75, Biografie neoliberal

Das neoliberale Narrativ des Geschichts- wie Schicksalsmächtigen Individuums – es sei für alles was ihm als Niederlage entgegentritt nur selbst verantwortlich, verschwistert die Forderung, Verantwortung für eigene Entscheidungen zu übernehmen mit der Ohnmacht, Entscheidungen mächtiger Instanzen zu erfüllen. Der selbstermächtigende Weg zwischen Sein (Sozialisation) und Bewußtsein ist ein schmaler Grad. Die erstrebenswerte Individualisierung  stößt im Spaltungsprozess funktioneller Einverständnisse – zugunsten des Lebensunterhalts – an ihre Grenzen und versperrt dem sich selbst noch unangekommenen Individuum die Sicht auf seinen Dreck durch den davor liegenden Müllhaufen der Menschheit – woran es Teil hat. Die schlechte Auserwähltheit in Form von interessanten Jobs, neuer Projekte, von Arbeit, die Spaß macht, wird gegen das eigen­mächtige Leben ausgespielt – es kommt nicht zum Zug. Lebensträume werden in funktionale Jobs eingetütet. Die dem Subjekt auferlegten Funktionen werden ihm als Individualismus überantwortet, obwohl das Individuum gegen die institutionalisierte – habituierte – Unsicherheit machtlos bleibt, wird ihm jegliches Scheitern angeheftet.1Zum Begriff der Institutionalisierung und Habitualisierung: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, 1980 Seite 56 f u. a. O. Das produktive Funktionieren ist als Individualität deklariert, aber im Individuum funktioniert sie nicht, denn sie besteht in eigenwilliger Anpassung.2Vgl. Pierre Bourdieu, in: Gegenfeuer 2, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Seite 30-32
Die Selbst-Beschreibungsstrukturen rekonstruieren genau die Welt, in die sich das Individuum einpassen kann. Ja, die Geschichte, der Erzählstoff eines Lebens entsteht aus der zunehmenden Spiegelung herrschenden Selektionsdrucks im Nachrichten-Produktionssystem: als Aufmerksamkeitskapital in der Konkurrenz des Scheiterns.

 

 

  • 1
    Zum Begriff der Institutionalisierung und Habitualisierung: Peter L. Berger, Thomas Luckmann, in: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit, Fischer Taschenbuch Verlag, 1980 Seite 56 f u. a. O. ↩︎
  • 2
    Vgl. Pierre Bourdieu, in: Gegenfeuer 2, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Seite 30-32 ↩︎

74, Systemtheorie

Der gesellschaftliche operationale Raum des Subjekts übersetzt im schönen Begriff der Wirklichkeit, zerteilt sich unablässig in Bestandteile, Wirklichkeitsbereiche, d. h., die Wirklichkeit wird stetig aus unter­schiedlichen operativen Kriterien jeweiliger Beobachtungssysteme heraus differenziert und segmentiert. Dieser Verwirklichungs-Raum (oder der operable Bezug zu ihm) wird aus unaufhörlich mehr werdenden funktionalen Bezugs-Teilen, d. h. aus Kontexten der Zuweisung zu einer Hypertextualität zusammengesetzt. Das bedeutet, dass die Bestandteile – die jeweiligen Bezüge im Bezugssystem – sich relativ zur Gesamtbedeutung verkleinern, denn sie müssen alle im selben Gefäß Wirklichkeit Platz nehmen. (Natürlich wird das Gefäß selbst auch größer.) Die Idee eines gesamtoperablen Betätigungsfeldes löst sich auf, wird nichtig. Die Ganzheit des Subjekts wird in dessen Funktionalitäten – je nach Wirklichkeitsbezug –  parzelliert.
Die Informationen verschachteln sich einander. Für uns die Gefahr, sich zwischen den Unterschieden (= Informationen) keine weiteren Unterscheidungen treffen zu können, vor dem Medium der Beschreibung formal zu ersticken, d.h., ohne Differenz zur Information (Form, Unterschied) wird man zum Anhängsel der zu beschreibenden Form, zum Parteigänger des beschriebenen Objekts. So entstehen immer mehr und neue Konstellationen von unfassbaren, ungewöhnten – nicht-operablen – Bezugspunkten im Beschreibungs­dickicht: es entsteht Komplexität. Die zunehmende Beschreibungsmasse  als Informationsprosa steigert den verhältnismäßigen Verlust an Informationen über die gestauten Teile, die mit jeder neuen Information nicht ohne Mühe in – neue – Form gebracht werden können. Die Vervielfältigung der Details ermöglicht eine sich gegen die Beschreibungsmasse abdichtende Detailversessenheit – als Manierismus in der Kunst kenntlich. Es scheint eine Gegenbewegung zur anschwellenden Komplexität der Umwelt zu sein, auf simple Formen zurück zu greifen. Das-sich-Ergießen in Details ohne deren Einordnung zu einer möglichen (übergeordneten kategorialen) Bedeutung, ist entweder eine künstlerische Materialbeschaffung oder eine autistische Begabung. Von beiden Seiten wird um die Reduzierung von Komplexität durch (formale) Selektion gerungen, um Komplexität (Form-Bildung) herzustellen bzw. aufrecht zu erhalten.1„Komplexe Systeme sind mithin zur Selbstanpassung gezwungen, und zwar in dem Doppelsinne einer eigenen Anpassung an die eigene Komplexität.“ Niklas Luhmann, in: Soziale System, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt 1987, Seite 56 Das scheint paradox, aber man schafft Komplexität, um Komplexität zu lenken, auszuhalten, reduziert sie, um sie an anderer Stelle zu erzeugen. Dies schafft neue Komplexität, die früher oder später durch die Einführung neuer Kriterien der Differenz (Selektion) spezifiziert, d. h. markiert wird oder sie wird als andere thematische Ebene, als anderer Realitätsbereich etabliert. Die fortschreitende Beschreibungsfähigkeit erlaubt einen Fortschritt an Beteiligung der divergierenden Teile (durch die Beschreibungstätigkeit), denn das Beschreiben ermöglicht ein Reservoir an Möglichkeiten, d. h. es schafft ein Feld, indem gewählt oder ausgeschlos­sen werden kann. Dieses Reservoir an Möglichkeiten dissoziiert das Operationsfeld für Unterbrechungen, woraus Subjektivierung für den eigenen Möglichkeitssinn gegossen wird. Distinctions offers possibillitis.
Die Steigerung der Komplexität in jeglichen Produktionsprozessen (= Formierungsprozessen) fordert stets zu neuen Mühen und Arbeitszeiten im Differenzierungsakt des menschlichen Arbeitskörpers – und entwertet die aufgewendeten. Die Bedienung des Mediums tritt in den Vordergrund – kaum mit Bildung von Form: Bedeutet das nicht einen Verlust an individuell gestaltbaren Kreationen?
Am Beispiel der Massenmedien ist erkennbar, dass die minütliche Sendung von Nachrichten ihren informativen Charakter verliert, weil die informative Sequenz das Empfangen abstumpft. Es ist Produktion von Informationen angesagt, denn die Kommunikationsmedien müssen weiter laufen. Hier wird zuerst das Medium bedient. Es ist Geschichts- bzw. Gedächtnisverlust im Gange, weil ständig gequatscht wird.2Zum Gebrauch von Informationen bzw. der Verteilung der „Wahrheit“ (die schlechten Nachrichten z. B.) in den Massenmedien ist bei Heinrich von Kleist folgender Hinweis zu finden, in: Lehrbuch der Französischen Journalistik, Heinrich von Kleist sämtliche Werke, Hrsg. Paul Stapf, Emil Vollmer Verlag München, Wiesbaden, Seite 1050): „(Aufgabe / § 23/ Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen.) Man schweige davon (§ 5), bis sich die Umstände geändert haben (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten; entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden sind, als Schlacht von Marengo, von der Gesandtschaft des Persenschahs und von der Ankunft des levantischen Kaffees, oder in Ermangelung aller mit solchen, die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt (§ 20), und irgendein Vorteil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon; und an ihren Schwanz hänge man die schlechte Nachricht an. q. e. d.“ Und man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Die schiere Abfolge der Info-Ereignisse löscht sie aus und macht sie stumpf gegen andere.

 

 

 

  • 1
    „Komplexe Systeme sind mithin zur Selbstanpassung gezwungen, und zwar in dem Doppelsinne einer eigenen Anpassung an die eigene Komplexität.“ Niklas Luhmann, in: Soziale System, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt 1987, Seite 56 ↩︎
  • 2
    Zum Gebrauch von Informationen bzw. der Verteilung der „Wahrheit“ (die schlechten Nachrichten z. B.) in den Massenmedien ist bei Heinrich von Kleist folgender Hinweis zu finden, in: Lehrbuch der Französischen Journalistik, Heinrich von Kleist sämtliche Werke, Hrsg. Paul Stapf, Emil Vollmer Verlag München, Wiesbaden, Seite 1050): „(Aufgabe / § 23/ Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen.) Man schweige davon (§ 5), bis sich die Umstände geändert haben (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten; entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden sind, als Schlacht von Marengo, von der Gesandtschaft des Persenschahs und von der Ankunft des levantischen Kaffees, oder in Ermangelung aller mit solchen, die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt (§ 20), und irgendein Vorteil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon; und an ihren Schwanz hänge man die schlechte Nachricht an. q. e. d.“ ↩︎

73, Hören und Sehen

Aufhören, Gehorchen. „Du hörst nicht“ (folgst nicht den Anweisungen) – dem Hören folgen.

Der Wahrnehmungsdruck scheint auf das Hören (Gehörte) größer, denn auf das Sehen (Zeigen). Das Hörbare springt einen mehr an, findet direkt Gehör,  statt die stille Buntheit der Umgebung, der Bilder. Die Augen zu schließen oder abzuwenden ist leichter, als die Ohren abzudichten. Der Körper ist in den Hörvorgang direkter eingebunden als beim Sehen: Manche Eltern sagen zu ihren Kindern „gehorche!“ oder wir sagen „hör auf!“. Über Amboss und Hammer werden die Laute in uns hineingeschlagen, durch den Gehörgang geschleust. Beim Sprechen hört man seinen Körper als Echo stets mit: Man gehört sich.

