# 24 / Anpassung als Zwang

Herbert Spencers Satz survival of the fittest1Weitere Inspiration zu diesem Zitat, siehe: Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen, Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main, Basel, 2000, Band 4, Seite 99, Seite 154 ist ein oft gebrauchtes Zitat, dass in positivistisch-normativer Weise dafür herhalten soll, wie soziales Handeln – Interagieren – als Überlebenskampf in die Gesellschaft zurück in eine Naturwüchsigkeit geätzt wird, aus der wir als Menschen einst entstiegen sind. Gesellschaft soll in unabänderliche Natur gestampft werden. Der Imperativ der kapitalistischen Produktion wird in alle, auch in kleinste soziale Interaktionen der Menschen und deren kommunikative Verhältnisse getrieben. Als wäre das schon immer so und als hätten wir nichts anderes zur Hand, unsere Ellenbogen, unseren Egoismus mit evolutionären Erkenntnissen zu schmücken. „Bereite dich vor, eine bestimmte Funktion nützlich auszufüllen.“ 2Emile Durkheim, in: Über soziale Arbeitsteilung – Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Suhrkamp Verlag 1992, stw 1005, Seite 87Der eskalierende Prozeß der Arbeitsteilung wird als Funktion des sozialen Bedürfnisses3Vgl. Durkheim, ebenda, Seite 90gemünzt. „[Es ist] unsere Pflicht, ein vollendetes und ganzes Wesen werden zu wollen, ein Ganzes, das sich selbst genügt, oder im Gegenteil dazu dient nur Teil eines Ganzen zu sein, Organ eines Organismus?“4 Vgl. Durkheim, ebenda, Seite 8550 Jahre später konstatiert Brecht die Folgen solcher Funktionsbestimmung für diejenigen, die mit dem Gewissen der eingeimpften Produktionsgerechten Pflicht gegen ihre Ent-Pflichtung arbeiten, wenn sie nicht mehr in regressiven Produktionszusammenhängen stehen: „interessant, wie eine funktionsabdrosselung die person aufdröselt. das ich wird formlos, wenn es nicht mehr angesprochen, angegangen, angeherrscht wird. selbstentfremdung setzt ein.“5Bertolt Brecht, ARBEITSJOURNAL, Seite 304, Eintrag vom 19.10.1942 Der Job muß Spaß machen, um das abstrakte Verhältnis des bürgerlichen Individuums zu seiner falschen Freiheit – als Wahl zu seiner Funktionalität – aufrecht erhalten zu können. Seine Leistungsbe­reitschaft ist längst beschlossen worden. (Ich möchte Spaß, Freiheit und Leistungsbereitschaft in Anführungszeichen setzen. Die Worte werden zu Lügnern.) Die Verschleierung des ökonomischen Drucks – dessen Affirmation zum Berufsethos – geht einher mit der Ermutigung zum selbst gewählten Gefängnis. 3 Tage später schreibt sich Brecht selbst in den Spaltungsprozeß entfremdender Arbeit ein: „das individuum, das mehr und mehr sein ansehen (ist gleich: charakter) von der produktion zu gewinnen hat, geht hier durch eine böse phase, da die produktion eben gedrosselt und manipuliert ist. gewöhnt daran, meine würde zu nehmen von der würde der aufgabe, meine bedeutung von der bedeutung, die ich für die allgemeinheit habe, meine energie von den kräften, mit denen ich in berührung komme, wo bleibe ich, wenn die aufgabe unwürdig, die allgemeinheit depraviert ist und wenn in der umwelt keine energie sich sammeln kann?“6Bertolt Brecht, ARBEITSJOURNAL, Eintrag vom 22.10.1942
Den präformierenden Bedingungen des Existenzerhalts/-verkaufs kann man kaum entkommen, indem sie erstmal als Pflicht erfüllt bzw. als notwendiges Übel angenommen werden. So, als wäre man am Ende des Tages frei und könnte die Kür für das vermeintlich eigene Leben beginnen, das es niemals mehr gibt. Die von solcher pflichtbehafteten Produktionstätigkeit bestimmte Daseinsweise – worin die eigene Existenzkraft zur Verfügung zu stehen hat, erlaubt nicht zwingend eine Bewußtseinsweise, die eine menschliche Existenz inmitten affirmativer Fremdbestimmung konstruieren kann. Das Abtauchen in die Pflichterfüllung (ich mach hier nur meinen Job.) als funktionsbestimmtes Versteck, um nicht erkannt zu werden, lässt desto weniger den sich Verkriechenden frei. Eine Rechnung wie ein Fliegenkleber. Die Pflicht ist hier Ausdruck der angenommenen Resignation, die sich nicht aus der unverschuldeten Unfreiheit lösen kann. Die Freiheit ist vom Einzelnen nur als Selbst-Täuschung zu erlangen, weil sie in der Verfügungsgewalt des Beherrschtwerdens steht. Diese Pflicht steht der Frage nach einem Sinn des eigenen Handelns im Wege, aber wenigstens hat es für diejenigen Arbeiter, die auf Geheiß handeln – in der Pflicht stehen – Geltung: Man ist dem Handeln bereitwillig nachgekommen, so als wäre es ein eigenwilliger Entschluss, als hätte man selbst gehandelt. Und diese Behandlung zur Gewissenlosigkeit gegenüber sich selbst wird als wenigstens tue ich was, und komme der Pflicht nach, etwas zu tun… schöngeredet. Die Freiwilligkeit zum Zwang, enthebt ihn nicht seiner Wirkung. Aber auf der Autobahn können wir manchmal rasen, egal, mach Platz da, verdammt schon wieder Tempolimit

 

 

# 23 / speziell – Kunst

Es gehört zu den Schwierigkeiten im künstlerischen Prozess, dass mit zunehmender Tiefenforschung, Abstrahierung der Formen, Verfremdung des Materials der ehemals gewohnte Verweis auf ein Phänomen, einen Satz, eine Abbildung etc. zugunsten neu zu entdeckender Formen vernachlässigt wird, oder gar aufgelöst erscheint. Die ästhetische Präsenz einer Darmschleife, eines Leberlappens, der noch frisch rötlichen Aorta auf dem Seziertisch der veterinärmedizinischen Abteilung oder dem an technischer Kälte nicht zu überbietenden Stahlblech im Schlachthaus lebt vom aufgelösten Organismus/ Zusammenhang, denn das Tier als Untersuchungsgegenstand ist in vereinbarte organische Strukturen zerlegt worden: Herz, Lunge, Niere, Magen, Darm etc.

 

Die Flügel der Fliege sind nicht herausgeschnitten, um zu verstehen, sondern nur, um ihren schönen Glanz zu zeigen. Stell dir vor, ein Arm wird von deinem Körper getrennt, weil er so wohlgeformt ist.
Die ästhetisch anmutende Außenhaut der Form schiebt sich in der Kunst über die funktionelle Form des organischen Innenlebens. Die Funktion hat sich ganz in die Form zurückgezogen. Die Abbildung ist Bild geworden.

Wenn wir malen, werden die herausgerissenen Teile eines Ganzen wieder zu Formen eines anderen.

 

 

# 22 / Spezialisierung, Objekte und Gewohnheit

Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas als Einschrän­kung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herauslösenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand intensivierte Beobachten, Beschreiben mit anderen herausgelösten Objekten vergleichbar zu machen und ihre Differenzen zu nivellieren. Es entstehen Superobjekte, die zur Norm für andere Objekte werden. So fährt man zu verschieden Orten auf mit Sichtschutz begrenzten Autobahnen – Erfahrung ohne Landschaft. Vergleiche werden zwischen Mauern aus Kategorien gefällt.

 


Foto vom Autobahnneubau A 38 © Karl Weise, 2006

 

„Die Gleichheit liegt nicht in den Dingen, sondern in der Markierung, die es ermöglicht, Dinge ohne Berücksichtigung ihrer Differenzen zu addieren. Die Markierung bewirkt, dass die Differenz getilgt wird […].“1Jacques Lacan, in: STRUKTUR. ANDERSHEIT. SUBJEKTKONSTITUTION, Herausgegeben von Dominik Finkelde und Slavoj Zizek, übersetzt von Dominik Finkelde, August Verlag Berlin 2015, Imprint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, Seite 23 Die Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit zugunsten einschränkbarer Details und erzwingt die Schrumpfung der Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer Vergegenständlichung zum Beschreibungsmaterial – Töne zu Noten, Wiesenlicht zu Pantone-Farben, Berührung zu Kilogramm – fungiert für die eingeschlossenen Geißeln der Wahrnehmungssinne als unabgelenkte Tunnelfahrt. Sie soll den Beginn des objektiven Beobachtens, Denkens bedingen, nachdem viel Gegenwärtiges weggeschla­gen worden ist.2vgl. John C. Eccles, in: Das Gehirn des Menschen, Seite 128 Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit der Kalkulation eingefroren. Die Herauslösung des Gegenstands oder des Phänomens durch die Beschreibungskriterien kann nicht durch neue Modifikation der Kriterien rückgängig gemacht werden. Der Ausgangspunkt kann durch einen neuen ersetzt werden. Die objektivierende Beschreibung schleppt ein Präteritum des Objekts in die Gegenwart des Beschreibens. „Alle bewußten Erfahrungen und Handlungen sind von einem Erinnerungsvermögen abhängig.“ 3John C. Eccles, in: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Piper, Seite 130

Funktionsstörung
Es entsteht eine problematische Situation für den Menschen, wenn der Zusammenhang von Erfahrung und Erinnerung stetig durch neue Erfahrungsforderungen angegriffen wird. Das (erinnerbare) Erfahrungspotential wird durch stetig neu zumachende Erfahrung verkümmert, überschwemmt das Vermögen des Sich-Erinnerns und stellt es in Frage. Die erlernte Gewohnheit ist nutzlos, was ehemals hilfreicher Stift war, ist Stachel – wozu ist er da? Ständig sich wandelnde Objekte, sind schwerlich durch Objektivierung festzusetzen. Die Spezialisierung im Rationalisierungszwang des zweckgerichteten Denkens4Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion.5z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89 Noch eine psychologische Seite: Wenn die verstärkte Benutzung der Ratio Wahrneh­mungsquantität reduziert als Einschränkung zugunsten der Konzentration, die Übersicht gewährt, impliziert dies einen Ausschluss von Umwelt, Mannigfaltigkeit. Die Reduktion fungiert als Gegenreiz im Rückzug zum inneren Fluten, weil die allgegenwär­tige Welt, die zunehmenden Produktschreie überall die persönliche Welt zerstört. Briefmarkensammler, Spinnenmelker.

