248, Arbeit und Physis

Das „bis zum Umfallen arbeiten können“ beschreibt die erzwungene Strukturierung des Lebens als positive Transformierung von Ausbeutung körperlicher Ressourcen. Umfallen ist Ankommen: im Körper – an seiner Grenze. An der renze des menschlich physisch Aushaltbaren wird die Physis zur menschlichen Haltung: als Arbeitsmoral schön geredet bis zur ambivalenten Regulierung der Arbeitskraft in technokratischen Planungen von Produktionsprozessen und im modernen Leistungs-Sport. Die zur Schau gestellte Fitness ist der individuell geschmückte Korken über dem Geist der industriellen Abnutzungsorgie. Wo Menschen nur im Licht der Physis betrachtet werden – die menschlich-animalischen Parameter der Leistungsfähigkeit in Bezug auf die Differenz zur geforderten Performance am jeweiligen Arbeitsplatz –, erscheint er mehr oder weniger als triviale Maschine,1vgl. Heinz von Foerster, in: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, hrsg. von Siegfried J. Schmidt, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1993, Seite 206 f und 245 f als Norm der Tüchtigkeit. Aufopferung gilt als Tugendhaft. Der Bodybuilder ist in dieser Hinsicht schon weit seinem Körper entfremdet, wohnt und richtet sich in seiner physischen Maschine ein: determinierbar über physikalische Parameter.

Ich sah diesen Menschen auf der Straße liegen als ich aus meiner Haustür ging. Ich lief zurück in meine Wohnung, holte die Kamera und machte dieses Foto: inmitten von Ohnmacht und Verrat. Foto: Hans-Georg Köhler, Mitte der 90er Jahre.

 

 

 

 

247, schizophrene Booster

„Die Entwicklungsgeschichte der Schizophrenie [ist] nicht als individualistische Deformation, sondern als komplizierter Interaktionsprozeß zu fassen.“1vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort
Die Behandlung der Schizophrenie erfordert, den Menschen in seinen Produktionsverhältnissen, d. h. in seinem sozialen Austausch aufmerksam wahrzunehmen, sowie den als schizophren beurteilten als ebenso wahrnehmendes Wesen zu respektieren. Das bedeutet, dass Wahrnehmungen über jene Verhältnisse, dass Wahrnehmungen des Austauschs entstehen, welche die (psychisch angeschlagenen) Menschen auch beeindrucken und schließlich deformieren können. Die Phänomene werden pathologisch, manifestieren sich im Nervenkostüm. Die jeweiligen Auswirkungen, Beeindruckungen sind demnach keine bloßen Verrücktheiten mehr, sondern vornehmlich pathologisch festzusetzende kommunikativ ausgelöste Verhaltenskrankheiten,2vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort die ohne die pathogen-soziale Interaktionsstruktur nicht zu fassen sind. Die schizophrenen Verhaltensformen sind ein nervaler Reagenz zur gesellschaftlichen Schnittstelle sozialer Interaktion. Die imperative Forderung nach sozialer Flexibilität kollabiert am Überfluss der Möglichkeiten und sozialer Indifferenz: die Möglichkeiten vielfältiger Bedeutungshaftigkeit erschwert die soziale Positionierung des sozialen Individuums. Das Treffen einer Entscheidung scheitert an der Komplexität der wahrlich zugemuteten, aber nicht zu kontrollierenden Möglichkeiten. In jeder sozialen Form lauert eine Umkehrung von Bedeutung: Das Vermeintliche der Bedeutung scheitert am indifferent wahrgenommenen Gemeintsein. Das Verhalten ist zurückgeschleudert auf die eigene, isolierte Entscheidungssituation: Der Kontext von sozialer Interaktion bricht zusammen, weil keine individuell abgesicherte Bedeutungshoheit zustande kommt.

In der kommunikativen Anpassung an die industrialisierten Sprach-Rationalität werden Zwangssituationen hervorgebracht und trainiert und schließlich optimiert. Hier entspricht der Funktionalismus der psychischen Defekte – oder das, was psychisch ausagiert wird – dem zu bearbeitenden empirischen Feld bzw. den rationalisierten sprachlichen Räumen, die “allen Tatsachen gleichermaßen ihre vorgefaßte Einstellung überstülpen.“3vgl. David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Rubrecht Göttingen, 1991, Seite 65 Was der Erhaltung des individuellen Innenraumes vor dem gesellschaftlichen Außen als größtmögliches Verteidigungsareal dient – die solipsistische Ideologie über die individuell ausgeprägten Möglichkeitsvorstellungen oder deren Deformationen, Krankheiten –, steht im instrumentalisierten sozialen Kommunikationsbetrieb vor der Aufgabe, das gefährdete Innen aufzugeben, um das latent Produktive der Deformationen für den Betrieb einzusetzen und zu nutzen. Survival of the madmen.

Das Ausgeliefertsein des Subjekts an sich selbst in der Falle seiner psychotisch verstümmelten Selbstbehauptung verspinnt das Subjekt dazu, sich gegenüber nicht detektierbaren Interaktionen zu verschließen. Dieses Ich, das sich durch sich selbst bedingt und will, bewegt sich auf dem schmalen Grad von Determiniertheit und Auserwähltheit (Größenwahn); es steht an vorderster Front seinen Ansprüchen gegenüber.
„Eine Gesellschaft, die auf der demokratischen Selbstverwirklichung des einzelnen Menschen aufgebaut ist, ist menschenverachtend, zynisch, nostalgisch, selbstverliebt, menschenmachtsfanatisch und dem Untergang geweiht. Wer als Künstler der >>Demokratie<< oder irgendeiner anderen von Menschen gemachten Regierungsform dient, dient leider nur der Menschensucht, der obszönen Menschenzucht, dem >>Wahn-ICH<<…“4Das weiß auch Jonathan Meese, in: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst, Hrsg. Robert Eikmeyer, Suhrkamp Verlag Berlin 2012, Seite 518

Künstlerische Arbeit
Das künstlerische Abreagieren als Transformation von Erfahrungshaushalt in Formengestalt erfährt hieraus eine symptomatische Zeigefunktion. Es zeigt eine ästhetisch-agierende Ausflucht aus dem Zustand des als zerstörerisch erlebten Kommunikationsprozesses. Künstlerisches Agieren öffnet das Portal zum Selbst für die unbeantworteten sozial determinierten Gestaltungsfragen. Das Fliehen aus den sozialen Kontexten lässt sich mit ästhetischen Mitteln sinnstiftend gestalten. Hier werden Erfahrungen über sich gemacht durch das selbstische Herstellen von ästhetischen Zusammenhängen zum Selbst. In der Erfindung eigener Wahrnehmungsakte ist eine Produktion mit sich, oder eine Existenz des Ich möglich.5vgl. Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreit. Die erstrebenswerten Formen freien Willens, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 60
Ästhetisches Handeln als Prozess, mit Erkenntnis fertig zu werden; nichts mehr instrumentell wissen zu müssen. Zweifach: Ästhetisches Handeln als Widerstand gegen die Instrumentalisierung der Erkenntnis und als Erkenntnisprozess der Instrumentalisierung.