Aber wenn die Bilder Empathie einfordernde Gewalt darstellen, dringen sie besetzend ins Hirn ein. Man kann wegschauen – woanders hin. Die Empathie fürs Leiden des Anderen sprengt die sinnlich-ästhetische Gestalt (Form), geht über sie hinaus in ein Empfinden hinein. Der Augenschein eines massakrierten Körpers auf Papier (oder im Film, im TV) macht den Zuschauenden zum Komplizen. Die Bilder (die Formen in ihnen) haben die Kraft, das Leben (durch die Formen in den Bildern) zu präformieren. Die visuelle Memorierung bzw. Besetzung scheint leichter als die Erinnerbarkeit tonaler Abfolgen. (Vielleicht deshalb, weil die akustische Form konkrete gefühlsmäßige Begleitumstände braucht, um verankert zu werden bzw. setzt das Hören-Wollen eine Stimmung voraus). Die Fassbarkeit der Form von tonalen Medien ist zeitlich verflüchtigender als die von visuellen Medien. Der Ton verschwindet im Hören und ist auf die Erinnerung an ihn angewiesen. Ein Bild bleibt stehen, hängen – es ist fassbar als Frame. Filmsequenzen werden mit musikalischer Hilfe präsent, tonlos kaum. Die laut gelesene Schrift scheint ein doppeltes Zeigen: Man hört sich, indem man liest und die Buchstaben im Zusammenhang sieht. Als Hörbares ist ein Gedicht ein Hörbares wie Lesbares ein wahrzunehmendes Moment und ein bedeutendes zugleich. Kaum in einem anderen Medium als in der Schrift kann der Wechsel von Sehen und Hören ins verstehbare Angesprochene derart direkt dargestellt oder vollzogen werden. (Das zeigt, dass die Wahrnehmungsorgane nicht unabhängig voneinander operieren.) In der niedergeschriebenen, gemalten Form (wie z.B. in asiatischen Schriftzeichen), in der materialisierten Zungen–Sprachbewegung (in der Aussprache der Worte) kann der Mensch sich wieder von der Schwerkraft visualisierter Bedeutungsmuster leiten lassen ohne auf den akustischen Sinn von Sprachbewegungen verzichten zu müssen. Bedeutungsbildung verstärkt durch den Augensinn wirkt ausgeprägter als (nur) durch den Hörsinn – auch wenn sie beide eine Art Rückübersetzung bzw. Transformierung der Sprache ermöglichen. Der Empfindungssinn gegenüber dem Gehörten ist stärker als der Bedeutungssinn gegenüber den Zeichen der Sprache.

Ich höre nicht nur das Schlagen, ich fühle es auch. Der ganze Körper hört mit. Die physische Qualität von Tonfrequenzen ist eindringlicher als der von Lichtwellen.

 

 

72, Lyrik – Sprache zum Laut

Die lyrische Form: zuerst die Komprimierung des Gesprochenen gegen die Syntax der Sprache zugunsten möglicher Sinn-Assoziationen, dann eine Verschmelzung von Worten zu lauter Sprache, vielleicht zugleich eine Ahnung von Melodie, und wahrscheinlich: eine Verstärkung von sprachlicher Wahrnehmung und sprachgepresster Anrede zum unmittalbaren Erlebnis. Eine Unschärfe, in der Information (die Form des Gesagten, die Formulierung) und Medium (das codierbare Reservoir des Sagens, der Sprachlichkeit) tanzen. Die ungefähre, allgemeine Bedeutung und Lautbarkeit der Worte dockt an die konkrete, individuelle des jeweiligen Hörenden/ Lesenden an. Die sprachlich geretteten Reste des Hörens Sehens Sprechens überdauern, schwarz auf weiß, die Todesstunde, die Furie des Verschwindens. In ihrer universell anmutenden aber immer wieder einfordernden, weil Assoziationsräume frei sprengenden Beschreibungsgenauigkeit, entwickeln die lyrischen Abkürzungen den Übergang zu fantastischen Implikationen eigenen Erinnerungs-Erlebens: Sie nehmen nicht vorweg, sondern holen nach oder: wieder ein. Sie kratzen an der Patina der sprachlich vermittelten Bezeichnung, tauen mit der – und gegen – die Grammatik das Eis des Vergessens. Weil das Lyrische Ausgesprochenes ist, worin mit einem die Sprache ausgeht, braucht es keine prosaische Hinführung des imaginären Lesers durch eine inszenierte Beschreibung. Lyrik markiert direkt das Ich. Die lyrische Bewegung fungiert wie eine Linse über den Zeilen, wo im heißen Focus Sprache neu gebrannt, und gebannt wird – um ihr Medusisches im Spiegel der Laute, der Buchstaben zu fangen und neuer Beschreibbarkeit frei zu geben:
Das unentwegte Bedürfnis nach Sprache im Rhythmus, im Reim ist ein Aussprechen, Überleben gegen das augenblickliche, ständig drohende Verschwinden der Töne zwischen den Lauten und Leuten. Wenigstens sich noch zu hören und damit Gewissheit über das eigene Sprechen zu erlangen, ist ein existentieller Grund des lyrischen Vortrags. Unentwegtes lautes Sprechen als Statthalter wie Hüter des Vergessens, Erinnerns: um entweder das Vergessen zu vergessen oder es wieder hoch zu holen. Das permanent drohende Vergessen bahnt sich im Gedicht den Weg zur Sprache. So oder so. Es kommt zur Oberfläche. So reden wir, um Anker zum Vergessenen auszuwerfen – auch, um im Vergessen verschwinden zu können.
Die lyrischen Formen sind Botschaften verborgener Bedeutung und Schlüssel zu unbedachten, vergessenen, verlorenen Sprachtruhen: Lyrisch angeschoben, gehoben, fallen wir in ihren Assoziationsraum hinein. Gedichte schaffen für das Vergessene Erinnerungspunkte und Anschlüsse für noch nicht Erlebtes. Sie schlagen eine direkte Brücke von erlebter Geschichte zu vorstellbarer. Sie bergen das Vergessene, das Vorgestellte, Geahnte ins Lebendige und hüten es vor dem Vergessen. Gedichte erinnern die Leerstelle der Existenz, dass wir ohne Sprache nichts sind. Die lyrische Unterbrechung dieses vergesslichen Zuges im Leben gewährt dem Subjekt einen menschlichen Verhandlungs­raum über sich selbst: durch das Sprechen. Das im Gedicht provozierte, geahnte Erleben, fixiert den Lesenden momenthaft wieder zu dem, was er einmal gewesen ist oder jetzt ist: lebendig.

Die künstlerische Form ist der Schrei nach Differenz, Veränderung. Beschreibungs­distanz zum Erleben findet im Gehör, im Bild und in der Schrift ihre Beschreibungsform.

 

 

 

71, interesseloses Wohlgefallen: Kunst Krankheit Kant

Das Interesse an der Beobachtung von Kunst soll ein willentlich interesseloser Akt oder willentlich, aber ohne Interesse sein: Interesseloses Wohlgefallen. Das aber scheidet nicht nur den Betrachter (den Rezipienten) vom Hersteller des Kunstwerkes – der ja auch Beobachter im Akt der Herstellung als auch post mortem Beobachter bleibt –, sondern unterstellt dem Beobachter (Rezipienten), dass er seine Betrachtung selber nicht im Betrachten mit reflektiert (, damit es Interessenlos bleibt) und sich somit von seinen individuellen Anschlüssen selber ausschließen müsste. Das interessenlose Wohlgefallen würde gerade den motivierten Moment, vor einem Kunstwerk zu stehen, sich beim freien Beobachten zu sehen, ignorieren. Warum soll das, was gesehen wird, mit nichts im Betrachter verbunden sein?  Darin wird der bequeme Standpunkt offenbar, der sich in der Objektivierungs­macht ausspricht.1„Weil es gegen die grundsätzlichen Prinzipien des wissenschaftlichen Diskurses verstieß, der die Trennung von Beobachter und Beobachtetem gebietet. Das ist das Prinzip der Objektivität: Die Eigenschaften des Beobachters dürfen nicht in die Beschreibung des Beobachteten eingehen. […] Indem das wesentliche des Beobachtens, nämlich der Prozeß der Wahrnehmung, eliminiert wird, wird der Beobachter zu einer Kopiermaschine degradiert, und der Begriff der Verantwortung wurde dadurch erfolgreich exkamotiert.“ Heinz von Foerster, „KybernEthik“, Merve Verlag Berlin, Seite 63 und 74 Konsequent begriffen, würde es auch der künstlerischen Arbeit ein Interesseloses Agieren auferlegen – ein von allen Zwecken freies Beobachten, das sich selbst nicht sieht. Eine Art ferngesteuerter, isolierter Modus – entkoppelt von Referenz, Kontext: Das künstlerische wie betrachtende Individuum müsste sich einem interessenlosen Verschwinden anschließen. Dann wuchern die Formen, die Farben sind nur Farben und weisen auf nichts – was für ein Wahnsinn. Diese Krankheit, Missbildung an Wahrnehmungswucher sucht manchen Künstler heim und zugleich treibt sie ihn produktiv an und überführt dieses Geschehen, Symptom in ein kommunikatives, d. h. gesellschaftlich erkennbares Symbol: exhibition. Das meint man wohl, wenn vom Künstler die Rede ist, der aus sich selbst herausarbeitet, obwohl nur seine Isolation spricht. Kunstmachen als ein Handel mit dem Wahnsinn.2Susan Sontag, „Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen“, Fischer Verlag 2009, Seite 58 Solche künstlerische Isolation wird in den künstlerisch operierenden Organismus stetig hinein getrieben, ästhetisch objektiviert und ausstellbar gemacht.3Vgl. Michel Foucault, in: Die Geburt der Klinik, Fischer, Seite 16 Wenn dem Tempo der jäh eigenen Wucherungen nicht mehr standgehalten werden kann, brechen sie zum Künstler als sein ihn einsperrenden Wahnsinn durch: Artefakt4Laut Fremdwörterbuch, Dudenverlag 1991, Artefakt: 1. Werkzeug aus vorgeschichtlicher Zeit, das menschliche Bearbeitung erkennen lässt (Archäologe.). 2. künstlich hervorgerufene Verletzung (meist in Täuschungsabsicht) und machmal Infarkt. Die definite Krankheit ist ein Sturz in körperliche Objektivität. In der Objektivität, „die der Kranke dem Symptom seiner Krankheit verleiht“ – hier wird es wieder „interessant“ und hier übergibt der Patient/ Künstler bereits Ich-Anteile in das Kunstdepot – „ist mit Recht der Ausdruck subjektiver Störung zu sehen.“5nach Michel Foucault, in: Psychologie und Geisteskrankheit“, Suhrkamp, edition suhrkamp 272, Seite 76 Selbst wenn das so ist, ist es noch möglich, durch Selbstreferenz darauf künstlerisch zu reagieren. Die künstlerische Freiheit zur Differenz – zur Form – wird Notwendigkeit, Bedürfnis. Die Frage nach dem Interesse stellte sich nicht. Gerade die Kunst ermöglicht in deren Herstellung wie Betrachtung allen daran Beteiligten das Beobachten als Beobachtung der Beobachtung (unendlich) neu zu inszenieren.

