
Herbert Spencers Satz „Survival of the fittest“ wird in der kapitalen Ordnung gern missverstanden: Als Schablone dient er dazu, soziale Verhältnisse bzw. Hierarchien in Gesellschaft mit evolutionären Prozessen der Anpassung gleichzusetzen oder gesellschaftliche Prozesse damit zu beschreiben. Die Entwicklung des Menschen aus seiner ellenbogigen Kinderstube – im Querblick zur Tier- alias Naturwelt – wird in diesem berühmten Satz als evolutionärer Weg des angepassten Individuums bis zu seinem aus der „Überwindung“ seiner Tiergeschichte geronnenen menschlichen Zustand aufgezeigt. Dieser evolutionäre Zwischenhalt soll der Gipfel aller evolutionären Entwicklungen sein – als hätte Evolution nur dieser Ergebnis „im Sinn“ gehabt. Damit das aber Sinn macht, muss ein Sinn unterstellt werden: Ein Schöpfer, der etwas jenseits steht, so dass man sich auf ihn als absolute Instanz für das jeweils eigenmächtige Verhalten gegen die Natur rechtfertigen kann. Der Schöpfer ist der Stärkere als Naturgesetz.
Gleichwohl soll die Krönung der Schöpfung sich mit Prädatoren des Tierreichs messen lassen müssen, um jenseits von Zivilisation ein Anrecht auf Teilhabe menschlicher Zivilisation zu erhalten. Was für ein Alibi: Man bombt die, die man ausbeutet in einen Naturzusammenhang zurück als Rechtfertigung für deren Ausbeutung, Verschmutzung, Raub. Die Evolution soll als Schöpfungsakt Gewähr dafür sein, gegen sie das Recht des Stärkeren anzuwenden. Was heißt hier überhaupt, der am besten angepasste überlebt? Wer definiert, woran sich angepasst werden soll?
In kapitalistischer Deutung von Gesellschaft soll ein Sozialdarwinismus dafür herhalten, Gier als Naturzusammenhang zu veredeln und die Bestohlenen, Unteren werden mit der Der-stärkere-überlebt-Floskel erniedrigt. Die Überwindung der animalischen Natur des Menschen trägt selbst tierische Züge – welche Versuchung, einfach drauf zu schlagen, die Kehle zu packen. Der Sumpf wurde mit Menschenleibern und Schuld trocken gelegt. Von hier an – der Schnittpunkt, in dem der Mensch in seine eigene Geschichte springen konnte: Anthropozän – zeugen steile Vergleiche mit tierischen Verhalten von arroganter Rationalität, wechseln sie doch unterschiedliche Qualitäten, Eigenschaften mit unterschiedlicher Münze oder Begriffsebene. Unterschiedliche qualitative Kategorien werden anhand von schrägen Vergleichen in denselben Begriffsraum gestellt und somit die Differenzen abgestumpft: Es werden unterschiedliche Lebenszustände mit Maßeinheiten konfrontiert und hernach gleichgemacht: Geschwindigkeit, Körpergröße, Gewicht, Erfolg, Renditeerwartung. Einerseits ist da die Analogie zum Tierreich – der Mensch als Ende der Nahrungskette missverstanden, andererseits wird der Mensch ideologisch als Fertig-in-die-Welt-gekommen dargestellt, als voraussetzungslose menschliche Entwicklung von ‚0‘ an, vom Beginn seiner Tage von Gott mit Naturbeherrschung ausgestattet. Missachtend seinen evolutionären Schnecken-Sprung aus der Tierwelt, seinen andauernden gewalttätigen Bruch als seine stete Verbindung mit den Stammbäumen seiner Tiergeschichte. Der Prozess des Herausarbeitens aus seiner animalischen Geburtsstätte wird als Kampf jeder gegen jeden hingestellt. Als ein unabänderliches Über-uns-hinweg-Dauerndes wie Donnerndes. Gleichwohl nennt man grausame Menschen tierisch. Sonst aber gilt es als opportun, in gegenseitig sportiv gefeierter Rücksichtlosigkeit für das eigene Überleben zu sorgen – sei es auch noch so unmenschlich. Es verschleiert die Unmenschlichkeit als quasi Alibi, sich gegen andere rücksichtslos durchsetzen zu können. Für die Unmenschlichkeit gilt die evolutionär anschleichende Wurzel der Anpassung – survival of the fittest – als Rechtfertigung. Die abgerissenen tierisch-naturwüchsigen Hände und Masken werden als Beweisstück dieses ideologisch-herrschaftlichen, sagen wir einfach: kapitalen Vorgehens gegen den Menschen, dem Menschen wieder eingepresst und in sein abgelegtes Fell gewürgt. In der kapitalistischen Welt bedeutet frei-sein (bestenfalls) tierisch-sein zu dürfen – wenn es durch Macht definiert wird. Der Kampf gegen alle anderen, die potentiell an der Verwirklichung eigener Interessen hindern, ist eine ultima ratio des Müssens im kapitalistischen Imperativ des Überlebenskampfes geworden.
Die naturhaft-evolutionäre Verkörperung menschlicher Geschichte gebiert Ungeheuer. Es ist Verrat an der Humanität, aber sie ist Bares wert. Als hätte sich nichts geändert, als gäbe es keine Menschheits-Geschichte, wird der Mensch seiner Vor-Zeit gleichgemacht, fixiert in der tierischen Evolution – ist das sein Schicksal? Ich kann es mir nicht erklären, warum so viele Tierfilme gezeigt werden.
Sollen die Zuschauer auf die Übertragung des naturwüchsigen Überlebenskampfes in die sich menschlich nennende Gesellschaft geeicht werden? Das Abstellen des Spencerschen Satzes auf die menschliche Sozialisation ist nur ein simples Zuschreibungsmodell. Diese wuchernde Setzung von Analogien in der Verhaltensforschung setzt menschliches Sein ins Tierreich zurück, um von dort aus unsere Muster des Verhaltens zu beschreiben, bzw. unser Verhalten auf eine nur biologische Ordnung/ animalische Sozialisation abzustellen.
Zurückgebombt, eingesperrt in seinen Affenzoo. Als Subjekt der Geschichte niedergehauen, als Objekt ausgebeutet, schon im Mutterleib. Soziale Devolution.
