten Zielgruppengefängnis, seinen Zuschreibungen ins Nichts zurück. Aus der unerhörten Begebenheit eines Einzelschicksals folgt die Beschreibung der Schwierigkeiten, es zu beschreiben. Die Beschreibungsschwierigkeiten füttern das Bedürfnis nach einer (nur) beschreibenden Haltung: es entsteht eine vielfältige Prosa spekulativer biografischer Erlebnisse, um mit Beschreibungsakten Wirklichkeit zu entwerfen oder im Zustand des Schreibens zu installieren. Was sonst, können wir tun?
„Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist.“
In der Durchdringung der Spiegel wird das Konkrete kristallisiert: Die Dinge erscheinen in einer Fläche zusammengefasst. Die anwesende Reproduktion des Konkreten (die wimmelnden Gegenstände im spiegelnden Angesicht), was heißt: da ist ein Ereignis – ein Spiegelbild – und ein Blick in es hinein, eine beobachtende Position: zugleich kann sie nicht alles sehen, sie ist im unübersichtlichen Kanal des Wirklichen verfangen. Aufklärung – oder besser formuliert: die Differenzierung des Beobachteten, ist die Entdeckung von Mannigfaltigkeiten, ist die beobachtende Verfolgung der noch unentdeckten, noch nicht sofort erfassten simultanen gegenständlichen Bestimmungen. Konkret werden Dinge, Ereignisse, Tatsachen, wenn sie Bedeutung erhalten, wenn also die Mannigfaltigkeiten unter kategoriale Funktionen zusammengefasst werden. Auch wenn das Konkrete wie Marx sagt, „der wirkliche Ausgangspunkt“ der Anschauung und Vorstellung ist, hat es doch seine geschichtliche Herkunft: Das Konkrete in der Anschauung ist Resultat wie Ausgangspunkt der Vorstellung für neue Resultate: je nach Ausgangsunkt – Kontext – neu gemixt für andere Zusammenfassungen: Theorien.
Konkreta sind Spur und Vorstellungszweck in Einem, eine Einheit eben. Jenseits der konkreten Spuren – gemachten Erfahrungen – werden Theorien gebildet als Inhaltsversprechen eines zukünftigen Konkreten. Was als Konkretes erwartet wird, aber noch nicht sinnlich eingeholt werden konnte – als konkretes Ereignis – wird als theoretischer Platzhalter für vorher determinierte Resultate eingesetzt, um die daraus umzäunten Resultate (wieder) zu erhalten.
Die Theorien, Kopfgeburten, Vorstellungen (übers Leben usw.) konkurrieren mit ihren bedachten Tatsachen, mit dem, was konkret in der Vorhersehung der Fall sein soll. Es wuchern die Theorien – Vorstellungen – und nicht ihre Fälle. Dass die Theorien, Annahmen, die Vorhersehungen so ins Kraut wachsen, hängt vielleicht damit zusammen, dass sie ihrer Fälle nicht habhaft werden oder, dass sich die theoretisch umkreisten Tatsachen nicht so verhalten, wie sie es zu ihrer theoretischen Befestigung brauchen.
In Nachrichten- und Unterhaltungsmedien erscheint Sexualität als Menschheits-Bedürfnis, als von Menschen gemachtes wie gefordertes Bedürfnis. Für die Produktpräsenz der Kanäle werden intime, lüsterne Bezirke gestachelt und annektiert: Mediensex. Die Creme, das Auto, der Urlaubsplatz, Filme und Kleidung sind ohne den freizügig offerierten Busen im Prospekt nicht zu haben oder an den Mann zu bringen. Gegen allen Eigensinn individueller Empfindung werden Produkt-Bedürfnisse sexistisch besetzt. Die glitzern projektierten Paarungsversprechen erscheinen als größte anzunehmende Verwirklichung eigener Bedürftigkeit. Die sexuelle Lust ist universell und betrifft alle soziale Schichten – im evolutionären Sinn wirkt sie vertikal – mit dem Unterschied, dass deren Vollzug für prekäre Lebensumstände die letzte eigenmächtig zu erbringende Befriedigung darstellt. Sexuelle Befriedigung als Überlebenspraxis: der Körper als letzte erfüllbare Bedürfnis-Festung, aber auch Brücke zu ihm. Ist Sex-Haben eine Art Überlebensmetapher? Bürgerlich geschulte Mediziner haben in Konzentrationslagern einzelne männliche Häftlinge gerettet (aus der gegen sie künstlich herbeigeführten Unterkühlung), indem sie mit nackten Frauen belegt wurden.
