# 30 / mehr Licht

©Das viele Licht in meinem Auge, kommt ohne eine Tür nicht aus ihm heraus. Discus nervi optici: Der Ausgang ist der blinde Fleck hinten in der Netzhaut. Dort werden die lichten Ereignisse als nervale Informationen gesammelt, weitergeleitet. Die Weiterleitung von Licht-Reiz-Informationen braucht eine Öffnung des Netzes, bedingt einen Eingang in das Netz. Die Öffnung, die Sammellinse ist das Loch, das Kabel ist der Verlust genau an der Stelle, wo die Licht-Ereignisse ankommen. Sie müssen verschwinden, abfließen, um Platz für neue Lichter zu machen. Die Erregungen (Informationen) sind nicht losgelöst von ihrem Netz, dass sie fängt. Es existiert kein Reiz ohne Reaktion, ohne Differenzial zu seinem 0-Punkt bzw. erregungslosen Ausgangspunkt – bevor die Reiz-Information zustande kam. Je nach Beobachtungspunkt oder je nach Selektionskriterium werden die Reiz- Informationen als Differenz modifiziert. Diese Vertrübung, Beschränkung auf Differenzierbares zugunsten manifester Wahrnehmung ist jeder Selektion immanent.


©Hans Georg Köhler

Man weiß, dass man nicht alles sehen kann.
In der Unschärfe suchen wir noch den Vergleich mit bekannten – schon gesehenen – Gestalten, so flüssig, und formlos sie sein mögen. Eine Überprüfung des Sichtfeldes macht für den Blinden keinen Sinn. Man kann das Nicht-Wissen wissen, aber nicht orten. Das Wissen um die Leerstelle hilft nicht, sie zu füllen, jedoch sie zu bezeichnen. Man kann also die Lücke, die Leere verkleinern in unendlichen Annäherungen. Unsere Wissens-Kontexte bilden sich um sie herum. Die Produktion von Kontexten als Rettung vor dem Unbekannten setzt ein. Das Bezeichnen fängt niemals das Bezeichnete ein. Oder: das Projektil als Wahrnehmungssinn wird Projekt der Wahrnehmung – man zieht, was man sieht in Zweifel. Jetzt ist nichts mehr sicher. Die unerwarteten Treffer werden als Ziele ästhetisiert, oder das Unerwartete ist im Ziel, das Treffer wurde, maskiert.

Könnte der mit Blindheit geschlagene sich vor ihr schützen? Vor dem Sinnzusammenhang nur deshalb, weil alles zusammenhängt? Vor so vielen eiternden Angeboten und verkauften Eitereintrittskarten? Kann er leben malen lieben ohne die Lieder aufs eigne Ausrutschen? Könnte dieser Mensch sich davor schützen, dass er schwach ist, weil er menschlich ist? Könnte der Mensch im Stillen schreien, versteckend seine Einzelheit? ER WILL NICHTS LERNEN ABER AUCH NICHT SCHIEßEN.

 

 

 

# 29 / Psychogramm I / Nörgeln leicht gemacht

Paranoia – Irrweg und Erkenntnis

Das Schicksal ist eine Täuschung, das mit steten Veränderungen wartet und Neues ins Leben schmeißt. Es nährt den Zweifel. Kontrolle ist besser.
Ja!
Nichts soll bleiben und
Nichts zu Ende gehen.
Dem Nebenbuhler konnte man noch heroisch in die Fresse springen, doch was im Leben unentwirrbar mit jedem neuen Tag lauert, bildet einen Schatten über alles, an allen Bedürfnissen klebt er, ist Fingerabdruck in jedem menschlichen Verhältnis – hinter den Plakaten unerkannt, die Verbrechen unter Deckung, warten die Masken des Irrtums, der Zweifel auf seine Saat. Alles könnte anders sein.
Ich lutsche an der Ananas. Ich kann das Glück nicht fassen, warum wird es mir zuteil?

