# 28 / Transzendentale Apperzeption

Eine ehemals sinnliche Erfahrung von einem Phänomen X wird, wenn ähnliche, assoziierende Wahrnehmungsreize sich wiederholen, aus der von dem Phänomen (Wahrnehmungsreiz) erzeugten nervalen wie körperlichen Struktur wiedererkannt (in dem Sinn: die Nerven erkennen nicht, aber sie reproduzieren bei strukturell sich wiederholenden Reizschemen reproduzierbare Assoziationen). Der bekannte (trainierte) Wahrnehmungsreiz löst die Reproduktion, die Erinnerung an ihn aus. Die Assoziation war, ist angelegt.

Ich hatte einen Traum: Ich befand mich auf einem Flughafengelände. Kurz vor der Abfertigung, Kontrolle zum Gate, bemerkte ich, dass ich meine Tasche, irgendwas Wichtiges vergessen hatte. Ich rannte also „zurück“ – schon im Traum viel mir als 2. Beobachter auf, dass ich exakt den gleichen Weg zurückgerannt bin oder: am Zurückrennen bemerkte ich, dass das der richtige Hinweg war. Ich mußte durch eine Tür zu einem großen Gebäude, eine Halle. Hastig trat ich ein: Alles Dunkel! Ich begann wild drauf los ins Dunkle zu rennen – und jetzt das Phänomenale: Mit jedem Schritt zeigte sich mir ca. ein bis zwei Meter im schwachen Licht (ähnlich dem in Computer-Spielen) der Weg, auf dem ich ging rannte. Egal wie auch hin und her abbog, eröffnete sich mir der Weg meines Laufens: Ich hatte einen Weg, weil ich ihn beging.

Beschreibt der Begriff der Transzendentalen Apperzeption (bei Kant) nicht gerade den Zeitumgang (d.h., die Zeit zu umgehen, als Erfahrungszeit auszuschließen) in der Erschließung von Erkenntnisgegenständen? Eine klare Vor-Stellung aus der sinnlichen Wahrnehmung zu bilden (Wikipedia), scheint als Vorgriff auf die (kommende) Zeit, Erkenntnis ohne sinnliche Wahrnehmung, d. h, Ratifizierung von Umwelt ohne Wahrnehmungserfahrung möglich. Ich muß nicht alles sinnlich erfahren haben, um Entscheidungen zu treffen – so wie in meinem Traum. Erkenntnisgewinn (aus Vor-Annahmen gebildet) wäre somit Zeitgewinn, d. h. man umgeht die Verlangsamung einer sinnlich noch zu erfahrenden Welt durch die Konstruktion von Gewissheit, von Urteilen – man überspringt sozusagen noch einzuholende Wahrnehmungserfahrung, weil die bisher schon gemachte sinnliche Erfahrung als nervale Verschaltung die angenommen nächste konstruieren hilft. So umgeht man dem Stein, dem Brett vorm Kopf, dem täglichen Stolpern ohne jedesmal die Erfahrung des Schmerzes zu machen. Die Wahrnehmungs-Erfahrung als eine sinnlich konstituierende Orientierung reicht als Bedingung der Existenz, der Erfahrung nicht aus oder ist nicht nötig – mit einer Vor-Annahme können wir schon nächste Schritte tun: Wir können aus gemachten Erfahrungen mehr oder weniger schließen, was uns erwartet. Mit den durch die spekulative Erfahrungserwartung, „Vernünftigkeit“ (à priori) erzeugten, also durch die Vor-Erwartung angenommenen wie dadurch gemachten Erfahrungen, überwinden wir den durch die sinnliche Erfahrung erzwungen Zeit- bzw. Erkenntnisstau. Diese Konfrontation zwischen jenen Nerven, worin Lichtgestalten (die sinnlichen Phänomene) abgelegt oder aufgefunden worden sind, mit ihren begrifflich mächtig operierenden Nachbarn, die die Wiederholung der Erfahrung durch operative Abstraktion (in Beschreibungen) verkürzen, hilft die sinnlich zugängliche Zeit zu überbrücken. Die Bedingungen der Möglichkeit1„Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in einem synthetischen Urteile a priori.“ Kant, Kritik der reinen Vernunft, Felix Meiner Verlag Hamburg 1990, nach der ersten und zweiten Original-Ausgabe hrsg. von Raymund Schmidt, B197, Seite 212, Uns interessiert hier der Hauptsatz. Vollständig aber ist respektvoll. eine Entscheidung, Codierung aus zu Vernunft geronnenen Erfahrungen zu konstruieren – also in der urteilsmäßigen Codierung nicht auf das sinnliche Erfahrungsmoment (vollständig) angewiesen zu sein, bedeutet, einen Unterschied, eine Form aus der (erwartbaren) Wahrnehmungsmasse zu extrahieren, ohne dass jener Unterschied oder jene Form im leiblichen Kontext der Wahrnehmung steht. Die – nun operativen – Begriffe der Beschreibung sind ihrer nervalen Leiblichkeit ent-sprungen. Um synthetische Urteile zu erlangen, ist es also Bedingung, aus der Schleife von Zeit füllender Wahrnehmung/ Strukturierung herauszukommen. Paradoxal: Synthetischer Urteile (präadaptive Entscheidungen, Annahmen) dienen als Konstruktion erwartbarer Phänomene. Durch die Barrikade der Erwartung (der Apperzeption/ Vorwegnahme) werden die sinnlichen Prämissen der Wahrnehmung als Erfahrungsgegenstand zu einer funktionalen Struktur konstruierbarer Objektbeschreibung verkürzt. Das synthetische Urteil – als apperzeptives Handeln – beschleunigt den Objektgewinn über dessen sinnlichen Gehalt hinaus. Die Verlangsamung des Denkens durch die Barrikade des durch Wahrnehmung erzeugten Objektgewinns wird durch Annahmen über das wohlmögliche, wahrscheinliche Phänomen, Objekt, durch Fantasie-Wahrnehmung, durch Träume überwunden

 

 

# 27 / Wahrnehmung nervt

Was das Auge im Innersten zusammenhält.