Das Sex-TV markiert eine Bremsspur im bürgerlichen Leben. Es hält die Zuschauer an, bei sich selbst – ihren basalen Bedürfnissen – zu verweilen. Wenn es stimmt, dass all die körperlichen Bewegungen der menschlichen Reproduktion (wie in zugänglichen visuellen Medien gezeigt) den menschlichen Bedürfnissen des Publikums entsprechen, dann zeigen die engagierten Paarungen in medialen Kanälen, dass die Entfaltung und Lebendigkeit der menschlichen Lust lediglich ein Akt der Penetrierung ist. Die Medienpräsenz des (patriarchalisch geprägten) Sexus zeigt den Mangel sinnlicher Möglichkeiten an, den die bürgerliche Gesellschaft der einzelnen Lebenspraxis einräumt. Im unsinnlichen Leben und daher wirklich kapitalen Leben scheitert die erregende Brust an den Vorgaben ihrer Schwester aus Silikon. Erektionen sind da nichts mehr Beschleunigendes – sie kommen als eruptive Vollbremsung des Menschen im Seidenkissen zum Erliegen. Dass Emotionen auch korrumpierbar sind, heißt nur, dass mit ihnen ein Geschäft zu machen ist. Die Drüsen sind trocken gelegt, die Kinderhoffnung versandet im Überlebenskampf. Nun Bindungslos geworden, wird die menschliche Lust zum medialen Ereignis, zur merkantilen Spielanleitung degradiert. Die Ausbeutung der Einsamkeit wird im verfügbaren Sex-Produkt fortgesetzt. Machs dir selbst oder lass es dir machen, aber hoffe nicht auf Liebe.
Die auseinanderbrechenden Erfahrungsbereiche, durch Lohnarbeit zerfetzte, kollidierend mit privaten Ansichten, immer mehr stecken sie im unerreichbaren Detail: an den Warzen, Schwanzlängen, Lippengrößen. Die Reste sinnlicher Ansprüche sind zu Delikatessen verkommen. Manieriert.
Die kapitalistisch vorangetriebenen Spaltungsprozesse der arbeitenden Menschen zu beschreiben, führt zu der Schwierigkeit, die Spaltungen darzustellen, ohne der abstrakten Vorstellung vom ganzheitlichen, gesunden oder ursprünglich ungespaltenen Menschen zu folgen. Der Setzung idealer gesellschaftlicher Normen im Zuge kapitaler Behandlung menschlichen Verhaltens, steht der konkrete, wirkliche Mensch den operativen Kalkülen entgegen und erscheint vor ihnen unnütz. „Die Disziplin steigert die Kräfte des Körpers (um die ökonomische Nützlichkeit zu erhöhen) und schwächt diese selben Kräfte (um sie politisch fügsam zu machen). Mit einem Wort: sie spaltet die Macht des Körpers; sie macht daraus einerseits eine >Fähigkeit<, eine >Tauglichkeit<, die sie zu steigern sucht; und andererseits polt sie die Energie, die Mächtigkeit, die daraus resultieren könnte, zu einem Verhältnis strikter Unterwerfung um.“
Der lebendig erfahrbare Widerspruch der Herzen zwischen der von Algorithmen geprägten digitalen Rationalisierung sozialer Beziehungen (social media) zugunsten ihrer warenförmigen Verwertung und dem von Rationalisierung ausgehenden Utopieversprechen ans private Glück, reibt die durch die „Teilnahmebedingungen“ dividierten Herzen auf. Die private Utopie entsteht durch die gescheiterten Versuche der Nutzer-Person, sich des versprochenen Glücks durch social-media-content einer sozialen Aufmerksamkeit zu ermächtigen. In der Person wütet der Widerspruch zwischen subjektivem Utopieanspruch und