Maturana:
„Die Entwicklung des Darwinschen Konzepts der Evolution hat aufgrund seiner Betonung der Spezies, der natürlichen Zuchtwahl und der Tüchtigkeit auf den Bereich des Menschen einen Einfluß ausgeübt, der weit über die Erklärung der Vielfalt des Ursprungs lebender Systeme hinausreichte. Der Evolutionsbegriff hat soziologische Bedeutung gewonnen, da er eine Erklärung der sozialen Erscheinungswelt in einer Konkurrenzgesellschaft ebenso anzubieten scheint wie eine wissenschaftliche Rechtfertigung für die Unterordnung des Schicksals der Individuen unter die transzendentalen Werte, die anscheinend in Begriffen wie Menschheit, Staat oder Gesellschaft enthalten sind. Die Sozialgeschichte des Menschen zeigt in der Tat eine Beständige Suche nach Werten, die die menschliche Existenz erklären oder rechtfertigen, ebenso wie den ständigen Gebrauch transzendentaler Vorstellungen, um soziale Diskriminierung, Sklaverei, ökonomische Ausbeutung und politische Unterwerfung der <<Individuen nach den Planen oder Launen jener zu rechtfertigen, die vorgeben, die in diesen Vorstellungen enthaltenen Werte zu repräsentieren. Für eine Gesellschaft, die sich auf ökonomische Arbeitsteilung, auf konkurrierende Vorstellungen von Macht und Unterordnung des Bürgers unter den Staat gründet, scheinen die Begriffe der Evolution, der natürlichen Zuchtwahl und der Tüchtigkeit (mit ihrer Betonung der Spezies als der überdauernden historischen Entität, die sich durch die Entbehrlichkeit vergänglicher Individuen erhält) eine biologische (wissenschaftliche) Rechtfertigung für ihre ökonomische und soziale Struktur zu bieten. Nun ist es im biologischen Sinne richtig, daß das, was evolviert, die Menschheit als die Spezies homo sapiens ist. Es ist im biologischen Zusammenhang ebenso richtig, daß der Wettbewerb bei der Bestimmung evolutionären Wandels sogar für den Menschen gilt. Weiterhin gilt, daß unter den Gesetzen der natürlichen Zuchtwahl die hinsichtlich der ausgewählten günstigen Merkmale geeignetsten Individuen überleben oder gegenüber den anderen Fortpflanzungsvorteile genießen, und daß jene, die nicht überleben oder hinsichtlich ihrer Fortpflanzung weniger erfolgreich sind, zum historischen Schicksal der Art nichts oder weniger beitragen. Es schien sich daher aus der Perspektive Darwins zu ergeben, daß die Rolle des Individuums darin bestand, zur Fortdauer der Spezies beizutragen, und daß alles, was man für das Wohlergehen der Menschheit zu tun hatte, schlicht darin bestand, den natürlichen Phänomenen ihren Lauf zu lassen. Die Wissenschaft, d. h. die Biologie, schien die Vorstellung des „Alles zum Wohl der Menschheit“ zu rechtfertigen, worin immer auch die Intention oder das Ziel dessen bestanden, der dies zum ersten Mal äußerte. Wir haben jedoch gezeigt, daß diese Argumente nicht gelten, um die Unterordnung des Individuums unter die Spezies zu rechtfertigen, da die biologische Erscheinungswelt durch die Erscheinungswelt der Individuen determiniert wird und da ohne Individuen überhaupt keine biologische Erscheinungswelt existieren kann. Die Organisation des Individuums ist autopoietisch und auf dieser Tatsache beruht all seine Bedeutung: es wird durch seine Existenzweise definiert und diese Existenzweise ist die autopoietische. Die Biologie kann daher nicht länger dazu benutzt werden, die Entbehrlichkeit der Individuen zum Wohle der Spezies, der Gesellschaft oder der Menschheit unter dem Vorwand zu rechtfertigen, daß seine Rolle lediglich darin bestehe, diese zu erhalten. Die Individuen sind in biologischer Hinsicht nicht entbehrlich.
Analogische Abwertung
Es herrscht Chamäleonarbeit vor, permanent dem Fremden, noch nicht Gesichteten sich anzuverwandeln, um dem Unbekannten im Wolfsbiss des Vergleichens beizukommen. „Das in die >>große Befreiung<< brüderlich hereingenommene, unter der Verkörperung mitleidende Anderssein“ findet hier keinen Platz, Ausdruck, denn es entspricht nicht dem sich nach Außen hin abdichtenden Interesse. In nichts mit niemandem unterliegen, weil mit nichts verkörpert, emphatisiert nur mit sich selbst, heißt der Schlachtruf aus dem Schneckenhäuschen des bürgerlichen Solipsismus. Ein Flüstern und Schreien von Leuten, die sich von Welt bedrängt erachten. Es gilt die Hoffnung, das Vertrauen, die Erwartung, die menschliche Bewegung des Zweifelns abzuschaffen, sich nicht auf emphatische Zustände einzulassen, um vor dem Fortgerissenwerden gefeit zu sein. Wenn die Nerven an den Dämmen der Körper-Psyche kneten, steht das Ich still oder wird geflutet. Es wird zerrissen und seine humane Natur wird in seine animalische geworfen. Eine mühsam zu erreichende Formlosigkeit. Dass die Andersartigkeit der Anderen die eigene ermöglicht bleibt verborgen, sondern wird als Bedrohung gedeutet.
Zwischenmedien: Gleichnisse
Fabelhaft wird im analogischen Sprachapparat die Nähe der unterschiedlichsten Phänomene, Dinge zu anderen hergestellt und erträglich gestaltet: heruntergedimmt. Gleichnisse entlarven nicht nur das gleich Gestellte als schon irgendwie Bekanntes, sie verdecken damit auch das Gleich- oder Annäherndgemachtsein der Dinge: die Dinge sind als gleich-gemachte kaum als andere mehr zu erkennen. Die medialen Einfühlungen der herrschenden Beschreibungsweisen in ihre Beschreibungsstoffe gehen nicht spurlos am Leser, Hörer vorbei: In der entwickelsten Form solcher Beschreibungs-Nachrichten-Einfühlung-Kultur, steht der Beschriebene, der Leser, der Betroffene sich als sein maskierter, als sein vom wirklichen Leben entfernter Stoff gegenüber. Man könnte nun selbst derjenige hinter der TV-Mattscheibe sein. So besonders und beliebig austauschbar ebenso – wie die angestarrten humanoiden Produkt-Zombies.
