195, narcissus aestheticus

Die Erzeugung von noch nicht nachgefragten Bedürfnissen und deren Vollstreckung als Bedürftigkeit. Wenn aus dem „Wünsche-herausfinden“ ein „Aus-den-Wünschen-nicht-mehr-herausfinden“ wird. Ertrunken in glitzernden Oberflächen und bunten Plastikschuhen. Eine Beschreibung des Stillens von Bedürfnissen: ohne Warten, sofort werden wir als Käufer unserer Wünsche von ihnen verschlungen.

Der Gebrauchswert der angepriesenen Ware vollstreckt sich in der Generierung von Aufmerksamkeit – das muss schnell gehen, sofort in Sichtbarkeit überführt werden können: für den narcissus aestheticus das ideale Feld, um nach Außen zu operieren. Individualität wird auf Oberflächen ausgefochten: Individualität als eine Frage der Repräsentation, indem der Kunde sich selbst als mit der Ware repräsentiert, individualisiert sieht. Je mehr der Käufer seine Ware als sein individuelles Outfit erwählt, als seine Projektionsfläche auf sich vereint, desto kraftloser erscheint ihm seine Vorstellung jemals individuell ohne Be-Warung zu sein: ohne das erworbene Markenprodukt am Fuß oder Kopf ist er nicht das, was er sich darunter projektiv als seine individuelle Haut einbildet; er ist nichts ohne sie. Werbung versucht den Käufer der Massenware als individuell darzustellen, indem die Partizipation am Massenprodukt, ergo am Kaufakt als individuelle Entscheidung hochgelobt wird.
Marketing ist als ein Instrument der Überproduktion zu betrachten, Herr zu werden über die unschlüssige Kaufkraft, unkontrollierte Nachfrage oder Bedürftigkeit. Die Überproduktion von Produkten wird beworben als Bedarf an besseren Produkten. Die diversifizierte Überproduktion ist ein Modell des im ökonomischen Kalkül hausenden Kannibalismus kapitalistischer Produktionsweise. Es ist ein Modell, die anderen, überzähligen und als Konkurrenz rationalisierten und damit überflüssig scheinenden Produkte zu eliminieren. Die Aufgabe der Werbeindustrie ist nicht nur, nach Produkten zu fragen, d. h. humane Bedürfnisse zu ermitteln, sondern auch zu unterstellen, dass Produkte für diese Bedürfnisse schon existieren. Sie bietet Antworten auf mögliche oder ungestellte Fragen. Die produktförmigen Antworten warten nur, gebraucht und gekauft zu werden. Marketing unterstellt, dass die Produkte, einfach alles Verkäufliche auf einen Leib zugeschnitten sind, „der sich niemals selber vorstellte.“1Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Eintrag vom 27.10.41, Seite 211 Mit der Produktion der Konsumtion werden natürlich auch die Konsumenten produziert. Aus der gesellschaftlichen Mannigfaltigkeit werden Menschen der Produktion immanenten Ableitungen unterworfen und als Zielgruppen entwickelt: da sind VW-Käfer Käufer, der typische Mercedes Käufer etc. Die Menschen sind zur modischen Silhouette entkernt. Die umworbenen Käufer werden auf das Produkt hin standardisiert. Die Produktion von Waren ist immer schon ein Zuviel an Ware, Angebot, Kitzel, an sich selbst: Produktion als Krisenmanagement der Überproduktion. Der ganze Schrott, die Menschen, Ressourcen, Insekten, die im Krieg der Konkurrenz auf die Schlachtbank geführt werden.

 

 

  • 1
    Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Eintrag vom 27.10.41, Seite 211 ↩︎

194, Entfremdung II – nach Lafargue (La droit à la paresse/ Das Recht auf Faulheit)

„Entfremdung ist die Einsetzung des Fremden in dir selbst.“1Christa Wolf, in: Was nicht in den Tagebüchern steht, Verse, Hrsg. Gerhard Wolf, Radius Verlag Stuttgart 2017, Seite 38

Die durch Entfremdung – entfremdende Arbeit – entstellten Menschen sind Sprenglöcher ihrer eigenen psychologischen Steinbrüche: Veranstaltungen der Arbeit.

Fabriken, Unternehmen als Zuchtbetriebe; Zucht (Prägung als corporate identity) schon im Sinne des Betriebs strukturiert.