seiner gerätehaften Verwirklichung wie Abhängigkeit. Die Verwertung des personellen Lebens kulminiert im Opfer dieses einstmals möglichen selbstmächtigen Lebens zugunsten des unterstellten Fortschritts an medialer Partizipation. Diese Spaltung der Person kommt in der Einsicht zum Kämpfenmüssen, zur permanenten Ertüchtigung für das private Fortkommen einerseits und der ebenso einsichtigen Verzweiflung vor dem sinnlosen wie heroischen Kampf gegen die digital einzugehenden Verhältnisse andererseits wieder zum Vorschein. Die Spalten, Zweifel in der Person als ihre eigene Maske (Personae) zeigen sich in wahnwitzigen konsumtionellen Entlastungskäufen, in einem kolonialen Raubbau an der Natur und sozialen Stadträumen, der sich aus der aufgeopferten Persönlichkeit bis zu ihrer Täterschaft rechtfertigt. Eine Ambivalenz von Einsicht und Ohnmacht, die paralysierend sich toxisch auf alle sinnliche Verhältnisse ausbreitet: verrückt oder mitlaufend, tötend. Die Anerkennung der modernen Lebensverhältnisse reproduziert stetig ein Ohnmachtsverhältnis zu ihnen. Wird der Kampf um die eigene Anerkennung, der auch ein Kampf um das schon sicher Geglaubte ist (ein Streit um die individuellen Einsichten, Ansichten etc.), nicht angenommen – kann da nicht von einem Misstrauen in die erarbeitete Anerkennung des gebotenen Lebenssinns gesprochen werden? Diese Menschen (die ambivalenten Geister, die intellektuellen Vorarbeiter) vibrieren in ihrer Verunsicherung. „Aktion ist das tote Ende der Möglichkeit“ Die gespaltene Persönlichkeit, das Schizophrene ihrer Lebensumstände, ihre Schizophrenie sucht Ruhe, einen stillen Ort der Ungespaltenheit: im Fetisch, im Fett des Genusses, im unverrückbaren Besitz – und findet nichts!
An dieser Stelle warten schon die Drogenhändler, die Religionen, die V-Theoretiker, die Simplifizierer: Die Schafe werden mit Esotrash, medialen Füllungen ihrer Ohnmächtigkeit satt gemacht. Die Erbetung der Erlösung soll eine Entlastung vor zu großer Komplexität erwirken. Klarheit wird konstruiert, die Bedingung der Möglichkeit erstickt.
Religiöser Eifer, der Rückzug auf den Herrn, den Stein, den Kosmos als Sammelbecken für diejenigen, die aus der ertragenen Entfremdungserfahrung kommen und herausgefallen sind oder die nicht bereit oder fähig genug sind für jene Behandlungsmethoden, die solche Entfremdungsopfer in den Arbeitskreislauf wieder einpressen. Der von Entfremdung angetriebene Konsum ist ein Parkplatz auf dem Trümmerfeld lebensoptimierender Produkte. Intellektueller Schrottplatz (Niklas Luhmann). Der Kampf um Anerkennung mündet in die Anerkennung der Niederlage, die sich in einem Anspruch auf ein Opfer-Sein stabilisiert und daraus ableitend zum Anspruch auf Mitleid, auf Wertschätzung der geleisteten Arbeit formuliert. Schließlich auf die gebotene gesellschaftliche (Sozial-)Hilfe als Resultat der verlorenen Ich-gegen-die-anderen-Kämpfe positioniert. Als Opfer ist man nicht Verlierer, sondern schuldlos und hat einen Anspruch auf Mitleid. Deshalb ist eine soziale Anerkennung des „Unvermögens, des Opfer-Seins“ für einen daraus – sozial abgesicherten – Anspruchs auf Opferschafft existentiell.
