Die Bedingungen der Möglichkeit ein Bild zu malen: aus Neigung, aus biografischer Exposition, wie auch immer existentiellen Bedürfnissen oder aus der puren Möglichkeit heraus, selbst die Gründe wählen zu können, ein Bild zu malen, kollidiert irgendwann mit sozialen Bedingungen, es unter diesen Bedingungen herzustellen – mehr oder weniger. Die Schwierigkeiten, einem Bild sozialen Sinn zu leihen, es bekannt und zugänglich zu machen, d. h. auch: sozialen Raum zu geben, folgen daraus. Die Bedingungen der künstlerischen Arbeit sind realistisch (sozial real) ihre Möglichkeiten utopisch. Die Herstellung und Verwertung der Kunstwerke wird auf noch nicht realisierte Möglichkeiten projiziert oder zumindest Zufälligkeiten (bzw. wahrscheinlichen Unwahrscheinlichkeiten) überlassen. Die zumeist prekären Bedingungen der Herstellbarkeit und Ausstellbarkeit von singulären Artefakten als soziale Praxis von Lebensvollzug begriffen, sind der immanente Gegenpol eines künstlerischen Lebensentwurfs (gibt es das überhaupt?), der naiv mit seiner Lebenserhaltung rechnet. Wie soll das Kunstmachen sozial bestimmt sein, wenn es von prekären Bedingungen der Herstellbarkeit bedingt wird? Die Herstellung Guerilla-like und das Produkt preisverdächtig? Warum ist der ästhetisch-ethische Weltvollzug unabdingbar für das Künstlerleben, trotz das es sich dem Verdacht des Exhibitionismus, gar Narzissmus aussetzt?
Je totalitärer, d. h. je unkonkreter die Fragestellungen in der Beschreibung zu einem Ereignis inszeniert werden – „Brauchen wir Fliegen, Schweißausbruch und kalter Schauer, Wovor die Deutschen Angst haben, Ratlose Politik, Mutlose Bürger: Sparen wir uns kaputt?“ usw. – , desto absurd-trivialer müssen die Antworten ausfallen. Es sind in ihren verschlungensten Ästen bereits anästhetische Mittel der Desinformation; bei so viel hinterlassener Ohnmacht oder Ja-Nein-Zwangsarithmetik.
Die breite Masse wills doch so. – Demokratie als Massenverhältnis, das sich selbst frisst? Dieses Demokratie-Verständnis drückt kein Massenverhältnis aus, sondern vielmehr Massenverformung.
Dass die Ereignisse an ihre Beschreibbarkeit gebunden sind, wird im Verhältnis der Beschreibung zum Beschriebenen durch den Beobachter ausgedrückt. Der Ausdruck geht so weit wie meine Sinne gehen. Die medial gelieferten Beschreibungen schrumpfen die zu beschreibenden Erlebnis-Gegenstände zu Format gerecht erstatteten. Immer wieder steht vor Augen, dass ein sinnliches Ereignis, wenn es zur Nachricht transformiert und verkürzt wurde, das zu Berichtende durch die Be-Richtung auslöscht. Durch populäre wie populistische Medien, durch deren Empfänger empfangen, ist der Gegenstand – das Ereignis – zum gemachten Nichts, zum Schon-passierten aus-gewiesen. Die Informationsmaschinerie konstatiert nur, stampft das Gestern fest. Das schiere Passiertsein lässt die Zukunft entschwinden, nagelt die Gegenwart auf ihre Beschreibung fest.
Es wäre ein Verdienst der Beschreibenden mit der Beschreibung auch die Beschreibungsmittel und Methoden aufzuklären.
Über den inszenierten Skandal an der einzelnen prominent im TV herausgehobenen Person, im skandalös in die Öffentlichkeit hervorgehobenen anti-sozialen Akt ihrer Verschämung, versuchen Medien-Unternehmen die strukturelle Korruptheit ihrer Nachrichten-Produktion mit inszenierten Schicksalen zu maskieren. Mit der unterstellten Aufmerksamkeit nach News überdecken sie eine unempfindsame Haltung gegen die einzelne Person mit der öffentlich geschlachteten Persönlichkeit zugunsten Gewinn bringender Einschaltquote. „Die Einschaltquote ist die Sanktion des Marktes, der Wirtschaft, das heißt einer externen und rein kommerzielle Legalität, und die Unterwerfung unter die Anforderungen dieses Marketinginstruments ist im Bereich der Kultur genau dasselbe wie die von Meinungsumfragen geleitete Demagogie in der Politik. Das unter der Herrschaft der Einschaltquote stehende Fernsehen trägt dazu bei, den als frei und aufgeklärt unterstellten Konsumenten Marktzwängen auszusetzen, die, anders als zynische Demagogen glauben machen wollen, mit dem demokratischen Ausdruck einer aufgeklärten, vernünftigen öffentlichen Meinung, einer öffentlichen Vernunft, nichts zu tun haben.“
