294, Paranoide Phantasie – Die Antwort auf fast alles

Phantasie: Die Vorwegnahme des Ungewussten. Als spielerische Begegnung.

Paranoia: Als das Stehen an beiden Ufern und durch den paranoischen Körper strömt der Fluss.

Übersetzen: Von einem Ufer zum anderen, den Fluss queren. Die Ränder tauschen.

Überschreiten: Die Möglichkeit der Vorstellung des anderen Ufers ist Bedingung für die Möglichkeit des anderen Ufers.

Die Vorstellung eines anderen oder von etwas außer mir Seienden ist eine Zuschreibung des anderen durch die über ihn vorweg genommene Beschreibung und nimmt bereits dessen So-Sein vorweg. Das dem anderen prophetisch Vorweggenommene richtet den Vorstellenden auf den anderen und das auf ihn Kommende mit ihm ein. Vorwegnahme (Antizipation) impliziert die Determinierung des noch nicht Tatsächlichen durch den Vorstellenden auf das Vorgestellte. Es wird vorweg bereits etwas gegen das Unvorstellbare als angenommen genommen. Vorstellen bedeutet ein assoziativ-begriffliches Vorwegnehmen, es ist kein über die Wirklichkeit des Vorgestellten tatsächliches Wissen. Dass heißt, es als das Vorgestellte, das Eingebildete für sich als Realität zuzulassen. Jenes Vorstellen gewährt, die Entfernung zum Objekt zu bestimmen, indem es früh begrifflich angegriffen wird. Etwas sich vorzustellen (einen Berg sich auszumalen), bedarf anderer Qualitäten als über etwas nachzudenken (wie besteige ich ihn). Die Gedanken sind nicht frei, wenn sie nicht vom Nachgedachten befreit werden.  Was nicht angenommen werden kann, muss vorweggenommen werden. Was nicht wahrgehabt sein soll, muss verneint werden.

Vorwegnehmen: Prognosen produzieren
Die angenommenen Szenarien des paranoid agierenden Beobachters sind ein modellhaftes Hinterlassen unerwarteter Zukunft zugunsten der Stabilisierung der Gegenwart, um sie erwartbar zu konstruieren. Man schmuggelt sich in einen anderen Weltzusammenhang, um dem angenommen befürchteten zu entweichen.
Vorstellungskraft zu haben, leistet Hilfe, sich an – angenommene – Möglichkeiten anpassen zu können. Phantasie begabt ist man daher, weil es eine konkrete Vorstellung von dem Punkt gibt, von dem man sich weg-bewegt. Vorwegnahme – im weiten Sinne: Hellseherei – bedeutet hier ein Modus der Modellierung der Existenz im Zukünftigen. Das Noch-nicht-seiende (die noch nicht eingedrungene Wirklichkeit) wird vorweg – vor ihrem Weg – genommen als ein schon innerlich Erkanntes: es wird in die Vorstellung geholt, um das, was noch nicht ist, sich näher an das Auge zu bringen oder um dem noch nicht seienden, aber befürchteten Ereignis auszuweichen. Was dort in dem vorweg genommenen Szenario sein kann, wird im Hier schon vorbereitet.
Die intellektuelle Vorwegnahme legt einen Bann auf die Gegenwart. Sie quetscht die Gegenwart zwischen dem entflohenen, aber befürchteten zukünftigen Sein, und dem nicht bekannten Fluchtort aus. Was nehm ich vorweg, und wohin nehme ich es mit?

Transzendenz als Gefahr
Die Vorwegnahme eines so und so befürchteten, prophetisch kalkulierten Phänomens steigert sich zur kognitiven Präsenz des Vorweggenommenen, zur realen Fata Morgana und wird zur Annahme einer befürchteten Erkenntnis bzw. Wahrnehmung, die die Existenz zu übersteigen droht.
Von hier an verspinnen sich die Begrifflichkeiten. Im Vorwegnehmen spielt das Vorstellenkönnen als Begabung eine Rolle. Ohne das Bewusstsein einer bestimmten Möglichkeit (im Fußball als ein Paß in die Tiefe) kann eine bestimmte Richtung der Vorwegnahme nicht eingenommen werden, kann das Vorwegnehmen eines Ereignisses eine bestimmte Richtung nicht auf- oder einnehmen. Der Instinkt über Gefahren besagt, dass die Vorstellung der Möglichkeit von Gefahren bereits aktiv ist. Die angenommene, die durch instinktives Gespür vorhergesehene Gefahr, wird durch die von ihr ausgelösten Fluchtbewegung versucht zu entleeren. Das tatsächliche Eintreten kann nur durch eine vor-zeitige Flucht vorweggenommen werden. Das scheint dem Paranoiker die einzige Chance zu sein. Die Ableitung der Vorstellung ist Vorwegnahme. Das Bewusstsein der persönlichen Leidensgefahren treibt so das Individuum in die Flucht. Die Vorwegnahme des eigenen Furchtraumes korreliert hier mit dem Freud’schen Begriff der Verdrängung. Verdrängung ist insofern Vorweggenommenes, dass sie als Simulation des Schmerzes das Ereignis aus der kognitiven Welt wegnimmt. Sie ist bewusst gemachte Erfahrung einer möglichen Gefahr, die sich nicht wiederholen soll.

 

 

293, Analogie und A.

 

scharz rot gold © Hans-Georg Köhler, 2008

Eine Analogie gewährt – in der Beschreibung eines Gegenstandes – die Rückführung auf bestehende, schon gewusste Formen der Sprachlichkeit; die analogische Operation gebietet das Phänomen als Festes, Schonbekanntes zu behandeln. Analogie zu suchen, markiert eine Abwehr eines neuen Phänomens zugunsten eines alten, indem eine Rückführung – Einebnung – auf schon Bekanntes erfolgt. Es ist ein Handel mit Determinationen. Der Begriff der Analogie besteht darauf, „daß nur Größe, Gestalt, Ausdehnung, Zahl (also sagen wir: Form und Masse) und Lage dasjenige sei, was primär die Qualitäten der Realität ausmacht; alles andere seien sozusagen als Reflex davon hervorgerufene sekundäre Phänomene, die wissenschaftlich nicht interessieren.“1Klaus Heinrich, Arbeiten mit Ödipus, Dahlemer Vorlesungen, Bd. 3, Stromfeld Roter Stern, S. 57
Einen Vergleich anstellen, weißt auf das einsetzende Beherrschenwollen hin, auf eine Annäherung anhand fester wie gewohnter Beschreibungsweisen. Der Versuch, was da stockt in der Überführung zu anderen Qualitäten für sich als Begriff suchenden besser begreifbar zu machen. Dass Analogien herrschen, korrespondiert damit, dass die eigenen Erfahrungen selbst schon in Stoffe zerlegt werden, in Hitze, Gas, Fett.
Im Falle, dass etwas nicht sprachlich gefasst werden kann, und man sich am Unbegreifbaren stößt, so hat man nur die Möglichkeit, sich über das Detail, das schon bekannt und vertraut scheint, zu nähern. Ein gänzlich Unbekanntes ist somit kaum denkbar. Mit der analogischen Rückführung sind wir in der Lage, eine unmittelbare Geistesgegenwart als die Rückbesinnung aufs Bekannte an die Unendlichkeit des Unbekannten anzulegen. Den sprachlichen Figuren ist ihre Fähigkeit zur Verwandtschaftsbildung zu Lasten der Genauigkeit immanent. Die zwangläufige Grobheit der Begriffe macht sie potent. Fruchtbar. Die Bildung neuer sprachlicher Verhalten setzt die stetige Berührung mit der Welt, mit dem Unbekannten voraus.

 

 

  • 1
    Klaus Heinrich, Arbeiten mit Ödipus, Dahlemer Vorlesungen, Bd. 3, Stromfeld Roter Stern, S. 57

292, Begreifen im Begriff

Die Aufhebung des wahrgenommenen Gegenstandes zum Begriffenen, oft zuerst in einer Manier annähernder Begrifflichkeit, die an vorhandene Implikationen in der gewohnten Sprachmenge anknüpft, kommt einer modellhaften Verfestigung gleich.