Oder: Das Anerkannt-Sein provoziert eine Art retrospektives Verhalten, in eine Projektion der Zeit vor dem Anerkennungs-Kampf hinein. Der retrospektive Standpunkt ermöglicht, das Gewordene, das Resultat oder was sich am Ende auftut als Gewolltes, Geplantes, als etwas, das sich zwingend „aus den Umständen“ heraus bewegte, darzustellen. Storyline. Was dem Opfer wie Schicksal ins Leben fuhr, ist für die Erfolg-Reichen selbstverständlich selbst getan. Das Vergangene ist die Beruhigungsidee im Therapiemodus: Das Kommende ist für den anerkannten Menschen eigenmächtig praktikabel und für den Opfer-Menschen ist das Gewordene als unumgänglich darzustellen, d. h. unabänderlich und unabhängig von der sich als handelnd begreifenden Person – als wäre sie nie in Sozialisation eingebettet gewesen. Die Idee allerdings, dass das Geschehene nicht so kommen musste, wie geschehen, frisst an dem Boden, auf dem gestanden. Man müsste aus einem zukünftigen Standpunkt heraus, das Kommende beurteilen, d. h. der Vergangenheit wieder eine (menschliche) Perspektive mitteilen, statt in der versuchten Begründung des Geschehenen sich zum Fatalisten zu machen. Die Zeitalter würden dadurch wieder menschlich zugänglich, es öffnete die Geschichte gegen ihre hineingesagte Vernunft. Die geschichtliche Immanenz ist eine von Menschen gemachte. Aber der Stillstand, Bruch, Zusammenfall einer Bewegung, das Aufhören hat nichts mit der ihm unterlegten Zielsetzung gemein. Der das Leben verzehrende Prozess des Da-Seins (menschliches Entäußern) schrumpft zum das Leben lediglich behaltenden Zustand, zu einem am Leben sparenden. Das betroffene Individuum ist ein nur an seiner Biologie teilhabendes geworden. Selbstmitleid – oder: „mit Jesus, den Steinen, Schmetterlingen mitleiden“ – drückt die Anerkenntnis dieser Einsicht aus. Es ist ein Mitleid mit sich selbst; die Klage an sich, sich nicht – für sich – einzumischen. Selbstmitleid als lebendige Negativität. Religiös motivierte Beruhigungen vor der lärmenden Ohnmacht in Geboten (Testamenten) sind schon Spiegelungen gegenstrebender (negativer) Realität. Die Gebote, angehimmelten Realitäten repräsentieren ihren nichtverwirklichten Inhalt – und verfestigen ihn damit als totalitär, zeichnen das in (biblischer) Anleitung gebotene Leben zum Gegenspieler des individuell als Schicksal erfahrenen Lebens aus. Vor dem Allmächtigen. Die kleine Ohnmacht wird durch allgegenwärtige ersetzt.
Das gespaltete Individuum, welches nicht zum Kämpfen, Entäußern kommt als eines, das seine Spaltungen nicht mehr in sich aushält, nicht vereinigen kann. Es trägt seine Spaltungen nach außen, schafft sie fort, schneidet sie ab – es wendet sich sich zu, indem es sich zerschneidet, parzelliert. Dann erst entsteht das Individuum, das sich aus Teilen bestehend sich selbst begreift. So ist es in der Lage, Teile, Erfahrungen, also sich zu entäußern, sich von ihnen – sich – zu erleichtern, indem es sie mitteilt. Das gespaltene Individuum veräußert seine Einsichten, um von den Kämpfen nicht bedrängt zu sein. Das sich schizophren entwickelnde Ich fordert die Anerkenntnis seiner Negativität zunehmend ein; es braucht Zeugen in seinem heroischen Kampf vor den Kämpfen, gegen die Kämpfe, für seine Exhibitionen im Kopf. Das Individuum spricht mit sich, es erhält sich als Stellvertreter seiner selbst. Es ist zu Selbstmitleid/ Blockade der Anderen fähig. Es kann vor dem Berg um seine Nichtbesteigung trauern. Es ist der Schmerz, den Eingang zum Leben nicht zu finden oder ihn vermeiden zu müssen. Wer leidet, kämpft nicht. Die Blutenden bleiben der Schlacht um die Zukunft fern. Leiden (Selbstmitleid) als Maske des überlebten, scheinbar geführten Kampfes. Das theoretisch antizipierte, vorhergesehene, vorgelittene Kampf-Ende als mentale Reserve: Das Schöne der Vorstellung ist ihre Möglichkeit, nicht deren Verwirklichung. Dies Leiden als etwas Artifizielles.
Selbstmitleid schiebt sich vor die Selbst-Erkenntnis, den eigenen Spiegel, dessen Anblick als Selbstverletzung gefürchtet wird: Ich gegen Ich: Selbstreferenz als positive Lebensaneignung wird als Negativität, als Opfer zum Leben gefasst – der Rückzug ins Selbstmitleid dient zur Stabilisierung gegen den Einbruch der Erkenntnis. Der Verlust bzw. die Vermeidung vor dem selbstverantwortlichen Kontakt mit dem erkennenden Selbst, seiner Wirklichkeit scheint vermieden, solang er nicht gemeldet oder ausgeschrien wird.
