240, kritische Kritik – als Selbstzerstörung

Kritik ist Waffe: gegen sich, den selbstkritischen Kritiker gewendet. Das zweifelnde Selbst bewaffnet sich mit Selbst-Kritik? Ohne die Möglichkeit, die Kritik gegen sich selbst kritisieren zu können. Selbstkritik als Selbstbewaffnung. Das Ich als Patronenlager für selbstische Ziele? Sich selbst, den eigenen Körper, zu kolonisieren mit frei geschossenen körperlichen Gebieten? Entweder einfach schlafen,1wie Dercon es im Monopol-Magazin beschreibt: im Interview zu Sailstorfers Kunst-Aktion „Pulheim gräbt“, 28.08.2014 oder Monopol, Ausgabe 15, 2010 sich nicht beteiligen oder Schläfer sein: in der Erwartung steter Bereitschaft zum Kampf, zum Aufruf. Touristisch, terroristisch oder künstlerisch?

Baader: „zu sein… ist dauernd zu werden.“
Die Ungespaltenen werden in Anstalten vom gesellschaftlichen Feld getrennt.

Enslin: „Entweder du vernichtest dich [selbst], oder du vernichtest andere, entweder tot oder egoist.“
Der imperialistische Egoismus braucht das menschliche Ich auf. Im Widerspruch verreckt.

Krabbe: „Nicht wir oder sie, sondern ich.“
Begreifen des Bruchs oder selbstischen Zusammenbruchs.

Meinhof: „Umwälzungen finden in Sackgassen statt.“

 

 

 

  • 1
    wie Dercon es im Monopol-Magazin beschreibt: im Interview zu Sailstorfers Kunst-Aktion „Pulheim gräbt“, 28.08.2014 oder Monopol, Ausgabe 15, 2010 ↩︎

239, Bilder kneten

In der Beschreibung der Bilder die Gedanken kneten, Farbe zu erwirken. Im Dunkeln malen, bis die Nacht zerreißt: um nichts zu sehen mehr. Auf dem Boden der Grind, Malgrund, im Gras liebend das Gras, im Fleisch Fleisch sein. Den Einfall des Lichts üben bis nichts Umgeleitetes dem Auge erscheint. In der grauen Rinde, den Perlon gestrümpften höllisch hellen Schenkeln. Die Detonation des Werks – ein Befehl, geschrumpft zu industriellem Bewusstsein, 100000-faches Aufhören. Ich wie ein Nichts während des Erbrechens der Zeit, ausgestoßen aus dem verglückten Leben. Ausgespien brauchts kein Licht. Pollution ohne Zensur. Kein Reim. Tiefer, in den Katakomben der Geometrie züngeln Überfluss zeugende Schlachtfelder, geruchlose Linien. Gewinn bleibt Flugzeug Panzer Maschinengewehr, da zirkelt Blut die Schnitte. 10 Minuten später ist das Feld gepflügt, schön, die Farbeimer ausgequetscht; Gewein hält sie offen. Breite Beine, Gehen oder Empfangen: gerade aus/ bleibend/ liegend. Probe, auf das Farbe den Tod hält. Leben weicht vor Blau Grün Orange. Teufel mein Tintenfass, Unterwelt der Pigmente.

 

 

238, Aufklärung

Aufklärung – enlightment, endgültig: Licht. ENKYKLIOS PAIDEIA – Kreis der Bildung und Erziehung. Kreis in den das Licht fällt. Malerei: die Verkörperung des Lichts in Farben und Formen. Sprache: eine menschliche Verkörperung ins Geschriebene hinein.

 

 

237, Kommunikation und Redundanz

Ein Anker der Kommunikation – wie deren technischen Reproduktion – ist deren Redundanz. Kommunikation etabliert sich als Kommuniziertes. Kommunikationsmittel zirkulieren in sich wiederholenden und feststehenden (Bild)Kontexten. Die Reproduktionsmedien (Print, Internet, TV) sind der Stoff einer wuchernden, intrinsischen Zitatmaschine (alles kann aufeinander in Bezug gesetzt werden). Die Fangemeinde wird stetig größer, trotz bescheidenem Input erklimmt der soziale Kontext einer niederschwelligen Information große Reichweiten. Daraus ergibt sich nicht nur eine Wiederholbarkeit von ungefähren, beliebigen Inhalten, sondern auch die Bedienung und Bedingung ähnlicher kommunikativer Strukturen. In der Erstarrung formaler Mittel – z. B. der Manierismus von Katzenvideos – ist deren Selbstzweck zu erkennen: fishing for compliments. Das Medium akkumuliert den Profit – nicht die Information, solang wir es be-dienen. Die Information wird – für das Medium – kreiert.