Entfremdung
Mit der ins Private geretteten Macke, in die persönliche Kleinstruktur (Freizeit, Familie) übernommenen Kauzigkeit – mangelnde Fremdreferenz? – wird im Subjekt die entkörperlichende Arbeitsweise/ Handlungsstruktur zur pathologischen ratifiziert. Denn was als monotoner Handgriff in den Stätten der Produktion als Bedingung für komplexe Arbeitsteilung gilt, dringt im entspannten Zustand – in der Nichtarbeit – an die Oberfläche der von sich entfremdeten Sinne. Es wird das Sehen, Berühren, Fühlen, Kotzen gefeiert. Das Innegehaltene läuft über den Rand des Gefäßes – alles muß raus! – Der nichtangewendete Mensch arbeitet gegen sich – er will jetzt seine Sinne spüren, handgreiflich werden. Er agiert sich gegen seine Spezialisierung aus. Als exerzierte der gepresste Mensch sich selbst noch einmal vor, um in dieser Selbstgewähltheit dysfunktionaler Freiheit Schutz zu finden? Die Macken, die Tics etc. das letzte Refugium. Ein Spiel aus Reduzierung und Verstärkung von Bewußtseinsreizen, je nach Stellung oder Funktion im Produktions- oder Kommunikationsprozess, der sich auf die Ware bezieht, durch Waren getrieben wird und schließlich nur in Warenform sich ausdrücken kann. Ist es das, was Marx mit Entfremdung meint?6Unter der Überschrift „Die entfremdete Arbeit“ in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, setzt sich Karl Marx besonders mit den Entfremdungs-Folgen von Ausbeutung auseinander, Karl Marx, Friedrich Engels, Ergänzungsband – Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 510 f

 

 

# 21 / Spezialität – Blickmodelle

Der Fokus auf Details und absolute Wahrheiten, die die Nacht durch den Tag verraten, haben gemeinsam, dass sie das Privileg ungeteilter Aufmerksamkeit gegen alles andere genießen. Man braucht eine spezielle Haltung, um andere Bedeutungen für die eine besondere aufzugeben. Das Besondere als das große Minus vor dem Allgemeinen. In dem Sinn engt Spezialisierung andere mögliche Bedeutungen ein – zugunsten eines Besonderen. Spezialisierung als eine Flucht „in die Blindheit gegenüber der Vielzahl der Möglichkeiten“1Heinz von Foerster, in: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2019, Seite 35 Wenn man sich für einen Gegenstand interessiert, ist das Interessante an ihm dadurch besonders, weil es im Fokus der eigenen Aufmerksamkeit steht. Man sieht genau hin, d. h., man konzentriert sich auf einen ausgewählten Ausschnitt – alles andere lässt man weg, schneidet ab, fliegt weg. Der so fixierte – spezialisierte – Blick auf das auserwählte Objekt negiert zugleich alle anderen möglichen Konstellationen des Wahrnehmens. Ein Mehr halten wir nicht aus. Die Fixierung des Objekts durch die Prämissen der Beobachtungskalküle ermöglicht eine Loslösung des beobachteten Objekts von seinen Zusammenhängen mit anderen Objekten und führt zur Trennung des beobachtendenSubjekt von seinem Objekt. Man muß sich entscheiden: was nicht zugleich am Objekt beobachtet werden kann, wird abgeschnitten – auch wenn es auf derselben Sichtebene liegt. Einfacher ist es doch, den Rest zu erfinden, aufzufüllen, passend zu machen und sich aus der Verantwortung des eigenen Blicks zu stehlen. Denn „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemachte werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.“2Heinz von Foerster, in: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2019, Seite 154

 


Auge Auge, Zeichnung auf Papier © Hans Georg Köhler, 2012

 

Man könnte auch sagen, dass der „blinde Fleck“ gegenüber ganzheitlichen Zusammenhängen dem spezialisierten Auge Rechnung trägt. Wenn man also nicht „alles“ im Blick behalten kann, sollte man sich auf etwas Besonderes fokussieren. Der durch okulare Blickschnitte konstruierte blinde Fleck markiert daher sowohl eine Art Überfülle an Wahrnehmbarkeit wie deren Abwehr durch Konzentration auf Einzelheiten. Die Münze der Auslöschung ist Spezialisierung. Die Vereinzelung der Techniker, Wissenschaftler, der „verrückten Professoren“, Literaten, Künstler bildet das Herauslösen aus der autistisch anmutenden Überfülle des Wahrnehmbaren ab. Es entsteht „ein Geschöpf reduzierter Vollkommenheit, das seine Chancen seinen Einschränkungen verdankt.“3Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 So erscheint eine Konstruktion möglich, in der das Besondere wie Ausgeklammerte zum Modell einer beobachtbaren Welt wuchert: Der reduzierte, eingeengte Blick wird zum Ausgangspunkt von Welt-Beobachtung. Aber genau mit dieser irren Intention, Welt aus den (freiwillig) beschränkten Wahrnehmungs-Ableitungen durch „objektive“ Normen zu konstruieren, wird der Körper zum letzten Einsatz gegen die Maschinerie operativen Lebensvollzugs. In Hinblick auf den ausschließlichen Charakter des Zeigens, des Aus-Stellens, wie es in der Kunst geläufig ist, können wir aus der Beobachterperspektive 2. Ordnung – das Beobachten des Beobachtens – begreifen, dass das besonders Gezeigte immer auch auf etwas anderes hinweist, als es den ersten Anschein hat. Die Eingrenzung, die durch das Zeigen markiert wird, schleust das Nicht-Gezeigte als Ausklammerung ins Zeigen mit hinein – als Ausgegrenztes. Die Grenze oder die Differenz läuft mit – könnte man sagen. Gerade in dem Gezeigten sehen wir nicht nur die Konzentration auf etwas besonders Ausgedrücktes eines Künstlers als sein Augenmerk, als seine Beschränkung, sondern auch, dass in dieser Beschränkung nicht nur Rückzug bzw. Konzentration stattfindet, sondern ebenso Hinweise auf das durch die Formen ausgesondert Verlassene, auf das Verlassene selbst gezeigt werden kann. Die Grenze des Zeigbaren befindet sich im Gezeigten, wird durch das Zeigen realisiert.4Vgl. Niklas Luhmann, in: „Die Realität der Massenmedien“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 19

Dass spezialisierte Einseitigkeit als normative Setzung des wissenschaftlichen Apparates und der Produktion (Arbeitsteilung) auf ihre Bediensteten durchschlägt, ist die an der Produktion rationalisierte und geförderte, aber tatsächlich individuell auszufechtende Seite des problematischen Prozesses der Ausdifferenzierung sozialer Handlungsfelder. Die aufgezwungene und erforderliche wissenschaftliche Einseitigkeit (Konzentration, Stilisierung wären hierfür auch brauchbare Worte) ermöglicht damit psychogene Strukturen, die zur Störung, zur Verrückung des Bewußtseins führen.5vgl. Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen, Roter Stern, Berlin, Band 3, Arbeiten mit Ödipus, Seite 37 Die Etablierung eines besonderen Interesses engt natürlich die Möglichkeiten für andere Interessensgebiete ein. Die besondere Begabung – ob für Zahlen, Formen oder Partituren – ist dann gesellschaftlich anschlussfähig oder wird herausselektiert. Daraus folgen die gesellschaftlichen Normierungen bzw. Stigmatisierungen. Die Kompatibilität einer speziellen Begabung zu anderen sozialen Handlungsräumen hängt von ihrer individuell ausgetragenen Anpassungsfähigkeit bzw. sozialen Akzeptanz ab. Ein „passendes“ Individuum existiert nicht, sondern nur dessen mehr oder weniger großer Konflikt, Anschlussfähigkeit zu erlangen.

