210, Stillstand und Verkörperung, Formen und Nerven

Das Sein eines angeschauten Bildes an der Wand als wahrgenommene Erscheinung, als sinnlicher Eindruck ist der Zusammenschluss des Eindrucks des Beobachters mit dem wahrgenommenen Ausdruck des Bildes. Der schöne Augenblick ist als Paarung von Bild und Betrachter zu verstehen.
Betrachtung als unendliche Implosion von beobachteten Gegenstand und Beobachter gedacht: Um jegliche Formen eines Bildes zu identifizieren, herauszureißen, muss der Fluss der Formen im Betrachten – für die Zeit des Betrachtens – angehalten werden. Jede gefundene Form, die aus der eigenen Beobachtung herausgeschälte Differenz von Ich und Gegenstand, Beobachter und Beobachtetem – was nichts anderes ist als die erkannte Differenz zum eigenen identitären Begehren in Form einer Form – ist konstitutiv für den Beobachter und für folgende Beobachtungen. Die entdeckten Differenzen der Formen als Verhältnisse der Formen zueinander als eigenen Trennungsprozess von (formalen) Erwartungen der Beobachtung zu beobachten, wahrzunehmen, ist konstitutiv für den Betrachter wie für das Kunstwerk. Im Moment des Wahrnehmens wird das Wahrgenommene zum „Stillstand“ gebracht.1vgl. Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 128 Das Wahrnehmen eines Wahrnehmungsgegenstandes setzt dessen relative Ruhe, Starre bzw. Fixierung (im Sinne einer fixierten Erinnerung: als nervale Gestalt) voraus oder versetzt ihn im Wahrnehmungsakt in diese. Es hat „eine von Spannung gesättigte Konstellation erreicht“.2vgl. Walter Benjamin, DPW, Seite 595. Benjamin spricht vom Stillstehen der Gedanken, welches ebenso wie die Bewegung zum Denken gehöre. „Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Zäsur in der Denkbewegung. Ihre Stelle ist natürliche keine beliebige. Sie ist, mit einem Wort, da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegensätzen am größten ist. (…)“ Die >Spannung< zerfällt – wenn genügend (widersprüchliches) Material vorhanden ist, oder sich entwickelt hat, aufgrund der latenten Spannung, in ein Schwanken, das von einem „dialektischen Haushalt“ unterhalten wird. Die Spannung – die gesättigte Konstellation – wird zur dialektischen Bewegung verstofflicht. Es ist so, als würden gerade die größt möglichen Gegensätze gesucht, konstituiert, damit sie Bewegung ermöglichend überwunden werden können. Man löst die alten Gegensätze zugunsten neuer auf. Dialektik trägt pessimistische Gewänder. Die Visualisierung des Stillstands als Verstofflichung dialektischer Bewegung: Bilderzeugung.
So kann der Betrachter durch das Verweilen vor dem Bild nicht nur seinen Wahrnehmungsraum vergrößern, sich in eine Wahrnehmungsstarre heben – er erarbeitet sich damit auch die Möglichkeit, sich gegen seine bisherigen, alltäglichen Zeitläufe, Zweckverbindungen zu setzen, indem er sie und sich ihnen aus setzt. Ich stelle mich dem Problem ‚X‘, indem ich es auseinander nehme, in seine Formenteile differenziere, die Differenzen aus mir heraus setze, sie und mich ihnen aussetze.
Verweile doch, du bist so schön – die Fixierung der Wahrnehmung im Angesicht der Schönheit: Der Moment des schönen Empfindens. Die Schönheit als Verräterin der Normalität – sie irritiert sie – und zugleich Befreierin des Menschen von seiner gemeinen, ordinären Gegenwart. Die Schönheit ist Bremse seines Flusses. Vor ihr kommt er ins Stehen, Verweilen – die Nerven sind außer sich, sind getroffen, tatsächlich erfasst in ihrer Gestalt. Die Identifikation mit dem schönen Gegenstand als das identifikatorisch, evolutionär abgestellte Wahrnehmen oder als das konzentrierte Eingehen aufs Objekt interpretiert, kommt einer Interruption des betrachtenden Menschen gleich, als eine Unterbrechung des Flusses, eine Art Arretierung?3„Einen Augenblick in einer kontinuierlichen Bewegung identifizieren, heißt die Bewegung in diesem Augenblick vorübergehend zum Stillstand bringen.“ Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 128 Die Arretierung des Betrachters vor der Schönheit eines Kunstwerks, erzeugt einen Formenraum im Betrachter selbst: Einen Verkehr zwischen Nervengestalten und Formgestalten.
Das ist schön, wenn es passiert – weil es passiert.

 

 

  • 1
    vgl. Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 128 ↩︎
  • 2
    vgl. Walter Benjamin, DPW, Seite 595. Benjamin spricht vom Stillstehen der Gedanken, welches ebenso wie die Bewegung zum Denken gehöre. „Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Zäsur in der Denkbewegung. Ihre Stelle ist natürliche keine beliebige. Sie ist, mit einem Wort, da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegensätzen am größten ist. (…)“ Die >Spannung< zerfällt – wenn genügend (widersprüchliches) Material vorhanden ist, oder sich entwickelt hat, aufgrund der latenten Spannung, in ein Schwanken, das von einem „dialektischen Haushalt“ unterhalten wird. Die Spannung – die gesättigte Konstellation – wird zur dialektischen Bewegung verstofflicht. Es ist so, als würden gerade die größt möglichen Gegensätze gesucht, konstituiert, damit sie Bewegung ermöglichend überwunden werden können. Man löst die alten Gegensätze zugunsten neuer auf. Dialektik trägt pessimistische Gewänder. Die Visualisierung des Stillstands als Verstofflichung dialektischer Bewegung: Bilderzeugung. ↩︎
  • 3
    „Einen Augenblick in einer kontinuierlichen Bewegung identifizieren, heißt die Bewegung in diesem Augenblick vorübergehend zum Stillstand bringen.“ Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 128 ↩︎