Es geht nicht darum, dass Inhalte (als Differenz von Informationen zu Informationen) ankommen, sondern darum, dass jeweilige Inhalte (Informationen als Differenz gegen andere Informationen) massenhaft geteilt, wahrgenommen, angenommen werden. Die popularisierte Masse an informierten Konsumenten akkumuliert die Relevanz von Information. Das, was alle als geteilte Information wissen können, bestimmt, was wissenswert = populär ist. Medienmacht = Macht über selektiertes Wissen. Etwas zu wissen, macht nichts. Redundanz ist nicht ein Unfall der Kommunikation, sondern ihr Kern. Noch die Katastrophe selbst wird in sozialen Medienkanälen bis zur Pixelweißglut wiederholt. Die mediale Reproduktion setzt allgemein verbindliche Schemata von Wahrnehmungsgewohnheiten durch. Die Verbindlichkeit meint hier nur, dass die medial inspirerten Konsumenten in ihrer medialen Verbindung mit der beschriebenen Katastrophe bleiben sollen. Jede eigenwillige, jede besondere Begebenheit, ein Singuläres wird – wenn es sich in die mediale Öffentlichkeit übergibt – in die Allgemeinheit der technisch reproduzierbaren Information als kommunikabeles ins social network getrieben und durch dessen medialen Transportkanäle bzw. Schnittstellen geschliffen.

 

 

236, Genuss und Kunst

Der Gourmet isst bevor er genießt. Er genießt sein Satt-sein, seinen Überschuss – seinen Nichtmangel. Wenn die Kunst und das dazugehörige Leben des Produzenten sich im Widerstandsfeld befinden, weil der Produzent nicht satt werden kann, setzt der Käufer die Kunst als Lebensgenuss, d. h. als überflüssigen Zustand voraus. Die Demonstration der Genuss-Fülle mit überschüssigen künstlerischen Appendixen. Da wollen die Käufer schon am Bauch gekrabbelt werden, unendlich überrascht, stetig überzeugt wollen sie werden. Die populistische Kontextualisierung der Kunst durch ihre stete Reproduktion in den Print- wie elektronischen Medien macht den Kunstgenuss nicht billiger, aber kompatibler zu gesellschaftlichen Inszenierungen eines Lebensgefühls wie in Mode, Subkultur, Innenarchitektur etc. zu beobachten. Ein Kunstwerk kann nur das Ergebnis seiner gesellschaftlichen, sozialen Erzeugung von kommunikativen Beziehungen des herstellenden Menschen sein, das ist seine Verwirklichung. In der Vervielfältigung wird das Kunstwerk durch seine technische Verformung zum herkömmlichen Produkt gestylt und damit kommunikativ in Konsum-Kanälen zugänglich gemacht. Das Technische des Mediums ist Benutzerfreundlich skalierbar – über verschiedene Kanäle zugänglich, d.h. konsumierbar. Im Kampf um das Satt-sein sinken Kunstwerke zum Existenzmittel der Künstlerschafft herab. Warum kann Kants Diktum des „interessenlosen Wohlgefallens“ nicht auch für die Herstellerseite gelten? Die Freiheit mit Lust oder Unlust einem Kunstwerk zu begegnen, macht die Kunst – und das heißt: ihre Produzenten – abhängig vom Gutdünken ihrer Betrachter. Kunstwerke werden ohne gesellschaftliche Erkennung, ohne soziale Partizipation bloßes Mittel, barer Zweck ihrer käuflichen Existenz, gleichwohl die Existenz ihrer Hersteller von ihnen abhängt. Was nur Material zur Gestaltung war – die gesellschaftliche Umwelt des Produzenten von Kunst, wird zur Bedingung der Gestaltung gemacht. Die Kunst nimmt z. B. soziologische, ethische Fragestellungen auf, zeigt sie, verhandelt sie, und ist zugleich darin gefangen. Das Bild, die Skulptur ist nicht mehr als ein Beweis für sich selbst. Intrinsisch. Ja, ich spreche von meinen Erfahrungen.

Kunst ist ein Mittel zur Wirklichkeit: Das Beobachtete in einen Ausdruck zu bannen, die Wirklichkeit des Ausdruck-Produzierenden in einer erwirklichten Form zu zeigen. Als auch die Wirklichkeit des Produzierenden im Produzieren des Ausdrucks von sich selbst darzustellen, ist die Wirklichkeit des künstlerisch tätigen Menschen. Ein Ringen um Differenz wie auch um Bewusstheit von Differenz. Die erkannte, durchschaute, dann auch erledigte Form historischer Gestaltungen im Bild (auffindbar als historisches Bild- bzw. Abbildgedächtnis) wird als Formenvokabular reinszeniert. Über Epochen hinweg ist das Form-Angebot des Vergangenen eine Aneignungsform des Gegenwärtigen. Eine Kulturtechnik, ein ästhetisch erlernbares Verfahren, erlebte Umwelt in eine anders wahrnehmbare Wirklichkeit von zueinander differenzierten Formen zu transformieren. Der elementarste ästhetische Akt ist die Auswahl einer Tatsache. (Kant, Kritik der Urteilskraft)
Das Betrachten ordnet sich schon im Produktionsprozess und ist ein Akt der Produktion selber: In der Herstellung des Kunstwerks und in der Kommunikation darüber. Individuen sind Knoten im Verkehr dieses Vermittlungsprozesses.

 

 

235, Konstruktion und Täuschung: Träumen

Was für eine Mühe, die einmal den eigenen Lebensumständen zugestandenen Konstruktionen des Wahrnehmens zugunsten unbekannter, neuer Wahrnehmungsgegenstände aufzulösen – als wären sie eine Täuschung.
Sich menschlich zu enttäuschen, das alte Gestrüpp abzulegen, die vorhergehenden Erfahrungen als Täuschungen zu akzeptieren, ist vernünftig. Wie ein Erwachen. Der Traum ist noch da, aber ich träume nicht mehr.

