# 58 / Projektion Eifersucht und Liebe als Einfühlung (Chronik einer Liebe IV)

Projektion als Übertragung, Transformation eigener Ansichten, Interpretationen, Wünsche auf etwas anderes oder eine andere Person. Das Begehren, Leiden, Sehen etc. verkörpert sich nicht nur im Begehrenden, Leidenden, Sehenden, sondern diese körperlichen Zustände werden im Anderen – in Objekten, oder zu Objekten gemachten Verhältnissen – durch die Annahme der Projektionen (= Übertragung) als Einfühlungen verkörperlicht: ich nehme das Verhalten, das So-sein des Anderen als Bestätigung meiner Projektion wahr. Anders gesagt: ich ordne das beobachtete Verhalten meinen Wünschen/ Projektionen unter. Alles Wahrneh­men ist projizieren.1nach Adorno und Horkheimer, in: Dialektik der Aufklärung, Seite 196  Eine Technik, um den eigenen Körper in den anderen zu versetzen (zu transformieren), hinein zu beamen, einzuschleusen. Das Andere, der die das Fremde als ein emphatisches Wunschobjekt, als eines, das im eigenen Körper durchgespielt werden kann, ermöglicht die Einfühlung zu sich selbst.
Das Sich-auf-etwas-Projizieren als Technik der Einfühlung behält das noch nicht angenommene Andere, das noch Nicht-Apperzipierte in Sichtweite. Das äußerliche Phänomen ist, sobald es als Phänomen, als etwas anderes wahrgenommen wird, schon dem Wahrnehmenden anhängig. Es harrt der Eingemeindung in die eigene Weltauffassung. Deshalb der Satz: Die Welt ist wie sie ist, weil du bist, wie du sein willst. Die projizierte Welt hält das projizierende Bewußtsein in Bann. Die jeweiligen Projektionsleistungen markieren als Einfühlungs­prozess die Ambivalenz von Nähe und Distanz zur Umwelt. Ich kann die Umwelt nur als eigene erkennen. Weil der Moment des Daran-Denkens (ob nun Erinnerungen bedacht oder Projektionen gedanklich ausgelebt werden) als Möglichkeitssinn einer Lebenspraxis mich in eine Art Jetzt-Zeit möglicher Welten holt. Diese gedachte Welt wird real, weil sie als gedachte stattfindet und Denken und Körper nicht geschieden sind: beide treten in den Jetzt-Prozess des Ichs ein. Dieses reale Vorstellen tritt als ein Jetzt-Prozess ins Ich hinein. Deshalb ist nichts, woran sich erinnert werden kann, vorbei. (Klaus Heinrich) Die Eifersucht auf einen Ex-Partner meiner Freundin ist neben dem bürgerlichen Besitzanspruchs­scheiß ein Ausweis der Einfühlung in längst vergangene Geschichten, weil sie in der gedanklichen Bewegung des Sich-Vorstellens (z. B. eines Miteinander-Schlafens mit einem Anderen) gerade ein Wieder-Erleben als mentales Jetzt-Ereignis provoziert. Wenn ich etwas denke, einfühle, passiert es auch jetzt in meinem Hirn, in meinem Körper findet es statt. Es ist ein Realtätsbereich geworden.2Siehe Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, stw 1502, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main 2000, Seite 263 f  Und das ist das, was quält – als würde es jetzt sich ereignen, weil ich es jetzt denken fühlen, erinnern kann. Aus dieser Sicht ist Einfühlung (in den Formen von Eifersucht, Hass, Liebe…) mehr als nur ein Rezeptionsprogramm für Theaterstücke. Ist es nicht verständlich, das der Wahrnehmung unzugängliche Phänomene abgewehrt werden und als Fremdes umdeklariert in einen Angstprozess überführt werden? Die Angst behält die ungenügend verstofflichten Phänomene im Blickfeld. Sie fungiert als 2. Beobachtungsinstanz ungelöster Probleme, um sie weiterhin kontrollieren und auf Abstand bekämpfen zu können. Das Projizierte hält den Projizierenden gefangen. Das Subjekt fühlt sich in seine projizierte Welt hinein und kommt nicht mehr heraus.
A fühlt sich in B hinein und erlangt die eigene Wahrnehmungswelt am anderen (B). B wird zum eigenen Fleisch von A. Im Anderen ist es bei sich. Der eigene Einfühlungsprozess spielt auf den Anderen ein oder: sich am anderen ab. Der Andere führt zwei Leben: Eines für denjenigen, der sich in ihn – den Anderen – hineinfühlt und eines, das der Andere für sich selbst lebt, unabhängig von den Einfühlungen anderer. In der nächsten Stufe der Beobachtung ist es möglich, dass das eigene Empfinden der Projektion des Empfindens eines anderen Subjekts entspricht. Die Liebe ist ein erstes Messer zur Teilung des Subjekts, das, ohne Differenz zu sich (oder zum Anderen), sich in Liebe gründen will.
Die Schwierigkeit die Verinnerlichung (Einfühlung) zuzulassen, mit den durch die Einfühlung gewonnen Möglichkeiten eine Beobachterposition zu sich selbst einzunehmen, wird dem liebenden Zustand nachgesagt: Metastasen getränkt von der Projektionspumpe wird der Liebeskörper wie der eigene auseinander gezogen, wird zum Territorium fremder, außerkörperlicher Ansprüche und Ausbrüche.3„Wenn ein Individuum so weit ist, dass es nur dadurch gerettet werden kann, dass ein anderes sich ändert, dann soll es kaputtgehen.“ (Brecht) „der begriff der bürgerlichen liebe zielt genau darauf: um die eigene liebe zu halten, soll das „geliebte“ wesen sich (aller) sozialen verhältnisse entblößen. es läuft auf einen vertrag hinaus, weil es nicht ertragen werden würde, den anderen MIT anderen zu lieben… es gilt die abhängigkeit so zu gestalten, dass der andere den vertrag einhält.“ (Brecht, wahrscheinlich in Carl Hegemann „Paradoxien der Liebe“, Theater der Zeit Verlag)  Denn, was gedacht oder erinnert wird, ist dem Körper gegenwärtig und ereignet sich ihm im Jetzt. Vielleicht entsteht in dieser Umgebung eine selbsterhaltende Eifersucht zu sich – als (narzisstische) Selbstbehauptung. Sich der eigenen Kontrolle zu unterstellen, erfordert die Ab-Trennung von Beziehungen. Die Liebes-Literatur stilisiert diese hohe Gefahr der Verhinderung durch Verwirkli­chung (Selbst-Verwirklichung durch Verhinderung ist auch möglich), in der die scheinbar bequeme (weil rationale) Einengung des eigenen Lebens für das andere Leben zugelassen wird, damit der Zukunft noch einen Auslieferungstermin gesetzt werden kann. Dem von Liebe ereilten Schicksal, dem vom Sein Gebrauchten wird eine Erklärung gegeben. In der Gegenüberstellung von sich widersprechenden Vernunftgründen soll die Liebestiefe gelotet werden – Adlige will Bauern, Prinz sucht Putzfrau usw. – das Wunder der Liebe wird mit verding­lichenden Analogien beschrieben. Der Wind in den Blättern säuselt die Projektion ungeklärter Empfindungen her. Die Empfindung wird dem versinnlichten Material übergeben.
Das Zusammenfinden der Liebenden zum Paar spricht gegen die Versöhnung der Subjekte mit sich während der Liebe, so ausufernd ist sie oder das Begehren des so Anderen. Insofern das Verschmelzen, das Identischwerden hier als Nicht-zugegen-Sein, Nicht-bei-sich-sein ausgedrückt werden kann. Die Regenerations­phasen vom Zusammenleben (“für sich Zeit brauchen“) münden in die Rekonstruktion des Ich, in seinen Kontrollraum. Spaltprogramm. Platzmangel entsteht, wenn die Zeit des Anderen (Regeneration, Rekonstruktion) nicht gewährleistet wird. „Seit dem Herr Schmidt mit seiner Frau zusammen lebt, war sein Raubbau größer.“