209, Zenon von Elea: Entscheiden

Das Stehen vor einer Entschiedenheit, etwas zu teilen, um mit dem entschiedenen Teil weiter zu gehen als unendliche Verzögerung, eine Entscheidung zu treffen. Das Teilungsparadoxon1https://de.wikipedia.org/wiki/Teilungsparadoxon: „Das Beispiel, mit dem die Existenz von Bewegung widerlegt werden sollte, lautet wie folgt: Ein Läufer will eine Strecke positiver Länge zurücklegen. Dazu muss er zunächst die Hälfte dieser Strecke zurücklegen. Und um dies zu erreichen, muss er zuerst die Hälfte der Hälfte, also ein Viertel der Gesamtlänge hinter sich bringen. Mit diesem Verfahren zerteilt man die Strecke in unendlich viele Teilstrecken, deren jeweilige Überwindung eine positive, endliche Zeit beansprucht. Infolgedessen muss der Läufer eine unendlich lange Zeit brauchen, um die Gesamtstrecke zurückzulegen.“ von Zenon von Elea weist auf eine psychologische Hemmung hin, etwas nicht zu tun, weil die Teile immer kleiner werden. Um sich für ein Ziel zu entscheiden, wäre es da nicht gut zu wissen, welche Hindernisse auf dem Weg liegen, was an Unvorhergesehenem passieren mag? Also die Anhäufung von möglichst vielen Voraussetzungen, um gewissenhaft eine Entscheidung zu treffen, bleibt im Anhäufen der Voraussetzungen stecken.
Wenn es heißt, eine Entscheidung herbeiführen, also einen Punkt festzulegen von dem alles weitere abhängt oder: abhängig gemacht wird – als wäre er mit einer eigenen Vorsehung betraut –, bedeutet das nicht, Gewissheit über einen Weg (Struktur, Feld) zu haben, auf welchem man sich bereits befindet? Sind hinreichend Informationen (Selektionskriterien) vorhanden? Wann jemals sind sie hinreichend, wo wir doch die unzähligen Umstände bis zum Ergebnis der Entscheidung nicht kontrollieren können? Das Forcieren eines bestimmten Qualitätswechsels – etwas zu scheiden vom anderen –, um eine Differenzierung anzuwenden (eine Entscheidung zu treffen), triebe doch erst in das hinein, woraus entschieden werden soll und worüber die Entscheidung erst noch tragen soll?2vgl. hierzu Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 119 f
Das Vor-der-Entscheidung-stehen spürt das zu Grunde liegende (notwendige) Formalisierungs-Material auf oder lässt es wuchern. So sind Entscheidungen Produktionsstätten neuer Formen, Konstrukte. Vor der Entscheidung würde man doch genau das wissen wollen, worauf man sich durch die Entscheidung einlässt? Je mehr man vorher in Betracht zieht, um überhaupt entscheiden zu können, hat dieses Entscheiden wollen längst einen Formalisierungsvorgang in Bewegung gesetzt. Erst das Entscheiden wollen setzt Formalisierungen – also die Produktion von formalen Kriterien zur selektiven Auswahl der Entscheidungsparameter – in Gang. Die Produktion von formalen Eventualitäten droht, sich in unendlich scheinende Wenn-Dann-Details zu verlieren, denn man weiß gegen die eigene Angst nie genug: oder man setzt sich mit brauchbaren Annahmen über sie hinweg und die Zukunft in Gang. A priori.


©Hans-Georg Köhler, Navigator, 2005

 

 

  • 1
    https://de.wikipedia.org/wiki/Teilungsparadoxon: „Das Beispiel, mit dem die Existenz von Bewegung widerlegt werden sollte, lautet wie folgt: Ein Läufer will eine Strecke positiver Länge zurücklegen. Dazu muss er zunächst die Hälfte dieser Strecke zurücklegen. Und um dies zu erreichen, muss er zuerst die Hälfte der Hälfte, also ein Viertel der Gesamtlänge hinter sich bringen. Mit diesem Verfahren zerteilt man die Strecke in unendlich viele Teilstrecken, deren jeweilige Überwindung eine positive, endliche Zeit beansprucht. Infolgedessen muss der Läufer eine unendlich lange Zeit brauchen, um die Gesamtstrecke zurückzulegen.“ ↩︎
  • 2
    vgl. hierzu Paul Feyerabend, in: Wissenschaft als Kunst, Edition Suhrkamp 1231, Seite 119 f ↩︎

208, I like Marx

Passage 1

„Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.“1Karl Marx, in: MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 21

„Die Tatsache ist also die: bestimmte Individuen, die auf bestimmte Weise produktiv tätig sind, gehen diese bestimmten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ein. Die empirische Beobachtung muß in jedem einzelnen Fall den Zusammenhang der gesellschaftlichen und politischen Gliederung mit der Produktion empirisch und ohne alle Mystifikation und Spekulation aufweisen. Die gesellschaftliche Gliederung [Funktionsbereiche bzw. Ebenen gesellschaftlicher Tätigkeiten] und der Staat gehen beständig aus dem Lebensprozeß bestimmter Individuen hervor [d. h. sie verändern dauernd die Formen ihres Verhältnisses zueinander]; aber diese Individuen, nicht wie sie in der eigenen oder fremden Vorstellung erscheinen mögen, sondern wie sie wirklich sind, d. h. wie sie wirken, materiell produzieren [Leben äußern und oder veräußern müssen], also wie sie unter bestimmten materiellen und von ihnen willkürlichen Voraussetzungen und Bedingungen tätig sind.“2Karl Marx, in: MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 25 Ihr Wirken, oder ihre materielle Produktion als Lebensäußerung verlangt das Leben selbst zu entäußern. Der Mensch ist, um seiner organischen Erhaltung willen, hierin bestimmt, sich in die Außen-Welt, in die gesellschaftliche Wirklichkeit zu verschieben. In diesem ihn bedingenden Stoffwechsel veräußert sich das bürgerliche Ich.3Bevor das Ich sich der Frage aussetzen kann, ob es etwas (Lustversprechendes) ver-einnahmt, verinnerlicht oder „ausspuckt“, „alles Schlechte von sich wirft“, nach außen bringt – entäußert, unterliegt es bereits dem Zwang zu verinnerlichen, zu habituieren: als Produktivkraft, als Angestellter das und das zu tun, bzw. sich als Produzent zu entäußern: seine Lebenskraft, seine Organe. Die Objektbildungen – wer oder was ermöglicht die Einlösung eines Befriedigungswun-sches – sind daher wesentlich von seinem gesellschaftlichen Bestimmungsort abhängig. vgl. Sigmund Freud, in: Die Verneinung, Band III, Österreichische Bibliothek, Verlag Volk und Welt 1989, Seite 129 f

„Die Vorstellung, die sich diese Individuen machen, sind Vorstellungen entweder über ihr Verhältnis zur Natur, oder über ihr Verhältnis untereinander, oder über ihre eigene Beschaffenheit. Es ist einleuchtend, daß in allen Fällen diese Vorstellung der – wirkliche oder illusorische – bewußte Ausdruck ihrer wirklichen Verhältnisse und Betätigung, ihrer Produktion, ihres Verkehrs, ihrer gesellschaftlichen und politischen Organisation sind. Die entgegengesetzte Annahme ist nur dann möglich, wenn man außer dem Geist der wirklichen, materiell bedingten Individuen noch einen aparten Geist voraussetzt. Ist der bewußte Ausdruck der wirklichen Verhältnisse dieser Individuen illusorisch, stellen sie in ihren Vorstellungen ihre Wirklichkeit auf den Kopf, so ist dies wiederum eine Folge ihrer bornierten materiellen Betätigungsweise und ihrer daraus entspringenden bornierten gesellschaftlichen Verhältnisse.“4Karl Marx, in: MEW, Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 25, im Original gestrichen

„Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“5Karl Marx, in: Deutsch-Französische Jahrbücher (1844), Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphiloso-phie. Einleitung, MEW 1, Seite 378