 

# 20 / verstrickt

Moderne Individuen finden sich in einer ambivalenten Situation vor: Auf Grund ichfeindlicher, d. h. aufgezwungener Berufs­praxis nimmt die soziale Isolation des Individuums zu, obgleich es diese soziale Verarmung mit elektrisch-algoritmisch kanalisierten sozialen Medien (Skype, Facebook, Instagram, twitter etc.) zu überwinden sucht. In diesem elektrischen Raum ist es angehalten – neben dem ästhetischen Repräsentationsbedürfnis – eine ästhetische (Re-) Konstruktion seines Lebensentwurfs voranzutreiben. Es ist seinem medial inkorperierten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit ausgesetzt. Das wiederum schlägt in eine Art Zwangsver­netzung der permanent zur Verfügung und Verwertung stehenden Akteure um. Die soziale Isolation zwingt eine Art Selbsterhaltung durch Selbstverstärkung auf – bis die isolierte Person in ihrem Spiegel implodiert und ihre Ich-Maske erkennt: Personae. Die monadische Selbstbetrachtung – alle habhaften Ereignisse, Objekte, Menschen durch das ichige Nadelöhr zu ziehen und zu prüfen – treibt das (künstlerische) Subjekt desto mehr in existentielle Ausnahmezustände. Die Individuation ist nicht eine Charakterfrage,1vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, Suhrkamp Verlag 1981, stw 571, Seite 385 sondern sie ist den Arbeits- und Lebensumständen verpflichtet; sie entsteht als Defekt aus ihnen. Wenn man Krankheiten als Individuationsprozess inmitten eines soziaen Umfelds fassen kann, so kann das soziale Umfeld des Individuums in sein Krankheitsfeld einbezogen werden. Schon deshalb, weil die soziale Realität des Individuums in ihm selbst als seine Symptomatik ausagiert wird und an ihm als gesellschaftliche Stigmatisierung durch den Begriff der Krankheit kenntlich ist. Charakteristisch ist der Zirkel in dem sich dieses Individuum befindet: Aus der existentiellen Notdurft nach sozialer Integration (Aufmerksamkeit) folgt Isolation, folgt die Absenz vom gesellschaftlichen Common sense und daraus entwickelt der Kranke, Verrückte, Künstler seinen ästhetisch-existentiellen Ausschrei. Die Arbeit zur Selbstbehauptung läuft permanent Gefahr in narzisstischen Nihilismus auszuarten: Die oder ich. Vom Rand des Ichs in sein Inneres vorzudringen, zerstört es. Es wird durchlässig, sensibel, um permanent den Augenblick der eigenen Hölle, des eigenen Spiegels ästhetisieren zu können und das Leid, den Schwerz als die eigene abgerungene Expression vor sich hin zu stellen: Als Bild, Skulptur, Performance, als abwehrendes Distanz­versprechen gegen die idiotische Welt. Dem gepflegten Bewusstsein der Verletzlichkeit – Sensibilität – und deren ästhetische Verteidigung geht die Verletzung des Bewusstseins voraus. Kunstmachen ist beides: das Bewusstsein von Verletzung (in die eigene selbstverschuldete, aber ohnmächtige Freiheit entlassen zu sein) und die Verteidigung der Verletzung mit ästhetischen Mitteln, um sie als Lebenszweck zu behaupten. Es sind die Fäden zum Wirrwarr verschachtelter Begriffs- und Ordnungs­systeme, verweisender Hypertexte, Kontexte, Hieroglyphen, die ich als Netz auf mein ästhetisch motiviertes Handeln werfe, so steck ich darin wie ein sich selbst fangender Fisch. Es sind Ariadnes Fäden, die mich selbst zahlreich in gelobte Wege einspinnen und zu täglich wechselnden Standpunkten zur Hölle der Affirmation drängen.

 

 

# 19 / abbilden erleben

Warum werden so viele Urlaubsfotos, Selfies, Permanent-Fotos auf Partys und Shots vom Fernsehturm, von Sehenswürdigkeiten gemacht? Dient das Foto-schießen Rumballern mit Fotos als touristisch-terroristische Aneignung von Welt, die mit ihrem großen digitalen Treibnetz keine Objekt-Oase durch die neugierig-kolonisierenden Objektive entkommen lässt? Ohne fotografische Aufnahme droht das Gesehene, Erlebte ins Nicht-Passierte zu versinken. Widersprüchlich ist die Differenz zwischen der singulär anmutenden Intention der fotografierenden Person, die ihren Moment bannen will – egal, wo er im Foto-Ordner abgelegt wird und wie überquellend die je einzelnen Momente sich im Wege stehen – und ihrem Bedürfnis, den erkorenen Moment mit aller Welt teilen zu wollen (wo doch der Fernsehturm als Motiv millionenfach reproduziert wurde). Oder sind wir mit dem, was wir individuell von uns abbilden, beliebige, austauschbare Teile des Rauschkörpers Menschheit? Erringen wir geradezu die Beliebigkeit der Orte, unterwerfen wir sie durch das tausendfache Abbilden, um selbst nicht zu sinken? Das gepostete Foto soll eben nicht zu individuell sein, sondern mehr den Anteil am Durchschnitt markieren: es matched mit dem Gros der Adressaten. So geht mit dem Bedürfnis nach geteilter Aufmerksamkeit auch eine soziale Stabilisierung des fotografisch gebannten Er-Lebens durch dessen medial-soziale Verteilung einher. Es scheint, dass mit der verinnerlichten Blick-Technik sozial-medialer Reproduktion von  persönlichen Erlebnisses eine Sicherheit, d. h. Vergewisserung über das eigene soziale Leben gewonnen wird. Geht’s dir nicht auch so? Ja, dort war ich auch schon mal.

 


© Hans Georg Köhler, 2021

 

Im 19. Jahrhundert stellte die aufkommende Fotografie das Selbstverständnis der Bildenden Kunst in Frage. Landschaftsmalerei, Porträt, Stillleben, Hand­werksszenen verloren den mimetischen Blick der Künstler als Realitätsverweis. Jenseits eingeforderter Authentizität zu als real empfundenen Vorstellungen über gesellschaftliche Landschaften sind und waren die Kunstwerke geprägt von künstlerischen Eingriffen und Verklärungen. Die in die Kunst des 19. Jahrhunderts hereinbrechenden revolutionären Abbildungstechniken sprengten die herkömmlichen, omnipotent-künstlerischen, d. h. natürlich auch: eigenmächtigen Darstellungsweisen gesellschaftlicher Realität, und entzog dem Dargestellten den Makel des individuell-anhaftenden Blicks, ja, emanzipierte das Abbilden von der Expertise der Künstler. Der Geschmack an Wirklichkeit brauchte für seine technisch machbare Nachbildung keine gesonderte künstlerische Form mehr – die fotografische Nachbildung von Wirklichkeit wurde populär – und die künstlerische Form wurde der verinnerlichten naturgetreuen Referenz auf außerkünstlerische Formen ledig: In der künstlerischen Form wurde nun selbst – unabhängig von Authentizitätsverweisen gegenüber von Realitätsreferenz – eine inhaltliche Selbstbestimmung gesucht.1„Die gesellschaftliche Ersetzung der Darstellungsfunktion der Kunst durch nicht-künstlerische Bildmedien und neue Formen technischer Bildproduktion seit dem 19. Jahrhundert setzte die Kunst – in Hinblick auf die von ihr nach wie vor beanspruchte Selbständigkeit – zunehmend unter Druck. Die Selbständigkeit der Kunstproduktion war nicht mehr automatisch durch die Eigenheiten der Bildform garantiert, vielmehr mußte sich die Kunst als Ganzes – auch inhaltlich – neu orientieren. Die Künstler der Moderne erklärten daher – pointiert gesagt – die künstlerische Form zum alleinigen Inhalt der Kunst. Und darin beanspruchten sie Autonomie, radikale, auch inhaltliche Selbstbestimmung in der Kunst.“ Thomas Lehnerer, in: Methode der Kunst, Königshausen & Neumann, Würzburg 1994, Seite 31 Die Authentizität als Treue zum Nachgebildeten entwickelte sich zur Authentizität des künstlerischen Prozesses (mit all ihren noch heute zu findenden Mystifikationen). Das Authentisch-Sein des Kunstwerks konnte in der Künstlerexistenz geborgen werden, nahm dort Zuflucht. Die Selbsterfindung des Künstlers mußte sich fortan an eigenen, selbstbezüglichen Erfindungen von Formen im Kunstwerk messen lassen.

Das revolutionäre der Fotografie war, dass nun massenhafte Seherfahrungen in massenhaften Reproduk­tionen bildlich abrufbar, d. h. wiederholbar dargestellt werden konnten. Man brauchte nicht mehr in verschwommenen Erinnerungen stecken bleiben, sondern hatte jetzt ein wiederholbares Wahrnehmungs-Abbild zur Hand. Die Fotografie konnte Wahrnehmungs-Erfahrungen, die bisher der Kunst oblagen, schneller zu Ab-Bildern formen und vervielfältigen. Die Ähnlichkeit mit dem Objekt als Wirklichkeitsbezug emanzipierte sich in der Fotografie gegen die Bildende Kunst und verlor in den künstlerisch langsameren – und kostspieligeren – Darstellungsweisen ihre Wirklichkeitszitierende Bedeutung. Dieser Zusammenhang von auf Wiederholung insistierender Wahrnehmung der Reproduktion und Produktion von neuen fotografischen Wahrnehmungsangeboten beschleunigte nicht nur den Prozess der Verbreitung von Wahrnehmungsofferten aus dem Produktionsumfeld (als Repräsentationskommunikation der Produktion), sondern auch die Entwicklung der technischen Reproduktionsleistung der foto-technischen Apparatur. Die kapitalistische Produktion begann sich deren technisch-erfassbare Abbildbarkeit in ihre Selbstwahrnehmung einzuschreiben. Ihr Selbstverständnis pocht auf die Objektivierungstechnik der neuen Apparate und wird in Zahlen, Fakten, Daten gegossen. Die menschliche Seh-Erfahrung wurde in technisch erfassbare Kalküle überführt wie  beschnitten und durch kalkulierbare Erfassungsmedien geändert. Der menschliche Blick konnte auf das Format erweitert wie fixiert werden und ist technisch ausdifferenzierter geworden, er ist vorhersagbar in die Maschine geflüchtet und kann durch sie abgebildet werden – wenn man den Blick für sie hat. Es entsteht eine menschlich-technische Verwandtschaft zwischen der individuellen Technik der Abbildung, den Foto- und Reproduktionsapparaten und der Abbildung von Technik. Es ist technisch naheliegend, dass die Produktion von Abbildungen irgendwann mit ihrer produktkonformen Verwertung zusammenfällt: Beinah jedes Foto, das in modernen Kameras entsteht, löst ein investigatives Ereignis aus: Geotagging, Internet-Anbindung ermöglichen nicht nur weltweite Verortung des Abbildungs-Ereignisses (das Ereignis ist jetzt ein technisches), sondern auch weltweiten Zugriff. Es ist kaum ein Foto mit dem Handy zu machen, dass nicht von Serverfarmen gespeichert und letztlich für Netzwerk-Konzerne und IT-basierte Geschäftsideen abrufbar und daher auswertbar deren Nutzung unterliegt. Gesichtserkennung, Produktplacement etc. Es kommt zur Annäherung zwischen dem (einzelnen fotografisch herausgerissenen) Objekt und seiner reproduktiven Erfassung: eine potentielle Vervielfältigung durch Verwertung  – Entwertung durch Vervielfältigung? – ist jedem Schnappschuss eingeschrieben.

