Ich muss meine Arbeitskraft verkaufen, immer unter Wert, damit ich in Stille abortieren kann. Mit einem Dach über dem Kopf. – Öffentlich gehörte das eingesperrt. Und weil dieser Stoffwechsel Kraft kostet, schwach macht, werde ich mich der Regenerationsabteilung anvertrauen, den Arzt auch bezahlen. Den Kopf muss ich abschneiden, damit er unter Ausschluss des produktionsverhältnismäßigen Interesses wieder angenäht werden kann. Im Privatfernsehen eine geile Begebenheit.
Sobald ein ästhetisches Objekt oder Ereignis kommuniziert wird, ist es ökonomisch Besetzungen aus-gesetzt. Aus der ästhetischen Botschaft wird das ökonomisch besetzte Medium. Es wird aus-gestellt.
Die Beeinflussung des Beobachtungsgegenstandes durch den Beobachter ist Bedingung für die Beobachtung. Das Beobachten ist ein symbiotischer Vorgang, in dem sich Beobachter und Beobachtetes einander bedingen, hervorbringen und be-gegnen. Man ist niemals losgelöst: weder vom Beobachteten noch von den eigenen präformierten Sinnen während der Beobachtung. Niemand ist Gott und hat eine Wahrheit jenseits des Objekts oder außerhalb der Einheit von Beobachteten und Beobachter. Der Beobachter bringt sich mit seinem Beobachtungsstatus in den Prozess des gegenseitigen Beobachtens mit ein (gegenseitig: Beobachtung des Gegenstands und der Beobachtung der Beobachtung). Die niemals vollständig zu vollziehende Kopula des beobachtenden Subjekts mit seinem Beobachtungs-Objekt erschwert die konzentrierte Beobachtung, denn das Beobachtungsfeld – die Umgebung vom Beobachtungsobjekt – ist voll von möglichen Annäherungsweisen an den Gegenstand: Er ist noch offen, noch nicht strukturell eingezwängt. Wird dieser Zusammenhang – von Beobachter und Beobachtetem – vorzeitig zugunsten einer Bemächtigung des Beobachtungs-Objekts aufgeben, also zugunsten eines kommandierten Vorrangs ausgewählter (selektiver) Kriterien, oder zugunsten der Nivellierung der Beobachtungsqualitäten durch bemessende Einheiten, erlangt die Erfassung von Beobachtungskriterien, Kategorien –und Kalkülen die Herrschaft über den Wahrnehmungsprozess. Noch bevor Wahrnehmung in Kommunikation transformiert wird, bemächtigen sich kategoriale Verfahren der zu beobachtenden Objekte.
Die eingeschränkte Bemächtigungsfähigkeit (mangelnde Kopula, vorzeitige Qualifizierung/ Bewertung, Datenerhebung der Objekte) wird prozessual standardisiert zu einem operativen Gleichrang aller Beobachtungsobjekte -wie Kriterien, vor allem dann, wenn für Zwecke einfachhalber die Komplexität der Mittel – des Prozesses – unterschlagen wird. Erfassung – Simplifizierung – geht vor Komplexität. Die Beschreibungskriterien verschanzen sich hinter einer kalten Fusion mit dem Gegenstand, dem Beobachtungsstück. Beobachten ist Behandeln geworden. Mangelnde Nähe wird gefeierter Abstand. Aus dem aufklärerischen Werben um den Gegenstand wird dessen logische Einzäunung. Bezwingend. Es gilt den Beobachter herauszuhalten, dass er sich nicht vermische, involviere mit dem, was er beobachtet – eigentlich damit erst kontrolliert, beherrscht werden soll. Der Zugriff auf den Gegenstand – er wird einem bestimmten Beobachtungsregister unterstellt, damit nichts bleibt, als zugreifen zu müssen – in der Überwindung von Ungewißheit (als Vorschuß der Furcht) charakterisiert ein Problem.