Da schob sich quer über den Horizont ein breiter dunkler Streifen zum Ufer hin, wo ich stand. Eine ungeheure Welle sammelte sich, begleitet von einem neuen Geräusch, ein rhythmisches Flackern im tiefen Bass, kam näher und näher, höher und höher. Alle flüchten, ich versuche mein Laptop von der Hauswand zu lösen: Es ist mit mehreren Fäden angebunden, meine schwarze Tasche liegt schon halb im Wasser, ich muss fliehen. Wohin? In der Scheune haben sich einige vor der ankommenden Flut verkrochen. Ich sehe genau hin: Das Mauerwerk ist nichts mehr wert. Die Scheune wird in den Fluten untergehn. Kurz entschlossen, von Panik ergriffen lasse ich das Laptop sein, die Tasche liegen und renne eine lange Treppe abwärts bis zu einem Mauervorsprung. Ich blicke zurück, sehe die Sintflut langsam kommen, warte, dass sie die Scheune wegbricht. Eine unendliche Zeitlupe der mächtigen Welle beginnt, ein weißer Schaum ohnegleichen – bis ich erwache.

 

 

234, Beobachtungsschock – Widerstand als Symptom des Neuen

Der anfängliche Eindruck/ Widerstand im Betrachten eines Kunstwerks erweist sich als erste Irritation des Betrachters gegen seine herkömmlichen Formen des Betrachtens: die Kunstwerke werden als Fremdes – die eigene Wahrnehmungserfahrung in Frage stellend – festgestellt. Das Fremde – wahrgenommen als ein zum eigenen Kosmos geronnenes Anderssein – markiert einen Unterschied zum Erfahrungsstand, zur eigenen Gewohnheit des Wahrnehmens.

 

 

233, Kerze Licht für Regina (28.03.2024)

 

Letzte Kerze

Ich halte die Flamme
Stunden noch Tage
Einige Wochen
Kann ich sie schützen

Ich werde vor Wind Regen
Auf der Hut sein
Meine Hände
Stoffe, Decken, Gedanken
Deine Papiere
Auch die kleinen
Schützend um sie legen.

Hüten wie mich selbst.

 

 

 

 

 

 