 

 

 

#57 / Amors Ende

Vom Stein nähren, an der Asche lutschen, Bonbon der Geschichte. Das mit Kabeln Welt verzweigte Ich endet
In der Liebe
Endet im Ich
Und
Fängt im Patronenlager an.
NUR NOCH DURCHZIEHN.
Jeder Treffer ein zerschossener Traum, zu zeitig zu spät, getroffen:
Amors Pfeile.

Beziehung schon Bestechung – so weh‘ Daphne!
Fort fliegen,
Von fremdem Blick geronnen
Ein Lächeln, gegenüber

In unseren Wunden
Heilen die Zweifel.

 

 

# 56 / Saugen und Identität (Chronik einer Liebe, III)

Das Saugen an der Brust als der einzig geglückte Wahnsinnsmoment von Identität, ein Ich mit dem und durch den Anderen zu sein. Abhängig und geliebt, versorgt zugleich. Ein das Innen wie Außen stillendes Verhältnis. Ein Glück, das im Geborenwerden zu einem wegplatzenden Rest-Erinnerungs-Moment schrumpft, dass man Eins gewesen ist.  Beim Geburtsakt überrascht – losgerissen – worden, nun „beschmutzt und bekotet ans Licht tretend“1Klaus Heinrich, in: arbeiten mit ödipus, Dahlemer Vorlesungen, Verlag Stroemfeld, Roter Stern, Basel, Frankfurt am Mein, 1993, Band III, Seite 217, ist man durch die Höhle gekrochen und sucht von Geburt an wieder den Anderen. Identität war im Anfangen, zu Beginn der Existenz eine Zweisamkeit. Ein verschweißter Dualismus, der sich auf die Vergangenheit stützt: Die Welt als Suchort nach Identitätsmustern der verlorenen Einigkeit, Verschmel­zung. Es gilt, mit dem Anderen zu leben, d. h. durch ihn mir zu ermöglichen, den eigenen Ursprung, Anfang wieder, bestätigend, mit zu erleben, heißt: In-Beziehung-sein, um wieder anfangen zu können, zu saugen.
Ich wiederhole in meinem Verlangen nach dem, was ich als beginnendes Ich war, das Verlangen des Außen, des stillenden Objekts, um wieder ein zweisames Ich zu werden, in es hinein zu kriechen oder sich als einzelnes Ich aufzulösen. Das Primat ist nicht in der Spiegelung, sondern im Gespiegelten zu erkennen. Alles andere ist nur Schwächung.