Die in den medialen Maschinen wie TV, Facebook, Instagram, Tiktok und in anderen sozialen Medien angebotene und durch das Publikum selbst bereit gestellte Kommunikationsmasse von Informationen werden in Unterhaltungs-Produkte aufbereitet, zerlegt, durch Werbe-Blöcke interpunktiert und von Werbefirmen bzw. Datenfirmen bezahlt. Das, was reproduzierbar gemacht werden kann, ist produzierbar. In wiederkehrenden Narrativen wie zum Beispiel einfältig unschuldiger Katzenvideos, mit leichten wie inszenierten Momenten emotional getriggerter Privatheit – wird informativer Kontext zu einem neuen Produkt reformuliert, zur Soap geflickt und runter gebrochen. Die versprühten Themen machen den Betrachtenden zum willfährigen oder angewiderten Konsumenten – angreifen kann er kaum. Die entsinnlichende Parallelisierung von allgegenwärtigen Nachrichten-Konsum zum abstrakten Schicksal der Protagonisten findet statt. Vom Content entfernt, von Werbung umstellt, wird der möglichen – individuellen – Geschichte nicht statt gegeben. Die Industrie-Brüders arbeiten mit dem Besteck ihrer unternehmerischen Freiheit am „schwindenden Sinn für eine gemeinsame Wirklichkeit“, damit wir das gemeinsame Medium bidirektionaler Kommunikation, unsere Erfahrungen auszudrücken, verlieren. Es entsteht durch diese Scheidung das digitale Niemandsland der individuellen Geschichte. Parzelliert, auseinandergerissen, stopfen wir unsere Hirne mit Trash. Es bleiben verhackstückte Ebenen käuflich zu erwerbender Wahrnehmung: das Produkt – als ästhetische Akt – der Wahrnehmung blutet in die Kommunikation des Produkts aus und wird zur Hieroglyphe, die die sinnliche Konstitution oder Betätigungsweise des Menschen zuschüttet. Der Kampf hat längst begonnen: Wenn wir vom kapitalen Narzissmus wegkommen, können wir die „Lücke“ ästhetisch-ethisch füllen.
Das „Recht der informationellen Selbstbestimmung“ zeigt: „Viele Experten halten das Auslesen von Informationen aus E-Mails zu Zwecken der Werbung für einen erheblichen Verstoß gegen die Vorschriften des Datenschutzes. [Und jetzt kommt das angesprochene Unternehmen – das kapitalistische Eigeninteresse – selber zu Wort:] Wir gebrauchen diese Informationen intern, um Ihnen den besten Service liefern zu können, so zum Beispiel Verbesserungen am Nutzer-Interface, Verhinderung von Betrugsversuchen bei unserem Reklame-System und bessere Zielgruppen-Werbung.“ Liest sich wie Zielerfassung: im Fadenkreuz sind die künftigen (Konsum-) Abhängigen. Nur wer vielfältige Daten über sich preisgibt, liefern lässt, kann sich des Komforts der Nutzung „sozialer Medien“ versichern und sich im Netz – im solistischen Massenkonsum– gefangen nehmen (lassen). Die Versicherung schließt den Komfort ein, Werbeziel zu sein, selbst das Produkt zu sein. Aber gerade diese Durchleuchtungen entpersönlichen den privaten Gebrauch, weil sie aus dem Lieferanten der persönlichen Daten eine auf den wirtschaftlichen Verkehr reduzierte werbeträchtige Datensatz-Person machen. Die jeweilig ermittelten Werbe-Ziele, die nun durch Daten individualisiert zum Kunden herausgeschält worden sind, sollen ihn auch treffen und ihn schlagkräftig bearbeiten können. Angesichts der technischen Möglichkeiten der Datenverarbeitung (hinsichtlich welcher sie entwickelt werden) ist nichts, was es überhaupt über jemanden zu wissen gibt ohne Belang. Es gibt keine sinn- oder nutzlosen Daten mehr.