Nachahmung und Einfühlung
Hier ist Brechts Kritik vor allem seine Position gegen die Einfühlung an Aristoteles‘ Poetik in Bezug auf analogische Verfahren zu verstehen. Denn Nachahmung als eine Form der Anverwandlung, erlaubt weniger eine Distanzierung (Objektentwicklung) vom Geschehen und sei daher – laut Brecht – als Erkenntnismodus ungeeignet. Im Gegensatz dazu sagt Aristoteles: „Denn sowohl das Nachahmen selbst ist den Menschen angeboren – es zeigt sich von Kindheit an, und der Mensch unterscheidet sich dadurch von den übrigen Lebewesen, daß er in besonderem Maße zur Nachahmung befähigt ist und seine ersten Kenntnisse durch Nachahmung erwirbt – als auch die Freude, die jedermann an Nachahmungen hat.“
Das Andere mir im Nachahmen anzugleichen – das Abbilden, Abformen als Handwerk (in der Kunst) zur Herstellung analogischer, d. h. vergleichbarer Formen mündet wieder in ein Gegenüber. Als die Verstofflichung des Negativen kann das Vor-Bild in ein Positives gebannt in der Abbildung werden, wieder Distanz ermöglichend. So gefasst, erlauben die fotografischen Ablichtungen aber die Distanz vor dem Dickicht der Einfühlung, Distanz gegen Emotionen, um kalte Erkenntnis über den Gegenstand abzuleiten, d. h. ihn logifizierend einordnen zu können. Das Programm heißt: erzeuge permanente Angleichung, um in den Erfahrungsstoff der Geschichte, in den Feind, die Wirklichkeit hinein zu kommen: oder Differenz, um aus ihr heraus zu kommen. Vielleicht müssen wir weniger das Resultat als vielmehr den Prozess des Nachbildens honorieren, den Vorgang in den Produzenten legen. Der von Brecht geforderte Abstand ist bei Aristoteles prozessuale Voraussetzung, um sich die Dinge, gesellschaftlichen Phänomene zu erschließen.
Nachahmen als Externalisierung
„Denn von den Dingen, die wir in der Wirklichkeit nur ungern erblicken, sehen wir mit Freude möglichst getreue Abbildungen, z. B. Darstellungen von äußerst unansehnlichen Tieren und von Leichen.“
Es liegt nahe, dass die Herstellung von Abstand, von Entfernung (bloßes Nachahmen, Abbilden, Be-schriften usw.), den ersten Versuch darstellt, sich dem Schrecken wohlmöglicher Realität zu nähern: über ein Objekt, eine Form. Jede weitere Verfremdung muß hin zum Objekt problematisierter Realität (das Andere, das Fremde), ins Chockzentrum der Erkenntnis (Benjamin) führen. In der Verlebendigung, d. h. in der Anverwandlung (Angleichung?) an das Tote, Objekthafte, an das Unansehnliche, besteht die Leistung realer performativer Akte: Eine Hochzeit von Angleichung/ Nachahmung und Empathie. Notwendig scheint, diesen ersten Vorhang der Distanz/ Differenz runter zu reißen, über den ersten Versuch der Abwehr hinaus zu gehen: den Zusammenhang von Anästhesierung (als Abwehr vor dem schmerzhaften Lernprozeß?) und Ästhetisierung (Formierung des Lernergebnisses) als menschliche Transformierung aufzudecken, um zu überwinden, was zur Maske, zum Schild gefror.
Aus einem anderen Blickwinkel kann Nachahmung als Übungsprozess der Beobachtung gedeutet werden. Als vorrangige Möglichkeit, eine 2. Ordnung der Beobachtung herzustellen. Das objekthafte oder körperliche Nachahmen des beobachteten Gegenstands ist ein Transfer der Beobachtung in Material, der Blicke in körperliche Objekte (die Zeichnung, das Foto, die Skulptur, das Schreiben). So gesehen, wird die transferierte nun vergegenständlichte Beobachtung in eine der Beobachtung gemäßeren Darstellung überführt und manifestiert damit den Prozess des Beobachtens selber: im (abgebildeten) Objekt. Die Mimesis fließt in das Material aus. Aus Sehen wird Gemachtes.
Kunstwerke, die sich qualitativ aus dem Moment gehuldigter Nachahmung ableiten, stellen nicht dar, was sie aus der Welt rausgeholt haben, sondern kennzeichnen vielmehr, was der Autor in die Welt als ihre Ähnlichkeit hinein gearbeitet hat.
Ist der auf die Regelung des Lebens getrimmte Nervenkörper geschwächt genug, suchen dessen verwalteten und unterdrückten Organe eine Öffnung. Aus ihnen bricht Gestautes, Gequältes sich Bahn: psychische Keime. Die Psyche hat das Begreifen und ihren Körper nicht mehr im Griff. Sie kann sich nicht mehr selbst verarzten. Ihr körperlicher Eingriff ist ein brachialer Code geworden und kann nicht ent-scheiden: richtig und falsch, gut und schlecht (böse), Kreis oder Oval, verantwortlich und nicht verantwortlich oder zwischen Verantwortung und Schuld. Denn es gehört zusammen, was hier geschieden sein soll. Sich gesund offen haltend für die einströmenden Phänomene hieße, sowohl in der Scheide zu bleiben als auch nicht gezwungen zu sein, ausgeschieden zu werden. Zwischen einem Kreis und einem Oval kann man sich entscheiden. Aber wenn man nicht mehr weiß, ob es ein Kreis oder Oval ist und trotzdem zu entscheiden genötigt ist? In einer schizophrenen Endlosschleife wandelt sich der Kreis in das Oval und zurück. Wenn Begreifen durch den Code-Griff gesprengt wird, wandelt sich das Individuum in einen sich pathologisch niederschlagenden Prozess. Die Bewegung des Subjekts – Hegelianisch gesprochen – mündet in eine Kommunikation des Subjekts mit sich selbst, in der es die Code-Regeln seiner Selbstbeschreibung permanent neu modifiziert. Dadurch bleibt es im Regelwerk hängen, statt sich um das Ge-Regelte zu kümmern. Es geht sich damit selbst verloren und wird – je nach Beschreibungs-Code – immer anders; es kann sich nicht mehr festhalten. Diese kommunikative Selbstbetrachtung hat kein Ende, führt zu nichts und frisst sich selber auf, weil jede neue Erkenntnis, Wahrnehmung auf eine falsche Modifikation der Regeln zurückführt, anstatt zur Akzeptanz. Das Verlassen des selbst auferlegten Kanons kontrollierbarer Regeln käme einer Selbstaufgabe, identitären Krise gleich. Eine Art unendliches Selbstgespräch, eine Beobachtung eigener Beobachtung bleibt am Laufen – mit anderen Worten: Introsprektion findet statt. Der betroffene Mensch kann sich ästhetisch, sprachlich begleiten, kaum kann er die stete Differenzbildung seiner Anpassungen durch sich selbst fädeln. Vielleicht kollabiert er, weil er als psychisches System nicht im Stande ist, Informationen von draußen zu verarbeiten, zu integrieren oder zu differenzieren – was ein Entscheiden-Können voraussetzt. Doch vorerst setzt Symptombildung ein. Im geschwächten Psycho-Körper individualisieren sich ehemals beherrschte Denk-Arten, Fühl-Organe in psychologische Prozesse, d. h. in (somatisches) Abwehrverhalten: Psychosomatische Ausfälle. Die physische Umsetzung der psychischen Einengung setzt die psychoanalytische Bedingung wie ihren anamnetischen Stoffwechsel in Gang: dass die Begriffe, Symptome und die von ihnen bezeichneten Gegenstände, Wirkungen, Prozesse, Phänomene durch „falsche“ sprachliche und oder symbolische Besetzungen verbunden werden.