 

 

246, Verhalten zum Selbst – als psychotische Dialektik

Die Möglichkeit, sich überhaupt zu sich selbst verhalten zu können, stellt die Voraussetzung jeder Selbstheit dar.1vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 114 Das Zu-sich-selbst-Verhalten wird bedingt aufrecht erhalten, indem auf Teile des Selbst-Raumes verzichtet wird. Denn das Verhalten zum Selbst ist das Resultat sozialer Kommunikation zwischen dem „Selbst“ und seiner Umwelt. Das Selbst kann nicht ohne soziale Interaktion postuliert werden, denn es ist durch soziale Interaktionen mit Gesellschaft verbunden. Im Selbst drückt sich in dem Sinn Gesellschaft aus. Ohne kommunikative Gesellschaft ist ein Selbst nicht existent – man kann nicht nicht interagieren. Das Verhalten zu sich selbst entsteht im Ergebnis der Interaktionen, die sozial determiniert sind. Insofern ist das Zu-sich-selbst-Verhalten eine Anpassungsleistung im Feld sozialer Kommunikation. Man ist dort – mehr oder weniger – sozial integriert, wo man (mit anderen) kommuniziert. Gelingt die Anpassung nicht, greift ein Nicht-werden-Können der Person in einen Stillstand des Werdens über.2vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 111 Die gesellschaftliche Transformation sozialer Beziehungen – als gelungene Kommunikation zwischen Menschen bis zu individualisierten Beziehungen mit anderen Menschen -, die durch die Teilhabe an der gesellschaftlichen Produktion von Kommunikation (Produkte, Informationen) bestimmt werden, engen als persönlich durchzusetzende Affirmation die Person ein und bestimmt ihre Bedingungen, zu kommunizieren, sozial zu (über-)leben. Selbst durch Selbstbeschränkung ist die Einengung nicht abzuwehren, aber sie scheint damit persönlich bedingter – „es ist meine Entscheidung“. Aus der Tragödie wird Metatheater.3vgl. das Essay „Von der Tragödie zum Metatheater“ von Susan Sonntag, in: Kunst und Antikunst, Fischer Taschenbuch Verlag, 9. Auflage 2009, Seite 194, 2. Absatz
Die eigene Narretei, der psychotische Sturm aus den Ventilatoren der Fabrikhallen und den Büroräumen wird abgewehrt mit Projektionen, Übertragungen des eigenen individuellen Empfindens auf die Anderen, auf Anderes, auf die in geilen Produkten vergegenständlichten und verborgenen, leblosen menschlichen Beziehungen. Diese Entfremdung, dieser Spalt scheint zunehmend die Bestimmung des Lebens zu sein und dessen Bedingungen auszumachen: Der persönlich zu leistende Anteil wird zur persönlich durchzustehenden Krankheitsgeschichte. Sie übernimmt und füllt – statt des lebendigen Erfahrungsraumes – die Lebensgeschichte. Es ist die Chance, Opfer zu werden und sich durch das Projizierte im Projizierten wiederzuerkennen, sich mit hinein in die Welt der anderen Vorstellungen zu nehmen, als Projektor sich zu fangen und sich als solcher nicht zu erkennen. Die Symptome sind dann realer als das, was zu ihnen führt.
Dieses psychotische Ich braucht für seine Menschlichkeit, Lebensgeschichte sein eigenes Leben als Opfer, Schicksalsgabe, Auslöschung. Es bedarf der projizierten – durch die Produktwelt transportierte – „Unmenschlichkeit“ der Anderen, die doch eigentlich die Verhältnisse nur repräsentieren und nicht sind. Das eigene Opfersein scheint die plausible Reaktion für den eigenen Verlust an Selbstbehauptung. Dieser Verlust an der Person, an der sich selbst richtenden, sich Richtung gebenden Person ist an Wahrhaftigkeit dieser sich in dieser Weise erlebenden Person nicht zu übertreffen und bedarf der Bezeugung der außer ihr stehenden. Es muss jemand dabei sein (z. B. das künstlerische Ego, die Kamera, das Internet als Entfremdungsmedium). Es ist nicht das Ich als Opfer, das sich heimsucht und ihm seine Rechtfertigung für seine spleenigen Marotten gewährt, sondern es wird zum Täter des Sich-Opferns gemacht – ganz frei soll es sich selbst erwürgen: und dies macht sein Leiden mit der Welt so grausam.

Suizidales Stadium
Das Ich opfert sich, löscht sich beständig aus, damit es an sich selbst anderen zuvor kommen kann und eine Rechtfertigung für seine Existenzweise sich selbst vortragen kann. Im Vordergrund steht die Entwicklung der Möglichkeit, sich zu sich selbst zu verhalten, sich in der Weise der Negativität zu begründen. Um die Qualität des Opferns sich anzueignen, wird der vorgestellte Verlust (als permanent antizipierte Negation des Selbst), also der Vorgang des vermeintlichen selbstischen Verschwindens durch die Projektion einer substantiellen Vergangenheit, für die damit einhergehende Rekonstruktion des Ichs verbürgt. Substantiell an dieser Vergangenheit ist die Konstruktion von vorgestellter Vergangenheit, Biografie.
Die Sehnsucht nach dem richtigen Leben ist das Versteck, um sich vor den nichteingelösten Träumen zu schützen.

 

 

245, Misstrauen als Rückzug

Misstrauen
Das Misstrauen in die Kommunikation der anderen, auch als Zweifeln an, Besorgtsein um und Verfolgungsempfinden von anderen sich zeigend, ist eine Reaktion auf überfordernde Routinen des Alltags, ist eine Reaktion auf die Erfordernisse der gesellschaftlich eingeforderten Toleranz im sozialen Verkehr des Lebens, die nicht ausgehalten wird, aber die als Anpassungsleistung internalisiert wird – auf Kosten der psychologischen Stabilität. Es fällt auf, das Menschen in dieser Lage, ihre Fehlleistungen zu Fehlleistungen der anderen korrumpieren, um sich unbeschadet von sozialer Umwelt abzukoppeln oder ihr wieder teilhaftig zu werden. Als Tyrannen über beschädigt empfundener Umwelt unterwerfen sie diese Umwelt ihren eigenen Defekten. Es gilt, die abgeworfene Haut der enthäuteten Erwartungen wieder zusammen zu flicken und anzuziehen, das Stigma in eine neu gefundene Rolle zu konventionalisieren, um sich wieder in den sozialen Raum einzubringen, um wieder sozial kommunizieren zu können. Da ist etwas in Fluss gekommen, die psychotische Fixierung (als Misstrauen) hat den von ihr geforderten Menschen aufgeweicht: sensibel bis vulnerabel. Die befürchtete Verflüssigung aller Lebensverhältnisse, alles schwimmt in mächtigen Erwartungen weg, tritt im misstrauischen, zweifelnden Verhalten gegen diese Furcht zu tage. In sämtlichen Infragestellungen zeigen sich die verlorenen Standpunkte des vorherigen – erwarteten – Lebens. Die Überprüfung der richtigen, rechten Form des Entscheidungsmaterials scheitert an dessen schnellen Veränderungen. Misstrauen als Kategoriefehler im Verhalten, als Stil der starren, festen Form: Das Sicherheits- wie Kontrollbedürfnis engt Kommunikation ein, der (kommunikative) Bewegungsumfang nimmt ab. Eine beständige Zerstörung kommunikativer Akte durch Verdachtsannahmen und durch ihre zu schnelle Verallgemeinerung zu Furchtgebieten – eine Frage löst so die Frage nach dem Überhaupt-Fragen-Können aus. Misstrauen hängt gern am Negativen – da funktionieren die misstrauischen Prophezeiungen; und es entwickelt Aversionen gegen Veränderung (es könnte positive Folgen zeitigen). Die misstrauische Person braucht für ihren Rückzug zu sich, zur kleinsten Größe ihres kontrollierbaren Raumes stabile Bedingungen. Die psychotisch sich bewegende Person kann sich dem Konflikt schwer entziehen – sie ist genötigt, Vertrauen zu benötigen und es nicht zu bekommen, heißt, sich an sich selbst zu enttäuschen. Die Verflüssigung artet in Zer- und Wegfließen, ins Nirvana aus: ohne Halt. Das ist das Angriffspotential des – störenden – Subjekts in der Gesellschaft, gegen sie. Die Unruhe des psychotischen Subjekts ist politisierbar. Misstrauen wird ideologisiert zu Verfolgungsszenarien.