Das Unfertige der Begriffsbildung, der sprachlichen Bezeichnung als eine annähernde Unabgeschlossenheit zum Gegenstand. Es gilt die Erfahrungsschleifen aufzubrechen, das festbegriffene Subjekt wieder zur Verhandlung mit der fluiden Wirklichkeit zu bewegen.

Die Gegenstände – auch hier ihrer puren Begreiflichkeit durch Begrifflichkeit entrissen, verlieren an Schärfe, an Kontur, aber gewinnen ihre unterstellte Bestimmtheit durch den sie bestimmenden Begriff.

 

 

 

291, Arbeitsplatz Identität und Leiden

Wenn ausschließlich der ausgehaltene Arbeitsplatz zur Stütze der Identität wird, entwickelt die darin angestellte Person symptomatische Verklärungen. In hierarchischen Arbeitsverhältnissen, wo stupide und funktionell-formal verfahren wird und die tätige Person determiniert auf ihre funktionelle Tätigkeit reduziert ist, wo schließlich die betriebene Bemächtigung der gesellschaftlichen Lebenswelt gegen ihre Selbsterkenntnis – zur Aufrechterhaltung der betrieblichen Abläufe und Hierarchien – geschützt wird, muss diese Person diesen einzwängenden Apparat auf sich selbst beziehen. Was dem Schizophrenen noch half – sich in einem Prozess mit festgesetztem Anfang und Ende aufzuteilen, macht nun die wohlmöglich noch-normal-gesunde Person paranoid. Die Umstände, die im Arbeitsverhältnis nagen und zugleich das Arbeiter-Sein ermöglichen, erzeugen nach der Abwicklung seines Arbeitsplatzes seine Geschichte, die ohne Arbeitsverhältnis sinnlos erscheint: als Aufopferung, aber für wen? Wenn diese konstitutive Negativität des Arbeitsplatzes als Identität stiftender Widerstand wegbricht, die funktionellen Koordinaten des Arbeitsplatzes schwinden, entsteht eine mit Angst gefüllte Leere: Ein Verlust der Arbeitsbiografie. Darin, dass die determinierte Person mit dem ihr angehörenden Prozess im Arbeitsplatz und dass der Arbeitsplatz mit der ihm angeschlossenen Person im Produktionsprozess identisch werden sollen, zeigt den möglichen Verlust an, wenn die Prozessstütze für den funktionierenden Menschen aus beliebig austauschbaren Funktionen besteht. Der Verlust besteht darin, dass aus der Aufopferung für die identitätsstiftende Umklammerung durch den jeweiligen Arbeitsplatz keine Selbstbestimmung zu gewinnen ist.

Zwangsidentität
mit dem Produktionskörper – als Verneinung des Menschen durch die Technokratie der inkorporierten Prozessabläufe, aber zugleich die Verkörperung der sich industriell in den Menschen einschreibenden Identität der Verwertbarkeit: sich industriell nutzbar zu erweisen und sich dem Rohstoff der eigenen Verwertung gleich zu machen. Das Inhumane ist doppelt tätig: als Krankheit und als medikamentöse Gewinnspanne.

 

 

290, Paranoia und Schwurbel III

Der Handel mit Mutmaßungen über das So-und-so-Funktionieren einer ausgemachten Realität, des urteilenden Herrschens über Situationen oder deren Einschätzung als einzig realistisch mögliche, zeigt als Anmaßung zwei Seiten: als die Mutmaßung über die Standpunkte der anderen gegen den eigenen und als Standpunkt gegen die Standpunkte der anderen. Das Zwingende dieser pathogenen Rationalität des Paranoikers wächst zum Wettbewerb des sich gegenseitig etwas Aufdrängens von gemeinten Weltsichten – jeder weiß es besser. Es scheint Kontrolle zu suggerieren, wenn den anderen Menschen mit der eigens zugemuteten Einsicht in die Weltzusammenhänge zuvorgekommen werden kann. Das hat zur Konsequenz, dass das zwanghafte Handeln des Paranoikers, der die Umwelt eigenmächtig und eigenartig interpretiert, auf ihn selbst zurückfällt. Die soziale Umwelt wehrt die Verdächtigungen gegen sich ab und isoliert zunehmend die paranoide Intrige: Was desto mehr die paranoiden Unterstellungen gegen diese – anderen – sozialen Umwelten bestätigt. Die empfundene soziale Ausgrenzung – ist das nicht der Beweis, dass die anderen keine Ahnung haben? Längst also ist der unter seiner Vorstellung überzeugte wie leidende in seiner Selbstpropheterie gefangen.

 

 

289, Verschiebungen: Ich und Objekt

Das Verschieben des Ichs in den Wahrnehmungsraum seiner Objekte bzw. in den Objektraum seiner Wahrnehmung ist ein notwendiger Moment zur Ich-Bildung in der Beobachter-Existenz. Das, was external wahrgenommen, wird zum Ich-Material und führt zur eigenen Objektivität, zur Objektivation der Welt im Ich. Der alte Begriff dafür: Selbstbewusstsein. Das Selbstbewusstsein ist sich über die Bildung von Fremdheit zu sich durch die von ihm angetriebene Objektivation bewusst, im Klaren. Identität als Bewusstsein steter Differenzierung? – Identität als nichts weiteres betrachtet als die Entdeckung, dass die mir äußerlichen Objekte, als diejenigen, welche als mir äußerliche deshalb als Objekte bestimmt sind, zur Reichweite des Ichbezirks – des sich konstituierenden Selbst – gehören. Die als äußerlich erkannten Begriffe, Bestimmtheiten sind wesentlich Teil der Karosserie des Ich-Gefährts, nicht nur Arme und Beine. Die Rede vom Prothesen-Menschen unterschätzt die Wichtigkeit des stets mitgeschleppten – durch die Erfahrung gegangenen – Ich-Raumes.
Erst wo Gewalt herrscht, regrediert das menschliche Individuum. Die Instanz der Fehlbildungen, der Mangelerscheinungen, der Spaltungen – das durch seine stetigen Unterhöhlungen sich zum selbstbehaupteten Ich treibenden – drängt das jeweilig betroffene, sich auflösende Subjekt zur Realisation des psychischen Ich; es pathologisiert sich, indem die Welt „eine Scheibe hat“. Bei so vielen Feinden, erkannten Schwächen, unterstellten Fehlleistungen kommt es schwer über sich hinaus, d. h. es kommt nicht zu-sich, zu reflektierendem Selbstbewusstsein. Das zarte Ich wird von sich – seinen ureigenen Interessen – weg getrieben und wie freiwillig nimmt es Distanz zu sich, denn es will sich seinem Mangel nicht stellen: bis er zerreißt. Es scheint, dass im Exzeß, in der gewalttätigen Orgie das Opfer der Selbstbehauptung sich seiner Verfolger entledigen kann: seiner selbst, seinen Erwartungen gegen sich selbst. Im Kampf gegen die eigene Vernichtung entwickelt das entzweite Subjekt, das schon geschlagene, eine gedankliche (psychisch-geistige) Struktur, dieser Vernichtung zuvorzukommen: Paranoia. Die dem humanen Wesen unterstellte Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung a priori mündet in ein A Priori, das im Vorgriff zu machende Erfahrungen vernichtet. Die Antizipation von möglichen Gefahren blendet tatsächliche aus. Die Zukunft-Wissenden sind besonders gefährdet, in ihrem Zustand zu erstarren. Die gesellschaftliche Krise der Wissensverwaltung, die in der Rationalitätsverengung der Erkenntnis1vgl. in: Sozialforschung als Kritik: Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie, hrsg. von Wolfgang Bonß und Axel Honneth, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1982, stw 400, Seite 46 zur Sprache kommt, äußert sich im Subjekt als Rationalitätsverengung durch Erkenntnis. Den Widerspruch zwischen Tatsachen- bzw. Erscheinungswissen und Begründungswissen erfährt das Subjekt nicht als dialektische Geburtswehe des Wirklichen, sondern vielmehr als Irritation, Verirrung, als ein Zuviel des Hin-und-Her – gänzlich ohne kontextuelle Einordnung. Dieses Subjekt verwirklicht sich noch auf seine Kosten, aber nicht mehr, indem es „insofern ist, als es Seiendes vernichtet.2vgl. Alexandre Kojève, in: Materialien zu Hegels Phänomenologie des Geistes, stw 9, Seite 143. Hier der ganze Satz: „Der Mensch muß ein Leeres sein, ein Nichts, das nicht reines Nichts ist, sondern ein Etwas, das insofern ist, als es Seiendes vernichtet, um auf seine Kosten sich selbst zu verwirklichen und im Sein zu nichten. Der Mensch ist negierendes Tun, das das Daseiende verwandelt und in diesem Verwandeln sich selbst verwandelt.“
„Im Strom des Bewußtseins, der sonst gleichförmig abzulaufen schien, entstehen nunmehr Wellenberge und Wellentäler: Es bilden sich einzelne dynamisch betonte Inhalte, um die sich die übrigen gruppieren. Und damit ist erst der Boden für jene Zuordnungen bereitet, auf denen die Gewinnung irgendwelcher sprachlich-logischen >>Merkmale<< und auf denen die Zusammenfassung zu bestimmten Merkmalsgruppen beruht, ist erst die Grundlage gegeben, auf welcher die qualifizierende sprachliche Begriffsbildung sich aufbauen kann.
Schon in dem Übergang von den bloßen sinnlichen Erregungslauten zum Ruf bekundet sich diese allgemeine Richtung der Sprachbildung. Der Ruf kann, z. B. als Angst- oder Schmerzruf, noch ganz dem Kreise der bloßen Interjektion angehören; aber er bedeutet bereits mehr als dies, sobald sich in ihm nicht nur ein eben empfangener sinnlicher Eindruck im unmittelbaren Reflex nach außen wendet, sondern sobald er der Ausdruck einer Bestimmten und bewußten Zielrichtung des Willens ist. Denn das Bewußtsein steht alsdann nicht mehr im Zeichen der bloßen Reproduktion, sondern im Zeichen der Antizipation: Es verharrt nicht im Gegebenen und Gegenwärtigen, sondern greift auf die Vorstellung eines Künftigen über. Demgemäß begleitet jetzt der Laut nicht nur einen vorhandenen inneren Gefühls- und Erregungszustand, sondern er wirkt selbst als ein Motiv, das in das Geschehen eingreift. Die Veränderungen dieses Geschehens werden nicht lediglich bezeichnet, sondern im eigentlichen Sinne >>hervorgerufen<<.“3Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. Ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Hrsg. Birgit Recki. Erster Teil: Die Sprache, Felix Meiner Verlag Hamburg: 2001, Seite 258
Verbirgt sich in der Beschreibung der Sprachentwicklung nicht auch die Beschreibung einer Epikrise? Sind die festgemachten Merkmale nicht schon Vorschüsse auf die nachfolgenden Symptome? Aus dem, woraus Sprache hervorgeht, droht sie zurückzufallen. Eine Schreien, jammern und Wimmern täglich in der S-Bahn. Was durch Angst einstmals etwas sprachlich machen half, zu Sprache reifte, ruft nun wieder bloße Angst hervor. Das Schreien ruft sich in die Angst herein, geht in eine Interjektion mit dem ursprünglichen Zustand ein, vor lauter Furcht. Sie schreien und hören sich nicht.
Das Opfern zugunsten ästhetischer Ausdrücke, die große künstlerische Geste (je nach Konstitution: fremdes, oder eigenes Material) soll dem psychotischen Ich („das entzweite Subjekt“) die Versicherung seines Seins als Seinsmächtigkeit über Anderes (Andere) gewähren. Die Manifestation der Negation hilft ihm zur Bejahung seines Daseins. – Terror als Individualisierungsprogramm?