 

 

 

  • 1
    „Weil es gegen die grundsätzlichen Prinzipien des wissenschaftlichen Diskurses verstieß, der die Trennung von Beobachter und Beobachtetem gebietet. Das ist das Prinzip der Objektivität: Die Eigenschaften des Beobachters dürfen nicht in die Beschreibung des Beobachteten eingehen. […] Indem das wesentliche des Beobachtens, nämlich der Prozeß der Wahrnehmung, eliminiert wird, wird der Beobachter zu einer Kopiermaschine degradiert, und der Begriff der Verantwortung wurde dadurch erfolgreich exkamotiert.“ Heinz von Foerster, „KybernEthik“, Merve Verlag Berlin, Seite 63 und 74 ↩︎
  • 2
    Susan Sontag, „Kunst und Antikunst – 24 literarische Analysen“, Fischer Verlag 2009, Seite 58 ↩︎
  • 3
    Vgl. Michel Foucault, in: Die Geburt der Klinik, Fischer, Seite 16 ↩︎
  • 4
    Laut Fremdwörterbuch, Dudenverlag 1991, Artefakt: 1. Werkzeug aus vorgeschichtlicher Zeit, das menschliche Bearbeitung erkennen lässt (Archäologe.). 2. künstlich hervorgerufene Verletzung (meist in Täuschungsabsicht) ↩︎
  • 5
    nach Michel Foucault, in: Psychologie und Geisteskrankheit“, Suhrkamp, edition suhrkamp 272, Seite 76 ↩︎

70, Das kapitale Objekt und das fluchende Subjekt

Die Aussetzung, Zerreißung der Gegenstände, Dinge, Phänomene, Objekte aus dem ihnen ganzheitlich innewohnenden, ja gehörenden Zusammenhang zugunsten ihrer Beschreibbarkeit, ohne sie damit zugleich von ihrem Wirklichkeits­verbund/ Zusammenhang herauszureißen, ist eine illusorische Haltung. Wenn ich etwas beobachte – ein Ereignis, einen Gegenstand (soweit er überhaupt von all seiner Umwelt getrennt betrachtet werden kann) – beobachte ich mein Beobachten mit in das Beobachtete hinein. In der das Objekt herausschneidenden, von sich selbst trennenden Haltung steckt das widersprüchliche aber produktinvasive Verfahren einer analogistischen Methode, wo ein jedes mit allem zur Kopulation angehalten wird, um aus Objektivierung Waren zu destillieren. Da werden die Konturen, Umrisse mutmaßlicher Gegenstände zugunsten einfacher formaler Ordnungen zu verwertbarer Beobachtung verschmiert. Das kapitale System sucht schroff nach analogen Anschlußmöglichkeiten. Die Werbe-Technologie der „rückführbaren Identität“ zeigt, dass ein jedes Objekt, Gefühl, Ereignis mit dem Ziel eines bestimmten Produktes identisch gemacht werden kann. Die Mitteilbarkeit einer Beschreibung mit Hilfe alter, gewohnter Kategorien wird wichtiger als das zu Beschreibende.1Paul Virillio, in: Die Kunst des Schreckens, Merve Verlag 2001, Seite 62: „All diese Interferenzen zwischen Ton, Licht und Bild bringen alles andere als eine >>neue Kunst<< hervor – eine neue Wirklichkeit, wie der Titel des Pariser Salons lautete, der 1950 der geometrischen Abstraktion des Malers Herbin gewidmet war – sondern sie zerstören vielmehr das Wesen der Kunst zugunsten ihrer Kommunikation.“ Die Ausdünnung von Botschaften zugunsten ihrer Verbreitung.2vgl. Klaus Heinrich, in: TERTIUM DATUR, Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band 1, Seite 152 Die technische Ästhetik des Mediums, in dem die Information geliefert wird, ist wichtiger als die Information, denn sie wird zum Image des Mediums ästhetisiert. Die alte Formel der Kunst, dass sie das Wie mehr als das Was formt, erlangt hier eine verräterische Komplizenschaft. Eine Fortleitung zur Sprachlosigkeit in den wuchernden Formen der Vermittlung ohne noch zu Vermittelndes. D. h.: Was wir noch als Teile, als Gegen­stände erkennen, ist bei jenen Menschen, deren wundheilender Verband aus analogischem Schotter und projiziertem Wahrnehmungsstoff besteht, eine enorme Verschmelzung eingegangen, alle Fliegen sind bereits Spinnennetz, Bücher klebend im Regal an der Wand des Hauses, wo der  Boden unter den Füßen von tausenden Fliegenflügeln getragen wird. Betritt man diesen Boden, öffnet sich dieses Meer aus Fliegenflügeln und öffnet frei einen 10000-Meter-Blick für die darunter liegende Welt.
Das Leben kann nicht als Ganzes gefasst werden – wer will das überblicken – es tritt momenthaft in Ereignissen auf, die erfahren, die erlebt werden können, wie Perlenschnuren. Eine Kette aus falsifizierbaren Teilen: Sie können nicht heraus gelöst werden, denn sie hängen im Ganzen fest, ohne dieses Ganze zu Gesicht zu bekommen. Ein Hangeln von Glied zu Glied.3„Wir leben in einem Leben, in dem unsere Wahrnehmungen vielleicht immer die Wahrnehmung von Teilen sind und unsere Vermutungen über das Ganze ständig durch die spätere Darbietung anderer Teile verifiziert oder widerlegt werden. Vielleicht ist es so, daß Ganzheiten niemals dargeboten werden können, denn das würde direkte Kommunikation bedeuten.“ Gregory Bateson, in: Geist und Natur, Eine notwendige Einheit, stw 691, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 1987, Seite 143 Hier verliert die Idee des schicksalsmächtigen Subjekts ihre Substanz, weil die Subjektivierung des Subjekts als differentialer Raum zwischen eigenem sinnlichen Körper und symbolischen Körper es auseinandertreibt.4Vgl. Jacques Rancière, in: Ist Kunst widerständig, Merve Verlag 2008, Seite 66 „Eine Form der Subjektivierung konstituiert sich über eine Vielfalt von sinnlichen Mikro-Ereignissen, die die Angleichung eines sinnlichen Körpers an einen symbolischen Körper unterbrechen.“ Aufgedröselt zu seinen isolierten Erlebnissen verharrt das Subjekt in individualisierten Werbebotschaften. Entscheidungen sind nur von Schritt zu Schritt zu treffen. Das Subjekt kann sich zu seinen phänomenalen Bestandteilen verhalten. Es ist kein Beispiel des Gegenwäritgseins beim Subjekt, weil genau dieses durch permanente Jetzt-Ereignisse ausgelöscht wird. Die Kette läuft über das Rad, das wir nicht kennen. Die Zukunft hat keine Chance. Das löchrige Gedächtnis der Ereignishaftigkeit geht in die Oberfläche der Umstände ein und hört im sekündlichen Blog auf, sichtbar zu sein. Das Unerkannte, das zu Entdeckende ist dem Individuum als sein blindfleckiger Panzer eingebrannt. Das Individuum ist Welt für sich geworden, ein An-sich in ihm selbst, worin es sich funktionalisieren kann. Es erfährt sich als medial verkörpertes, funktionales, als sich selbst instrumentalisiertes Paradies. In der Weise, dass Phänomen auf Phänomen den Platz, Ort, Raum zerdrückt, der ehemals das ausgeweitete wie ausgeweidete Ich war, für das Zeitecho, die Wieder­holung: für die Verweilung. Die äußerlichen Unterbrechungen, die den zum Ich formierenden Körper bestimmen – sein Dissoziationsraum –, die ihn als Subjekt durch dieses Abhängigkeitsverhältnis konstituieren, sind uniform geworden: mit sowenig Differenz ist kein Subjekt mehr zu machen.5Vgl. Jacques Rancière, in: Ist Kunst widerständig, Merve Verlag 2008, Seite 65 Die Anbindung des individuell produzierten Erlebens verbrennt in der Linse des zentralen Serverraums zur universellen Erfahrung für alle Enthobenen zur Cloud. Das Hochladen ist ein Restposten aufschiebenden Handelns, ist ein Verschieben der Phänomene und deren verzweifelte Ablage ohne Zuordnung, das ein Agieren (Leben) nicht zulässt oder vom Überlebenmüssen sanktioniert wird. Das Umherirren in geposteten Ereignissen löscht die Konsistenz der jeweilig einzeln zu erfahrenden Geschichte. Die Empfindsamen kommen zwischen ihren Empfindungen nicht mehr heraus, darunter darin gefangen. Sie sind sich nach Innen entglitten. Sie laufen aus – in sich hinein.
Ist das eine Blindheit, die tröstlich für das Blindsein ist, eine Amnesie der Amnesie, die als stete Paradoxie der Selbstbeobachtung, Selbstreferenz mitgeschliffen wird? Das Vergessen des Vergessens erzeugt eine Gegenwärtigkeit ohne Vergangenheit. Diese Totalität der permanenten Ereignishaftigkeit fungiert wie eine zeitlose Kapsel: Der Kontakt des Ich mit seinem Gestern wird in einer stets korrigierbaren Zeitleiste abgelegt. Klaffende, unendliche Zeitwunde, Zerfriss, Zeitscheide – also durch die Trennung von Zeit in Arbeit (Arbeit als Struktur, als Einschränkung, Rationierung mutmaßlicher Möglichkeiten) und Genuss (als Auflösung der Einschränkungen, Rationierungen) wird eine zwischen den Funktionsbereichen vermittelnde, lebbare Selbstreferenz ausgelöscht – zumindest: aufgespalten. Das Individuum hat keinen Platz für sich, für alles, nur zwischen allem (- zuviele vermeintliche Möglichkeiten). Zwischen gemachter Erfahrung und dem gerade Erfahrenden beginnt sich das strukturell gekoppelte Kontinuum der Anpassung (des Lernens) aufzulösen, wenn die Brücke von Gewußtem und neu zu Wissendem nicht mehr gelingt.
Zwischen Erfahrung und neu zu machender Wahrnehmung dringen nur kurzlebende Ereignisse. Zwischen Erfahrenen und zu Erfahrenden versiegt die Erfahrung, dringt nichts. Der Puls gebärt sich vom Innehalten, nicht von den Intervallen des Lebens und das Gedächtnis erfährt sich im Riss, als Wunde. Die Wiederholung einer Erinnerung, eines Unfalls z. B. wird der einzige Geburtsmoment solchen Gedächtnisses. Einzig wird die Erinnerung an diese Geburt von nun an durch das dauernde Leben aufrechterhalten. Dem Atmen ist nicht  beizukommen. Alles danach – das anhaltende Leben – wird Platzhalter für die sich wiederholende Erinnerung, dass Geburt war. Die letzte Zuflucht des Ich. Seine Gegenwart ist Maske, Matrix für das Erlebte. Man ist die Welt so gewöhnt, dass sie nicht auf-fällt. Sie ist in den sie Beobachtenden so eingefleischt – selbst die glitzernen Werbetafeln sind Netzhaut geworden: Zapfen und Stäbchen direkt zu meinem Produkt. Diese Welt verschwindet, bevor sie fällt, bevor sie sein kann, was der Fall ist.
Das abgestumpfte Subjekt ist in einer Welt angekommen, zurück geschleudert, wo seine Sinne am umworbenen Produkten extrahiert werden. Die überschwemmte und geenterte Retina ist zum Führer des Produktionskörpers geworden. Das Auge ein Trojaner. Zur Individualisierung ist es nicht mehr zu gebrauchen. Die Welt wird mit der Eigentlichkeit käuflicher Bemächtigung zusammengeklebt. Die menschliche Individualisierung, wie ich sie aus der Literatur gelernt hatte, wird am Bankschalter, am Geldautomaten abgebrochen. Häuslich eingerichtet mit Werbemaschinen und Dispokrediten. Wenn das Bewußtsein seinen Körper als Bewegungsmedium des Geistes nicht mehr erkennen kann, so erfährt das körperlose Bewußtsein – das mit Körperlosigkeit entschwerte Subjekt – „sich selbst nur noch als Kadaver oder als leblose Maschine, deren Antriebskräfte von einen mysteriösen Außen kommen.“6Vgl. Foucault, in: Psychologie und Geisteskrankheit, Suhrkamp Verlag, Seite 86 Der Körper tendiert gegen sich selbst zur Objektivität, desto mehr dem Subjekt sein Objekt, dessen Operationalität, dessen Körperhaftigkeit schwindet. Den Namen der Krankheit zu wissen, beruhigt. Je mehr das Bewußtsein die Kontrolle über das ihm (selbst) zu- und eingeschrie­bene körperliche Dasein verliert, desto mehr nimmt dieser Körper die Qualität des Objektiven, des sich Fremdseins an: Alienation. Der durch Werbemaßnahmen gezüchtigte Körper kann jetzt den physisch-psyschischen Formen der Beschreibbarkeit zugeführt werden. Die Sinne, die durch den Verlust des Körpers, der von Anpassungen, Affirmationen (Systemzwängen) entleert wurde, ein „Vernünftiges“ geworden ist, werden über die Einsperrung des Wahnsinns konstruiert.7Vgl. Jacques Rancière, in: Ist Kunst widerständig, Merve Verlag 2008, Seite 72 Der Körper tendiert gegen sich selbst zur Objektivität, desto mehr dem Subjekt sein Objekt, dessen Operationalität, dessen Körperhaftigkeit schwindet. Den Namen der Krankheit zu wissen, beruhigt. Je mehr das Bewußtsein die Kontrolle über das ihm (selbst) zu- und eingeschrie­bene körperliche Dasein verliert, desto mehr nimmt dieser Körper die Qualität des Objektiven, des sich Fremdseins an: Alienation. Der durch Werbemaßnahmen gezüchtigte Körper kann jetzt den physisch-psyschischen Formen der Beschreibbarkeit zugeführt werden. Die Sinne, die durch den Verlust des Körpers, der von Anpassungen, Affirmationen (Systemzwängen) entleert wurde, ein „Vernünftiges“ geworden ist, werden über die Einsperrung des Wahnsinns konstruiert.8Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 21 Dies Außen des Wahrnehmbaren, das nach Innen des Subjekts dringt, rationalisiert jedes Regen. Die eigene Objektivation, Verstandeshandlung  untergräbt das Gerüst der menschlicher Sprache als Botschafter zwischen den Zeiten, untergräbt die „gegenwärtige Vergangenheit des Vergangenen“9Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 21 und die Gewissheit des geschichtlichen Raumes in Sprachverhandlungen geht verloren. „Wenn der Mensch dem, was in seine Sprache eingeht, fremd bleibt, wenn er an dem, was seine Tätigkeit hervorbringt, keine lebendige menschliche Bedeutung mehr erkennen kann, wenn die ökonomischen und sozialen Bestimmungen ihm Zwang antun, ohne daß er in dieser Welt sein Vaterland [seinen Ort] erkennen kann – dann lebt er in einer Kultur, die eine pathologische Form wie die Schizophrenie möglich macht […].“10Foucault, Psychologie und Geisteskrankheit, Suhrkamp Verlag, Seite 128, “Fremd in einer realen Welt, ist er auf eine >>private<< Welt angewiesen [die Verflüchtigung in die ästhetische Form, das „künstlerische Schaffen“], die durch keinerlei Objektivität mehr gewährleistet werden kann; dem Zwang dieser realen Welt dennoch unterworfen, erlebt er das Universum, in das er flüchtet, als ein Schicksal. Die gegenwärtige Welt macht die Schizophrenie möglich, nicht weil sie durch ihre Ereignisse unmenschlich und abstrakt wäre, sondern weil unsere Kultur diese Welt auf eine solche Weise liest, daß der Mensch selbst sich nicht mehr in ihr erkennen kann. Einzig und allein der reale Konflikt der Existenzbedingungen kann als Strukturmodell für die Paradoxe der schizophrenen Welt dienen.“ Einfügung von mir In der gewaltigen und gewalttätigen Unmittelbarkeit der Vernunft zeigt sich deren Abstraktheit. Oder: „Die Unmittelbarkeit der Vernunft ist ihre Abstraktheit.“11Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 21 „Die Welt als Inbegriff von Objekten dagegen ist nicht sprachlich.“12Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 22 Alles Beschriebene wächst dem beschreibenden Ich an. Der Körper ist eine mediale Wolke, ein Standort, wo er sich als Abbildung niederlegt: An dem das Ich die Konsole bedient, wenn es online ist. Nicht der Körper ist das Organ seiner Verfassung, sondern dessen medialen Verkörperungen haben ihn aus sich heraus gedrängt. Arme Beine. Hinterhergeschleppt.