Misstrauen II
Misstrauen – als eine übersteigerte Sorge um sich selbst: Um die das Selbst beschädigende Situationen im Vorfeld zu detektieren. Erlittene Traumatisierung – enttäuschte Erwartungen, physische Ohnmacht, Verrat – führt zu Vermeidungsstrategien. Also ein Versuch durch die Kontrolle des Umfeldes die befürchteten Ereignisse vorwegzunehmen, d. h. sie zu vermeiden. Eine Wachsamkeit die selbst keiner Aufmerksamkeit bedarf. Im Stillen zieht sie ihre Angst bereiten Fäden. Misstrauen als nicht Ziel führendes Zweifeln, weil die Misstrauen erzeugenden Objekte wuchern und der stetig quellende Stoff neuer Konstellationen im abgesteckten Beobachtungsfeld die Überführung, Identifizierung des verdächtigten Objekts, Gegenstands nicht erlauben. Ähnlich der unabgeschlossenen Trauer in der Melancholie, wo das Objekt der Trauer nicht los gelassen werden konnte und „eine Bekümmerung mehr um sich als um den anderen oder anderes“1Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst. Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, stw 1148, Seite 107 einsetzt, erzählt das Misstrauen von einer paranoiden Landschaft, die als Landschaft nicht nur nicht zum Abschuß kommt, weil man sie nicht beschreiben kann, sondern die auch an einem stetem geografischem Zugewinn leidet: Es entstehen stetig neue Angstlandschaften – die misstrauische Phantasie erzeugt sie. Aber gerade in formal festgefügten Strukturen, Abläufen kommt das angstbewusste – misstrauische – Subjekt zur Ruhe, hilft die formale Spezialisierung die Angst auslösende Unentschiedenheit (wo genau ist die „Gefahr“ zu lokalisieren) temporär aufzulösen, abzuwenden.2Angst im Bezug auf die Melancholie: vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst. Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, ab Seite 103 bis 121 Eine Beruhigung durch Funktionalismen, Sandkasten, festgefügte Abläufe. Wenigstens im Detail herrscht Klarheit, aber nicht im vermischten Unheil.

Selbst-Beschränkung
Eine Motivlage, Krankheit zu äußern, sich und anderen mitzuteilen, könnte darin bestehen, sie sich zu versichern als erstes Streiten um die eigene Stabilität – wieder mit sich eine Sprache zu finden, mit sich ins Gespräch zu kommen, um Gewissheit über den neuen Zustand zu gewinnen. Das Ich ist seine Krankengeschichte. D. h., es sichert sich durch seine Krankheit ab, damit der subjektiv eingeschränkte Lebens-Rahmen Festigkeit erlangt (Individualität als Defizit) – da weiß man, was man hat. Das psychisch aufgeweichte Individuum ringt darum, seine (neuen) Ufer fest zu machen, seiner Wahrnehmung sichere Punkte zu geben, die Welt zu verfestigen, um Orientierung im neuen körperlichen Revier zu erlangen. Der neue, gekränkte Körper erschafft seine Lebenslage nach seinem bedrängten Bilde: seiner Vorstellung. In der (formalen) Fixierung der Umwelt, der gedachten Modellierung von ihr, sucht es Kontakt mit seinem Heil, d. h., der psychisch eingeschränkte Körper versucht seine Umgebung in seiner Beobachtung zu stabilisieren: er modelliert andere Kriterien der Selbstreferenz. Der Neuorientierung der Gewohnheiten und ihrer Herstellung folgt die Beschränkung der ehemaligen Bewegungsradien als ein Modus, der Übersicht gewährleistet – nichts Neues, Unerwartetes, Unvorhergesehenes soll das Blickfeld trüben. Was wiederum zur Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes führt – um es kontrollieren zu können – und eine eskalative Schleife der Selbstverweisung in Gang setzt: Der Filter verstärkt sich selbst. Das Ideal solcher Weltbegegnung entsteht als abgeschlossener, entropistischer Raum, der immer kleiner wird, in dem das Individuum als sein eigener Gefängniswärter waltet und aufräumt von Zeit zu Zeit; es käme nur Staub hinzu.

Vernetzung
Nach der Zustimmung allgegenwärtiger Zugriffe über das private Netz-Leben in den AGBs sozialer Netzwerke (facebook, Xing, Google etc.), folgt vielleicht der Versuch des derart kontrollierten Nutzers, durch die Ermittlung der von ihm gespeicherten privaten Lebensverhältnisse, Lebensumstände die Öffentlichkeit über die eigene Person zu kontrollieren (als paranoide Strategie). Dasjenige, was die Öffentlichkeit erfährt, muss vom kontrollierenden Subjekt gewusst werden können. Man kann diese Strategie auch umkehren: „The best way to protect your privacy is to give away.“3Süddeutsche Zeitung, Artikel zu Hasan Elahis Webseite „Lifecast“, Datum unbekannt Über diese Hyper-Infiltration des Privaten scheint das System manipulierbar zu sein, denn das Private kann sich über die Öffentlichkeit sozialer Netzwerke inszenieren. Insgesamt aber wird der paranoide Keil des socual-network Doppelleben-Lebens weiter in die private Person getrieben. Denn wenn der allmächtig scheinenden (sozialen) Kontrolle nur mit der Kontrolle sämtlicher jäh eigener Lebensentäußerungen zu begegnen ist, werden die Kontrollmechanismen – gegen die sich kontrollieren wollende Person –  verstärkt. Das beobachtete Nutzer-Subjekt antwortet dadurch permanent auf nicht gestellte Fragen – ob es nun will oder nicht: es produziert Daten über sich. Das Nichtpreisgeben von persönlichen Informationen wird als Verweigerung erkannt. Das Nachgefragte (ein Buch, ein Produkt oder gewählte likes) stellt den Fragenden fest. Das Bezwängende löst ein zwanghaftes Verhalten aus; die erpresste Vor-Sicht beantwortet den Zwang und der Bezwängte will dem Zwang mit Zwanghaftigkeit zuvorkommen. Die Angst vor der Veröffentlichung der Privatsphäre führt in die Flucht zum nur Privaten hinein. Man zieht sich vor der gefühlten Zwangs-Konnektivität zruück. Mit angestrengter Negativität – im Handeln auf sich selbst – beugt der vernetzt determinierte Nutzer den unvorhergesehenen Erfahrungen vor.
Allen neuen Möglichkeiten der Kommunikation haftet das Indiz an, eine Instanz bzw. ein Medium der Kontrolle zu sein.
„Der zwanghafte Mensch fungiert als sein eigener Aufseher, der Befehle, Direktionen, Mahnungen oder Warnungen austeilt, nicht nur bezüglich dessen, was zu tun und zu lassen ist, sondern auch im Hinblick darauf, was gewünscht, gefühlt und sogar gedacht werden soll.“4David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, 1991, Seite 41