Den Vorgang des Wahrnehmens zu beschreiben, heißt, die funktionale Ordnung komplexer, selektiver Prozesse im Hirn zu beschreiben: da wird gefeuert oder nicht gefeuert, ja oder nein. Die Nervenzellen arbeiten schon – man sieht noch nichts, hat noch nichts gesehen, auch nicht den gelben Kombi vor der Tür, aber bevor ich ihn beschreiben kann, war er schon da. Diese Wahrnehmung sichernden nervalen Prozesse zwischen uns und den Dingen vor uns und unserem Körper, zwischen unseren Sinnesorganen und deren gehirnigen Korrespondenz miteinander, bewahren und modellieren die selektive Komplexität der Wahrnehmungssinne: Als Wahrnehmungs-Erleben kann ich es beschreiben – als Wahrnehmen des Wahrnehmens. Ich sehe die rote Blume: „Ich sehe“ – als sprechendes Zitat der Beschreibung des Wahrnehmungs-Erlebens und „die rote Blume“ – als Wahrnehmungsbeschreibung des Wahrnehmungsaktes. Wahrnehmung gestaltet Erfahrung und Erfahrung wirkt auf Wahrnehmung ein. Gelungene Wege wirken sich verstärkend aus, d. h., sie realisieren eine Selektion wahrnehmbarer Phänomene. Dieser Prozess hinterlässt Spuren, bildet Wege und bildet sich als De- wie Codierungsordnung, als ein Geäst im Wahrneh­mungssystem unseres Körpers heraus. Das Licht brennt sein Spektrum: Es leuchtet oder leuchtet nicht, die Nervenzelle feuert oder feuert nicht. Erinnerungen an Wahrnehmungserfahrungen sind gleichsam hinterlassene Reifenspuren wie Fahrberichte in, für uns. Der Fahrer bildet mit dem Auto, dem Asphalt und seinem Blick ein System von Sinnesabhängigkeiten: sehen, riechen, fühlen, hören. Die erzeugten Sinnes-Spuren können nicht einfach verschwinden, denn sie fahren stets mit. Mit jedem Blick, Geräusch benutz ich sie. Jeder Ein-Druck bleibt Spur, jeder Sinnes-Schritt ermöglicht den nächsten. Bevor Selektionskriterien – oder: Sinnes-Sensationen – abstumpfen, können neue etabliert werden, die die Differenzierung weiter antreiben. Die „Gewöhnung“ an wiederholt auftretende Wahrnehmungsereignisse ermöglicht eine weitergehende Differenzierung von Wahrnehmungsmöglichkeiten: die bekannten werden als bekannte durchgelassen und Ressourcen für neue werden ermöglicht. Die Wahrnehmung als Orientierungs- bzw. Beobachtungs-System kann ich nicht verlassen, weil ich mich an meine Welt gewöhnt habe, in ihr bin und meine Wahrnehmungssinne nicht von der Welt zu trennen sind – sie sind aus ihr entstanden. Mein Wahrnehmen kann durch stete Erweiterung (Selektion) der Wahrnehmungsmöglichkeiten /-Kriterien erhalten, stimuliert werden. Dass wir manche Musik im ersten Ton erkennen, bezeugt dies. Der Komplexität oder: der Selektion von Wahrnehmungsakten – stetig feiner sich einander abstufende Sinne – ist bis zum Tod keine Grenze gesetzt. Betriebsblind wird man, wenn die erreichte Wahrnehmungsstruktur nicht weiter differenziert werden kann, ohne den Stimulus der Differenzierung erschlaffen unsere Sinne.

 

 

# 26 / Humor II

Ich brauchte Wahnsinn, bezwängt von der Zeit früh bis spät, zwischen Frühstück und Abendrot Tränen im Kissen und Essbesteck fein sortiert, kaputte Tassen ein Verbrechen, um das auszuhalten. Tag für Tag, Stück für Stück, grün und blau. Aber jetzt: Willkommen durch Nase Mund und Auge. Schneid ich Vergangenheit mit Dichtung, Silikon – kein Tropfen, der da durchkommt. Einer meiner immer Abschied. Die Schläge härteten mein Panzer, ausgehaltene Haut wurde Stahl mein Körper mein täglicher Ausgang. Eine Spur, ein Ziel zu überleben gegen die Treffer. Wunden so tief, dunkel sind mein Brunnen und Zeuge. Wie Hände, die wiederholt aus mir vor mein Gesicht sprangen, Schutz suchend damals.
Das Treibende ist treu, nicht das Schützende.
Dieser Mann, dieses Schwein, fällte täglich sein Urteil per Kohlenzange oder Lederriemen. Ein Quicken ohne Ende. Es war mein Körper Kopf meine Wunde mein Schrei. Ich mußte warten.

 

 

 

# 25 / Humor I

„Wenn Sie einen Millionär suchen, ist Monte Carlo der beste Ort. Ich liebe es, alles zu vereinfachen. Vereinfachen ist am einfachsten, wenn man Geld besitzt. Meinem Mann gehörten Casinos und Hotels dort und auf den Bahamas, wir hatten eine herrliche Zeit. Es ist wahnsinnig traurig, dass dieser Mann so früh sterben mußte. Meine Trauer war so groß, dass ich mir erst nach 6 Monaten einen Diamanten gekauft habe. Er hinterläßt ein großes Vermögen. Man darf vom Leben nicht zu viel verlangen.“1Süddeutsche Zeitung, Magazin

 

 