Die Banalisierung des Elends irgendwo, indem aus ihm selbstrotierende, daher folgenlose Fakten konstruiert werden, ist unternehmerische Bedingung, sogenannte News zu produzieren. Als Quotient zum Glück durch unempfindsamen Abstand zu noch ärmlichen Verhältnissen. Einem Zeitungsartikel, SZ 28.9.2005 „Tretmühle der Lust“, ist zu entnehmen, dass Glück aus der Differenz zum Negativen, aus dem Vergleich zum noch Elenderen, Ärmeren entstehe, als ein Behagen des Bourgeois, „niemals erfahren zu müssen, wie sich die Produktivkräfte unter seinen Händen entwickeln mußten“. Und das Glück „verfliegt“, weil die komparative Analogie ebenso die Reicheren entdeckt. Die Herabsetzung des Hungers auf satte moralische Entrüstung, setzt keinerlei politisch-theoretische Kompetenz voraus oder instand. Das Publikum wird neutralisiert, weil die Dinge, Zustände, Tatsachen ohne Folgen und ohne geschichtliches Herkommen dargestellt werden. Zustände werden fatal als Zugeständnisse an die herrschende Zeit oder als Naturkatastrophen hingenommen. „Da waren hundert geschlachtet. Aber als tausend geschlachtet waren und des Schlachtens kein Ende war, breitete sich Schweigen aus, und es gab nur mehr wenig Hilfe. So ist es: >>Wenn die Verbrechen sich häufen, werden sie unsichtbar. Wenn die Leiden unerträglich werden, hört man die Schreie nicht mehr. Ein Mensch wird geschlagen, und der zusieht, wird ohnmächtig. Das ist nur natürlich. Wenn die Untat kommt, wie der Regen fällt, dann ruft niemand mehr halt.<<“
Das entrüstende „Gemeine und Böse“ in der Headline populistischer Zeitungen ist fett gedruckt sichtbar, aber die Entwicklung, das Warum wird nicht näher diskutiert. Die Headlines verstecken in der Trivialisierung der Zusammenhänge die Komplexität der Wirklichkeit durch ihr Geschrei, wollen nur auf die simple Entrüstung über das Böse aus: Die schönste aller Welten – Theodizee. Stillstand. Wer wirft die Berichte in den Fluß zurück? Wer gibt Wirklichkeit zurück?
Der TV-Besoffene soll auf Produkte, weniger auf den menschlichen Sinn seiner Vermögen bzw. auf seine menschlich zu entwickelnden Sinne reagieren. Die Trennung von Wirklichkeit und Wirkung – als Wirkung ist eine Nach-richt mediale Vergegenständlichung – ist klar als Quotient markiert: Die Durchsetzung von wirklichkeitsmächtigen Strukturen (gegen das private Subjekt), findet seinen Ausdruck im Begriff der Quote.

„Rinderhesse, gemischtes Gehacktes, Bratwurst“ – Komplexer wie simultan geht es nicht. Ein Gedicht.
Sex & Industry
Das Geheimnis, die Intimität der privaten körperlichen Lust wird im entsozialisierenden kapitalistischen Entkörperungsraum zur Ware vergegenständlicht – kapitalisiert – zum käuflichen Produkt (Angebot) wie zum technischen Vorgang des Kaufaktes funktionalisiert. Das Begehren wird Instrument einer warenförmigen Transformation in Sex-Produkte und somit allgemein zugänglich als warenförmige Projektion möglicher Ersatz-Befriedigung. Die Privatisierung des öffentlichen Raumes durch die medial vernetzte Veröffentlichung, Entblößung des Subjekts führt zur Auslöschung der Privatheit, die zugunsten ihrer ökonomischen Verfügbarkeit virtuell ermöglicht wird. Es geht um die warenförmige Besetzung und Ausbeutung sinnlicher Bedürfnisse. Wünsche werden Produkten eingemeindet, Bedürfnisse zur passenden Ware transformiert, angepasst: Kunde ist König oder Königin, aber über welches Reich? In dieser warenträchtigen Transformation werden Lippen aufgespritzt, die Schamlippen Prostituierter angehoben, oder andere körperliche Funktionen technisch zugänglich gemacht – Häute, Brüste, die Ärsche der Prominenten usw. Die Auslöschung des privaten Sexus durch dessen permanente warenförmige Vorwegnahme in sozialen und televisionären Kanälen kompromittiert dessen Fleisch. Die menschliche Lust wird auf genitale Organe erniedrigt, so dass schließlich Lust und Organ zusammenschmelzen; sie fallen in sich als Produkt zusammen. Inhaltlich ist nunmehr der Samenbeutel oder die Tiefe des Ausschnitts Messlatte des Erotischen. Die Marketingabteilungen haben längst erkannt, dass mit der Lust der Menschen immer zu rechnen ist. Der Mensch wird in seine animalische Natur zurückgetrieben, um seine Natur als Rohstoff zu verwerten. Der eigene Körper ist längst abhanden, ausgetrieben worden und man muss mit den Zombie-Waren-Körpern klar kommen, die fickend über dich ausgekippt werden.
Das sexuelle Verhalten als Verhältnis zu anderen, worin das Subjekt seine Menschlichkeit ausdrückt. Der körperliche Vollzug der Lust soll eine menschliche Brutstätte, eine monadische Kapsel außerhalb sexueller Normierung warenförmiger Welt sein. Das lustvoll liebende Ich ist für einen kapitalen Markt unzeitgemäß.