 

 

 

# 55 / universe Uniform

Die Uniformierung des Handelns, Konsumierens, Erlebens durch den angebotenen, permanent einbohrenden lifestyle der Massenproduktion in allen Schaufenstern, Werbeplakaten des öffentlichen Raumes umstellt uns, fordert uns heraus, individuell gegen diese Einebnung des Lebens uns differenzierend zu entscheiden. Gleichwohl dient die massenhafte Handelsware als solipsistisches Negativ für die Individuen zur Differenzierung gegen eben jenen Uniformierungszwang, dem sie ausgesetzt sind. In der Figur der Uniform drückt sich das chamäleonhafte Verhältnis dieses durch Produkte deklarierten Differenzierungsprozesses aus. In der uniformen Stilistik, bemächtigt sich der junge Mensch seines erträumten Abbilds – aussehen wie Gaga –  indessen stürzt das Spiegelbild auf ihn ein, mit Massenprodukten bemächtigt sich das simulierte Abbild der Sehnsüchte und liefert den Menschen nach ihm ächzenden Waren aus. Soll heißen, das Individuum findet in vorproduzierten Ansprüchen (Uniform, ästhetische Manifeste, Modezeitschriften) und Urteilen Beruhigung, hört aber auf, sich zum Subjekt zu differenzieren, weil es den – wie zum Beispiel in der Reklame zu sehen – ästhetisierten und daher neutralisierten symbolischen Körper annimmt. Der Konsument ist seine Ware. Die Liebe scheint eine Erfindung eines Parfümherstellers oder einer Autofabrik zu sein.
Dass die Innerlichkeit ein von außen Kommendes, Fremdes von ganz nahe stechendes ist, ein Produkt, wird in der Marktgerechten Strukturierung des menschlichen Körpers zu einem marktafinen Körper längst vollzogen und steht im Text jeder Werbeagentur, oder: als Erwartung in psychologisch aufgeladener Literatur entworfen.

 

 

 

# 54 / 12.10.2013

Warum? Weil! Schwierig. Mir fiel es nicht leicht. Die Konventionen sind es auch nicht. Stur, trotzig (gegen die Zukunft) habe ich mich, mein Werk geformt. Egal: Ich bin so großartig, dass es eine Frage der Zeit ist. Dass die Zeit mehr Zeit hat als ich, geschenkt. Dieser Icho-Saurier ist ausgestorben. Es ist kein Platz mehr für ihn da. Jetzt stehe ich also vor dem Schrott meines Werks, meiner Zeit: abgelaufen. Noch verteidige ich meine Herz-Kammer mit einigen Tricks und Drinks. Künstler-Sein gehört dazu. Das wußte schon Cypher als er wieder in die Matrix wollte. Mein erster Life-Kontakt mit Kunst war während meiner Armeezeit. 1986 sah ich Duchamps Urinal zum ersten Mal und meistens von Innen: Mit Rasierklinge während der Strafdienste als Soldat. Die künstlerische Überhöhung meiner Ich-Welt brauchte ich zum überleben. Auf mich war Verlass, die anderen ließ ich nicht mehr ran. Vertrauen war tödlich, Mißbrauch gewöhnlich. Ich konnte das jahrelang nicht abstreifen (kaue heute noch daran).

Die Haltestelle,
Wo aus Insassen
Panzer werden,
Aus Worten
Gefängniszellen,
War noch da,
Aber kein Zug mehr
Fuhr irgendwohin.

Es ist nicht zu ändern, auch wenn es mir manchmal eine Träne füllt. Ich bin zur Kunst gekommen, um mich zu retten: dem Eindruck einen Ausdruck geben können: lebend. Aber ich war nicht bereit für mein Leben. Mit dem Rücken zur Wand/ die Zukunft hieß/ stehe ich vor Trümmern. Puzzel für meine Bilder. Es gilt, den U-Bahnschacht zu finden, der mich zur Geld-Arbeit fährt ecetera ecetera
(Das ist natürlich nicht alles.)

 

 

 

# 53 / Expression

Das, was zum Malen, zum Zeichnen, zur Expression, zum Druckausgleich treibt, ist das noch nicht Da-Seiende, aber vorgestellte Bild, nicht das Malen als bloße Tätigkeit. Es ist der eingestandene Mangel an entsprechenden Ausdrucks- und Beobachtungsformen, der mir ermöglicht, überhaupt mit der wahrgenommenen Differenz zur Umwelt klar zu kommen – sie also als Differenz kommunizieren – artikulieren – zu können und als Differenz in das (artifizielle) Kommunizieren selbst eintreten zu lassen: im Bild, in der Skulptur anhand von Formen. Diese geschaffnen Formen markieren ästhetische Differenzen als Form gewordene Unterschiede und ebenso formieren sie potentiell unendliche ästhetische Differenzierungsmöglichkeiten (= Darstellungsoptionen). Malen, Kreation nur Aggregat. Ausdrückbares Leben als Ventil selbsterzeugter Lebendigkeit. Die eigene Wahrnehmungsfähigkeit -oder Begabung wird mit dem, was der Mensch schon künstlerisch zu kommunizieren weiß, stetig durch die praktisch-künstlerische Tätigkeit ins Verhältnis gesetzt. Eine Welt durch den inneren Zustand zu schleußen, heißt, das Innen, das Verinnerlichte wieder in Welt zu überführen, bedeutet, den eigenen Sprachraum in die Beschreibungsweisen der Welt einzubringen.