232, Definitionen des Schönen – für Roul Schrott

„Grundsätzlich aber halte ich die möglichen Definitionen des Schönen für etwas, das mit der Ökonomie der Formen zu tun hat und somit wertfrei ist; das Schöne ist für sich nur ein anderes Wort für Prägnanz und Stringenz von Sinnfiguren.“1Raoul Schrott zitiert in Süddeutsche Zeitung vom 24. – 27.12.1998 Was kann im Betrachten von Bildern, Kunstwerken, von Zerstörung darstellenden Fotos für den Betrachtenden wertfrei sein: nichts! Wer bestimmt also was und für wen das  Schöne eine Sinnfigur ist? Heinrichs gräbt tiefer: „Jeder Bezugsrahmen und jede Technik ist angstmindernd und macht Geschehen erträglicher – was legitim ist. Erst die Ausbildung der Technik zum Abwehrmanöver, das sich als wertfreie Beobachtungssituation tarnt, wird zur entscheidenden Quelle von Irrtümern. Kultur- und persönlichkeitsbestimmte >>Isolierungsstrategien<< >>entgiften<< angsterregendes Material.“2Hans-Jürgen Heinrichs, in: „Die Ethno-Disziplinen“, in: „Das Fremde Verstehen“, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 142
Können Formen – hier gefasst als selbstständig gewählte Einheit von Betrachtungs-Subjekt und Betrachtungsgegenstand – ökonomisch einander entsprechen? Wie verhalten sich Formen, wenn sie einer Ökonomie – als Ökonomie der Formen – unterstellt werden? Aber jedes menschlich Ungesehene oder Gesehene, ein jedes, steht im Beziehungsgeflecht des Sehenden mit der Welt – wer sollte sonst darüber sehen und reden? Für bestimmte Optiken scheint mancher Gegenstand nichts zu sein, mehr oder weniger scharf, gar unauffällig – entfernt von unserem menschlich zugemessenen „objektiven“ Wert. Das, was von Wert frei sein soll oder ist, geht noch über die Metaphysik hinaus, noch über den Ordnungssinn der zwanghaft unbedrängt sein wollenden Scharfrichter des Objektiven – diejenigen, die sich die Ackerkrume als Verzierung eines weißen Hemdes nicht denken können, kaum die Rose mit Stacheln, jetzt, wo sie kaum mehr riecht. Das, was als Wert ökonomisch noch unbestimmt ist (noch nicht: monetär, ästhetisch, philosophisch bewertet ist), von Werten befreit ist, vom chirurgischen und doch gleich unbeachteten Schnitt gefeit: Das soll nicht existieren ohne eine Wertbestimmung. Was auf eine Selbstleugnung des Betrachters hinausläuft, denn er ist ja im Wahrnehmungsakt dabei. Denn: wo sich zu irgendwas verhalten wird, entstehen Verhältnisse, ob nun von Lust oder Unlust beeinflusst. „Die Ökonomie der Formen“ wird vom Menschen zugebilligt oder nicht gebilligt, d. h., sie drücken stets ein bestimmbares Verhältnis von Wahrnehmung und Einordnung aus, den Stand seiner Beobachtung, seines Beobachtungsverhältnisses zur Form, zum Gegenstand. Das sogenannte Wert-frei-sein missbraucht einen Gegenstand, um sich seiner und dem verwickelten Beobachten zum Gegenstand zu entledigen, um sich aus der Sache herauszuhalten, indem die Verwicklung (zwischen Gegenstand und Betrachter) im Sehakt abgelehnt, erwürgt zur Sache gemacht wird. In diesem Schritt entmenschlicht sich der Beobachtende selbst; danach schlägt die heillose Welt der Dinge entmenscht zurück, als unerkannte Sachen sind sie entwertend untätig.3“Wo Veränderung durch Einsicht gefordert ist, kann man nicht mehr unterscheiden zwischen der Sache, um die es sich handelt, und der Person, die sich mit dieser Sache beschäftigt; und der Einwand, der dagegen erhoben wird, lautet: aber exakt diese Distanz meint >wissenschaftliche Sachlichkeit<, sie es möglich macht, einen Gegenstand so zu verhandeln, er nicht einmal bruchstückhaft identisch wird mit der Person, die ihn verhandelt.“ Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen, Band 3, Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 50 Das beobachtende Subjekt wird zerrissen und wo es sich zum Verwalter und Behandler von Sachen erklärt, befindet es sich bereits in Auflösung und wird der Sache, dem angezeigten Gegenstand gleich, subjektlos objektiviert. Das ist anmaßend außerirdisch Gottgleich. Die sogenannte sachliche Haltung des beobachtenden Subjekts macht es selbst zur Sache. Die Entmächtigung des Objekts (durch die Leugnung der Selbstbeteiligung im Wahrnehmen am wahrgenommenen Objekt) führt schnurstracks in die Machtlosigkeit des (am Beobachtungsvorgang beteiligten) Subjekts. In solcher Subjektlosigkeit wird das Nicht-Teilnehmen-können zum Nichts-Damit-Zutun-Haben-Wollen funktionabel. Zwang mutiert zur Verantwortungslosigkeit. Das war nicht Ich, der das machte, be-obachtet hatte, denn Ich – als fühlendes Subjekt – durfte, sollte nicht mit sich selbst verwickelt werden, konnte nicht dabei sein. Die erzwungene Abspaltung des menschlichen Anteils im technokratischen Prozess der Ermittlung von „Objekten“ führt zur Entmenschung des Beobachtungsvorgangs. So sehr vom eigenen Körper zugunsten der Objektivität entwirklicht, wird man zum bloßen Instrument kalter Objektivität und deren Beobachtungskalküle. Man war nicht der, der daran beteiligt war. Einer institutionellen Objektivität zu dienen, ist für das Subjekt ein Versteck unter die das Subjekt entlastenden Enthaltungsvorschriften.
Das menschliche, das fühlende Subjekt trennt sich seinem sinnlichen Wahrnehmungskörper, es entleert ihn, damit es sich seiner Verantwortung nicht stellen muss. Nicht durch sich selbst zu Schicksal werdend, wird das Individuum in Schicksalsverfallenheit – in die Macht und Kälte des Objektiven – aufgelöst: Namenlos ist es tauglich für objektivierende Vorgänge.
Das Zitat von Schrott ist schwach, denn kann etwas so prägnant, signifikant sein, das es unauffällig gegen den Kopf knallt. Wer also stellt Prägnanz fest? Wer benutzt Stringenz und für was, für wen soll gelten, dass etwas prägnant ist? Form („als die Ökonomie bestimmter Formen“) ist immer schon ein durch deren Betrachtung und Erzeugung bestimmter Unterschied.
Die Gleichsetzung von Ökonomie der Formen und sogenannter Wertfreiheit, zu was führt sie?
Letztlich braucht man auch noch die Leute, die Wertfreiheit bestimmen können (= Raoul Schrott).

 

 

  • 1
    Raoul Schrott zitiert in Süddeutsche Zeitung vom 24. – 27.12.1998 ↩︎
  • 2
    Hans-Jürgen Heinrichs, in: „Die Ethno-Disziplinen“, in: „Das Fremde Verstehen“, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 142 ↩︎
  • 3
    “Wo Veränderung durch Einsicht gefordert ist, kann man nicht mehr unterscheiden zwischen der Sache, um die es sich handelt, und der Person, die sich mit dieser Sache beschäftigt; und der Einwand, der dagegen erhoben wird, lautet: aber exakt diese Distanz meint >wissenschaftliche Sachlichkeit<, sie es möglich macht, einen Gegenstand so zu verhandeln, er nicht einmal bruchstückhaft identisch wird mit der Person, die ihn verhandelt.“ Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen, Band 3, Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 50 ↩︎