Daten Daten Daten
Jede menschlich motivierte Fortbewegung hinterlässt im 21. Jahrhundert Datenspuren. Die in sozialen Medien durch individuell entschiedene Posts erzeugte Persönlichkeit folgt dem Glauben, die eigene Öffentlichkeitsäußerungen kontrollieren zu können. „Was jemand ist, verdankt er der Kontrolle seiner Erscheinung.“ – Das ist im 21. Jahrhundert eine Illusion. Es entsteht eine durch Daten generierte Doppelwelt des Menschen. Alltägliche Kommunikationsmittel (Smartphone) weben deren Nutzer nicht lediglich in das zu Kommunizierende, sondern überhaupt in andere durch das Kommunikationsvermögen entstehende Zwecke/ Interessen ein. Selbst das Gespräch zwischen zwei Personen schafft abertausend potentielle Zuhörer. Das Sprechen erzeugt jenseits seines zwischenmenschlichen Bedeutungs- oder Beziehungszusammenhangs Kontextualisierungen für digitale Systeme der Produktion und für deren Netzstrukturen. Die Bedeutungssuche – welches Nutzerprofil liegt über den Kunden XY vor usw. – erschleicht sich mehr Daten über den Nutzer als der betroffene Nutzer imstande ist, von sich selbst zu entwickeln. Die vom Nutzer generierten Daten-Umfänge drohen ihn in die über ihn entwickelten Algorithmen zu entleeren: Er wird algorithmisch vorhersagbar. Die persönlichen Datenspuren werden für die Nutzer-Person selbst zu unlesbaren Hieroglyphen einer digitalen Biografie – sie ist virtuell, weil sie kaum analog für das Subjekt ratifizierbar ist. Die Biografie hat ausgedient, aber der biografisch intendierte Datensalat ist ein Schmaus für Werbefirmen. Für Produkte sind ausgesuchte, d. h. datensichere Kunden bedeutender als die Produkteigenschaften für den Kunden selbst. “Die meisten Unternehmen wissen gar nicht, wie wertvoll die Daten sind, die ihnen über ihre Kunden vorliegen. Wir strukturieren Ihre Daten und schaffen Zugriffsmöglichkeiten, generieren interne und externe Zusatzinformationen und schaffen Wissen zu jedem Kunden. Damit ihre Entscheidungen immer auf einem starken Fundament stehen.“
„[Es] zeigt sich auch, dass kein klarer Trennungsstrich mehr gezogen werden kann zwischen Daten, die von Privaten für wirtschaftliche Zwecke erhoben werden und Daten, die der Staat für öffentliche Zwecke nutzt (…) Umgekehrt kann über Ermächtigungen, beispielsweise in der Strafprozessordnung oder in spezialgesetzlichen Regelungen, der Staat selbst auf von privater Seite erhobene und genutzte Datenbestände für seine eigenen, jeweils bestimmt zu umreißenden Zwecke zugreifen.“
Konklusion: Im Bewusstsein der bösen Vor-Ahnung, kann man sagen, dass kein auch noch so subjektiv motiviertes digitales Handeln im Internet wieder in subjektiver Aneignung, Bemächtigung mündet. Während eine geheuchelte Darstellung des Privaten – als versuchte Lebensinszenierung – ermöglicht wird, erscheint der Rückzug aus der digital operierenden wie vernetzten Öffentlichkeit desto dringlicher für das unter digitaler Objektivierung stehende und sich fühlende Individuum. Damit befindet es sich bereits in einer psychischen Drucksituation, sein sich veröffentlichendes Verhalten gegen die permanent vernetzte öffentliche Anteilnahme anzupassen, zu verändern, es unsichtbar zu machen. In einer Art Maschinenstürmerei, Kunstaktion werden die Handys in den Fluß geworfen und wieder heraus gefischt. Das „prophylaktische Sicherheitsbedürfnis“ des Staates, des Unternehmens gegen potentiell wie paranoid reale Gefahren löst die Sicherheit – Privatsphäre – des Einzelnen und damit seine Privatheit auf. Die Paranoia des Staatsapparates, des Unternehmens als dessen Misstrauen gegen das lebendige, nicht vorhersehbare chaotische Wesen macht alle zu Patienten und zu potentiellen Zuträgern des Verrats.
Die elektronische Datenerfassung als Enteignung persönlicher Daten. Der digitale Netzfaden einer Person kann als unternehmerische Anteilnahme am persönlichen, einzelnen Leben aufgefasst werden. Eine Art Interesse an der Person, die sie selbst – als Datenproduzent – nicht spürt. Jede weitere Verschachtelung mit oder in Netzwerken, jeder weitere digitaler Faden (Spur) hält die Person als Kunde fest. Ein Halt wie Festgehalten-Werden zugleich: in der Echokammer selbstreferenzieller Netze.
„Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss. Diese datengetrieben Ideologie zielt auf eine Entpolitisierung der Macht, auf die Virtualisierung der Verantwortung. Und damit auf die Aushöhlung der Demokratie. Und es handelt sich nicht um ein isoliertes Phänomen der Terrorbekämpfung.
Denn der Fortschritt selbst – die sozialen Medien mit neuen Datenkategorien, die Beherrschbarkeit großer Datenmengen, die Robotik – hat nebenbei die Bereitschaft erhöht, mehr und wichtigere Entscheidungen der Maschine zu überlassen. Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz.“
Ein promotheisches Gefälle.
Die persönliche Hingabe für einen anderen Menschen als Projekt, als Projektion des eigenen Anspruchs an sich selbst: Aus dem Agieren gegenüber dem Anderen erwächst der Anspruch, von ihm ebenso behandelt zu werden: als Bestätigung des eigenen Verhaltens gegenüber dem Anderen durch den Anderen. Das „Gleiche-Tun“ im Kontext eines gemeinsamen, das heißt: nachahmenden Handelns – in der Interaktion mit anderen – stärkt das eigene Handeln durch die (bestätigende) Spiegelung der anderen Interaktionspartner. Die selbst erfahrene Be-Handlung durch andere Interaktionspartner kann zum Muster eigenen Verhaltens werden: soziale Internalisierung. Das Nachahmen von Verhalten, von Interaktionen ist daher früh ein sozialer Spiegel im Prozess von Sozialisation, um erwartbare kommunikative Strukturen (Verhalten) zu konstruieren. Das Verhalten der anderen löst leicht eine Selbstbezüglichkeit zum eigenen Verhalten aus, das wiederum rekursive Schleifen interpersonaler Kommunikation antreibt. Man agiert vor sich selbst – und den anderen – , wie man mit anderen zu agieren erwartet. Das eigene Verhalten wird durch den Anderen gespiegelt als (Selbstbe-) Spiegelung des eigenen Verhaltens (gegenüber ihm). Die Selbstdisziplin – das selbstgerechte aufmerksame Verhalten im sozialen Umfeld – wird zur Verhaltenserwartung gegen andere. Die andere Seite des Selbstspiegels: Wer sich nicht schont, wird weniger noch andere schonen – das eigene Verhalten zur Umwelt wird zur Erwartung, dass die Umwelt ebendieses Verhalten (zurück) spiegelt.
Die andere Seite:
Dem von einem Anderen gehegten Anspruch gegen die eigene Person nachzugeben (z. B. der Sorge des Anderen zu entsprechen) oder zu erwidern, sich hin zu neigen zum „Gegen-Ich“, zum Außer-Ich-seienden, das gegen oder für mich wirkt, das mich als „den Anderen“ sucht (wie ich ihn), spiegelt die Praxis einer Neigung wieder, die das gebende, hinneigende oder sonst wie Bereitschaft zeigende Ich schon in seinem Anspruch an sich selbst aufgestellt hat und von jetzt an weiter entwickelt. Dasjenige Ich benutzt die Optik des Dienstes, Dienens, um den vergifteten Kelch einzuschleusen: Im Dienst am Anderen, im Spiegel der Vergewisserung, wird das Ich sich seiner projektiven Spiegelung gleich – seiner Projektion des Ich im Anderen: Der Andere soll dem Anspruch des eigenen Ichs folgen – koste es, was es wolle. Der Andere soll mir schuldig sein, was ich von ihm brauche. Das selbstkonstruierte Bild des Ich ist dasjenige, dem es aufrichtig dient – und: das dem Anderen als Projektion seiner selbst zu Diensten ist. Der Andere, den das Ich stets als sein Spiegelbild – Konterfei, seine Maske – konstruiert, ist der, der dem Ich zum Ich verhilft. Die Hilfsbereitschaft gegenüber Anderen kommt einer Klage für sich gleich – so möchte man sich selbst geholfen wissen.