Der sozial agierende Mensch macht sich zum Gegenstand und Mittel seiner (gesellschaftlichen) Betätigung ausgehend von seinen vorgefundenen (gesellschaftlichen) Bedingungen und ebenso versucht er, sich als Gegenstand/ Mittel, sich als soziale Gegenständlichkeit begreifend, gegen die ihn selbst bedingenden gesellschaftlichen Bedingungen zu streiten oder für sich durchzusetzen und zu nutzen. Der gesellschaftlich bedingte Mensch ist daher sein eigener Gegenstand wie soziales Medium seiner Betätigung. Seine Bedingtheit – das ist seine Abhängigkeit vom sozialen Raum, in dem er lebt – erzeugt zugleich die Bedingungen seiner Lebensäußerungen. In der existentiell gelebten sozial normativen Form des eingerichteten Menschen erscheint ihm seine ihm ähnlich sehende menschlich-gegenständliche, sozial funktionale Einordnung, seine gesellschaftliche Anpassung als habituierte Bestätigung seines gesellschaftlichen Daseins. Aber es ist seine durch Anpassung losgetretene Enteignung, seine an ihm selbst bis zur Blutleere geführte Annexion durch die gesellschaftlich normativen Systeme. Das durch Anpassung abgespaltene Enteignete des Menschen steht ihm im gesellschaftlichen Verkehr als ausgelagertes Waren-Angebot seiner abgetretenen Wünsche gegenüber. Alles in den Schaufenstern oder Portalen ist ein Ersatz für das, was dem begehrenden Menschen nicht mehr gehört, was er hergeben musste. Partizipation als Selbstauslöschung. Die Aneignung von Gegenständen, Bedeutungen durch warenförmige Realitäten – als produktmächtiges, sinnlich-gegenständliches Verhalten zur Welt – führt zur Vergegenständlichung des Menschen. Das Material seiner Ich-Betätigung ist ihm gesellschaftlich als Produkt vorgegeben: nämlich das Ich als durch die sozial-mediale Allgemeinheit vermitteltes Produkt-Ich. Es bewegt sich in einer schon von ihm ausgesaugten, verlorenen Landschaft: das Individuum ist zum Material für sein Sein geworden. Material statt Bewusstsein. Das Ich wird sich selbst nur wiedergegeben als Käufer individueller Projektionen auf eine gesellschaftlich vermittelte Produktwahl. Dieses Individuum ist ein vergegenständlicht Weichgekochtes. Verankert im „individuellen Charakter“ von Massenprodukten.
Also schießen wir Fotos jederzeit und laden sie hoch?
In den abbildhaften Dokumentationen des alltäglichen Vollzugs von singulären Leben in sozialen Medien ist vielleicht eine moderne Wendung vom schwachen Ich-bin zum Gestern-war-ich als Form identifikatorischer Vergewisserungstechnik des Selbstseins zu suchen. Seinsgewissheit wird partizipatorischen likes überantwortet. Den durch den Fortlauf der Zeit drohenden wie befürchteten Verlust an erinnerbaren Erlebnissen des eigenen Lebens – als sozialer Orkus des Vergessens, wird mit steter Dokumentation via pics und reels versucht entgegen zu treten. Das Schicksal ist/ wird visuell geformt. Die Produktion fotografischer Reize hilft dem visuell stimulierten Gedächtnis der Beteiligten die vergangenen Zeiten anhand von fotografisch festgehaltenen Lebensmomenten zu organisieren oder paradiesisch zu interpretieren – der digitalen Sozialität überantwortet. „Die Fähigkeit, sich von der eigenen Vergangenheit zu lösen und Fragmentierung zu akzeptieren, ist der herausragende Charakterzug der flexiblen Persönlichkeit…“ Heißt: Als Nutzer sozialer Medien nutze ich fragmentarische Einblicke in mein soziales Leben, um es zugleich als Oberfläche meiner Existenz vermeintlich kontrollieren zu können: „Was jemand ist, verdankt er der Kontroller seiner Erscheinung.“ Fotos von Urlaubssonnenuntergängen, Familienzusammenkünften, Nahrungsmittelaufnahmen. Die Verbindlichkeit gemachter Erfahrung wird nicht durch ihre ästhetische Präsenz oder Einmaligkeit, sondern durch die Reichweite digitaler Netzwerke bzw. Plattformen erreicht: durch definierte digitale Formate und Schnittstellen werden Mindeststandards Plattform und Programm-Algorithmisch übergreifend anschlussfähig gemacht.
Technischer Erinnerungsverlust
Der zuerst nur analog-technische Erinnerungsverlust – als Verlust von Schriften, Barytpapier und Artefakten – entwickelte sich zu einem „Erfahrungsdruck“, dem entgegen zu fotografieren: Das heißt, möglichst schmeichelnde Facetten aus dem ichigen Leben in die Netzwerke, auf die Plattformen zu stellen: unforgettable. Ausgelöst dadurch, dass die Erfahrungen der Vergangenheit, des vergangenen Seins nicht zählen, sogar als sinnlos empfunden werden, wenn sie nicht in Bildstoff übersetzbar sind, weil abgeschnitten von akteuellen technischen wie sozialen Standards. Ein Kannibalismus memotechnischer Unmittelbarkeit der Abbilder frisst die Blicke. Schließlich entspricht der individuell erlittene Erfahrungsdruck dem durchgesetzten Akkumulationsdruck des Kapitals auf die Zeit. Es gilt, sich mit medialer Normativität in ihr zu bewegen, ohne öffentlicher Stigmatisierung ins Rohr zu schießen. Die Chance Symptom seiner selbst oder der Gesellschaft zu sein, ist größer, wenn die Menschen sich zum digitalen Avatar verpuppen. Der Seidenfaden digitaler Bild-Präsenz spinnt das Subjekt ein – es ist immer knapp im Leben; aus der Konsistenz der Timeline Schutz bildend, aber festgezurrt. Wie im Foto: eingeschlossen und fixiert.
Die Jetztpunkte dünnen aus, das Festhalten an Übergangsmomenten – also eine gemachte Erfahrung für ein aktuell neues Abbildungs-Ereignis zu benutzen: im Jetzt von Gestern zu labern – erfordert Anstrengungen, die das praktizierende Individuum als antiquiert im Beharren auf bestimmte Foto-Einstellungen erscheinen lassen. Immer wieder Selfies im Glück.