 


© Hans Georg Köhler, 2021

So wie die Produktion auf sich selbst blickt, können wir nicht schauen. Der Auslöser eines Fotos mutiert mit ihm zu einem Daten-Portfolio von Koordinaten aus Wann, Wo, Wer – ortbar. Das ausgelöste Foto hält das Motiv, Ereignis nicht nur fest, das Motiv, Ereignis wird im digitalen Orbit von seinen individuellen Fesseln befreit, ja: Ein Ereignis wird zum Ereignis, indem es als Abbildung – als digitaler Datensatz – ausgelöst wird. Wir inszenieren! Wir verändern die sichtbare Welt.

In der Bestimmung wie wir durch das Objektiv schauen, wird auch das, was wir sehen (könnten), verändert. In der technisch verwertbaren Abbildung eines Objekts (als Ereignis des Objekts) ist die technisch verwertbare Realität des Objekts (als das Objekthafte im Ereignis) zu erkennen.  D. h. auch, dass stetig Objekte durch das Abbilden (erst) erzeugt werden, was auch heißt, dass Zusammenhänge – als die Verbindungen zwischen den Teilen begriffen – auseinandergerissen werden und die herausgeschlagenen Bruchstücke zu Objekten erniedrigt werden. Die Wirklichkeit der Abbildung ist ihre Verwertbarkeit. Man gewinnt der Realität mehr ab, als nur das (Ab-) Bild der Ereignisse. Die Realität gewinnt ihre Qualität dadurch, dass sie verrückt werden kann und das sie ihre Objekte zurechtrückt. Die im technischen Vollzug konstatierten – der Reproduktion kompatiblen – Erfahrungen werden so zu technisch kompatiblen Schnittstellen der Kommunikation. Der ideologische Wunsch nach Selbstdarstellung der Produktivkräfte- wie Mittel konnte mit der produktiveren Technik bildlicher Reproduktion durch die Fotografie erfüllt werden. Ab hier suchte die bildende Kunst ihre neuen Arbeitsfelder, Ausdrücke, Nischen. Das ästhetische Kalkül in der Kunst hatte das Vorrecht der Abbildung verloren und erlangte zwangsweise wie folgerichtig die Freiheit vom Konstrukt der Ähnlichkeit. Die fototechnisch reproduzierbare Empirie stand nun im Dienst technisch rationalisierbarer Realitäts-Erfahrung und gewährte gerade aufgrund ihrer technischen Kühle eine vom Beobachter unabhängigen Wirklichkeits-/Wahrnehmungsgehalt (wenn es soetwas überhaupt gibt). Das technische Verfahren des Abbildens versicherte Gewissheit, eine Kontrolle über den technischen Ablauf der Bemächtigung von Phänomenen. Eine Art technisch leistbare Kontrolle als Bemächtigung über das Ereignis ohne leibliches Erleben erhält Vorrang. Die Frau der Mann hinter der Kamera wird unsichtbar. Der technisch bezeugte Realitätsgehalt im technisch-fotografisch erzeugten Abbild fungiert als objektive, weil technische Rückkopplung auf sein – nun abgebildetes – vor-bildliches Stattfinden/ Stattfgefundenhaben: Das Ereignis ist Foto geworden. Das Foto ist original. Der technische Abbildungs-Apparat – z. B. die Kamera zwischen Auge und Beobachtetem – trennt wie vermittelt die unmittelbare Wahrnehmung zwischen Auge und Beobachtetem. Die digital-reproduktive Verwirklichung von Gesehenem zu Abgebildeten ist die neue Wirklichkeit des Betrachters. In der fotografischen Fixierung des Objekts manifestiert sich bereits dessen Petrifikation (…ein Bild schießen). Die Totalität der medialen Reproduktion erlaubt dem angeblickten Augenblick nicht mehr zu verschwinden. Als hätte der Fotografierende in verlorener, hoffnungsloser Lage noch etwas aufgenommen, was er nicht begreifen kann, aber in der Handhabung der Kamera ist etwas fixiert, woran er sich mit dem Apparat erinnern kann.

Ich weiß nicht, ob wir befürchten müssen, dass zugunsten einer digitalisierbaren Beobachtungskultur die unmittelbare Sinnlichkeit des körperlichen Wahrnehmens dem Körper entzogen wird. Die Interaktion zwischen Beobachter und Beobachtetem wird durch dessen abbildhafte Bannung – das Foto – unterbrochen, und die Interaktion zwischen den Teilnehmern des Ereignisses. Mit den Möglichkeiten fotografischer Abbildungstechniken wird das Erlebte derart foto-digital vervielfältigt, so dass Interaktionen zwischen den – an diesem Erleben – Beteiligten unnötig werden. Die Vergewisserung der Teilnahme wird im Teilen und goutieren der Abbildungen (posts) erlangt. Das Medium der technischen Apparatur erübrigt die Interaktion der Anwesenden.2„Für die Ausdifferenzierung eines Systems der Massenmedien dürfte die ausschlaggebende Errungenschaft in der Erfindung von Verbreitungstechnologien gelegen haben, die eine Interaktion unter Anwesenden nicht nur einsparen, sondern für die eigenen Kommunikationen der Massenmedien wirksam ausschließen. […] Erst der Buchdruck multipliziert das Schriftgut so stark, dass eine mündliche Interaktion aller an Kommunikation Beteiligten wirksam und sichtbar ausgeschlossen wird.“ Niklas Luhmann, in: Die Realität der Massenmedien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 26

Erst im Anblick des Urlaubs-Fotos scheint sich eine Bestätigung der erlebten Situation zu einer erinnerbaren zu realisieren. Ein Dabei-Sein, was vorbei ist, wird (als Ab-Bild) eingeholt. Die technisch möglich gemachte also fotografisch abrufbare Erinnerung setzt die Erfahrung erst durch erinnerbares Erlebnis-Material in Gang. Eine Art posthistorische Erfahrungskontinuität entsteht. Die Vermittlung von Authentizität zur Kontinuität der eigenen Geschichte findet a posteriori und mit technischer Vermittlung (als ausgedrucktes oder gepostetes Foto) statt. D. h. nur bei solchem Anblick eines ständig wiederholbaren Fotos findet sie statt. Fotos sind Erinnerungsprothesen. Die Gegenwart wird durch technische Apparate geschleust und zur Abbildbarkeit gezwungen, um Vergangenheit zu realisieren. Was faktisch auf dem Foto erscheint, mutiert zum Narrativ des abgebildeten Ereignisses und ist es nicht selbst. Denn die Formen, Farben auf dem Fotopapier verweisen materiell-technisch beschränkend auf den erinnerbaren Erfahrungsraum und das abgebildete Ereignis ist als fotografischer Ausschnitt eines Erlebnisses eben auf einen technisch machbaren Ereignisausschnitt angewiesen. Wir lügen uns mit unseren Fotos an. Die technischen Umstände der Erinnerungsfixierung bestimmen, wie und was zu erinnern ist. Sie sind durch den technisch machbaren Abbildungsraum determiniert. Auch das Schauen selbst wird damit vor-bestimmt. Was ohne technische Hilfsmittel dem Gedächtnis nicht erinnerbar ist, ist das, was vergessen wurde, ist das, was vorbei ist: Es hat im Sinne der individuellen Selbstrepräsentation nicht stattge­funden, wenn es nicht durch publizierbare Nachweise gesichert wurde.