Passage 2

… and Kunst likes me
Wo die Spekulation über die Wirklichkeit aufhört, weil sie in Bildern ausgemalt – angeeignet – wird oder sie mit individuellen Erfindungen ästhetisch-produktiv gemischt wird, gebärt sich der Mensch als ästhetisch humane Spezies, beginnt die Kunst. Das jeweilig in der Beobachtung formal Erkannte – als differenzierte Form und die Differenzierung der Form als Modell der Differenzierung zugleich – folgt den ausdrucksmäßigen Möglichkeiten des Beobachters: beide – Beobachter und Gegenstand – zusammen bestimmen das ästhetische Medium als Tätigkeitsfeld. Wer Blaumeißen zuhört, mag das Gehörte in Töne transformieren, wer menschliche Bewegungen studiert, wird vielleicht Zeichnungen oder Plastiken fertigen. Die ästhetische Produktion schafft also nicht nur ein Artefakt für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für das Artefakt. So findet die transformative Begegnung zwischen Beobachter und Beobachteten ihre gemäße Darstellung (immer als Form) im produzierten Artefakt und damit den formbaren funktionalen Zusammenhang von individueller Ästhetik als Forschung nach allgemein menschlichen, übergreifenden Merkmalen. Mindestens bringt das ästhetisch empfundene oder geformte Artefakt etwas Begriffenes als Beobachtetes zum Ausdruck und stellt es zugleich wieder zur Beobachtung aus. Im Begriffenen – das heißt in der künstlerischen Auseinandersetzung stets: im Gemachten – kommt die (ästhetische) Verwandlung des Gegenstandes zum Ausdruck: dialektisch als Gegenstand des Ausdrucks wie als ästhetisch geformter Ausdruck des Gegenstands. – In ihm werden die Zerstörungen des Gegenstandes zugunsten menschlicher Ausdrucks -und Aneignungsweisen versammelt.
Das die Darstellungsfunktion in der Kunst gesellschaftlich nicht zielorientiert, wohl aber auf die zu erfindende Form zielend arbeitet, weißt sie als wirksamen wie wirklichen Moment aus: Das Ringen um ästhetische Formen, die Lebensdinge als (ästhetisch) formbar zu erkennen und zu betrachten – jenseits fiskalischer Interessen, sondern im sozial-plastischen Sinn. Sich als Individuum in die Fließbänder, Reinigungskräfte oder Kunden-Agenten einzupressen, erscheint einer Vielzahl gesellschaftlicher Individuen nicht als Arbeitsbiografie erstrebenswert. Der täglich erlebte Flexibilitätsstress, das Rollenspiel in den Organisationsformen der Arbeit usw. verspricht nichts weniger als ein sinnloses Dasein mit bezahlbarer Beerdigung. Die gesellschaftlich verbindliche Utopie setzt Staub an: fürs Kämpfen reichts nicht mehr, der Solipsismus ist trotz nicht erbrachter Poeme schon zu groß. Die Kunst in ihrem monadischen Gefechtsstand – im Einverständnis zukünftig kleiner werdender Rationen – ermöglicht noch Aussichten: Sich selbst mit dem vermeintlich eigenen gesellschaftlichen Versagen und der gesellschaftlichen Kaputtness zu beschäftigen, d. h. sie als Form zu gestalten und: betrachten zu können.

Wie, ist zu fragen, kann jenes produzierte Bewusstsein hinter seinen Rücken sehen? „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“6Karl Marx, in: MEW Band 13, Dietz Verlag Berlin, Seite 8
Das vom Sein bestimmte Bewusstsein reproduziert nicht nur das ihn bestimmende Sein (im rechtfertigenden Sinn, ideologisch), reproduziert nicht nur sein überbauliches Bewusstsein, sondern auch sein (bereits determiniertes) Bewusstsein über das ihn bestimmende Sein. Das „selbstische“ Bewusst-Sein nimmt also unmittelbar an seiner Veränderung durch die Veränderung des gesellschaftlichen Seins teil. Es entwickelt in seiner ambivalenten Bestimmungskraft und Freiheit eine über sich selbst als über sich hinausgehend zu fassende Tätigkeit. Der menschlich-bewusste Sinn, sich von seinem es bestimmenden Sein abzuheben, sich davon zu revolutionieren, ist also stets an es gekettet. Abstrakt betrachtet, ist es seine menschliche Praxis selbst, die ihn verändert, unterdrückt, indem sie ihn und er sie verändert und erlebte Widersprüche auf sie zwingt. Unsere Forschung/ Kunst soll der bewusste Ausfluss ökonomischer Seinsverhältnisse sein. Mit der Gefahr in der Entleerung sich aufzulösen.

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 21 ↩︎
  • 2
    Karl Marx, in: MEW Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 25 ↩︎
  • 3
    Bevor das Ich sich der Frage aussetzen kann, ob es etwas (Lustversprechendes) ver-einnahmt, verinnerlicht oder „ausspuckt“, „alles Schlechte von sich wirft“, nach außen bringt – entäußert, unterliegt es bereits dem Zwang zu verinnerlichen, zu habituieren: als Produktivkraft, als Angestellter das und das zu tun, bzw. sich als Produzent zu entäußern: seine Lebenskraft, seine Organe. Die Objektbildungen – wer oder was ermöglicht die Einlösung eines Befriedigungswun-sches – sind daher wesentlich von seinem gesellschaftlichen Bestimmungsort abhängig. vgl. Sigmund Freud, in: Die Verneinung, Band III, Österreichische Bibliothek, Verlag Volk und Welt 1989, Seite 129 f ↩︎
  • 4
    Karl Marx, in: MEW, Band 3, Dietz Verlag Berlin 1990, Seite 25, im Original gestrichen ↩︎
  • 5
    Karl Marx, in: Deutsch-Französische Jahrbücher (1844), Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphiloso-phie. Einleitung, MEW 1, Seite 378 ↩︎
  • 6
    Karl Marx, in: MEW Band 13, Dietz Verlag Berlin, Seite 8 ↩︎

207, Arbeiten mit Benjamin

Verurteilt zur Freiheit im Gefängnis der Entfremdung

Die heroische Aufgabe des Menschen verheißt ihm, das an ihm verschuldete Verhalten der Welt wie das durch ihn verschuldete Verhältnis zur Welt zu erkennen: Das für ihn „die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt“.1Karl Marx, in: Dietz Verlag Berlin 1968, Das Kapital, 1. Band, MEW Band 23, Seite 86 Der menschliche Fortschritt lautet: Einsicht in die ihm offerierte gesellschaftlich bestimmte Negativität zu üben, sich seiner der rationalisierten Zweckmäßigkeit untergeordneten Austauschbarkeit zu stellen, gegen den von ihm geschaffnen Überfluss sich zu wehren, sich in seinen von ihm erzeugten Produkten wie Verhältnissen zu erkennen und gegen seine von ihm gefütterten Schimären zu kämpfen, die ihm als seine Entäußerungen wie Hieroglyphen2vgl. Karl Marx, in: Dietz Verlag Berlin 1968, Das Kapital, 1. Band, MEW Band 23, Seite 88 gegenüber stehen. In der Ambivalenz von solcher Einsicht in die Ohnmacht erzeugende Macht, in die Macht erzeugender Ohnmacht erhalten die ästhetischen Widerstandsakte als Dokumente barbarischer Kultur ihren Sinn. Benjamins Diktum über die Kultur und ihrem barbarischen Schatten nimmt dies vorweg. „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne ein solches der Barbarei zu sein.“ 3Walter Benjamin, in: Über den Begriff der Geschichte