Der tägliche Ausstoß von neu zu entdeckender Beobachtbarkeit und das Verschwinden von sozial verbindlicher Umwelt sprengen das Entwicklungsgerüst von Selbstreferenz: Da entspinnt sich wenig von den Beweggründen sinnlicher Gewissheit hinauf zum (Hegelianischen) Selbstbewusstsein. Es hinkt stets hinterher. Dieses Hinterherhinken beschreibt, dass man nicht Realität schlechthin beobachtet, sondern dass das Beobachten eine Realität erzeugt, die als beobachtete Beobachtung real wird. Ich konstruiere also nicht nur meine beobachtete Realität, sondern auch mein Beobachtungsverhalten.
Die sprachlichen Einschreibungen des Subjekts im Dickicht redundanter Erfahrungsgrammatik verlieren ihren zeichnenden Körper, der sie hervorbringen muss. Der Sprachraum ist kleiner als der Welt-Raum. Die sprachliche Struktur zwingt zur selektiven Wahrnehmung (zur Einschränkung der Möglichkeiten) bzw. zur Vergröberung. Unverständlichkeit ist ein Normalfall der Kommunikation. Sie stellt eine Kommunikationsreserve dar. Sich nicht beirren zu lassen, am Irrtum festzuhalten, um gewohnte Konse­quenzen zum Handeln aufrechtzuerhalten, markiert das Areal nicht nur des kommunikativen Unvermögens (das z. B. einer selektiven Beschränkung folgt) oder eine Enteignung des Sprach-Bewußtseins, sondern markiert noch als Krankheit hier überschäumendes Produktives, eine Chance. Der kalkulierte Wahnsinn als ästhetisch provozierte Unsprachlichkeit ist ein Mittel zur Produktivität. Dieses Verhalten löscht in diesem Sinne den blinden Fleck der Beobachtung zugunsten weitestgehender Unmittelbarkeit aus. Unmittelbarkeit ist eine Reserve, ein zeitlicher Vorsprung gegen die Zeit beanspruchenden Kriterien informationeller Selektion.
Die ausufernde Zunahme des Operationsgebietes der Wahrnehmung durch die Vergrößerung der glitzenden Oberflächen verlangt der Wahrnehmung eine Steigerung der Empfindsamkeit ab. Oder die Steigerung zur (sprachlosen) Lebhaftigkeit eben gegen die einströmenden Phänomene zerstört den Zugang des Erlebens zur sprachlichen Beschreibarkeit.
Was heißt das?
Lasse es mich anders formulieren:
Der kommunikable Anschluß zu beschriebenen Formen sprachgebunder Erfahrung – an die Gegenstände, Dinge – verkümmert, wenn die Anbindung an meinen Sprachraum verloren geht. Das Bezeichnete (Signifikat) würde vom Bezeichnenden (Signifikanten) aufgefressen.13„Für mich verweisen Signifikanten auf ein Signifikat, das nicht in ihnen aufgeht.“, Carl Hegemann, in: Plädoyer für die unglückliche Liebe, Hrsg. Sandra Umanthum, Theater der Zeit, 2010, Seite 278 Nicht nur, weil die Differenz von Beschreibungsform (Worte, Bilder) und Gegenstand der Beschreibung – der aus Fleisch und Blut und Handlungen besteht14Vgl. Gregory Bateson, in: Geist und Natur, Suhrkamp Verlag, Seite 37 – nie vollständig aufgehoben werden kann, sondern auch, weil die Aussprechbarkeit  dieser Differenz ohne Referenz nicht möglich ist. Ohne Verbindung des beschriebenen Ereignisses zu meinem Sprachraum bin ich dem Blumenduft ohne Referenzierung ausgeliefert, denn ich kann keine Unterschiede sprachlich fixieren.15Vgl. Gregory Bateson, in: Geist und Natur, Suhrkamp Verlag, Seite 37 und 39: „Aber Wahrnehmung arbeitet nur mit Unterschieden. Jede Informationsaufnahme ist notwendig die Aufnahme einer Nachricht von einem Unterschied, und alle Wahrnehmung von Unterschieden ist durch Schwellen begrenzt. Unterschiede, die zu klein oder zu langsam dargestellt sind, können nicht wahrgenommen werden. Sie sind keine Nahrung für die Wahrnehmung.“ Die unsprachliche Annäherung „an den Gegenstand“ ohne die Arbeit an der Differenz gerät zur symbiotischen Wucherung.16Die Missbildungen dieses Sumpfes des sinnlich Ungewissen sind als esoterische Form des Geschmacks zu entdecken. und schlägt in symbolische Verallgemeinerung um. Schmetterlingswiedergeburten. Solche Besessenheit an Reduktion ohne Differenzierungsarbeit verhindert die potentiell entschlussfähigen sprachlichen Kontextualisierungen. Selbstreferenz – das Gewahrsein des Moments des Beobachtens des Beobachteten – ermöglicht die Überwindung der Unbeschreibbarkeit, die sich in der Beobachtung 1. Ordnung (aufs Objekt gerichtet) verfängt. Anders gesagt: Autopoetisch zu agieren, heißt, die Kontextualisierung des un-kultivierten Ich mit allem Anderem voranzutreiben. Außer-sich-Sein, weg vom Subjekt zu sein, hieße: nahe am entkörperten aber kultivierten – selbstreferentiellen – Ich.