Das Misstrauen gegen die Anderen, die ständige Sorge der stete Zweifel am Handeln Anderer – was beabsichtigen sie? -, als die Angst vor Verfolgung, Kontrolle, Durchleuchtung durch die anderen Verrückten, als Prozess, der in den Anderen böse Absichten kreiert: Paranoia. Ihr explosiver Kraftstoff: Verschwörungstheorie. Man kann paranoides Verhalten als Ermächtigung, als übergriffige, kontrollierende, zwanghafte Erkenntnis-Struktur begreifen, die sich gegenüber anderen Erkenntnisweisen erhebt, die sich ihnen voraus sich wähnt: als Imagination der Verfügung über die Sichtweisen, die andere Beobachter auf den eigenen Beobachtungsstandpunkt ausüben. Der Paranoiker glaubt zu wissen, was der andere über ihn zu wissen glaubt und welche Handlungsintentionen sich daraus ergeben. Er bemächtigt sich der Pläne, den unterstellten Intentionen, die die anderen schmieden – er weiß es vor ihnen, er will es kontrollieren. Das ermöglicht, die eigenen para-projektiven Konstruktionen als Konstruktion der Anderen gegen sie selbst zu setzen. Das ist die Watzlawick-Story mit dem Hammer.1Paul Watzlawick, in: Anleitung zum Unglücklichsein
Der Verfolgte folgt den imaginierten Verfolgern, will ihnen zuvorkommen – damit nicht nochmal passiert, was dunkel im Körper wütet, aber vorbei ist, was als Verlust noch gährt. Die Zukunft muss kontrolliert werden, so dass sie in die Gegenwart eingesperrt werden kann. Es soll nicht wieder vorkommen.
Der Verfolger oder die (vermeintlichen) Absichten der Anderen sind ideale Verkörperungen eigener – verschwörerischer – Kritik zu einem Menschen-Objekt, an dem eine potentielle Täterschaft abgeleitet werden kann. Diese Projektionsflächen bzw. Inszenierungen von Verfolger-Objekten (es kann ein Himmelsstreif oder eine gelbe Möhre sein) dienen mit jeder Fluchtbewegung, die sich im Misstrauen ausdrückt, der Stabilisierung der Position des Zweifelns, um das Trauma, den Auslöser der Flucht nach vorn, den Schmerz durch die Nicht-Anerkenntnis zu vernichten. Denn was anderes ist denn der Zweifel am Verhalten der anderen als die Abwehr, Infragestellung der anderen? Verschwörungen sind abhängig von solchen Ziel-Objekten. Jede Person, jeder Gegenstand kommt in Frage und wird mit Misstrauen markiert. Die Tat, das Trauma, das mögliche Opfer-Sein soll getilgt werden, indem die Täterrolle auf alles andere, auf andere Personen übertragen wird. Auf alles andere deshalb, weil das ursprünglich konkrete Trauma erfolgreich isoliert, versteckt wurde und der Kontext verschwommen ist – man tappt im Dunkeln, vor jedem ist die Furcht. Daher oft eine Generalisierung von „symbolischen Tätern“, der allgemeine gemeine Verdacht gegen alles neu herein Flutende, sich Ändernde. – So, als könne man mit Misstrauen die Möglichkeit des Betrugs im Zaume halten. Man möchte niemals mehr betrogen sein.
Der paranoide Terminator kehrt schließlich an den Tatort zurück, vor allen anderen, vor den Tätern, um seine Zukunft zu retten, indem er in die Vergangenheit zurückkehrt. Solang dieses Feuer nicht gelöscht ist, ist der Ort, „wo alles begann“ nicht gefunden. Es ist argumentativ leichter, sich als Opfer zu definieren und sich hinter bezichtigter Täterschaft zu verstecken.
In der Hoffnung, den Armen, den Zungen der Vergangenheit zu entkommen. Auf der Flucht vor der furchterregenden Welt lerne ich zu überleben, lerne ich die Furcht besiegen, indem ich selbst das Fürchten lehre.
Man will diesem paranoiden – durch Vor-Stellungen konstruierten – Welt-Haushalt unbedingt zuvorkommen, um eine selbstische Aktivität sich selbst gewähren zu können – um aus dem Verfolgt-Sein rauszukommen. Paranoia (Misstrauen) scheint ein Zustand zu sein, der die (spekulative) eigenmächtige Konstruktion von Weltzusammenhängen braucht, um diese als selbst-inszenierte Weltmodelle (als gültige Realität) gegen andere Weltmodelle zu setzen und sie zu untergraben, zu hintergehen, zu überlisten. Wenn etwas den konstruierten – angstbesetzten – Erwartungen/ Vorstellungen nicht entspricht, beweist das umso mehr, das für sich selbst entwickelte Misstrauen, den Zweifel, die Angst und berechtigt die eigene paranoide Vor-Sehung. Das Leben wird zum Fantasia-Tatort: Als Versuch, das zwanghaft wiederholende Muster zu beherrschen, endlich den Schleier abzureißen. Die unter paranoides Misstrauen gestellten Anderen, können das ihnen anheimgestellte böse Verhalten nicht umgehen: Sie erfüllen es oder indem sie es nicht erfüllen, bestätigen sie, dass sie Misstrauen verdienen. Die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz ist aufgehoben, weil die Fremdreferenz durch das Misstrauen gegen die fremde Welt blockiert wird. Niemand kann sagen, wo es lang geht, denn die paranoide Selbstermächtigung tilgt die Zweifel der anderen, um den eigenen zu wahren. Die stetig konstruierte Evidenz der Möglichkeiten erfordert eine permanente – misstrauische – Reaktionsbereitschaft gegen sie. Als könnte man den (vorgestellt) zukünftigen Ereignissen „einen-Schritt-voraus“ sein. Das Paradox besteht darin, dass eine spekulierte, vorhergesehene Zukunft das gegenwärtige Handeln (in Hinsicht auf diese Zukunft) bestimmt, aber dieses Handeln hebt sich dadurch vom tatsächlich vorhandenen sozialen Lebens-Grund ab, d.h. vom Möglichkeitssinn des gegenwärtigen So-Seins. In der Absicht, der Zukunft im Hier und Jetzt schon habhaft zu sein, ist man der Gegenwart ganz enthoben. Die Welt ist nicht, was der Fall ist,2Ludwig Wittgenstein sagt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist.“, Tractatus logico-philosphicus sondern wird aus dem konstruiert, was der Fall sein könnte. Sie entsteht kommunikativ nicht aus dem, was gerade passiert, sondern aus dem, was passieren könnte. Angst essen Hirn. Paranoia dunkelt nicht die Erkenntnis, sie ist ihr Schatten. Sie ist eine Form der Beobachtung der Beobachtung, in der das Beobachtet-Werden in eine Endlosschleife der Selbst-Beobachtung implodiert. Die Bedingung der Möglichkeit verstrickt sich in den Möglichkeiten ihrer Bedingungen. Gut böse gut böse gut böse, ganz einfach.