Das Ich scheint immer determiniert: Nie genug für kommende, zu leistende Erfahrungen. Der Schlund des Allgemeinen gibt das Einzelne preis, indem es vereinnahmt wird. Die Leistung des Ich liegt darin, den eigenen Vorgang der Unterdrückung und Verdauung als persönlich erlebten Nebel über seinem Leben zu erkennen. Die Speichelreste gesellschaftlicher Verallgemeinerungsmacht sind seine persönlich auszutragenden Wundmale.
Die Unmittelbarkeit der Macht/ Ohnmacht ist abstrakt: Die Totalität der Phänomene mir gegenüber wird in meine Schwäche zur Erklärungs-Totalität über Phänomene gemünzt. Einfache Erklärungen sind lukrativ. Das Laute trifft im Nachhinein auf taube Ohren.

Die Kunst kann den Rückzug aus den aufgegebenen Gebieten organisieren und gegen die Erkenntniswucht des Todes hinweghelfen.4„Der Erkenntnistrieb ist ein Todestrieb, und Kunst ist der Versuch, den Erkenntnistrieb zu betäuben.“ Heiner Müller, in: Jenseits der Nation. Rotbuch Verlag Berlin 1991, Seite 71
Artefakte als externalisierte Müllstationen. Schlacke des Funktionierens, was ein Brennen.

 

 

  • 1
    vgl. in: Sozialforschung als Kritik: Zum sozialwissenschaftlichen Potential der Kritischen Theorie, hrsg. von Wolfgang Bonß und Axel Honneth, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1982, stw 400, Seite 46
  • 2
    vgl. Alexandre Kojève, in: Materialien zu Hegels Phänomenologie des Geistes, stw 9, Seite 143. Hier der ganze Satz: „Der Mensch muß ein Leeres sein, ein Nichts, das nicht reines Nichts ist, sondern ein Etwas, das insofern ist, als es Seiendes vernichtet, um auf seine Kosten sich selbst zu verwirklichen und im Sein zu nichten. Der Mensch ist negierendes Tun, das das Daseiende verwandelt und in diesem Verwandeln sich selbst verwandelt.“
  • 3
    Ernst Cassirer, Philosophie der symbolischen Formen. Ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Hrsg. Birgit Recki. Erster Teil: Die Sprache, Felix Meiner Verlag Hamburg: 2001, Seite 258
  • 4
    „Der Erkenntnistrieb ist ein Todestrieb, und Kunst ist der Versuch, den Erkenntnistrieb zu betäuben.“ Heiner Müller, in: Jenseits der Nation. Rotbuch Verlag Berlin 1991, Seite 71

288, Beobachten und Zweifeln mit Hegel

Der Beobachter wird, um später die Erkenntnis bei sich zu haben, außer sich gehen, sich durch die Öffnungen des Geistes, sehend, hörend usw. nach der sinnlichen Welt „verlassen“, „entäußern“: als Beobachter 2. Ordnung. Ohne diese Entäußerung der Beobachtung kommt Selbstvergewisserung nicht aus: Die Möglichkeit zur Reflektion über das Beobachtete bestimmt die – sich etablierende – Selbstgewissheit über das Beobachtete. Die beschreibbar gewordenen Objekte formieren Bewusstsein über Objekte. In diesem Verlauf der Reflexion des beobachtenden Subjekts muß es die Erfahrung in sich hineinziehen, „[D]aß es sich selbst als elend und nichtig wisse. Das äußerliche Unglück muß […] zum Schmerze des Menschen in sich selbst werden: er muß sich als das Negative seiner selbst fühlen, er muß einsehen, daß sein Unglück das Unglück seiner Natur sei, daß er in sich selbst das Getrennte und Ent­zweite sei.“ Aus dieser „Bestimmung der Zucht in sich selbst, des Schmerzes seiner eigenen Nichtigkeit, des eigenen Elendes, der Sehnsucht über diesen Zustand des Innern hinaus […] ist das Höhere aufgegangen, daß der Geist zum absoluten Selbstbewußtsein gekommen ist, indem er sich aus dem Anderssein, welches seine Entzweiung und Schmerz ist, in sich selbst reflektiert.“1G. W. F. Hegel, Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, stw 612, Werke 12, Seite 388

Zweifeln mit mir
Ist diese Erfahrungsspaltung eine wissenschaftliche Erfindung der Entblößung des Objekts im Subjekt? Die Zugriffe auf die Appendixe des humanen Subjekts, des nicht festgestellten Tieres, sein Fell im Auge, seine Kotze im Mund, Zunge schon Organ – endlich wahrgenommene Areale: Selbstbewusstsein.2Vgl. Slawoi Zizek, Verweilen beim Negativen. Turia & Kant, Wien 1995, Seite 84, 86 Die Überwindung der Objektgestalt des Subjekts – also des Bewusstseins des Wahrnehmungs- und Erfahrungsraumes im Körper, das optisch erscheinende Material, das als Körper dem Subjekt zugeordnet wird, bedeutet die Auflösung des normalen Ichseins zur Kunstform: Der Schrei gegen den Körper: nach ihm. Das Ich und sein Auslauf: eine überirdische Kloake mit Fäkalienausfuhr seiner erbrochen Zeit. Diese Verbindung – die Klarheit der Gedanken bei so viel Unreinem im Gesicht, zwischen den Zehen – nötigt die Körperlichkeit des Subjekts zur widersprüchlichen Selbstverschlingung. Black hole. Der Geist, in seiner Klärungswut, der Dechiffrierungen, Identifikationen, Objektivierungen ist eine Herrschaar von Geiern, die sich selber fressen; kurz zuvor sie hoch droben schweben. In der grauen Rinde. Hemisphäre.