 

 

  • 1
    Paul Virillio, in: Die Kunst des Schreckens, Merve Verlag 2001, Seite 62: „All diese Interferenzen zwischen Ton, Licht und Bild bringen alles andere als eine >>neue Kunst<< hervor – eine neue Wirklichkeit, wie der Titel des Pariser Salons lautete, der 1950 der geometrischen Abstraktion des Malers Herbin gewidmet war – sondern sie zerstören vielmehr das Wesen der Kunst zugunsten ihrer Kommunikation.“ ↩︎
  • 2
    vgl. Klaus Heinrich, in: TERTIUM DATUR, Einführung in die Logik, Dahlemer Vorlesungen Band 1, Seite 152 ↩︎
  • 3
    „Wir leben in einem Leben, in dem unsere Wahrnehmungen vielleicht immer die Wahrnehmung von Teilen sind und unsere Vermutungen über das Ganze ständig durch die spätere Darbietung anderer Teile verifiziert oder widerlegt werden. Vielleicht ist es so, daß Ganzheiten niemals dargeboten werden können, denn das würde direkte Kommunikation bedeuten.“ Gregory Bateson, in: Geist und Natur, Eine notwendige Einheit, stw 691, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 1987, Seite 143 ↩︎
  • 4
    Vgl. Jacques Rancière, in: Ist Kunst widerständig, Merve Verlag 2008, Seite 66 „Eine Form der Subjektivierung konstituiert sich über eine Vielfalt von sinnlichen Mikro-Ereignissen, die die Angleichung eines sinnlichen Körpers an einen symbolischen Körper unterbrechen.“ ↩︎
  • 5
    Vgl. Jacques Rancière, in: Ist Kunst widerständig, Merve Verlag 2008, Seite 65 ↩︎
  • 6
    Vgl. Foucault, in: Psychologie und Geisteskrankheit, Suhrkamp Verlag, Seite 86 ↩︎
  • 7
    Vgl. Jacques Rancière, in: Ist Kunst widerständig, Merve Verlag 2008, Seite 72 ↩︎
  • 8
    Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 21 ↩︎
  • 9
    Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragsniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 21 ↩︎
  • 10
    Foucault, Psychologie und Geisteskrankheit, Suhrkamp Verlag, Seite 128, “Fremd in einer realen Welt, ist er auf eine >>private<< Welt angewiesen [die Verflüchtigung in die ästhetische Form, das „künstlerische Schaffen“], die durch keinerlei Objektivität mehr gewährleistet werden kann; dem Zwang dieser realen Welt dennoch unterworfen, erlebt er das Universum, in das er flüchtet, als ein Schicksal. Die gegenwärtige Welt macht die Schizophrenie möglich, nicht weil sie durch ihre Ereignisse unmenschlich und abstrakt wäre, sondern weil unsere Kultur diese Welt auf eine solche Weise liest, daß der Mensch selbst sich nicht mehr in ihr erkennen kann. Einzig und allein der reale Konflikt der Existenzbedingungen kann als Strukturmodell für die Paradoxe der schizophrenen Welt dienen.“ Einfügung von mir ↩︎
  • 11
    Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 21 ↩︎
  • 12
    Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Vortragniederschrift, Steiner Verlag 1977, Seite 22 ↩︎
  • 13
    „Für mich verweisen Signifikanten auf ein Signifikat, das nicht in ihnen aufgeht.“, Carl Hegemann, in: Plädoyer für die unglückliche Liebe, Hrsg. Sandra Umanthum, Theater der Zeit, 2010, Seite 278 ↩︎
  • 14
    Vgl. Gregory Bateson, in: Geist und Natur, Suhrkamp Verlag, Seite 37 ↩︎
  • 15
    Vgl. Gregory Bateson, in: Geist und Natur, Suhrkamp Verlag, Seite 37 und 39: „Aber Wahrnehmung arbeitet nur mit Unterschieden. Jede Informationsaufnahme ist notwendig die Aufnahme einer Nachricht von einem Unterschied, und alle Wahrnehmung von Unterschieden ist durch Schwellen begrenzt. Unterschiede, die zu klein oder zu langsam dargestellt sind, können nicht wahrgenommen werden. Sie sind keine Nahrung für die Wahrnehmung.“ ↩︎
  • 16
    Die Missbildungen dieses Sumpfes des sinnlich Ungewissen sind als esoterische Form des Geschmacks zu entdecken. ↩︎

69, Anpassung als (Selbst-) Beschränkung

Was ist das Ich? Eine (re)konstruierte Form partieller, singulärer Wirklichkeit, eine Versicherung und Abgleich des Erlebten mit dem Vorerlebten – anhand von erkannten, beobachteten, Verrückungen, Differenzen zur erwarteten, erwartbaren Realität: Sozialisation. Die Ermöglichung von Erfahrungen durch die gefilterte Annahme der Differenz zu Anderen. Die durch die erlittenen Beschränkungen des Subjekts an sozialem Verkehr – gemessen an seinen Erwartungen – produzierten Erfahrungs-Prothesen, gewähren ein Weiterlaufen und ermöglichen zugleich die stete Bereitschaft, mit neuen Prothesen – Sozialisierungsideen, die Differenz zur eigenen Erwartung abzugleichen. „Das Subjekt ist die Einsetzung eines Verlusts in der Realität […].“1Jasques Lacan, in: Struktur, Andersheit, Subjektkonstitution, August Verlag, Hrsg. Dominik Finkelde und Slavoj Zizek, Seite 27
Tics und Theorie…
Einer hat einen Tic, der andere wippt mit seinem Oberkörper um Spannungen abzubauen usw. Solang diese Anpassungen nicht das Subjekt überdeterminieren – es gänzlich von menschlicher Kommunikation ausschließen, gewähren sie die für das jeweilige Subjekt-System eine es erhaltende Dynamik. (Pathogene) Anpassung mit Hilfe selbstreferenzieller Schrumpfung – der Anspruchsrahmen wird zugunsten der Anpassung an normative Gestaltungsrahmen aufgegeben. In der kleinsten Größe überwand der Denkende die Zeit (nach Brecht). Der Rückzug auf eine kontrollierbare Innerlichkeit als eine Reaktion zur Gesundung? Ist Fokussierung auf sich selbst schon Selbstbeschränkung? Machen zu viele Anforderungen, Reize (Informationen) krank? Der Ausweg scheint in der Beschränkung von anzunehmenden Informationen zu liegen, d. h., dass bestimmte Informationen nicht mehr wahrgenommen werden (können). Das bedeutet aber, dass Kriterien (Regeln) zur Selektion von Informationen eingeführt werden müssen, die es erlauben, Informationen wahrzunehmen oder nicht wahrzunehmen.
Selbst-Beobachtung als pathologischer Solipsismus.
Sonst stünde man in einer stetig zunehmenden Informationsquelle, die das Navigieren erschwert. Aber auch die Kriterien müssen stetig angepasst und spezifiziert werden, um Informationen (, die auf Verhaltensnormative hindeuten) abzuwehren. Damit werden Kontexte etabliert, die die Abwehr wie Annahme regulieren. Es entstehen regelrechte Kriterienkataloge, die Informationen filtern und letztlich ausschließen bzw. für weiterführende Handlungen positionieren. Die Kommunikation wäre zum Preis zunehmender Regeln funktionabel. Informationen werden schwach, Regeln stark.

Aua!
Kollabiert die Anpassung an einem unerwarteten Realitätsstrom, so versiegt die Beobachtbarkeit des Außen am heißen psychotischen Inneren und es folgt die Verstärkung oder Berufung auf fixe, vorgestellte Tatsachen, als ein Umklammern von letzten, sicheren, gewohnten Formen. Das Fest-Stellen beginnt. Es entwickelt sich eine unendliche selbstreferenzielle Schrumpfung, um doch noch formale Kriterien der Handhabung mit Informationen, Ereignissen zu generieren. Diese Verästelung des intrinsischen Beobachtens schöpft sich aus der Vereinzelung von selbstgewählten und daher blinden Phänomenen, Tatsachen: durch Atomisierung, Zerlegung, Selektion oder Sektion von Gedankensträngen. Das Parzellieren des Wahrgenommenen in voreingenommene Ausschnitte mündet in Schnitte am Subjekt. Dessen selbstische Beobachtungs-Erwartung gegenüber dem Beobachteten engt das Beobachtete entweder gemäß bzw. entsprechend der getroffenen Erwartung ein oder das Beobachtete enttäuscht das durch seine selbst aufgestellten Erwartungen determinierte Subjekt aufgrund fehlender Übereinstimmung. Die erwartungsvolle Selektion von Tatsachen fällt über den Beobachter selbst her. Dieses so sich konstituierende Beobachtungs-Subjekt entwickelt aus Selbstschutz heraus pathologische Muster des Mißtrauens. Diese Beschränkung auf die eigene Befindlichkeit produziert keine neuen Kategorien mehr, nimmt Differenzen nicht wahr. Sie generiert keine soziale Kommunikation. Die Spezialisierung der Wahrnehmung (-sorgane) durch die  Beschränkung, Konzentration auf den Schmerz fällt auf sie selbst zurück, führt in ihre Anatomie hinein. Dieser Mensch kann als sozial determiniert und isoliert (nur) sich selbst zuhören. Autodialog. Er entgleitet zu sich. Krebs. Dieser Mensch kommt nicht über seine Körperlichkeit hinweg. Er erhellt sich durch sein Entleeren. Da klart was auf, weil die Topografie der Erfahrung bzw. der Erinnerung zerstört wird. Der Wahnsinnige ist sich selbst gegenüber im Reinen. Er hört nur seine Leere. Schließlich wird gehandelt wie gelitten wird und nicht, weil gedacht wird. Die Nerven wachsen am Schmerz entlang und Hören und Sehen vergeht ihnen. Aua.

 

 

  • 1
    Jasques Lacan, in: Struktur, Andersheit, Subjektkonstitution, August Verlag, Hrsg. Dominik Finkelde und Slavoj Zizek, Seite 27 ↩︎

68, schmerzliche Gedanken

Schmerzen empfangen zu können, ist die Empfindung.