231, Katastrophische Ereignisse – abbildlich ästhetisiert

Die kamerataugliche Näherung an Phänomene, an katastrophische Ereignisse mit deren Abbildung: Der belichtete Moment – der fototaugliche Augenblick – wird als Hort eines archivierten Gestern befristet, befunden als wiederauffindbar gekennzeichnet abgelegt. Der belichtete Ort, das Erlebnis wird durch dessen abgebildete Archivierung besetzt. Schnappschüsse als Platzhalter für zukünftiger Vergangenheiten. Um der Gewissheit willen, morgen noch sich seiner Vergangenheit zu versichern. Die geforderte Veränderbarkeit aller Verhältnisse als stetes Lernen ohne Ende – jeden Moment kann es anders werden – verunsichert noch das Gefühl für den „schönen Augenblick“. Das kleine Verweilen ist schon nicht mehr machbar, gilt als Unkonzentriertheit und wird permanent produktiven Zusammenhängen zugeführt. Die Gegenwart schrumpft zu einer technisch zu meisternden und zu realisierenden Vergangenheit. Die Zukunft ist ein Schreckgespenst, das mit Vorliebe wuchernde Fotoarchive frisst.

Ästhetik als Distanzversprechen
Die erste Maßnahme Katastrophen zu bewältigen, verlangt deren bildliche Vervielfältigung als Wiederholung, um sie der Gewöhnung zu zuführen. Das Unfassbare als Beobachtbares zu bannen, heißt Abbildungen zu realisieren, die mit ästhetisch-formalen Maß des Abbildens hantieren, damit sie als dokumentarisch gemachte erscheinen können. Das gewährt Distanz.
Bilderzwang als bildlicher Zwang, das Reale ästhetisch zu bezwängen? Die technische Wiederholung (wie in Fotografien von Zeitungen) ermöglicht die Verlagerung der Katastrophe ins statuarische Bild. – Medusas Untergang im Spiegel war dem Ab-Bild geweiht.
Die ästhetische Aufbereitung der zu bewältigenden Ereignisse im Fotoformat ist ein Zeichen dafür, dass sich im therapeutischen Zustand befunden wird: sich zu trösten mit Wiederholungen. Die abbildhafte Vervielfältigung der Störung (als katastrophales Ereignis) wired zums ästhetischen Moment verfestigt: Auf Bilder schauen wir mit anderen (ästhetisch-sinnlichen) Kontexten – sie erlauben (formale) Distanz. Die Toten überleben als Kulturschock, meisterhaft abgelichtet.
Das Einmalige, Besondere eines Ereignisses – was gerade so vermutet, angenommen wird – soll anhand seiner Vervielfältigung bezwungen werden. Millionenmal ein Bild gesehen, verdünnt das Abgebildete zur Bedeutungslosigkeit wie der Akt der Wahrnehmung bedeutungslos für das Abgebildete wird. Beliebig geworden – vervielfältigt – zeigt die technisch verhaftete Fixierung (als Abbildung) das Scheitern der Erkenntnis als normative Empathie. In der Abbildung können wir Katastrophen ertragen, oder ihrer habhaft werden.

 

1Preisgekrönt, in: National Geografic

 

  • 1
    Preisgekrönt, in: National Geografic ↩︎

230, Spektulation und Furcht – paranoide Konkurrenzen

Preppers choise
Die durch den Produktionswettbewerb geforderte wie geförderte Annahme einer steten Konkurrenzsituation inmitten der Gesellschaft: als ein individualisiertes Gefühl eines allgegenwärtigen Verfolgtseins von gesellschaftlichen Konkurrenten, ob von der Überwachungskamera, von Radiowellen, von vermeintlichen Verschwörungen oder ihren Theoretikern oder von der Unternehmenschefin: die kapital-paranoide Ideenmaschine braucht den drohenden Untergang internalisierter Lebenskonstrukte als Treibstoff zum Fortkommen. Dieser fatal internalisierte Wettbewerb – gegen jeden und alles bis zur universellen Möglichkeit, dass alles geht – setzt ein mit Erkenntnis und Phantasie begabte wie spekulierende Person voraus und seine Furcht, sich zu verlieren. Das mögliche berufliche Scheitern definiert die Angst und den (psychotischen) Einsatz der Mittel. Mehr und mehr wird verkörperlicht, was einmal nur auf einer Vorstellung, Spekulation fußte. Die von Konkurrenz gehetzte Person setzt sich mit seinen angstbesetzten Vorstellungen praktisch spekulierend in eine andere (zukünftige) Gegenwart, sie gräbt sich unterirdisch aus ihrem gegenwärtigen Leben, aus ihrem furchtgebundenen Hier-Sein: Angefüllt mit Vorräten im Beton gewappnet – preppers choise.