Der Versuch, ein Zeit-Versteck mittels einer digitalen Unsterblichkeit zu schaffen, wo die Erinnerungen noch sicher und unbeschnitten von gegenwärtiger Inanspruchnahme bleiben, erzeugt einen psychotischen Rückzug vor der Gegenwart in die (alte) Zeit – das Fixieren der Gegenwart als Gewesenes scheint im fotografischen Festhalten sicher vor den ungewissen Zukünften zu sein. Es kollidiert die zeitlich festgehaltene Erfahrung (das geschossene Foto) mit dem tatsächlich vorauseilenden Lebensraum des Erfahrungsträgers – als ein Kampf um Stellvertretung des Ichs mit dem fotografischen Herrn seines gestrigen Ichs. Authentizität als Adrenalin der Unmittelbarkeit ist mit dem Geist digitaler Nach-Bildungs-Versuche kaum zu machen. Die Furcht im sozialen Raum unterzugehen ist so grenzenlos wie er selbst.
Während depressiver Episoden wird die biografische Selbsteinschätzung zu vergangenen Erfahrungen von konstruierten Erinnerungen überschrieben, blockiert oder manipuliert: Selbstschutz. Die Brücken zu den realen Begebenheiten der Vergangenheit sind durch traumatische Gebäude versperrt oder nerval niedergebrannt. Das Hätte, Wäre entleert das Hier und Jetzt. Der Blick auf die eigene Geschichte ist getrübt, weil sie so grausam war, dass das beschädigte Selbst sich töten, mindestens sich abstumpfen musste, um als Undercoveragent zum Schutze des eigenen Lebens fort zu bestehen – to be alive. Die erlebte Kindheit wird durch die eskalierenden weil traumatischen Erinnerungen wieder und wieder gedemütigt – man konnte sich nicht schützen, woraus ein Ungenügen gegen sich selbst erwächst: Diese Ohnmacht hängt einem nach, im Kopf fest. Tag für Tag. Man kann kaum davon loslassen, definiert sich am erlittenen Trauma. Misserfolge werden mit den traumatischen Schwächungen „gerechtfertigt“, als würde man diese Strafe verdienen – man richtet sich in der gelernten Nichtigkeit ein. Die traumatischen Erfahrungen fressen am aktuellen Leben, halten es im triggernden Trauma fest. Die Erfahrung als Führer durch die Gegenwart hat ausgedient.
Der Brunnen der Erinnerung aus voll quellenden Schmerzen – aus ihm kann nichts Positives gezogen werden. Jeder Tropfen normative Nahrung wie Gift wabernder Wunden. Woher sollen die wirklichen Jetztpunkte enttäuschter Gefühle kommen, ohne dass das quälende Gestern bewältig, enttarnt wurde? Die Gegenwart ist von einer die Gegenwart zerstörenden Vergangenheit vollgepumpt – die erlebte Echtzeit wird am erinnerten Gestern bemessen. Fest geschraubt im Trauma.

Ich, ca. 3 Jahre alt.
Leidenschaft als eine Art menschliche Umsetzung der evolutionären Erbschaft? Mit Hilfe von Apparaten fliegend, tauchend, tötend erkennen wir uns als Tiere wieder, können uns in diesem Grenzbereich unserem Erbe stellen. In Äonen lernen wir uns als Tier von der Leidenschaft gepackt! In Augenblicken brechen wir aus kulturell normativen Fesseln aus: „Im Vorgefühl von solchem hohen Glück/ Genieß ich jetzt den Augenblick.“ Im Pakt mit dem Teufel oder mit technischen Prothesen können wir vielleicht endlich unsere menschliche Grenze erreichen. Nachdem die technischen Kommunikationsmittel die Leidenschaften ausbeuten halfen – nunmerh können wir jederzeit gefühlsträchtig in sozialen Medien einander anschreien, können uns in umworbenen Film-Produkten genussvoll in die dunklen Seiten unserer Leidenschaften schicken – , sind sie in die Körper hinein verlängert, sinnlich gemacht worden: Aus dem Liebesbrief an sich selbst ist die Smartwatch entwachsen – Herzfrequenz, Puls, Schweiß und Schritte zählend. Die Technik scheint spezifisch empfindsamer gegenüber unseren Sinnen. Diese körper-impliziten Prothesen verfolgen, detektieren unsere Schwächen. Sie ersetzen unser evolutionäres Training, indem sie unsere mangelnden Sinnleistungen entlasten, unser Gespür in die Cloud outsourcen. Die Abrüstung unserer Sinne wird von der technischen Entwicklung ihrer Sinn-Ersatz-Prothesen angetrieben. Wovon wir nichts zu hören vermochten, wird die elektronische Konserve Hilfestellung geben, was wir nicht mehr sehen oder sehen wollen, zeigt uns das TV.
Eine technische Naturalisierung des Menschen ist im Gange. Wenn wir bis zum Enspiel kommen, werden die Erfahrungen nur noch technisch zertifiziert: Wer nicht veröffentlicht, heißt: wer sich nicht samt seiner Selfines durch die Algorithmen bückt, hat keinen Anspruch auf soziale Existenz. Was jemand ist, verdankt er seiner Erfassung. Die digital abgelegten Erinnerungen als elektronische Konserve verdrängen die Unmittelbarkeit der sinnlichen Erfahrung: Die tatsächliche menschliche Begegnung. Wir verfügen über technische Abbildungen wie etwas klänge, aber hörten es kaum noch mit menschlichen Sinn. Ja, wir passen uns unseren Prothesen an. Wir sind Hybride – die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine sind wir selbst. Für diesen Menschen entspinnt sich aus dem Naturereignis seiner ureigensten Wahrnehmung (die evolutionären Sinne, wie das Riechen, Schmecken) ein Abhängigkeitsverhältnis zu elektronischen Vermittlungsprothesen. Von da an ist das Laubgeräusch und Vögel wimmelnde Luft eine zu kaufende Serviceleistung. Die Prothese ist zum Fuß gewachsen, der endlich funktioniert. Freiheit als technische Verlängerung des Körpers begriffen.