# 24 / Anpassung als Zwang

Herbert Spencers Satz survival of the fittest1Weitere Inspiration zu diesem Zitat, siehe: Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen, Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main, Basel, 2000, Band 4, Seite 99, Seite 154 ist ein oft gebrauchtes Zitat, dass in positivistisch-normativer Weise dafür herhalten soll, wie soziales Handeln – Interagieren – als Überlebenskampf in die Gesellschaft zurück in eine Naturwüchsigkeit geätzt wird, aus der wir als Menschen einst entstiegen sind. Gesellschaft soll in unabänderliche Natur gestampft werden. Der Imperativ der kapitalistischen Produktion wird in alle, auch in kleinste soziale Interaktionen der Menschen und deren kommunikative Verhältnisse getrieben. Als wäre das schon immer so und als hätten wir nichts anderes zur Hand, unsere Ellenbogen, unseren Egoismus mit evolutionären Erkenntnissen zu schmücken. „Bereite dich vor, eine bestimmte Funktion nützlich auszufüllen.“ 2Emile Durkheim, in: Über soziale Arbeitsteilung – Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Suhrkamp Verlag 1992, stw 1005, Seite 87Der eskalierende Prozeß der Arbeitsteilung wird als Funktion des sozialen Bedürfnisses3Vgl. Durkheim, ebenda, Seite 90gemünzt. „[Es ist] unsere Pflicht, ein vollendetes und ganzes Wesen werden zu wollen, ein Ganzes, das sich selbst genügt, oder im Gegenteil dazu dient nur Teil eines Ganzen zu sein, Organ eines Organismus?“4 Vgl. Durkheim, ebenda, Seite 8550 Jahre später konstatiert Brecht die Folgen solcher Funktionsbestimmung für diejenigen, die mit dem Gewissen der eingeimpften Produktionsgerechten Pflicht gegen ihre Ent-Pflichtung arbeiten, wenn sie nicht mehr in regressiven Produktionszusammenhängen stehen: „interessant, wie eine funktionsabdrosselung die person aufdröselt. das ich wird formlos, wenn es nicht mehr angesprochen, angegangen, angeherrscht wird. selbstentfremdung setzt ein.“5Bertolt Brecht, ARBEITSJOURNAL, Seite 304, Eintrag vom 19.10.1942 Der Job muß Spaß machen, um das abstrakte Verhältnis des bürgerlichen Individuums zu seiner falschen Freiheit – als Wahl zu seiner Funktionalität – aufrecht erhalten zu können. Seine Leistungsbe­reitschaft ist längst beschlossen worden. (Ich möchte Spaß, Freiheit und Leistungsbereitschaft in Anführungszeichen setzen. Die Worte werden zu Lügnern.) Die Verschleierung des ökonomischen Drucks – dessen Affirmation zum Berufsethos – geht einher mit der Ermutigung zum selbst gewählten Gefängnis. 3 Tage später schreibt sich Brecht selbst in den Spaltungsprozeß entfremdender Arbeit ein: „das individuum, das mehr und mehr sein ansehen (ist gleich: charakter) von der produktion zu gewinnen hat, geht hier durch eine böse phase, da die produktion eben gedrosselt und manipuliert ist. gewöhnt daran, meine würde zu nehmen von der würde der aufgabe, meine bedeutung von der bedeutung, die ich für die allgemeinheit habe, meine energie von den kräften, mit denen ich in berührung komme, wo bleibe ich, wenn die aufgabe unwürdig, die allgemeinheit depraviert ist und wenn in der umwelt keine energie sich sammeln kann?“6Bertolt Brecht, ARBEITSJOURNAL, Eintrag vom 22.10.1942
Den präformierenden Bedingungen des Existenzerhalts/-verkaufs kann man kaum entkommen, indem sie erstmal als Pflicht erfüllt bzw. als notwendiges Übel angenommen werden. So, als wäre man am Ende des Tages frei und könnte die Kür für das vermeintlich eigene Leben beginnen, das es niemals mehr gibt. Die von solcher pflichtbehafteten Produktionstätigkeit bestimmte Daseinsweise – worin die eigene Existenzkraft zur Verfügung zu stehen hat, erlaubt nicht zwingend eine Bewußtseinsweise, die eine menschliche Existenz inmitten affirmativer Fremdbestimmung konstruieren kann. Das Abtauchen in die Pflichterfüllung (ich mach hier nur meinen Job.) als funktionsbestimmtes Versteck, um nicht erkannt zu werden, lässt desto weniger den sich Verkriechenden frei. Eine Rechnung wie ein Fliegenkleber. Die Pflicht ist hier Ausdruck der angenommenen Resignation, die sich nicht aus der unverschuldeten Unfreiheit lösen kann. Die Freiheit ist vom Einzelnen nur als Selbst-Täuschung zu erlangen, weil sie in der Verfügungsgewalt des Beherrschtwerdens steht. Diese Pflicht steht der Frage nach einem Sinn des eigenen Handelns im Wege, aber wenigstens hat es für diejenigen Arbeiter, die auf Geheiß handeln – in der Pflicht stehen – Geltung: Man ist dem Handeln bereitwillig nachgekommen, so als wäre es ein eigenwilliger Entschluss, als hätte man selbst gehandelt. Und diese Behandlung zur Gewissenlosigkeit gegenüber sich selbst wird als wenigstens tue ich was, und komme der Pflicht nach, etwas zu tun… schöngeredet. Die Freiwilligkeit zum Zwang, enthebt ihn nicht seiner Wirkung. Aber auf der Autobahn können wir manchmal rasen, egal, mach Platz da, verdammt schon wieder Tempolimit

 

 

# 23 / speziell – Kunst

Es gehört zu den Schwierigkeiten im künstlerischen Prozess, dass mit zunehmender Tiefenforschung, Abstrahierung der Formen, Verfremdung des Materials der ehemals gewohnte Verweis auf ein Phänomen, einen Satz, eine Abbildung etc. zugunsten neu zu entdeckender Formen vernachlässigt wird, oder gar aufgelöst erscheint. Die ästhetische Präsenz einer Darmschleife, eines Leberlappens, der noch frisch rötlichen Aorta auf dem Seziertisch der veterinärmedizinischen Abteilung oder dem an technischer Kälte nicht zu überbietenden Stahlblech im Schlachthaus lebt vom aufgelösten Organismus/ Zusammenhang, denn das Tier als Untersuchungsgegenstand ist in vereinbarte organische Strukturen zerlegt worden: Herz, Lunge, Niere, Magen, Darm etc.

 

Die Flügel der Fliege sind nicht herausgeschnitten, um zu verstehen, sondern nur, um ihren schönen Glanz zu zeigen. Stell dir vor, ein Arm wird von deinem Körper getrennt, weil er so wohlgeformt ist.
Die ästhetisch anmutende Außenhaut der Form schiebt sich in der Kunst über die funktionelle Form des organischen Innenlebens. Die Funktion hat sich ganz in die Form zurückgezogen. Die Abbildung ist Bild geworden.

Wenn wir malen, werden die herausgerissenen Teile eines Ganzen wieder zu Formen eines anderen.

 

 

# 22 / Spezialisierung, Objekte und Gewohnheit

Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas als Einschrän­kung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herauslösenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand intensivierte Beobachten, Beschreiben mit anderen herausgelösten Objekten vergleichbar zu machen und ihre Differenzen zu nivellieren. Es entstehen Superobjekte, die zur Norm für andere Objekte werden. So fährt man zu verschieden Orten auf mit Sichtschutz begrenzten Autobahnen – Erfahrung ohne Landschaft. Vergleiche werden zwischen Mauern aus Kategorien gefällt.

 


Foto vom Autobahnneubau A 38 © Karl Weise, 2006

 

„Die Gleichheit liegt nicht in den Dingen, sondern in der Markierung, die es ermöglicht, Dinge ohne Berücksichtigung ihrer Differenzen zu addieren. Die Markierung bewirkt, dass die Differenz getilgt wird […].“1Jacques Lacan, in: STRUKTUR. ANDERSHEIT. SUBJEKTKONSTITUTION, Herausgegeben von Dominik Finkelde und Slavoj Zizek, übersetzt von Dominik Finkelde, August Verlag Berlin 2015, Imprint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, Seite 23 Die Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit zugunsten einschränkbarer Details und erzwingt die Schrumpfung der Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer Vergegenständlichung zum Beschreibungsmaterial – Töne zu Noten, Wiesenlicht zu Pantone-Farben, Berührung zu Kilogramm – fungiert für die eingeschlossenen Geißeln der Wahrnehmungssinne als unabgelenkte Tunnelfahrt. Sie soll den Beginn des objektiven Beobachtens, Denkens bedingen, nachdem viel Gegenwärtiges weggeschla­gen worden ist.2vgl. John C. Eccles, in: Das Gehirn des Menschen, Seite 128 Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit der Kalkulation eingefroren. Die Herauslösung des Gegenstands oder des Phänomens durch die Beschreibungskriterien kann nicht durch neue Modifikation der Kriterien rückgängig gemacht werden. Der Ausgangspunkt kann durch einen neuen ersetzt werden. Die objektivierende Beschreibung schleppt ein Präteritum des Objekts in die Gegenwart des Beschreibens. „Alle bewußten Erfahrungen und Handlungen sind von einem Erinnerungsvermögen abhängig.“ 3John C. Eccles, in: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Piper, Seite 130