# 52 / Depression – eine Ableitung zum Ego

„Die Chronifizierung der depressiven Symptomatik ist als Folge langdauernder wiederholter schwieriger Lebenssituationen zu sehen, zu der neben der familiären Problematik die Arbeitslosigkeit (mit vielen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Praktika ohne Erlangen einer festen Anstellung) nach dem Ende der DDR hinzukam. Hier kann von einer Interaktion zwischen den oben genannten Faktoren der Umgebung und mangelnden Problem-Bewältigungsfähigkeiten – im Sinne von „Erdulden“ von Situationen statt aktiven Handelns – sowie negativen Attributionsmustern (stabil und internal: „Es ist meine Schuld, weil ich mich nie durchsetzen kann.“) mit Selbstvorwürfen zu sehen. Die Folgen der körperlichen Erkrankungen führten zu weiterer Verfestigung der Depression. Die Patientin erlebt sich ihren Beschwerden hilflos ausgesetzt, schafft es gleichzeitig nicht, ihr Selbstbild und ihre Aktivitäten in positiver Weise an die körperlichen Krankheiten anzupassen.“
„Der Patient beurteilt sich selbst als fehlerhaft, unzulänglich, krank oder benachteiligt. Er neigt dazu, seine unangenehmen Erfahrungen einem psychischen oder körperlichen Mangel seiner selbst zuzuschreiben, und hält sich wegen seiner angeblichen Mängel für wertlos. Oder aber er (bzw. sie) legt extreme Wertmaßstäbe an und beurteilt das eigene Verhalten als moralisch verwerflich oder unzureichend. Es folgt eine stetige Selbstunter­schätzung und überzogene Selbstkritik.“1Mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung von Dr. Iris Deffke (aus einem Patientenbericht)
Eine unendliche Sinnsuche nach Negativität?
„[…] Das zeigt sich in einer mehr oder weniger aggressiven Abwehr des Umstands, dass es außerhalb des eigenen Selbst eine konkrete Wirklichkeit gibt, die das Selbst immer schon (und immer wieder neu) bestimmt. Diese Abwehr verbindet sich mit der Anklage ans Außen, dass, gemessen an der eigenen Unendlichkeit, keine Wirklichkeit je gut genug sein kann. Die Kehrseite einer solchen Aggression ist ein Gefühl innerer Leere. Kierkegaard nennt es Lange­weile.“2Juliane Rebentisch, in: „Hegels Missverständnis der ästhetischen Freiheit“ in: Kreation und Depression, Hrsg. Christoph Menke und Juliane Rebentisch, Kadmos Verlag, 2010, Seite 178

Spieglein, Spieglein…
Aus mir kriecht die Normalität, Menschengeheul. Mit Systemkritik konnte ich einen Schirm spannen. Ich Narr, im Steinhagel hielt ich zuletzt den Stiel in der Hand – statt den Hammer. Das System habe ich mir wie ich mich betten wollte, zurechtgelegt. Das System konnte ich überall anschreien: mit meiner beschissenen Kindheit, die ich als Ideologie für mein Versagen mißbrauchen konnte. Von der Randnotiz zur Fußnote – mehr ist nicht rauszuholen. Forscher, dann Künstler geworden, um den blauen Flecken, Kopfwunden, Massakrierungen, der Angst einen Sinn zu geben. In meiner Kunst konnte ich mein Geheimnis gefangen halten, dass ich die nicht töte, die in mich rein ritzten – solang ich malen, zeichnen, spritzen konnte. Mit mir hätte ich anfangen müssen. Geworden bin ich: aggressiv, lautlos, arbeitend – bipolares Tier; im Schrei nach einer Eigentumswohnung. Heimlich in der Nacht, im Kunstknast, habe ich alle zerfleischt, AUSGETRETEN. Ich muß Krieg führen für die Margarine im Discount. Prognosen werden nicht erfüllt, dunkel im Maulwurfsbau – die Idee war teuer.

Und jetzt mit Adorno:
Antithese. – Für den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, daß er sich für besser hält als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mißbraucht als Ideologie für sein privates Interesse. Während er danach tastet, die eigene Existenz zum hinfälligen Bilde einer richtigen zu machen, sollte er dieser Hinfälligkeit eingedenk bleiben und wissen, wie wenig das Bild das richtige Leben ersetzt. Solchem Eingedenken aber widerstrebt die Schwerkraft des Bürgerlichen in ihm selber. Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Glück der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt. Die eigene Distanz vom Betrieb ist ein Luxus, den einzig der Betrieb abwirft. Darum trägt gerade jede Regung des sich Entziehens Züge des Negierten. Die Kälte, die sie entwickeln muß, ist von der bürgerlichen nicht zu unterscheiden.“
3Theodor W. Adorno, in: Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Suhrkamp, Bibliothek Suhrkamp, Seite 22

 

 

 

# 51 / Vorstellen, Spekulieren, Leib als Loch (Chronik einer Liebe, II)

„Etwas ist lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.“1G. W. F. Hegel, in: Wissenschaft der Logik, Die Lehre vom Wesen, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1992, Seite 61