Von den Pfützen
auf den Gewitterregen schließen,
von den Inseln aufs Land;
von dem wenigen Licht im Tunnel
auf den Tag,
das Ende der Arbeit,
lodernde Barrikaden.
Das Positive in den Resten,
aus dem Verschwinden
das Wiederkommen lesen,
aus den Zeichen die Welt – wie Blake
(in „Auguries of Innocence“):
To see the World in a Grain of Sand,
And a Heaven in a Wild Flower,
Hold Infinity in the Palm of your Hand,
And Eternity in an Hour.
(Die Welt sehn in einem Körnchen Sand,
Den Himmel in einem Blütenrand,
Die Unendlichkeit halten in der Hand,
Die Ewigkeit in einer Stund.)
Der widerständige Vorgang des Ichs zur Welt, als ein Rückzug zum (künstlerischen) Menschen selbst gefasst, ist notwendig zu verteidigen und zu bestreiten. Das menschliche Bedürfnis nach natürlicher Anschauung fordert sich selbst heraus: Der Mensch selbst ein „Naturwesen“ zerstört in summa die menschliche Spezies die – also auch seine – Natur. Die Menschen provozieren den Bruch mit ihren naturhaften Kontexten, in denen sie sich vorfinden und abfinden müssen, indem sie sie und sich verbrauchen. Es ist der Widerspruch zwischen zerstörerischen Produktionsprozessen und den in ihnen hergestellten Produkten als versprochene Genüsse. Produktgegenstände scheinen so allgegenwärtig das menschliche Produzieren als Normalität zu spiegeln, dass andere Lebenszusammenhänge scheinbar außerhalb der Produktionspraxis stehen. Die Fratze des Begehrens hat das beworbene Produkt übernommen. Der Augenblick des Kaufs entschädigt für die Bewusstseinsstarre im Produktionsprozess. Das Schöne wird im Besitz korrumpiert und stellt darin eine Seite des menschlichen Verhältnisses zur Welt dar. Es ist klar, dass die Erzeugung von Gegenwart im Bemächtigungsapparat der kapitalistischen Produktion die Entwicklung des Neuen, Zukünftigen sich schubweise als Konservatives, Haltendes auszudrücken sucht. Die Fortschrittsfloskel der entwickelten bürgerlichen Gesellschaft ist auf den Kampf um die Welt so wie sie ist – mit vorhandenen Produkten – eingeschränkt. Die Beschränkung auf das vorhandene Produkt-Glück führt zur Beherrschung oder Einschränkung der Beteiligten. Die produktive Beherrschung von Wirklichkeit, Menschen und der Natur kann nur mit der Beherrschung der Produktion durchgesetzt werden: Die auferlegte Beschränkung ist wieder in den Produkten der Produktion zu finden.
Die wechselseitige Begrenzung in den Strukturen und Funktionen der Lebensbereiche oder deren Auflösung durch das stetig drohende produktmächtige Unterbrechen, Auflösen oder durch das Arbeitsverhältnis bereitet den Boden, um aus dem wechselseitigen Verhältnis zwischen Gegenstand der Betrachtung (Produkt) und Betrachter einen Wechsel des Bewusstseins darüber herauszuziehen. Die Weltverhältnisse schlagen bis zum individuellen Arbeitsverhältnis durch. Alles hängt mit Allen zusammen. Jedes Produkt ist Ableitung von einem anderem. Wenn das bewusst ist, wird es schwer, sich in der jeweiligen Arbeits-Praxis noch selbstgefällig einzurichten. Der Entscheidungsraum des mit dieser Erkenntnis begabten Wesens wird sich vergrößern.
Dieser erarbeitete und durch Arbeit provozierte Entscheidungsraum ist ein Korrektiv zur bloßen physischen Lebensbewegung, verzögert den egoistischen Zufluss aufs menschliche Leben und setzt als Erkenntnis den auf das Produkt orientierten Verkehr in eine menschliche – ethische – Gangart um. Sei es der losgetretene Verrat gegen die Zeit, der Stillstand entzündet am Schönen, als eine menschliche Verzögerung zu sich selbst.
Das-durch-die-Orte-bewegt-werden in Autos, in virtuellen Internet-Räumen, durch technisch neue Ordnungen und Ortungen, Produkte, Produktionsweisen löst die bisherigen Erfahrungspunkte des Menschen auf. Die Chance liegt also in der Kreation neuer Ordnungen und Ortungen, eigenmächtiger Erfahrungspunkte – ohne das sie die Gestalt warenförmiger Produkte annehmen. Das revolutionäre Reflektieren ist der Wahrnehmung näher als den Produkten. Die Philosophen können nicht die Welt verändern.
Der Anspruch auf ethisch-ästhetisches Verhalten – verlangsamt die Gegenwart zugunsten der Zukunft, bis man sie als Versprechen nicht mehr braucht, denn der Anspruch kann nur innerhalb gegenwärtigen Handelns gegen das gegenwärtige Verhältnisse gesetzt werden.