Verkapselung
Aber eben mit der Einschränkung von Wahrnehmungswelt – kaum noch dringt Anderes, Neues, Beunruhigendes durch – sichert der psychisch Bedrängte den Fortgang des Bedrängens (als seine Krankheit), denn die einmal gemachten Erfahrungen sollen wiederkehren, und damit sie wiederkehren können, ist der Zwang zur Wiederholung unvermeidlich.5Zum Begriff der Angst als Wiederkehr des Verdrängten siehe Heinz Weiß, in: stw 1148, Seite 80 ff; Sigmund Freud, in: Hemmung, Symptom und Angst, Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1969-1975, S. Fischer, Band 6, Seite 227 ff; und Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Bern und Frankfurt am Main, 1993 Mitunter bedeutet Gesundwerden eine so groß scheinende Veränderung, dass dem Kranken dies als Bedrohung seiner Mühen vorkommt.
In der unvermeidlichen Wiederholung von Erfahrungen, Gesten, Abläufen sieht der Betroffene seine Identität bestätigt: Er kann Kontinuität zu sich, zu seiner Geschichte in der Wiederholung seiner gemachten Erfahrungen, als seine Geschichte herstellen. Mit selbstauferlegter Beschränkung wühlt das betroffene Individuum sich (abermals) in das Gefängnis seiner von ihm gefürchteten „objektiven“ Umstände hinein. Tragisch komisch.
Die Krankheit stellt die ontologischen Bedingungen des betroffenen Subjekts her. Die Krankheit als Weg zu dessen Selbstbewusstsein. Von der Onkologie zur Ontologie ist es nur ein Hauch. Manchmal scheint die Störung, der Spleen, eine individuelle Manifestation zu unterstreichen und auszudrücken. Sind die Macken, Abweichungen der Ausfluss, der Glanz des krankhaften Subjekts? Individualität als Zusammenfassung erarbeiteter und erzwungener Deformierungen – Determinationen – ist ein Ausfluss von Störungen, ungeplanten Verzögerungen. Individualität kann sich nur durch die Störung ausdrücken: Als Abweichung. die Störung wird über das Individuelle erkennbar. Ob nun Störung (Beschädigungen, Deformationen, symptombildende Kompromisse etc.) als Individualität oder Individualität als Störung gefasst wird, ist hier nicht erheblich, denn beides weißt auf den sich psychisch niederschlagenden, niedergeschlagenen Widerstand des Körpers gegen die gesellschaftliche Umwelt hin. Stellt der Begriff des Charakters die Bewegung eines Pendels zwischen Determination und Konstruktion dar? Die Bewältigung ständig latenter Konfliktstoffe verlangt ein bestimmtes Herangehen, eine Charakterlage, eine psychische Bindung zur Konfliktmasse, die formell phänomenologisch – dem Symptomen nach – als Störung, als wiederholtes Handlungsmuster, d. h. als bestimmtes und zwangsläufiges bis zwanghaftes Verhältnis zum eigenen Verhalten zum Ausdruck kommt und dadurch individuell wird.6Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2000, Seite 258 Die Topografie des Krankseins bestimmt das Ich – die Syntax seines Lernens.
Psychisch Kranksein: Damit Erfahrungen wiederkehren und das Ich (Individuum) unvermeidlich, d. h. endlich wird – sich Sinn erfahrend erlebt, braucht es die Krankheit als Weg zu sich. Es muss zu sich über sich kommen, über seinen zerstörten und zerstörerischen ontologischen Raum: durch den unendlich scheinenden Reichtum des Krankseins. Aber in der Rekonstruktion seines vormals gefassten gesunden Zustandes – den es nie gab – zeigt sich für das festgestellte Individuum ein erlösender Hebel: Die Wanderungen in den Erinnerungen.
Mit angestrengter Negativität – als ein Überprüfen erfahrener Umstände im Handeln auf sich selbst – beugt der psychisch Determinierte den unvorhergesehenen Erfahrungen vor.

 

 

244, Erfahrungsfreeze – die erstarrte Form

Sich kaum ändernde Wahrnehmungssituationen: wir sprechen von sozialen Blasen oder Filtern, führen zu stabilen, kontinuierlichen Erfahrungs- bzw. Wahrnehmungszuständen – in dem Sinn: auch zu stabilen Irrtümern.
Gefangen im Erfahrungsfreeze.
Das heilende Negative – die erkannte Differenz zur gewohnten körperlichen Funktions-Erwartung als markierter indifferenter Zustand zum Ausdrucksgebrauch in der künstlerischen Arbeit, wird durch den schmerzlichen Abschied von bisher gebrauchten Formen des körperlichen Ausdrucks wieder in Bewegung gebracht. Künstlerische Arbeit hat daher eine Nähe zu psychischen Überforderungen.

Die erstarrte Form
Die Plausibilität gemachter Erfahrungen bildet feste Rahmungen, in denen das Verhalten durch das Festhalten an ihnen plausibel gemacht wird, sinnhaft wirkt. Erzeugtes Werden im Stillstand: als formale Reduktion. Der Film über das Stillleben als ein stilllebender Film, durch die notwendige Bewegung des Filmmotors zustande gekommen, um die Stille in den Film zu bringen. Plausibilität, Konsequenz als Sinn entsteht durch die konsequent festgehaltenen formalen Unterscheidungs-Verfahren mit dem jeweiligen Gegenstand. Logische Stringenz tritt in ihrer Wiederholung vom Ende her zu tage:1Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1977, ab Seite 111: […] „daß ich an einen jener filme denke, die zurückgerollt werden, so daß das gestürzte pferd sich in der zeitlupe aufrichtet und über die hürde zurückspringt, nein schwebt, wobei volle logik exekutiert wird und kein moment bleibt, der außerhalb der gesamtbewegung existiert.“ Hieraus ist zu entnehmen, daß „Logik“ einen retrospektiven Standpunkt erzwingt, dass sich der negative (umgekehrte) Handlungsstrang hermetisch gegen die wirkliche Zeit abriegelt, bzw. dass diese Logizität ihren Charme aus ihrem unwirklichen – schwebenden – Zustand gewinnt. Als künstlich eingeführte Unterscheidungen eines selbstreferenten Beobachters bzw. durch die besessene Erfindung bequemer Falschheiten.2Nüchtern vorstellbar wird es wieder mit Luhmann: „Der Beginn einer Arbeit an einem Kunstwerk besteht in einem Schritt, der vom unmarked space in eienen marked space führt und damit die Grenze schafft, indem er sie kreuzt. Spencer Brown nennt das: draw a distinction.“ In: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlang Frankfurt am Main, 1. Auflage 1997, Seite 189 In der Suche nach Gewissheit (Wissensruhe als Sicherheit) gilt es permanent zu formalisieren, bis sich eine Tatsachenlandschaft, ein Formenareal ergibt, das regelrecht bestimmte Entscheidungen/ Differenzierungen/ Unterscheidungen erfordert und erlaubt. Formaler Sinn als Reduktion von Komplexität – im Meer der Möglichkeiten.