Das Reservoir der Kunst ist, mit Differenz und Ent-Zweckung gegen die gesellschaftlich vermittelte Macht institutionalisierter Interessen sinnliche Kontexte, Formen zu entwickeln: Die Kunst kann die Zerstörung der Ästhetik zur Ästhetik der Zerstörung umbilden: Ihre Negation ist ihr eingeschrieben.4vgl. Horst Bredekamp, in: Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1975: „… [E]ine Geschichte der Kunst ohne Berücksichtigung der Geschichte ihrer Negation vernachlässigt daher eines ihrer wesentlichen Prägemomente.“, Seite 12 Die Lust an der Störung ist hier ästhetische Markierung der Differenz. Die Formen der Kunst sind Differenzierungsanweisungen: Dinge, Verhalten und Situationen anders als bisher aufzufassen, anders sichtbar zu machen. Die Zerstörung der Ästhetik als Ästhetik der Zerstörung gibt der Kunst in bürgerlichen Gesellschaftszusammenhängen noch Spielraum und kann nicht „aus dem politisch-sozialen Raum, in dem und für den sie entstand, ausgesondert verstanden werden.“5Bredekamp, ebenda, Seite 13

 

Zerstörung der (gewohnten) Ästhetik als Ästhetik der Zerstörung:


Abbildung: Philipp Donald Göbel, aus der Serie „neu eu s“
Mit freundlicher Genehmigung zur Abbildung: © Philipp Donald Göbel, philippdonaldgoebel.de/neu-eu-s

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Dietz Verlag Berlin 1968, Das Kapital, 1. Band, MEW Band 23, Seite 86 ↩︎
  • 2
    vgl. Karl Marx, in: Dietz Verlag Berlin 1968, Das Kapital, 1. Band, MEW Band 23, Seite 88 ↩︎
  • 3
    Walter Benjamin, in: Über den Begriff der Geschichte ↩︎
  • 4
    vgl. Horst Bredekamp, in: Kunst als Medium sozialer Konflikte. Bilderkämpfe von der Spätantike bis zur Hussitenrevolution, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1975: „… [E]ine Geschichte der Kunst ohne Berücksichtigung der Geschichte ihrer Negation vernachlässigt daher eines ihrer wesentlichen Prägemomente.“, Seite 12 ↩︎
  • 5
    Bredekamp, ebenda, Seite 13 ↩︎

206, Ressentiment: Heul doch!

Die Praxis der Selbstliteratur nimmt Platz im öffentlich medialen Raum: Performed in opfergestischen Songs, in vom Schicksal gebeutelten Rap-Zeilen, manchmal in performativer Kunst, worin das eigene Befinden thematisch heraus gestellt wird, worin Wirklichkeitsvorgänge des Körpers – als Erfahrungsmaterial – vor allem durch Leidens-Ausdrücke des Körpers vermittelt werden. Als glänzte die Kunst durch triefende Wunden. Die Betroffenheit verhindert das Verallgemeinbare der ästhetischen Form. In klebriger Verkörperung eigenen wundschreienden Körpers – als permanent erlittenes Opfer, gefangen in seiner fortschreitenden Beschreibung des Opfer-Seins – wird die Hauptrolle gefeiert. Diese Art von Leidens-Beschreibung bleibt oft genug in der Einfühlungs-  bzw. Opfergestik stecken – sie spannt ein Befindlichkeitsschild vor die gequälten Worte und ihren Autoren. Das erworbene Jammerrecht macht sie unantastbar. Im Lesen bleiben die Worte im Mitleiden hängen, kommen nicht auf den ästhetischen Geschmack. Das passiv erlittene Geschick (oder dessen Konstruktion) erlaubt, die Verantwortung dafür der Welt in Rechnung zu stellen. Ausdrucksversessenheit aus Betroffenheit heraus ist noch keine Kunst, Schicksal kein Verdienst und Heulenkönnen keine Kunst. Die Langeweile ist auf solipsistische Personen bezogen, auch quetschte sie ihre Sprachorgane. Das Ego nimmt überhand. Als würde nur ein Bio-Selbst Authentizität verbürgen. Die letzte bürgerliche Fiktion ist das Individuum, ein Nadelöhr – da kommt Menschheit nicht durch, hat keinen Platz. Es interessiert mich nicht.

Wer keine Fragen hat, erzählt von sich selbst. Das selbstische Schicksal ist keine Antwort.

 

 

205, Ästhetische Kopplung

Das Kunstverständnis, das einen Wirklichkeitssinn für ästhetische Formen unterstellt, der sowohl aus dem sozialen Milieu heraus wie in die kognitive Struktur der Erfahrung hinein wirkt, ist nicht groß etabliert, auch wenn der Begriff der „sozialen Plastik“ gern in die Kontextuealisierung von ästhetischen Phänomenen hinein geschoben wird. Das Verständnis für die Kunst als Lebenswelt übergreifender Wirklichkeitssinn wird täglich von tausenden künstlerisch tätigen Menschen gegen das diffamierende Postulat über die Folgenlosigkeit ästhetischer Wahrnehmung in Stellung gebracht. Dass also der Wahrnehmungs-Sinn für die erfahrene Lebenswelt ebenso intensiv erhellend wirkt wie das (ästhetische) Bedürfnis, sie zu verändern: in der vollzogenen und damit produzierten sozialen Struktur der – dann ästhetischen – Interaktion. Das ist die Voraussetzung für die Transformation von Erleben in ästhetische Akte – sie sind Manifeste kognitiver Reflexion. Die neurologischen Wahrnehmungsprozesse kommen in der künstlerischen Bewusstwerdung  – ihrer Benennung oder Ausformulierung – zur Oberfläche: als Form, Farbe, Orientierung und oder Richtung von Konturen zur Tiefe hin oder seitwärts im Bilde.1vgl. Neuro- und Sinnesphysiologie, Hrsg. Robert F. Schmidt und Hans-Georg Schaible, Springer Verlag Berlin Heidelberg New York, 4. Auflage, Seite 303, 304 ff, 311 f, 473
Die ästhetisierende Wirkung der Kunst gründet sich in der (bewussten, erlernten) Anerkennung der Realität der Sinne, der Sinneswahrnehmung als Verkörperung der erlebten Umwelt mit dem wahrnehmenden Selbst: als ästhetische Kopplung. Der ästhetische Impetus von ausdrückbarer Wirklichkeit in der Kunst und überhaupt ist auch deshalb schön, weil er viele Möglichkeiten auf Morpheus‘ Frage „Was ist die Wirklichkeit?“2Aus dem Film MATRIX, 1999, Wachowsky Brothers zulässt: so unterschiedlich die Beobachter-Produzenten Position so unterschiedlich die ästhetischen Kopplungen. Wir sind durch uns in der Welt. Wir können ohne „Voraus“ vor einem Bild stehen:3„Die Ziele einer kunstgeschichtlichen Fachbildung sind die Ziele der allgemeinen Kunsterziehung geworden. Kunstgeschichte kennen gilt als gleichbedeutend mit Kunst verstehn. Und eben das ist falsch, und das Laienpublikum kommt in ein ganz schiefes Verhältnis zur Kunst, indem es die Vorteile seines natürlich-unhistorischen Standpunktes preisgibt. […] Wenn sich das Publikum quantitativ zu viel zumutet, so scheint mir weiter, daß die kunsthistorische Halbbildung eine Art von falschem Kennertum erzeugt hat, das einer wirklichen Erkenntnis der Dinge mehr im Wege steht, als daß es sie vorbereitete. Nichts imponiert dem Laien mehr als jene Sicherheit des Urteils, wo ein Blick genügt, um von weitem zu sagen: das ist ein Aelbert Cuyp…“ Heinrich Wölfflin, in: Kunstgeschichtliche Grundbegriffe, hrsg. von Hubert Faensen, VEB Verlag der Kunst Dresden 1983, Seite 316
Im Versuch Kunstwerke zu betrachten ohne bewertende Urteile. Die auf den Kontext der Kunstgeschichte bezogene wie darin gefangene Fragerei wird dem konkreten Artefakt nicht gerecht und sprengt, ja diskriminiert unseren konkreten Wirklichkeitssinn. Luhmann: „Wenn von Blockierung externer Referenzen die Rede war, dann war gemeint, daß die internen Operationen des am Kunstwerk sich festlegenden Beobachtens ohne externe Referenz verständlich sein müssen. Sie werden nur für das Beobachten des Beobachtens produziert.“4Niklas Luhman, in: Die Kunst der Gesellschaft, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1303, erste Auflag 1997, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1995, Seite 244