Eine In-Eins-Setzung. Auf dem Teller liegt dann ein Magen, der Kelch der Blume leuchtet als Auge. In-Eins-Setzung, Verklumpung, Verschmelzung von Beobachtung (neuronales Feuern) und dessen Form als Beobachtetes: Ist das ein Gegenstand, sind das bestimmte Energiepotentiale im Gehirn, ist das ein Objekt? In-Eins-Setzung von Wunsch und Gewünschten, Verlangen und Erlangten, Wollen und Gewollten, Trieb und Betriebenen. Tätigkeit und Tat.

Auf dem Teller liegt ein Magen: kann heißen, dass das als Äußeres erkannte schon innerlich konditioniert ist, was zur Auflösung der Begrenzung des Ich führt. Das in der Welt Gesehene wird als Bestandteil dem eigenen Körper zugedacht. Eine Konstellation des Wahnsinns ist es, alles auf sich zu beziehen – das Zweifeln kommt nicht zur Ruhe und gestaltet die Bedingungen für den triadischen Käfig der Depressionen.

 

 

  • 1
    G. W. F. Hegel, Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1986, stw 612, Werke 12, Seite 388
  • 2
    Vgl. Slawoi Zizek, Verweilen beim Negativen. Turia & Kant, Wien 1995, Seite 84, 86

287, Vergegenständlichungen des Körpers. Selfies Masken Avatare

Masken
Die Vertretung der Person durch ihre Maske – die Umgebung der Person wird ihr ins Gesicht geschnitten – als Ausdruck des sozialen Körpers im eigenen Fleisch. Der Romantisierung des Körpers geht die Entfremdung der eigenen Wahrnehmungs-Organe voraus.
Die Social-Media-Person in ihren Kameraeinstellungen, fotografischen Abscheidungen korumpierter Sonnenuntergänge wächst in ihrer Social-Media-Timeline in ihre digitale Stellvertretung hinein: als Ich-Ersatz oder asozialer Auswurf. Externalisierungen werden erarbeitet, um sich in kleinster Größe als Avatar seiner selbst zu retten oder: um sich selbst in objekthafter Annäherung anzuschauen, schließlich am eigenen Fetisch sich zu ergötzen.
Die ichige Befindlichkeit wird zur Wahrnehmungsfolie der anderen externalisiert. Das Konterfei als Anatomie des Wahrgenommenseins – als Selfiness zwischen vermarktbar bis käuflich.
Das Ich wird zur Verteidigung von sich selbst gegen sich selbst angesetzt. Es soll niemals zufrieden mit sich werden: Messe deinen Blutdruck, tracke deine Körperfunktionen: Optimiere dich! Dysfunktional zwischen wahr und Ware scheitert es am Telos des kapitalistischen Marktes: Die – technische – Inpersonalisierung des eigenen Leibes als Chance, davon zu kommen?

Begehren
Aus der Abwehr der Welt, des Außen, aus der in ihr entdeckten Körperlichkeit heraus soll das Ich sich konditionieren: vom unerfüllten Begehren her konstitutiert sich das diabolische Ich. Aus dem Training wird der Es-Apparat geschnitzt. Das Ich wird als Es trainiert, seinen Körper zu ertragen. Der Körper als Exterritorialisierung des Ich: offen für Gadgets. Aus seiner produktionstechnischen Negation vollbringt das Ich seine Vertrautheit zu sich: Es lernt seine Schwächen intensiver kennen und internalisert sie. In seiner Entzweiung zur marktfähigen Optimierung initiiert es sich: als gescheitertes, aber markfähiges Subjekt, das langsam und sicher von seinen technischen Prothesen hospitalisert wird. Der Nachvollzug der ersten Entzweiung (die Geburt) bildet das Muster folgender Häutungen: für die Befreiung zu einem neuen schutzbedürftigen Zustand. Bürgerlichkeit als gescheiterte Lebenslage. Dieses gesellschaftliche Individuum verstofflicht sich selbst in dem Widerspruch, dass seine Vergegenständlichungen zugleich seine geschaffene, also verschmutzte Umwelt ist. Meer und Ufer. Krieg und Frieden. Ohne seinen Terror gegen seines gleichen vermag der Mensch nicht zu lieben.

Wer nicht an sich selbst arbeitet, arbeitet gegen andere.

Verliert er Kultur, wo er sich niederlegt? Ist sein kulturelles Ego wirklich der sublimierte Triebanteil des Ich?1Die Freudsche Annahme, dass aus den Sublimaten des Triebes kulturelle Leistungen bzw. Ergebnisse angestrengt werden, hat in der möglichen Trieberfüllung ihre Krise. Die Trieberfüllung als animalischer Verrat des Menschen gegen den Menschen? Das Barbarische der Kultur würde durch die Idiotie des Begattungsrituals ersetzt?
Die Vergegenständlichung der sozialen Umwelt steht geradezu im Widerspruch zur körperlichen Bezüglichkeit zu ihr. Die Wahrheiten sicher geglaubter Weltkonsistenzen verlieren gegen den Profit der stärkeren Wahrheiten. Nachrichten sind ebenso der Vergegenständlichung durch ihre monetäre Verwertung ausgesetzt und hören nicht mehr auf, aus Münzen Information und aus – sozialen – Informationen Münzen zu machen. Die endlose Vergegenständlichung – nichts sei in der Welt, was nicht durch den menschlich-kapitalen Verwertungs-Apparat ginge – errichtet gegen den Begehrensanspruch eine Mauer aus feinster Seide. Die sexuelle Verkörperung mit den Waren, beschreibbar als Fetischcharakter der Ware, als Entfremdungsleistung des Arbeiters, der Arbeiterin entkörperlicht das naturhaft begehrende Individuum desto mehr. Die durch tausende Hände berührten Dinge unserer Welt versagen die tatsächlich menschliche Berührung. All die künstlerisch-kulturellen Materialisationen unerfüllter Begehrensakte erinnern uns daran: Die Ästhetisierungen des Realitätsprinzips in den Künsten bedeuten einen Grad der Verweigerung des menschlichen Begehrens. Warum sonst kann die Bildende Kunst das Sinnliche so sehr erinnern?

Artefakte als Entfremdungsakte
Künstlerische Zeugnisse zeigen uns die Verweigerung des bürgerlichen Telos. Das emphatische Erkennen der Schönheit im Kunstwerk als eine Art Mit-Leiden-Können am Begehrensanspruch des Anderen, und überhöht: als die gemeinsame Feier (happening) ihrer Überwindung.
Im künstlerisch vollzogenen Überleben der Situation des Triebverzichts – als Ästhetisierung des Realitätsprinzips – hat die Welt die Gelegenheit, an das überlebende humane Ich heranzukommen. Scheitern scheitern scheitern.

