47, Mit Maschinen sehen und sterben

Wie kann den Maschinen ein Zugang zum Denken,  das Malen, Schreiben nahe gebracht – der Umgang mit ästhetischen Formen ermöglicht werden? Wie können wir unsere Objekt-Beziehung zu Maschinen überwinden, um sie endlich als Prothesen in unsere Körper aufzunehmen? Wir probieren es zuerst mit einer Simulation: Turingtests.1vgl. Oswald Wiener. Probleme der künstlichen Intelligenz. Hrsg. Peter Weibel, Merve Verlag. Seite 93 f
Umso mehr scheint die Simulation erdachter Aussagen von KI-Systemen unserem sprachlichen Denken ähnlich, weil die von und für Menschen technokratisch instrumenta­lisierte Ratio unserer Sprachspiele in Algorithmen als Simulation von niedergekämpftem Denken daherkommt: die offerierten PC-Maschinen werden als intelligent beworben. Aber sind es nicht unsere weiten, flexiblen Kontexte, unsere Begabung, mehrmals „um die Ecke zu denken“, die uns einen so  großen Möglichkeitssinn gewähren, dass wir auch entfernten Aussagen, die Bedingung der Möglichkeit gestatten. Um so leichter kann selbstreferentielles Denken, sogenannte „Autonomie“ von Maschinen dargestellt – simuliert – werden, sobald das Sprach-System Mensch auf wenige zu befolgende Handlungsoperatoren reduziert werden kann, und sein beobachtetes Verhalten simuliert wird.2Vgl. Humberto R. Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp. stw 1502. Seite 59  Verblüffend werden dann nicht Allgorithmen, Turingmaschinen sein, die menschliches Verhalten antizipieren und kaum unterscheidbar zum erwartbaren menschlichen Verhalten agieren, sondern Menschen, die sich mit Verhalten von Turingmaschinen tarnen, je mehr sie formal technokratische Ratio für sich reklamieren. Die sich hier darstellen­den Beschreibungsschwierigkeiten bestehen darin, dass der Beschreibungsstandpunkt nicht vom Beschreibungsgegenstand zu trennen ist. Die kognitiven Anforderungen an das Denken sind nicht von seiner Selbstbeschreibung zu trennen – es kommt über seine Grenze nicht hinaus. Die Paradoxie dieses Zustands vielleicht so formuliert: Die Welt erscheint dir so, wie sie ist, weil du bist, wie du bist und dein Smartphone benutzt.
Die Apps auf Smartphones als allgorithmisch agierende Befehlshaber von  Sozial-Network-Maschinen (FB, Insta, Tik-Tok, Browser, Massenger-Dienste etc.) und deren Bediener sind ein Sinnbild für Turing-Maschinen ohne Künstliche Intelligenz, denn sie agieren nach einer vorgegebenen Anweisungs- bzw. Beschreibungsstruktur, die als Allgorithmen zielgruppenorientiert die jeweilige Beobachtungs-Syntax und Gewichtung ermittelter Informationen implementiert sind. Es sind Daten-Systeme, die eine Blindheit über sich selbst – und: deren Nutzer erzeugen. Von anderer Seite betrachtet, könnten normative, sich wiederholende, zwanghaft logistische Entscheidungsstrategien (in Verwaltungsapparaten) als Turing-Maschinen dargestellt werden, denn die bürokratischen Kommunikations-Akte sind vom menschlichen Agieren entfremdet. Natürlich erzeugen die Regularien von Administation eine Entmächtigung derjenigen, die sie unterschreiben (wie auch derjenigen, denen die Unterschrift gilt), weil die Entscheidungsmacht im Büroturm von den Personen, über die sie entscheidet, weit entfernt operiert. Unter der Beschwörung eines maschinell abgesicherten Ursprungs der Entscheidungskriterien (z. B. in der Organisation des gesellschaftlichen Lebens nach bürokratischen Richtlinien oder wie sie in Gebrauchsanweisungen festgelegt werden) wird die technische Metapher dieser Hypersysteme in einen vom Individuum einzuholenden rationalen Vollzug gebannt: Es galt, die Maschine zu bedienen, den Zug zu fahren. Die Anpassung des Menschen an seine ihn übermächtigenden Lebenspraxis, an die ihn konfrontierenden technischen Medien der Kommunikation (google, amazon, facebook, instagram…), also die Aufhebung, Nivellierung seiner Widersprüche zur Umwelt durch deren digitalen Konsum, wird der permanenten Verwertung zugänglich. Hier trifft sich das Bewußtlose der Maschine mit dem erzwungenen Einverständnis zu ihrer Existenz: Als Richtigkeit formaler Kommunikation.
Die Emotionen beginnen erst wieder zu pochen, wo etwas nicht funktioniert, wo die Anpassungen nicht mehr schützen. Du mußt Dich nur scannen lassen, dann ist alles wieder wie vorher und Du kannst den Stream geniessen… konsumieren.