Die pathogen spekulative Person setzt sich mittels ihrer – in die selbst konstruierte Realität gesetzten – Annahmen als klüger voraus, um gegen das Hier und Jetzt zu sein, um sich in der angenommenen, vorgestellten Realitätssphäre überlegen gegen andere zu wähnen. Ja, es ist, als ob eine Vorstellungswelt mit allen möglichen, unmöglichen Annahmen konstruiert werden würde, nur, um so vehementer gegen diese – erfundenen – Konstrukte sich zu positionieren. Wenn die eigenen Annahmen über Realität zweifellos erscheinen, so kann man aus (selbst-)versicherter Position gegen den anderen Zustand, den man selbst „ausgemacht“ hat, richten. Der Paranoiker verschwört sich gegen seine gegenwärtige Wirklichkeit, um seine angenommene zu retten. Das Wort „annehmen“ drückt zwei Seiten aus: Zum Einen in der Bedeutung von Vorstellen, Spekulieren (ich nehme an, dass Person E nicht zu Person F zurückkehren wird)  – also ein vorgestelltes E zieht ein F – scheinbar – nach sich. Und zum Anderen, annehmen als entgegennehmen eines Gegenstandes (z. B. ein Paket, ein Geschenk) bzw. das Hereinnehmen eines Etwas in den körperlichen Nahbereich. Der stete Versuch, Überblick zu gewinnen, besser noch Kontrolle über die eigene Arbeits- oder Lebenssituation zu erlangen, geht einher mit dem Verlust, in ihr praktisch zu bleiben: Alles wird in Zweifel gezogen, was die mit sich selbst abgemachte und angenommene Vorstellung der eigenen Konstruktion von Wirklichkeit bedroht. Als ob man sich ständig über Bord würfe – aus dem sozial normativen Kontext – und dennoch Commander über den verlassenen Kontext bleiben könnte. Vielleicht kommt daher das Missionarische dieser Quertreiber – vor allem sichtbar im Bezug und der Bezeugung von abstrakten Quellen oder Mythen (z. B. wird gern Bibelliteratur zitiert). Dieses Auf-sich-selbst-schauen aus imaginierter Distanz entleiblicht den Körper – er zieht sich aus sich heraus – und erarbeitet eine disparate Existenz: vielleicht übergießt er sich mit Feuer, Selbsthass oder oszilliert im Nichtentscheidenkönnen über Realitäten. Spaltungen der Persönlichkeit sind im Gange, um die Diskrepanz von bezweifelter Gegenwart und Zukunftsflucht auszuhalten. Schon ungelenke Phantasie schlürft am Blut ihres misstrauischen Versorgers. Ein großes Therapieversprechen: Die Kontrolle des eigenen Lebens als Überleben zu fassen. Als Überlebender ist man lebendes Opfer, weil man gegen die „Verfolgung“ besteht.  Wer will das bestreiten. Ein Markt für Fake zuerst. In dieser Bewegung dünkt das hellsehende, apperzipierende Subjekt sich klüger, wissender über die von ihm gerichtete, zurückgelassene Situation, über die es Herr sein will. Hier kollidiert der voreingenommene Mensch mit den realen Lebensinteressen- und Bedingungen der Gesellschaft. Das hiesige Leben scheint ein unendlicher Damm gegen die Verwirklichung seiner Versuche die Übersicht darüber zu behalten. Die Annahmen über seine wirkliche Lebenspraxis erscheint dem Paranoiker selbst widerspenstig, unpassend. Diese paranoide Situation bezieht das geistige Leben aus seinen physischen und psychischen Bedingungen, die seine Wahrnehmungen determinieren. Fortgegangen von sich, um sich einzufangen als selbst verantwortlich gegen/ für alles zu wissende, was es in sich und außer sich vorfindet. Findet es Rückkehr. Es spinnt sich ein ins Flüchten aus dem Netz.
In der zunehmenden Entkopplung von den ergreifenden Lebensprozessen durch den Versuch, gerade über sie Klarheit, Übersicht oder Macht zu gewinnen, entschwindet das spaltende Subjekt ins paranoid-produktive Nirvana. Das, was weltlich das Subjekt störte, trifft nun als verstörtes Subjekt auf eine Welt, wo es stört. – Was seine Zweifel um so mehr bestärkt. Es ist wie: Der Unwahrheit angehören und ihr nicht mehr inne sein.1nach Jürgen Habermas

Es steht da wie eine Diagnose: „Das Ganze, wie es im Kopfe als Gedankenganzes erscheint, ist ein Produkt des denkenden Kopfes, der sich die Welt in der ihm einzig möglichen Weise aneignet, einer Weise, die verschieden ist von der künstlerischen, religiösen, praktisch-geistigen Aneignung dieser Welt. Das reale Subjekt bleibt nach wie vor außerhalb des Kopfes in seiner Selbständigkeit bestehn; solange sich der Kopf nämlich nur spekulativ verhält, nur theoretisch. Auch bei der theoretischen Methode daher muß das Subjekt, die Gesellschaft, als Voraussetzung stets der Vorstellung vorschweben.“2Karl Marx, in: Einleitung – zur Kritik der Politischen Ökonomie, aus dem handschriftlichen Nachlaß, MEW Band 13, Diets Verlag Berlin 1985, Seite 632 f

 

 

  • 1
    nach Jürgen Habermas ↩︎
  • 2
    Karl Marx, in: Einleitung – zur Kritik der Politischen Ökonomie, aus dem handschriftlichen Nachlaß, MEW Band 13, Diets Verlag Berlin 1985, Seite 632 f ↩︎