Sex als Entzweiung
Die ästhetische Vergegenständlichung erwies sich als Abstandshalter des menschlichen Begehrens zu sich selbst, als das, was sich ihm entzieht. Insofern ist es erst hier als Gegenüberseiendes zu erkennen. Die Bedingung, dass das sexuelle Erleben von der menschlichen Entzweiung ausgeht – von der Befriedung des Ich am Anderen, verstofflicht zum eigenen Liebeserleben, scheint nur überwunden werden zu können in der Entzweiung selbst, im Akt, in der Vereinigung (nicht: Verzweiung). Die Entzweiung ist desto schmerzlicher, wenn sie nicht in sich selbst überwunden werden kann, jedoch bewusst mitgeschlieffen wird. Die Bildung von Bewusstsein als den zu erkennenden Widerspruch von Ich und Weltverfügung. Entfremdung drückt die Differenz von Ich und Welt, Ich und Selbstbewußtsein nicht mehr nur aus, sondern füllt sie bereits kulturell, mit allerhand Souvenierkrempel. 2„Das Selbstbewußtsein hat sein Ansich zwar nicht außerhalb seiner selbst, sondern findet sich nur im Fremden, das an sich, d. h. nicht für es, sondern für das Selbstbewußtsein das Fremde ist. So ist es von Haus aus Weltumgang, der nicht idealiter über der sinnlichen Welt steht, sondern als zweite übersinnliche Welt, als Welt der Sprache, in ihr umgeht. Das Selbstbewußtsein kommt sich dabei im erscheinenden Bewußtsein von außen entgegen [als Objekt, HGK]. Bewußtsein ist nicht etwas Innerliches. Als Wirkliches ist es immer schon und nur die Einheit von Innerem und Äußerem. In diesem Sich-von-außen-Entgegenkommen besteht nicht die Gewißheit, sondern die Wahrheit der Gewißheit.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart. Aufsätze (hier Vortragniederschrift), Steiner 1977, Seite19

 

 

  • 1
    Die Freudsche Annahme, dass aus den Sublimaten des Triebes kulturelle Leistungen bzw. Ergebnisse angestrengt werden, hat in der möglichen Trieberfüllung ihre Krise. Die Trieberfüllung als animalischer Verrat des Menschen gegen den Menschen? Das Barbarische der Kultur würde durch die Idiotie des Begattungsrituals ersetzt?
  • 2
    „Das Selbstbewußtsein hat sein Ansich zwar nicht außerhalb seiner selbst, sondern findet sich nur im Fremden, das an sich, d. h. nicht für es, sondern für das Selbstbewußtsein das Fremde ist. So ist es von Haus aus Weltumgang, der nicht idealiter über der sinnlichen Welt steht, sondern als zweite übersinnliche Welt, als Welt der Sprache, in ihr umgeht. Das Selbstbewußtsein kommt sich dabei im erscheinenden Bewußtsein von außen entgegen [als Objekt, HGK]. Bewußtsein ist nicht etwas Innerliches. Als Wirkliches ist es immer schon und nur die Einheit von Innerem und Äußerem. In diesem Sich-von-außen-Entgegenkommen besteht nicht die Gewißheit, sondern die Wahrheit der Gewißheit.“ Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart. Aufsätze (hier Vortragniederschrift), Steiner 1977, Seite19

286, Blick zurück im Mondlicht

Stille
Vor dem Einschlafen, liegend
Der Blick in das Zimmer
Das Fensterlicht wandert
Mit dem Mond
An der Decke, den Wänden entlang
Kanten, Gegenstände, Flächen im weichen Tuch
Zwischen Grau und einigen Lichtspitzen eingetaucht
unscharf Bücher, Bilder, kleine Skulpturen und Fotos
verblasst.
Weit weg.
Einfach durch die Zeit zwischen jetzt und
dem Lesen der Bücher, dem Malen der Bilder.

Ich blicke ZURÜCK
Durch eine Wand des Alters
Sehe ich meine Gefährten
Bilder, Texte, Fotos
Und nehme Abschied.
Von mir:
Meinen Äußerungen.
Ich bin eine Biografie geworden: Das Leben geteilt in
Erinnerung und
aktuellem Atem.

Foto: Hans-Georg Köhler, 2026

 

 

285, Sein mit Hegel

Escherfigur
In der Philosophie wurde der Begriff des Seins von verschiedenen Beobachtungspunkten markiert, d. h. als begriffliches und begreifbares Objekt der Existenz besprochen. In der Escherfigur aus Signifikat und Signifikant bis zum Grunde untersucht, wurde der Begriff Sein in das An-sich-Seiende als Kleiderspende (der empirischen Gegenstände, auftretend als Erscheinungen, die die Wahrheit nur an sich haben) und in den An-und-für-sich-seiendem Moment der selbstreflexiven Wirklichkeitsproduktion gegeneinander aufgespalten. Das An-und-für-sich-seiende Moment der Erfahrung ist nichts anderes als der über das An-sich-Seiende reflektierende (und daher für-sich-seiende) Mensch selbst.1Zum Begriff des Erkennens, des Fürsichseins, des Bewußtseins siehe G. F. W. Hegel, in: Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 612 (1986), Werke 12, Seite 388 f

Selbstbewusstsein
Selbstbewußtseein als die erkannte Selbst-Position eigener Wahrnehmungen ist so ausgedrückt, die für-sich-seiende – selbstreflexive – Position des Bewusstseins über sich selbst. Die Vermittlungsweise – die Durcharbeitung des An-sich-Seienden zum An-und-Für-sich-sein des jeweiligen Bewußtseins und die Beeindruckung, das Impressionieren des Bewußtsein erlangen wollenden menschlichen Subjekts von außen, worin sich sein Vermittlungsmotiv ausdrückt, ist seine Leidensweise. Weil das an-sich-seiende permanent geändert wird, gelingt nicht die Aufhebung, der Sprung zur selbst erkannten und angenommenen Form, die sich durch ihren Ausdruck (output) und ihre Selbstbeschreibung erzeugt. Das An-sich-seinende ist in eine Erfahrung zu sich selbst gehoben worden. Es stellt sich heraus, daß die Trennung der Lebenswelt in An-sich-seiende und An-und-für-sich-seiende Entitäten die Kontinuität zwischen den Welten aufhebt und nicht herstellt. Die Crux dieses Verhältnisses oder: dieser Umklammerung besteht darin, daß es uns bestimmt und von uns bestimmt wird, was heißt: dass es uns so bestimmen wird, wie wir es bestimmt haben! Es verstärkt unsere Unzulänglichkeiten.

Enlightment
Die Aufklärung der Umwelt, um in alles Dunkle Licht zu bringen, als Klärungsversuch oder Scheitern betrachtet, die Umwelt, die Gegebenheiten gegen das eigene Individuum abzusichern und damit überhaupt – wenigstens – eine Vorstellung von sich (gegen die Umwelt) zu erarbeiten. In den Gegenständen, Objekten – an denen Vorstellungen entwickelt werden – wird das Bewusstsein der Beschreibung des Gegenstands entkörperlicht zur Allgemeinheit der Sprache, die mit anderen Sprachteilnehmern potenziell geteilt werden muss. Mit der Anerkennung des Objektes, des Flecks usw. innerhalb sprachlicher Verfestigungen, verkörperlicht sich das Ich im sprachlichen Netz seiner Beschreibungen: „das Ich ist Objekt“ – Lacan.2vgl. Slavoj Zizek, in: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus II, Turia & Kant Wien 1995, 1995Seite 84, 85 Dasjenige an dem das Vorstellen in Gang kommt – der Gegenstand, der Fleck, das Objekt – erinnert das Ich an sich selbst: es kommt sich von Außen über seine Wahrnehmung des Gegenstands entgegen.3vgl. Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Steiner, Seite 19 Dem Begreifen geht die Vorstellung vom Zu-Begreifenden voraus und: eben dieses ‚Sich-Vorstellen‘ verstellt es damit.4vgl. Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 72 Das Subjekt der Erfahrung, oder der Begriffsbildung geht an den wohlmöglichen Bestimmungen der Eigenschaften, aus dem unbegriffenen Horizont unterstellter Qualitäten irre. Das Erkennen eines Gegenstandes – die Begriffsbildung über einen Gegenstand – ist weniger von der Erkennbarkeit des Gegenstands abhängig, er bräuchte hier seinen menschlich machenden Rohstoff nicht mitliefern, sondern mehr von der Vor-Stellungsentwicklung über den Gegenstand: Erfahrung a priori. Der Erfahrungsschatz des wahrnehmenden Menschen ist ein Depot überwundener oder abgelegter Einstellung oder Vorstellungen: Es ist das Licht in der Dunkelkammer Realität. Das Transzendentale Subjekt ist nicht nur fähig aufgrund bestimmter Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung, Erfahrungen ohne leiblichen Kontakt mit einen Gegen-Stand zu machen, denn es kann spekulieren, vor-stellen. Dass heißt, ein in der Wahrnehmung bestimmter Gegenstand wird nie mehr nur unmittelbar (totalitär) ins Sichtfeld eindringen: die von ihm zu machende Erfahrung ist in seinem Erscheinen schon vermittelt, d. h. mit dem Gegenstand erscheint zugleich sein analogischer Geist von ihm mit; die am bestimmten Gegenstand vorher tätigen Geister, gemachten Erfahrungen treten in diesem Sinn mit dem wahrgenommenen Gegenstand und dem Beobachter des Gegenstandes auf.