 


Ratten-Nervenzelle auf einem Microchip. Quelle: Süddeutsche Zeitung, 15. Dezember 1999. Rasterelektronenmikroskop-Aufnahme: Fromherz, MPI Biochemie

 

Der produktive, der in der Produktion tätige Mensch wird entsprechenden produktionsimmanent durchgeführten Beobachtungsinstanzen übergeben (z. B. in statistischen Untersuchungen, Erhebungen durch Cookis) und sicher gestellt. Er dient dazu, zu zeigen, dass die Maschinerie funktioniert. Wenn das Subjekt schon so eingezwängt wurde, ist es ein Leichtes für von Machtfantasien besetzten, druchdrungenen Allgorithmen, von maschinisierten Machtverhältnissen mit künstlicher Intelligenz, dieses funktionale Verhalten nachzuahmen. Das Web wird mehr und mehr zum Wirklichkeitsersatz entwickelt und übernimmt die eingespeiste Wirklichkeit als quasi evolutionärer fake – Realityness. Als Bio-Adapter3Dieser Begriff insistiert auf Oswald Wieners gleichnamigen Text „Bio-Adapter“ , als Überbrückung unserer Körper. Die Zurückführung des Menschen auf sein automatisierbares (instinktives, tierisches) Potential4„Wissenschaftler binden einen Hund fest und fügen ihm schwache Stromschläge zu. Tags drauf setzen sie ihn in eine flache Kiste und verpassen ihm erneut Stromstöße. Im Gegensatz zum Vortag könnte sich der Hund nun leicht mit einem Sprung über den Kistenrand dem Schmerz entziehen. Doch zwei Drittel der Tiere nutzen diese Möglichkeit nicht – sehr wohl aber all jene Hunde, die zuvor nicht die Erfahrung des unausweichlichen Schmerzes gemacht haben. Die Sitzenbleiber haben gelernt, dass sie sich nicht gegen die Stromschläge wehren können, und die Erwartung bleibt bestehen, auch wenn sich die Situation verändert. Solch „erlernte Hilflosigkeit“ kann man auch bei Menschen nachweisen.“ Süddeutsche Zeitung Nr. 297. Seite 21. Titelzeile: „Ich Chef, du nix“ ist eng an das intensiv beforschte Reservoir kognitiver Vorgänge im Gehirn gekoppelt. Verschiedene Experimente können zeigen, wie die Einfühlung in den eigenen Körper auf einen Dummy übertragen werden kann, so dass ein Messerstich am Dummy als am eigenen Körper erfahren wird.5Eine mögliche Experimentanordnung: Mensch und Dummy haben über den Augen ein Sichtgerät – VR-Brille, wobei der Mensch das sieht, was der Dummy sieht – sich als Dummy. Nach einer Vorbereitungsphase, die der Einfühlung dient, wird mit einem langen Messer dem Dummy über die Haut geschnitten. Das erfährt der Mensch schreckhaft als vermeintliche Verletzung seiner selbst. Diese falsch-richtigen, ja man kann sagen: emphatischen Fremderfahrungen werfen ein neues Licht auf den alten Begriff der Einfühlung. Vielleicht ist die menschliche Einfühlung selbst auf Maschinen als Simulation übertragbar. So kann er der Maschine gerecht entgegen kommen und ihr seine eigene Intelligenz später in Turingschen Sinn unterstellen?6vgl. Oswald Wiener, Probleme der künstlichen Intelligenz, Hrsg. Peter Weibel, Merve Verlag, Seite unbekannt Oder: Die Emphatie ist nicht maschinell fühlbar, jedoch: die Maschine kann Emphatisch-Sein durch die Simulation von Emphatie entgegenkommen und die menschliche Intelligenz, Wahrnehmung dadurch manipulieren. Eine Annäherung von beiden Seiten.