Ohnmächtige Qualität erreicht dieses Vorgehen, das menschliche Tätigsein, wenn diese „negative Bewegung“ vom tätigen Menschen auf sich selbst bezogen wird – das also der Zugriff auf den Gegenstand das Leiden des Beobachters wird und er sich vom Gegenstand ergriffen fühlt. Jeder Schritt in die Welt ist das Leiden der Welt in ihm. Die Beobachtungskultur degeneriert, wenn sie den Menschen ausschließt im Beobachtungsvorgang. Sein Leidensvermögen verflüchtigt sich zugunsten kalkulierbarer Objektivität – als Kälte zum Objekt.
Die für das suchende Subjekt flüchtige Wirklichkeit ist ständig in Fortsetzung begriffen.
Die Wunde kann mit der größeren ersetzt werden.
Der ergriffenen Wirklichkeit kann man nur entschwinden mit ihrer menschlich angezettelten Verkörperung (durch Wahrnehmung). Als dargestellte Wunde (ästhetisch, künstlerisch). So, als würde das permanente Beobachten/ Kopulieren mit der REALITÄT uns vor ihrem Erfassthaben feien. Das, was wir jetzt sind, entspringt unseren geglückten Fluchtwegen.
Das Bewußtsein impfen gegen seine Gegenstände, gegen die Inseln sinnlicher Gewissheit, die homöopathen Pillen im wirklichen Sumpf. Isolierung durch Erkenntnis von Sprache umstellt. Das Ich abgetrennt zum Zweifel bereit, durch die selbstische Geburt aus den Gedanken – wie von Sinnen. Die Selbstentdeckung vor einem Kunstwerk: in Stille mit sich – ein Alleinsein des Ich mit seinen Gedanken, entortet vom Alltag; in die Welt der Formen gezogen, weggeschwemmt von Sinnen. Das Andere so nah.
Immer wieder sich hingeben für das Körperliche, Muskuläre, um Platz für neue Ansichten zu schaffen, oder zu erhalten: Für die Ideen der menschlichen Beweglichkeit, für die Raum greifenden körperlichen Prozesse, Kommunikationstumore, für den Wahnsinn. Mit jedem neuen Kunstwerk gilt es, aus dem gewohnten Beobachten heraus zu kriechen und ein anderer Mensch zu werden.
Die Gleichheitszeichen ausscheiden!
Tautologien sind konzeptuell brauchbar.
Ein Gleichheitszeichen ist eine Ausscheidung der Differenz – die da nicht begriffen oder gebraucht wird.
Gleichheitszeichen, analogische Instrumente – Schleimspur des Unidentischen, der Austauschbarkeit. Identität ist nicht zu falsifizieren – denn wann und worin ist das Ich sich gleich, ohne das gesagt würde: Das sieht ihm ähnlich, oder mit was soll das Ich (sich) gleich sein. Fred ist immer mit anderen ungleich. Differenzierung tut Not. Natürlich ähnelt sein Blutkreislauf dem der anderen, gleich ist ihm – gleich der anderen, sich im Leben zu bewähren, sich zu Markte zu tragen: das ist konzeptuelle Gleichheit. Im wissenschaftlichen Chargon: als der auf alle Subjekte gleichwirkende Ausdruck der in gesellschaftlichen Verhältnissen verkleideten Macht.
Die wissenschaftlichen Studien sind die Begleitmusik für das ausbeutende Fortschreiten im Operationsgebiet, ob nun Krieg um Absatzmärkte oder Köpfe. Euthanasie zum Forschungszweig verwissenschaftlicht. Selektive Prognosen, anders gesagt: Spekulationen über Marktverhalten zeigen Möglichkeiten an, sich im lebendigen Knäuel des Menschenmaterials zurechtzufinden. Für betroffene Menschen und jedermann, der sich unbetroffen wähnt, ist solch Forscherblick einschneidend. Solch zielsetzende Erkenntnis als Unterstellung bezeichnet das Herausgeschnittene und daher auch das Abgeschnittene: So greift das Begreifen in den Verbund eines Ganzen ein und holt Teile von ihm heraus. Es ist in diesem zweckorientierten deduktiven Zusammenhang der berufsmäßigen Vernutzung des eigenen Lebens ein Abschneiden von ihm, das gezählt wird. Hier weht das Formaldehyd der Toten; aus dem Papier, aus unserer Seife. Das noch nicht verdinglichte, produktiv vernutzte Wissen steckt hinter wortführenden Werbeblendern in den Startlöchern, um die Hirne zu entern.