Verzweiflung als organisches Problem denken, anstatt als losgelöst geistiges. Der Sprung des gequetschten Nerven oder des geschickten, abgefeuerten Reizsignals irgendwohin zum Gehirn oder das Fluten in ihm selbst als Meldung einer Empfindung, eines Ionensprungs darüber, als Rückkopplungsschleife denken, die sich nur langsam abschwächt. Als würden Schmerzustände in einer Art Simulation (vielleicht ist Nach-denken eine solche Simulation) verstärkt, immer wieder neu rück gekoppelt werden. Schmerz als Sucht nach sich selbst, der zu seiner Aufrechterhaltung sich selbst aufsucht, immer wieder – bis zur Verzweiflung. Das Bewusstsein hat ein Bewusstsein eigener (selbstischer) Einschränkungen gebildet. So bildet das Bewusstsein eine reproduktive Konditionierung mit sich: Es reproduziert auch die eigenen – traumatisch erlittenen – Einschränkungen, wenn sie oft genug trainiert worden sind. Die Wahrnehmungswege des Schmerzes sind Wege des Schmerzes geworden. Betreten verboten! Der Nerv – der Transport, der Transportweg – hat sich entzündet. Der Weg ist Schmerz. Ein anderes Bild: Aus dem kontaminierenden Auto ist die kontaminierte Straße entstanden. Alles, ob schön oder einfach so, was dieses Medium, diese Straße von nun an betritt, benutzt, wird schmerzvoll, giftig, traumatisch – sie ist nicht mehr ohne das Auto zu denken. Es entstehen physio-psychische Muster. Konditioniertes Verhalten verstärkt sich in diesem funktionellen Schema selbst. Die Konditionierung und Formung des Gehirns durch geschichtlich abgebildete, abgelagerte Schmerzen – Erfahrungen, mündet in einen ausgeformten, funktionalen (und verselbständigten) Katalog der Empfindungen.1„Die Nervenzellen [des Gehirns] werden aber zunächst in einem Überangebot angelegt. Die einzelnen Zellen wachsen dann aus, und nur die Zellen >>überleben<<, die funktionsfähige Kontakte untereinander und mit unterlagernden Hirnregionen aufbauen. In der weiteren Entwicklung werden nun diese funktionsfähigen Verbindungen noch weiter selektiert. Nur die Verbindungen werden stabilisiert, die im weiteren Entwicklungsgang des Hirnes auch aktiviert werden. So besitzt beim Menschen das Hirn des Embryos – etwa mit drei Monaten – die absolut größte Anzahl von Nervenzellen, nach dieser Aufbauphase werden die Nervenzellen aktivitätsabhängig abgebaut. In der Entwicklung >>schnitzt<< sich aus dem Überangebot potentiell kopplungsfähiger Neuronen ein funktioneller Grundbestand von Nervenzellen heraus.“ Olaf Breidbach, in: Interne Repräsentationen, Neue Konzepte der Hirnforschung, Delfin 1996, herausgegeben von Gebhard Rusch, Sigfried J. Schmidt und Olaf Breidbach, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Seite 10
Die Schmerzen sind konstitutiv, denn sie führen zu anderen Wegen. Sie selektieren sich selber aus. Sie insistieren auf ihre schmerzfreie Seite und schleppen sie dadurch mit. Der Empfang der Empfindung „Schmerz“ oder: Tut es weh, wo, was ist Weh, was reagiert an der geschnittenen Ader, am verbrannten Darm? Was ist das Schmerzliche im schmerzenden Signal?

 

 

  • 1
    „Die Nervenzellen [des Gehirns] werden aber zunächst in einem Überangebot angelegt. Die einzelnen Zellen wachsen dann aus, und nur die Zellen >>überleben<<, die funktionsfähige Kontakte untereinander und mit unterlagernden Hirnregionen aufbauen. In der weiteren Entwicklung werden nun diese funktionsfähigen Verbindungen noch weiter selektiert. Nur die Verbindungen werden stabilisiert, die im weiteren Entwicklungsgang des Hirnes auch aktiviert werden. So besitzt beim Menschen das Hirn des Embryos – etwa mit drei Monaten – die absolut größte Anzahl von Nervenzellen, nach dieser Aufbauphase werden die Nervenzellen aktivitätsabhängig abgebaut. In der Entwicklung >>schnitzt<< sich aus dem Überangebot potentiell kopplungsfähiger Neuronen ein funktioneller Grundbestand von Nervenzellen heraus.“ Olaf Breidbach, in: Interne Repräsentationen, Neue Konzepte der Hirnforschung, Delfin 1996, herausgegeben von Gebhard Rusch, Sigfried J. Schmidt und Olaf Breidbach, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Seite 10 ↩︎

67, Inkubation und Verkörperung

Echos vergraben im Slum, so viele Herzen und Schläge, Knarren angespannter Muskeln, die gegen embrynales Sein agierende Maschine oder die Hand des Arztes…

Der Akkumulierungszwang des Kapitals verschlingt seine Stoffwechselprodukte wie seinen Stoffwechsel selbst – vernichtet die Ressourcen, die er braucht – und gelangt zum Appetit seiner Exkremente: Zur Absicherung des Systems. Der Menschenaufwand pro Produkt soll stetig sinken bei steigendem Absatz-Bedarf dieser Produkte. Die massiven Angebote, die Überproduktion macht die künftigen Konsumenten für die Hersteller sinnlos, weil sie als ausgestoßene Produzenten keine Konsumenten mehr sein können. In der Verkörperung des „sich ganz abhanden gekommenen Menschen“1Karl Marx, in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Ergänzungsband Erster Teil, Seite 523 ist das Kapital in seinem Produktionsprozess „die konsequente Durchführung der Verleug­nung des Menschen.“2Karl Marx, in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, [Drittes Manuskript] Seite 530 ff Der arbeits- wie ausbeutungsfähige Mensch wird vom Produktionsprozess entkoppelt und wird produktseitig in die Waren eingeschmolzen, in einer erpressten Hochzeit von Mensch und Maschine.3Der Warentausch transferiert zur Tauschindividualität: Das „Individuum“ als Warentauscher, als translator of products, – der Austauschprozess der Produkte als Waren bezieht den Austauschprozess der Produkte als Menschen mit ein. Wo „die Masse des Individuums aber ihre Unteilbarkeit durch ihre Zuteilbarkeit [verlor]“ (Brecht, Gesammelte Werke, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1967, Band 15, S. 218), dort ist es möglich, dass die Identität – wie im Fall des Packers Galy Gay, der nicht Nein sagen kann – wie ein Auto ummontiert werden kann (vgl. Brecht, GW 1, S. 336). Der „neue Typus von Mensch“ (Brecht, GW 17, S. 977) altert und verjüngt sich mit dem Zyklus des Warentauschs an ihm.

MEIN KISSEN DER ASPHALT/ MENSCHENMEHL ZWISCHEN BLECH ABGAS STAUB MEIN ATEM.

Das bewusstlose an Börsen gekettete Kapital vernichtet mit indexierten Kurserwartungen menschliches Leben – es wird in fiskalische Funktionalismen aufgeteilt. Das kapitale System sichert sich vor dem Ruin mit der Anhäufung an geldwerten Arbeits-Leichen. Personen wissen nicht mehr bestimmte Sachen, Begriffe etc., sondern das jeweilig technokratisch ausgemachte Wissen verkörpert sich – je nach angenommener Bildungslage – in bestimmten Berufen. Personen sind die bloße Verkörperung von Wissen geworden. Funktionalisiertes Humankapital. Zusehens verschwindet die Person hinter ihrer funktionellen Verkörperung. Die dem Handwerksmeister zugeschriebenen individuellen Fertigkeiten lösen sich von ihrem Träger ab. Sie sind der wirtschaftliche Ausweis seines Daseins geworden – sie weisen sich in ihm aus. Was als Gewußtes die Person individualisierte, entmenscht sie nun. Das Ich, das Individuum wird aus dem wirtschaftlich bestimmten Körper ausgetrieben. Die billigen Besitzer der Verkörperungen von Produktionsmaschinen werden auf dem Arbeitsmarkt bevorzugt.
Die Mobilien (Straßen, Autos,, der Asphalt) und Immobilien (Betonbauten, Häuser) bestehen aus Sand, Wasser, Zement und Menschenmehl. Statt Arbeit macht frei und Jedem das Seine muss die nackte Losung 70 Jahre später lauten: Quantified self.4c’t, Zeitschrift für Computer und Technik, 18/2012, Seite 75 „Das vermessene Ich – Körper- und Lebensdaten sammeln rund um die Uhr“
Der eigene Körper ist die vertraute Ware.

 

Foto: Hank Willis Thomas

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Ergänzungsband Erster Teil, Seite 523 ↩︎
  • 2
    Karl Marx, in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, [Drittes Manuskript] Seite 530 ff ↩︎
  • 3
    Der Warentausch transferiert zur Tauschindividualität: Das „Individuum“ als Warentauscher, als translator of products, – der Austauschprozess der Produkte als Waren bezieht den Austauschprozess der Produkte als Menschen mit ein. Wo „die Masse des Individuums aber ihre Unteilbarkeit durch ihre Zuteilbarkeit [verlor]“ (Brecht, Gesammelte Werke, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1967, Band 15, S. 218), dort ist es möglich, dass die Identität – wie im Fall des Packers Galy Gay, der nicht Nein sagen kann – wie ein Auto ummontiert werden kann (vgl. Brecht, GW 1, S. 336). Der „neue Typus von Mensch“ (Brecht, GW 17, S. 977) altert und verjüngt sich mit dem Zyklus des Warentauschs an ihm. ↩︎
  • 4
    c’t, Zeitschrift für Computer und Technik, 18/2012, Seite 75 „Das vermessene Ich – Körper- und Lebensdaten sammeln rund um die Uhr“ ↩︎

66, Springen und Spielen – eine Überlegung

Ein Modell der Wiederholbarkeit von Erleben und dessen Versicherung: Das Spiel. Die Interaktionsstruktur des Spiels zeigt sich vor allem in der Wiederholbarkeit von vorher bestimmten, vereinbarten Handlungen. Um wiederholen zu können, müssen wir bestimmte Aktionen wieder holen: Also Wieder-Holen spielen. Und wir spielen, um wiederholen zu können. Als ein Modus, die Zeit zu gefrieren, um sich über sie zu erheben, probeweise nochmal nachsehen, was in ihr geschah. Die strikte Wiederholbarkeit entkoppelt den Akteur vom entropistischen Modus der Zeit – stets kann man neu beginnen, als würde die Zeit nicht gelten. Das Spielen als Zerstörung von Zeit: Immer wieder die Chance, von Neuem zu beginnen – als gäbe es vergehende Zeit nicht: Vergangenheit. Als Damm gegen die hineinstürzende Angst-Zeit aus der Zukunft (Flexibilität, Akkordarbeit, Zeitdruck verschiedener Couleur), die man nicht hat, gewährt das Spielen einen Schutz vor der disziplinarisch gebrauchten Zeit und bietet die Möglichkeit, das spielende Individuum aus dem gesellschaftlichen Prozess zeitlicher Disziplinierung, Zeitvernichtung temporär herauszunehmen und den Gegensatz zwischen zeitlosem Genießen und zeitgebundenem Arbeiten aufzulösen. Hier wartet bereits eine Industrie, die diesen Rückzug als Betäubungsmittel zu verwerten weiß, um vergessen zu machen. Blind vom Spiel, in der Nacht noch an der Brust, erkennt der Gespiel am Tage dergleichen Spiel nicht wieder, weil er längst das spielerische Zeitpensum überzogen hat und sich wieder in die Zeitordnung seiner Miete verdienenden Lebenspraxis einzuchecken genötigt ist. Insofern gehören der empfundene Arbeitszwang und dessen Loslösung im Spiel zusammen. Die Gefahr, in Spielsucht als Ausweis der Flucht zu verfallen, wird dann prägnant, wenn die Zeit des Spiels wie des Nicht-Spiels (die Arbeit) einen voneinander abhängig-bestätigenden Wiederholungszwang erzeugt.
Der Wiederholungszwang des Arbeitens schlägt in seine entgegengesetzte, aber bedingte Amplitude um: Spielsucht. Besondere Arbeitsformen -und Prozesse bilden besondere Spiele, Spielcharaktere (- Spielsüchte) heraus.