Durch die technische Fixierung vergangener Lebenspunkte wird dem seine Ereignishaftigkeit abbildende Subjekt seine Nicht-Anwesenheit, sein Nicht-Erleben, seine nicht vollzogene unmittelbare Interaktion im Foto, Video angezeigt – es ist längst zum Beobachter seiner (abgebildeten) Biografie, zum Selfie geworden. Es ist ein Subjekt, das immerfort während der technischen Aufnahme seiner Ereignisse im Ereignis selbst nicht da ist, nicht bei sich ist oder im Selfie als sein eigenes kaltes Objekt gebannt ist. Denn, dass dies oder jenes als Lebenspunkt festgehalten wurde, heißt doch auch, dass durch den Augenblick des (technisch diskriminierten) Festhaltens genau dieser Augenblick verloren ging. Das (performative) Erleben wird in Information – digitale Fotopixel – verwandelt. Das was informativ konstatiert wird, steht quer zur performativen Aktivität.3Niklas Luhmann formuliert es andersherum: „Die performative Aktivität muß einen Unterschied machen, der quer steht zu dem, was konstatiert wird.“ Niklas Luhmann, in: Metamorphosen des Staates, zitiert in: Lektionen 1, Bernd Stegemann, Dramaturgie, Verlag Theater der Zeit, 2009, Seite 329 („Dramaturgie der Kommunikation“) Die Differenz zum Erleben wird als Unterscheidung in Form einer konstatierbaren Information (Selfie, Foto) hergestellt. „Die gesellschaftsweite Beobachtung der Ereignisse ereignet sich nun nahezu gleichzeitig mit den Ereignissen selbst.“4Niklas Luhmann, in: Die Realität der Massenmedien, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 40

Die Möglichkeit des menschlich-individuellen Vergessens wird durch selbstverliebte Datenberge erschwert. Der Zugriff auf alles irgendwie fotografisch Erlebten wird fürs Individuum allgegenwärtig machbar. Die menschliche Fülle erlebter Erfahrung aber beinhaltet Erinnerungsarbeit – was ein selektives Vergessen impliziert. Das, was als erprobte Erfahrung zur geschichtlichen Kontinuität des Individuums beitragen soll, wird Initial seines Spaltungsprozesses, wenn die geübte Erfahrung nutzlos ist.5Hier kommt noch die Schwierigkeit hinzu, dass neu in Gang gesetzte Erfahrungen überhaupt das Ich in seiner gewohnten Masse, seinem angewöhnten Radius stören. Jedes neu hinzukommende Ereignis wird als Defizit an alter Erfahrung gebraucht, erklärt daher das Alte oder das Neue als Mangel. Das Neue als Defizit des Alten? Insofern ist sich veränderndes Erfahrungsmaterial auch Spaltungs- d. h.: Entscheidungsmaterial, zumindest Hürde gegenüber dem Neuen. Das Ich wird auf vielfältige Weise aus seiner erfahrungsgemachten, -gemäßen Trägheit gerissen.Die empfundene Gegenwart als Standpunkt realisierter Vergangenheit in dem Sinn, dass gegenwärtig gefundene Unterschiede zu etablierten, angeeigneten Formen vorhandener Erfahrung zu neuen Möglichkeiten gerinnen, die in ihrer Vielheit eine Struktur für ein zukünftiges Handeln gewähren.
Wie aber, wenn ich das Neue nicht sehe und immer wieder die alten Fotos betrachte. Ich mich zurückziehe auf konstatiertes – fotografisch festgehaltenes – Erleben. Meine Erfahrungen sind lediglich technisch vollzogene (fotografische) Reproduktionen meiner technisch etablierten Erinnerungen. Ich erschließe, verunmögliche meine Gegenwart durch den zeit-authentischen Verweis meiner Erfahrung im vergilbten Foto. Je technischer vermittelnd Erfahrung in flachen, digitalen Reproduktionen abbildend in Gang bzw. auf stand-by gehalten werden kann, desto mehr nimmt sie den Charakter prothesenhafter Idealisierung an. Sie ist aus dem Gedächtnis in den digitalen Speicherplatz ausgelagert. Die fotografisch animierte Erinnerung stellt das betrachtende Subjekt auf einen zeitlich jüngeren Zustand seines Erlebens zurück. Es schlüpft aber nicht in die Zeit seines tatsächlichen Erlebens zurück, sondern in jenes digitale Versteck, das den Erlebnisraum technisch beschränkend markiert, jedoch jenseits des Individuums installiert: in der Cloud kommen jene sich selbst gegenüber fremd seiende Schnappschüsse zur Ruhe. Die pathologisch anmutende Fotografierwut und die Speicherung ihrer Resultate scheint leibliche Erfahrung zugunsten einer selektiven wie jederzeit abrufbaren Bildspeicherordnung aufzugeben. Modelling. Das gegenwärtig zu Erlebende wird im Foto zur Versicherung, dass man gegenwärtig war. Natürlich fängt nicht jeder fotografischer Schuss ein Ereignis ein.

Kann ein Ereignis, die über die technische Reproduktion des Wahrnehmungsmaterials erschlossen wird, für jemanden, der nicht zu ihrem Abbildungsmaterial gehört, evident sein? Als eine Erfahrung, die sich erst durch deren fotografische Reproduktion erschließen lässt? So, als wohnte man einem Schauspiel bei, indem man selbst Akteur war, aber zugleich die Kamera hielt und sich deshalb als Protagonist ausschloss? Muss man die Abbildung (Speicherung) eines Ereignisses mit der darin gemachten Erfahrung zusammendenken? Braucht solches Reproduktions­material ästhetische Qualitäten, um den Erfahrungsfremden in den angebotenen und abgebildeten Ereignissraum hineinzuführen? Weil das Ich sich sonst nicht dazu verhalten kann? Das Ereignis-Ich müsste sein eigenes – durch seine Kamera – beobachtetes Ereignis „gut dargestellt“ haben, um einen selbstischen Kontakt zu sich über diese Abbildung wiederum herzustellen. Das heißt, dass das Ästhetische der Abbilder zur Entkörperlichung der Wahrnehmung der Wirklichkeit beiträgt, den ursprünglichen Augenblick überschreibt. Oder ist das entkörperlichende Phänomen des Ästhetisierens oder die Flucht zum Ästhetischen unserer Erfahrungsweise näher?6„Verfremdung scheint eine notwendige Vorbedingung von Erfahrung zu sein.“ Brian O’Dorthy, in: Insight the white cube, Seite 62 Man sieht – gerade in der Kunst wie in den (stets auch sinnlich wahrzunehmenden) Massenmedien –, dass das konstatierende Moment einer Information das performative ihrer Mitteilung nicht auslöscht. Die Kunst ist durch ihren formalen Gebrauch sinnlichen Materials ambivalent zur Entkörperlichung des Sinnlichen.

 

 

# 18 / Selbstzensur, Subversion & Spionage

Abhören beginnt im Ohr, das Sichtfeld wird durch die evolutionäre Kamera im eigenen Hirn gerahmt: Sehend bewege ich mich im Gestrüpp von Zeichen, Schildern, Plakaten, gebotenen Wege-Markierungen im öffentlichen Raum. Quer zum penetrierenden Beobachtungsdruck von Werbeangeboten stresse ich mich nach Hause. Die unvermeidbaren nach Konsumenten, nach mir Ausschau haltenden Werbebotschaften in Bahnhöfen, an Kreuzungen und in Computer-Screens greifen immerzu die sinnlichen Organe an; die Pixel sind tief in meinen Körper gekrochen versteckt, die Reizschwellen der Wahrnehmung allseits unter Strom. Überall Selbstdarstellungsangebote. Ungefragt bedrängt quetsche ich mich mit anderen zwischen Pop-ups durch die Menschen-Menge. Ich will hier raus. Im Bahnhof stehen 2 Fahrkartenautomaten und 8 digital gesteuerte Werbe-Info-Screens.
Einerseits.


Konsum-Leitsystem-Autobahn, Foto-Collage © Hans Georg Köhler, VG Bild Kunst, 2007

Andererseits:
Das um sich schießende, wuchernde Repräsentations­bedürfnis der Menschen der Ersten Welt – gefüttert von der Postpopindustrie mit ihrer anmutenden Demokratisierung marktkonformer ästhetischen Auslese – braucht schließlich die Reverenz der Beobachtung von anderen auf die eigene Performance. Die Vergewisserung des anderen Beobachterstandpunktes (durch die Feedbackschleifen anderer Beobachter, durch die Relevanzspiegel Sozialer Medien) auf das eigene Repräsentationsbedürfnis, ist ein vages Versprechen an den ästhetisch operierenden Selbstdarsteller. Narzissmus wird massentauglich. Das „Wie-werde-ich-von-den-anderen-wahrgenommen“ ist das existentielle Motiv und das in produktaffine Leere laufende Begehren zugleich. Die Selbstdefinition des Einzelnen über die angebotene Aufmerksamkeits- wie Selbstwahrnehmungskultur Sozialer Medien (wie Instagram, tiktok, Facebook, Twitter u. a.) mit ihren normativen Konsum-Zwängen entwickelt sich zur Adaption, wenn nicht Unterwerfung der Teilnehmenden unter die technisch kalkulierten Beobachtungs­prämissen, denn die erhoffte Bestätigung der Fremdreferenz durch Likes wird algorithmisch nivelliert. Die visuellen und akustischen Angebote schleifen die Nerven. Die selbstische Repräsentation passt sich der technisch-kommunikativen Zurichtung der medialen Oberflächen an – share me – und die Selbste werden selbst Oberfläche: Outfit. Das sich selbstdarstellende Subjekt nimmt dieses Umsichher real wahr, als Realität wahr – es ist singulär betroffen. Das Reale ist das vorgegebene, angebotene Beobachtbare. Wir sind in dem, was wir sehen, gefangen. Und was als beobachtbar gilt, ist durch systemische Vorgaben technisch-medialer Zugänglichkeit bestimmt. Aus sich verstärkenden Feedbackschleifen werden Hamsterräder im Monadenkäfig. Jeder generiert seinen eigenen Informationshorizont – und wird gefüttert. Das persönlich bevorzugte Medium sozialer Repräsentanz offeriert bedienbare Schnittstellen für einschneidende Botschaften. Solang ich darauf klotze, macht es etwas mit mir, denn, was ich sehe, blickt mich an. Wahrscheinlich bin ich schon konditioniert.


Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER I, Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst

 

Das individuelle Repräsentationsbedürfnis wird an der Aufmerksamkeitsfloskel der vor-herrschenden kommunikativen Instanzen abgeschliffen. Aus der individuellen ästhetischen Repräsentation, die beachtet werden will, wird dann eine, die ihrer kommunikativen Darstellbarkeit willen – im Sinne des vorherrschenden medial-technischen Stils – gerecht werden will. Zensur als technische Hürde des anschlussfähigen Kommunikationskanals. Die Frage also, wie jemand mit einer Werbebotschaft, einem Kunstwerk oder einer Schlagzeile erreicht werden kann, wie man jemanden definiert, der sich für diese Themen interessieren könnte, bleibt im Aufmerksamkeitsschlund überbordender Reize für die Anbieter der Selbstdarstellungsplattformen nicht unbeantwortbar, wenn auch technisch herausfordernd. Aufmerksamkeitsmacht ist zwingender als das wohlmöglich Interessante. Das Gute setzt sich überhaupt nicht durch, wenn es keinen Sammler, keinen Verlag, keine Durchsetzungsmacht besitzt. Um ästhetisch oder im Sinne der Selbstdarstellung kommunizieren zu können, geht das daran interessierte Selbst mit der gegebenen Kommunikationsstruktur konform, es passt sich ihr an, adaptiert sie: nur Anschluss unter Instagram Facebook tiktok bla bla. Die so verkappte ästhetische Repräsentation des Individuums läuft Gefahr in beliebige, aber werbekonforme Uniformierung überzugehen. Mit den zum Kanal, zu Markte getragenen Ich-Repräsentationen bewegt man sich förmlich = angepasst in den Instanzen der kommunikativen Wahrnehmungsgewalt Sozialer Medien – wo sonst? Aus der Frage, wie möchte ich mich präsentieren, wird die Frage, wie kann ich der öffentlichen – also jeweils mir gegebenen, empfohlenen – Wahrnehmungsweise entsprechen, um präsent zu sein. Die Selektionskriterien sind vorgegeben, jedoch nicht einfach zu decodieren. Die ursprüngliche Intention, der Lebensschrei des Individuums, kehrt sich um. Hier beginnt das Gebiet der Projektionen, Mutmaßungen. Denn um zu wissen, wie und ob die eigene Repräsentation in die Öffentlichkeit gelangt, scheint es natürlich, die Prämissen bzw. Funktionalismen der herrschenden Beobachtungskultur als gültig zu erfassen. Diese problematische Lage schlägt leicht in eine Unterstellung um, das dass, was gerade en vogue sein könnte oder als solches breitenwirksam ist, zu wiederholen bzw. vorauseilend vorwegzunehmen. Das sich darstellende, repräsentierende Individuum wird zum Rezipienten seiner Funktionalität, seiner repräsentierten, aber doch funktionalisierten Darstellung von sich selbst. Es wird der Wärter seines Gefängnisses. Da geht es nicht mehr um Content, sondern um Sichtbarkeit. Täglich eine Story über simpelste alltägliche Verrichtungen. Statt der eigenen individuellen Bedürftigkeit zu folgen, werden aufs peinlichste vermeintliche Beobachtungsmächte wie Magazine, Webportale etc. gelesen wie verfolgt. Hitzig werden neueste Moden im medialen Orkus verfolgt und der Haben-Wollen-Ich-Will-Auch-Jäger ist hiermit längst schon Verfolgter geworden. Man ist zum Stalker gegen die eigene Lebendigkeit mutiert. Und dann gibt es noch die, die sich verfolgt fühlen von ihrem Wahr-genommen-werden, das tatsächlich nicht stattfindet. Das sind die, die ihr Agieren auf einen vermeintlich von außen wahrgenommenen Wahrnehmungsgehalt richten, statt auf sich selbst. Der Punkt ist der, dass wir sicherlich mehr unter Beobachtung stehen, als dass wir der Ordnungen der Beobachtungen bzw. der Beobachtung der Ordnungen Herr sind. Es bleibt keine andere Wahl als auf die Paranoia der Beobachtbarkeit der Beobachtung zu verzichten und sich mit dem, was man hat – das ist nur das eigene kümmerliche Ich – in den repräsentativen Hunger hinein zu werfen. Die Entwicklung mannigfaltiger Vervielfältigungsmedien -und Kanäle fördert die algorithmische Erfasstheit der Bedürfnisse, also eine wiederverwertbare Gewissheit über verwertbare, an den Mann die Frau zu erbringende Angebote. Jede weitere technische Übersetzung, Umsetzung, Ableitung von privat gemeinter Kommunikation erhöht nicht nur den Durchsatz prüfbaren Kommunikationsmaterials, sondern ermöglicht die Durchsetzung des Rückkopplungseffektes jedweder Information zu den jeweiligen (technischen) Instanzen kontrollierender, d.h. selektierender Operations-Macht. Man kann kaum noch im Web unterwegs sein, ohne der Aufforderung nachzukommen, dem Sammeln und Ermitteln eigener Browser-Daten die Zustimmung zu erteilen. Je technisch abbildender die Kommunikation oder deren Darstellung eines Nutzers verwertet wird, desto zugänglicher ist sie der Kontrolle. Der Werbeslogan von Sony – „Egal, was Sie aufnehmen, Sie werden es nie vergessen“ – fühlt sich in diesem Zusammenhang wie eine Drohung an: Sollten sie es vergessen, sind wir für sie da, wir vergessen nichts, was auch immer sie tun.

Die Welt ist unique, universell, die Produktionsstätten parteilos – der Mord ist mit der richtigen Kamera gefilmt. Es wird werbend unterstellt, dass der technische Abbildungsapparat über die ästhetische Qualität der menschlichen Wahrnehmung entscheidet. Die Verschiebung der Erfahrung, des Ereignisses, des instant in die Cloud verwiesenen geschossenen Fotos zum omnipotenten digitalen Medium egalisiert den Erfahrungsstoff für alle Teilnehmenden. Die Gegenstände, Ereignisse werden technisch kompatibel zu weltweiter Verfügbar­keit geschliffen. Es kommt nicht darauf an, Informationen zu sammeln, sondern sie zu interpretieren. Die von Menschen geschaffnen Maschinen sind jetzt dazu in der Lage.

 


Selbstbeobachter / SELF-OBSERVER II (Auto-Pilot), Skizze zur Selbstbeobachtung, 2002, © Hans Georg Köhler, VG Bild-Kunst 2020

 

Die durchs Objektivieren in Objekte geteilte und zugerichtete Welt wird abermals durch unzählige Objektive der allgegenwärtigen Smartphones-Kameras mit geschossenen Foto-Objekten überformt. Das zu fotografie­rende Phänomen wird den technischen Möglichkeiten der Aufnahmeapparate angepasst, dadurch verändert und als Abbild beeinflusst es seine Wahrnehmungsweise. Wir näheren uns dem Phänomenen über vorgefertigte Abbilder. Dass die Ausschnittsuche im Sucher der Kamera als künstlerisch honoriertes Kriterium gilt, legt den technischen Zusammenhang zu unseren ästhetischen Erfahrungen offen. Künstlerische Komposition ist hier wesentlich der Objektivierung, der Kontrolle geschuldet, das Material zu bändigen. Der zu nutzende Beobachtungsapparat stülpt sich über den Beobachter und seinen Gegenstand gleichermaßen. Wir gucken wie die Maschinen, wir inkarnieren ihren Blick. Zum Selektions­käfig ist noch der Käfig des Selekteurs zu rechnen. Die durch Abbild-Maschinen beschleunigte Verdinglichung des Erfahrungsraums bremst die menschlich gegebene Wahrnehmungsphysiologie aus (Fotos bilden den Raum flach auf dem Papier ab).

 

 

# 17 / enter you, baby!

Kafka, Haut und bodyhacking

Kafkas Beschreibung der Herausbildung von Vorurteilen, Verdächtigungen, Annahmen in „Der Prozeß“ und seine detailreiche, minutiose literarische Darstellung der Vollstreckung eines Urteils in seiner Erzählung „In der Strafkolonie“, ist deshalb interessant, weil sie die Verstrickung einer eingekesselten, in ein Schicksal hinein geworfenen und nach Übersicht schnappenden Person darstellt, die sich in einem funktional integrativen1Vgl. Lehrbuch der Soziologie, Campus Verlag, Frankfurt/ New York, Hrsg. Hans Joas, Übersetzung Ekkehard Schöller, 3. Überarbeitete Auflage 2007, Seite 21Prozess undurchsichtiger Abhängigkeiten aufhält. Die ihr vorgesetzten funktionalen Ordnungen sind für die darin agierende Person kaum dechiffrierbar; sie wird ohnmächtig, zappelt im Netz der sich ihr entgegenstellenden Kontexte und immerfort schreibt sich die Funktionen bestimmende Ordnungsmacht tiefer in sie hinein: so wird die Haut der Angeklagten in Kafkas „In der Strafkolonie“ zur Grenze wie Areal dieses Prozesses: Mit feinen spitzen Nadeln werden den Häuten Porentief Gesetzestexte eingeschrieben.