Aber: Es existiert eine ausharrende Art des menschlichen Seins, das während seiner Unentschiedenheit sein kann: Träge mit sich, um sich eine Unschuld zu gewähren, solang wir menschlich verrückt künstlerisch sind; wo wir uns suchen dürfen. Ein Ort mit einem menschlichen Gesicht der Zeit.
Elixier, Passion: dieses gewalttätige, lustvolle, gierige, begabte Tier, wie ich, im Stande noch, darüber denkend, malend zu verhandeln. Dieser Mörder/ dieser Künstler so schöne gerade Linien sind Schnitte/ mitten durchs Fleisch/ zur Farbe/ ist Blut am Skalpell, am Pinsel entlang.
Die Vereinzelung des wahrnehmenden Körpers vor einem Kunstwerk als Etablierung wie Emanzipierung des Beobachteten durch den Beobachter und des Beobachters durch das Beobachtete.
Der Isolationsprozess im Kunstgenuss, das Eintauchen in die einsame Beobachtung, in die sich abgrenzende, also individualisierende Erfahrung, die Spaltung vom alltäglichen Umfeld, die geglückte Vereinzelung des Betrachters als humaner Würgegriff der Konfrontation mit sich selbst vor einem Kunstwerk. Eine äonische Fest-ung. Die Fixierung des Schönen ist evolutionär erotisch und kocht die Hormone: Das Schöne ist das Massekabel für den ästhetischen Ladeprozess. Die erkannte Enttäuschung, mit dem bisherigen Haushalt des Beschreibungsreservoirs nicht auszureichen als Isolation im erblickten Feld des Schönen gefasst, soll nicht überwunden werden – da klebt das Auge dran – sie soll bleiben, dass der Mensch sich menschlich aussetzt. Der beobachtende Mensch verhilft sich mit einem neu organisierten Beschreibungsprozess zu sprachlichem Ausdruck, d. h. er schafft mit seinem suchenden Sprachspiel neue Möglichkeiten, Erfahrungen zu generieren, sein Sprache, folglich sein Sinnfeld auszuweiden. Der wiedererwachte menschliche Sinn im Sich-Ausliefern an ungeübte ästhetische Formen als heilende wie widerständige Norm für die Sinnlichkeit der Gegenstände, als Gegenstandssinn, für den Sinn gegenüber der Frau, dem Mann, dem Menschen, dem Gegenstand, der das menschliche Verhältnis zu ihm und uns bestimmt.
Die Empirie, mehr und mehr im social-medialen Netz vollzogen – wirklich scheint, was live gesendet wird, ist zunehmend mit ungeahnten Schnittstellen gepflastert, mit algorithmischen Masken – Persona – gekoppelt, übersät, die auf das Konsumpotential der hinterlassenen Userdaten abgerichtet sind. Die medialen Portale arbeiten im Backend an der personalisierten Aufklärung: Nicht, was das Subjekt mittels seiner Sinne erleuchten kann, ist Ziel, sondern jetzt, wie es durch das erfasste Sehen gelenkt, über sich selbst aufgeklärt werden kann. Statt Aufklärung eher Durchleuchtung als Erfassung des Subjekts. Es wird an der Aufklärung des fragenden Subjekts im Sinne der Ermittlung seiner Fragen gearbeitet – noch bevor sie sich ihm selbst stellen, bevor es sich selbst fragt, welches Produkt es eventuell kaufen will. Die Funktionalismen der naturwissenschaftlichen Verwaltungsakte, glatt aufgehend wie Kaufmanns Rechnung, sind der Leitfaden nicht nur für die Ermittlung des fragenden Subjekts, sondern sie bilden für das algorithmisch erfasste Subjekt – wenn es die einschlägigen Kommunikationsmedien nutzt – zugleich seine täglichen Entscheidungsdifferenzen gegen dessen Erfassung ab. Wie kann es sich zwischen Aufmerksamkeitsbegehren (indem es die ihn erfassenden Medien nutzt) und Unabhängigkeit (ohne deren narzisstischen Gebrauch) in den sozialen Medien bewegen, positionieren?