 

 

# 28 / Transzendentale Apperzeption

Eine ehemals sinnliche Erfahrung von einem Phänomen X wird, wenn ähnliche, assoziierende Wahrnehmungsreize sich wiederholen, aus der von dem Phänomen (Wahrnehmungsreiz) erzeugten nervalen wie körperlichen Struktur wiedererkannt (in dem Sinn: die Nerven erkennen nicht, aber sie reproduzieren bei strukturell sich wiederholenden Reizschemen reproduzierbare Assoziationen). Der bekannte (trainierte) Wahrnehmungsreiz löst die Reproduktion, die Erinnerung an ihn aus. Die Assoziation war, ist angelegt.

Ich hatte einen Traum: Ich befand mich auf einem Flughafengelände. Kurz vor der Abfertigung, Kontrolle zum Gate, bemerkte ich, dass ich meine Tasche, irgendwas Wichtiges vergessen hatte. Ich rannte also „zurück“ – schon im Traum viel mir als 2. Beobachter auf, dass ich exakt den gleichen Weg zurückgerannt bin oder: am Zurückrennen bemerkte ich, dass das der richtige Hinweg war. Ich mußte durch eine Tür zu einem großen Gebäude, eine Halle. Hastig trat ich ein: Alles Dunkel! Ich begann wild drauf los ins Dunkle zu rennen – und jetzt das Phänomenale: Mit jedem Schritt zeigte sich mir ca. ein bis zwei Meter im schwachen Licht (ähnlich dem in Computer-Spielen) der Weg, auf dem ich ging rannte. Egal wie auch hin und her abbog, eröffnete sich mir der Weg meines Laufens: Ich hatte einen Weg, weil ich ihn beging.

Beschreibt der Begriff der Transzendentalen Apperzeption (bei Kant) nicht gerade den Zeitumgang (d.h., die Zeit zu umgehen, als Erfahrungszeit auszuschließen) in der Erschließung von Erkenntnisgegenständen? Eine klare Vor-Stellung aus der sinnlichen Wahrnehmung zu bilden (Wikipedia), scheint als Vorgriff auf die (kommende) Zeit, Erkenntnis ohne sinnliche Wahrnehmung, d. h, Ratifizierung von Umwelt ohne Wahrnehmungserfahrung möglich. Ich muß nicht alles sinnlich erfahren haben, um Entscheidungen zu treffen – so wie in meinem Traum. Erkenntnisgewinn (aus Vor-Annahmen gebildet) wäre somit Zeitgewinn, d. h. man umgeht die Verlangsamung einer sinnlich noch zu erfahrenden Welt durch die Konstruktion von Gewissheit, von Urteilen – man überspringt sozusagen noch einzuholende Wahrnehmungserfahrung, weil die bisher schon gemachte sinnliche Erfahrung als nervale Verschaltung die angenommen nächste konstruieren hilft. So umgeht man dem Stein, dem Brett vorm Kopf, dem täglichen Stolpern ohne jedesmal die Erfahrung des Schmerzes zu machen. Die Wahrnehmungs-Erfahrung als eine sinnlich konstituierende Orientierung reicht als Bedingung der Existenz, der Erfahrung nicht aus oder ist nicht nötig – mit einer Vor-Annahme können wir schon nächste Schritte tun: Wir können aus gemachten Erfahrungen mehr oder weniger schließen, was uns erwartet. Mit den durch die spekulative Erfahrungserwartung, „Vernünftigkeit“ (à priori) erzeugten, also durch die Vor-Erwartung angenommenen wie dadurch gemachten Erfahrungen, überwinden wir den durch die sinnliche Erfahrung erzwungen Zeit- bzw. Erkenntnisstau. Diese Konfrontation zwischen jenen Nerven, worin Lichtgestalten (die sinnlichen Phänomene) abgelegt oder aufgefunden worden sind, mit ihren begrifflich mächtig operierenden Nachbarn, die die Wiederholung der Erfahrung durch operative Abstraktion (in Beschreibungen) verkürzen, hilft die sinnlich zugängliche Zeit zu überbrücken. Die Bedingungen der Möglichkeit1„Die Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung überhaupt sind zugleich Bedingungen der Möglichkeit der Gegenstände der Erfahrung, und haben darum objektive Gültigkeit in einem synthetischen Urteile a priori.“ Kant, Kritik der reinen Vernunft, Felix Meiner Verlag Hamburg 1990, nach der ersten und zweiten Original-Ausgabe hrsg. von Raymund Schmidt, B197, Seite 212, Uns interessiert hier der Hauptsatz. Vollständig aber ist respektvoll. eine Entscheidung, Codierung aus zu Vernunft geronnenen Erfahrungen zu konstruieren – also in der urteilsmäßigen Codierung nicht auf das sinnliche Erfahrungsmoment (vollständig) angewiesen zu sein, bedeutet, einen Unterschied, eine Form aus der (erwartbaren) Wahrnehmungsmasse zu extrahieren, ohne dass jener Unterschied oder jene Form im leiblichen Kontext der Wahrnehmung steht. Die – nun operativen – Begriffe der Beschreibung sind ihrer nervalen Leiblichkeit ent-sprungen. Um synthetische Urteile zu erlangen, ist es also Bedingung, aus der Schleife von Zeit füllender Wahrnehmung/ Strukturierung herauszukommen. Paradoxal: Synthetischer Urteile (präadaptive Entscheidungen, Annahmen) dienen als Konstruktion erwartbarer Phänomene. Durch die Barrikade der Erwartung (der Apperzeption/ Vorwegnahme) werden die sinnlichen Prämissen der Wahrnehmung als Erfahrungsgegenstand zu einer funktionalen Struktur konstruierbarer Objektbeschreibung verkürzt. Das synthetische Urteil – als apperzeptives Handeln – beschleunigt den Objektgewinn über dessen sinnlichen Gehalt hinaus. Die Verlangsamung des Denkens durch die Barrikade des durch Wahrnehmung erzeugten Objektgewinns wird durch Annahmen über das wohlmögliche, wahrscheinliche Phänomen, Objekt, durch Fantasie-Wahrnehmung, durch Träume überwunden

 

 

# 27 / Wahrnehmung nervt

Was das Auge im Innersten zusammenhält.