Aufklärung und ihr Schatten
Das Erkannte objektiviert mehr und mehr den Erkennenden – es bettet seinen Weg, führt ihn: Die entdeckte Logik eines Vorgangs geht gegen den Entdecker vor, bzw. logifiziert den Entdecker. Das Antizipierungsvermögen kann als latenter Tonus, als Erfahrungslast der Angst die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung beschweren, beeinflussen, determinieren. Aus dem Zeitvorsprung – Erfahrungen können a priori entwickelt werden, die eventuell hinter jedem Objekt lauernde Gefahr, zumindest die Ungewißheit darüber schneller zu überwinden –, wird die Annahme gesponnen, dass hinter allem und beständig Erfahrung  ausgeschwemmt oder wieder zitiert wird, oder der Zweifel begleitet die wahrnehmende Existenz, etwas nicht zu erfassen, und zu vermuten, dass etwas verborgenes bleibt. Andererseits ist kaum etwas in der Welt, dass nicht schon belichtet worden ist. Das Vorstellungsvermögen als ein Regulativ, nicht ohne Vorbereitung vor der Welt zu sein.

Lernen schwer gemacht
Im Begreifen – Aufklären – des Gegenstands, Phänomens, Begriffs ist zugleich ein Bedrängen des Gegenstands, Phänomens, des Begriffs und der eigenen Erfahrungen einzugestehen. Die Beschäftigung mit einem Phänomen dient eigentlich dessen Abwehr: Stete Reduktion auf Bekanntes zum Zwecke der beruhigenden Kontrolle. Eine Erfahrung – das Begriffene – bedrängt daher das ihr Außenliegende, weil das ihr Außenliegende sie bedrängt. Wer hält sich nicht gern an seine Erfahrungen? Als ob durch das Hervorrufen der Begriffsarbeit – oder wie soll man das sprachliche Hin und Her im Bezeichnungsakt nennen? – der Gegenstand ins Verschwinden gebracht, gedrängt wird. Insofern bezeugt jede Erkenntnis zugleich die Abwehr des vormals als erkannt geglaubten Gegenstandes. Je nach Beobachtungsperspektive: Verneinung, Verdrängung, Kontrolle durch Bemächtigung. In dieser Ambivalenz wären Naturgesetze (als Erklärungsmodelle zur Beherrschung von Natur) eine Verneinung der Natur: Der Beobachter macht sie nur sich selbt zu recht. Theorien bedeuten in diesem Sinn eine Abwehr des in ihnen Verhandelten, um es in den Griff zu bekommen. Genau diese Last der Erkenntnis wird mit dem Jargon der wertfreien Wissenschaftlichkeit, wenn nicht verdrängt, so aber verharmlost. Der Bemächtigung des Erkannten durch die Angst oder der Ermächtigung der Angst durch Erkenntnis in angstauslösenden Erscheinungen geht ein Begreifen voraus, welches mit der Aufklärung dieser Erscheinungen eine Abdunkelung auf der anderen Seite erreicht. Es entsteht eine >Bereitschaftspflicht< des erreichten Wissens, damit es mächtig über den bezwungenen Angst-Arealen, Phänomen bleibt, dass die Theorien halten vor den unbegriffnen Massen der Phänomene. Das Bezwingen der Katastrophen bricht sich in der Angst vor Katastrophen Bahn – dass das Bezwängte sich wieder befreit. Die Antizipation der Katastrophe, um sie zu verhindern. Die Bezwingung des Flusses mit dem Damm erklärt sich im Dammbruch. Je größer die Bezwingung, desto wahrscheinlicher ihr Versagen. Die sich in den großen Leistungen des Bezwingens, Bemächtigens ausdrückende Macht ist jedoch das, was diese Leistungen unheimlich machen. Die Mächtigkeit des Bezwingenden wird zunehmend eine Ohnmächtigkeit vor dem Bezwinger (und seinem Bezwungenen). So wunderbar konstruierte Maschinen produzieren jene Ohnmächtigkeit für ihre Anwender, zu deren Erleichterung sie gemacht waren (, denn der Hochofen verlangt nach seinem beständigen Betrieb). Das Problem unzureichender Gebrauchsanweisungen beginnt hier: Die Furcht vor der Komplexität einer Internet-Kaffeemaschine setzt noch vor dem Geschriebenen ein und übersteigt das Nutzungsverhältnis – was natürlich nicht in der Gebrauchsanweisung beschrieben wird.

Die Arbeit des Negativen
Diese Lern-Arbeit zeugt vom Schmerz, vom Leiden, ist die Arbeit des Negativen: wo etwas erscheint, wird es sogleich mit Negativität aufgehoben – selbst die Dinge erleiden menschliche Tätigkeit, um „dernach ihre Bezeichnungen, ihre Namen zu erhalten“5„Alle Dinge treten in den menschlichen Gesichtskreis, d. h. sie werden erst zu Dingen, in dem Maße als sie menschliche Tätigkeit erleiden und dernach erhalten sie ihre Bezeichnungen, ihre Namen.“ Ernst Cassirer zitiert in angegebener Textstelle Ludwig Noiré. Vgl. Ernst Cassirer, in: Philosophie der symbolischen Formen, Erster Teil Die Sprache, Hrsg. Birgit Recki, ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Felix Meiner Verlag Hamburg 2001, Seite 259 Erfahrungen sind strategische Instanzen, Leiden zu verhindern. Lernen ist die Prüfung des Leiden-könnens am eigenen Körper. All die humanen Vermögen, die sich so geschichtlich entwickelt und erfunden haben, zeugen von der Leidensfülle und -fähigkeit. Unseren intelligiblen Möglichkeiten gingen leidgeprüfte Zusammenstöße von Unerfahrenheit und Welt voraus. Erfahrung stellt schon Leid-Bewusstsein dar (und vermeidet daher neue Erfahrungen). Kann das menschliche Subjekt nicht Herr seiner Leidensgeschichte werden, oder sich als dieser Herr verstehen – Leidens unfähig und bewusstlos vor lauter Schmerz, so leidet es an seinem Leiden, an seinem Leidensvermögen, an seinen nicht mehr überschaubaren Möglichkeiten. Distanzlos zum Leiden „erfährt“ es nun seine Krankheit und erkrankt an dieser Erfahrung.