 

 

  • 1
    vgl. Oswald Wiener. Probleme der künstlichen Intelligenz. Hrsg. Peter Weibel, Merve Verlag. Seite 93 f ↩︎
  • 2
    Vgl. Humberto R. Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp. stw 1502. Seite 59 ↩︎
  • 3
    Dieser Begriff insistiert auf Oswald Wieners gleichnamigen Text „Bio-Adapter“ ↩︎
  • 4
    „Wissenschaftler binden einen Hund fest und fügen ihm schwache Stromschläge zu. Tags drauf setzen sie ihn in eine flache Kiste und verpassen ihm erneut Stromstöße. Im Gegensatz zum Vortag könnte sich der Hund nun leicht mit einem Sprung über den Kistenrand dem Schmerz entziehen. Doch zwei Drittel der Tiere nutzen diese Möglichkeit nicht – sehr wohl aber all jene Hunde, die zuvor nicht die Erfahrung des unausweichlichen Schmerzes gemacht haben. Die Sitzenbleiber haben gelernt, dass sie sich nicht gegen die Stromschläge wehren können, und die Erwartung bleibt bestehen, auch wenn sich die Situation verändert. Solch „erlernte Hilflosigkeit“ kann man auch bei Menschen nachweisen.“ Süddeutsche Zeitung Nr. 297. Seite 21. Titelzeile: „Ich Chef, du nix“ ↩︎
  • 5
    Eine mögliche Experimentanordnung: Mensch und Dummy haben über den Augen ein Sichtgerät – VR-Brille, wobei der Mensch das sieht, was der Dummy sieht – sich als Dummy. Nach einer Vorbereitungsphase, die der Einfühlung dient, wird mit einem langen Messer dem Dummy über die Haut geschnitten. Das erfährt der Mensch schreckhaft als vermeintliche Verletzung seiner selbst. ↩︎
  • 6
    vgl. Oswald Wiener, Probleme der künstlichen Intelligenz, Hrsg. Peter Weibel, Merve Verlag, Seite unbekannt ↩︎

46, TV – total vulgär

Wo der Mensch die Beherrschung, das Beherrscht-Sein über sich verliert, gilt er als authentisch, individuell motiviert. Zuweilen werden im TV die Gäste zu solcher Performance provoziert – so im Dschungel-Camp – falls sie nicht nur als mitspielende Staffage gebraucht werden. Die neue ästhetische Form medialer Aufmerksamkeit verlangt, sich in einer Performance, Happening des eigenen Mangels auszuliefern: Authentizität als unkontrollierte oder absichtsvolle Verletzung normativen Verhaltens. Die ästhetisch aufgeladene Geste des unvorbereiteten spontanen Agierens, oder die öffentliche Inszenierung – zur Schau-Stellung – von Intimitäten kann da nicht lange warten. Die Authentizitätsfeier der Emotionalität markiert den verkrüppelten sozialen Körper – eine Entlastung vom Leistungsanspruch biografischer Optimierung. Selbstinszenierung ist Selbstverwirklichung geworden, die Notation des Wahrgenommen-Werdens in den sozialen Medien ist zum Habitus der Person, ihre verwertbare Maske geworden. Für diese Art Selbstfindung oder Identitätsversicherung braucht es Aus-Stellungen. Das Publikum hat ein Stück, ein Skript nicht nötig, es spielt sich selbst und schaut ergötzt sich in die eigenen Masken.
Was für eine Party überall: die soziopathische Vervollkommnung der kapitalistischen Gesellschaft durch konsumtionelle Attidüden. Die Modellierung des soziopathischen Aufmerksamkeitskörpers – Selbstverwirklichung must be – im kapitalen Produktionsproszess als werbewirksames Narrativ für verstörte Konsum-orienterte Verwirklicher wird als selbstbezügliche Attidüde ratifiziert. Der Kampf gegen die Eltern wird mit den von ihnen bezahlten Sneakers beglichen.
Krankheit und Produktion gehören zusammen, selbstverständlich: persönliche Authentizität wird als Liebe, Zuneigung zu Brands vermarktet, gebrandmarkt.