229, Prosa

Das, was im bürgerlich-sozialen Wirklichkeitsprozess täglich tausendfach ausgespuckt wird, soll in der Prosa einer Beschreibung von Schicksal X Y ein Ausnahmefall sein. Etwas außerordentlich Unterhaltsames. Was im bürgerlichen Drama als individueller Extremfall in der Gesellschaft offeriert wird, ist wenigstens simultane Allgemeinheit, ist offenkundig zum Einzelfall verheimlicht: im individuellen Körper sanktioniert. Woyzeck schreit, Lenz atmet für uns. Die schicksalshaften Extreme einzelner Protagonisten sind die Gliedmaßen Ketten und Räder des gesellschaftlichen Körpers. Es ist das Individuum, das die Gesellschaft kaum aushält – es ist verbannt in die Literatur. – Nahrung für ästhetische Kompromisse.
Wie die funktionalisierte Reproduktion des Individualismus als saisonal modische wie thematische Wiederkehr einem geschäftlichen Interesse folgt, so kennzeichnet das Kopieren, Vervielfältigen, also dessen Verallgemeinerung andererseits seine Verweigerung. In die errungene Beliebigkeit abgeschoben, bricht der reproduzierte Individualismus, das uniform gemachte Individuum unter dem über ihm ausgeheckten Zielgruppengefängnis, seinen Zuschreibungen ins Nichts zurück. Aus der unerhörten Begebenheit eines Einzelschicksals folgt die Beschreibung der Schwierigkeiten, es zu beschreiben. Die Beschreibungsschwierigkeiten füttern das Bedürfnis nach einer (nur) beschreibenden Haltung: es entsteht eine vielfältige Prosa spekulativer biografischer Erlebnisse, um mit Beschreibungsakten Wirklichkeit zu entwerfen oder im Zustand des Schreibens zu installieren. Was sonst, können wir tun?

 

 

228, Die Welt ist alles, was konkret ist – nach Marx

„Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist.“1Karl Marx, in: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 13, Dietz Verlag Berlin 1985, 10. Auflage 1985, Seite 632
In der Durchdringung der Spiegel wird das Konkrete kristallisiert: Die Dinge erscheinen in einer Fläche zusammengefasst. Die anwesende Reproduktion des Konkreten (die wimmelnden Gegenstände im spiegelnden Angesicht), was heißt: da ist ein Ereignis – ein Spiegelbild – und ein Blick in es hinein, eine beobachtende Position: zugleich kann sie nicht alles sehen, sie ist im unübersichtlichen Kanal des Wirklichen verfangen. Aufklärung – oder besser formuliert: die Differenzierung des Beobachteten, ist die Entdeckung von Mannigfaltigkeiten, ist die beobachtende Verfolgung der noch unentdeckten, noch nicht sofort erfassten simultanen gegenständlichen Bestimmungen. Konkret werden Dinge, Ereignisse, Tatsachen, wenn sie Bedeutung erhalten, wenn also die Mannigfaltigkeiten unter kategoriale Funktionen zusammengefasst werden. Auch wenn das Konkrete wie Marx sagt, „der wirkliche Ausgangspunkt“ der Anschauung und Vorstellung ist, hat es doch seine geschichtliche Herkunft: Das Konkrete in der Anschauung ist Resultat wie Ausgangspunkt der Vorstellung für neue Resultate: je nach Ausgangsunkt – Kontext – neu gemixt für andere Zusammenfassungen: Theorien.
Konkreta sind Spur und Vorstellungszweck in Einem, eine Einheit eben. Jenseits der konkreten Spuren – gemachten Erfahrungen – werden Theorien gebildet als Inhaltsversprechen eines zukünftigen Konkreten. Was als Konkretes erwartet wird, aber noch nicht sinnlich eingeholt werden konnte – als konkretes Ereignis – wird als theoretischer Platzhalter für vorher determinierte Resultate eingesetzt, um die daraus umzäunten Resultate (wieder) zu erhalten.
Die Theorien, Kopfgeburten, Vorstellungen (übers Leben usw.) konkurrieren mit ihren bedachten Tatsachen, mit dem, was konkret in der Vorhersehung der Fall sein soll. Es wuchern die Theorien – Vorstellungen – und nicht ihre Fälle. Dass die Theorien, Annahmen, die Vorhersehungen so ins Kraut wachsen, hängt vielleicht damit zusammen, dass sie ihrer Fälle nicht habhaft werden oder, dass sich die theoretisch umkreisten Tatsachen nicht so verhalten, wie sie es zu ihrer theoretischen Befestigung brauchen.

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW Band 13, Dietz Verlag Berlin 1985, 10. Auflage 1985, Seite 632 ↩︎