 

 

  • 1
    Zum Begriff des Erkennens, des Fürsichseins, des Bewußtseins siehe G. F. W. Hegel, in: Philosophie der Geschichte, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 612 (1986), Werke 12, Seite 388 f
  • 2
    vgl. Slavoj Zizek, in: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus II, Turia & Kant Wien 1995, 1995Seite 84, 85
  • 3
    vgl. Bruno Liebrucks, in: Drei Revolutionen der Denkart, Steiner, Seite 19
  • 4
    vgl. Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus: Begriff der Verdrängung in der Religionswissenschaft, hrsg. von Hans-Albrecht Kücken, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Frankfurt am Main, Basel, 1993, Seite 72
  • 5
    „Alle Dinge treten in den menschlichen Gesichtskreis, d. h. sie werden erst zu Dingen, in dem Maße als sie menschliche Tätigkeit erleiden und dernach erhalten sie ihre Bezeichnungen, ihre Namen.“ Ernst Cassirer zitiert in angegebener Textstelle Ludwig Noiré. Vgl. Ernst Cassirer, in: Philosophie der symbolischen Formen, Erster Teil Die Sprache, Hrsg. Birgit Recki, ges. Werke, Hamburger Ausgabe, Band 11, Felix Meiner Verlag Hamburg 2001, Seite 259

284, Vom Besteigen realer Wirklichkeiten – ideal real mit Brecht

Bezüglich Kunst:
Realistische wie idealistische Darstellungen von sogenannter Weltbeschreibung in der Kunst stellen Konstruktionen zur Wirklichkeit der Autorinnen her (als Produkte ihrer spezifischen Weltbegegnung). Artefakte, Gedankenspiele – individuell. Jedoch geht der Idealist von einem konstruierten, oder zu konstruierendem Schönheits- und, oder Kunstideal aus, das als Antwort auf seine Beziehung zur Verblendung, Resignation, Ohnmacht verstanden werden kann. Während der Realist immerfort Idealisierungen an der Wirklichkeit mißt, sie auf den stumpfen Boden seines Lebenszusammenhangs zu drücken bestrebt ist und seine Vorstellungen von Wirklichkeit daran abgleicht, formal korrigierend, heißt: an-passend macht.1Folgender Beitrag bezieht sich auf Bertolt Brechts ARBEITSJOURNAL. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)

Realismus, Idealismus
Der Realismus steht nicht im scheinbaren Gegensatz zum Idealismus, „sondern er bedeutet diesen Kampf“2Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)in dieser Beziehung. Es gilt ihm nicht nur die konkret erfahrne Wirklichkeit zur Darstellung >ihrer selbst< zu bringen, vielmehr gilt es, sie gegen ihre idealistisch-konstruierten Abkömmlinge durchzusetzen; den Abbild-Verdacht zu erhärten. Der Realismus entwickelt Stilelemente, sprich Verhärtungen, formale Stagnationen als Symbole der Symptome (Symptome als Kompromissbildungen des Zeigens) wie der Idealismus, er fördert Überzeugungen wie dieser, aber er opponiert dabei gleichwohl – und diese Opposition ist sein konstitutives Moment – gegen Stilisierung, gegen Symptomatik, gegen festgefügte, kompromissbildende Welt-Abbilder, in denen die unmittelbare Immanenz der Unmittelbarkeit des wirklichkeitsbildenden Zugangs zur Welt verschüttet wird. Er enthält etwas Relativistisches, Abgleichendes. „seine schilderungen sind relativ realistisch, dh wenn verstanden ist, daß er die wirklichkeit >>ins treffen führt<<.“3Ich habe die Kleinschreibung im Original von Brecht übernommen. Zitat: Arbeitsjournal, Seite 126 
Man sollte die Ideen vorkommen lassen, zur Prostitution zwingen vom Zuhälter Realität, damit sie zu ihrer Realität empor kommen.

Realistischsein in der Kunst
Realistischsein in der Kunst bekundet sich nicht darin, sich in den alten, ererbten Formen bestimmter geschichtlicher, künstlerischer Epochen aufzuhalten, oder so zu gestalten, wie damals Realität in das Kunstwerk hineinwachsen konnte, wie ehemals, die zum Stil versteinerte geschichtliche Epoche, sondern darin, Wirklichkeitssinn im künstlerischen Gestalten zu bekunden und zu zeigen. Also die realistische Darstellung stellt auch den (gesamten) Produktionsprozess realistisch dar und wird dem Publikum als Wirklichkeitssinn zur Verfügung gestellt. Mit diesem Wirklichkeitssinn kann die ästhetische Dimension eingeführt, nicht eingefühlt, werden: das ist Kunstsinn – der ausgeprägte Sinn für die Realität ihres Zustandekommens.
Neuerungen, technische Veränderungen (in der künstlerischen techne) sind auf ihre soziale Funktion zu prüfen – der Wissenschaft vom humanen Leben verpflichtet. Kunst hat eine gesellschaftliche Funktion, denn sie ist eine Funktionale zur gesellschaftlichen Stabilisierung, als Funktionale des Kunsthandels gelangt sie wieder in die gesellschaftliche Kommunikation als ihre Münze. Die Herstellung von Kunstwerken hat nicht dem Sog formaler Logik als Ausweis kontrollierbarer Beschreibungsfähigkeit bzw. Ermäßigung zu folgen. Es gilt, den Verständigungsmotor ihrer Beschreibungsgeschichte ins Stottern zu bringen. Die Künstler wirken nicht für Kunstepochen, sie sind sich für die Aneignung ihres Talents heute selbst genug und bemächtigen sich der (ästhetisch-kommunikativen) Formen, in dem sie sie nach ihrem Gusto zu verändern.

 

 

 

  • 1
    Folgender Beitrag bezieht sich auf Bertolt Brechts ARBEITSJOURNAL. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)
  • 2
    Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal. Aufbau Verlag Berlin Weimar 1977, Seite 126 (Eintrag 17.10.1940)
  • 3
    Ich habe die Kleinschreibung im Original von Brecht übernommen. Zitat: Arbeitsjournal, Seite 126

283, Ware Zukunft

Das Heilsversprechen, dass die Zukunft menschlicher als das Heute sei, hat sich in das kapitale Versprechen einer Gegenwart, die als eine >>schönere Welt schon heute<< angeboten wird, verdreht. Das zukünftige Szenario macht Erschrecken und hat abschreckende Wirkungen. Jetzt soll alles verramscht werden. No futur! – Was ehemals vielleicht eine trotzige Reaktion auf den Abbau/ Raubbau von Welt und auf das janusköpfige Ansparen der Rente war, ist nun das Treibmittel für konsumtiven Verbrauch geworden; was an den Folgen solchen Handelns nichts ändert. Um das Jetzt zu beschleunigen, die alte Ordnung zu erhalten. Das drückt aus, das alles Gegenwärtige in/ mit seinen Umwälzungen kämpft. Die ständige Zirkulation ist bedrohlich dadurch, dass die Zukunft und der gegenwärtige Mensch auseinander getrieben werden. Sein verstandesgemäßes Verhalten wird gegen sein ihm biologisch angeknüpftes Verhalten gewendet. Sein tiernahes Verhalten – in der Sorge um seinen Nachwuchs, seine Nachkommenschaft – als seine menschliche Poesie, geht verloren in der Abschaffung seiner Natur, Umwelt. Das Kommende wird ausgeschrien, verkauft als Abwesenheit alles Alten. Die begrifflich und wirtschaftlich prognostizierten Aufladungen der Zukunft arbeiten im Niemandsland der Geschichte, aber sie sind ein (Werbe-) Instrument der Steuerung und Besetzung. Noch nicht geschichtlich faktisch, weil nur als zukünftige Planung, wird die Drohung als Geschichte machend dargestellt, d. h. sie wird verkauft – in den Waren des täglichen Bedarfs. Die befürchtete Zukunft wird selbst zum Verdrängungsbegriff unserer Geschichte.
Unsere menschliche Zukunft wird jetzt aufgebraucht. Sie ist ein Marktplatz am heimischen PC, zu dem jeder Zugang hat.