Bindung an Form und Erfahrung
Wenn also der Status quo der Bindung an gemachte Erfahrungen (gefundene Formen) als Ausschluss anderer, differenter Möglichkeiten aufrecht erhalten werden soll (fitting), um die bereits vollzogene Anpassung an  Lernkontexte zu rechtfertigen (um sie für die spätere Nutzung zu bewahren), müssen Kriterien (Determinanten) ins Feld geführt werden, die dies erlauben. In der Abgrenzung vor divergenten Möglichkeiten werden Möglichkeiten der Abgrenzung erzeugt. In der Erfindungsgabe zur Verteidigung jeweiliger Möglichkeiten sind sich die formalen Kontrahenten näher, als es ihre Intention zementiert.
Der eigens zu formulierende Anteil im zu etablierenden Entscheidungskonzept – lass ich mich auf neue formale Möglichkeiten ein oder beharre ich auf das Reservoir meiner Erfahrung – entleert sich gewöhnlich zu Formalismen, wenn die Angst vor dem Scheitern größer als die Möglichkeit des Erfahrungsgewinns. Ein formales Herangehen – also bei bekannten Formen zu bleiben bzw. sie zu repetieren – entleert genau darin die künstlerische Form, die der Künstler mit den in ihm abgelegten gesellschaftlichen Formenlandschaften bei sich finden muss, indem er die bisherige Form als Hülle einer Metamorphose zu neuen entdeckt. Dieses formale Festhalten entsinnlicht und entmaterialisiert die Wahrnehmung zugunsten ihrer verweisbaren Abbildbarkeit. Hiermit wird das „Konzept“ hinter der (künstlerischen) Arbeit abgesichert und die Sinnlichkeit der frontal wahrzunehmenden Formen reduziert.3In diese Richtung formuliert Niklas Luhmann, in: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1. Auflage 1997, Seite 202: „Die Überzeugungsmittel bedienen sich also auch hier der Wahrnehmung, nicht des Denkens.“ Das formell abgesicherte Gebiet ist ein Gespenst seines Erzählstoffs geworden. Eine stilistische Sackgasse. Abstrakte Kunst? Das Unsichere in der Gegend ist der Mensch – und der konnte zunehmend aus dem erstellten Bewertungskartell eliminiert werden. (Auch für Künstler ist es schwer, das sich angeeignete Formenimperium stets neu zu stürzen und sich in einen unfit state zu werfen. Denn neue/ andere Formen zu formen, heißt, Unterscheidungen zu lernen.) Ein Indiz für Menschen Künstler, die sich Kontext bezogen entwickeln, die sich auf formal abgesichertem Feld bewegen, ist deren enzyklopädisches Wissen zum Konzept „hinter“ ihrer Arbeit. Als frei gilt jemand im Kontextbordell der Kunst, wenn er hinsichtlich seines ausgemachten Arbeitsfeldes soviel wie möglich kontrollieren kann und darüber Übersicht erhält bzw. erhalten kann, wenn nur eine vorher festgelegte Menge von Variablen innerhalb dieser Menge in Aussicht steht. Aber was ist ausgemacht, was ist das anzunehmende Arbeitsfeld? Die dadurch stetig erforderliche Infiltrationen – Vernetzungen – des Arbeitsgegenstandes (Kunstwerks) durch formale Kontrolltechniken und Übersprungskontexte erscheint zwangsläufig, andererseits schützt die Spezialisierung, Einengung vor der Zerreißung vor dem und durch den formal unerledigten Rest: Unrat. Die antialtruistische Attitüde verkaufsträchtiger Marktteilnehmer (Händler und Künstler) verhält sich wie das Kaleidoskop mit den in ihm festgelegten Bestandteilen, „dem bei jeder Drehung alles Geordnete zu neuer Ordnung zusammenstürzt.“4Benjamin, Das Passagen Werk, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1991, Seite 428

Entleiblichung
Die Freiheit wird als nur privater Umgang mit weltlichen Gegenständen, Phänomenen missverstanden – der Freiheitsgrad des Bourgois versteht er als Bemächtungsgrad – statt als Bezug zu sozialen Beziehungen zwischen Menschen. Es ist der kommunikative Austausch zwischen den Menschen, der sie sozialisiert. Man ist nicht frei, weil man Kunst machen kann, sondern, indem man Kunst macht, erlangt man Freiheit. Die Subjektbehauptung als Behauptung des Subjekts findet in dessen verstärkten Objektivierung seiner Lebenswelt statt – Individualismus als Defekt. Die Schwere des Subjekts aber soll verringert werden. Tatsächlich erleichtert sich es. Wie? Durch Entleiblichung – die festgemachte und formal ermittelte, in Kontrolle gebrachte Ding- und Faktenwelt (die Empirie) wird ermächtigt zur Herrschaft über das Leben, über die Form der (kontrollierbaren) Technologie. Das Leben nach Dienstvorschrift ist vielleicht leichter zu ertragen als das eigene, als das selbstständige Formulieren eigener Lebensschrift. Unter dem Druck des logifizierten und logifizierenden Alltags – die wachsende Rationalisierung durch Formalisierung und Formalisierung durch Rationalisierung des Alltagslebens als dessen Auflösung in Tauschwerte – werden die nötig gewordenen, größer werdenden Egoismen des Subjekts wiederum sinnvoll, wenn es sich unter dem Operationszwang alltäglicher Komplexität der Lebensumstände einrichtet – d.h., der Egoismus richtet sich gegen das eigene Operieren-Müssen, gegen die vermeintlichen und real dargebotenen Entscheidungskalküle. Simply clever bedeutet hier, die Vorgänge der Wirklichkeit zu trivialen Modellierungen zu vereinfachen. Auf die Komplexität zu pfeifen, bedeutet daher in einer sich mehr und mehr ausdifferenzierenden Welt, gegen die anderen Mitglieder der Kontextebene (Gesellschaft) zu operieren – solange es eben geht. Die dafür benutzte rechtfertigende Struktur der aufgezwungenen verdinglichten Verhältnisse rationalisierten Lebens bietet ein Argument, gar nicht anders zu können, mit und ohne Rechtfertigung vor anderen Subjekten. Solche Realisierung des Lebens geht mit dem Verlust an Realität konform. Wenn ich die komplexe Empirie aus meiner Welt abschiebe, sie z. B. einer Spezialwelt einer Sprache unterstelle, sie mir darin mit Distanz vom Leibe schaffe, starr mache, formalisiere etc., entleibliche ich mich damit zusehens. Das Ich als gesprochene Form – seine Sprache – verkörpert in seiner Sprachlosigkeit, in seinen sprachlichen Entbehrungen seine menschliche Entleiblichung. Verdinglichung und Entleiblichung sind der gleiche Glanz am selben Metall. Auf der Rückseite schillert die Existenz dahin. Die menschliche Verkörperung geht aufs Objekt über. Fetische sind Postkarten verlorener Liebschaften.