Der Zwang zur Arbeit nähert sich folgerichtig einem totalitären Arbeitsbegriff, dem das ganze Leben unter-ordnet wird und nimmt den Charakter von Zwangsarbeit offen an. Man spricht auch schon von der Arbeit in der Beziehung. Der Zwang zur Befreiung durch Arbeit – Arbeit macht frei – steht eingeschweißt im KZ-Tor. Der entsprechende gedankliche Abfluß solcher Herrschaft findet sich in der Religionisierung, in den metaphysischen Überfrachtungen auf den gesellschaftlichen Begriff der Arbeit wieder. Das Recht auf Arbeit verbrieft das Elend und ist die Chance ihm zu entfliehen.
Bei der immensen Produktion der Unfreiheit durch Arbeit, gilt es, nur durch sie hindurch frei zu werden. Arbeit macht frei – frei von allen menschlichen Ansprüchen. Das Recht auf Arbeit trägt darin ein verräterisches Stigma. Das revolutionäre Ziel – die Befreiung von dem viehischen Zwang zur Arbeit – scheint nur erreichbar zu sein durch die viehisch-heroische Arbeit an ihrer Überwindung. Das geforderte Recht auf Arbeit bedeutet, die Versklavung des sozialen Umfeldes, also alle Beziehungen und Kontakte in die von den Produktionsverhältnissen bestimmten Arbeitsverhältnisse einrechnen zu müssen. Networking. In dieser Form produziert die versklavte Familie ihren Untergang, ihre Verstümmelung „eigenverantwortlich“ mit. Die Nachkommen müssen sich der verweigerten Kämpfe ihrer Ahnen bewußt werden – es gebührt ihnen Dankbarkeit und die Übernahme ihrer Schuld. Nicht das hiesige Leben ist Erfüllungsort der Utopie, denn sie wird den erpreßten Nachkommen hinterlassen. Die falsch formulierte Forderung – als das Recht auf Arbeit – um  menschliches Leben zu gewähren, liefert die Arbeitenden dem Stoffwechsel der Industrie aus, liefert alle menschlich bestimmten Ideen, Daseinsformen an die mitgetragene Entkörperlichung aus.
Das soziale Leben einer Familie, einer menschlichen Beziehung muß untergraben werden für die Lebensfähigkeit derselben.2„Dieselbe Arbeit, welche die Proletarier im Juni 1848 mit den Waffen in der Hand forderten, haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen, ihre Kinder den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie ihre häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste ihrer Frauen trocken gelegt. […] mit eigener Hand haben sie das Leben und die Kraft ihrer Kinder untergraben.“ Paul Lafargue, in: Das Recht auf Faulheit und andere Satiren, Querdenker Stattbuch, Seite 16 Die bürgerlich beanspruchte Familie löst das falsche Versprechen ein, sich stets neu ihren Tod aufzuerlegen: Bis daß der Tod Euch scheidet. Im Kapitalismus übernimmt die Arbeit diesen Job. Dies permanente Scheiden ist die Werkbank, wo menschliche Beziehungen in der Steuererklärung als versachlichte Beziehung in Steuerklassen oder Zugewinngemeinschaften aufgelöst werden. Die bürgerliche Familie löst die Formen der kapitalistischen Verhältnisse als psychologische Stoffwechselendprodukte ein. Sie ist das psychotische Emblem der Anstalten und Krankenhäuser. Ihre Zukunft ist ihr Sterben: im Säurebad der Produktionsverhältnisse, d. h.: die Familie wird durch das die Produktion begleitende Rechtssystem in verschiedenste Institutionen, Anstalten und Krankenhäuser, Altenheime ausgelagert.

Das Recht auf Freiheit (als soziale Verwirklichung) nimmt nur als Klage, als ihr nicht konkret verwirklichter Zustand den Umweg über das Recht, die eigene Freiheit bezahlen zu können – ob nun die ersehnte Kreuzfahrt oder der SUV: man muß zahlen. Es ist eine bürgerliche Forderung nach Unabhängigkeit – eine Freiheit, die nach dem Leistungsprinzip, dem sogenannten Recht des Stärkeren, des Besserverdienenden, entschieden und gekauft wird. Die Allgemeingültigkeit bürgerlich-westlicher Postulate über Freiheit, Unabhängigkeit etc. sind nur ganz allgemein – also: ganz gemein – gültig, sie sind abstrakt. Sie sind politisch-ideologisch wirksam, aber sie sind nicht sozial.
Die bürgerliche Rechtsordnung schafft die weichen Stellen, in die das bürgerlich bestimmte egoistische Eigeninteresse eindringen kann und worin es die durch das bürgerliche Recht gewährten auszubalancierenden Überschreitungen aller gegen jeden feierlich rechtskonform kalkuliert. bellum omnium contra omnes. Selbstverwirklichung einzufordern – ohne sozial einzuwirken – ist ohne Gesellschaft barbarisch und erlangt ohne gesellschaftliche Vermittlung zwischen den Selbsten nur kriegerische Wirklichkeit. Die Subjekte löschen sich einander aus, um im Akkord des kapitalistischen Chansons eine Marke, ein Ton bleiben zu können. „Jeder ist seines Un/ Glückes Schmied. Das Arrangement der Privatheit hat diesen Sinn. Es entfesselt die Individuen zur Durchsetzung gegeneinander. Auf allen Lebensgebieten setzen sich antagonistische Tüchtigkeiten durch, also Handlungsqualitäten, die sich spezifisch auf antagonistische Erfolgsbedingungen einlassen. Dieses Private ist das Politische, das sich am vollständigsten entfremdet ist.“3W. F. Haug, in: Philosophieren mit Brecht und Gramsci, Argument, Seite 93 Der Teufel schlägt vor, an der Barbarei teilzunehmen, um sich ihr nicht zu überlassen.