227, Mediensex

In Nachrichten- und Unterhaltungsmedien erscheint Sexualität als Menschheits-Bedürfnis, als von Menschen gemachtes wie gefordertes Bedürfnis. Für die Produktpräsenz der Kanäle werden intime, lüsterne Bezirke gestachelt und annektiert: Mediensex. Die Creme, das Auto, der Urlaubsplatz, Filme und Kleidung sind ohne den freizügig offerierten Busen im Prospekt nicht zu haben oder an den Mann zu bringen. Gegen allen Eigensinn individueller Empfindung werden Produkt-Bedürfnisse sexistisch besetzt. Die glitzern projektierten Paarungsversprechen erscheinen als größte anzunehmende Verwirklichung eigener Bedürftigkeit. Die sexuelle Lust ist universell und betrifft alle soziale Schichten – im evolutionären Sinn wirkt sie vertikal – mit dem Unterschied, dass deren Vollzug für prekäre Lebensumstände die letzte eigenmächtig zu erbringende Befriedigung darstellt. Sexuelle Befriedigung als Überlebenspraxis: der Körper als letzte erfüllbare Bedürfnis-Festung, aber auch Brücke zu ihm. Ist Sex-Haben eine Art Überlebensmetapher? Bürgerlich geschulte Mediziner haben in Konzentrationslagern einzelne männliche Häftlinge gerettet (aus der gegen sie künstlich herbeigeführten Unterkühlung), indem sie mit nackten Frauen belegt wurden.1Heiner Müller, in: Jenseits der Nation, Rotbuch Verlag, Seite 56
Das Sex-TV markiert eine Bremsspur im bürgerlichen Leben. Es hält die Zuschauer an, bei sich selbst – ihren basalen Bedürfnissen – zu verweilen. Wenn es stimmt, dass all die körperlichen Bewegungen der menschlichen Reproduktion (wie in zugänglichen visuellen Medien gezeigt) den menschlichen Bedürfnissen des Publikums entsprechen, dann zeigen die engagierten Paarungen in medialen Kanälen, dass die Entfaltung und Lebendigkeit der menschlichen Lust lediglich ein Akt der Penetrierung ist. Die Medienpräsenz des (patriarchalisch geprägten) Sexus zeigt den Mangel sinnlicher Möglichkeiten an, den die bürgerliche Gesellschaft der einzelnen Lebenspraxis einräumt. Im unsinnlichen Leben und daher wirklich kapitalen Leben scheitert die erregende Brust an den Vorgaben ihrer Schwester aus Silikon. Erektionen sind da nichts mehr Beschleunigendes – sie kommen als eruptive Vollbremsung des Menschen im Seidenkissen zum Erliegen. Dass Emotionen auch korrumpierbar sind, heißt nur, dass mit ihnen ein Geschäft zu machen ist. Die Drüsen sind trocken gelegt, die Kinderhoffnung versandet im Überlebenskampf. Nun Bindungslos geworden, wird die menschliche Lust zum medialen Ereignis, zur merkantilen Spielanleitung degradiert. Die Ausbeutung der Einsamkeit wird im verfügbaren Sex-Produkt fortgesetzt. Machs dir selbst oder lass es dir machen, aber hoffe nicht auf Liebe.
Die auseinanderbrechenden Erfahrungsbereiche, durch Lohnarbeit zerfetzte, kollidierend mit privaten Ansichten, immer mehr stecken sie im unerreichbaren Detail: an den Warzen, Schwanzlängen, Lippengrößen. Die Reste sinnlicher Ansprüche sind zu Delikatessen verkommen. Manieriert.2„natürlich gibt es so etwas wie eine literatur des abstiegs einer klasse. die klasse verliert da ihre schöne sicherheit, ihr ruhiges selbstvertrauen, sie verhehlt sich ihre schwierigkeiten, sie befaßt sich mit details, sie wird parasitär kulinarisch usw.“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1977, Eintrag vom 24.7.1938. Und: „die schönheit etabliert sich auf wachs, die fetzen werden delikat.“ Eintrag vom 20.8 1940

 

 

  • 1
    Heiner Müller, in: Jenseits der Nation, Rotbuch Verlag, Seite 56 ↩︎
  • 2
    „natürlich gibt es so etwas wie eine literatur des abstiegs einer klasse. die klasse verliert da ihre schöne sicherheit, ihr ruhiges selbstvertrauen, sie verhehlt sich ihre schwierigkeiten, sie befaßt sich mit details, sie wird parasitär kulinarisch usw.“ Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar 1977, Eintrag vom 24.7.1938. Und: „die schönheit etabliert sich auf wachs, die fetzen werden delikat.“ Eintrag vom 20.8 1940 ↩︎

226, Spaltungen und Menschen

Die kapitalistisch vorangetriebenen Spaltungsprozesse der arbeitenden Menschen zu beschreiben, führt zu der Schwierigkeit, die Spaltungen darzustellen, ohne der abstrakten Vorstellung vom ganzheitlichen, gesunden oder ursprünglich ungespaltenen Menschen zu folgen. Der Setzung idealer gesellschaftlicher Normen im Zuge kapitaler Behandlung menschlichen Verhaltens, steht der konkrete, wirkliche Mensch den operativen Kalkülen entgegen und erscheint vor ihnen unnütz. „Die Disziplin steigert die Kräfte des Körpers (um die ökonomische Nützlichkeit zu erhöhen) und schwächt diese selben Kräfte (um sie politisch fügsam zu machen). Mit einem Wort: sie spaltet die Macht des Körpers; sie macht daraus einerseits eine >Fähigkeit<, eine >Tauglichkeit<, die sie zu steigern sucht; und andererseits polt sie die Energie, die Mächtigkeit, die daraus resultieren könnte, zu einem Verhältnis strikter Unterwerfung um.“1Foucault, in: Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2012, (Surveiller et Punir. La naissance de la prison, Edition Gallimard 1975), Seite 177

 

 

  • 1
    Foucault, in: Überwachen und Strafen – Die Geburt des Gefängnisses“, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2012, (Surveiller et Punir. La naissance de la prison, Edition Gallimard 1975), Seite 177 ↩︎