Das eigene Sprechen ist ein gefährdetes Operieren inmitten einer durch Sprache sanktionierten Welt, die weniger dem Ausdruck der Sinne dient, sondern vielmehr als technokratisches Medium der Realitätsanweisung fungiert. In der sozialen Notwendigkeit der Kommunikation gewährt die massenmediale Sprache kein Entkommen. Bei Marx steht irgendwo: Die vorherrschenden Gedanken spiegeln die Gedanken der Herrschaft wider. Wenn Sprache das Denken exekutiert, folgt die Herrschaft – der common sense – auf dem Fuße. Das, was medial gesagt wird, dringt als verzögerter Realitätsvollzug in die Köpfe ein. Der vorherrschende sprachliche Medien-Raum vollzieht nicht nur, was real ist, sondern auch, was Realität werden und sein soll. Das Wörtlichnehmen der Sprache, wie es in Gesetzestexten oder Gebrauchsanweisungen stattfindet, erscheint als eine Erpressung des Lebens durch die Schrift. Denn hier wird sie auf einen Gegenstand eingegrenzt und vom Leben abgekoppelt. Schwarz auf Weiß.
Die Wirklichkeit der Sprache ist ihre Grenze.
„Wer schreibt, der sucht.“
Wer schreibt, beschleunigt seine Geschichte, weil er mit den Mitteln der Sprache seinem Erfahrungsstoff vorgreifen kann. Den Begriffen sind Erfahrungen, Geschichten eingeschrieben, die immer schon Zitat sind, auch wenn sie vom Sprecher noch nicht er- oder gefüllt sind.
Wer sich in der Sprache findet, die noch nicht gefüllte – sinnlich wahrgenommene – Welt zu beschreiben, verliert sich in ihr, schreibt sich zugleich in sie ein – als Sprachwelt – und nimmt nur in Begriffen Platz neben den zu beschreibenden Gegenständen. Die Literatur verfängt sich in ihrem Gegenstand, wird von ihm verwickelt, statt ihn zu fangen. Im Beschreibungsvorgang selbst wird die Wirklichkeit des Beschreibenden entworfen. Geht die vorgestellte Beschreibungsperspektive mittels der sozialisierenden wie sozialisierten Sprache ins beschreibende Individuum ein.
Wer in der Gegenwart nicht sucht, hat in der Geschichte nichts verloren. Vice versa. Wer in der Gegenwart nichts zu verlieren im Stande ist, hat in der Geschichte nichts zu suchen. Die Konzentration der Sprache auf die Gegenwart, auf das Alltägliche lähmt und verzögert deren Verschwinden. Der Festhaltegriff der Tinte. Das verzögerte Verschwinden analoger Sprache ist der medial sich manifestierende Prozess des Gesprochenen. Durch die Verzögerung bleibt erst was festzuhalten, kann man beschreibend zugreifen. Es scheint, daß im phänomenologischen Festhalten, eine Herauslösung der Beschreibungsobjekte stattfindet. „Zum Denken gehört nicht nur die Bewegung der Gedanken sondern ebenso ihre Stillstellung.“ „Auf dem Gegenstand liegend“, gewährt das heutige Beschreiben den Enkeln Einsicht und fördert bei den Erben den Prozess des Lernens statt des Schreibens, dass endlich Sprache Feuer fängt.
Wer die verkehrte Welt beschreibt, ist in seiner Beschreibungshaltung bedroht. Obwohl er „einen Ausweg sucht aus ihr“, dringt er in sie tiefer hinein, suchend nach Sinn, nach Worten, wie sie zu schleifen. Aber die Entzauberung der Welt erfordert ihre eigene Verkehrung. Das Entschleiern eines Gegenstandes ist an das ‚In-Frage-stellen‘ des Beobachters gebunden; Verwirklichung und Entzauberung, Reiter und Pferd, Botschaft und Medium bedingen sich. Fortschreitende Beschreibungstätigkeit -und Treue setzt einen Fortschritt an Beteiligung in Gang.
Das Modell der Beschreibung eines Konzentrationslagers von innen her als Beispiel eines ambivalenten Verstrickens mit dem Gegenstand der Beschreibung, bedarf der Kritik, wenn der Beschreibende in-eins scheint, in-eins-sich-setzt mit der Schuld der zu beschreiben Taten & Täter – um ihnen beschreibend näher zu kommen… Die Verbindung der Beschreibung mit dem Gegenstand der Beschreibung geht vom Beschreibenden aus. Dieses Beobachten erzeugt eine Ohnmacht durch Distanz – auch wenn der Gegenstand Distanz einfordert, um überhaupt beschrieben werden zu können, macht die Distanz den Berichterstatter auch zum Komplizen. Um Ohnmacht zu erzeugen, sei geraten, so den Gegenstand zu beschreiben als könnte nichts pro und kontra getan werden. Daher hat das Beschreiben auch stets etwas Manipulatives, retrospektiv Ent-Gültiges.
Wer sich ein-schreibt, beschleunigt seine Geschichte. Mit dem Beschreiben, Überschreiben, Aneignen kommt man der Wirklichkeit, der Enteignung der Gefühle nicht davon.
Beschreibungsnarrative
In den gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen angekommen, beruflich eingeordnet, werden Beschreibungsszenarien zu Instanzen der Entfremdung, der Bewerbungsbiografie, der Anstreicherei; nichts wird mehr „aus dem Zusammenhang gerissen“, um es tatsächlich in den Zusammenhang der Wirklichkeit zu bringen, – die umhegten Gefängnisse sollen nichts miteinander zu tun haben. Die Berichterstattungen schieben sich zwischen den Empfänger und dessen möglicher Erfahrung. Das Subjekt wird zerrissen und wo es sich zum Verwalter und Behandler von Sachen erklärt, befindet es sich bereits in Auflösung und wird der Sache, dem angezeigten Gegenstand gleich, Subjektlos. Das Interesse an Gestalten und Gestaltung ist oberirdisch, eine Frage des Layouts. Aus den herrschaftlichen Beobachtungstürmen wird das zu beschreibende, zu beobachtende Feld nur erblickt, längst nicht als begreifbar dargestellt – denn mit der Ohnmacht kann man sich einrichten. Die an der phänomenologischen Front Arbeitenden und deren Nutznießer haben den Auftrag, Informationen zu produzieren. Die Beschreibung (Berichterstattung), Nachrichtenmasse dünnt nach oben hin in technische Raffinesse des Mediums aus – wie ist es erzählt, mit welcher Auflösung: sensationell! Es entstehen Nachrichten, auf die wir kaum lebensnahen Zugriff üben können. Nutznießend unbeachtet tobt der Kampf unter der Patina der Oberfläche der Wiedergabemedien unserer Egos.