 

 

  • 1
    vgl. Neuro- und Sinnesphysiologie, Hrsg. Robert F. Schmidt und Hans-Georg Schaible, Springer Verlag Berlin Heidelberg New York, 4. Auflage, Seite 303, 304 ff, 311 f, 473 ↩︎
  • 2
    Aus dem Film MATRIX, 1999, Wachowsky Brothers ↩︎
  • 3
    „Die Ziele einer kunstgeschichtlichen Fachbildung sind die Ziele der allgemeinen Kunsterziehung geworden. Kunstgeschichte kennen gilt als gleichbedeutend mit Kunst verstehn. Und eben das ist falsch, und das Laienpublikum kommt in ein ganz schiefes Verhältnis zur Kunst, indem es die Vorteile seines natürlich-unhistorischen Standpunktes preisgibt. […] Wenn sich das Publikum quantitativ zu viel zumutet, so scheint mir weiter, daß die kunsthistorische Halbbildung eine Art von falschem Kennertum erzeugt hat, das einer wirklichen Erkenntnis der Dinge mehr im Wege steht, als daß es sie vorbereitete. Nichts imponiert dem Laien mehr als jene Sicherheit des Urteils, wo ein Blick genügt, um von weitem zu sagen: das ist ein Aelbert Cuyp…“ Heinrich Wölfflin, in: Kunstgeschichtliche Grundbegriffe, hrsg. von Hubert Faensen, VEB Verlag der Kunst Dresden 1983, Seite 316 ↩︎
  • 4
    Niklas Luhman, in: Die Kunst der Gesellschaft, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1303, erste Auflag 1997, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1995, Seite 244 ↩︎

204, Liebesthesen

Die vielzähligen Projektionen auf den Liebesbegriff als Sehnsuchtsort unerfüllter Begehren (seine poetisch-ästhetische Ausschlachtung) zeigt ein kulturelles Abziehbild der Liebe in ihrer Umkehrung: als ein Mangel an sich selbst mit sich zu sein. Die Sehnsucht, sich für den anderen zu überwinden. „Der Andere ist mir schuldig, was ich brauche.“1Roland Barthes. Fragmente einer Sprache der Liebe. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1988. Seite 121 Nur in der Verweigerung gerät der Andere zum Begehrenden in Schuld. „Was anders ist nun aber das Selbst der Begierde (das Selbst des hungrigen Menschen zum Beispiel) als ein nach Inhalt lechzendes Leeres, ein Ich, das sich anfüllen will durch das, was voll ist, sich anfüllen will, indem es dieses Volle leert, sich (wenn es erst einmal angefüllt ist) an die Stelle dieses Vollen setzen will, durch sein Volles das Leere einnehmen will. Welches durch die Aufhebung des Vollen entstanden ist, das nicht das seine war?“2Alexandre Kojève. Hegel. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. Hrsg. Iring Fetscher. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1996. Seite 55 Die Verletzung der auf sich gedachten, gefühlten, aber nicht vollzogenen Einheit des Liebenden als Verausgabung, als Ausfluss auf begehrte Oberflächen der Projektion schwächt das Individuum, wenn es sich nicht künstlerisch abzufangen weiß und als unerfüllt doch liebendes Selbst sich aufheben kann. Der menschlich leidende Verzicht auf den Leib des Anderen, der Verzicht auf dessen Verschlungenwerden und den eigenen Verschlingungsprozess ist das andere Ende des Stricks, eine künstlerisch in Angriff genommene „Substitution des Selbstmordes“.3vgl. Roland Barthes. Fragmente einer Sprache der Liebe. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1988. Seite 121

Dialektik des Vampirs: Sofern nicht gesaugt werden kann, muss gestorben werden – aus Blutmangel und Lichtzwang. Wenn der Liebende nicht den Geliebten erfährt, Herrschaft über sein Begehren/ Begehrtes erlangt, sich nicht in den Griff bekommt, schwebt er in Lebensgefahr oder entwickelt gar Tötungsabsichten: „glaubt er sich nur getötet überwunden“. Er beginnt sich selbst auszusaugen. Ermächtigt zum eigenen Leben, schlagen die Zähne ins eigene Fleisch.

Werther: Der nicht begehrt, tötet nicht.

Von Liebe getroffen zu sein, ohne eigenen Grund, ist ein Entführen des getroffenen Subjekts von seiner ihm gewohnten Wahrnehmungsweise, aus seinem Erfahrungsschema. Es muss seine alte Haut verlassen. Der Liebende wie Geliebte ist ein Räuber.

Die ästhetischen Dämme, die den Fluchtweg eröffnenden, verdeckenden Artefakte, die das Substitut der drohenden Auflösung auffangen, sind existentiell. Das betroffene, der Liebe ausweichende Subjekt hat in der produzierten Leere der unbestimmten Vielheit seinen Kern, seine durch nichts Konkretes zu störende Sicherheit. Aber sein poetisches Auslaufen wie Abfangen kriecht in jede Gestalt, seine Häutungen werden Teufels Gewänder. Die Schutzbedürftigkeit vor der liebenden Verausgabung zieht das weichende Subjekt ebenso in den Sog seiner Auflösung wie die Wege zur Kopula. Die Karriere des Enthaltsamen beginnt am Geliebten.
Das liebende Ich kennt sich nur als Wunde – der Ausfluss des Blutes zum Herzen ist ein Rückfluss gesehnter Aufmerksamkeit gegen seinen Körper.

Im Verliebtsein verlebendigt sich das Früher (z. B. das Bedingungslose Vertrauen in der Kindheit zu den Nächsten), die Vergangenheit wird wieder als Geborgenheit gegenwärtig. Die Erinnerung perforiert das verliebte Subjekt mit seiner eigenen unschuldig masturbierenden Kinderhand. Die frühen Landschaften verlieren ihren Selbstzweck als geglückte Regression.