Das Sein eines angeschauten Bildes an der Wand als wahrgenommene Erscheinung, als sinnlicher Eindruck ist der Zusammenschluss des Eindrucks des Beobachters mit dem wahrgenommenen Ausdruck des Bildes. Der schöne Augenblick ist als Paarung von Bild und Betrachter zu verstehen.
Betrachtung als unendliche Implosion von beobachteten Gegenstand und Beobachter gedacht: Um jegliche Formen eines Bildes zu identifizieren, herauszureißen, muss der Fluss der Formen im Betrachten – für die Zeit des Betrachtens – angehalten werden. Jede gefundene Form, die aus der eigenen Beobachtung herausgeschälte Differenz von Ich und Gegenstand, Beobachter und Beobachtetem – was nichts anderes ist als die erkannte Differenz zum eigenen identitären Begehren in Form einer Form – ist konstitutiv für den Beobachter und für folgende Beobachtungen. Die entdeckten Differenzen der Formen als Verhältnisse der Formen zueinander als eigenen Trennungsprozess von (formalen) Erwartungen der Beobachtung zu beobachten, wahrzunehmen, ist konstitutiv für den Betrachter wie für das Kunstwerk. Im Moment des Wahrnehmens wird das Wahrgenommene zum „Stillstand“ gebracht. Das Wahrnehmen eines Wahrnehmungsgegenstandes setzt dessen relative Ruhe, Starre bzw. Fixierung (im Sinne einer fixierten Erinnerung: als nervale Gestalt) voraus oder versetzt ihn im Wahrnehmungsakt in diese. Es hat „eine von Spannung gesättigte Konstellation erreicht“.
So kann der Betrachter durch das Verweilen vor dem Bild nicht nur seinen Wahrnehmungsraum vergrößern, sich in eine Wahrnehmungsstarre heben – er erarbeitet sich damit auch die Möglichkeit, sich gegen seine bisherigen, alltäglichen Zeitläufe, Zweckverbindungen zu setzen, indem er sie und sich ihnen aus setzt. Ich stelle mich dem Problem ‚X‘, indem ich es auseinander nehme, in seine Formenteile differenziere, die Differenzen aus mir heraus setze, sie und mich ihnen aussetze.
Verweile doch, du bist so schön – die Fixierung der Wahrnehmung im Angesicht der Schönheit: Der Moment des schönen Empfindens. Die Schönheit als Verräterin der Normalität – sie irritiert sie – und zugleich Befreierin des Menschen von seiner gemeinen, ordinären Gegenwart. Die Schönheit ist Bremse seines Flusses. Vor ihr kommt er ins Stehen, Verweilen – die Nerven sind außer sich, sind getroffen, tatsächlich erfasst in ihrer Gestalt. Die Identifikation mit dem schönen Gegenstand als das identifikatorisch, evolutionär abgestellte Wahrnehmen oder als das konzentrierte Eingehen aufs Objekt interpretiert, kommt einer Interruption des betrachtenden Menschen gleich, als eine Unterbrechung des Flusses, eine Art Arretierung? Die Arretierung des Betrachters vor der Schönheit eines Kunstwerks, erzeugt einen Formenraum im Betrachter selbst: Einen Verkehr zwischen Nervengestalten und Formgestalten. Das ist schön, wenn es passiert – weil es passiert.
Das Stehen vor einer Entschiedenheit, etwas zu teilen, um mit dem entschiedenen Teil weiter zu gehen als unendliche Verzögerung, eine Entscheidung zu treffen. Das Teilungsparadoxon von Zenon von Elea weist auf eine psychologische Hemmung hin, etwas nicht zu tun, weil die Teile immer kleiner werden. Um sich für ein Ziel zu entscheiden, wäre es da nicht gut zu wissen, welche Hindernisse auf dem Weg liegen, was an Unvorhergesehenem passieren mag? Also die Anhäufung von möglichst vielen Voraussetzungen, um gewissenhaft eine Entscheidung zu treffen, bleibt im Anhäufen der Voraussetzungen stecken.
Wenn es heißt, eine Entscheidung herbeiführen, also einen Punkt festzulegen von dem alles weitere abhängt oder: abhängig gemacht wird – als wäre er mit einer eigenen Vorsehung betraut –, bedeutet das nicht, Gewissheit über einen Weg (Struktur, Feld) zu haben, auf welchem man sich bereits befindet? Sind hinreichend Informationen (Selektionskriterien) vorhanden? Wann jemals sind sie hinreichend, wo wir doch die unzähligen Umstände bis zum Ergebnis der Entscheidung nicht kontrollieren können? Das Forcieren eines bestimmten Qualitätswechsels – etwas zu scheiden vom anderen –, um eine Differenzierung anzuwenden (eine Entscheidung zu treffen), triebe doch erst in das hinein, woraus entschieden werden soll und worüber die Entscheidung erst noch tragen soll?
Das Vor-der-Entscheidung-stehen spürt das zu Grunde liegende (notwendige) Formalisierungs-Material auf oder lässt es wuchern. So sind Entscheidungen Produktionsstätten neuer Formen, Konstrukte. Vor der Entscheidung würde man doch genau das wissen wollen, worauf man sich durch die Entscheidung einlässt? Je mehr man vorher in Betracht zieht, um überhaupt entscheiden zu können, hat dieses Entscheiden wollen längst einen Formalisierungsvorgang in Bewegung gesetzt. Erst das Entscheiden wollen setzt Formalisierungen – also die Produktion von formalen Kriterien zur selektiven Auswahl der Entscheidungsparameter – in Gang. Die Produktion von formalen Eventualitäten droht, sich in unendlich scheinende Wenn-Dann-Details zu verlieren, denn man weiß gegen die eigene Angst nie genug: oder man setzt sich mit brauchbaren Annahmen über sie hinweg und die Zukunft in Gang. A priori.