Stilistische Sackgasse
Die vordergründig plausible, konsequente, weil wiedererkannte Form gefriert zur stilistischen Sackgasse. Als würde erst das Starre, fest Differenzlose den Charakter des Plausiblen, Konsequenten ausmachen. Die Schwierigkeit besteht darin, diese festen Formen, starren Oberflächen wieder aufzubrechen, das Widererkennen selbst zum Anti-Material zu machen.5„Von ästhetischer Erfahrung sprechen wir vielmehr erst, wenn unser Verstehen die Ordnung bloßen Wiedererkennens verläßt und das Wiedererkannte zum Material macht, an dem es Bestimmungen auswählt und aufeinander bezieht.“, Christoph Menke-Eggers, in: Die Souveränität der Kunst: Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida. In: Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp 1997, Seite 170 Der Genuss der Wahrnehmung und Herstellung von Kunstwerken gründet sich auf der ästhetischen Zerstörung seiner Formen als Neu-Formulierung – also: Neu-Differenzierung. Im zerstörerischen Formulieren des Neuformulierens kann sich der Beobachter als Beobachter wahrnehmen: in der Vertilgung von (ästhetischer) Form gebiert er seine individuell eigenen. Die zwingende, aber wiederholende Form des Erstarrens, des Stils trägt daher redundante Steine vor sich her. Ohne Differenz keine Existenz.

 

 

243, Ausscheiden aussprechen: faschismus als Rationalisierungsversprechen

Das industriell entfesselte, produktive Verhältnis zur Selektion zugunsten der Produktivität – oder nüchterner formuliert: die systemimmanente Ausdifferenzierung der Gesellschaft auf allen Kommunikationsebenen – wird in Vorgängen des Abschneidens, Rauswerfens, Ausstoßens qualifiziert. Es zeigt sich in der sprachlichen Nähe zu Sätzen wie: Die schlechten Zweige zuerst abschneiden, die faulen Äpfel vor allen anderen… und kulminiert in Sätzen über die Alten und Schwachen, Frauen und Indigenen, die dem Produktionsprozess nicht profitträchtig genug zuzuführen sind und daher (- so die faschistische Ideologie) zuerst in die Wüste, die Gaskammer, in die Anstalt u. d. m. geschickt werden sollen. Es ist mittlerweile Usus diese unmenschliche aber produktivmächtige Machtstruktur solcher rationalisierter Unmenschlichkeit als angewandte Rationalität im Sprachgebrauch zu den Mündern oder im Munde zu führen: Die Rede ist vom Sich-Verkaufen. Der Mensch verschwindet oder versteckt sich hinter der ihm zugewiesenen und gleichwohl von ihm antizipierten Funktion in rational anmutenden Begriffen. Wie ist das fürs Denken differenzierbar und wie hält sich das „bessere Wissen“ über die Funktionalismen gegen seine anders sprechende Zunge aufrecht? Wie repräsentiert sich dieser Konflikt intern, bildet er sich organisch ab, bzw. wird er psychisch als Begrifflichkeit abgelegt?
„[…] aber hier, wo diese Begriffe ja nicht nur die Begriffe des Denkens sind, sondern auch Begriffe, die in das Rechts- und Sozialsystem eingedrungen sind und dort ihren Platz haben, das heißt Handlungsanweisungen sind, um die man gar nicht herumkommt. Man kann ähnlich wie die Schizophrenen hier zwar auf zwei Ebenen spielen und versuchen, das nach außen hin zwar zu tun, aber für sich selber eine zweite Dimension zu reservieren und die offizielle Begrifflichkeit einfach auszuklammern. Aber man wird immer wieder die Erfahrung machen, daß man solche Positionen nicht durchhalten kann.“1Erich Wulff: „Ethnopsychatrie darf keine Rechtfertigungswissenschaft für die psychiatrische Krankheitslehre sein“ in: Das Fremde verstehen, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 68
Die erzeugten Bedeutungen, die kognitiven Erfahrungen in der menschlichen Gesellschaft vermitteln einen lebensfeindlichen Kontext zwischen der erarbeiteten Repräsentation2vgl.: Interne Repräsentationen – Neue Konzepte der Hirnforschung, Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach, stw 1277, Seite 45, 26 f des unmittelbaren Lebensraumes und der widersprüchlich, widerständig abgeleiteten, eingeleiteten Lebensreaktion des menschlichen Subjekts. Funktionalistische Begriffe werden wie ein Schild benutzt um gleichsam sich unter ihnen wegzuducken. Dieses Schwachsein ist menschlich und soll aufhören. (Brecht, „Fatzer“) Den Vorgaben der Rationalisierung wird überantwortet, wozu der betroffene Mensch seine Positionen im Dschungel der Verhältnisse erst finden muss.

 

 

242, 1993 – Heiner Müller

Ich erinnere mich: Ich fuhr mit dem geborgten Auto meiner Mutter zu meinem Vater nach Netzschkau. Das Auto-Radio war an. Ich drehte am Audio-Sender nach gutem Empfang. Es war etwas verrückt: Plötzlich berichteten verschiedene Sender über Heiner Müller. Ich fuhr rechts ran. Ich ahnte etwas, holte meine Erinnerungen an Heiner Müller raus. Ja, ich war dabei, 1993, als Heiner Müller im Ballhaus Rixdorf FATZER  DUELL TRAKTOR mit tollen Schauspielern geprobt hatte. Unvergesslich für mich: Ich war als Kostümbildassistenz im Probenzirkus geduldet. Ich zeichnete wie wild, wie es mir unmittelbar möglich schien… Versuchte alles zeichnerisch aufzuschnappen: Dann kam eines  Morgens zum Probenbeginn Heiner Müller zu mir – ich bereitete gerade meine Papiere zum Zeichnen vor – und er hielt mir seine Hand zum Gruß hin: „Guten Tag“,  Ich erwiderte verblüfft: „Guten Tag“. Heiner Müller ging ab, aber ich war total verblüfft über sein auf mich Zukommen. Seine Hand-Haut war so weich. Ein Händedruck – Ich bin für den – insgeheim unterstellten Respekt – dankbar. Warum? Einerseits hatte ich ein enormes, aber nicht einholbares Nähebedürfnis zu Müller – ja, als ich mit meinem Auto an die Straßenseite ran fuhr: Das Gefühl, einen Vater zu verlieren, einer, der AUS MIR SPRICHT. Andererseits: ich erinnere mich: viele scharten sich um ihn. Ich verbot mir das zu tun. Einfach aus Respekt. Vielleicht hat genau das Heiner Müller gesehen.

 

 

241, Farben

Farben zu machen, die Augen nicht erinnern, wenigstens nicht ihre Form. Räuber wie Gefangener. im Überblick, rückwärts schauend, in der Abarbeitung von Gestern, der Abbilder, entwickle ich meine Linien Blut, mein Malzeug; meine Bilder. Was ich ständig häufe, wuchere im Tauschhandel mit dem Krebs – ausbrennen, einfach vergessen! Jetzt, immerfort entwerfen! Bilden und neu denken: Ich bin diese Gier. Dafür alles kosten, was verdaut und ausgestoßen werden kann. Mich mästen, die Magen -und Gehirnwände weiten: Vor dem Platzen malen, noch Formen Farben finden.
Male, nur spreche nicht.