Das der Andere die Bedürfnisse, Begierden des nach ihm verlangenden Subjekts auf sich nimmt, zeigt den Mangel des Verlangenden seiner nicht bei sich seienden, auf ihn selbst gehenden Erfüllung an. Der Andere fungierte als Abbildung und Scanner des Ich. Der Andere sieht meinen Bedürfnissen ähnlich, aber er ist mir nicht ähnlich. D. h. mit seiner gegen ihn gerichteten Negativität (denn er entäußert sich für mich) oder mit meinem negativen Begehren, Festhalten auf ihn – der mit Begehren erzeugten Vorstellung über das andere Leben – wird er erst die Abbildlichkeit des auf ihn Dringenden erlangt. Die Abbildungsleistung/ Übertragung bedeutet einen Eingriff, der jederzeit auf den Operanden zurück schlagen kann. Wettlauf der Zugriffe.

Ein Schritt zurück: Die Projektion auf den Anderen als Anderes ist schon zur Erfüllung des Projektors fähig, dienstbar. Ein externales Ich, das zum Anderen nicht mehr ankommt, im Absender verharrt. Mister Jekyll oder Mister Hyde. Er muss das Opfer nicht mehr anfassen, wenn er es tötet, aber er kann es in diesem barbarischen Akt als seine Projektionsfläche abschaffen: Der Andere ist mein Ich, als wären wir beide nur eines – und so werfe dich/ mich aus meinem Körper. Den Körper zerlegen also, zu sehen, wo die Liebe ist, was sie umschloss, was sie ist oder war. Wecker zerschlagen, zu wissen, was die Zeit ist. Liebe – Wiedererlangen der selbstischen Geburt.

Auf dem Grund des Subjekts soll Zärtlichkeit stehn. Die beherrschte Form der Gewalt als ästhetischer Ausfluss oder letzter Damm: Kunst. Die gebändigte Bestie. Das Leiden muss aus der Nähe der Schnitte kommen können. Das Leiden erst konstruiert den Liebenden, den Freund. Leidenschaft, die Fähigkeit zu leiden. Für den Anderen. Für sich selbst. Für die Toten.
Das Lieben als Außer-sich-sein durch Objektwahl ist ein Schiffbruch im Ichkanal. Das drohende Pendel schwingt vom Punkt der Angleichung an den Anderen als Mangel des liebenden Ich bis zur Rechnung des Anderen im Fleischhandel.

 

 

  • 1
    Roland Barthes. Fragmente einer Sprache der Liebe. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1988. Seite 121 ↩︎
  • 2
    Alexandre Kojève. Hegel. Kommentar zur Phänomenologie des Geistes. Hrsg. Iring Fetscher. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1996. Seite 55 ↩︎
  • 3
    vgl. Roland Barthes. Fragmente einer Sprache der Liebe. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1988. Seite 121 ↩︎

203, Begriffe und Schnitte

Begriffe fungieren wie Schnittmuster eines Kleidungsstücks – gleichgültig, wer sie wie und wo anzieht. Sie stehen dafür ein, dass die frische Wahrnehmung in Begriffe schlüpfen kann, hinter ihnen hergeht. Sie stellen für die Erfahrungen die notdürftigen ersten Kleider bereit. Durch die Grobheit, den Umrisscharakter der schon gebannten sprachlichen Begriffe verflüchtigt sich die eingepasste Erfahrung im sprachlichen (Schnitt-) Muster vorgewebter Grammatik. Die durch Begriffe der Sprache manifest gezurrten Wahrnehmungen, saugen die wahrgenommen Gegenstände in die Sprache aus. Das Lebendige ist ihr Blut, sie entleert das Wahrgenommene in ihre Begriffe, sie bleiben übrig. Die Sprache ist zuerst eine Hülle. Sie ist das, was bleibt.

 

 

202, Objekt des Begehrens

Im Verliebtsein-wollenden-Zustand wird jenes Bedürfnis erfüllende Objekt gesucht, was das suchende, mangelnde Subjekt endlich füllt, d. h. ein Objekt zu begehren, das für das Begehren des Subjekts ‚verantwortlich‘ gemacht werden kann, das lohnt. Welches die erkannte Selbst-Objektivierung des Ich wieder aufhebt, um nicht nur bei sich im Masturbieren sein zu müssen. Der gesuchte Widerhall, 1„Der Suchende findet sich als einer, der immer schon ist, das Gefundene erscheint als ein auftretendes äußeres Da.“ Ernst Bloch, in: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, stw 556, Seite 24 der Objekt-Mensch, der Gegenstand, der Fetisch ist Helfershelfer des Ich. Der Andere als begehrtes Liebes-Objekt wird ein identitärer Raum fürs Ich. Aus dem im Begehren verfolgten Anderen, wird die Sprungmelodie des Ich gepresst: das Begehren weicht die Ego zentrierte Identität auf. Die Dankbarkeit gegenüber dem geliebten, anderen Subjekt, an dem das eigene liebende Echo empfangen werden kann, geht daraufhin, den Brunnen, das eigene soziale Entspringen, das sich einander Bedingende ertragen zu können.
Die Welt, dort, wo die Anderen sind, ist der Produzent seines Liebes- und Begehrensverhältnisses. So wird die Welt aufgezehrt vom millionenfachen Begehren, vom rasenden Sich-Zeigen, dem Buhlen um Aufmerksamkeit nach Liebesblicken. Wenn die Welt nicht ursächlich auf das menschliche Subjekt begriffen wird, dann ist diese Welt für das um sein Ich ringende Subjekt nur noch Wirkung.

 

 

  • 1
    „Der Suchende findet sich als einer, der immer schon ist, das Gefundene erscheint als ein auftretendes äußeres Da.“ Ernst Bloch, in: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, stw 556, Seite 24 ↩︎

201, Das Andere mach ich

Das bürgerliche Ich als sein erstes letztes Experiment für die Entwicklung seiner Autonomie (das ist seine Freiheit) – die (ästhetische) Zerstörung der Experimentieranordnung ist seine gesellschaftliches Narbe, seine Pflicht und sein Fluchtpunkt. Dort, wo es ganz zu sich kommt – voll autonom – isoliert es sich in schönster ästhetischer Zerstörung. Dekadent fürs Außen, für sich: Berufsrevolutionär.

Die Abwesenheit des Anderen zum Ausbruch des Ichs zu ihm hin entwickeln – all der Ausdruck gilt potentiell dem Gespräch mit dem Anderen. Von der Idee eines vom Ich indizierten Ausdrucks-Handwerks gefangen, das sich darin qualifiziert, dass die Bedingungen ästhetischer Zerstörungsarbeit immer wieder neu mit anderen Gesprächen, Stimmen probiert und ausgeschlossen werden können – bis man nicht mehr kann, und der Ausdruck erlöscht.

An etwas denken, Umrisse zeichnen Gedanken vertonen, bedeutet, das Vergessen von sich selbst zu unterbrechen. Der Zerstörung des Ichs durch seine Körperlichkeit gilt es zu entrinnen. Durch den Körper fliehen oder: durch ihn gegangen sein.
Die Brüche sind Programm: Die Sprengung, nicht der Schutt ist interessant. Die Beschäftigung mit dem Schutt sieht dem Bedauern des Vergessens ähnlich; es hat bereits Erinnerungsmaterial fortgerissen.
Die Wirklichkeit des Kunstwerks als Überwindung der Organei begreifen, zeigen können – Form bleibt, Atem geht.