©Hans-Georg Köhler, Navigator, 2005
Passage 1
„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“
„Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung [Funktionsbereiche bzw. Ebenen gesellschaftlicher Tätigkeiten] und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor [d. h. sie verändern dauernd die Formen ihres Verhältnisses zueinander]; aber diese Individuen, nicht wie sie in der eigenen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d. h. wie sie wirken, materiell produzieren [Leben äußern und oder veräußern müssen], also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihnen willkürlichen Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.“ Ihr Wirken, oder ihre materielle Produktion als Lebensäußerung verlangt das Leben selbst zu entäußern. Der Mensch ist, um seiner organischen Erhaltung willen, hierin bestimmt, sich in die Außen-Welt, in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verschieben. In diesem ihn bedingenden Stoffwechsel veräußert sich das bürgerliche Ich.
„Die Vorstellung, die sich diese Individuen machen, sind Vorstellungen entweder über ihr Verhältnis zur Natur, oder über ihr Verhältnis untereinander, oder über ihre eigene Beschaffenheit. Es ist einleuchtend, daß in allen Fällen diese Vorstellung der – wirkliche oder illusorische – bewußte Ausdruck ihrer wirklichen Verhältnisse und Betätigung, ihrer Produktion, ihres Verkehrs, ihrer gesellschaftlichen und politischen Organisation sind. Die entgegengesetzte Annahme ist nur dann möglich, wenn man außer dem Geist der wirklichen, materiell bedingten Individuen noch einen aparten Geist voraussetzt. Ist der bewußte Ausdruck der wirklichen Verhältnisse dieser Individuen illusorisch, stellen sie in ihren Vorstellungen ihre Wirklichkeit auf den Kopf, so ist dies wiederum eine Folge ihrer bornierten materiellen Betätigungsweise und ihrer daraus entspringenden bornierten gesellschaftlichen Verhältnisse.“
„Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“
Passage 2
… and Kunst likes me
Wo die Spekulation über die Wirklichkeit aufhört, weil sie in Bildern ausgemalt – angeeignet – wird oder sie mit individuellen Erfindungen ästhetisch-produktiv gemischt wird, gebärt sich der Mensch als ästhetisch humane Spezies, beginnt die Kunst. Das jeweilig in der Beobachtung formal Erkannte – als differenzierte Form und die Differenzierung der Form als Modell der Differenzierung zugleich – folgt den ausdrucksmäßigen Möglichkeiten des Beobachters: beide – Beobachter und Gegenstand – zusammen bestimmen das ästhetische Medium als Tätigkeitsfeld. Wer Blaumeißen zuhört, mag das Gehörte in Töne transformieren, wer menschliche Bewegungen studiert, wird vielleicht Zeichnungen oder Plastiken fertigen. Die ästhetische Produktion schafft also nicht nur ein Artefakt für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für das Artefakt. So findet die transformative Begegnung zwischen Beobachter und Beobachteten ihre gemäße Darstellung (immer als Form) im produzierten Artefakt und damit den formbaren funktionalen Zusammenhang von individueller Ästhetik als Forschung nach allgemein menschlichen, übergreifenden Merkmalen. Mindestens bringt das ästhetisch empfundene oder geformte Artefakt etwas Begriffenes als Beobachtetes zum Ausdruck und stellt es zugleich wieder zur Beobachtung aus. Im Begriffenen – das heißt in der künstlerischen Auseinandersetzung stets: im Gemachten – kommt die (ästhetische) Verwandlung des Gegenstandes zum Ausdruck: dialektisch als Gegenstand des Ausdrucks wie als ästhetisch geformter Ausdruck des Gegenstands. – In ihm werden die Zerstörungen des Gegenstandes zugunsten menschlicher Ausdrucks -und Aneignungsweisen versammelt.
Das die Darstellungsfunktion in der Kunst gesellschaftlich nicht zielorientiert, wohl aber auf die zu erfindende Form zielend arbeitet, weißt sie als wirksamen wie wirklichen Moment aus: Das Ringen um ästhetische Formen, die Lebensdinge als (ästhetisch) formbar zu erkennen und zu betrachten – jenseits fiskalischer Interessen, sondern im sozial-plastischen Sinn. Sich als Individuum in die Fließbänder, Reinigungskräfte oder Kunden-Agenten einzupressen, erscheint einer Vielzahl gesellschaftlicher Individuen nicht als Arbeitsbiografie erstrebenswert. Der täglich erlebte Flexibilitätsstress, das Rollenspiel in den Organisationsformen der Arbeit usw. verspricht nichts weniger als ein sinnloses Dasein mit bezahlbarer Beerdigung. Die gesellschaftlich verbindliche Utopie setzt Staub an: fürs Kämpfen reichts nicht mehr, der Solipsismus ist trotz nicht erbrachter Poeme schon zu groß. Die Kunst in ihrem monadischen Gefechtsstand – im Einverständnis zukünftig kleiner werdender Rationen – ermöglicht noch Aussichten: Sich selbst mit dem vermeintlich eigenen gesellschaftlichen Versagen und der gesellschaftlichen Kaputtness zu beschäftigen, d. h. sie als Form zu gestalten und: betrachten zu können.