Verrückt scheint nur das zu sein, was gesellschaftliche Beschreibungsmächtigkeit nicht einholt.
Im Diesseits sich wieder erkennen; nach der Umrundung übers Dunkle. „An den Grenzen der Lernfähigkeit agieren… Was außerhalb der Begabung [Kognition].“1Zitiert nach Bernd Böhmel, Quelle unbekannt
Das Schwererfaßbare als Bewegungsraum, das Unbekannte als Expeditionsgebiet.
„Die Kunst muß dort einsetzen, wo der Defekt liegt.“2Bertolt Brecht, in: Schriften zur Literatur und Kunst, Band I, Suhrkamp Verlag 1967, Seite 128
Intensität, Konzentration durch erarbeitete Blindheit und Vergessenkönnen, Verdrängung von Erfahrung gewinnen. Es scheint zur künstlerischen Voraussetzung anzuwachsen, dass Unterlassung, Weglassung von erarbeitetem Form-Bewußtsein – bei Luhmann: „Hinausschieben der Wiederholung“3Das ganze Zitat bei Luhmann: „Das Medium selbst trägt die Verzögerungsfunktion (bezogen auf Wiederverwendung zur Formbildung), die allem Gedächtnis zu Grunde liegt, denn Gedächtnis ist nicht etwas Sperieges von etwas Vergangenem ( wie sollte das gehen?), sondern Hinausschieben der Weiderholung.“ – betrieben wird, damit die Körpermaschine realisiert werden kann. Als Künstler arbeiten, heißt, durch Aneignung zu enteignen. Vergessen können, impliziert Gewußthaben. Das Ausdrucksmäßige in der Kunst als Sprachproblem fassen, um aus der gewohnten Sprachlichkeit (In-Form-ierung) – d.h. auch: aus der Selbstbeobachtung raus zu kommen. Ständig neu den Blindflug über das bis hier her Gewußte zu wagen. Im Vertrauen darauf, dass Erfahrung (Wissen) körperlich sprechen lernt. Wo im gewohnten formalen Umgang nichts mehr zu bereden ist, nichts weiter besprochen werden kann, aus den alten Formen nichts zu gewinnen, nichts oder wenig zu formulieren bleibt, dann ist das künstlerische Medium aus Öl, Paste und erfundenem Materialkontext die Präzisierung der Sprachlosigkeit in eine neue Sprache.

 

 

240, kritische Kritik – als Selbstzerstörung

Kritik ist Waffe: gegen sich, den selbstkritischen Kritiker gewendet. Das zweifelnde Selbst bewaffnet sich mit Selbst-Kritik? Ohne die Möglichkeit, die Kritik gegen sich selbst kritisieren zu können. Selbstkritik als Selbstbewaffnung. Das Ich als Patronenlager für selbstische Ziele? Sich selbst, den eigenen Körper, zu kolonisieren mit frei geschossenen körperlichen Gebieten? Entweder einfach schlafen,1wie Dercon es im Monopol-Magazin beschreibt: im Interview zu Sailstorfers Kunst-Aktion „Pulheim gräbt“, 28.08.2014 oder Monopol, Ausgabe 15, 2010 sich nicht beteiligen oder Schläfer sein: in der Erwartung steter Bereitschaft zum Kampf, zum Aufruf. Touristisch, terroristisch oder künstlerisch?

Baader: „zu sein… ist dauernd zu werden.“
Die Ungespaltenen werden in Anstalten vom gesellschaftlichen Feld getrennt.

Enslin: „Entweder du vernichtest dich [selbst], oder du vernichtest andere, entweder tot oder egoist.“
Der imperialistische Egoismus braucht das menschliche Ich auf. Im Widerspruch verreckt.

Krabbe: „Nicht wir oder sie, sondern ich.“
Begreifen des Bruchs oder selbstischen Zusammenbruchs.

Meinhof: „Umwälzungen finden in Sackgassen statt.“

 

 

 

239, Bilder kneten

In der Beschreibung der Bilder die Gedanken kneten, Farbe zu erwirken. Im Dunkeln malen, bis die Nacht zerreißt: um nichts zu sehen mehr. Auf dem Boden der Grind, Malgrund, im Gras liebend das Gras, im Fleisch Fleisch sein. Den Einfall des Lichts üben bis nichts Umgeleitetes dem Auge erscheint. In der grauen Rinde, den Perlon gestrümpften höllisch hellen Schenkeln. Die Detonation des Werks – ein Befehl, geschrumpft zu industriellem Bewusstsein, 100000-faches Aufhören. Ich wie ein Nichts während des Erbrechens der Zeit, ausgestoßen aus dem verglückten Leben. Ausgespien brauchts kein Licht. Pollution ohne Zensur. Kein Reim. Tiefer, in den Katakomben der Geometrie züngeln Überfluss zeugende Schlachtfelder, geruchlose Linien. Gewinn bleibt Flugzeug Panzer Maschinengewehr, da zirkelt Blut die Schnitte. 10 Minuten später ist das Feld gepflügt, schön, die Farbeimer ausgequetscht; Gewein hält sie offen. Breite Beine, Gehen oder Empfangen: gerade aus/ bleibend/ liegend. Probe, auf das Farbe den Tod hält. Leben weicht vor Blau Grün Orange. Teufel mein Tintenfass, Unterwelt der Pigmente.

 

 

238, Aufklärung

Aufklärung – enlightment, endgültig: Licht. ENKYKLIOS PAIDEIA – Kreis der Bildung und Erziehung. Kreis in den das Licht fällt. Malerei: die Verkörperung des Lichts in Farben und Formen. Sprache: eine menschliche Verkörperung ins Geschriebene hinein.

 

 

237, Kommunikation und Redundanz

Ein Anker der Kommunikation – wie deren technischen Reproduktion – ist deren Redundanz. Kommunikation etabliert sich als Kommuniziertes. Kommunikationsmittel zirkulieren in sich wiederholenden und feststehenden (Bild)Kontexten. Die Reproduktionsmedien (Print, Internet, TV) sind der Stoff einer wuchernden, intrinsischen Zitatmaschine (alles kann aufeinander in Bezug gesetzt werden). Die Fangemeinde wird stetig größer, trotz bescheidenem Input erklimmt der soziale Kontext einer niederschwelligen Information große Reichweiten. Daraus ergibt sich nicht nur eine Wiederholbarkeit von ungefähren, beliebigen Inhalten, sondern auch die Bedienung und Bedingung ähnlicher kommunikativer Strukturen. In der Erstarrung formaler Mittel – z. B. der Manierismus von Katzenvideos – ist deren Selbstzweck zu erkennen: fishing for compliments. Das Medium akkumuliert den Profit – nicht die Information, solang wir es be-dienen. Die Information wird – für das Medium – kreiert.