65, Bildtransplantation mit Herz

 

Ansicht zum Herz, ventral

 

Das in Chirurgenhänden liegende Herz im Fernsehen kommt nicht mehr aus dem Fernseher heraus. Ein mediales Überleben des Gefilmten gewährt dem Filmenden sein eigenes. Jedes mediale Schlagen des Herzens ermöglicht dem Zuschauer das Zu-Schauen, Weitersehen, Weiterleben als Überlebenden. Dieses Herz schlägt für das Fernsehen und pumpt für die Sendung: Es schlägt für sie als Ware. Unendlich reproduzierbar kann sein doppeltes Schlagen übertragen werden. Die tiefen Schnitte verweilen in unerhörter Redundanz. Die Wiederholung geht mit dem größeren Einschnitt einher – die Konzentration auf die Wunde vertieft sie.

 

 

64, Frei sein und nicht verzweifeln

Die Kompanien der Figuren, quer und kreuz in meinem Bildern formieren sich gegen mich, springen aus dem Atelier in meinen Alltag, verfolgen mich, weiden sich in meinem Körper, bleiben nicht in ihrem Revier. Immer Krise am Berg der Entscheidungen. Prometheus an die Leinwand gekettet, Farbtöpfe speiend. So mächtig, aber in den Bildern als Abbild getarnt ohne Relevanz. Ich sehe sie, doch zu wenige andere. Ich bin auf einer Insel, Isola isoliert, und rufe die Wellen an, bevor sie sich auf mich stürzen und mich zurück schwemmen: An die Arbeit! Meine Batterie Sozialisation ist randvoll, hier in diesem Ort, wo nichts ist außer mir. Entkoppelt, befreit von Anerkennung. Frei. Oder: Gescheitert an den Barrikaden der Bewerbungsinstitutionen – am Widerstand der Wirklichkeit. Verzweifelt.

 


Fallen, Stencil, Lack auf Papier, 170 x 140 cm, 2021, © Hans-Georg Köhler

 

Mein täglich frisches Scheitern mit Magarine aufs Brot spiegelt des Zusammenhang von Kunst und Leben wider. Von Verwertung und Nachfrage frei – „unter der Bedingung, gesellschaftlich wirkungslos zu sein.“1Dieter Hoffman-Axthelm, in: Theorie der künstlerischen Arbeit, edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag 1974, Seite 7  Die ästhetisch in Kunstwerken symbolisierte Ebene möglicher Sinnwelten konvergiert gegen die ökonomisch abhängige Ebene, die meine künstlerische bedingt. Die Bedingung der Möglichkeit kann ich als Akt meiner Freiheit begreifen, solange ich in dieser Bedingtheit noch Möglichkeiten erkenne, mir sie vorstellen kann, in der Lage bin, sie mir einzuräumen. Was ja heißt, mein Selbstbild vor den Bildern der anderen zu retten (zu verteidigen) oder weg zu schmeißen-
Die im letzten Jahrhundert postulierten Avantgarden sind angetreten, Kunst und Leben – wenn man will: die gesellschaftliche Arbeit und den Genuss als Leidenschaft (Passion) – nicht zu trennen, sondern zusammen zu schweißen. Marx hat diesen Schnitt zwischen „ein eigenes Leben zu wollen und das eigene Leben zu können“ (zu verwirklichen) als Abhängigkeit von sozialen Bedingtheiten mit dem Begriff der Entfremdung markiert.2vgl. Karl Marx, in: Philosophisch-Ökonomische Manuskripte, MEW, Ergängzungsband 1  Das die Produktion des Lebens als Arbeit, als produzierte Ware dem Produzenten entgegen schlägt. Die Erarbeitung von Lebensmitteln dem Leben die Luft nimmt.
Was ich beobachte, ist, dass das ästhetische Handeln als sinnlich gefeierte Individual-Erkenntnis auf politische noch gesellschaftliche Basis eines Eingreifenkönnens verzichten sollte. Wenn man sich etwas verspricht von seinen Werken, dann, dass sie als Warenförmige anerkannt werden. Wenn das gelingt, ist die Ware – mein Kunstwerk – meine Entfremdung; ist mein Sinn, den ich verkaufen muss,  aus mir ausgetrieben, abgetrieben.
Die Realität fungiert als Enttäuschungsprogramm für die in mich gedrängten Wünsche (Möglichkeiten) und Konflikte (Notwendigkeiten). Es werden Artefakte geschaffen und genossen im Austausch, in Vertretung oder Verstärkung uneingelöster Versprechen.3„Das nachbürgerliche Genießen ist sogar um den Wirkungsraum der begrifflichen Anschauung gebracht. Das strukturelle Nachvollziehen ist kein Erkennen, kein Erscheinen des am eigenen Leben Wesentlichen, darum auch keine Tröstung und kein Haltmachen. Es ist substanzlos. Der Substanzverlust ist der Verlust der kindlichen Wünsche. So wird das Machen zum reinen Zwang. Das, was die Macht über alles Sichtbare zu beweisen scheint, erweist sich nach der Seite seiner realen Befriedigungsfähigkeit als ohnmächtig, nämlich der Gegenstände des Genusses, deren Bilder es manipuliert, nicht mächtig. Die Anspannung der Sensibilität bleibt bei sich, verausgabt sich an jedem Bild, ohne sich je durch den Zusammenschluss mit diesem bestimmten Bild erfüllen zu können. Dieser Widerspruch ist innerhalb des Kunstgenusses nicht lösbar. Darum versucht man, ihm auszuweichen, ihn durch gehäufte Genussbilder zuzudecken. Das Genießen hält sich am sinnlichen Reiz der Materialien schadlos, an den Erinnerungen, Sehnsüchten, Voyeurbedürfnissen und sexuellen Wünschen, die diesen Materialien anhaften und ihre Wahl determinierten (…). Die Farblabyrinthe der Präraffaeliten, Friedrichs Himmel, Kodakchrome und der Bromglanz früher Photographien, Chrom und Autolack reizen die Wünsche auf, ohne sie zentrieren und befriedigen zu können – es ist kaum anderes als eine übertragene Verkaufsförderung, die mit dem Kunstmäßigen nicht in Berührung, geschweige denn, was befreiten Genuss markierte, zur Einheit kommt. Das ständige Mehr an durstig verarbeiteter sexueller Bildlichkeit steigert lediglich das Entzugsbewusstsein des ästhetischen Reagierens, ohne den Verzicht in die Innerlichkeit des bürgerlichen Kunstgenusses zu sublimieren. Das alles transportiert die Hoffnungen auf Genuss von Bild zu Bild, erneuert aber ebenso oft den Widerspruch, den es wiederlegen soll.“ Dieter Hoffmann-Axthelm, in: Theorie der Künstlerischen Arbeit, Edition Suhrkamp 682, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1. Auflage 1974, Seite 95 Die Trennung von Arbeit und Genuss/ Leben wird mit ökonomischen Zwangslagen zementiert und damit als Entfremdungsschere weiter bedient. Trotzdem halten Künstler daran fest – ich auch. Wir arbeiten an unserem selbst gegebenen Versprechen: Der Gesellschaft unsere Kunst zu geben, und – so die verrückte Hoffnung – die Gesellschaft würde die Alimentation des eigenen Schaffens rechtfertigen oder wenigstens das persönlich-ästhetische Bemühen mit Anerkennung trösten. Den Werken und den Produzenten (wieder) ein Obdach geben. Wie naiv. Wie Sisyphos als Idiot, nicht happy. Ja, der Misserfolg verzerrt auch meine Züge. Benötige ich nicht den marktafinen Kunstbetrieb, um das Leben durch den Verkauf meiner Kunst auszuhalten?