Funktionsstörung
Es entsteht eine problematische Situation für den Menschen, wenn der Zusammenhang von Erfahrung und Erinnerung stetig durch neue Erfahrungsforderungen angegriffen wird. Das (erinnerbare) Erfahrungspotential wird durch stetig neu zumachende Erfahrung verkümmert, überschwemmt das Vermögen des Sich-Erinnerns und stellt es in Frage. Die erlernte Gewohnheit ist nutzlos, was ehemals hilfreicher Stift war, ist Stachel – wozu ist er da? Ständig sich wandelnde Objekte, sind schwerlich durch Objektivierung festzusetzen. Die Spezialisierung im Rationalisierungszwang des zweckgerichteten Denkens4Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion.5z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89 Noch eine psychologische Seite: Wenn die verstärkte Benutzung der Ratio Wahrneh­mungsquantität reduziert als Einschränkung zugunsten der Konzentration, die Übersicht gewährt, impliziert dies einen Ausschluss von Umwelt, Mannigfaltigkeit. Die Reduktion fungiert als Gegenreiz im Rückzug zum inneren Fluten, weil die allgegenwär­tige Welt, die zunehmenden Produktschreie überall die persönliche Welt zerstört. Briefmarkensammler, Spinnenmelker.

Entfremdung
Mit der ins Private geretteten Macke, in die persönliche Kleinstruktur (Freizeit, Familie) übernommenen Kauzigkeit – mangelnde Fremdreferenz? – wird im Subjekt die entkörperlichende Arbeitsweise/ Handlungsstruktur zur pathologischen ratifiziert. Denn was als monotoner Handgriff in den Stätten der Produktion als Bedingung für komplexe Arbeitsteilung gilt, dringt im entspannten Zustand – in der Nichtarbeit – an die Oberfläche der von sich entfremdeten Sinne. Es wird das Sehen, Berühren, Fühlen, Kotzen gefeiert. Das Innegehaltene läuft über den Rand des Gefäßes – alles muß raus! – Der nichtangewendete Mensch arbeitet gegen sich – er will jetzt seine Sinne spüren, handgreiflich werden. Er agiert sich gegen seine Spezialisierung aus. Als exerzierte der gepresste Mensch sich selbst noch einmal vor, um in dieser Selbstgewähltheit dysfunktionaler Freiheit Schutz zu finden? Die Macken, die Tics etc. das letzte Refugium. Ein Spiel aus Reduzierung und Verstärkung von Bewußtseinsreizen, je nach Stellung oder Funktion im Produktions- oder Kommunikationsprozess, der sich auf die Ware bezieht, durch Waren getrieben wird und schließlich nur in Warenform sich ausdrücken kann. Ist es das, was Marx mit Entfremdung meint?6Unter der Überschrift „Die entfremdete Arbeit“ in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, setzt sich Karl Marx besonders mit den Entfremdungs-Folgen von Ausbeutung auseinander, Karl Marx, Friedrich Engels, Ergänzungsband – Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 510 f

 

 

# 21 / Spezialität – Blickmodelle

Der Fokus auf Details und absolute Wahrheiten, die die Nacht durch den Tag verraten, haben gemeinsam, dass sie das Privileg ungeteilter Aufmerksamkeit gegen alles andere genießen. Man braucht eine spezielle Haltung, um andere Bedeutungen für die eine besondere aufzugeben. Das Besondere als das große Minus vor dem Allgemeinen. In dem Sinn engt Spezialisierung andere mögliche Bedeutungen ein – zugunsten eines Besonderen. Spezialisierung als eine Flucht „in die Blindheit gegenüber der Vielzahl der Möglichkeiten“1Heinz von Foerster, in: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2019, Seite 35 Wenn man sich für einen Gegenstand interessiert, ist das Interessante an ihm dadurch besonders, weil es im Fokus der eigenen Aufmerksamkeit steht. Man sieht genau hin, d. h., man konzentriert sich auf einen ausgewählten Ausschnitt – alles andere lässt man weg, schneidet ab, fliegt weg. Der so fixierte – spezialisierte – Blick auf das auserwählte Objekt negiert zugleich alle anderen möglichen Konstellationen des Wahrnehmens. Ein Mehr halten wir nicht aus. Die Fixierung des Objekts durch die Prämissen der Beobachtungskalküle ermöglicht eine Loslösung des beobachteten Objekts von seinen Zusammenhängen mit anderen Objekten und führt zur Trennung des beobachtendenSubjekt von seinem Objekt. Man muß sich entscheiden: was nicht zugleich am Objekt beobachtet werden kann, wird abgeschnitten – auch wenn es auf derselben Sichtebene liegt. Einfacher ist es doch, den Rest zu erfinden, aufzufüllen, passend zu machen und sich aus der Verantwortung des eigenen Blicks zu stehlen. Denn „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemachte werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.“2Heinz von Foerster, in: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2019, Seite 154

 


Auge Auge, Zeichnung auf Papier © Hans Georg Köhler, 2012

 

Man könnte auch sagen, dass der „blinde Fleck“ gegenüber ganzheitlichen Zusammenhängen dem spezialisierten Auge Rechnung trägt. Wenn man also nicht „alles“ im Blick behalten kann, sollte man sich auf etwas Besonderes fokussieren. Der durch okulare Blickschnitte konstruierte blinde Fleck markiert daher sowohl eine Art Überfülle an Wahrnehmbarkeit wie deren Abwehr durch Konzentration auf Einzelheiten. Die Münze der Auslöschung ist Spezialisierung. Die Vereinzelung der Techniker, Wissenschaftler, der „verrückten Professoren“, Literaten, Künstler bildet das Herauslösen aus der autistisch anmutenden Überfülle des Wahrnehmbaren ab. Es entsteht „ein Geschöpf reduzierter Vollkommenheit, das seine Chancen seinen Einschränkungen verdankt.“3Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 So erscheint eine Konstruktion möglich, in der das Besondere wie Ausgeklammerte zum Modell einer beobachtbaren Welt wuchert: Der reduzierte, eingeengte Blick wird zum Ausgangspunkt von Welt-Beobachtung. Aber genau mit dieser irren Intention, Welt aus den (freiwillig) beschränkten Wahrnehmungs-Ableitungen durch „objektive“ Normen zu konstruieren, wird der Körper zum letzten Einsatz gegen die Maschinerie operativen Lebensvollzugs. In Hinblick auf den ausschließlichen Charakter des Zeigens, des Aus-Stellens, wie es in der Kunst geläufig ist, können wir aus der Beobachterperspektive 2. Ordnung – das Beobachten des Beobachtens – begreifen, dass das besonders Gezeigte immer auch auf etwas anderes hinweist, als es den ersten Anschein hat. Die Eingrenzung, die durch das Zeigen markiert wird, schleust das Nicht-Gezeigte als Ausklammerung ins Zeigen mit hinein – als Ausgegrenztes. Die Grenze oder die Differenz läuft mit – könnte man sagen. Gerade in dem Gezeigten sehen wir nicht nur die Konzentration auf etwas besonders Ausgedrücktes eines Künstlers als sein Augenmerk, als seine Beschränkung, sondern auch, dass in dieser Beschränkung nicht nur Rückzug bzw. Konzentration stattfindet, sondern ebenso Hinweise auf das durch die Formen ausgesondert Verlassene, auf das Verlassene selbst gezeigt werden kann. Die Grenze des Zeigbaren befindet sich im Gezeigten, wird durch das Zeigen realisiert.4Vgl. Niklas Luhmann, in: „Die Realität der Massenmedien“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 19