Den Vorgang des Wahrnehmens zu beschreiben, heißt, die funktionale Ordnung komplexer, selektiver Prozesse im Hirn zu beschreiben: da wird gefeuert oder nicht gefeuert, ja oder nein. Die Nervenzellen arbeiten schon – man sieht noch nichts, hat noch nichts gesehen, auch nicht den gelben Kombi vor der Tür, aber bevor ich ihn beschreiben kann, war er schon da. Diese Wahrnehmung sichernden nervalen Prozesse zwischen uns und den Dingen vor uns und unserem Körper, zwischen unseren Sinnesorganen und deren gehirnigen Korrespondenz miteinander, bewahren und modellieren die selektive Komplexität der Wahrnehmungssinne: Als Wahrnehmungs-Erleben kann ich es beschreiben – als Wahrnehmen des Wahrnehmens. Ich sehe die rote Blume: „Ich sehe“ – als sprechendes Zitat der Beschreibung des Wahrnehmungs-Erlebens und „die rote Blume“ – als Wahrnehmungsbeschreibung des Wahrnehmungsaktes. Wahrnehmung gestaltet Erfahrung und Erfahrung wirkt auf Wahrnehmung ein. Gelungene Wege wirken sich verstärkend aus, d. h., sie realisieren eine Selektion wahrnehmbarer Phänomene. Dieser Prozess hinterlässt Spuren, bildet Wege und bildet sich als De- wie Codierungsordnung, als ein Geäst im Wahrneh­mungssystem unseres Körpers heraus. Das Licht brennt sein Spektrum: Es leuchtet oder leuchtet nicht, die Nervenzelle feuert oder feuert nicht. Erinnerungen an Wahrnehmungserfahrungen sind gleichsam hinterlassene Reifenspuren wie Fahrberichte in, für uns. Der Fahrer bildet mit dem Auto, dem Asphalt und seinem Blick ein System von Sinnesabhängigkeiten: sehen, riechen, fühlen, hören. Die erzeugten Sinnes-Spuren können nicht einfach verschwinden, denn sie fahren stets mit. Mit jedem Blick, Geräusch benutz ich sie. Jeder Ein-Druck bleibt Spur, jeder Sinnes-Schritt ermöglicht den nächsten. Bevor Selektionskriterien – oder: Sinnes-Sensationen – abstumpfen, können neue etabliert werden, die die Differenzierung weiter antreiben. Die „Gewöhnung“ an wiederholt auftretende Wahrnehmungsereignisse ermöglicht eine weitergehende Differenzierung von Wahrnehmungsmöglichkeiten: die bekannten werden als bekannte durchgelassen und Ressourcen für neue werden ermöglicht. Die Wahrnehmung als Orientierungs- bzw. Beobachtungs-System kann ich nicht verlassen, weil ich mich an meine Welt gewöhnt habe, in ihr bin und meine Wahrnehmungssinne nicht von der Welt zu trennen sind – sie sind aus ihr entstanden. Mein Wahrnehmen kann durch stete Erweiterung (Selektion) der Wahrnehmungsmöglichkeiten /-Kriterien erhalten, stimuliert werden. Dass wir manche Musik im ersten Ton erkennen, bezeugt dies. Der Komplexität oder: der Selektion von Wahrnehmungsakten – stetig feiner sich einander abstufende Sinne – ist bis zum Tod keine Grenze gesetzt. Betriebsblind wird man, wenn die erreichte Wahrnehmungsstruktur nicht weiter differenziert werden kann, ohne den Stimulus der Differenzierung erschlaffen unsere Sinne.

 

 

# 26 / Humor II

Ich brauchte Wahnsinn, bezwängt von der Zeit früh bis spät, zwischen Frühstück und Abendrot Tränen im Kissen und Essbesteck fein sortiert, kaputte Tassen ein Verbrechen, um das auszuhalten. Tag für Tag, Stück für Stück, grün und blau. Aber jetzt: Willkommen durch Nase Mund und Auge. Schneid ich Vergangenheit mit Dichtung, Silikon – kein Tropfen, der da durchkommt. Einer meiner immer Abschied. Die Schläge härteten mein Panzer, ausgehaltene Haut wurde Stahl mein Körper mein täglicher Ausgang. Eine Spur, ein Ziel zu überleben gegen die Treffer. Wunden so tief, dunkel sind mein Brunnen und Zeuge. Wie Hände, die wiederholt aus mir vor mein Gesicht sprangen, Schutz suchend damals.
Das Treibende ist treu, nicht das Schützende.
Dieser Mann, dieses Schwein, fällte täglich sein Urteil per Kohlenzange oder Lederriemen. Ein Quicken ohne Ende. Es war mein Körper Kopf meine Wunde mein Schrei. Ich mußte warten.