 

 

  • 1
    Christa Wolf, in: Was nicht in den Tagebüchern steht, Verse, Hrsg. Gerhard Wolf, Radius Verlag Stuttgart 2017, Seite 38 ↩︎
  • 2
    „Dieselbe Arbeit, welche die Proletarier im Juni 1848 mit den Waffen in der Hand forderten, haben sie ihrer Familie auferlegt; sie haben ihre Frauen, ihre Kinder den Fabrikbaronen ausgeliefert. Mit eigener Hand haben sie ihre häuslichen Herde zerstört, mit eigener Hand die Brüste ihrer Frauen trocken gelegt. […] mit eigener Hand haben sie das Leben und die Kraft ihrer Kinder untergraben.“ Paul Lafargue, in: Das Recht auf Faulheit und andere Satiren, Querdenker Stattbuch, Seite 16 ↩︎
  • 3
    W. F. Haug, in: Philosophieren mit Brecht und Gramsci, Argument, Seite 93 ↩︎

193, Still nur still, es klopft: Post Portas (29.08.2023)

Ich öffne der Wespe
Das Fenster
Zeige der Spinne
Quartier
Ich will sie nicht töten

Alles andere sauge ich weg
Ein bisschen Angst
Nehme ich in den Schlaf
Dann
Komen sie, die Zweifel

Seit Tagen
Überlege ich: Aufzuhören, abzubrechen. Nicht als Unterbrechung, als Zeitpause gedacht. Eher: erlösend. Ich erwarte von den restlichen 200 Seiten Manuskript nichts mehr von mir. Ein Meutern gegen die Zeit, die Frisst, den Aufwand. Der Text will, dass ich ihn nicht loslasse. All die Zeilen werden doch nicht abgeholt.
Stehen hinter der Tür. Post Portas.

 

 

192, Entfremdung im Auto

„Die Autos und ihre Straßen erzeugen erst die Entfernungen, zu deren Überwindung sie dann eingesetzt werden.“1Artikel von Michael Mönninger, Die Selbstblockade des Stadtverkehrs, Berliner Zeitung, Nummer 79, 5./6. April 1997

Die Entfremdung wird bei Marx als der Zustand beschrieben, der die Produzenten von Waren schmerzlich von dem möglichen Erwerb eben dieser Waren abschneidet. Der Raubbau am Produzenten – seine Ausbeutung als Mehrwert des Kapitalisten – ermöglicht dem Produzenten nicht, Herr über sein Produkt zu werden. Dem Ergebnis seiner Arbeit steht der Produzent ohnmächtig gegenüber. Die so schillernden Waren sind die stete Erinnerung an die Niederlage des Produzenten.2vgl. Karl Marx, in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Marx Engels Werke, Ergänzungsband – Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Die entfremdete Arbeit Seite 510 bis 522 Diese Entfremdungsstruktur zeigt sich in der globalen wie komplexen Herstellungweise der Produkte.

Zum Beispiel das Auto.
Die inhärenten technischen Parameter des Automobils übersteigen ihre sinnlich-menschliche Verwandtschaft zur Pferdekutsche, den menschlichen, erdbehafteten Bezug der Darinsitzenden zur Außenwelt. Diese physisch potenten, stählernen Gefährten sind für die Überwindung der Natur und des sozialen Kontakts konditioniert – man sitzt allein und sicher im Kampf gegen die anderen Insassen. Für Kontakt nicht gemacht, entmenschen die fahrenden Monaden die Welt und vereinzeln ihre Insassen beim Durchfahren der Landschaft, der Städte. Das Auto ist zum Vehikel seiner ehemaligen Funktionalität geworden – im Stau, in vollgestopften Straßen. Die Entfremdung sorgt für klare technische Angaben, sie zeigt sich im Umgang mit dem Produkt: lesen Sie die Gebrauchsanweisung war Gestern. Heute ist das Auto der Partner für beworbenen Lifestyle, eine Philosophie des entmenschten Individualismus. Kaum kann der Fahrer oder die Fahrerin einfach losfahren. Der Traum von automobiler Freiheit wuchert weiter in der Werbung, in Landschaften, die es nicht mehr gibt oder nur im Werbefilm und bleibt letztlich in der Garage stehen: zu viel Stau. Der selbstische Körper wird mit seinen die eigene Natur überwuchernden Erzeugnissen – Auto, Flugzeug, Motorrad – aus der Landschaft, aus der sozialen Gemeinschaft heraus gezogen, von seinen naturwüchsigen sinnlichen Verbindungen gekappt. In solchen metallischen Gefährten ist der Körper sich überbordend überhöht, zerschnitten mit seinem Innerhalb zur Maschine und Außerhalb seines Maschinen-mit-seins, seinen nach außen gehenden, dringenden Sinnen.
Es scheint, dass mit stärker werdender Kollision von Erfahrungsprothese (Auto) und Erfahrungsraum (vorbeiziehende Landschaft) der maschinell ausgelöste Raum für den Benutzer aufgelöst wird: Im dem Sinne, dass der Benutzer die auf ihn kommende Landschaft, vorbeiziehende Dinglichkeit nicht mehr erfasst, sondern begleitet. Der Körper ist durch die Maschine ein Teil von ihrer Reichweite geworden, Teil von ihren physikalischen Parametern (Geschwindigkeit, Beschleunigung), d. h., der Mensch als Bediener solcher Maschinen wird Teil der Apparatur, die er bedient und genießt. Er bildet im Fahrzeug nur die Erfahrungen von sich innerhalb der Maschine ab. Die Bäume und Gräser fließen durch den Tank oder durchs Infotainment, nicht durch das Auge.
Oder:
Das Durchmessen der Landschaft mit automobilen Gefährten als lustvoll empfindbare Wahrnehmungskollision: Die Trennung des Körpers aus der Wahrnehmungskapsel des Hier und Jetzt. Die Kollision setzt den energetischen Sog, das Lustvolle im, am Schnellfahren frei. Ein stetes Durchfahren des Hier und Jetzt. Ein Durchschlüpfen mit hoher Geschwindigkeit. Nur noch Straße und Auto, ohne Landschaft – sie wird an der Fensterscheibe wie in einem Screen abgebildet. Stets zu sozialen Netzwerken, TV-Streams, Blogs etc. in Verbindung stehend – angebunden an der Konsole im Armaturenbrett . Ist das Außenwelt?