Dass spezialisierte Einseitigkeit als normative Setzung des wissenschaftlichen Apparates und der Produktion (Arbeitsteilung) auf ihre Bediensteten durchschlägt, ist die an der Produktion rationalisierte und geförderte, aber tatsächlich individuell auszufechtende Seite des problematischen Prozesses der Ausdifferenzierung sozialer Handlungsfelder. Die aufgezwungene und erforderliche wissenschaftliche Einseitigkeit (Konzentration, Stilisierung wären hierfür auch brauchbare Worte) ermöglicht damit psychogene Strukturen, die zur Störung, zur Verrückung des Bewußtseins führen.5vgl. Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen, Roter Stern, Berlin, Band 3, Arbeiten mit Ödipus, Seite 37 Die Etablierung eines besonderen Interesses engt natürlich die Möglichkeiten für andere Interessensgebiete ein. Die besondere Begabung – ob für Zahlen, Formen oder Partituren – ist dann gesellschaftlich anschlussfähig oder wird herausselektiert. Daraus folgen die gesellschaftlichen Normierungen bzw. Stigmatisierungen. Die Kompatibilität einer speziellen Begabung zu anderen sozialen Handlungsräumen hängt von ihrer individuell ausgetragenen Anpassungsfähigkeit bzw. sozialen Akzeptanz ab. Ein „passendes“ Individuum existiert nicht, sondern nur dessen mehr oder weniger großer Konflikt, Anschlussfähigkeit zu erlangen.

 

# 20 / verstrickt

Moderne Individuen finden sich in einer ambivalenten Situation vor: Auf Grund ichfeindlicher, d. h. aufgezwungener Berufs­praxis nimmt die soziale Isolation des Individuums zu, obgleich es diese soziale Verarmung mit elektrisch-algoritmisch kanalisierten sozialen Medien (Skype, Facebook, Instagram, twitter etc.) zu überwinden sucht. In diesem elektrischen Raum ist es angehalten – neben dem ästhetischen Repräsentationsbedürfnis – eine ästhetische (Re-) Konstruktion seines Lebensentwurfs voranzutreiben. Es ist seinem medial inkorperierten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ausgesetzt. Das wiederum schlägt in eine Art Zwangsver­netzung der permanent zur Verfügung und Verwertung stehenden Akteure um. Die soziale Isolation zwingt eine Art Selbsterhaltung durch Selbstverstärkung auf – bis die isolierte Person in ihrem Spiegel implodiert und ihre Ich-Maske erkennt: Personae. Die monadische Selbstbetrachtung – alle habhaften Ereignisse, Objekte, Menschen durch das ichige Nadelöhr zu ziehen und zu prüfen – treibt das (künstlerische) Subjekt desto mehr in existentielle Ausnahmezustände. Die Individuation ist nicht eine Charakterfrage,1vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, Suhrkamp Verlag 1981, stw 571, Seite 385 sondern sie ist den Arbeits- und Lebensumständen verpflichtet; sie entsteht als Defekt aus ihnen. Wenn man Krankheiten als Individuationsprozess inmitten eines soziaen Umfelds fassen kann, so kann das soziale Umfeld des Individuums in sein Krankheitsfeld einbezogen werden. Schon deshalb, weil die soziale Realität des Individuums in ihm selbst als seine Symptomatik ausagiert wird und an ihm als gesellschaftliche Stigmatisierung durch den Begriff der Krankheit kenntlich ist. Charakteristisch ist der Zirkel in dem sich dieses Individuum befindet: Aus der existentiellen Notdurft nach sozialer Integration (Aufmerksamkeit) folgt Isolation, folgt die Absenz vom gesellschaftlichen Common sense und daraus entwickelt der Kranke, Verrückte, Künstler seinen ästhetisch-existentiellen Ausschrei. Die Arbeit zur Selbstbehauptung läuft permanent Gefahr in narzisstischen Nihilismus auszuarten: Die oder ich. Vom Rand des Ichs in sein Inneres vorzudringen, zerstört es. Es wird durchlässig, sensibel, um permanent den Augenblick der eigenen Hölle, des eigenen Spiegels ästhetisieren zu können und das Leid, den Schwerz als die eigene abgerungene Expression vor sich hin zu stellen: Als Bild, Skulptur, Performance, als abwehrendes Distanz­versprechen gegen die idiotische Welt. Dem gepflegten Bewusstsein der Verletzlichkeit – Sensibilität – und deren ästhetische Verteidigung geht die Verletzung des Bewusstseins voraus. Kunstmachen ist beides: das Bewusstsein von Verletzung (in die eigene selbstverschuldete, aber ohnmächtige Freiheit entlassen zu sein) und die Verteidigung der Verletzung mit ästhetischen Mitteln, um sie als Lebenszweck zu behaupten. Es sind die Fäden zum Wirrwarr verschachtelter Begriffs- und Ordnungs­systeme, verweisender Hypertexte, Kontexte, Hieroglyphen, die ich als Netz auf mein ästhetisch motiviertes Handeln werfe, so steck ich darin wie ein sich selbst fangender Fisch. Es sind Ariadnes Fäden, die mich selbst zahlreich in gelobte Wege einspinnen und zu täglich wechselnden Standpunkten zur Hölle der Affirmation drängen.

 

 

# 19 / abbilden erleben

Warum werden so viele Urlaubsfotos, Selfies, Permanent-Fotos auf Partys und Shots vom Fernsehturm, von Sehenswürdigkeiten gemacht? Dient das Foto-schießen Rumballern mit Fotos als touristisch-terroristische Aneignung von Welt, die mit ihrem großen digitalen Treibnetz keine Objekt-Oase durch die neugierig-kolonisierenden Objektive entkommen lässt? Ohne fotografische Aufnahme droht das Gesehene, Erlebte ins Nicht-Passierte zu versinken. Widersprüchlich ist die Differenz zwischen der singulär anmutenden Intention der fotografierenden Person, die ihren Moment bannen will – egal, wo er im Foto-Ordner abgelegt wird und wie überquellend die je einzelnen Momente sich im Wege stehen – und ihrem Bedürfnis, den erkorenen Moment mit aller Welt teilen zu wollen (wo doch der Fernsehturm als Motiv millionenfach reproduziert wurde). Oder sind wir mit dem, was wir individuell von uns abbilden, beliebige, austauschbare Teile des Rauschkörpers Menschheit? Erringen wir geradezu die Beliebigkeit der Orte, unterwerfen wir sie durch das tausendfache Abbilden, um selbst nicht zu sinken? Das gepostete Foto soll eben nicht zu individuell sein, sondern mehr den Anteil am Durchschnitt markieren: es matched mit dem Gros der Adressaten. So geht mit dem Bedürfnis nach geteilter Aufmerksamkeit auch eine soziale Stabilisierung des fotografisch gebannten Er-Lebens durch dessen medial-soziale Verteilung einher. Es scheint, dass mit der verinnerlichten Blick-Technik sozial-medialer Reproduktion von  persönlichen Erlebnisses eine Sicherheit, d. h. Vergewisserung über das eigene soziale Leben gewonnen wird. Geht’s dir nicht auch so? Ja, dort war ich auch schon mal.