Du hast ein Recht, ‚Ich‘ zu sagen, wenn du aus deinem stinkenden Körper gekrochen bist. Wer das Messer zieht, bekommt eine Chance.
Vollkommen mit den Verlusten.
Reih dich ein:
Deine Zukunft dein Verrat.

Auserwählt
Durch die Treffer in dein Fleisch
Dein Leben markiert,
Geblendet von der Hitze der Konkurrenz.

Ins Nichts hinein spritzen,
Springen/ in die Parabel aus den Brüchen des Ich.
Erkaltet zusammengepresst, fortgerissen
Raum aus Vorzeit. Para.

Die Gesunden, die vom Begehren freien, die Unbrennbaren, die Dauernden, Unmenschlichen.
Das sind die
Keine Welt haben
Nicht für sich suchen.
Menschen ohne Umgebung, wie Formen ohne Differenz.
Ein inwändiges Überfließen des Ich; ohne Einfluß, aber schäumend,
Erfüllt mit staubigem Gewirr.
Seid bereit.
Ort ohne Luft.
Hinter der Blende ist Leere

Angezündete Geschichten

aus Ego und Langeweile

Der Erfüllte zeigt sich nicht,
Bedürfnislos ist er,
Ausgelöscht,
Kennt er keine Zeit.
In einem steifen Zylinder aus Fleisch.
Ein der Fortpflanzung nützliches Bedürfnis, was soviel Geschichte herauspreßt.
Wer ohne Verrat ist, hat keine Zukunft.

Ja die Sterblichkeit: Fäulnis am Leben, um es zu halten, die Sackgassen der Blicke, um in die Dunkelkammer der umstellten Existens ein vergängliches Licht hineinzukämpfen,
Mit meterhoher Schminke.

Man muß den ganzen Kopf hochhalten,
Um ihn am Hals
Abzuschlagen.

Das Recht auf die Privatsphäre
Ist die Mordspflicht in ihr.

Zuerst ist die Freiheit der anderen die Beschränkung meiner Waffen.
Letzte menschliche Reste müssen sich im fortpflanzlichen Ringen verbergen.1„Wir haben den Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit, nach zwei Seiten hin betrachtet. 1. Das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt der Arbeit als fremden und über ihn mächtigen Gegenstand. Dies Verhältnis ist zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden, ihm feindlich gegenüberstehenden Welt. 2. Das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion innerhalb der Arbeit. Dies Verhältnis ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eignen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben – denn was ist Leben [anderes] als Tätigkeit – als eine wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit. Die Selbstentfremdung, wie oben die Entfremdung der Sache.“ Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW, Ergänzungsband Erster Teil, Schriften bis 1844, Seite 515 f Ein Mahlstein in der Vertierungsmühle.
Jeder Kuss saugt aus den Lippen unsere Möglichkeit.
Die Strangulierung letzter Glücksanspruch des im Tode Erigierenden.

 

 

  • 1
    „Wir haben den Akt der Entfremdung der praktischen menschlichen Tätigkeit, die Arbeit, nach zwei Seiten hin betrachtet. 1. Das Verhältnis des Arbeiters zum Produkt der Arbeit als fremden und über ihn mächtigen Gegenstand. Dies Verhältnis ist zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden, ihm feindlich gegenüberstehenden Welt. 2. Das Verhältnis der Arbeit zum Akt der Produktion innerhalb der Arbeit. Dies Verhältnis ist das Verhältnis des Arbeiters zu seiner eignen Tätigkeit als einer fremden, ihm nicht angehörigen, die Tätigkeit als Leiden, die Kraft als Ohnmacht, die Zeugung als Entmannung, die eigne physische und geistige Energie des Arbeiters, sein persönliches Leben – denn was ist Leben [anderes] als Tätigkeit – als eine wider ihn selbst gewendete, von ihm unabhängige, ihm nicht gehörige Tätigkeit. Die Selbstentfremdung, wie oben die Entfremdung der Sache.“ Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, MEW, Ergänzungsband Erster Teil, Schriften bis 1844, Seite 515 f ↩︎

200, Betrachtung in einsamer Form

Das, was der Betrachter in einem Kunstwerk sieht oder in Betrachtung zieht, wird im Prozess hin- und hergehender  Sinn- und Formereignisse stetig neu vermischt, entzogen, verändert, gegen andere Formen vorenthalten: es gibt keine objektiv gültige Bestätigung, keine fest gezurrte wie unbewegliche Form, jedoch jeweils individuelle Entscheidungen der Formbetrachtung oder des Interesses der Formbildung. Der Betrachtende oszilliert in einer Beziehung zwischen Objekt-Konsum und Selbst-Bildung.1Vgl. Achille Bonito Oliva, in seinem Statement: Gegen die Einsamkeit der Objekte, Seite 66, in: Arte povera, Manifeste, Statements, Kritiken, Hrsg. Nike Bätzner, Verlag der Kunst Dresden, Basel 1995 Er bewegt sich eingedenk seiner körperlich-physischen Abstände defizität zum Betrachtungsgegenstand, stets bleibt die sinnlich ergreifbare Form ein fremdes Gebilde: sie ist nicht sein. Wiederholt erfasst er die Form, gewinnt ein Gefühl – und verliert es wieder. Er holt die Form und sich über das beständige Betrachten ein – als Beobachter 2. Ordnung. Er muss sich auf sich selbst verlassen und erlangt keine Absolution vom betrachteten Gegenstand.
In dieser Weise produziert das Kunstwerk ein Alleinsein des Betrachters: Als intimer Beobachtungsdialog zwischen Kunstwerk (Formereignis) und sinnlicher Aufzeichnung des Beobachters. Er wird zur Abwesenheit mit dem Kunstwerk gezwungen, manchmal durch die vom Kunstwerk auf ihn erzeugte Differenz in Form sogenannten Unverständnisses, Nichtverstehens, vielleicht auch durch die „spröde Form“. In bewusster Nähe zur Differenz verortet sich der Betrachter zwischen Kunstwerk und in sich selbst. Wenn er dazu bereit ist.

 

 

  • 1
    Vgl. Achille Bonito Oliva, in seinem Statement: Gegen die Einsamkeit der Objekte, Seite 66, in: Arte povera, Manifeste, Statements, Kritiken, Hrsg. Nike Bätzner, Verlag der Kunst Dresden, Basel 1995 ↩︎

199, ichige Monster

Dass das ichige Monster nicht nur ein Auslaufen seiner Zeit betreut: Sein poröser Sinnapparat ist zum Leben hin abzudichten. Sich auf das verlassen, was sich ausdrücken lässt? Dauern ist besser denn brennen!
Der Künstler nimmt sich in den Zeugenstand eigenen Ausflusses und verhält sich dagegen kriminell – er beutet seine Artefakte für Verdienst und Anerkennung aus. Das Verfolgen der eigenen Spur, um sie in Bildern zu löschen, bleibt das Motiv. Ohne Sieg und Niederschlag. Nichts auskämpfen, noch kämpfend im Kampf sein.
Texte Bilder vor Klarheit zum bersten bringen, ist Kunst.
Ein Artefakt als Begleichung des weggesperrten Selbst – um es zu trösten mit Bildern.