 

 

  • 1
    Artikel von Michael Mönninger, Die Selbstblockade des Stadtverkehrs, Berliner Zeitung, Nummer 79, 5./6. April 1997 ↩︎
  • 2
    vgl. Karl Marx, in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Marx Engels Werke, Ergänzungsband – Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Die entfremdete Arbeit Seite 510 bis 522 ↩︎

191, Tourismus als Terror


Eine analoge Fotocollage aus negativ belichteten Leichenbergen des KZ Auschwitz und einem Schnappschuß am Strand von Warnemünde – ca. 2006. Foto: Hans-Georg Köhler

 

Die temporäre Befreiung des vom Arbeits- und Lebendrucks bedrängten Subjekts, indem es ästhetisch in organisierten Reiseveranstaltungen, im Massentourismus gesättigt wird. Wie?
Die Befreiung vom Gefängnis der Entfremdungsmaschinerie, vom Realitätswiderstand – denn was anderes ist Wirklichkeit als der dem Subjekt gesetzte Widerstand – in Form einer Kreuzfahrt zu den Eingeborenen, läuft auf die Zerstörung des Reiseziels hinaus. Die total und vollständig geplanten Reiseveranstaltungen entwickeln in ihren entmündigenden Planungsstrukturen den Moment der Mobilmachung. Die ehemals vorgestellten Reiseziele sind solipsistische Palmen im entnaturalisierenden Prozess der Vernutzung des Reisematerials geworden; die Natur hat Warencharakter erhalten. Der erzielte Mehrwert der Reiseverkäufer entspricht auch hier dem (touristischen wie terroristischen) Raubbau der jeweils verhöckerten Natur- und Kulturlandschaften. Der Reichtum oder der bezahlbare Urlaub ist überhaupt möglich, weil ungesühnter Diebstahl – dieser Zusammenhang bleibt dem bürgerlichen Blickwinkel verdrängt verborgen – am angepriesenen Reise-Gut zur Ware geworden nun rechtskräftig, im Tauschwert vergegenständlicht, durchgeführt wird: schließlich ist bezahlt worden. (Für die Erlaubnis, nicht nachdenken zu müssen und töten zu dürfen.) Die Veranstaltung – als veranstalteter Raubüberfall auf Ethnien, Natur und Attraktionen – wird bezahlt, nicht die verbrauchte Natur. Die zeitweilige Ablösung von abhängigen Lohnverhältnissen bricht sich in der Auflösung fremder Paradise, Vernichtung indigener Kulturen Bahn. Die Zerstörung des Menschlichen hier, schlägt da auf die touristisch aufbereitete Natur durch.
Der Ferne (das Fremde, das Versprechen des Anderen, die erhoffte Natürlichkeit) wird eine Grammatik scheinhafter Erlösung unterstellt. Es ist der Regenbogen über’m Fließband.

Wie schön:
Auch die ferne Insel
Auf dem Foto
Vom Überfluss riesiger Wellen
Verschluckt
Ist dein Land
Gibt es nicht mehr.

 

Siehe auch: Frame 249, Arbeit und Erholung, Schmutz und Urlaub

 

 

190, marked space

Ich muss meine Arbeitskraft verkaufen, immer unter Wert, damit ich in Stille abortieren kann. Mit einem Dach über dem Kopf. – Öffentlich gehörte das eingesperrt. Und weil dieser Stoffwechsel Kraft kostet, schwach macht, werde ich mich der Regenerationsabteilung anvertrauen, den Arzt auch bezahlen. Den Kopf muss ich abschneiden, damit er unter Ausschluss des produktionsverhältnismäßigen Interesses wieder angenäht werden kann. Im Privatfernsehen eine geile Begebenheit.
Sobald ein ästhetisches Objekt oder Ereignis kommuniziert wird, ist es ökonomisch Besetzungen aus-gesetzt. Aus der ästhetischen Botschaft wird das ökonomisch besetzte Medium. Es wird aus-gestellt.