 


© Hans Georg Köhler, 2021

 

Im 19. Jahrhundert stellte die aufkommende Fotografie das Selbstverständnis der Bildenden Kunst in Frage. Landschaftsmalerei, Porträt, Stillleben, Hand­werksszenen verloren den mimetischen Blick der Künstler als Realitätsverweis. Jenseits eingeforderter Authentizität zu als real empfundenen Vorstellungen über gesellschaftliche Landschaften sind und waren die Kunstwerke geprägt von künstlerischen Eingriffen und Verklärungen. Die in die Kunst des 19. Jahrhunderts hereinbrechenden revolutionären Abbildungstechniken sprengten die herkömmlichen, omnipotent-künstlerischen, d. h. natürlich auch: eigenmächtigen Darstellungsweisen gesellschaftlicher Realität, und entzog dem Dargestellten den Makel des individuell-anhaftenden Blicks, ja, emanzipierte das Abbilden von der Expertise der Künstler. Der Geschmack an Wirklichkeit brauchte für seine technisch machbare Nachbildung keine gesonderte künstlerische Form mehr – die fotografische Nachbildung von Wirklichkeit wurde populär – und die künstlerische Form wurde der verinnerlichten naturgetreuen Referenz auf außerkünstlerische Formen ledig: In der künstlerischen Form wurde nun selbst – unabhängig von Authentizitätsverweisen gegenüber von Realitätsreferenz – eine inhaltliche Selbstbestimmung gesucht.1„Die gesellschaftliche Ersetzung der Darstellungsfunktion der Kunst durch nicht-künstlerische Bildmedien und neue Formen technischer Bildproduktion seit dem 19. Jahrhundert setzte die Kunst – in Hinblick auf die von ihr nach wie vor beanspruchte Selbständigkeit – zunehmend unter Druck. Die Selbständigkeit der Kunstproduktion war nicht mehr automatisch durch die Eigenheiten der Bildform garantiert, vielmehr mußte sich die Kunst als Ganzes – auch inhaltlich – neu orientieren. Die Künstler der Moderne erklärten daher – pointiert gesagt – die künstlerische Form zum alleinigen Inhalt der Kunst. Und darin beanspruchten sie Autonomie, radikale, auch inhaltliche Selbstbestimmung in der Kunst.“ Thomas Lehnerer, in: Methode der Kunst, Königshausen & Neumann, Würzburg 1994, Seite 31 Die Authentizität als Treue zum Nachgebildeten entwickelte sich zur Authentizität des künstlerischen Prozesses (mit all ihren noch heute zu findenden Mystifikationen). Das Authentisch-Sein des Kunstwerks konnte in der Künstlerexistenz geborgen werden, nahm dort Zuflucht. Die Selbsterfindung des Künstlers mußte sich fortan an eigenen, selbstbezüglichen Erfindungen von Formen im Kunstwerk messen lassen.

Das revolutionäre der Fotografie war, dass nun massenhafte Seherfahrungen in massenhaften Reproduk­tionen bildlich abrufbar, d. h. wiederholbar dargestellt werden konnten. Man brauchte nicht mehr in verschwommenen Erinnerungen stecken bleiben, sondern hatte jetzt ein wiederholbares Wahrnehmungs-Abbild zur Hand. Die Fotografie konnte Wahrnehmungs-Erfahrungen, die bisher der Kunst oblagen, schneller zu Ab-Bildern formen und vervielfältigen. Die Ähnlichkeit mit dem Objekt als Wirklichkeitsbezug emanzipierte sich in der Fotografie gegen die Bildende Kunst und verlor in den künstlerisch langsameren – und kostspieligeren – Darstellungsweisen ihre Wirklichkeitszitierende Bedeutung. Dieser Zusammenhang von auf Wiederholung insistierender Wahrnehmung der Reproduktion und Produktion von neuen fotografischen Wahrnehmungsangeboten beschleunigte nicht nur den Prozess der Verbreitung von Wahrnehmungsofferten aus dem Produktionsumfeld (als Repräsentationskommunikation der Produktion), sondern auch die Entwicklung der technischen Reproduktionsleistung der foto-technischen Apparatur. Die kapitalistische Produktion begann sich deren technisch-erfassbare Abbildbarkeit in ihre Selbstwahrnehmung einzuschreiben. Ihr Selbstverständnis pocht auf die Objektivierungstechnik der neuen Apparate und wird in Zahlen, Fakten, Daten gegossen. Die menschliche Seh-Erfahrung wurde in technisch erfassbare Kalküle überführt wie  beschnitten und durch kalkulierbare Erfassungsmedien geändert. Der menschliche Blick konnte auf das Format erweitert wie fixiert werden und ist technisch ausdifferenzierter geworden, er ist vorhersagbar in die Maschine geflüchtet und kann durch sie abgebildet werden – wenn man den Blick für sie hat. Es entsteht eine menschlich-technische Verwandtschaft zwischen der individuellen Technik der Abbildung, den Foto- und Reproduktionsapparaten und der Abbildung von Technik. Es ist technisch naheliegend, dass die Produktion von Abbildungen irgendwann mit ihrer produktkonformen Verwertung zusammenfällt: Beinah jedes Foto, das in modernen Kameras entsteht, löst ein investigatives Ereignis aus: Geotagging, Internet-Anbindung ermöglichen nicht nur weltweite Verortung des Abbildungs-Ereignisses (das Ereignis ist jetzt ein technisches), sondern auch weltweiten Zugriff. Es ist kaum ein Foto mit dem Handy zu machen, dass nicht von Serverfarmen gespeichert und letztlich für Netzwerk-Konzerne und IT-basierte Geschäftsideen abrufbar und daher auswertbar deren Nutzung unterliegt. Gesichtserkennung, Produktplacement etc. Es kommt zur Annäherung zwischen dem (einzelnen fotografisch herausgerissenen) Objekt und seiner reproduktiven Erfassung: eine potentielle Vervielfältigung durch Verwertung  – Entwertung durch Vervielfältigung? – ist jedem Schnappschuss eingeschrieben.