Der öffnende, wahrnehmende Kontakt zur Andersheit (Außen-Welt), zu dem allen, was Ich nicht ist, transzendiert ins Ich und wieder nach Außen: Die sinnlichen Qualitäten – Farbe, Geruch, Laute – werden zu Objekten verhärtet. Die Schönheit – eines anderen Menschen – trifft auf die Öffnungen der Sinne, auf die Wunde der Wahrnehmung, auf die Wahrnehmung der Wunde: Nicht-Ich und ein Objekt! Offen, verwundbar durch Sensibilisierung und Evolution sind die Sinne bereit für die Wunde: Jeder für sich: Ich. Die Wahrnehmung gerinnt selbst zur Differenz zwischen Sinnesorgan und Sinnesreiz, zwischen Aug und Blume. Aus den Öffnungen der Sinnesorgane fließen Objekte raus und rein. Als würde die Schönheit eines Libellenflügels die Sinne nur öffnen, damit der von Schönheit Getroffene die Wunde des Staunens mit sich selbst schließen möge. Identisches müssen wir hier suchen: wo sich nichts mehr ändert, wo es Einferständnis gibt: zum Anderen. Diesen Prozess – den Grind zur Welt herzustellen und immer wieder aufzureißen –, können wir als wahre Erfahrung hinnehmen. In der Wahrnehmung bekommt die Schönheit Form – ein Objekt ohne Bewertung. Wahrnehmen selbst wird angenehm – viele schauen gern auf das Meer, in die Berge. Formen machen Sinn, weil sie als schön, weil unabhängig von geschäftigen Kontexten erkannt werden. In diesem Gerinnungsprozeß zeigt sich das Ich, jenseits seiner Häute. So ist dies wahrnehmende Subjekt stetig in Bewegung, sich nieder zu reißen, seiner physischen Natur zu stellen und gegen sie aufzubaun und nicht in Schönheit zu erstarren. Wahrnehmen – als Existenz, als Füllung mit Welt – bedeutet, dass man nicht mit sich identisch wird, dass man sich permanent als ein anderer gegen die begehrten Objekte, Formen sich dünkt, ja, und dass man nicht stirbt, solang die Welt eine andere bleibt.
Sklave Termin
Bevor meine Erwartungen – an meine Karriere, mein Leben, meinen Plan – enttäuscht werden können und ich mich der Drohung der Nichterfüllung aussetze, orientiere ich mich auf ratifizierbare Möglichkeiten. Das ist der Versuch, dem Enttäuschtwerden – die Täuschung hatte nicht hinweg geholfen – durch Einverständnis zuvorzukommen. Ein Enttäuschungsprogramm: Man ent-täuscht sich selbst, will an die Unmöglichkeit der eigenen Wünsche, Ideen glauben, um einer selbstgewählten Vorstellung auszuweichen. Aus dem Zweifel an Erfüllung wird die Angst vor Erfüllung. Der Tausch der Interessen wird als Bestätigung der Täuschung dargestellt. Man ent-täuscht sich, bevor man enttäuscht werden kann. Die Lebens-Praxis holt diesen eigenmächtigen wie ängstlichen Plan des Vorhersehens von ungemütlichen Möglichkeiten wieder ein. Das Einverständnis mit dem geahnten Zustandekommen der Enttäuschung als Pessimismus ist hier nicht Weise, sondern Versicherungsschutz gegen die gefürchtete Veränderung des eigenen Plans. Dieser Pessimismus, der die Welt da draußen der Hoffnungslosigkeit übergibt und das eigene Agieren untersagt wird mit einer Ab-Geschlossenheit zu sich selbst beglichen. Das Leben in der gesellschaftlichen Einordnung bedeutet dann ein Enttäuschungsprogramm. Zynismus ist der Panzer vor Enttäuschung, in dem gespaltene Personen fahren. Man will nicht mehr warten und legt Erwartungen ab – doch das Einverständnis und Nachgeben zieht Einschränkung nach sich. Der Nicht-Wartende ist schon vom leeren Leben ausgehöhlt. Warten heißt, sich noch in der Differenz seiner Bedürfnisse zu befinden. Auf jemanden oder irgendwas zu warten, heißt, sich zu warten – wie die Amme das Kind oder der Mechaniker das Auto. So können die Wartenden in der Zeit bleiben und sie ist nicht vorbei für das zu Er-Wartende. – Die platonische Liebe erfüllt sich in der Verkörperung des Wartens. Im Gegenzug: das Nicht-Warten spielen: Im Beruf mit vollem Terminplan.
Sich jenseits der Zerstückelung, des Enttäuschungsprozesses zu dünken, heißt, sich aus der Gesellschaft, ihrem kommunikativen Vortrieb heraus zu nehmen. Aber das Mensch, was sich nicht im Produktionsprozess feil bietet und nicht auf das Recht seiner Vernutzung pocht, ist ein der Produktion Außenstehendes, von seinen Produkten ausgeschlossen: Schutt, Müll, Abfall ohne Weiterverarbeitung.
Ist „der Gang des Schicksals“ nicht ein versuchter menschlicher Selbst-Beschreibungs-Wettlauf mit dem von Gesellschaftsumständen erzwungenen Einordnungs-Terror? Die Notwendigkeit, zu erkennen, dass es „für alle nicht reicht“? Standzuhalten, erzwingt zuvorkommende Charaktere – eine Gegenbewegung, ein Misstrauen gegen die Gesellschaft entsteht: Paranoia.
Die Attacke, die Aggression als Form der Selbstdarstellung, auf sich aufmerksam zu machen, um für sich als geschichtsmächtiges Subjekt selbst zu werben.