 

 

189, Die Kälte des Objekts – eingefroren im Beobachten

Die Beeinflussung des Beobachtungsgegenstandes durch den Beobachter ist Bedingung für die Beobachtung. Das Beobachten ist ein symbiotischer Vorgang, in dem sich Beobachter und Beobachtetes einander bedingen, hervorbringen und be-gegnen. Man ist niemals losgelöst: weder vom Beobachteten noch von den eigenen präformierten Sinnen während der Beobachtung. Niemand ist Gott und hat eine Wahrheit jenseits des Objekts oder außerhalb der Einheit von Beobachteten und Beobachter. Der Beobachter bringt sich mit seinem Beobachtungsstatus in den Prozess des gegenseitigen Beobachtens mit ein (gegenseitig: Beobachtung des Gegenstands und der Beobachtung der Beobachtung). Die niemals vollständig zu vollziehende Kopula des beobachtenden Subjekts mit seinem Beobachtungs-Objekt erschwert die konzentrierte Beobachtung, denn das Beobachtungsfeld – die Umgebung vom Beobachtungsobjekt – ist voll von möglichen Annäherungsweisen an den Gegenstand: Er ist noch offen, noch nicht strukturell eingezwängt.1siehe Dirk Baecker, Alexander Kluge, in: Vom Nutzen ungelöster Probleme, Merve Verlag 2003, Abschnitt zu Gregory Bateson (Struktur versus Operanden) Wird dieser Zusammenhang – von Beobachter und Beobachtetem – vorzeitig zugunsten einer Bemächtigung des Beobachtungs-Objekts aufgeben, also zugunsten eines kommandierten Vorrangs ausgewählter (selektiver) Kriterien, oder zugunsten der Nivellierung der Beobachtungsqualitäten durch bemessende Einheiten, erlangt die Erfassung von Beobachtungskriterien, Kategorien –und Kalkülen die Herrschaft über den Wahrnehmungsprozess. Noch bevor Wahrnehmung in Kommunikation transformiert wird, bemächtigen sich kategoriale Verfahren der zu beobachtenden Objekte.
Die eingeschränkte Bemächtigungsfähigkeit (mangelnde Kopula, vorzeitige Qualifizierung/ Bewertung, Datenerhebung der Objekte) wird prozessual standardisiert zu einem operativen Gleichrang aller Beobachtungsobjekte -wie Kriterien, vor allem dann, wenn für Zwecke einfachhalber die Komplexität der Mittel – des Prozesses – unterschlagen wird. Erfassung – Simplifizierung – geht vor Komplexität. Die Beschreibungskriterien verschanzen sich hinter einer kalten Fusion mit dem Gegenstand, dem Beobachtungsstück. Beobachten ist Behandeln geworden. Mangelnde Nähe wird gefeierter Abstand. Aus dem aufklärerischen Werben um den Gegenstand wird dessen logische Einzäunung. Bezwingend. Es gilt den Beobachter herauszuhalten, dass er sich nicht vermische, involviere mit dem, was er beobachtet – eigentlich damit erst kontrolliert, beherrscht werden soll. Der Zugriff auf den Gegenstand – er wird einem bestimmten Beobachtungsregister unterstellt, damit nichts bleibt, als zugreifen zu müssen – in der Überwindung von Ungewißheit (als Vorschuß der Furcht) charakterisiert ein Problem.
Ohnmächtige Qualität erreicht dieses Vorgehen, das menschliche Tätigsein, wenn diese „negative Bewegung“ vom tätigen Menschen auf sich selbst bezogen wird – das also der Zugriff auf den Gegenstand das Leiden des Beobachters wird und er sich vom Gegenstand ergriffen fühlt. Jeder Schritt in die Welt ist das Leiden der Welt in ihm. Die Beobachtungskultur degeneriert, wenn sie den Menschen ausschließt im Beobachtungsvorgang. Sein Leidensvermögen verflüchtigt sich zugunsten kalkulierbarer Objektivität – als Kälte zum Objekt.
Die für das suchende Subjekt flüchtige Wirklichkeit ist ständig in Fortsetzung begriffen.
Die Wunde kann mit der größeren ersetzt werden.
Der ergriffenen Wirklichkeit kann man nur entschwinden mit ihrer menschlich angezettelten Verkörperung (durch Wahrnehmung). Als dargestellte Wunde (ästhetisch, künstlerisch). So, als würde das permanente Beobachten/ Kopulieren mit der REALITÄT uns vor ihrem Erfassthaben feien. Das, was wir jetzt sind, entspringt unseren geglückten Fluchtwegen.