Es geht nicht darum, dass Inhalte (als Differenz von Informationen zu Informationen) ankommen, sondern darum, dass jeweilige Inhalte (Informationen als Differenz gegen andere Informationen) massenhaft geteilt, wahrgenommen, angenommen werden. Die popularisierte Masse an informierten Konsumenten akkumuliert die Relevanz von Information. Das, was alle als geteilte Information wissen können, bestimmt, was wissenswert = populär ist. Medienmacht = Macht über selektiertes Wissen. Etwas zu wissen, macht nichts. Redundanz ist nicht ein Unfall der Kommunikation, sondern ihr Kern. Noch die Katastrophe selbst wird in sozialen Medienkanälen bis zur Pixelweißglut wiederholt. Die mediale Reproduktion setzt allgemein verbindliche Schemata von Wahrnehmungsgewohnheiten durch. Die Verbindlichkeit meint hier nur, dass die medial inspirerten Konsumenten in ihrer medialen Verbindung mit der beschriebenen Katastrophe bleiben sollen. Jede eigenwillige, jede besondere Begebenheit, ein Singuläres wird – wenn es sich in die mediale Öffentlichkeit übergibt – in die Allgemeinheit der technisch reproduzierbaren Information als kommunikabeles ins social network getrieben und durch dessen medialen Transportkanäle bzw. Schnittstellen geschliffen.

 

 

236, Genuss und Kunst

Der Gourmet isst bevor er genießt. Er genießt sein Satt-sein, seinen Überschuss – seinen Nichtmangel. Wenn die Kunst und das dazugehörige Leben des Produzenten sich im Widerstandsfeld befinden, weil der Produzent nicht satt werden kann, setzt der Käufer die Kunst als Lebensgenuss, d. h. als überflüssigen Zustand voraus. Die Demonstration der Genuss-Fülle mit überschüssigen künstlerischen Appendixen. Da wollen die Käufer schon am Bauch gekrabbelt werden, unendlich überrascht, stetig überzeugt wollen sie werden. Die populistische Kontextualisierung der Kunst durch ihre stete Reproduktion in den Print- wie elektronischen Medien macht den Kunstgenuss nicht billiger, aber kompatibler zu gesellschaftlichen Inszenierungen eines Lebensgefühls wie in Mode, Subkultur, Innenarchitektur etc. zu beobachten. Ein Kunstwerk kann nur das Ergebnis seiner gesellschaftlichen, sozialen Erzeugung von kommunikativen Beziehungen des herstellenden Menschen sein, das ist seine Verwirklichung. In der Vervielfältigung wird das Kunstwerk durch seine technische Verformung zum herkömmlichen Produkt gestylt und damit kommunikativ in Konsum-Kanälen zugänglich gemacht. Das Technische des Mediums ist Benutzerfreundlich skalierbar – über verschiedene Kanäle zugänglich, d.h. konsumierbar. Im Kampf um das Satt-sein sinken Kunstwerke zum Existenzmittel der Künstlerschafft herab. Warum kann Kants Diktum des „interessenlosen Wohlgefallens“ nicht auch für die Herstellerseite gelten? Die Freiheit mit Lust oder Unlust einem Kunstwerk zu begegnen, macht die Kunst – und das heißt: ihre Produzenten – abhängig vom Gutdünken ihrer Betrachter. Kunstwerke werden ohne gesellschaftliche Erkennung, ohne soziale Partizipation bloßes Mittel, barer Zweck ihrer käuflichen Existenz, gleichwohl die Existenz ihrer Hersteller von ihnen abhängt. Was nur Material zur Gestaltung war – die gesellschaftliche Umwelt des Produzenten von Kunst, wird zur Bedingung der Gestaltung gemacht. Die Kunst nimmt z. B. soziologische, ethische Fragestellungen auf, zeigt sie, verhandelt sie, und ist zugleich darin gefangen. Das Bild, die Skulptur ist nicht mehr als ein Beweis für sich selbst. Intrinsisch. Ja, ich spreche von meinen Erfahrungen.

Kunst ist ein Mittel zur Wirklichkeit: Das Beobachtete in einen Ausdruck zu bannen, die Wirklichkeit des Ausdruck-Produzierenden in einer erwirklichten Form zu zeigen. Als auch die Wirklichkeit des Produzierenden im Produzieren des Ausdrucks von sich selbst darzustellen, ist die Wirklichkeit des künstlerisch tätigen Menschen. Ein Ringen um Differenz wie auch um Bewusstheit von Differenz. Die erkannte, durchschaute, dann auch erledigte Form historischer Gestaltungen im Bild (auffindbar als historisches Bild- bzw. Abbildgedächtnis) wird als Formenvokabular reinszeniert. Über Epochen hinweg ist das Form-Angebot des Vergangenen eine Aneignungsform des Gegenwärtigen. Eine Kulturtechnik, ein ästhetisch erlernbares Verfahren, erlebte Umwelt in eine anders wahrnehmbare Wirklichkeit von zueinander differenzierten Formen zu transformieren. Der elementarste ästhetische Akt ist die Auswahl einer Tatsache. (Kant, Kritik der Urteilskraft)
Das Betrachten ordnet sich schon im Produktionsprozess und ist ein Akt der Produktion selber: In der Herstellung des Kunstwerks und in der Kommunikation darüber. Individuen sind Knoten im Verkehr dieses Vermittlungsprozesses.

 

 

235, Konstruktion und Täuschung: Träumen

Was für eine Mühe, die einmal den eigenen Lebensumständen zugestandenen Konstruktionen des Wahrnehmens zugunsten unbekannter, neuer Wahrnehmungsgegenstände aufzulösen – als wären sie eine Täuschung.
Sich menschlich zu enttäuschen, das alte Gestrüpp abzulegen, die vorhergehenden Erfahrungen als Täuschungen zu akzeptieren, ist vernünftig. Wie ein Erwachen. Der Traum ist noch da, aber ich träume nicht mehr.

Da schob sich quer über den Horizont ein breiter dunkler Streifen zum Ufer hin, wo ich stand. Eine ungeheure Welle sammelte sich, begleitet von einem neuen Geräusch, ein rhythmisches Flackern im tiefen Bass, kam näher und näher, höher und höher. Alle flüchten, ich versuche mein Laptop von der Hauswand zu lösen: Es ist mit mehreren Fäden angebunden, meine schwarze Tasche liegt schon halb im Wasser, ich muss fliehen. Wohin? In der Scheune haben sich einige vor der ankommenden Flut verkrochen. Ich sehe genau hin: Das Mauerwerk ist nichts mehr wert. Die Scheune wird in den Fluten untergehn. Kurz entschlossen, von Panik ergriffen lasse ich das Laptop sein, die Tasche liegen und renne eine lange Treppe abwärts bis zu einem Mauervorsprung. Ich blicke zurück, sehe die Sintflut langsam kommen, warte, dass sie die Scheune wegbricht. Eine unendliche Zeitlupe der mächtigen Welle beginnt, ein weißer Schaum ohnegleichen – bis ich erwache.

 

 

234, Beobachtungsschock – Widerstand als Symptom des Neuen

Der anfängliche Eindruck/ Widerstand im Betrachten eines Kunstwerks erweist sich als erste Irritation des Betrachters gegen seine herkömmlichen Formen des Betrachtens: die Kunstwerke werden als Fremdes – die eigene Wahrnehmungserfahrung in Frage stellend – festgestellt. Das Fremde – wahrgenommen als ein zum eigenen Kosmos geronnenes Anderssein – markiert einen Unterschied zum Erfahrungsstand, zur eigenen Gewohnheit des Wahrnehmens.