Andererseits: Autarkie als Selbstgenügsamkeit, um sich gegen die eigenen Bedürfnisse abzudichten, um den perhorreszierten Gefahren unkontrollierten Schicksals mit dem Hamsterleben zu begegnen. Das animalische Modell des Überlebens, das Raubtier, um unter dem Schicksal der Anpassung durchzuschlüpfen. – Die Chimäre der wirtschaftlichen Unabhängigkeit erzwingt so viel Blindheit vor dem Elend, das sie stillschweigend erzeugt wie erlaubt. Die eigene Unabhängigkeit von Anderen ist die Egalität der Anderen zu mir – solang sie bezahlt werden kann.
Die geglückte Anerkennung der realen Zwänge aus der Sicht des Besiegten heißt Verzicht: Adaption, aus der erkannten Bedrohung wird affirmative Resignation, das unglückliche Bewußtsein wird gestärkt. Die Niederlage gewöhnt uns an den Realismus. Vice versa.
Der paranoide Anspruch auf menschliche Handlungsräume – jeder ist nicht nur potentiell Konkurrent (Verfolger), sondern auch Objekt der Verfolgung (Zielgruppen-Marketing). Unzählige Cookies verstopfen meine IP. Das persönlich produzierte digitale Abbild wird zur individuellen Zielgruppe re-transformiert. Gesucht wirst du immer, ob als Feind oder Käufer. Bedürfnisse können dir jeder Zeit unterstellt werden. Virales Marketing.
Mit der argwöhnischen Beobachtung anderer Selbste entsteht ein Datenkosmos, in dem alles und jeder adressierbar wird. In der Werkhalle des Verrats nimmt das erzeugte Misstrauen sich selbst zur Geisel. Der argwöhnische Beobachter macht vor dem Beobachter und sich selbst als Beobachter nicht Halt. Ein Lauern, Wuchern in den Interpretationen, den Möglichkeitsräumen, die die paranoide Konkurrenzstruktur der Warenproduktion durch sich hindurch entwirft. Sinn-Suche – ergo Produkt-Suche – wird so zur Begründungs-Metapher paranoider Annahmen. Solcher Sinn als Ausweis von Rationalität verkrüppelt im wahnhaften Selbstrechtfertigungsanspruch/-rausch gegen alles Andere: das Sinnvolle erscheint als irre Realität. Realität entsteht aus Rechtfertigungs -und Annahmesümpfen der Wachstums-Produktion – und ist persönliches Schicksal geworden. Der Auftrag von Marketing ist, dass die Wirklichkeit nur aus käuflichen Waren besteht, aus einer Welt, die nur dank ihrer beworbenen Produkte zugänglich ist. Sie als unentrinnbares Resultat jener Produktwelt darzustellen, ist Erfüllungsort ihres Auftrags. Die Paranoia der Auftraggeber besteht darin, dass die Wirklichkeit schon ein Produkt eines andern ist und viel billiger. Wenn das passiert, wurde die Zielgruppe nicht erreicht und die Werbefirma fürn Arsch. Marketing ist eine Anwendung der Ertragsziele der jeweiligen Firmen. In diesem Kalkül hat jeder potentiell Käufer zu sein oder wird als solcher mit entsprechender Einengung betrachtet – der Mitmachende hat an der menschlich erfahrenen Sinnlosigkeit der Überproduktion teil, trotz seiner sich zugestandenen Intelligenz aus Wissenschaft, Mitwisserschaft, Gewissheit, mag er nicht erkannt werden unter den vielen, damit er verschwinden kann. In jedem wird das Produkt zur betrachtenden Funktionale. Die Schrumpfung des Individuums zum Kunden, zur kleinsten nutzbaren Größe, soll dem Getriebe nicht ein Sandkorn sein, er möge als formbar gelten und keinen Abstand mit der ihm aufgedrückten Form deklarieren; im Recht auf Auslöschung. Die hermetische Reduktion des Einzelnen: die Bescheidenheit als Charakterausdruck für das eigene Schuldig-sein, für sich, vor sich selbst, um sich (in der kleinsten Schuld) fürs Überleben zu gewinnen und, um die Werbe-Angriffe zu überstehen. Im geduckten Gang vor den drohenden Angeboten arbeitet die Annäherung, Angleichung, Schrumpfung zum Einknicken weiter. Jeder im Zurückweichen abgegebene Centimeter bedeutet dessen Zunahme.
Einsicht durch Einkauf
Die bürgerliche Person wird von seiner eigenen gesellschaftlichen Entwicklung besiegt; ihr gesellschaftliches Profilieren, ihre eigene Entwicklung zieht sie gleichsam aus ihrer menschlichen Haut heraus – als eine gegen sich entfremdete Person. Die aufgezwungene entfremdete Form (Produkte sind Schnittstellen für andere beworbene Produkte) wird dem eigenen Lebenskörper als fremde Funktionalität integriert. Irgendwann unterliegt diese Person ihren produkttechnisch verknüpften Wahrnehmungsweisen. Wieder gläubig geworden: Aber Gott ist ein Rechenzentrum in Palo Alto. Das Produkt-Bewußtsein wie ein Gift attackiert die Sinne zu Täuschungen über sie selbst. Der Markt frisst seine Organe: Eyecatcher. Übrig bleiben Behauptungen des bürgerlichen Ich: Dessen Augen, Nasen, Zungen und Herzen nach Ware ächzen. Der bürgerliche Traum/ Anspruch eines freien und menschlichen Ich wird durch es selbst in seiner eigenständig produzierten Ego-Wirklichkeit zertrümmert und wieder zusammengeflickt bis zum nächsten Wohlfühlkoma. Es wird dauernd in seine vorauseilenden Thesen, Träume, Notlügen, Gehorsam zurückgetrieben: Die Wirklichkeit des bürgerlichen Selbst ist eine selbstische Marketingstrategie – Truman-Show. Aus der Selbst-Behauptung sind Enthauptungen der Anderen geworden. Der bürgerliche Solipsismus als zynische Selbstbehauptung in der medialen Verformung der Selbstdarstellung entgleitet bis zur Entkörperung der Person zu zwanghaften Funktionalismen. Das auf seine menschliche Entwicklung hoffnungsfrohe mehr und mehr harrende bürgerliche Ich, wird bis zur Stilisierung seiner selbst gelähmt – in Form gebracht. Dieses Ich ist Teil der Strategie, die es selbst geschaffen hat. Es trifft nur sich selbst: Selfie.