Die kognitive Arbeit an einem Widerstand, einem Ereignis, inmitten einer Erfahrung verheißt eine Verar­beitung, Verabredung mit sich, um mit den neu einstürzenden Erfahrungen, mit neu aufkommendem Äußerlichen – wie es auch immer in Konfrontation mit unbekannter Erfahrung zustande kommt, zum Anderen sich ereignet – klar zu kommen. Sobald ich beobachte, wird das Beobachtete ein mir Äußerliches, ein Anderes, ein Außer-mir – in der Differenz zum Anderen bezeugt. Zugleich ist dieser Prozess ein Versprechen: sich abzuarbeiten an sich selbst mit dem anderen (Menschen, Ereignis, Phänomen). Das mir Äußerliche, meine Hände, Füße, Haare – das ist alles mein Körper, ist mit meinen Sinnen zu mir verbunden. Mein Leib ist mein Beobachtungsgegenstand. Mehr oder weniger durch mich kontrollierbar: entäußerbar und ausdrücklich. Beobachtung leitet Differenz ein: zu mir, meinem Gegenstand (der Beobachtung) oder zum sogenannten Anderen als bewußten Differenzierungsprozess im Beobachten selber (Beobachtung 2. Ordnung). Beobachtung ist schon Spaltung, Widerspruch zwischen Beobachtungskörper und (mutmaßlicher) Beobachtungsdifferenz. Ich kann nicht das sein, was ich sehe: Das Meer die Wellen dein Hals die Haut. Gerade, wenn man nicht bei sich wohnt, markiert das Andere das eigene Nicht-bei-sich-selber-sein.

Um über sich nachdenken zu können (z. B. als Simulation einer Erfahrung, als Empathie, als Sicheindenken in einen Anderen, als Empfindung), d. h. um einen Gegenstand für-sich aus sich heraus zu produzieren, zu begreifen, ist das kognitive System (Körper + ZNS + Gehirn + x) genötigt, in eine innere Kommunikation mit seiner leiblichen Begriffsarbeit zu treten. So kann der kognitive Körper sich selbst zuhören oder aus sich heraus malen, musizieren etc. In einer Art Beratung mit sich selbst, so dass in dieser Selbsterzeugung erst das genügende Potential geschaffen wird (die Differenzen oszillieren mit Informationen zwischen den Körperteilen = Wahrnehmungssinnen) bis schließlich eine Art stehende Verbindung, der oft begangene Trampelpfad, der (erfolgver­sprechende) Vorgang des Begreifens, der Entscheidungsfindung zustande kommt. Wird die kognitive Produktion vom vernunft- wahrnehmungsbegabten Körper getrennt, ihm abgeschnitten, weil es z. B. nur als reagierendes Element im Produktions- oder Kommunikationsprozess benutzt wird, findet er sich nicht wieder. Dann besteht die Gefahr, dass solcher Geist sich selbst befällt, verrückt wird und das kognitive Streben fällt in der Suche nach einem Ausweg, Auslass auf sich zurück oder über sich her. In intrinsischer Selbstbeschäftigung implodiert der Körper als schwarzes Loch. Er schmort im eigenen Saft.2vgl. Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreiheit – Die erstrebenswerten Formen freien Willens, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage, 1994, Seite 40 ff, hier Seite 58
Aus dem Mangel des Außen (Differenz kann nicht etabliert und produziert werden) wird die Abwehr des Außen generiert (Differenz wird vernichtet oder nicht zugelassen), um die erlittene Situation zu rechtfertigen. Das System ‚Bewußtsein‘ kann kaum mehr Differenz ertragen erzeugen und bricht zusammen, vor zu viel Neuem, vor dem Anderen. weil es durch die mangelnde Selektionsarbeit keine Differenz und in Folge dessen, keine Komplexität herstellen kann, die das System am Laufen hält.

 

 

 

# 50 / Beziehungsplanung (Chronik einer Liebe, I)

Subjekt-Objekt-Schranke: Projektion, Vorstellung als Realitätstest.
Etwas – ein Objekt, einen Menschen, eine Sehnsucht –  sich vorzustellen, impliziert Fehlstellen des Beobachters zum Beobachteten, als füllte man mit Vorstellungen aus, was in der Selbsterklärung von Umwelt noch nicht zustande gekommen ist. Vorstellungen sind gedanklicher Vor-griff aufs noch Nicht-Begriffene, Nicht-Gemachte. Eine Annäherung. Ein Ausdruck mangelnden Kontakts mit dem gegenwärtigen Sein (des Objekts), der Wirklichkeit. Vorstellungen, Annahmen beschleunigen, verformen die Dinge der Lebenspraxis, das Liegengelassene, die unfertige Materie in neue Zugriffs-Formen der Kommunikation. Vorgestellte, synthetische Erfahrung entpuppt sich als Spekulation über den gegenwärtigen Zustand des Objekts, des in Projektionen eingewobenen Anderen. Vorstellungen sind dann der Ausdruck unzureichender Anschlussfähigkeit eigener Erfahrung im Hier und Jetzt mit dem Anderen, aber vielleicht kann ich genau deshalb in der Zukunft anschließen? Eine Vorstellung unterstreicht die Subjekt-Objekt-Schranke zwischen Beobachter und Beobachtetem. Die Vorstellung eines Objekts, über das Objekt, geht über das Objekt hinweg: Jene Frau weiß noch nicht, das ich mir eine Beziehung mit ihr vorstellen kann, aber ich handele und behandele sie nach meiner Vorstellung.
Die Vorstellung über das So-Sein von Maria klebt den mangelnden Kontakt mit Maria – die Nicht-Erfahrung zu. Die Vorstellung wird Maria angeklebt. Die Person Maria wird vor der Erfahrung schon zugerichtet.
Aus einem anderen Blickwinkel ließe sich sagen, dass projektierte Zukunft (Pläne, Wünsche) erst gegenwärtiges Handeln provoziert, was auch heißt, dass eine Praxis in der Gegenwart nur mit Hilfe einer sich zugebilligten Zukunft gestaltbar ist. Also, wie soll man eine Beziehung, eine Familie planen, wenn auf deren Zukunft nicht vertraut wird?