Nachdem der Sprengstoff seine Funktion abgab, war der Mensch das Gebiet, wo nichts ist. Ein Nichts wie ein Trichter in das etwas Schutt, letzte Körperteile nach Bruchteilen in ihren Ausgangspunkt zurück stürzen. Gravitation ratifiziert. Im Film zurückgespult ist es Logik.
Geschieden gewunden, verstummend noch blutend der löchrige Schrei nach Pollution.
Hüften wie Hufe klopfen im Märchenbuch – der Verwechslung mit einem Anderen wurde stattgegeben: durch Stunden, vier Beine einen Körper, gegeneinander treibend.
Versuche von Kontakt mit Luft. Atem Augenwind. Aus der Tiefe der Bläschen mit Kohlendioxid wiegend. Jetzt wird aus Verrat Zukunft abgegolten. Alles Sprechen ist Frucht. Gesprochenes Furcht. Vice versa Obst und Angst. Hingabe ohne Waage ist Wegnahme.
Geiles Gleiten
auf der Umlaufbahn weiblicher Schreie im Echo meiner Prägung: Schönheit umkehren! Raus aus dem ängstlich-männlichen Gefängnis der Bedürftigkeit. Alle Sehnsucht nach der femininen Berührung ohne Gewalt stattgeben. Sich zeigen und aufgeben, wenn das Nein ertönt. Das heißt: die Lust zugeben und abwerfen! Die Sublimierung ist eine gehirnige Wucherung: Menschheit! Die Herabsetzung des Ichs zum Paarungsakt. Mit keinem Grund der letzte Grund sein.
Wir sprechen wie Därme: mit dunklen Annexen schreien wir uns aus. Die Projektile der Tatwaffen kehren durch ihre Treffer ins Magazin zurück. Wir sind voller Granaten. Attentäter wie Zielgruppe. Was für eine Chance, ins Magazin zu flüchten und Munition zu werden: vor dem Schuß. Das Ziel durchlöchert den Angreifer.
Wir sind zu klein für unsere Absichten.
Dieser Mörder, dieser Künstler: so schöne gerade Linien sind Schnitte durchs Fleisch zur Farbe ist Blut.
Die Teilnahme am eigenen Begehren, das dauernde, einstoßen in Schöße, in die Schrift, in die mit Öl gefesselten Figuren einer Leinwandwanderung, ist der ungesponnene Kokon meiner Larve.
Einfach nur Luft!
Jede Zeile bezeugt das Sinken,
Die Verhinderung:
Nichts endigt und doch strömt es.
Vergraben im Bett im Pakt
Mit dem Kissen
Der Evolution, um
Am Oevre über Ejakulate zu lachen.
Igelmoment der Wirklichkeit: Sie kann nicht vertreten oder durch allerlei Ausdrücke ersetzt werden – mit der Beschreibung von Wirklichkeit wird neue generiert, die sich mit anderen verschachtelt. Wirklichkeit ist das, was ich nicht ändern kann, ich bin ihr Ziel und Treffer. Sie ist immer schon da, wartend auf Beobachtung, dass der Hase Mensch vorbei kommt. Dass gerannt, gearbeitet wird. An den Stacheln halten wir uns fest, schlitzen unsere Körper auf, rennen zur nächsten bunten Verpackung. Zur nächsten Wettbewerbsstation. Dort ist das Blut aus Afrika, Asien, manchmal glücklich unseres schon da, der Angstschweiß geträumter Befreiung.
Ungestüm im Malen. Raubtier der Sinne. Die Durchlöcherung des Auges durch Farbe als Eingang in dich selbst. Die Kunst. Den Schrecken Mensch zu ästhetisieren. Ja, aber die Kunst ist keine Bonbonschreiende Anstalt.
Die soziale Maskierung des kapitalistischen Systems wird an die Kunst- oder Kulturmenschen delegiert: an die Spezialisten der Verkleidung, die die ästhetischen Symbolisierungen der Konflikte herstellen. Hier in den geschützten, finanziell erstickten Räumen darf mit Scheiße gegen Theoreme (aber nicht gegen Banken) geworfen werden.