Geschichte als permanente Produktion, als ein im Strudel des Beobachtens wie Beteiligtseins erachtet, nicht als ein durch das Beschreiben bediente Ereignisfolge gefasst, würde den Blick auf die Produzenten von Geschichte erlauben: Als beschreibbaren Prozess der Beschreibung und Sozialisation von Gesellschaft. Als bloße Beschreibung über vergangene Ereignisse ist sie bereits in den Spalt zwischen dem Gewesenen und der Nicht-Gegenwart des Schreibers über die (vergangenen) Ereignisse getrieben: die emphatisch nicht einzuholende zeitliche Differenz führt zu Vereinfachungen, zu lineareren Retrospektiven. Nichts ist bloßes Resultat, alles ist entstandenes Sein im Werden – hieße dann die Dienstvorschrift der Erzählung von Geschichte. Geschichte als permanente Beschreibung realer Kämpfe um Partizipation findet kaum statt: Die, die Geschichte machen, kommen nicht zu ihren Worten. Geschichte als alltägliche Konsequenz millionenfacher individueller Entscheidungen lässt sich nicht auf eine lineare Ereignishaftigkeit reduzieren, denn sonst würde das Subjekt der Geschichte nur in der Blickachse des Beschreibenden existieren.
| Die Ware als Produkt der Geschichte |
Im unendlichen Akt der Produktion zeigt das Resultat, das Produkt seine geschichtliche Härte gegen sein Aufhören – das Resultat der Produktion schiebt sich vor den Prozess seines Entstehens. Selbst in den entfremdeten Produkten schlägt das Herz der Geschichte – aber unhörbar die ungezählten Herzen der Näherinnen. „Wer hat das siebentorige Theben gebaut?“ (Brecht) Der akkumulative Ursprung des Produkts, der Ware, erzeugt eine unendliche menschliche Herkunft. „Nur in seinem Entstehen zeigt das Entsprungene sein Entsprungensein.“ (nach Paul Tillich) Dort – in der Herstellung von Waren wie in der dafür aufgewendeter Zeit – ist zu sehen, wie die Bewegung in der Arbeit als Entstehen des Produkts zur Entfernung von ihm wird: Die Menschen, die an der Produktion von Waren, Kommunikation, letztlich der Gesellschaft mitwirken, werden zugunsten der Resultate unsichtbar. Die Entkopplung der Produkte von den sie herstellenden Menschen ist eine Folge der Zweck-Mittel-Relation in kapitalistischen Gesellschaften: Die Monumente sollen die dafür aufgebrachten Opfer rechtfertigen, die Kunstwerke werden säuberlich von den Bedingungen der Herstellung getrennt: Mit dem Glanz der Oberflächen wird der Schimmel in den Arbeitsstuben überdeckt.
Das Resultat ist nur ein Moment im Prozess: Ein Zustand. Das Resultat ist im Prozess aufzulösen, zu entschlüsseln, als prozessuale Gestalt zu fassen. D. h. natürlich auch, dass der Prozess sich als geschichtlich beschreibbares Resultat entpuppt, sich als solcher darstellen lässt, sobald man mit der Klinge der Beschreibung einen Zeitpunkt willkürlich festlegt. Im Aneignen der gesellschaftlichen Prozesszustände – eine beste aller Welten in der Beschreibung zu erzeugen, zu manifestieren, vor zu stellen – entsteht eine Enteignung der Lebenswirklichkeit von den Menschen, die in Beschreibungen festgehalten werden. Entweder man (be-)schreibt oder macht Geschichte.
Ich liebe Dich :
Mehr gibt es
Nicht
In diesem Leben
Für ein anderes
Zu sagen
Hingabe
Ohne Waage
ist Wegnahme
Dieses eine Mal
Vielleicht
Am Morgen
Der falsche Moment
Ein Meißel…
Das unverstandene Wort
Garantie?
Versuche dich umzutauschen
Für
Dein Hirn, deine Erfahrung
Deinen Rost
Kriegst du nichts
Zurück
Nur
Mond und Sterne
Blumen und
Gedichte
Den ersten Kuss
Oh, der Blick in die Augen
ohne
Berührung
Kannst du nicht leben.
Die Wirklichkeit ist als momenthafte Ereignisgestalt nicht eine ihrem prozessualen Werden enthobene, d. h. losgelöste Resultatenexistenz. Sie ist immer Gewordenes, so sehr uneinsehbar sie scheinen mag. Die Schwierigkeit besteht darin, dass der geschichtete Prozess des Wirklichwerdens eines Ereignisses für das Subjekt als Vorlauf konfrontierter Wirklichkeit von ihrem akuten, existentiellen Erscheinungsbild überdeckt wird. – Das Subjekt realisiert die Partikel, die Einschläge noch nicht im Zusammenhang, der für es Wirklichkeit werden wird. Dass die erfahrenen Vorwirklichkeits-Funde (die das reale, weil konfrontierende Ereignis erwirken/ zusammenbrauen), die bruchstückhaften Zeugnisse, Erinnerungen ein weit zurück seiendes Gewordenes darstellen, auf das schwerlich unsere Blicke reichen, ist klar, aber schwerlich vom auf das Ereignismoment der Wirklichkeit geworfene Subjekt einzuholen. Woher kann es wissen, was nach einer Entscheidung, die es früher traf, sich als Konglomerat ereignishaft entpuppt?
Archäologie
Abgenabelt sind solche Vorwirklichkeits-Momente als historische Ablagerungen, als Erinnerungen flügge geworden – losgelöst mimen sie historische Selbständigkeit im Marmor, in Gedichten, in Gebäuderesten und Knochengestrüpp. Es scheint, als wäre die Frage: wie kam es zu dieser oder jener Wirklichkeit, eine, die in ihrer Archäologie zu ergründen ist – als Rekonstruktion: Im Moment des Passierens ist sie nicht zu fassen. Das Unfassbare des Jetzt und Hier wird im Wüstensand, in Grabmälern, in Vorderzeit gesucht – vom Winde verweht sind nur die Spuren, aber er führt zu uns, weht uns ins Gesicht: Dort, wo dieser Wind herkommt, müssen wir suchen. So werden wir Fährtenleser unser eigenen Geschichte. Wenn es das geschichtliche Hexenhäuschen gibt, führt auch ein Weg zurück in die Gegenwart. Dass alles, was wir tun, zu Staub und Sediment wie Sprache und Kunst wird, gibt uns die Gewissheit, stetig weiter nach uns zu forschen: In Schichten und Geschichten.
Es nützt uns jetzt nichts, wenn wir uns darauf verlassen, dass wir wieder aus dem Sand gebuddelt werden, um der Geschichte zugänglich zu sein. Wir sind unsere Wirklichkeit: jetzt!