 

 

  • 1
    siehe Dirk Baecker, Alexander Kluge, in: Vom Nutzen ungelöster Probleme, Merve Verlag 2003, Abschnitt zu Gregory Bateson (Struktur versus Operanden) ↩︎

188, Gegenstände und Bewußtsein

Das Bewußtsein impfen gegen seine Gegenstände, gegen die Inseln sinnlicher Gewissheit, die homöopathen Pillen im wirklichen Sumpf. Isolierung durch Erkenntnis von Sprache umstellt. Das Ich abgetrennt zum Zweifel bereit, durch die selbstische Geburt aus den Gedanken – wie von Sinnen. Die Selbstentdeckung vor einem Kunstwerk: in Stille mit sich – ein Alleinsein des Ich mit seinen Gedanken, entortet vom Alltag; in die Welt der Formen gezogen, weggeschwemmt von Sinnen. Das Andere so nah.
Immer wieder sich hingeben für das Körperliche, Muskuläre, um Platz für neue Ansichten zu schaffen, oder zu erhalten: Für die Ideen der menschlichen Beweglichkeit, für die Raum greifenden körperlichen Prozesse, Kommunikationstumore, für den Wahnsinn. Mit jedem neuen Kunstwerk gilt es, aus dem gewohnten Beobachten heraus zu kriechen und ein anderer Mensch zu werden.

 

 

187, Analogie und Differenz

Die Gleichheitszeichen ausscheiden!
Tautologien sind konzeptuell brauchbar.
Ein Gleichheitszeichen ist eine Ausscheidung der Differenz – die da nicht begriffen oder gebraucht wird.

Gleichheitszeichen, analogische Instrumente – Schleimspur des Unidentischen, der Austauschbarkeit. Identität ist nicht zu falsifizieren – denn wann und worin ist das Ich sich gleich, ohne das gesagt würde: Das sieht ihm ähnlich, oder mit was soll das Ich (sich) gleich sein. Fred ist immer mit anderen ungleich. Differenzierung tut Not. Natürlich ähnelt sein Blutkreislauf dem der anderen, gleich ist ihm – gleich der anderen, sich im Leben zu bewähren, sich zu Markte zu tragen: das ist konzeptuelle Gleichheit. Im wissenschaftlichen Chargon: als der auf alle Subjekte gleichwirkende Ausdruck der in gesellschaftlichen Verhältnissen verkleideten Macht.

Die wissenschaftlichen Studien sind die Begleitmusik für das ausbeutende Fortschreiten im Operationsgebiet, ob nun Krieg um Absatzmärkte oder Köpfe. Euthanasie zum Forschungszweig verwissenschaftlicht. Selektive Prognosen, anders gesagt: Spekulationen über Marktverhalten zeigen Möglichkeiten an, sich im lebendigen Knäuel des Menschenmaterials zurechtzufinden. Für betroffene Menschen und jedermann, der sich unbetroffen wähnt, ist solch Forscherblick einschneidend. Solch zielsetzende Erkenntnis als Unterstellung bezeichnet das Herausgeschnittene und daher auch das Abgeschnittene: So greift das Begreifen in den Verbund eines Ganzen ein und holt Teile von ihm heraus. Es ist in diesem zweckorientierten deduktiven Zusammenhang der berufsmäßigen Vernutzung des eigenen Lebens ein Abschneiden von ihm, das gezählt wird. Hier weht das Formaldehyd der Toten; aus dem Papier, aus unserer Seife. Das noch nicht verdinglichte, produktiv vernutzte Wissen steckt hinter wortführenden Werbeblendern in den Startlöchern, um die Hirne zu entern.
Aber: Es existiert eine ausharrende Art des menschlichen Seins, das während seiner Unentschiedenheit sein kann: Träge mit sich, um sich eine Unschuld zu gewähren, solang wir menschlich verrückt künstlerisch sind; wo wir uns suchen dürfen. Ein Ort mit einem menschlichen Gesicht der Zeit.

Elixier, Passion: dieses gewalttätige, lustvolle, gierige, begabte Tier, wie ich, im Stande noch, darüber denkend, malend zu verhandeln. Dieser Mörder/ dieser Künstler so schöne gerade Linien sind Schnitte/ mitten durchs Fleisch/ zur Farbe/ ist Blut am Skalpell, am Pinsel entlang.

 

 

186, Kunstbetrachtung: Vereinzelung und Mut

Die Vereinzelung des wahrnehmenden Körpers vor einem Kunstwerk als Etablierung wie Emanzipierung des Beobachteten durch den Beobachter und des Beobachters durch das Beobachtete.

Der Isolationsprozess im Kunstgenuss, das Eintauchen in die einsame Beobachtung, in die sich abgrenzende, also individualisierende Erfahrung, die Spaltung vom alltäglichen Umfeld, die geglückte Vereinzelung des Betrachters als humaner Würgegriff der Konfrontation mit sich selbst vor einem Kunstwerk. Eine äonische Fest-ung. Die Fixierung des Schönen ist evolutionär erotisch und kocht die Hormone: Das Schöne ist das Massekabel für den ästhetischen Ladeprozess. Die erkannte Enttäuschung, mit dem bisherigen Haushalt des Beschreibungsreservoirs nicht auszureichen als Isolation im erblickten Feld des Schönen gefasst, soll nicht überwunden werden – da klebt das Auge dran – sie soll bleiben, dass der Mensch sich menschlich aussetzt. Der beobachtende Mensch verhilft sich mit einem neu organisierten Beschreibungsprozess zu sprachlichem Ausdruck, d. h. er schafft mit seinem suchenden Sprachspiel neue Möglichkeiten, Erfahrungen zu generieren, sein Sprache, folglich sein Sinnfeld auszuweiden. Der wiedererwachte menschliche Sinn im Sich-Ausliefern an ungeübte ästhetische Formen als heilende wie widerständige Norm für die Sinnlichkeit der Gegenstände, als Gegenstandssinn, für den Sinn gegenüber der Frau, dem Mann, dem Menschen, dem Gegenstand, der das menschliche Verhältnis zu ihm und uns bestimmt.