 

 

  • 1
    Dieter Hoffman-Axthelm, in: Theorie der künstlerischen Arbeit, edition Suhrkamp, Suhrkamp Verlag 1974, Seite 7 ↩︎
  • 2
    vgl. Karl Marx, in: Philosophisch-Ökonomische Manuskripte, MEW, Ergängzungsband 1 ↩︎
  • 3
    „Das nachbürgerliche Genießen ist sogar um den Wirkungsraum der begrifflichen Anschauung gebracht. Das strukturelle Nachvollziehen ist kein Erkennen, kein Erscheinen des am eigenen Leben Wesentlichen, darum auch keine Tröstung und kein Haltmachen. Es ist substanzlos. Der Substanzverlust ist der Verlust der kindlichen Wünsche. So wird das Machen zum reinen Zwang. Das, was die Macht über alles Sichtbare zu beweisen scheint, erweist sich nach der Seite seiner realen Befriedigungsfähigkeit als ohnmächtig, nämlich der Gegenstände des Genusses, deren Bilder es manipuliert, nicht mächtig. Die Anspannung der Sensibilität bleibt bei sich, verausgabt sich an jedem Bild, ohne sich je durch den Zusammenschluss mit diesem bestimmten Bild erfüllen zu können. Dieser Widerspruch ist innerhalb des Kunstgenusses nicht lösbar. Darum versucht man, ihm auszuweichen, ihn durch gehäufte Genussbilder zuzudecken. Das Genießen hält sich am sinnlichen Reiz der Materialien schadlos, an den Erinnerungen, Sehnsüchten, Voyeurbedürfnissen und sexuellen Wünschen, die diesen Materialien anhaften und ihre Wahl determinierten (…). Die Farblabyrinthe der Präraffaeliten, Friedrichs Himmel, Kodakchrome und der Bromglanz früher Photographien, Chrom und Autolack reizen die Wünsche auf, ohne sie zentrieren und befriedigen zu können – es ist kaum anderes als eine übertragene Verkaufsförderung, die mit dem Kunstmäßigen nicht in Berührung, geschweige denn, was befreiten Genuss markierte, zur Einheit kommt. Das ständige Mehr an durstig verarbeiteter sexueller Bildlichkeit steigert lediglich das Entzugsbewusstsein des ästhetischen Reagierens, ohne den Verzicht in die Innerlichkeit des bürgerlichen Kunstgenusses zu sublimieren. Das alles transportiert die Hoffnungen auf Genuss von Bild zu Bild, erneuert aber ebenso oft den Widerspruch, den es wiederlegen soll.“ Dieter Hoffmann-Axthelm, in: Theorie der Künstlerischen Arbeit, Edition Suhrkamp 682, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1. Auflage 1974, Seite 95 ↩︎

63, schöne Hüllen platzende Formen

Der Kunst-Geschmack als ein an den Oberflächen orientierter Geschmack verlängert die an den Waren geschulte Vergegenständlichung der Wünsche, Projektionen des Käufers, meiner selbst, um an der mir gegebenen Umwelt, gefallen zu finden. Zuerst soll es glitzern und glänzen und leuchten, und nah nach meinem Bilde geschaffen sein.
Kunst kann zeigen, wie schön sie unsere gewöhnten Beobachtungen in neue Kontexte der Beobachtung einsperrt oder freilässt und wie die beobachtbare Umwelt als Eingesperrtsein oder Freigelassensein zwischen formal ausdrückbaren Polen gefiltert werden kann. Schönheit als Neutralisierungsversprechen: Ablenkung.

Was passiert, wenn die Hülle der schönen Form platzt? Wie kann man die kreativen Zerstörungsleistungen in der zeitgenössischen Kunst verstehen?  Der Vandalismus als ästhetischer Akt ist der (menschliche) Ausbruch gegen die entfremdete Dingwelt wie zu sich selbst – ein Bruch mit der Routine. Eine tätliche Entkörperung des inkorporierten weltlichen Vollzugs. Ein Versprechen auf Distanz, das in künstlerischen Formen beispielhaft demonstriert wird. Das unmenschliche Verhalten zur Sache, die vollzogene Entfremdung zur Gegenstandswelt als pragmatischer Vollzug selbst gewählter oder unterirdisch erzwungener Lebenspraxis, entspricht dem begehrlichen Verhalten, das der Gegenstand (als Produkt der Arbeit) mächtig auf seine schwachen Urheber ausübt.1vgl. Karl Marx, in MEW, Band 23, Seite 85, 86 f Entspricht unser Kunstgeschmack dem in fiktionalen Produktverhältnissen hausenden abgeschmackten Verhältnis seiner Entstehung? Benötigt er deshalb transzendentale Bedingungen.2vgl. Niklas Luhmann, in: Schriften zu Kunst und Literatur, „Die Evolution des Kunstsystems“, Seite 271

 

 

  • 1
    vgl. Karl Marx, in MEW, Band 23, Seite 85, 86 f ↩︎
  • 2
    vgl. Niklas Luhmann, in: Schriften zu Kunst und Literatur, „Die Evolution des Kunstsystems“, Seite 271 ↩︎

62, Genüsse zwischen Netzen

Wenn der Genuss am Objekt (Beobachtetem) aus der Beobachterposition als Fallhöhe, als Macht-Sicht (Macht aus Distanzmöglichkeit) gegenüber dem Objekt (Beobachtetem) gezogen wird, die Instrumentalisierung der Beobachter-Position andere Beobachtungsstrukturen -und Objekte erzeugt, verkümmert die Fähigkeit zur Beobachtung 2. Ordnung – die Selbstreferenz geht verloren. Empathie schwindet. Das Objekt wird zugerichtet.
Die mit Sicht-Macht ausgestattete Beobachter-Position macht den Unterschied zwischen gewährtem und erarbeitetem Genuss. Das Gefälle zwischen dem Gladiator und Publikum ist scheinhaft. Solang wir ihm zusehen, sind wir an seiner Statt. Der sich nur-beobachtend wähnende Beobachter – derjenige, der sich keine Sicht-Macht zuschreibt und Distanz aus der Ohnmacht gewinnt – wird zur gesellschaftlichen Stabilisierung funktionalisiert werden.
All das, was als Beobachtetes gezeigt wird, ermöglicht Rückschlüsse auf den Beobachter. – Nunmehr zum Geschäftsmodell im Internetz geworden. Der Beobachtete wird mit einem Fernrohr getröstet oder tröstet sich selbst durch das Distanzversprechen der Optik (dem technisch zwischengehaltenen Medium). Denn jedes weitere Kommunikations- bzw. Informationsinstrument macht den jeweiligen Nutzer von Beobachtungsmedien desto mehr ort- und dechiffrierbar. Man kommt überall hin, aber nirgendwo ungesehen durch. Beinah ungezwungen wird man zum Mitteilungsträger. Infomotoriker. Blockwart seiner selbst: durch die Augen, Kommentare der Anderen. Der Apparat verschluckt im vorweg greifenden algorithmischen Zugriff die jeweilig künftige Biografie, Handlungs-Geschichte des Einzelnen und erfasst ihn nicht nur (wie es z. B. in Buch- oder Artikelempfehlungen auf amazon geschieht), sondern schleift ihn mit. In der Imagination der siegenden Unternehmen verdampft das lebendige Subjekt ins avatarische, in eines, über das Daten gesammelt werden, aber nichts nachlesbar steht. Der Unrat der soziopathischen Verwertungs-Gesellschaft quillt aus den Wunden des vereinzelten Subjekts, aus seinen Lesezeichen im Browser, aus den Reißverschlüssen seiner Plastiksachen. Das einzelne Subjekt erweist sich als abwickelbar, sofern es im Produktionsprozess erkannt und beschrieben werden kann. Die Beschreibungen erfolgen hier erkennungsdienstlich. Die Welt zu verdauen, um Geschmack an uns selbst zu finden, ist die Falle. Die Eitelkeit der kapitalistischen Produktion in ihrer Selbstdarstellung, deren Raubbau an menschlicher Sozialität produziert ebenso ihren Kannibalis­mus: Menschen, die sich so als Konsumenten, Ware, Produzenten zur Schau stellen, wollen von Uniformen, Produkten gefressen werden, bevor sie es selbst tun. Der Geldeingang nach dem erzwungen affirmativen Verrat im Job ist der Riegel vor der Konsequenz von Alternativen. Die neue Qualität: Seid bereit, die Welt zu verlangen, alles soll euch zu Füßen stehen, überall hin könnt ihr scheißen. Ihr müßt nur zahlen! Ihr müßt nur an euch selbst satt werden. „Spare dich satt.“ (Werbeanzeige eines Discounters.)
Der werbeträchtig unterminierte Sinn des Kunst-Geschmacks ist als Form eines ästhetischen Sogs finanzkräftigen wie partikulären Interessen unterworfen. Jede beworbene Ware verlangt, das rohe nachfragende Bedürfnis mit Geschmack zu überhöhen, d. h., der produzierte Ideengehalt der Ware (Image, Branding) soll die Ideen der Käufer beeinflussen, ja, sein Image darstellen. Ein Auto verleiht erotische Anziehung, ein Händi spirituelle Tiefe – mittlerweile bereiten Klamotten auf den Sinn des Lebens vor. Das durch Kauf versprochene Lebensgefühl dient dem die Ware ratifizierenden Konsumenten als bezahlbarer Unterschlupf. Jener Geschmack als „materielles, unmittelbares sinnliches Privateigentum ist der materielle sinnliche Ausdruck des entfremdeten menschlichen Lebens.“1Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW, Ergänzungsband Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1977, Seite 537 Dass über Geschmack nicht gestritten werden könne, heißt nur, dass der jeweilige Ladentisch für jegliche Waren und Preise frei bleiben soll. Das Lebensgefühl wird auf Waren aus dem Regal projiziert. Design-Zeitschriften sind voll von verdinglicht eingerichteten Lebenssinn.

 

 

  • 1
    Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW, Ergänzungsband Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin, 1977, Seite 537 ↩︎

61, Menschen zeigen und sehen – Exhibition

Die menschliche Exhibition als Lust, den verwalteten, gezügelten Körper zu zeigen: in seinen sinnlichsten Formen. Wild, lebendig der Poesie von Mikroben, Follikeln, Blut und Dendriten zugeneigt, werden die Rasierklingen oder Farbtuben gezückt, die Hemden und Hosen freizügig weggeschmissen. Der gesellschaftliche, soziale Apparat – nicht nur die Systemtheorie – drängt den sich Ausstellenden zum Beobachten seiner selbst, zu einer von ihm entfernteren, ihm fremden, nicht immanenten Beobachterposition.
Guck dich doch mal an, wie du wieder aussiehst. Aber ich will doch nur, dass ihr mich seht!
Das bürgerliche Künstlersubjekt, Ha-und-Em-Produkt, das Primarkt-Individuum will sich weniger sehen, sondern zeigen – gesehen werden! Es verzichtet in seinen Ex-Positionen auf sich selbst, denn es sieht sich im Spiegel nicht selbst, eher als Schaufenster, mehr noch als Referenz von sich an der man sich bedienen oder ergötzen kann.

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self II,  2007, © Hans Georg Köhler

 

Das Spiegelbild stellt sich aus, um in ästhetischer Form für sich zu werben, ja, sich als Individuum zu bewerben: Aufmerksamkeit für den neuen Satus zu erzeugen. Stets einfach nur: wahrgenommen-werden-wollen. Ein Schrei nach sich selbst, doch die anderen müssen es wollen können hören und sehen, sonst kommt im Sich kein Ich zustande. Das entäußert Gezeigte dient einem diffusen Möglichkeitssinn. Ich kann heute dieser, morgen diese sein; es kann dies oder jenes bedeuten (Kunst). Das Sich-Ausstellen, als ein Sich-Übergeben: als schöner Moment oder Ekel der Wahrnehmung anderer anderen zu Füßen. Eine Bewegung zum menschlichen Antlitz: Ich zeige mich euch als Mensch, wohl oder übel, seht ihr? Es ist wie ein Sich-gewahr-werden durch das Gewähren des Sich-Zeigens und: des Sich-Sehens durch die Augen anderer. Was für ein Risiko – von den Augen anderer durchlächelt zu werden. Wahrgenommen-werden-wollen als Schwachstelle – man überführt sich selbst.