 

 

 

# 49 / An S.

An S.

Umarmt von
Haut
Offenen
Lippen und Wunden
Blicke werfend
Vom Balkon
In das Zwielicht der Bäume
Spät Nachts

Rauchend
Im Rausch

Bereit
Für
Die letzte
Formel des Glücks:
Offen für Liebe
Oder
Wenn nicht:
Halte den Augenblick!

In der Hülle
Von Momenten
In Kelchen der Worte
Hautspalten der
Hoffnung
Wie Bienen
In schönsten Blüten
Tranken wir durstig

Berührten
Einen Sommer lang
Alles Farbige
Als
Rot tiefblau umzäunt
Der Mond
Eine Orangenschale
Zu uns kam
Am Ufer
Wo wir saßen

 

 

 

 

# 48 / Gegenwart: 29. Juli 2022

Das Jetzt eines Moments begrüßt in uns etwas, das vorher anfing. Es stößt uns dazu.
Getroffen von der Sprache vorgefundener Augenblicke stottern wir in die Zukunft.

 

 

 

# 47 / Mit Maschinen sehen und sterben

Wie kann den Maschinen ein Zugang zum Denken,  das Malen, Schreiben nahe gebracht – der Umgang mit ästhetischen Formen ermöglicht werden? Wie können wir unsere Objekt-Beziehung zu Maschinen überwinden, um sie endlich als Prothesen in unsere Körper aufzunehmen? Wir probieren es zuerst mit einer Simulation: Turingtests.1vgl. Oswald Wiener, in: Probleme der künstlichen Intelligenz, Hrsg. Peter Weibel, Seite 93 f, Merve Verlag
Umso mehr scheint die Simulation erdachter Aussagen von KI-Systemen unserem sprachlichen Denken ähnlich, weil die von und für Menschen technokratisch instrumenta­lisierte Ratio unserer Sprachspiele in Algorithmen als Simulation von niedergekämpftem Denken daherkommt: die offerierten PC-Maschinen werden als intelligent beworben. Aber sind es nicht unsere weiten, flexiblen Kontexte, unsere Begabung, mehrmals „um die Ecke zu denken“, die uns einen so  großen Möglichkeitssinn gewähren, dass wir auch entfernten Aussagen, die Bedingung der Möglichkeit gestatten. Um so leichter kann selbstreferentielles Denken, sogenannte „Autonomie“ von Maschinen dargestellt – simuliert – werden, sobald das Sprach-System Mensch auf wenige zu befolgende Handlungsoperatoren reduziert werden kann, und sein beobachtetes Verhalten simuliert wird.2Vgl. Humberto R. Maturana, in: Biologie der Realität, Suhrkamp, stw 1502, Seite 59  Verblüffend werden dann nicht Allgorithmen, Turingmaschinen sein, die menschliches Verhalten antizipieren und kaum unterscheidbar zum erwartbaren menschlichen Verhalten agieren, sondern Menschen, die sich mit Verhalten von Turingmaschinen tarnen, je mehr sie formal technokratische Ratio für sich reklamieren. Die sich hier darstellen­den Beschreibungsschwierigkeiten bestehen darin, dass der Beschreibungsstandpunkt nicht vom Beschreibungsgegenstand zu trennen ist. Die kognitiven Anforderungen an das Denken sind nicht von seiner Selbstbeschreibung zu trennen – es kommt über seine Grenze nicht hinaus. Die Paradoxie dieses Zustands vielleicht so formuliert: Die Welt erscheint dir so, wie sie ist, weil du bist, wie du bist und dein Smartphone benutzt.
Die Apps auf Smartphones als allgorithmisch agierende Befehlshaber von  Sozial-Network-Maschinen (FB, Insta, Tik-Tok, Browser, Massenger-Dienste etc.) und deren Bediener sind ein Sinnbild für Turing-Maschinen ohne Künstliche Intelligenz, denn sie agieren nach einer vorgegebenen Anweisungs- bzw. Beschreibungsstruktur, die als Allgorithmen zielgruppenorientiert die jeweilige Beobachtungs-Syntax und Gewichtung ermittelter Informationen implementiert sind. Es sind Daten-Systeme, die eine Blindheit über sich selbst – und: deren Nutzer erzeugen. Von anderer Seite betrachtet, könnten normative, sich wiederholende, zwanghaft logistische Entscheidungsstrategien (in Verwaltungsapparaten) als Turing-Maschinen dargestellt werden, denn die bürokratischen Kommunikations-Akte sind vom menschlichen Agieren entfremdet. Natürlich erzeugen die Regularien von Administation eine Entmächtigung derjenigen, die sie unterschreiben (wie auch derjenigen, denen die Unterschrift gilt), weil die Entscheidungsmacht im Büroturm von den Personen, über die sie entscheidet, weit entfernt operiert. Unter der Beschwörung eines maschinell abgesicherten Ursprungs der Entscheidungskriterien (z. B. in der Organisation des gesellschaftlichen Lebens nach bürokratischen Richtlinien oder wie sie in Gebrauchsanweisungen festgelegt werden) wird die technische Metapher dieser Hypersysteme in einen vom Individuum einzuholenden rationalen Vollzug gebannt: Es galt, die Maschine zu bedienen, den Zug zu fahren. Die Anpassung des Menschen an seine ihn übermächtigenden Lebenspraxis, an die ihn konfrontierenden technischen Medien der Kommunikation (google, amazon, facebook, instagram…), also die Aufhebung, Nivellierung seiner Widersprüche zur Umwelt durch deren digitalen Konsum, wird der permanenten Verwertung zugänglich. Hier trifft sich das Bewußtlose der Maschine mit dem erzwungenen Einverständnis zu ihrer Existenz: Als Richtigkeit formaler Kommunikation.
Die Emotionen beginnen erst wieder zu pochen, wo etwas nicht funktioniert, wo die Anpassungen nicht mehr schützen. Du mußt Dich nur scannen lassen, dann ist alles wieder wie vorher und Du kannst den Stream geniessen… konsumieren.