 

 

185, Gefangen im Netz

Die Empirie, mehr und mehr im social-medialen Netz vollzogen – wirklich scheint, was live gesendet wird, ist zunehmend mit ungeahnten Schnittstellen gepflastert, mit algorithmischen Masken – Persona – gekoppelt, übersät, die auf das Konsumpotential der hinterlassenen Userdaten abgerichtet sind.1„Die Wirklichkeit wird selbst informations- und datenförmig. Sie wird informatisiert und datafiziert.“ Byung-Chul Han, in: Krise der Narration, Matthes & Seitz Berlin 2023, Seite 22 Die medialen Portale arbeiten im Backend an der personalisierten Aufklärung: Nicht, was das Subjekt mittels seiner Sinne erleuchten kann, ist Ziel, sondern jetzt, wie es durch das erfasste Sehen gelenkt, über sich selbst aufgeklärt werden kann. Statt Aufklärung eher Durchleuchtung als Erfassung des Subjekts. Es wird an der Aufklärung des fragenden Subjekts im Sinne der Ermittlung seiner Fragen gearbeitet – noch bevor sie sich ihm selbst stellen, bevor es sich selbst fragt, welches Produkt es eventuell kaufen will. Die Funktionalismen der naturwissenschaftlichen Verwaltungsakte, glatt aufgehend wie Kaufmanns Rechnung, sind der Leitfaden nicht nur für die Ermittlung des fragenden Subjekts, sondern sie bilden für das algorithmisch erfasste Subjekt – wenn es die einschlägigen Kommunikationsmedien nutzt – zugleich seine täglichen Entscheidungsdifferenzen gegen dessen Erfassung ab. Wie kann es sich zwischen Aufmerksamkeitsbegehren (indem es die ihn erfassenden Medien nutzt) und Unabhängigkeit (ohne deren narzisstischen Gebrauch) in den sozialen Medien bewegen, positionieren?

 

 

  • 1
    „Die Wirklichkeit wird selbst informations- und datenförmig. Sie wird informatisiert und datafiziert.“ Byung-Chul Han, in: Krise der Narration, Matthes & Seitz Berlin 2023, Seite 22 ↩︎

184, medio noctis – Sprengstoff

Nachdem der Sprengstoff seine Funktion abgab, war der Mensch das Gebiet, wo nichts ist. Ein Nichts wie ein Trichter in das etwas Schutt, letzte Körperteile nach Bruchteilen in ihren Ausgangspunkt zurück stürzen. Gravitation ratifiziert. Im Film zurückgespult ist es Logik.
Geschieden gewunden, verstummend noch blutend der löchrige Schrei nach Pollution.

Hüften wie Hufe klopfen im Märchenbuch – der Verwechslung mit einem Anderen wurde stattgegeben: durch Stunden, vier Beine einen Körper, gegeneinander treibend.
Versuche von Kontakt mit Luft. Atem Augenwind. Aus der Tiefe der Bläschen mit Kohlendioxid wiegend. Jetzt wird aus Verrat Zukunft abgegolten. Alles Sprechen ist Frucht. Gesprochenes Furcht. Vice versa Obst und Angst. Hingabe ohne Waage ist Wegnahme.

Geiles Gleiten
auf der Umlaufbahn weiblicher Schreie im Echo meiner Prägung: Schönheit umkehren! Raus aus dem ängstlich-männlichen Gefängnis der Bedürftigkeit. Alle Sehnsucht nach der femininen Berührung ohne Gewalt stattgeben. Sich zeigen und aufgeben, wenn das Nein ertönt. Das heißt: die Lust zugeben und abwerfen! Die Sublimierung ist eine gehirnige Wucherung: Menschheit! Die Herabsetzung des Ichs zum Paarungsakt. Mit keinem Grund der letzte Grund sein.

Wir sprechen wie Därme: mit dunklen Annexen schreien wir uns aus. Die Projektile der Tatwaffen kehren durch ihre Treffer ins Magazin zurück. Wir sind voller Granaten. Attentäter wie Zielgruppe. Was für eine Chance, ins Magazin zu flüchten und Munition zu werden: vor dem Schuß. Das Ziel durchlöchert den Angreifer.

Wir sind zu klein für unsere Absichten.

Dieser Mörder, dieser Künstler: so schöne gerade Linien sind Schnitte durchs Fleisch zur Farbe ist Blut.