Wie, ist zu fragen, kann jenes produzierte Bewusstsein hinter seinen Rücken sehen? „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“
Das vom Sein bestimmte Bewusstsein reproduziert nicht nur das ihn bestimmende Sein (im rechtfertigenden Sinn, ideologisch), reproduziert nicht nur sein überbauliches Bewusstsein, sondern auch sein (bereits determiniertes) Bewusstsein über das ihn bestimmende Sein. Das „selbstische“ Bewusst-Sein nimmt also unmittelbar an seiner Veränderung durch die Veränderung des gesellschaftlichen Seins teil. Es entwickelt in seiner ambivalenten Bestimmungskraft und Freiheit eine über sich selbst als über sich hinausgehend zu fassende Tätigkeit. Der menschlich-bewusste Sinn, sich von seinem es bestimmenden Sein abzuheben, sich davon zu revolutionieren, ist also stets an es gekettet. Abstrakt betrachtet, ist es seine menschliche Praxis selbst, die ihn verändert, unterdrückt, indem sie ihn und er sie verändert und erlebte Widersprüche auf sie zwingt. Unsere Forschung/ Kunst soll der bewusste Ausfluss ökonomischer Seinsverhältnisse sein. Mit der Gefahr in der Entleerung sich aufzulösen.
Verurteilt zur Freiheit im Gefängnis der Entfremdung
Die heroische Aufgabe des Menschen verheißt ihm, das an ihm verschuldete Verhalten der Welt wie das durch ihn verschuldete Verhältnis zur Welt zu erkennen: Das für ihn „die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“. Der menschliche Fortschritt lautet: Einsicht in die ihm offerierte gesellschaftlich bestimmte Negativität zu üben, sich seiner der rationalisierten Zweckmäßigkeit untergeordneten Austauschbarkeit zu stellen, gegen den von ihm geschaffnen Überfluss sich zu wehren, sich in seinen von ihm erzeugten Produkten wie Verhältnissen zu erkennen und gegen seine von ihm gefütterten Schimären zu kämpfen, die ihm als seine Entäußerungen wie Hieroglyphen gegenüber stehen. In der Ambivalenz von solcher Einsicht in die Ohnmacht erzeugende Macht, in die Macht erzeugender Ohnmacht erhalten die ästhetischen Widerstandsakte als Dokumente barbarischer Kultur ihren Sinn. Benjamins Diktum über die Kultur und ihrem barbarischen Schatten nimmt dies vorweg. „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne ein solches der Barbarei zu sein.“
Das Reservoir der Kunst ist, mit Differenz und Ent-Zweckung gegen die gesellschaftlich vermittelte Macht institutionalisierter Interessen sinnliche Kontexte, Formen zu entwickeln: Die Kunst kann die Zerstörung der Ästhetik zur Ästhetik der Zerstörung umbilden: Ihre Negation ist ihr eingeschrieben. Die Lust an der Störung ist hier ästhetische Markierung der Differenz. Die Formen der Kunst sind Differenzierungsanweisungen: Dinge, Verhalten und Situationen anders als bisher aufzufassen, anders sichtbar zu machen. Die Zerstörung der Ästhetik als Ästhetik der Zerstörung gibt der Kunst in bürgerlichen Gesellschaftszusammenhängen noch Spielraum und kann nicht „aus dem politisch-sozialen Raum, in dem und für den sie entstand, ausgesondert verstanden werden.“
Zerstörung der (gewohnten) Ästhetik als Ästhetik der Zerstörung:

Abbildung: Philipp Donald Göbel, aus der Serie „neu eu s“
Mit freundlicher Genehmigung zur Abbildung: © Philipp Donald Göbel, philippdonaldgoebel.de/neu-eu-s
Die Praxis der Selbstliteratur nimmt Platz im öffentlich medialen Raum: Performed in opfergestischen Songs, in vom Schicksal gebeutelten Rap-Zeilen, manchmal in performativer Kunst, worin das eigene Befinden thematisch heraus gestellt wird, worin Wirklichkeitsvorgänge des Körpers – als Erfahrungsmaterial – vor allem durch Leidens-Ausdrücke des Körpers vermittelt werden. Als glänzte die Kunst durch triefende Wunden. Die Betroffenheit verhindert das Verallgemeinbare der ästhetischen Form. In klebriger Verkörperung eigenen wundschreienden Körpers – als permanent erlittenes Opfer, gefangen in seiner fortschreitenden Beschreibung des Opfer-Seins – wird die Hauptrolle gefeiert. Diese Art von Leidens-Beschreibung bleibt oft genug in der Einfühlungs- bzw. Opfergestik stecken – sie spannt ein Befindlichkeitsschild vor die gequälten Worte und ihren Autoren. Das erworbene Jammerrecht macht sie unantastbar. Im Lesen bleiben die Worte im Mitleiden hängen, kommen nicht auf den ästhetischen Geschmack. Das passiv erlittene Geschick (oder dessen Konstruktion) erlaubt, die Verantwortung dafür der Welt in Rechnung zu stellen. Ausdrucksversessenheit aus Betroffenheit heraus ist noch keine Kunst, Schicksal kein Verdienst und Heulenkönnen keine Kunst. Die Langeweile ist auf solipsistische Personen bezogen, auch quetschte sie ihre Sprachorgane. Das Ego nimmt überhand. Als würde nur ein Bio-Selbst Authentizität verbürgen. Die letzte bürgerliche Fiktion ist das Individuum, ein Nadelöhr – da kommt Menschheit nicht durch, hat keinen Platz. Es interessiert mich nicht.
Wer keine Fragen hat, erzählt von sich selbst. Das selbstische Schicksal ist keine Antwort.