 


© Hans Georg Köhler, 2021

So wie die Produktion auf sich selbst blickt, können wir nicht schauen. Der Auslöser eines Fotos mutiert mit ihm zu einem Daten-Portfolio von Koordinaten aus Wann, Wo, Wer – ortbar. Das ausgelöste Foto hält das Motiv, Ereignis nicht nur fest, das Motiv, Ereignis wird im digitalen Orbit von seinen individuellen Fesseln befreit, ja: Ein Ereignis wird zum Ereignis, indem es als Abbildung – als digitaler Datensatz – ausgelöst wird. Wir inszenieren! Wir verändern die sichtbare Welt.

In der Bestimmung wie wir durch das Objektiv schauen, wird auch das, was wir sehen (könnten), verändert. In der technisch verwertbaren Abbildung eines Objekts (als Ereignis des Objekts) ist die technisch verwertbare Realität des Objekts (als das Objekthafte im Ereignis) zu erkennen.  D. h. auch, dass stetig Objekte durch das Abbilden (erst) erzeugt werden, was auch heißt, dass Zusammenhänge – als die Verbindungen zwischen den Teilen begriffen – auseinandergerissen werden und die herausgeschlagenen Bruchstücke zu Objekten erniedrigt werden. Die Wirklichkeit der Abbildung ist ihre Verwertbarkeit. Man gewinnt der Realität mehr ab, als nur das (Ab-) Bild der Ereignisse. Die Realität gewinnt ihre Qualität dadurch, dass sie verrückt werden kann und das sie ihre Objekte zurechtrückt. Die im technischen Vollzug konstatierten – der Reproduktion kompatiblen – Erfahrungen werden so zu technisch kompatiblen Schnittstellen der Kommunikation. Der ideologische Wunsch nach Selbstdarstellung der Produktivkräfte- wie Mittel konnte mit der produktiveren Technik bildlicher Reproduktion durch die Fotografie erfüllt werden. Ab hier suchte die bildende Kunst ihre neuen Arbeitsfelder, Ausdrücke, Nischen. Das ästhetische Kalkül in der Kunst hatte das Vorrecht der Abbildung verloren und erlangte zwangsweise wie folgerichtig die Freiheit vom Konstrukt der Ähnlichkeit. Die fototechnisch reproduzierbare Empirie stand nun im Dienst technisch rationalisierbarer Realitäts-Erfahrung und gewährte gerade aufgrund ihrer technischen Kühle eine vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeits-/Wahrnehmungsgehalt (wenn es soetwas überhaupt gibt). Das technische Verfahren des Abbildens versicherte Gewissheit, eine Kontrolle über den technischen Ablauf der Bemächtigung von Phänomenen. Eine Art technisch leistbare Kontrolle als Bemächtigung über das Ereignis ohne leibliches Erleben erhält Vorrang. Die Frau der Mann hinter der Kamera wird unsichtbar. Der technisch bezeugte Realitätsgehalt im technisch-fotografisch erzeugten Abbild fungiert als objektive, weil technische Rückkopplung auf sein – nun abgebildetes – vor-bildliches Stattfinden/ Stattfgefundenhaben: Das Ereignis ist Foto geworden. Das Foto ist original. Der technische Abbildungs-Apparat – z. B. die Kamera zwischen Auge und Beobachtetem – trennt wie vermittelt die unmittelbare Wahrnehmung zwischen Auge und Beobachtetem. Die digital-reproduktive Verwirklichung von Gesehenem zu Abgebildeten ist die neue Wirklichkeit des Betrachters. In der fotografischen Fixierung des Objekts manifestiert sich bereits dessen Petrifikation (…ein Bild schießen). Die Totalität der medialen Reproduktion erlaubt dem angeblickten Augenblick nicht mehr zu verschwinden. Als hätte der Fotografierende in verlorener, hoffnungsloser Lage noch etwas aufgenommen, was er nicht begreifen kann, aber in der Handhabung der Kamera ist etwas fixiert, woran er sich mit dem Apparat erinnern kann.

Ich weiß nicht, ob wir befürchten müssen, dass zugunsten einer digitalisierbaren Beobachtungskultur die unmittelbare Sinnlichkeit des körperlichen Wahrnehmens dem Körper entzogen wird. Die Interaktion zwischen Beobachter und Beobachtetem wird durch dessen abbildhafte Bannung – das Foto – unterbrochen, und die Interaktion zwischen den Teilnehmern des Ereignisses. Mit den Möglichkeiten fotografischer Abbildungstechniken wird das Erlebte derart foto-digital vervielfältigt, so dass Interaktionen zwischen den – an diesem Erleben – Beteiligten unnötig werden. Die Vergewisserung der Teilnahme wird im Teilen und goutieren der Abbildungen (posts) erlangt. Das Medium der technischen Apparatur erübrigt die Interaktion der Anwesenden.2„Für die Ausdifferenzierung eines Systems der Massenmedien dürfte die ausschlaggebende Errungenschaft in der Erfindung von Verbreitungstechnologien gelegen haben, die eine Interaktion unter Anwesenden nicht nur einsparen, sondern für die eigenen Kommunikationen der Massenmedien wirksam ausschließen. […] Erst der Buchdruck multipliziert das Schriftgut so stark, dass eine mündliche Interaktion aller an Kommunikation Beteiligten wirksam und sichtbar ausgeschlossen wird.“ Niklas Luhmann, in: Die Realität der Massenmedien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 26

Erst im Anblick des Urlaubs-Fotos scheint sich eine Bestätigung der erlebten Situation zu einer erinnerbaren zu realisieren. Ein Dabei-Sein, was vorbei ist, wird (als Ab-Bild) eingeholt. Die technisch möglich gemachte also fotografisch abrufbare Erinnerung setzt die Erfahrung erst durch erinnerbares Erlebnis-Material in Gang. Eine Art posthistorische Erfahrungskontinuität entsteht. Die Vermittlung von Authentizität zur Kontinuität der eigenen Geschichte findet a posteriori und mit technischer Vermittlung (als ausgedrucktes oder gepostetes Foto) statt. D. h. nur bei solchem Anblick eines ständig wiederholbaren Fotos findet sie statt. Fotos sind Erinnerungsprothesen. Die Gegenwart wird durch technische Apparate geschleust und zur Abbildbarkeit gezwungen, um Vergangenheit zu realisieren. Was faktisch auf dem Foto erscheint, mutiert zum Narrativ des abgebildeten Ereignisses und ist es nicht selbst. Denn die Formen, Farben auf dem Fotopapier verweisen materiell-technisch beschränkend auf den erinnerbaren Erfahrungsraum und das abgebildete Ereignis ist als fotografischer Ausschnitt eines Erlebnisses eben auf einen technisch machbaren Ereignisausschnitt angewiesen. Wir lügen uns mit unseren Fotos an. Die technischen Umstände der Erinnerungsfixierung bestimmen, wie und was zu erinnern ist. Sie sind durch den technisch machbaren Abbildungsraum determiniert. Auch das Schauen selbst wird damit vor-bestimmt. Was ohne technische Hilfsmittel dem Gedächtnis nicht erinnerbar ist, ist das, was vergessen wurde, ist das, was vorbei ist: Es hat im Sinne der individuellen Selbstrepräsentation nicht stattge­funden, wenn es nicht durch publizierbare Nachweise gesichert wurde.