Niemand ist wirklich frei wie unabhängig von anderen und gänzlich ohne funktionelle Bestimmung in der Gesellschaft. In administrierten Arbeitsprozessen verschärft sich die Differenzierung der persönlichen Funktionalitäten wie die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Personen. Keine funktional definierte Person hat in komplexen Institutionen eine totale Perspektive auf das sie bestimmende Geschehen. Es sind die Anderen. Das Handeln des literarischen Akteurs ist in Kafkas Strafkolonie als auch im Prozeß in eine beschränkte oder ihn beschränkende funktionelle Teilhabe an der ihn betreffenden Funktionsbestimmung – als Vollstreckung des verübten Funktions-Urteils – verstrickt. Die geringe Funktions-Schnittmenge des Akteurs mit anderen Funktionsträgern stößt im Prozess des Aushandelns verschiedenster Funktionsebenen an unvorhersehbare – durch unbekannte Funktionen definierte – Grenzen. Der fehlenden Überblick aufs „Große Ganze“ trifft den einzelnen Akteur jedoch persönlich, denn er ist funktional darin eingegrenzt und er stößt wiederholt an die funktionalen Beschränkungen seines Funktionsbereiches, an seine ihm vorgesetzte und ihn bestimmende Entscheidungsbefugnis, die ihm als Institution entgegentritt. Der Protagonist ist systemisch gefangen. Der um seine Unauffindbarkeit, Unauffälligkeit kämpfende Protagonist – er will nicht in Konflikt mit anderen Funktionsbestimmungen geraten – muß scheitern aufgrund der systemischen Vor-Verurteilung seines (persönlichen) Habitats zur Funktion. Die dem Protagonisten aufgetragene wie ihn selbst tragende Funktion treibt ihn bald unfrei in diese hinein. Der dem jeweilig in der Firma Mitarbeitenden zugewiesene Funktionsbereich suggeriert einen Handlungsspielraum, eine Ermächtigung qua ihm vorgesetzter Funktionalität. In dieser Funktionsebene besitzt der Mitarbeiter inklusive seines funktional bestimmten Handlungsspielraums jedoch kaum Anschlussfähigkeit zu anderen Hierarchien. Er macht hier seinen Job und ist für alles andere nicht zuständig. Die Angst vor „funktionellen“ Fehlern, lässt wenig Verantwortung zu. Im Arbeits-Kontrakt sind die Arbeits-Funktionen als paragraphierte Handlungsanweisungen festgesetzt und die Mitarbeiter sind mit ihnen verhaftet, verkörpert. Die Putzfrau dringt nicht zum Direktor vor. Die Verstrickung der Person mit ihren Lebensentwürfen entsteht zwischen der abstrakten Idee von sich selbst als freies bürgerliches Individuum und der erzwungenen oder von sich selbst verkörperten Erwartung der Einordnung in einem das Leben verdienenden Funktionsbereich; in irgendeiner Arbeit. So erkennt sich die Person als Funktion und erkennt andere als solche. Die funktionell befangene Person ist schon in Gefangen­schaft mit seinen Funktionen befangen, bevor ein Urteil gefällt werden braucht. Ambivalent an dieser Situation ist, dass die funktionelle Person wieder als Person auferstehen kann, wenn sie sich mit Haut und Haaren ihrer Funktion verschreibt, d. h., wenn sie in ihrem Job total aufgeht, wenn’s ihr Spaß macht, sich als Person mit ihrer Funktion zu vermählen. Die funktionell definierte Person entkommt der ihr unterstellten Funktion nur, indem sie diese überbietet, sich als Person tatsächlich als Funktion durchführt, sich selbst als Funktion begreift. Aus Frau Meier wird die Zahnärztin. Die Funktionen tragenden Personen werden zur sozialen Richtschnur des Schicksals für jedermann. Dieser Einschreibungsprozess ist äußerlich am Habitus, an der Kleiderordnung, im Bewegungsstil zu erkennen und geht bis unter die Haut. Man trägt nach außen vor, schreibt sich mit erkennbaren individuellen Uniformen ins soziale Umfeld ein, was innen, im Körper bereits als Funktion wuchert. Vor der Hochzeit von Mensch und Maschine vermählen wir uns mit deren Aufgaben. Ja – es geht um Identität. An der Grenze unserer Körper schneiden wir uns zuerst: Wir ketten uns an das eigene Piercing, an die verehrte Band, an ein Symbol, eine Marke. Die Haut als Schnittstelle – Interface – bildet diesen Prozeß der Vereinnahmung ab.

Enter you, baby!


2Werbung aus den 2000er Jahren in der SZ

Die physische Einschreibung einer selbstischen Handlungsanweisung oder Vorschrift auf die eigene Haut – als funktionelle Verkörperung eines Gesetzes wie in Kafkas „In der Strafkolonie“ exerziert – spiegelt die Möglichkeiten neuer Vereinnahmungen des Körpers wider: für die Übertragung von ideologischen, politischen und Produkt affinen Botschaften.  Der menschliche Körper ist das Medium funktionaler Botschaften und deren Kontexte geworden. Produkt wie Werbe-Medium, Subjekt und Objekt gleichen sich hier an: auf der Haut des menschlichen Körpers. Der sichtbare Körper wird Kampfplatz, performativer Ort des Ausdrucks und Mediums produktinvasiver Botschaften, wenn auch individuell verklärt. „Die Epidermis, das flächenmäßig größte Organ des Menschen, wird als Interface entdeckt.“3Vgl. Claudia Benthien, in: „Haut, Literaturgeschichte – Körperbilder – Grenzdiskurse“, Hrsg. Burghard König, rowohlts enzyklopädie im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 1999, Seite 11

Die kapitalistische Über-Produktionsweise erzwingt die Erweckung nach ständig neuen Bedürfnissen – wie sonst könnten die massenhaften Produkte abgesetzt werden – und deren fleischliche Eingemeindung ins individuelle Bewußtsein. Ein ständiges Aufreißen neuer Bedürftigkeit ist im Gange, flutet die Screens. Die beworbenen Produkte werden mit dem Schrei nach ihnen durch die Konsum-Junkies gerechtfertigt. Aus Bedürfnis wird Bedürftigkeit gepresst. Das inszenierte Individuum ist Opfer seiner Ansprüche geworden und geht in den Streik, wenn es nicht verreisen oder konsumieren kann. Die Produktspezifisch aufgeblasene Individualität kollabiert an ihren monadisch-narzisstischen Ansprüchen, an ihrer Künstlichkeit. Jeder Körper ist nur ein Absatzgebiet und er selbst schreibt sich als Adressat in den ihn betreffenden Verbrauch als seine Abnutzung ein. Da soll nichts anderes gefühlt werden als der empfohlene Waren­tausch. Empathie ist zur Differenz zwischen empfohlener Ware und ihrem empfundenen Verlust geschrumpft. Dem Gesetz kapitaler Vernutzung verpflichtet, wird der querulante Körper endlich mit der eigenen Haut und der Oberfläche der Ware kongruent. Das Produkt wird dem geilen Konsumenten eingeschrieben: in seine Haut mit den Buchstaben des über ihm herrschenden Bedürfnis- wie Bedürftigkeitsurteils. Als beschriebe der Konsument sich selbst, wird er Produktkonform zur Produktreferenz verkörperlicht. Die unheimliche Zukunftsvision in Kafkas Strafkolonie ist in die Realität der Häute eingebrochen. Es gilt als schick, sich mit Sponsorenlogos zu tätowieren. Branding. Kafkas Strafkolonie nahm heutige Funktions- bzw. Produkt-Einschreibungen als Besetzung des eigenen Leibes literarisch vorweg. Die KZ–Tätowierung als Brandzeichen ist das Gleichnis für jene, die für ihren Arbeitgeber im Zuge einer coporate identity werben müssen. Das Lohnempfänger-Subjekt wird zum Antagonisten seiner selbst in den industriellen Schlachten gegen andere Lohnempfänger. Die Werbeindustrie stürzt sich mit seinen Produktmanipulationen, Täuschungen auf das Körper-Areal, welches im Konzentrationslager schon zur Verwaltung von Menschenmaterial diente. Die an Menschen-Häuten sich orientierende Organisation des Tötens ist in zeitgenössischen Werbekampagnen direkt am vom Waren-Konsum beherrschten Körper ablesbar: Durch hautnah eingeschriebene Markierungen. Sie zeigen die Inkorporierung von Produktions-Ideologien zum Lebensgefühl. Der definitorische Nachfrage-Zwang, Zielgruppen mit permanentem Kunden-Hacking zu generieren, zeigt sich noch in der allumfassenden Ermittlung von digitalen Fußabdrücken umworbener, weil potentieller Kunden. Der Preis ist eine ungeahnte komplexe Struktur für Entscheidungsvorgänge im alltäglichen Leben. Dialektisch schön wird dieser komplexe Lebens-Zustand durch das Angebot seiner Überwindung angepriesen:

„Leben Sie, wir kümmern uns um die Details.“ Slogan der Hypovereinsbank

4Werbung Hypo in 2000er Jahren in der SZ

Die politisch wie wirtschaftlich ins Naziregime verstrickten Konzerne haben ihren Werbeenkeln die gemeinsame Geschichte beigebracht. Wenn damals noch Haut abgezogen wurde für Lampenschirme, so umschmeicheln heute globale Konzerne mit ihren Werbekampagnen Produkte wie Kunden mit Häuten auf denen eingebrannte Firmenlogos festsitzen. Zuweilen wurde die Haut der Stirn als Eingabegerät für Kundenwünsche dargestellt.