Der Überfluss an farbigen Oberflächen und nicht Erkanntem, Abzusehendem und Obdachlosen soll aber an Ort und Stelle seiner Produktion abgeleitet und zurück in die menschlichen Kanäle geführt werden. Es heißt, die Widersprüche auszufechten, deren Resultate wir sind und deren Ausdrücke wir darstellen. Rein in die soziale Produktion zum Tanz der Roboter mit Menschen und Menschenmusik.
Stumm gedichtet, vom Unvermögen zugeschmiert, zugemalt.
Gezähltes fungiert prähistorisch, die Katastrophen erscheinen in den Zahlenreihen. Das Leid ist ins stumpfe taube Reich der zwingenden Zahlen geworfen und dorthin abgeleitet. Der Zwang zum ertragenden Leben ist beseitigt, der Tod eingetreten – die Elemente und Maßeinheiten sind in den Zahlen wieder frei. Das Sterben nimmt den ersten wie letzten Moment der bürgerlichen Individualität auf sich – den gezahlten Tod.
Die Zahlen verkörpern die Zerreißung der Welt mit sich: aufgezottelt in zu viele Teile. Die Angst vor dem Tod und ihre Abwehr vor ihm wird an Zahlen, Abzählmechanismen delegiert. Statistische Wahrscheinlichkeiten zu Überleben, geben noch genügend Spielraum. Natürlich deutet das Zählen ebenso darauf hin, das mittels der Zahlen Beherrschung über das der Zählung unterworfene Gezählte angestrebt werden soll. Als erster Akt das Indifferente, das Unreine zu bezwingen. Der Zähl-Akt gewährt die Distanz zu dem, was gezählt, was unter der Zahl eintrifft, betroffen, verborgen und gelöscht wird. Hier wird Objektivität produziert, indem die noch indifferente Realität auf Zählbares zugerichtet wird, der ungewisse Gegenstand in ein bloßes Objekt der Zählbarkeit verwandelt wird. Das zahlenmäßig Bezeichnete wird nun ein Anhängsel des Beschreibungsterrors. Die Einsetzung der Zahlen für die Beschreibbarkeit von Gegenständen, negiert, verdinglicht, absorbiert eben diese von ihrem emphatisch komplexen Geschehen. Bei so viel nicht angenommener, apperzipierter – in Zahlen abgestellter – Erfahrung verbürgt doch jede Ziffer das Verdrängte oder Nicht-Begreifbare und wiederholt es bis es wiederum durch das Weiterzählen als überwunden gilt. Das Weiterzählen bedeutet eine Vergewisserung der Methode des Abzählens, bedeutet Sicherheit durch Wiederholung. Das Zählen ist Funktionale wie Funktion des Ein-Teilens, des Herrschens. Der Vergewisserungsmechanismus ist ohne den Bemächtigungsmechanismus nicht zu denken.
Die Zahlengesänge bewirken in der mit Zahlen gekleideten Analogiemaschine Statistik auch eine Einschüchterung der (Selbst-) Erkenntnis. An die Zahlen kann ich mich halten, denn ihre Bedeutung obliegt mir nicht. Die Selbsterkenntnis wird durch die an sich selbst verübte (vorgenommene) Statistik des Zählens verengt. In der Aufzählbarkeit wird das einzelne, individuelle Schicksal nummerisch verkleinert und versteckt. „Ca. 600.000 Tote.“
Mut? – Eine Vereinfachung, in einer bestimmten Weise dem Unverstandenen, kompliziert Scheinenden durch Übertrumpfung entgegen zu treten? Dem Mutigen gilt sein Opfer als Komplize. Ein Sprung aus dem offenen Fenster ins Leere als der Mut zur Verzweiflung – und: der unbedingte zur Vereinfachung! Ein Schnitt quer durchs Fleisch, eine Aorta zu finden, um sie darzustellen. – Mutig sein heißt, Komplexität zu korrumpieren, mit frechen Vereinfachungen zu operieren oder dem Widerständigen auszuweichen. Das Leben ist sonst zu kompliziert: Einfach abschneiden.