 

 

 

# 25 / Humor I

„Wenn Sie einen Millionär suchen, ist Monte Carlo der beste Ort. Ich liebe es, alles zu vereinfachen. Vereinfachen ist am einfachsten, wenn man Geld besitzt. Meinem Mann gehörten Casinos und Hotels dort und auf den Bahamas, wir hatten eine herrliche Zeit. Es ist wahnsinnig traurig, dass dieser Mann so früh sterben mußte. Meine Trauer war so groß, dass ich mir erst nach 6 Monaten einen Diamanten gekauft habe. Er hinterläßt ein großes Vermögen. Man darf vom Leben nicht zu viel verlangen.“1Süddeutsche Zeitung, Magazin

 

 

# 24 / Anpassung als Zwang

Herbert Spencers Satz survival of the fittest1Weitere Inspiration zu diesem Zitat, siehe: Klaus Heinrich, Dahlemer Vorlesungen, Stroemfeld Verlag Frankfurt am Main, Basel, 2000, Band 4, Seite 99, Seite 154 ist ein oft gebrauchtes Zitat, dass in positivistisch-normativer Weise dafür herhalten soll, wie soziales Handeln – Interagieren – als Überlebenskampf in die Gesellschaft zurück in eine Naturwüchsigkeit geätzt wird, aus der wir als Menschen einst entstiegen sind. Gesellschaft soll in unabänderliche Natur gestampft werden. Der Imperativ der kapitalistischen Produktion wird in alle, auch in kleinste soziale Interaktionen der Menschen und deren kommunikative Verhältnisse getrieben. Als wäre das schon immer so und als hätten wir nichts anderes zur Hand, unsere Ellenbogen, unseren Egoismus mit evolutionären Erkenntnissen zu schmücken. „Bereite dich vor, eine bestimmte Funktion nützlich auszufüllen.“ 2Emile Durkheim, in: Über soziale Arbeitsteilung – Studie über die Organisation höherer Gesellschaften, Suhrkamp Verlag 1992, stw 1005, Seite 87Der eskalierende Prozeß der Arbeitsteilung wird als Funktion des sozialen Bedürfnisses3Vgl. Durkheim, ebenda, Seite 90gemünzt. „[Es ist] unsere Pflicht, ein vollendetes und ganzes Wesen werden zu wollen, ein Ganzes, das sich selbst genügt, oder im Gegenteil dazu dient nur Teil eines Ganzen zu sein, Organ eines Organismus?“4 Vgl. Durkheim, ebenda, Seite 8550 Jahre später konstatiert Brecht die Folgen solcher Funktionsbestimmung für diejenigen, die mit dem Gewissen der eingeimpften Produktionsgerechten Pflicht gegen ihre Ent-Pflichtung arbeiten, wenn sie nicht mehr in regressiven Produktionszusammenhängen stehen: „interessant, wie eine funktionsabdrosselung die person aufdröselt. das ich wird formlos, wenn es nicht mehr angesprochen, angegangen, angeherrscht wird. selbstentfremdung setzt ein.“5Bertolt Brecht, ARBEITSJOURNAL, Seite 304, Eintrag vom 19.10.1942 Der Job muß Spaß machen, um das abstrakte Verhältnis des bürgerlichen Individuums zu seiner falschen Freiheit – als Wahl zu seiner Funktionalität – aufrecht erhalten zu können. Seine Leistungsbe­reitschaft ist längst beschlossen worden. (Ich möchte Spaß, Freiheit und Leistungsbereitschaft in Anführungszeichen setzen. Die Worte werden zu Lügnern.) Die Verschleierung des ökonomischen Drucks – dessen Affirmation zum Berufsethos – geht einher mit der Ermutigung zum selbst gewählten Gefängnis. 3 Tage später schreibt sich Brecht selbst in den Spaltungsprozeß entfremdender Arbeit ein: „das individuum, das mehr und mehr sein ansehen (ist gleich: charakter) von der produktion zu gewinnen hat, geht hier durch eine böse phase, da die produktion eben gedrosselt und manipuliert ist. gewöhnt daran, meine würde zu nehmen von der würde der aufgabe, meine bedeutung von der bedeutung, die ich für die allgemeinheit habe, meine energie von den kräften, mit denen ich in berührung komme, wo bleibe ich, wenn die aufgabe unwürdig, die allgemeinheit depraviert ist und wenn in der umwelt keine energie sich sammeln kann?“6Bertolt Brecht, ARBEITSJOURNAL, Eintrag vom 22.10.1942
Den präformierenden Bedingungen des Existenzerhalts/-verkaufs kann man kaum entkommen, indem sie erstmal als Pflicht erfüllt bzw. als notwendiges Übel angenommen werden. So, als wäre man am Ende des Tages frei und könnte die Kür für das vermeintlich eigene Leben beginnen, das es niemals mehr gibt. Die von solcher pflichtbehafteten Produktionstätigkeit bestimmte Daseinsweise – worin die eigene Existenzkraft zur Verfügung zu stehen hat, erlaubt nicht zwingend eine Bewußtseinsweise, die eine menschliche Existenz inmitten affirmativer Fremdbestimmung konstruieren kann. Das Abtauchen in die Pflichterfüllung (ich mach hier nur meinen Job.) als funktionsbestimmtes Versteck, um nicht erkannt zu werden, lässt desto weniger den sich Verkriechenden frei. Eine Rechnung wie ein Fliegenkleber. Die Pflicht ist hier Ausdruck der angenommenen Resignation, die sich nicht aus der unverschuldeten Unfreiheit lösen kann. Die Freiheit ist vom Einzelnen nur als Selbst-Täuschung zu erlangen, weil sie in der Verfügungsgewalt des Beherrschtwerdens steht. Diese Pflicht steht der Frage nach einem Sinn des eigenen Handelns im Wege, aber wenigstens hat es für diejenigen Arbeiter, die auf Geheiß handeln – in der Pflicht stehen – Geltung: Man ist dem Handeln bereitwillig nachgekommen, so als wäre es ein eigenwilliger Entschluss, als hätte man selbst gehandelt. Und diese Behandlung zur Gewissenlosigkeit gegenüber sich selbst wird als wenigstens tue ich was, und komme der Pflicht nach, etwas zu tun… schöngeredet. Die Freiwilligkeit zum Zwang, enthebt ihn nicht seiner Wirkung. Aber auf der Autobahn können wir manchmal rasen, egal, mach Platz da, verdammt schon wieder Tempolimit