 

 

198, Identität und Liebe

Die Identität des Subjekts als ein Stillstand, Frieden mit dem Da-Sein der Anderen, den Umständen. Als Status quo der Eindrücke, Erfahrungen, Krankheiten und Heilungen, Ausströmungen (Blutverluste, Artefakte) und Einflüsse, als Einheit zwischen Wunde und Narbe, Abfluß und Einfluß, Verlieren und Wiederfinden, Inhalation und Exhibition. Identität als eine sich langsam erweiternde Befindlichkeit, die Kontinuität gegen wechselhafte Zustände bevorzugt, eher ein Bestätigungsfeld des Getanen, des Ereigneten, ein Resultat des sich permanent um Stabilität bemühenden porösen Menschenkindes. Eine Raumerweiterung -wie Forderung. Ein großes Gewicht in der Waagschale gegen Veränderung ist ihre Verklärung: als Sehnsucht. Sie markiert – Differenz gegen – den Anderen als eigenen Identitäts-Anspruch. Stalkerversum.
Aber das Lieben verlagert den Identitätsanspruch, weil die Liebe auf den Anderen gerichtet ist und der Liebende im Anderen arbeitet und ihn in Frage stellt. Hier erzeugt der Andere eine Liebes-Identität, die auf Differenz sich gründet wie zugleich zu überwinden trachtet. Denn der Andere ist die Instanz, die die eigene Identität bestätigen wie annehmen kann – und ermöglicht, erwartet zu werden als derjenige, der man sein will.1vgl. Niklas Luhmann, in: Liebe eine Übung, hrsg. von André Kieserling, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2008, Seite 21
Jemanden lieben, stellt das Eingeständnis eines (narzisstischen) Verlusts dar, sich nicht selbst zuführen zu können. Die „Instanz des Begehrens“ verhaftet das von Liebe getroffene Subjekt. Das Liebesverhältnis rekonstruiert diese liebende Verluststellung des liebenden Subjekts ständig neu, definiert, transformiert Identitätsbereiche um und treibt die Identitäts-Verluste, die gescheiterten Verschmelzungen weiter, solang sie mit Zuneigung aufgehoben werden können. Die Befreiung aus dem Sog-Verhältnis der Identitäts-Beziehung zu sich gewährt die über das Ich hinausweisende Liebe.

 

 

  • 1
    vgl. Niklas Luhmann, in: Liebe eine Übung, hrsg. von André Kieserling, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2008, Seite 21 ↩︎

197, Im anderen bei sich selbst sein. Hegel ever.

Die Abwesenheit des Geliebten ist die erfüllende Gegenform des süchtenden Ich – ein lustvoller Haufen gestrandeter Egos überall. Die Sehnsucht ist realer denn Erfüllung. Ich will mich nicht im anderen erkennen – der andere ist mein Booster: er verdoppelt mich! Im anderen bei sich selbst sein – das Ich reicht sich dafür nicht aus: bei sich zu sein.
Der nicht vorhandene, nicht handgreifliche Nächste wird Postulat des Ich-Körpers, Adressat seiner Bedürfnisse. Das sehnende, unvollkommene Ich ist eine Praxis der vorgestellten (anderen) Liebe, ein mächtiger Geist. Es ist der/ die abwesende Geliebte, der/ die mich mit da-seienden Gefühlen nährt. Das Handeln und Nicht-Handeln des Geliebten bestimmt die Praxis des Liebenden – wie ferngesteuert gilt der Kummer dem Anderen, statt sich für sich zu kümmern. Indem der Liebende sich um den Geliebten sorgt, sei er bei sich. Also Hegels Verständnis des Bei-sich-selbst-Seins im Anderen? Die Abwesenheit des Ich (von sich selbst) wird mit dem „Im-anderen-sein“ – all die Gedanken und Wünsche, die um dich oh Geliebte kreisen – aufgehoben? Das auf die Liebe konzentrierte Ich, seine Angebundenheit an die mit Gewissheit erwarteten Ereignisse oder Abfahrtszeiten des anderen ist seine Last und sein Beweggrund. Dieses Ich löst sich in die ihm eingebundenen evolutionären Versprechungen auf, verfolgt sie, geht in ihnen sich nach. Der Körper wird Projektionsfläche seiner von ihm selbst zugestandenen Versprechung auf Liebe und Geliebt-Sein. Die körperliche Präsenz der Anderen ist ein Unterstand für vergangene Versuche und erwartbare Möglichkeiten.

Verhältnisse mit anderen bieten Ausbruchsversuche aus dem Körper zum Körper an, zur Liebe hin. Liebe schon ausbrechen, ein Ort von Ausgängen, neu eröffneten, am Nullpunkt des Ich. Aufgebrochen aus dem Ich, wie trunken und schmerzlich in den anderen hinein brechend. Annäherung aus dem Verlust heraus.

 

 

196, Liebe Denken Körper Krank

Der Liebende intrigiert gegen sein Ego – eine Gegenarbeit des bedürftigen Geistes gegen sein Aufhören: im Strudel seines Körpers, hechelnder Hormone. Der liebende Mensch im Banne seines Neuentwurfs, um sich so zu zeigen, wie er erwartet werden möchte, im Banne seiner Erziehungsmaßnahme gegen den auf sich selbst gerichteten Egoismus, um die Möglichkeit der Selbstannahme durch die Liebe des anderen nicht zu riskieren.
Mit sich nur allein, wohin mit dem begehrenden Diskurs, keine Tiefe ohne Dunkelheit, kaum Erkenntnis nur Lust, kein Heil.1vgl. Roland Barthes, in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Taschenbuch 1586, Seite 15 Die großen imaginären Fluten, bunte Straußenfedern werden zum kulturellen Ausgleich weiterverarbeitet, den liebenden Revolutionären abgesogen, um der nicht stattgefundenen Versöhnung willen.2vgl. Roland Barthes, in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Taschenbuch 1586, Seite 20

Die Teilnahme am eigenen Begehren ist Gerüst wie Rüstung. Das dauernde, Einsinken in die Schöße dieser Welt, in die Schrift, in die mit Öl gefesselten Figuren einer Leinwandwanderung geschleppt, ist der ungesponnene Kokon meiner Larve. Jede Zeile bezeugt das Sinken, die Verhinderung; nichts endigt und doch strömt es in Farbe, in Berührungen Terpentin gekränkt aus. Vergraben in Betten im Pakt mit dem Kissen der Evolution über Ejakulate am Oevre zu lachen.

Die Triebhaften können an die Sublimierungsleine genommen werden: Schmiert für uns die Tafeln an, füllt die weißen Räume!

 

 

  • 1
    vgl. Roland Barthes, in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Taschenbuch 1586, Seite 15 ↩︎
  • 2
    vgl. Roland Barthes, in: Fragmente einer Sprache der Liebe, Suhrkamp Taschenbuch 1586, Seite 20 ↩︎