 

 

282, Existenz und Produktion, nach Marx

„… Die abstrakte Existenz des Menschen als eines bloßen Arbeitsmenschen, der daher täglich aus seinem erfüllten Nichts in das absolute Nichts, sein gesellschaftliches und darum sein wirkliches Nichtdasein hinabstürzen kann – wie andrerseits die Produktion des Gegenstandes der menschlichen Tätigkeit als Kapital, worin alle natürliche und gesellschaftliche Bestimmtheit des Gegenstandes ausgelöscht ist, das Privateigentum seine natürliche und gesellschaftliche Qualität (also alle politischen und geselligen Illusionen verloren hat und mit keinen scheinbar menschlichen Verhältnissen vermischt ist) verloren hat […].1Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 525
„… Und als Arbeiter sind seine menschlichen Eigenschaften nur da, insofern sie für das ihm fremde Kapital da sind.“2Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 523

Kapital und Psyche
Wenn psychologische Störungen als Pathologien eine Folge der entfremdeten Arbeit im gesellschaftlichen Arbeitsprozess sind, haftet seinen Produkten das Mal der gestörten Produzenten an. Der Arbeitsprozess bildet Ver-Störungen in den daran involvierten Menschen ab: Diejenigen Störungen, die angestellte Menschen mitbringen müssen – um das zu tun, was sie tun sollen, und diejenigen Störungen, die sie durch ihre entstellenden Tätigkeiten in ihrer Lebens und Arbeitspraxis erzeugen und verstärken. In der entstellenden wie entfremdeten Tätigkeit kann die angestellte Person als soziale Person überleben – denn in dem Verhältnis zur Produktion wird ihr Verhalten als sozial anerkannte Person bestimmt. Die soziale Existenz wird aus dem eingenommenen Verhältnis zur Produktion bestimmt, die dem Menschen seine sozialen Bedingungen menschlicher Ausdrucksweise entzieht.  Manchmal gelingt es, unter den Symptomen sich zu verstecken. Die Sicherung des biologischen Lebens, um sozial, menschlich leben zu können, verkrüppelt eben diesen Zweck. Arbeit zu haben, gilt nunmehr überhaupt als Lebensberechtigung im Kapitalismus. Ihr gesellschaftlicher Status ist Mittel der (sozialen) Existenz geworden.
„Indem daher die entfremdete Arbeit des Menschen den Gegenstand seiner Produktion entreißt, entreißt sie ihm sein Gattungsleben, seine sinnliche Gattungsgegenständlichkeit und verwandelt seinen Vorzug vor dem Tier [„… Der Mensch macht seine Lebenstätigkeit selbst zum Gegenstand seines Wollens und seines Bewußtseins.“3Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 516] in den Nachteil, daß sein unorganischer Leib, die Natur, ihm entzogen wird.“4Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517

Verkörpungen
Der von Marx beschriebene Prozess körperlicher Entfremdung äußert sich in einer Symptomatik, die von den betroffenen als taubes Gefühl, leblos, von ihnen als funktionioelle Hülle erlebt wird. Diese unorganische Natur5„Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“ Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 515 des den Körper von sich selbst entfremdenden Arbeitsprozesses tritt dem arbeitenden Menschen als sein werkzeughafter Körper, als ein ihm fremd gewordener im eigenen Leib entgegen. Am Grund dieser werkzeughaften Natur des Arbeitsprozesses entwickeln sich die Bedingungen für eine Angst vor Verkörperungen, vor Instrumentalisierungen. Das Desinteresse für jeglichen körperlichen Einsatz in Bereichen, die über die bloße Arbeit hinausgehen – wie musische Betätigung – scheinen ebenso naheliegend wie deren ersatzbildender Fetischcharakter. Die Phobie vor Verkörperung von funktionellen Tätigkeiten ergreift den derart arbeitenden wie bearbeiteten Menschen. Der Ekel vor dieser zweckrationalen Natur des Arbeitsprozesses ist das Produkt des zur Entfremdung führenden, aber sein Leben erhaltenden Stoffwechsels mit ihr. Es ist seine zwangvolle Betätigungsweise, die dem darin verwickelten Menschen entgegen schlägt. Der Ekel vor Kalbsfleisch ist daher der Ekel vor dessen entgegenständlichender, menschlich entfremdeter Herstellung. Der Körper entkörpert sich in seiner Produktion. Die in den Produkten der Produzenten geopferte Umwelt verkörpert sich im ihm fremd werdenden Körper. Seine Sinne, seine Kommunikation im sozialen Leben arbeiten mehr und mehr am Entzug dessen, was dem Menschen Gewißheit im Lebensprozeß verschafft. Das noch bloß sinnlich Wahrgenommene entwickelt sich zum Phänomen des menschlich-sinnlichen Entzugs und wird als romantisches Vehikel zum Defizit an sinnlicher Gegenständlichkeit. Die abgestumpften sinnlichen Fertigkeiten scheinen das Individuum vom bisherigen Erfahrungszusammenhang zu verrücken. Der Mond, die Sterne, der Himmel und die grünen Blätter sind das letzte Reservoir menschlicher Entzückung geworden. Der gefühllose Arbeitsprozess bringt das sinnliche Gefühl zum Erliegen. Dieser Mensch steht sich fremd, sich selbst als Geist gegenüber, als Alien. Statt: Im Anderen bei sich zu sein (Hegel), wird das Ich der Andere in mir. Das, was das Individuum unter seinem Ich subsumiert, wütet als Anderer in ihm. Die verrückten Geister kommen aus dem Produktionsprozess, sie werden also tatsächlich produziert und sind nicht in der vergegenständlichten, entnaturalisierten Natur nur verkörpert, denn sie sind sein produziertes Geisterbild.

Fetisch
Ein Fetisch als nicht eingestandene Entzweiung mit dem Produkt. Es verkörpert den Versuch, die Produkte, Ergebnisse der entfremdenden Aneigungsweise des eigenen werktätigen Lebens als angenommene Verdinglichungen mit den potentiellen Urheberinnen zu versöhnen.

 

 

  • 1
    Karl Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 525
  • 2
    Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 523
  • 3
    Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 516
  • 4
    Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 517
  • 5
    „Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“ Marx, in: Ökonomisch-Philosophische Manuskripte, Ergänzungsband 1. Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 515

281, Robinsonade II: Abflug

Abflug Urlaub

Vögel fliegen
Flüge pflügen
Pflücken Träume
Linien schicken
Doppelzimmer
Ficken Landschaft

Einsteigen
Bording

Sitzen am Platz
Platzen im Sitz
Alles eng
Dritte Klasse erste Wahl

Flugangst?

Fliegen fliegen
Träume lügen
Pflügen den Himmel
Deine Frau, die Landschaft
Im Ressort

Vorfreude auf Transport 
Gepäck ist teuer
Platz für Träume gegen Preis und Gewicht
Nicht billig
Aber an Bord

Flüge lügen
pflügen Äcker
Leben bersten
Konten schneiden
Herzen mit Kerzen

Egal

Ankommen ist
Vernichtete Ferne
Umschlungen von Millionen
Angeboten

Gefangen
Im schwachen Portemonnaie
vom Hochglanzpapier gelockt
Werden Augen angekettet
Durch die Lüge des Layouts

Bitte anschnallen!

Trümmer liegen
Flug und Lug
Alles wag
Dein Nachbar, die Landschaft
Der Service im Himmel

Geboren im Sitz
Über den Wolken
Über den Verhältnissen

Economy

Kriecht
Das Ego
Aus dem Gate

In der Ankunftshalle stolz
Schlüpft
Aus dem Touristen
Geschickt
Check in

Der Terror
Gegen die Armen
Wehrlosen Landschaften

Schön hier!

 

 

 

 

280, kapitale Robinsonaden

Die in die private Gesellschaft sich aus der Arbeit verurlaubenden Kohorten benutzen für ihre temporär mit Urlaubstagen vergütete Flucht aus den erschöpfenden Arbeitsverhältnissen gern Inseln als Reiseziele: kapitale Robinsonaden. Der verabreichte Inselurlaub stigmatisiert die Sehnsucht nach Flucht in eine bezahlbare Etappe im Ressort. Geplanter Sonnenuntergang kann nicht schaden. Unabhängigkeitswünsche werden durch die Versicherung abgesichert und zeitlich befristet. Das Überschaubare am Eiland zeigt das Partizipieren am Überschaubaren an; die Sehnsüchte bleiben kontrolllierbar. Die Unübersichtlichkeit der hiesigen Welt bzw. der notwendige Aufwand für Erkenntnis schlägt in das individuell noch tragbare Bedürfnis um, Überblick zu behalten. Diesem Bedürfnis wird im Reisehandel entsprochen: als eine temporäre Erfüllung von Überschaubarkeit, die manchmal zum bloßen Luxus von Körperberührungen – Massagen – hochgeschraubt wird oder in der Verluxung von notwendigen menschlichen Lebensprozessen (Abhängen und Essen) als Extravaganz zu Tage tritt. Solche Wunscherfüllung, Unterhaltung zielt auf die Passivität der betroffenen Urlauber ab – Luxus als bezahlte Faulheit. Der Urlaubs-Mensch gibt seinen humanen Untergrund fürs Vegetieren auf.


Süddeutsche Zeitung