 

 

# 23 / speziell – Kunst

Es gehört zu den Schwierigkeiten im künstlerischen Prozess, dass mit zunehmender Tiefenforschung, Abstrahierung der Formen, Verfremdung des Materials der ehemals gewohnte Verweis auf ein Phänomen, einen Satz, eine Abbildung etc. zugunsten neu zu entdeckender Formen vernachlässigt wird, oder gar aufgelöst erscheint. Die ästhetische Präsenz einer Darmschleife, eines Leberlappens, der noch frisch rötlichen Aorta auf dem Seziertisch der veterinärmedizinischen Abteilung oder dem an technischer Kälte nicht zu überbietenden Stahlblech im Schlachthaus lebt vom aufgelösten Organismus/ Zusammenhang, denn das Tier als Untersuchungsgegenstand ist in vereinbarte organische Strukturen zerlegt worden: Herz, Lunge, Niere, Magen, Darm etc.

 

Die Flügel der Fliege sind nicht herausgeschnitten, um zu verstehen, sondern nur, um ihren schönen Glanz zu zeigen. Stell dir vor, ein Arm wird von deinem Körper getrennt, weil er so wohlgeformt ist.
Die ästhetisch anmutende Außenhaut der Form schiebt sich in der Kunst über die funktionelle Form des organischen Innenlebens. Die Funktion hat sich ganz in die Form zurückgezogen. Die Abbildung ist Bild geworden.

Wenn wir malen, werden die herausgerissenen Teile eines Ganzen wieder zu Formen eines anderen.

 

 

# 22 / Spezialisierung, Objekte und Gewohnheit

Den positiv besetzten Begriff der Konzentration auf irgendwas als Einschrän­kung des Gegenstandes, Phänomens zugunsten einer ihn objektivierenden, d.h. herauslösenden Beschreibung zu begreifen, heißt, das auf einen Gegenstand intensivierte Beobachten, Beschreiben mit anderen herausgelösten Objekten vergleichbar zu machen und ihre Differenzen zu nivellieren. Es entstehen Superobjekte, die zur Norm für andere Objekte werden. So fährt man zu verschieden Orten auf mit Sichtschutz begrenzten Autobahnen – Erfahrung ohne Landschaft. Vergleiche werden zwischen Mauern aus Kategorien gefällt.

 


Foto vom Autobahnneubau A 38 © Karl Weise, 2006

 

„Die Gleichheit liegt nicht in den Dingen, sondern in der Markierung, die es ermöglicht, Dinge ohne Berücksichtigung ihrer Differenzen zu addieren. Die Markierung bewirkt, dass die Differenz getilgt wird […].“1Jacques Lacan, in: STRUKTUR. ANDERSHEIT. SUBJEKTKONSTITUTION, Herausgegeben von Dominik Finkelde und Slavoj Zizek, übersetzt von Dominik Finkelde, August Verlag Berlin 2015, Imprint im Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, Seite 23 Die Objektfokussion bedingt die Reduzierung der Vielfältigkeit zugunsten einschränkbarer Details und erzwingt die Schrumpfung der Wahrnehmungsmöglichkeiten. Die Auskopplung einzelner Sinnes-Wahrnehmungen im Prozess ihrer Vergegenständlichung zum Beschreibungsmaterial – Töne zu Noten, Wiesenlicht zu Pantone-Farben, Berührung zu Kilogramm – fungiert für die eingeschlossenen Geißeln der Wahrnehmungssinne als unabgelenkte Tunnelfahrt. Sie soll den Beginn des objektiven Beobachtens, Denkens bedingen, nachdem viel Gegenwärtiges weggeschla­gen worden ist.2vgl. John C. Eccles, in: Das Gehirn des Menschen, Seite 128 Der als Objekt kalkulierte Gegenstand wird auf die Verifizierbarkeit der Kalkulation eingefroren. Die Herauslösung des Gegenstands oder des Phänomens durch die Beschreibungskriterien kann nicht durch neue Modifikation der Kriterien rückgängig gemacht werden. Der Ausgangspunkt kann durch einen neuen ersetzt werden. Die objektivierende Beschreibung schleppt ein Präteritum des Objekts in die Gegenwart des Beschreibens. „Alle bewußten Erfahrungen und Handlungen sind von einem Erinnerungsvermögen abhängig.“ 3John C. Eccles, in: Wie das Selbst sein Gehirn steuert, Piper, Seite 130