Die Haut muß abziehbar, abwaschbar bleiben, d. h. offen für neue Angebote, Angriffe, Lebens-Erhaltungen. Botox-Glättungen. Brandzeichen kommen auch schon vor. Wie in der Massentierhaltung: codierte Ohrclips zeigen am Ochsen oder Kalb seine produktspezifische industrielle Verwertung an. Im gesellschaft­lichen Produktionsverkehr kann man die Zuordnung der Menschen zu bestimmten Waren als Zielgruppen zusammenfassen und als Selektion begreifen. Der Begriff der Zielgruppe ist ein Mal schlechter Auserwähltheit: determiniert zum Verbraucher. Nicht Selbst-Bestimmung, sondern Einordnung wird eingefordert. Marketing als Erfassung und Bezeichnung der Person. Der altmodische Satz, dass „die Haut nicht zu Markte getragen werden darf“, spricht im Tabu verkleidet die Dialektik des leiblichen Zugriffes des Marktes auf die Körper aus: da ist der Zugriff schon äußerlich am Körper mit Marken-Klamotten fest gemacht und zugleich das Tragende seines Trägers. Das Logo am getragenen Kleidungsstück wird im doppelten Sinn Getragenes: ein bloßes Transportmittel der warenmäßigen Botschaft. Man schleppt eine permanente Zielgruppenbestimmung mit. Bis auf die Haut. Die fürs Marketing kolonisierte Haut wird ihrem Träger als Landmarke eingedrückt. Die ehemals physische Einheit, der letzte biologische Überzug wird zur Produktions- und Projektionsfläche. Das äußerlich Identifizierbare, dem Auge Zugängliche hat die Körper besetzt. Längst sind die Gehirne an der Wahrnehmung und Kommunikation von Produkten sozialisiert, sie sind in ihrer sich zu Markte tragenden „Individualität“ erreicht. Die menschliche Haut ist ein Angelplatz umworbener Handelsplätze. Cremes, Stoffe, Mode, Parfüm, Banken, Sex, Autos.

Werbung total orbital, verknotete Blicke, verklebte Schnittstellen von beschnittener Kommunikation sind Narben in Bewußtseinsarealen geworden. Sie sind das vernarbte Outfit eingehackter Eindrücke. Images. Eingesponnen von den Leitungsdrähten der fakemächtigen Sozialen Medien, markieren die Posts des Nutzers die Wege zum nächsten Produkt. Im Gehirn flackern die Lichter endlos. In der Weise wie Codes mein Erblicktes „sehen“, interpretieren, werde ich als mein Beobachter, Ob-Server, digital neu geboren. Mein Outfit ist das stets aktuelle Benutzerprofil. Sehen als Test für das, was des Sehens würdig. Klicken – nicht Blicken!

Wie ist die kalkulierte Verletzung eines Körpers in einem Werbefoto zu fassen, auf dem die plakative Verletzung zur werbewirksamen Reizschwelle ästhetisiert worden ist?

Die Auflösung der Person zum Benutzerprofil: Zielgruppenanalyse verwendet algorithmische Rationalitäten der „persönlichen“ Erfassung, die jedes Verhalten ins Visier nimmt und zum Ziel eines Angebots macht, was wir nicht ablehnen können. Wir werden nicht durch Arbeit oder Gas getötet, sondern im Müll unserer Produkte ersticken wir.

 

 

 

# 16 / Kunst zwischen Subjekt Objekt

„Was anderes ist die Kunst als das Anerkennen unserer eigenen Verzweiflung?“ 1Juan José López-Ibor Jr. in: Angst, Streß und Kreativität in: Das Phänomen Angst, Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, Seite 92
Kunstwerke als formal funktionierende Verzweiflungstaten!? Das Existentielle unseres Zweifels in der Kunst ist Ausdruck der erkenntnistheoretisch geschulten Spaltung des Beobachtens der Beobachterposition gegenüber, die dem Objekt der Beobachtung und dem Subjekt der Beobachtung zugleich Herr zu werden trachtet. Ich fühle etwas, bilde mir Vorgänge ein und ab und bin auf physisch wahrnehmbares Material, auf Objekte, auf meinen Körper angewiesen. Durch das künstlerisch bedingte Verfahren, Wirklichkeit zu erzeugen – in Überwindung der Spaltung von Objekt und Subjekt – ist man selbst dem methodischen Zwang ausgesetzt, seine Gedanken, Ideen und Verhältnisse als Objekt zu materialisieren. Ich als Künstler bin mein Objekt, das spricht. Der Preis von Erkenntnis (die Erfahrung, Erfahrung aufzugeben), ist ein psychodelischer Beitrag: Ich begebe mich zugunsten des herzustellenden Artefakts, der zu gewinnenden Erkenntnis, als dem Zusammenführen von Gedanke und Körper, in den Spaltungsprozess von Erfahrung hinein, um in ausdrucksmäßiger oder formal darzustellender Weise ihn im Kunstwerk zu überwinden. Ich als Künstler bin Teilnehmer wie Beobachter meines Problems, meines Interesses, das in der Differenzierung von Formen, Dingen, Erfahrungen aufgelöst wird. Ich bin das Objekt, das als Subjekt darüber sprechen, malen, meißeln kann. Alles in meinem Körper ist Objekt wie Subjekt, ist Form – ist als formbare Gestaltung zu ergreifen und zu zeigen. Das künstlerische Pendeln zwischen Subjekt und Objekt erzeugt einen sozialen Raum.

2Foto: Hans Georg Köhler

Die Kunst vermag die Tomate aus ihrem nur pragmatischen Zusammenhang herausreißen: Die Kunst kann dem glänzenden Zinnober ihrer Oberfläche eine über das Nahrungsmittel hinausweisende Bedeutung verschaffen. Dafür lasse ich sie aus meiner Hand wachsen: malend auf der Leinwand.

# 15 / ja, nein, bla bla, Prokrastination

Kommunikation als soziale Interaktion zwischen sprachhandelnden Leuten beginnt mit dem Sich-Einlassen auf den anderen, auf Unsicheres, Zweifelhaftes, noch Ungeprüftes, Differentes, auf das, was ohne Gewißheit schon da ist: die Bedingung der Möglichkeit teilzunehmen und zu reden. Möglicherweise eine Lust, in der Gegenwart eines anderen sich gegen den anderen zu differenzieren, weil der andere da ist. Differenz entsteht durch und mit dem anderen Teilnehmer der Auseinandersetzung. Individualisierung wird ermöglicht durch die Abgrenzung, die der Gesprächspartner bietet. Ohne Differenzierung – Meinungsverschiedenheit – gibt es keinen Grund, zu reden. Differenz als Bedingung für Kommunikation wie ihr Ergebnis. Ja: Wenn man nichts hat, wovon man sprechen kann, müsste man darüber schweigen.1Vgl. Ludwig Wittgenstein, in: Tractatus logico-philosophicus, Punkt/ Satz Nummer 7: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“Anders im Streit: hier lauert die Gefahr, dass der kontrollierende Intellekt die erkorenen Entscheidungs- bzw. Abgrenzungsparameter stetig an den Widerstreitenden anpasst oder mit sich selbst verfeindet. Eine Unendlichkeit des Streits entsteht. Oder: Die redende Person untergräbt sich selbst und stimmt mit dem Gegenüber – der er selbst sein kann – letztlich überein. Die Bedingung des Gesprächs – Kommunikation durch Differenz auszulösen – löst sich im Zustand der Übereinstimmung, Einigung auf oder fährt sich fest, wenn die Differenz überbordet und zur Verletzung führt. Man hatte einen Grund, zu reden, aber er führte ins Nichts.

2Foto: Hans Georg Köhler

Dann gibt es noch eine Art idiotische Bewegungsreserve, in der ständig zwischen möglichen Entschlüssen und wohlmöglichen Einigungen, neue Differenzen, neu zu beachtende Schwierigkeiten gesucht werden, und das wohlbekannte ‚Aber‘ die Konstruktion der Unentschiedenheit aufrecht erhält. Der prokrastenierende Idiot pendelt in seinen unendlichen Abgrenzungen hin und her und kommt nicht vom Fleck. Differenzen zum Gegenüber, zum Gegenstand verhärten sich zum Alibi, in der Differenz, in der Frageposition, in der Infragestellung aller Positionen zu bleiben, um nicht in die Aktion gehen zu müssen, um nicht wohlmögliche Konsequenzen einer Entscheidung zu realisieren. Der Spalt zwischen dem Sich-Einlassen auf Zweifelhaftes (Unsicheres) in einer Diskussion und der Haltung, sich zweifellos zum Anhänger des bloßen Dabeiseins der Diskussion, des Streits zu machen – ich will mitreden, jedoch ohne Konsequenz – markiert eine Angst-Reserve gegen eine Ent-Scheidung oder ist der auszuhaltende (psychologische) Spagat, um vor der Entscheidung, Aktion zu verharren. Solange man mitredet, braucht nichts entschieden zu werden. Aber nein, aber ja, aber nein. Der Entzug, die aktive Ent-Haltung vor einer durch Entscheidung ermöglichten Erfahrung oder das Nichtzustandekommen von Praxis durch die Beschneidung der Handlungsfreiheit zugunsten nichtvollzogener oder zukünftig zu erreichender Entscheidungskalküle, läuft auf eine Spekulation nichtexistenter Ereignisse hinaus. Denn die vermeintlichen oder befürchteten Folgen einer zu treffenden Entscheidung werden rekursiv in die Entscheidungskriterien einbezogen und beeinflussen die Entscheidung wie ihr Ergebnis. Die Spekulation auf eine Aktie verändert ihren Wert. Die spekulativen Folgen einer Entscheidung manipulieren somit das Fällen derselben. Das spekulierte Vorherwissen arbeitet gegen die Praxis der durch Entscheidung herbeigeführten Erfahrung und lenkt sie zugleich. Man ist resistent – nicht renitent. Die Verengung des Aktionsradius durch Ausschluss angrenzender Bereiche schränkt das Blickfeld ein und radikalisiert die Wahrnehmung.
Diese hier beschriebenen Schwierigkeiten, Praxis, Leben zu gestalten, d.h., Entscheidungen aus einem schier unendlich scheinenden Reservoir von formalen Kriterien – Formen, die jeweils Unterschiede zur gegenwärtigen Rednerposition markieren –  zu treffen, geben einerseits ein Einblick auf die latente Überforderung informierter Individuen einer Gesellschaft, andererseits formieren sie die existentiellen Bedingungen für tatsächlich wahrzunehmende Praxis.