Paranoia
Paranoia – eine Verwandte der Phantasie – ist ein Knoten in nervaler Landschaft aus Angst, systemischer Konkurrenz und Erfahrung. Paranoia ist eine Begabung, überall Chancen oder Gefahren zu sehen. Sie kann durch technische Infekte, Maschinenwucherung, durch sich selbst bestätigende Annahmen und Algorithmen angetrieben und gestärkt werden. Schließlich werden die technischen Möglichkeiten der Umsetzung von Gedanken in die Realität immer umfassender: Angst kann sich nunmehr schnell materialisieren. Im paranoiden Zustand bildet das technische Reservoir an Vorstellungs- wie Beobachtungsmöglichkeiten den Treibstoff der phobischen Motoren. Die paranoiden rotierenden Angstgegenstände erneuern permanent den Maschinenzyklus zukunftsweisender Technologien. Eine Schlange, die ihren Schwanz verschlingt – und nicht zu stillen ist. Wenn die Geister aus der Zukunft kommen und auch gewollt wird, dass sie dorther kommen, verliert die Gegenwart an Präsenz, sie ist vernachlässigbar, sie wird für die angenommene Zukunft geopfert. In den Laboratorien der Industrie, auf den Märkten ist sie als Vision heimisch geworden – wo sonst ist man so verfolgt von der Konkurrenz zum Preise eigenen Untergangs. Die technischen Ausflüsse treiben die Angstexistenz vor Depersonalisierung an und die fluchtartig entworfenen Phantasiewelten vor sich her. Das rettende Ziel ist nicht in Sicht, während der Flucht wird es entworfen, projeziert. Eine Ruhe, ein Frieden stachelt desto mehr das Misstrauen des Paranoikers an, denn der Andere, der Konkurrent, der Feind ist immer da – er „definiert“ die paranoide Selbst-Situation. Ohne den (selbsterzeugten) Verfolgungsdruck wäre der Paranoiker isoliert vom Produktionsprozess, aber das ist sein Metier. Der kapitalistische Produktionsprozess ist auf die paranoische Beschleunigung, d. h. ein Wachstum gegen die Anderen angewiesen. Die paranoide Phantasie ist ein Universum, das alle Dinge, beobachtbaren Handlungsweisen, Regungen in Gegenstände der Spekulation verwandeln kann.
Phantasie
Die Phantasie in der Kunstproduktion dagegen erscheint als eine Fähre, in das Geahnte wie Gefürchtete eintreten zu können: die Vorstellung kann menschlich manifestiert werden. Sie ist ein Außenposten, eine Boje im Wellengang des Wahnsinns, im Vorstoß zu den Grenzen des künstlerischen Selbst. Als Abfall in der Dialektik des riskierten Exzesses, der in seinem Gespinst vor den realen Zuständen liegt, braucht das Ersponnene ständig Material zu seiner Beschreibung, giert nach Nahrung an Prothesen. Das macht die Kunstproduktion für die technischen Illustrationen ihrer phantastischen Gebilde empfänglich und anfällig zugleich. Aber diesem Drang, mit technischen Möglichkeiten das menschlich Verbindliche, das menschliche Maß zu übersteigen, steht die Aufgabe entgegen, Kunstwerke gegen das Technische abzudichten (Benjamin).
Anpassung oder Konflikt
„[A]lle unsere Operationen sind nämlich wie bei allen lebenden Systemen der Aufrechterhaltung der Invarianz unserer Autopoiese untergeordnet.“
Wenn die eigene Invarianz – Stabilität – nicht erhalten werden kann, entsteht ein Konflikt zwischen Umwelt und lebenden System (Mensch). Der Konflikt ist Resultat der Bedrohung der eigenen Invarianz.
Wir beschreiben „ein Ding“ mit unserer Sprache, damit es in unsere Beschreibungswelt (in den konsensuellen Bereich, Bateson) integriert werden kann oder wir uns mit unserer Beschreibungswelt uns ihm anpassen können (= Lernen) oder nicht (dann verfestigt die Nicht-Anpassung sich zur pathologischen Abwehr).
Es entsteht eine Beschreibung (Erklärung) der Welt, die durch die Beschreibung erst erzeugt wird. Man steht vor einer selbsterzeugten Welt und beschreibt sie mit der eigenen – die hervorgebrachten Beschreibungsresultate liegen im Verantwortungsbereich des Beobachters. Jede Beschreibung ist daher auch eine Selbstbeschreibung – der Beobachter spiegelt den Realitätsbereich wider, die der Beobachter durch seine Beobachtung erzeugt.