Funktionsstörung
Es entsteht eine problematische Situation für den Menschen, wenn der Zusammenhang von Erfahrung und Erinnerung stetig durch neue Erfahrungsforderungen angegriffen wird. Das (erinnerbare) Erfahrungspotential wird durch stetig neu zumachende Erfahrung verkümmert, überschwemmt das Vermögen des Sich-Erinnerns und stellt es in Frage. Die erlernte Gewohnheit ist nutzlos, was ehemals hilfreicher Stift war, ist Stachel – wozu ist er da? Ständig sich wandelnde Objekte, sind schwerlich durch Objektivierung festzusetzen. Die Spezialisierung im Rationalisierungszwang des zweckgerichteten Denkens4Vgl. Gregory Bateson, in: Ökologie des Geistes, „Bewußte Zwecksetzung versus Natur“, Seite 549 ff dünnt die Sinneshäute aus, strebt letztlich Wiederholung ohne Erfahrung an, kulminiert in funktionelles Dasein – jeder und jede an ihren zugewiesenen Plätzen. Interessant ist der Zusammenhang von Fokussierung als Einschränkung auf immer spezialisiertere Einheiten (Kategorie-Objekte) bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung von Komplexität als funktionellen Sinn von Systemen. Luhmann spricht von Ausdifferenzierung durch Selektion.5z. B.: „Der Grund für die Notwendigkeit von Reduktionen liegt in der Struktur des Komplexitätsproblems, nämlich darin, daß Komplexität zur Selektion bevorzugter Relationierungsmuster zwingt… Im Komplexitätsproblem kommt die Differenz von Selbstreferenz im Objekt und Selbstreferenz in der Analyse, von beobachtetem und beobachtendem System zur Reflexion.“ Seite 89, Und: „Alle Selektion setzt Einschränkungen (constraints) voraus. Eine Leitdifferenz arrangiert diese Einschränkungen, etwa unter dem Gesichtspunkt brauchbar/ unbrauchbar, ohne die Auswahl selbst festzulegen. Differenz determiniert nicht was, wohl aber daß seligiert werden muß. Zunächst scheint es dabei vor allem die System/Umwelt-Differenz zu sein, die erzwingt, daß das System sich durch eigene Komplexität selbst zur Selektion zwingt. Im semantischen Raum von >>Anpassung<< ist also auch im semantischen Raum von >>Selektion<< die Theorie selbstreferentieller Systeme vorbereitet.“ Seite 57, Niklas Luhmann, in: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, stw 666, Suhrkamp Verlag Frankfurt a. Main, 1987, Seite 89 Noch eine psychologische Seite: Wenn die verstärkte Benutzung der Ratio Wahrneh­mungsquantität reduziert als Einschränkung zugunsten der Konzentration, die Übersicht gewährt, impliziert dies einen Ausschluss von Umwelt, Mannigfaltigkeit. Die Reduktion fungiert als Gegenreiz im Rückzug zum inneren Fluten, weil die allgegenwär­tige Welt, die zunehmenden Produktschreie überall die persönliche Welt zerstört. Briefmarkensammler, Spinnenmelker.

Entfremdung
Mit der ins Private geretteten Macke, in die persönliche Kleinstruktur (Freizeit, Familie) übernommenen Kauzigkeit – mangelnde Fremdreferenz? – wird im Subjekt die entkörperlichende Arbeitsweise/ Handlungsstruktur zur pathologischen ratifiziert. Denn was als monotoner Handgriff in den Stätten der Produktion als Bedingung für komplexe Arbeitsteilung gilt, dringt im entspannten Zustand – in der Nichtarbeit – an die Oberfläche der von sich entfremdeten Sinne. Es wird das Sehen, Berühren, Fühlen, Kotzen gefeiert. Das Innegehaltene läuft über den Rand des Gefäßes – alles muß raus! – Der nichtangewendete Mensch arbeitet gegen sich – er will jetzt seine Sinne spüren, handgreiflich werden. Er agiert sich gegen seine Spezialisierung aus. Als exerzierte der gepresste Mensch sich selbst noch einmal vor, um in dieser Selbstgewähltheit dysfunktionaler Freiheit Schutz zu finden? Die Macken, die Tics etc. das letzte Refugium. Ein Spiel aus Reduzierung und Verstärkung von Bewußtseinsreizen, je nach Stellung oder Funktion im Produktions- oder Kommunikationsprozess, der sich auf die Ware bezieht, durch Waren getrieben wird und schließlich nur in Warenform sich ausdrücken kann. Ist es das, was Marx mit Entfremdung meint?6Unter der Überschrift „Die entfremdete Arbeit“ in: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, setzt sich Karl Marx besonders mit den Entfremdungs-Folgen von Ausbeutung auseinander, Karl Marx, Friedrich Engels, Ergänzungsband – Schriften bis 1844, Erster Teil, Dietz Verlag Berlin 1977, Seite 510 f

 

 