Damit das gesellschaftlich bestimmte – also sozial verortete – Individuum in der Entäußerung seiner selbst, im selbstisch-kreativen Verbrauch seines menschlichen Abstreifens des Tiers, zur ausdrucksmäßigen Natur seiner gesellschaftlichen Emanzipation kommt, an ihr partizipieren kann, braucht es nicht die Herabsetzung seiner ursprünglich tierischen Kinderstube, seines produktiven Standes seiner Häutung, seine Ausschlachtung seiner Gelüste. Der so markierte Mensch muss zuerst die beschränkenden wie normativen Voraussetzungen, also Zugangsbedingungen zur gesellschaftlichen Teilhabe mit menschlicher Äußerungswut überwinden dürfen: Mit der Differenzierung zwischen eigenem – formalen, beschreibbaren – Ermessen im Verhältnis zu konfrontativen sozialen Umwelten sind Kunstwerke transformatorische Akte der Aneignung dieser Ambivalenz. Der künstlerisch tätige Mensch beginnt also als sozial geforderter Einzelkämpfer, als ein sich selbst ernannter Künstler, schottet sich von seiner in Angriff genommenen Umwelt ab, und schreit solang bis alle an ihm partizipieren oder nicht mehr weghören können. Die Exklusivität künstlerischer Tätigkeit hört auf, wenn sie als soziale Inklusion für alle Beteiligten – in Produktion, Perzeption, Partizipation – begriffen wird. Man sagt, die alltäglichen Verhinderungen des Menschen seien in seiner Geschichte selbst, seinen Biografien zu suchen. Als würde das in uns eingeblutete Tier uns ohnmächtig in unser Schicksal einzwängen, um gegeneinander loszugehen bis der Stärkere überlebt. Aber das ist die Forderung, dass wir auf unserer bisherigen Geschichte sitzen bleiben sollen und unser Geschick nicht in Frage stellen. Alles menschlich zu Entwickelndes wäre verurteilt zum religiösen, esoterischen, ideologischen projektiven Warten oder Glückhaben auf St. Nimmerlein. Den Menschen nur als Instinkt geleitetes Tier herauszufordern, den sozialen Zusammenhang als Natur gegeben zu provozieren, offenbart das vergeistigte Tierreich des zerstörerischen Produktionszwanges im Sinne des „Only the fittest survive“. Die Mütter treiben ihren Neugeborenen menschliche Möglichkeiten der Existenz aus, um selbst funktionieren zu können und: damit die Geborenen eine zukünftige Chance haben.
Die neuen Voraussetzungen einer humanen Gesellschaft sind an die Bedingung der Ablösung der alten gebunden. Bleibt also nichts anderes, als mit sich selbst zu beginnen – bis eine kritische Masse erreicht ist? Marx redet vom Sprengen der Verhältnisse und Lenin von missionarischen Außerirdischen:
„Was den Appell an die Masse zur Aktion betrifft, so wird das von selbst kommen, sobald es eine energische politische Agitation, lebendige und aufrüttelnde Enthüllungen geben wird.“[…] “Das politische Klassenbewußtsein kann den Arbeitern nur von außen gebracht werden.“
Die Universalisierung privater Ansprüche z. B. am Konsum orientierten Unterhaltungen, die ver-braucht werden zur Ablenkung von menschlicher Einzelheit, Einsamkeit, führt zur Konstruktion menschlicher Differenzen außerhalb des Konsum-Bereichs. (Man definiert sich über den Besitz.) Das permanente Angebot zur Unterhaltung wirkt als existentielle Bremse auf den durch Konsum vereinzelten Ver-Braucher, denn er kann sich seinen menschlichen – nicht konsumtionellen – Bedürfnissen kaum noch stellen und tötet seine Geselligkeit. Der konsumtionell repräsentative Uniformierungsdruck durch die funktionalen Schranken normativer Gesellschaft (Geld, Besitz, Job, Herkunft) schlägt bis zum als privat inhaliertem Interesse durch, um nicht gänzlich von der rohen aber gesellschaftlichen Beteiligung ausgeschlossen zu werden. Die „freie Entwicklung eines jeden“ als „Bedingung für die freie Entwicklung aller“ wird blockiert.
Ich habe diesen Artikel vor ungefähr 15 Jahren geschrieben; knietief in der Marx Exegese und mit Kritischer Theorie befangen. Diese Beschäftigung half mir, meine Wut zu regulieren.