 


Ratten-Nervenzelle auf einem Microchip, Quelle: Süddeutsche Zeitung

 

Der produktive, der in der Produktion tätige Mensch wird entsprechenden produktionsimmanent durchgeführten Beobachtungsinstanzen übergeben (z. B. in statistischen Untersuchungen, Erhebungen durch Cookis) und sicher gestellt. Er dient dazu, zu zeigen, dass die Maschinerie funktioniert. Wenn das Subjekt schon so eingezwängt wurde, ist es ein Leichtes für von Machtfantasien besetzten, druchdrungenen Allgorithmen, von maschinisierten Machtverhältnissen mit künstlicher Intelligenz, dieses funktionale Verhalten nachzuahmen. Das Web wird mehr und mehr zum Wirklichkeitsersatz entwickelt und übernimmt die eingespeiste Wirklichkeit als quasi evolutionärer fake – Realityness. Als Bio-Adapter3Dieser Begriff insistiert auf Oswald Wieners gleichnamigen Text „Bio-Adapter“ , als Überbrückung unserer Körper. Die Zurückführung des Menschen auf sein automatisierbares (instinktives, tierisches) Potential4„Wissenschaftler binden einen Hund fest und fügen ihm schwache Stromschläge zu. Tags drauf setzen sie ihn in eine flache Kiste und verpassen ihm erneut Stromstöße. Im Gegensatz zum Vortag könnte sich der Hund nun leicht mit einem Sprung über den Kistenrand dem Schmerz entziehen. Doch zwei Drittel der Tiere nutzen diese Möglichkeit nicht – sehr wohl aber all jene Hunde, die zuvor nicht die Erfahrung des unausweichlichen Schmerzes gemacht haben. Die Sitzenbleiber haben gelernt, dass sie sich nicht gegen die Stromschläge wehren können, und die Erwartung bleibt bestehen, auch wenn sich die Situation verändert. Solch „erlernte Hilflosigkeit“ kann man auch bei Menschen nachweisen.“ Süddeutsche Zeitung Nr. 297, Seite 21, Titelzeile: „Ich Chef, du nix“ ist eng an das intensiv beforschte Reservoir kognitiver Vorgänge im Gehirn gekoppelt. Verschiedene Experimente können zeigen, wie die Einfühlung in den eigenen Körper auf einen Dummy übertragen werden kann, so dass ein Messerstich am Dummy als am eigenen Körper erfahren wird.5Eine mögliche Experimentanordnung: Mensch und Dummy haben über den Augen ein Sichtgerät – VR-Brille, wobei der Mensch das sieht, was der Dummy sieht – sich als Dummy. Nach einer Vorbereitungsphase, die der Einfühlung dient, wird mit einem langen Messer dem Dummy über die Haut geschnitten. Das erfährt der Mensch schreckhaft als vermeintliche Verletzung seiner selbst. Diese falsch-richtigen, ja man kann sagen: emphatischen Fremderfahrungen werfen ein neues Licht auf den alten Begriff der Einfühlung. Vielleicht ist die menschliche Einfühlung selbst auf Maschinen als Simulation übertragbar. So kann er der Maschine gerecht entgegen kommen und ihr seine eigene Intelligenz später in Turingschen Sinn unterstellen?6vgl. Oswald Wiener, Probleme der künstlichen Intelligenz, Hrsg. Peter Weibel, Merve Verlag, Seite? Oder: Die Emphatie ist nicht maschinell fühlbar, jedoch: die Maschine kann Emphatisch-Sein durch die Simulation von Emphatie entgegenkommen und die menschliche Intelligenz, Wahrnehmung dadurch manipulieren. Eine Annäherung von beiden Seiten.

# 46 / TV – total vulgär

Wo der Mensch die Beherrschung, das Beherrscht-Sein über sich verliert, gilt er als authentisch, individuell motiviert. Zuweilen werden im TV die Gäste zu solcher Performance provoziert – so im Dschungel-Camp – falls sie nicht nur als mitspielende Staffage gebraucht werden. Die neue ästhetische Form medialer Aufmerksamkeit verlangt, sich in einer Performance, Happening des eigenen Mangels auszuliefern: Authentizität als unkontrollierte oder absichtsvolle Verletzung normativen Verhaltens. Die ästhetisch aufgeladene Geste des unvorbereiteten spontanen Agierens, oder die öffentliche Inszenierung – zur Schau-Stellung – von Intimitäten kann da nicht lange warten. Die Authentizitätsfeier der Emotionalität markiert den verkrüppelten sozialen Körper – eine Entlastung vom Leistungsanspruch biografischer Optimierung. Selbstinszenierung ist Selbstverwirklichung geworden, die Notation des Wahrgenommen-Werdens in den sozialen Medien ist zum Habitus der Person, ihre verwertbare Maske geworden. Für diese Art Selbstfindung oder Identitätsversicherung braucht es Aus-Stellungen. Das Publikum hat ein Stück, ein Skript nicht nötig, es spielt sich selbst und schaut ergötzt sich in die eigenen Masken.
Was für eine Party überall: die soziopathische Vervollkommnung der kapitalistischen Gesellschaft durch konsumtionelle Attidüden. Die Modellierung des soziopathischen Aufmerksamkeitskörpers – Selbstverwirklichung must be – im kapitalen Produktionsproszess als werbewirksames Narrativ für verstörte Konsum-orienterte Verwirklicher wird als selbstbezügliche Attidüde ratifiziert. Der Kampf gegen die Eltern wird mit den von ihnen bezahlten Sneakers beglichen.
Krankheit und Produktion gehören zusammen, selbstverständlich: persönliche Authentizität wird als Liebe, Zuneigung zu Brands vermarktet, gebrandmarkt.