# 21 / Spezialität – Blickmodelle

Der Fokus auf Details und absolute Wahrheiten, die die Nacht durch den Tag verraten, haben gemeinsam, dass sie das Privileg ungeteilter Aufmerksamkeit gegen alles andere genießen. Man braucht eine spezielle Haltung, um andere Bedeutungen für die eine besondere aufzugeben. Das Besondere als das große Minus vor dem Allgemeinen. In dem Sinn engt Spezialisierung andere mögliche Bedeutungen ein – zugunsten eines Besonderen. Spezialisierung als eine Flucht „in die Blindheit gegenüber der Vielzahl der Möglichkeiten“1Heinz von Foerster, in: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2019, Seite 35 Wenn man sich für einen Gegenstand interessiert, ist das Interessante an ihm dadurch besonders, weil es im Fokus der eigenen Aufmerksamkeit steht. Man sieht genau hin, d. h., man konzentriert sich auf einen ausgewählten Ausschnitt – alles andere lässt man weg, schneidet ab, fliegt weg. Der so fixierte – spezialisierte – Blick auf das auserwählte Objekt negiert zugleich alle anderen möglichen Konstellationen des Wahrnehmens. Ein Mehr halten wir nicht aus. Die Fixierung des Objekts durch die Prämissen der Beobachtungskalküle ermöglicht eine Loslösung des beobachteten Objekts von seinen Zusammenhängen mit anderen Objekten und führt zur Trennung des beobachtendenSubjekt von seinem Objekt. Man muß sich entscheiden: was nicht zugleich am Objekt beobachtet werden kann, wird abgeschnitten – auch wenn es auf derselben Sichtebene liegt. Einfacher ist es doch, den Rest zu erfinden, aufzufüllen, passend zu machen und sich aus der Verantwortung des eigenen Blicks zu stehlen. Denn „Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemachte werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung der Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.“2Heinz von Foerster, in: Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – Gespräche für Skeptiker, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2019, Seite 154

 


Auge Auge, Zeichnung auf Papier © Hans Georg Köhler, 2012

 

Man könnte auch sagen, dass der „blinde Fleck“ gegenüber ganzheitlichen Zusammenhängen dem spezialisierten Auge Rechnung trägt. Wenn man also nicht „alles“ im Blick behalten kann, sollte man sich auf etwas Besonderes fokussieren. Der durch okulare Blickschnitte konstruierte blinde Fleck markiert daher sowohl eine Art Überfülle an Wahrnehmbarkeit wie deren Abwehr durch Konzentration auf Einzelheiten. Die Münze der Auslöschung ist Spezialisierung. Die Vereinzelung der Techniker, Wissenschaftler, der „verrückten Professoren“, Literaten, Künstler bildet das Herauslösen aus der autistisch anmutenden Überfülle des Wahrnehmbaren ab. Es entsteht „ein Geschöpf reduzierter Vollkommenheit, das seine Chancen seinen Einschränkungen verdankt.“3Max Bense, in: Ausgewählte Schriften, Band 1, Metzler, Seite 315 So erscheint eine Konstruktion möglich, in der das Besondere wie Ausgeklammerte zum Modell einer beobachtbaren Welt wuchert: Der reduzierte, eingeengte Blick wird zum Ausgangspunkt von Welt-Beobachtung. Aber genau mit dieser irren Intention, Welt aus den (freiwillig) beschränkten Wahrnehmungs-Ableitungen durch „objektive“ Normen zu konstruieren, wird der Körper zum letzten Einsatz gegen die Maschinerie operativen Lebensvollzugs. In Hinblick auf den ausschließlichen Charakter des Zeigens, des Aus-Stellens, wie es in der Kunst geläufig ist, können wir aus der Beobachterperspektive 2. Ordnung – das Beobachten des Beobachtens – begreifen, dass das besonders Gezeigte immer auch auf etwas anderes hinweist, als es den ersten Anschein hat. Die Eingrenzung, die durch das Zeigen markiert wird, schleust das Nicht-Gezeigte als Ausklammerung ins Zeigen mit hinein – als Ausgegrenztes. Die Grenze oder die Differenz läuft mit – könnte man sagen. Gerade in dem Gezeigten sehen wir nicht nur die Konzentration auf etwas besonders Ausgedrücktes eines Künstlers als sein Augenmerk, als seine Beschränkung, sondern auch, dass in dieser Beschränkung nicht nur Rückzug bzw. Konzentration stattfindet, sondern ebenso Hinweise auf das durch die Formen ausgesondert Verlassene, auf das Verlassene selbst gezeigt werden kann. Die Grenze des Zeigbaren befindet sich im Gezeigten, wird durch das Zeigen realisiert.4Vgl. Niklas Luhmann, in: „Die Realität der Massenmedien“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 4. Auflage 2009, Hrsg. Jörg Rössel, Uwe Schimank, Georg Vodruba, Seite 19

Dass spezialisierte Einseitigkeit als normative Setzung des wissenschaftlichen Apparates und der Produktion (Arbeitsteilung) auf ihre Bediensteten durchschlägt, ist die an der Produktion rationalisierte und geförderte, aber tatsächlich individuell auszufechtende Seite des problematischen Prozesses der Ausdifferenzierung sozialer Handlungsfelder. Die aufgezwungene und erforderliche wissenschaftliche Einseitigkeit (Konzentration, Stilisierung wären hierfür auch brauchbare Worte) ermöglicht damit psychogene Strukturen, die zur Störung, zur Verrückung des Bewußtseins führen.5vgl. Klaus Heinrich, in: Dahlemer Vorlesungen, Roter Stern, Berlin, Band 3, Arbeiten mit Ödipus, Seite 37 Die Etablierung eines besonderen Interesses engt natürlich die Möglichkeiten für andere Interessensgebiete ein. Die besondere Begabung – ob für Zahlen, Formen oder Partituren – ist dann gesellschaftlich anschlussfähig oder wird herausselektiert. Daraus folgen die gesellschaftlichen Normierungen bzw. Stigmatisierungen. Die Kompatibilität einer speziellen Begabung zu anderen sozialen Handlungsräumen hängt von ihrer individuell ausgetragenen Anpassungsfähigkeit bzw. sozialen Akzeptanz ab. Ein „passendes“ Individuum existiert nicht, sondern nur dessen mehr oder weniger großer Konflikt, Anschlussfähigkeit zu erlangen.