Die Beschreibungsvorgänge der bedrohlichen Situation eskalieren den Zustand des von Varianz bedrohten Menschen, wenn er sich nicht anpassen kann. Er steigert sich hinein; es entstehen traumatische Zustände, sich selbst erzeugende eskalierende Schleifen (Rekursionen) bis zum Durchdrehen:

Man beschreibt, was man durch Beschreiben erzeugt. Damit wird der Beschreibungsgegenstand in die Welt gebracht: „Menschen können über Gegenstände sprechen, da sie die Gegenstände, über die sie sprechen, eben dadurch erzeugen, daß sie über sie sprechen. D. h. Menschen können über Gegenstände sprechen, da sie diese erzeugen, indem sie Unterscheidungen treffen, die diese Gegenstände in einem konsensuellen Bereich eingrenzen, und da Sprechen, operational gesehen, im selben Phänomenbereich stattfindet, in dem auch Gegenstände als Relationen relativer neuronaler Aktivitäten in einem geschlossenen neuronalen Netzwerk definiert werden. Mit anderen Worten: es ist für uns als Super-Beobachter klar, daß Menschen nur über das sprechen können, was sie durch ihre Operationen der Unterscheidung eingrenzen können, und daß sie als strukturdeterminierte Systeme nur Unterscheidungen treffen können, die ihre strukturelle Koppelung an ihr Medium (andere Organismen eingeschlossen) gestattet.“ (Maturana, ebenda, 264)
„Wenn eine Unterscheidung nicht vorgenommen wird, dann existiert die Entität nicht, die durch diese Unterscheidung eingegrenzt werden würde; wird eine Unterscheidung durchgeführt, dann existiert die geschaffne Entität nur in dem Bereich der Unterscheidung, unabhängig davon, wie die Unterscheidung ausgeführt wird.“ (Maturana, ebenda, 269)
Geister
Die Beschreibung des Konflikts (als Unentschiedenheit zwischen Bedrohung und Reaktion auf Bedrohung) wird Teil des beschreibenden Systems (= Beobachter) – die Beschreibung wird als Beschriebenes für das Nervensystem (geschlossenes neuronales Netzwerk) wirklich.
Aus dieser Verwirklichung heraus wird der Konflikt mehr und mehr beschrieben und durch Beschreibung verstärkt bzw. realisiert. So als würde man beobachten/ beschreiben, was durch das Beobachten erst erzeugt wurde; als würde die Erzeugung des Konflikts gerade durch die hypostasierende Beschreibung des Dinges entstehen.
Beobachten spiegelt den Realitätsbereich wider, in dem der Beobachter agiert, die der Beobachter durch seine Beobachtung erzeugt wie rekursiv bestätigt.
Man kann von einem Homomorphismus von Beschreiben und Verhalten (als Verhältnis zum Beschriebenen) sprechen.
Gespenster
Man interagiert beim Beobachten mit seinem Realitätsbereich, seinem Milieu und dies wird rekursiv mit dem Beobachteten kontextualisiert.
Aus der Annahme „Eifersucht“ (was hier sowohl Wahrnehmung als auch Verhalten einschließt: man kann nicht Eifersucht wahrnehmen ohne eifersüchtig zu sein) – wird eine Interaktion von Beschreiben/ Erkennen und Erzeugen/ Realisieren losgetreten. Im Beschreiben entsteht eine Beschreibung als Realexistenz für das Nervensystem (das nicht zwischen und inneren und äußeren Zuständen unterscheiden kann) bzw. dem eigenen Realitätsbereich.
Wenn der Gedanke (Eifersucht) in den eigenen Realitätsbereich (Milieu) eindringt ohne beobachtbare Referenz im Beobachteten, ist der eskalative circulus vitiosus eröffnet. Diese psychische Konstellation – Präformierung – des eigenen Realitätsbereiches macht diese selbstprophezeiende Beschreibung erst möglich. Das „Ding“ entsteht als beschreibbar, und macht zugleich die Beschreibung möglich, mit der es erzeugt wird. In diesem Sinn wird das Ding, werden die Gegenstände erst durch das Beschreiben hervorgebracht und nicht beschrieben, weil sie schon fix da sind.