Durch die technische Fixierung vergangener Lebenspunkte wird dem seine Ereignishaftigkeit abbildende Subjekt seine Nicht-Anwesenheit, sein Nicht-Erleben, seine nicht vollzogene unmittelbare Interaktion im Foto, Video angezeigt – es ist längst zum Beobachter seiner (abgebildeten) Biografie, zum Selfie geworden. Es ist ein Subjekt, das immerfort während der technischen Aufnahme seiner Ereignisse im Ereignis selbst nicht da ist, nicht bei sich ist oder im Selfie als sein eigenes kaltes Objekt gebannt ist. Denn, dass dies oder jenes als Lebenspunkt festgehalten wurde, heißt doch auch, dass durch den Augenblick des (technisch diskriminierten) Festhaltens genau dieser Augenblick verloren ging. Das (performative) Erleben wird in Information – digitale Fotopixel – verwandelt. Das was informativ konstatiert wird, steht quer zur performativen Aktivität.3Niklas Luhmann formuliert es andersherum: „Die performative Aktivität muß einen Unterschied machen, der quer steht zu dem, was konstatiert wird.“ Niklas Luhmann, in: Metamorphosen des Staates, zitiert in: Lektionen 1, Bernd Stegemann, Dramaturgie, Verlag Theater der Zeit, 2009, Seite 329 („Dramaturgie der Kommunikation“) Die Differenz zum Erleben wird als Unterscheidung in Form einer konstatierbaren Information (Selfie, Foto) hergestellt. „Die gesellschaftsweite Beobachtung der Ereignisse ereignet sich nun nahezu gleichzeitig mit den Ereignissen selbst.“4Niklas Luhmann, in: Die Realität der Massenmedien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 40

Die Möglichkeit des menschlich-individuellen Vergessens wird durch selbstverliebte Datenberge erschwert. Der Zugriff auf alles irgendwie fotografisch Erlebten wird fürs Individuum allgegenwärtig machbar. Die menschliche Fülle erlebter Erfahrung aber beinhaltet Erinnerungsarbeit – was ein selektives Vergessen impliziert. Das, was als erprobte Erfahrung zur geschichtlichen Kontinuität des Individuums beitragen soll, wird Initial seines Spaltungsprozesses, wenn die geübte Erfahrung nutzlos ist.5Hier kommt noch die Schwierigkeit hinzu, dass neu in Gang gesetzte Erfahrungen überhaupt das Ich in seiner gewohnten Masse, seinem angewöhnten Radius stören. Jedes neu hinzukommende Ereignis wird als Defizit an alter Erfahrung gebraucht, erklärt daher das Alte oder das Neue als Mangel. Das Neue als Defizit des Alten? Insofern ist sich veränderndes Erfahrungsmaterial auch Spaltungs- d. h.: Entscheidungsmaterial, zumindest Hürde gegenüber dem Neuen. Das Ich wird auf vielfältige Weise aus seiner erfahrungsgemachten, -gemäßen Trägheit gerissen.Die empfundene Gegenwart als Standpunkt realisierter Vergangenheit in dem Sinn, dass gegenwärtig gefundene Unterschiede zu etablierten, angeeigneten Formen vorhandener Erfahrung zu neuen Möglichkeiten gerinnen, die in ihrer Vielheit eine Struktur für ein zukünftiges Handeln gewähren.
Wie aber, wenn ich das Neue nicht sehe und immer wieder die alten Fotos betrachte. Ich mich zurückziehe auf konstatiertes – fotografisch festgehaltenes – Erleben. Meine Erfahrungen sind lediglich technisch vollzogene (fotografische) Reproduktionen meiner technisch etablierten Erinnerungen. Ich erschließe, verunmögliche meine Gegenwart durch den zeit-authentischen Verweis meiner Erfahrung im vergilbten Foto. Je technischer vermittelnd Erfahrung in flachen, digitalen Reproduktionen abbildend in Gang bzw. auf stand-by gehalten werden kann, desto mehr nimmt sie den Charakter prothesenhafter Idealisierung an. Sie ist aus dem Gedächtnis in den digitalen Speicherplatz ausgelagert. Die fotografisch animierte Erinnerung stellt das betrachtende Subjekt auf einen zeitlich jüngeren Zustand seines Erlebens zurück. Es schlüpft aber nicht in die Zeit seines tatsächlichen Erlebens zurück, sondern in jenes digitale Versteck, das den Erlebnisraum technisch beschränkend markiert, jedoch jenseits des Individuums installiert: in der Cloud kommen jene sich selbst gegenüber fremd seiende Schnappschüsse zur Ruhe. Die pathologisch anmutende Fotografierwut und die Speicherung ihrer Resultate scheint leibliche Erfahrung zugunsten einer selektiven wie jederzeit abrufbaren Bildspeicherordnung aufzugeben. Modelling. Das gegenwärtig zu Erlebende wird im Foto zur Versicherung, dass man gegenwärtig war. Natürlich fängt nicht jeder fotografischer Schuss ein Ereignis ein.

Kann ein Ereignis, die über die technische Reproduktion des Wahrnehmungsmaterials erschlossen wird, für jemanden, der nicht zu ihrem Abbildungsmaterial gehört, evident sein? Als eine Erfahrung, die sich erst durch deren fotografische Reproduktion erschließen lässt? So, als wohnte man einem Schauspiel bei, indem man selbst Akteur war, aber zugleich die Kamera hielt und sich deshalb als Protagonist ausschloss? Muss man die Abbildung (Speicherung) eines Ereignisses mit der darin gemachten Erfahrung zusammendenken? Braucht solches Reproduktions­material ästhetische Qualitäten, um den Erfahrungsfremden in den angebotenen und abgebildeten Ereignissraum hineinzuführen? Weil das Ich sich sonst nicht dazu verhalten kann? Das Ereignis-Ich müsste sein eigenes – durch seine Kamera – beobachtetes Ereignis „gut dargestellt“ haben, um einen selbstischen Kontakt zu sich über diese Abbildung wiederum herzustellen. Das heißt, dass das Ästhetische der Abbilder zur Entkörperlichung der Wahrnehmung der Wirklichkeit beiträgt, den ursprünglichen Augenblick überschreibt. Oder ist das entkörperlichende Phänomen des Ästhetisierens oder die Flucht zum Ästhetischen unserer Erfahrungsweise näher?6„Verfremdung scheint eine notwendige Vorbedingung von Erfahrung zu sein.“ Brian O’Dorthy, in: Insight the white cube, Seite 62 Man sieht – gerade in der Kunst wie in den (stets auch sinnlich wahrzunehmenden) Massenmedien –, dass das konstatierende Moment einer Information das performative ihrer Mitteilung nicht auslöscht. Die Kunst ist durch ihren formalen Gebrauch sinnlichen Materials ambivalent zur Entkörperlichung des Sinnlichen.