 

 

 

# 45 / Skizze zu Hegels Phänomenologie des Geistes

Die ideale Konstruktion der Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins in Hegels Phänomenologie des Geistes: An-sich-sein, Für-sich-sein, An-und-für-sich-sein. Der Weg vom bloßen An-sich-Sein – wie eine Form, ein Gegenstand als Hülle – zum An-und-für-sich-Sein: ich bin jetzt Hülle und sie ist mein Äußeres: ich bin mir meiner Form bewusst. Die Übergänge als Schnittstellen des Lernens oder Tunnel ungewisser Dunkelheit. Die Vermittlungstätigkeit zwischen sich selbst, einem Körper in der Welt und der Welt im Körper: als Leiden – im Unbekannten zu sein und noch nicht für sich mit eigenem Wissen da zu sein. Der Leidensprozess als Vermögen des Menschen, Erfahrung zu gewinnen auf Kosten der Objekt -und Subjektisolation (der Begriff der Aneignung: Das Subjekt als wahrnehmendes Wesen, als Wahrgenommenes ist es Objekt) – das unsichere Wissen wird mit der Annektion der Objekte beglichen. Das Leiden zugleich als Versprechen, um aus der Spaltung von Subjekt und Objekt, Körper und Welt, Vergangenheit und Gegenwart rauszukommen: zu sich. Der autistische Rückzug scheint das Gefühl der Gespaltenheit zu überwinden: man trägt die Unsicherheit nicht aus, sondern in sich. Aber setzt nicht das Lernen (die Erfahrung) eine Spaltung der wahrzunehmenden Welt in Unterschiede, Formen, also Weltteile voraus, um einzelne Weltteile als Erfahrungsmaterial fürs Subjekt zu erzeugen? Die Welt ist alles, was Form ist. Psychologisch angeknockt: Der Geist als Selbstverschlingungsprozess (cogito ergo sum). Was ist Selbstkritik?

 

 

# 44 / pathologische Figuren der Erfahrung – Schulalltag

Die Konfrontation gewohnter Lern-Erfahrung mit neuen Verhältnissen der Anpassung durch andere, neu hinzu kommende Lernkontexte – im Schulalltag alltäglich – kann als ein Erfahrung-Machen-Müssen gegen die schon erkämpfte, gewonnene, etablierte Erfahrung, als Erschöpfungszustand gegen die neu zu erbringende Anpassungsleistung gedacht werden. Dieser Zwiespalt könnte wie ein Leiden über den Verlust von gewonnen Lernerfahrungen vorgestellt werden: als Erleben des Widerspruchs zwischen neuem Lernkontext und der Zerstörung bisheriger Lernkontexte, Anpassungen.1Gregory Bateson, „Menschliche Wesen haben eine Bindung an die Lösungen, die sie entdecken, und gerade diese psychologische Bindung macht sie verletzbar, wie Mitglieder einer schizophrenen Familie verletzbar sind.“, in: Ökologie des Geistes – Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven, Übersetzt von Hans Günter Holl, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Erste Auflage 1985, Seite unbekannt Der Lernkontext etabliert eine Bindung an das Gelernte.2Ervin Goffman, in: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1977, 10. Auflage 2018, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Seite 409 Gefangen in zu starker Fixierung, d. h. nicht erfolgter Ablösung oder Aufhebung der erlernten Anpassung, droht eine Aufspaltung des In-der-Welt-seins, eine Abspaltung vom sozialen Raum: in ein Innerhalb-des-Rahmens und ein Außerhalb-des-Rahmens des Anpassens. Das Beobachten des Nicht-Beobachten-Könnens stellt sich zwischen Welt (sozialer Raum) und Körper (Beobachter). Ausgeworfen aus dem bisher gelernten Erfahrungs-Rahmen, aus der etablierten und bisher gültigen Verhaltens-Norm gemäßer Erfahrung, gestresst bis unglücklich, etabliert sich die Orientierung am gewohnten Erfahrungsraum.
Ervin Goffman: „Hatte er [= jemand, ein Mensch, Hinzufügung HG Köhler] einen Platz in einem wohlgerahmten Reich einzunehmen erwartet, so steht ihm jetzt kein bestimmter Rahmen unmittelbar zur Verfügung, oder der Rahmen den er für anwendbar gehalten hatte, scheint es nicht mehr zu  sein, oder er kann in dem Rahmen, der zu gelten scheint, selber nicht Fuß fassen. Er kann keine brauchbare Reaktion mehr zustandebringen. Er kommt ins Schwimmen.“3Ervin Goffman, in: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1977, 10. Auflage 2018, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Seite 409