„Es sind … nicht die Menschen als solche, die denken, oder isolierte Individuen, die das Denken besorgen, sondern Menschen in bestimmten Gruppen, die einen spezifischen Denkstil in einer endlosen Reihe von Reaktionen auf gewisse typische, für ihre gemeinsame Position charakteristische Situationen entwickelt haben. Streng genommen ist es in der Tat ungenau, wenn man sagt, daß das einzelne Individuum denkt. Korrekter wäre der Hinweis, daß es bloß daran teilnimmt, das weiterzudenken, was andere Menschen vor ihm gedacht haben. Es findet sich in einer ererbten Situation mit Denkmodellen, die dieser Situation angemessen sind, und es versucht, die ererbten Reaktionsweisen weiter auszuarbeiten oder andere an ihre Stelle zu rücken, um mit den neuen Anforderungen, die sich aus den Veränderungen und Wandlungen der Situation ergeben, auf eine adäquate Weise fertig zu werden. Jedes Individuum ist daher durch die Tatsache, daß es in der Gesellschaft aufwächst, in einem zwiefachen Sinne prädeterminiert: es findet eine fertige Situation vor und in dieser Situation findet es vorgeformte Denk- und Verhaltensmodelle vor.“ So werden über Generationen Denkmodelle und das Verhalten zu ihnen mitgeschliffen, weiter gereicht. Als Katalysatoren spornen Gedanken- wie Denkmodelle das darauf bezogene Denken an – so sind das Denken und die Gedanken permanent in Ausbildung (für die neue Generation).
Der Nachvollzug der Herkunftslinien, wie sie in Verwandtschaften durch Nachkommen und deren Unterordnung (Ableitungen) gezeichnet werden, oder die Suche nach einem alle Teile verbindenden Weg, oder der Weg vom Kleinen aufs Ganze oder vom Ganzen aufs Kleine… sind in Schussverfahren modellierbar. Die Analogie ist eher eine Brücke zum Gleichmachen zugunsten einer unterordnenden Kategorie. Die Vor-Führung der Nichtigkeit (der Einzelnen) durch schleimfreie Logik oder durch eine alles überschüssige ableitende Instanz. Die Vermittlerposition wechselt in den Schlussverfahren: zwischen dem Allgemeinen, Einzelnen und Besonderen, je nach Absicht der zu vermittelnden Instanz.
Der Weg des Einzelnen: als abgeleitetes Teil von Teilen, um es als Teil einem alles Zusammenfassenden wieder zuzuführen, zu überbringen (zu opfern): Induktion. Oder das aus dem Ganzen heruntergebrochene Minimale, das allem, dem Ganzen anhaftet: die kleinste verbindende Form, die im Ganzen hausiert: Deduktion.
Schlußverfahren, ob Analogie, Induktion oder Deduktion beschreiben ihre angleichende Wirkung machtvoll im Abgeleiteten selbst: Die Dinge, Gegenstände, Phänomene werden den zu vereinnahmenden, herunterbrechenden Absichten angepasst. Zum Schein schafft Analogie Ausgleich – zum Schein schaffen kategorialie Bezüge eine Vernunftruhe. Die Differenzen innerhalb der Ableitungsmasse werden zugunsten einordnenden Schlusses egalisiert.
Abhärtung gewinnen aus den abermaligen Rettungsversuchen, der zur Kreativität angehäuften Dünnhäutigkeit standzuhalten oder auszuweichen – wohin auch immer.
Warum braucht es allmächtig installierte Götterväter, die ihre Kinder hängen lassen, wenn die Väter ihre Nachfolge begreifen und sich von ihr bedroht fühlen? – Als ursprungsmythische Bezugsreserve? Warum frisst die alte Zeit ihre Kinder? Weshalb ist die Vaterfigur im griechisch-antiken Mythos für seine Kinder eine Bedrohung?
In der mythisch überlieferten Geschichte der Griechen (nach Hesiod) ereignet sich eine Umkehrung des väterlichen Verschlingungsprozesses: Statt ein Mord an den Kindern findet schließlich ein (ödipaler) Mord am Vater Kronos durch seinen Sohn Zeus statt. Dieses Vatermorden wird in der Gestalt des Ödipus mythologisch prägnant problematiesiert. Kronos – der selbst mit Anstiftung seiner Mutter Gaia seinen Vater entmannte – frisst seine Kinder, bis sein Sohn Zeus ihm zuvorkommt, um den Bann zu brechen: um die Vaterfigur – für eine neue – zu überwinden. Eine Escherfigur zur Aufhebung der Genealogie ist im Mythos gegenwärtig: Väter fressen beherrschen ihre Kinder, Nachkommen, die irgendwie davonkommen und wieder als Väter ihre Kinder fressen, um als Vater von ihren Kindern als geschichtlich bedrohliche Macht anerkannt zu werden. Die vermutliche Metapher ist, dass die Zeit ihr eigenes Jetzt frisst, nie im Jetzt verweilen kann, um zu überdauern. Der Augenblick hat keine Zukunft. Der Ursprung der Zeit, Chronos, ist eine sich selbst vertilgende Maschine. Wir uns gefundenen Kinder sind stets überlebende. Ödipus, Zeus, die Freudsche Meute.
Kaum der spirituelle wie geschichtliche Urvater „Gott“, sondern schlechthin der eingeschworene Zusammenhalt, die teleologische Reduktion ging verloren, wurde durch den Krieg der Realität mit der Zeit/ Geschichte abgeschafft. Nachdem der Vater erschlagen, wurde sein Ideenreich (als das dem Gottvater überantwortete Ordnungsgebiet) entwickelt, in Epen, Erzählungen und Geschichtchen manifestiert, um den bedrohlichen Zusammenhang der Nachkommen ideell stets neu herzustellen und unter den gemeinsamen Zeit-Ursprungs-Vater erneut drohgebärlich vereinigen zu können. Eine Art Theorie der Abwesenheit. Die durch den Mord erreichte Nicht-Existenz des Vaters, wird spirituell zur allgegenwärtigen, stets latenten „Todesmacht“ vergangener Vater-Geschichte erhoben – jederzeit zur Wiederkehr fähig. Die Nachkommen werden zur potentiellen Schuldigkeit, zum Schuld-tragen am Vater-Mord erzogen. Die Nachkommen sind alle schuldig, weil sie alle Nachkommen der Vater-Mörder sind. In dieser Allgegenwärtigkeit der Schuld behafteten Existenz wird der Vater zu Gott aufgehoben – ohne den Rückgriff auf die Väter würde der Vater nichts zu erzählen oder noch zu drohen haben. Die mörderische Vergangenheit der Väter wird zur Geschichte erhoben und wird Theorie im Gebet, wird zum Alibi für religiös verklärte Drohgebärden: Es nie wieder zu tun – die Hand gegen, an den Vater zu legen. Vor Gott, unserem Vater sind wir zur Sünderfigur degradiert, doch: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“