„Entkörperungsbedürfnis signalisiert eine übermäßige Belastung durch Verkörperungsforderungen die Gier nach >jener< Erfahrung Erfahrungsverlust – >>transzendentale Meditation<<, Yoga für Fortgeschrittene, Fitneßtraining unter dem Namen >Zen< und die Askese, die sich im Nichthaftenbleiben übt, als Instrument der unbeteiligten Verfügung, darum nützlich fürs Management ebenso wie für den Davongelaufenen, der den Traum von Unabhängigkeit noch in den Untergang, sein vorgeblich >kosmisches Wir<, hinüberretten will, sind Schatten unserer eigenen hilflos-positivistischen, ebenso unlebendigen wie unpolitischen Arbeitswelt. Randphänomene spiegeln das Zentrum wider und agieren dessen Konflikte aus.“
Die Grade der körperlichen Entleerung zeigen die Intensität des Ausweichens vor befürchteter wie bloßer oberflächlicher Objektivierung (als Verkörpert-werden, Verdinglicht-werden) des Körpers an: um ihn loszuwerden. Die Angst vor Verkörpert-werden mit etwas fremden – als antizipierte Spaltung des Körpers – zwingt zur Entleerung, schlägt in die „kleinste Größe“ (Brecht) um und findet Ausdruck in ihr. Da ist ein Feldzug gegen die gesellschaftlich nur äußerlich wahrgenommene Körperpräsenz im Gang. Die Körperlichkeit als Folie, Lebensmetapher sozialen Wahrgenommenseins wird ganz und gar körperlich angenommen und gegen den Körper umgesetzt, um die mediale Schranke des Körpers zu überwinden: als nur in der Abbildung existierender Körper. Die etablierte Fokussierung auf die Körper wird jedoch ex negativo wieder eingeholt. Man bleibt in der definierten Körperausstattung hängen, denn man lebt sich zu Tode. Essstörungen bilden die Vergesellschaftung des Körpers wider und zeigen die Überantwortung sozialer Widersprüche auf die einzelnen Körper an.
Die gesellschaftliche Fokussierung auf den äußerlichen Körper wird – in der Abwehr dieser Fokussierung – auf die körperlichen Vorgänge gelenkt und auf diese reduziert. Es findet eine Objektumkehr statt. Das sich verweigernde „gesellschaftliche Objekt“ nimmt Platz im eigenen Körper: Er verweigert sich gegen sich ihn stellvertretende Objekte. Das sich diesem Stigma verweigernde Subjekt versucht sich der erlittenen Definition seines Körpers zu entziehen, indem es sie anwendet. Hunger-haben heißt hier, im Hunger sein. Man agiert nicht mehr, um dauerhaft für seinen Körper bereit zu sein, d.h. um gegen ihn gewappnet zu sein. Die Durchsetzung der Körperkontrolle gegen die biologischen Bedürfnisse wendet sich gegen äußerliche Ansprüche an den eigenen Körper um überhaupt irgendwie agieren zu können. Die bloße Potenz zum aktiven Leben ist wichtiger, existentieller, als die mögliche Verstrickung in ihm. Ein sofortiges Beginnen scheint damit gewährt, dass das Subjekt sich jederzeit die Wahl geben kann, zu handeln. Es ist ein zerstörerischer Modus, sich rein zu halten (ohne dass man sich noch heraushalten müsste). Z. B. nicht zu essen, malen, zu lesen etc., um den Wunsch danach selbstbestimmt entwickeln zu können.
Die Angst vor Verkörperung – spricht sie nicht das Wissen um die eigene ahnungslose Körperlichkeit aus? Die Ohnmacht vor unseren zuckenden Hirnen? Das, was uns zum Menschen-Körper, aus 4 Eimern Wasser, 2 Pfund Salz und doch irgendwie zuckenden Nerven macht, lässt uns vor diesem Körper schauern. In den Körpern wird ihre Angst vor uns, wie die unsere vor ihnen in sie hineingeschrieben. Die Angst „vor dem Körper“ spricht aus, was mit seinem Leib tatsächlich (physiologisch) geschieht: Er wird verbraucht! In allen angedrohten wie vollzogenen Verkörperungen taucht dieser Verbrauch wieder auf.