Die Teilnahme am eigenen Begehren, das dauernde, einstoßen in Schöße, in die Schrift, in die mit Öl gefesselten Figuren einer Leinwandwanderung, ist der ungesponnene Kokon meiner Larve.

Einfach nur Luft!
Jede Zeile bezeugt das Sinken,
Die Verhinderung:
Nichts endigt und doch strömt es.
Vergraben im Bett im Pakt
Mit dem Kissen
Der Evolution, um
Am Oevre über Ejakulate zu lachen.

 

 

183, Hase und Igel

Igelmoment der Wirklichkeit: Sie kann nicht vertreten oder durch allerlei Ausdrücke ersetzt werden – mit der Beschreibung von Wirklichkeit wird neue generiert, die sich mit anderen verschachtelt. Wirklichkeit ist das, was ich nicht ändern kann, ich bin ihr Ziel und Treffer. Sie ist immer schon da, wartend auf Beobachtung, dass der Hase Mensch vorbei kommt. Dass gerannt, gearbeitet wird. An den Stacheln halten wir uns fest, schlitzen unsere Körper auf, rennen zur nächsten bunten Verpackung. Zur nächsten Wettbewerbsstation. Dort ist das Blut aus Afrika, Asien, manchmal glücklich unseres schon da, der Angstschweiß geträumter Befreiung.

 

 

182, Malen

Ungestüm im Malen. Raubtier der Sinne. Die Durchlöcherung des Auges durch Farbe als Eingang in dich selbst. Die Kunst. Den Schrecken Mensch zu ästhetisieren. Ja, aber die Kunst ist keine Bonbonschreiende Anstalt.1Mario Merz, in: Sofort will ich ein Buch machen, Verlag Sauerländer, Seite 43: „Die Materie ist bezifferbar, sagt die Kultur. Die Materie ist für uns arme Kerle, die wir dazu bestimmt sind, uns vom Kapital den Schliff geben zu lassen, einzig und allein die Folklore. Dies ist die Erfahrung des neapolitanischen Volkes in den Zeiten der Conzoni, dies ist die Erfahrung der durch die Kunst irritierten Massen, in ihrer Enttäuschung über die folkloristischen Aspekte, mit denen die Kunst sich besudelt. Was für eine andere Folklore könnte man machen, die sich von der Subkultur unterscheidet? Bedroht die Subkultur echt das aseptische Ambiente der Kultur oder vegetiert sie selbst wie Miefschimmel im Schatten der großen Produktions- und Konsumeinrich-tungen? Die Subkultur ist verseuchter Schimmel, so wie es der rückschrittlichste Aspekt der Ferien ist, sich auf die leichteste Art zu amüsieren, ohne der Entwicklung der bürgerlichen und bombenlüsternen Demokratie in die Quere zu kommen, Kunst ist in dieser Demokratie das grimmigste Verhalten, vor allem wenn sie mit Todesverachtung die häßlichen Einschränkungen unseres täglichen Lebens angreift.“

 

 

  • 1
    Mario Merz, in: Sofort will ich ein Buch machen, Verlag Sauerländer, Seite 43: „Die Materie ist bezifferbar, sagt die Kultur. Die Materie ist für uns arme Kerle, die wir dazu bestimmt sind, uns vom Kapital den Schliff geben zu lassen, einzig und allein die Folklore. Dies ist die Erfahrung des neapolitanischen Volkes in den Zeiten der Conzoni, dies ist die Erfahrung der durch die Kunst irritierten Massen, in ihrer Enttäuschung über die folkloristischen Aspekte, mit denen die Kunst sich besudelt. Was für eine andere Folklore könnte man machen, die sich von der Subkultur unterscheidet? Bedroht die Subkultur echt das aseptische Ambiente der Kultur oder vegetiert sie selbst wie Miefschimmel im Schatten der großen Produktions- und Konsumeinrich-tungen? Die Subkultur ist verseuchter Schimmel, so wie es der rückschrittlichste Aspekt der Ferien ist, sich auf die leichteste Art zu amüsieren, ohne der Entwicklung der bürgerlichen und bombenlüsternen Demokratie in die Quere zu kommen, Kunst ist in dieser Demokratie das grimmigste Verhalten, vor allem wenn sie mit Todesverachtung die häßlichen Einschränkungen unseres täglichen Lebens angreift.“ ↩︎

181, Ästhetik der Maskierung

Die soziale Maskierung des kapitalistischen Systems wird an die Kunst- oder Kulturmenschen delegiert: an die Spezialisten der Verkleidung, die die ästhetischen Symbolisierungen der Konflikte herstellen. Hier in den geschützten, finanziell erstickten Räumen darf mit Scheiße gegen Theoreme (aber nicht gegen Banken) geworfen werden.
Der Überfluss an farbigen Oberflächen und nicht Erkanntem, Abzusehendem und Obdachlosen soll aber an Ort und Stelle seiner Produktion abgeleitet und zurück in die menschlichen Kanäle geführt werden. Es heißt, die Widersprüche auszufechten, deren Resultate wir sind und deren Ausdrücke wir darstellen. Rein in die soziale Produktion zum Tanz der Roboter mit Menschen und Menschenmusik.