 

 

 

45, Skizze zu Hegels Phänomenologie des Geistes

Die ideale Konstruktion der Entwicklungsgeschichte des Bewusstseins in Hegels Phänomenologie des Geistes: An-sich-sein, Für-sich-sein, An-und-für-sich-sein. Der Weg vom bloßen An-sich-Sein – wie eine Form, ein Gegenstand als Hülle – zum An-und-für-sich-Sein: ich bin jetzt Hülle und sie ist mein Äußeres: ich bin mir meiner Form bewusst. Die Übergänge als Schnittstellen des Lernens oder Tunnel ungewisser Dunkelheit. Die Vermittlungstätigkeit zwischen sich selbst, einem Körper in der Welt und der Welt im Körper: als Leiden – im Unbekannten zu sein und noch nicht für sich mit eigenem Wissen da zu sein. Der Leidensprozess als Vermögen des Menschen, Erfahrung zu gewinnen auf Kosten der Objekt -und Subjektisolation (der Begriff der Aneignung: Das Subjekt als wahrnehmendes Wesen, als Wahrgenommenes ist es Objekt) – das unsichere Wissen wird mit der Annektion der Objekte beglichen. Das Leiden zugleich als Versprechen, um aus der Spaltung von Subjekt und Objekt, Körper und Welt, Vergangenheit und Gegenwart rauszukommen: zu sich. Der autistische Rückzug scheint das Gefühl der Gespaltenheit zu überwinden: man trägt die Unsicherheit nicht aus, sondern in sich. Aber setzt nicht das Lernen (die Erfahrung) eine Spaltung der wahrzunehmenden Welt in Unterschiede, Formen, also Weltteile voraus, um einzelne Weltteile als Erfahrungsmaterial fürs Subjekt zu erzeugen? Die Welt ist alles, was Form ist. Psychologisch angeknockt: Der Geist als Selbstverschlingungsprozess (cogito ergo sum). Was ist Selbstkritik?

 

 

44, pathologische Figuren der Erfahrung – Schulalltag

Die Konfrontation gewohnter Lern-Erfahrung mit neuen Verhältnissen der Anpassung durch andere, neu hinzu kommende Lernkontexte – im Schulalltag alltäglich – kann als ein Erfahrung-Machen-Müssen gegen die schon erkämpfte, gewonnene, etablierte Erfahrung, als Erschöpfungszustand gegen die neu zu erbringende Anpassungsleistung gedacht werden. Dieser Zwiespalt könnte wie ein Leiden über den Verlust von gewonnen Lernerfahrungen vorgestellt werden: als Erleben des Widerspruchs zwischen neuem Lernkontext und der Zerstörung bisheriger Lernkontexte, Anpassungen.1Gregory Bateson: „Menschliche Wesen haben eine Bindung an die Lösungen, die sie entdecken, und gerade diese psychologische Bindung macht sie verletzbar, wie Mitglieder einer schizophrenen Familie verletzbar sind.“ Ökologie des Geistes – Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Übersetzt von Hans Günter Holl. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Erste Auflage 1985. Seite unbekannt Der Lernkontext etabliert eine Bindung an das Gelernte.2Ervin Goffman. Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1977. 10. Auflage 2018. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Seite 409 Gefangen in zu starker Fixierung, d. h. nicht erfolgter Ablösung oder Aufhebung der erlernten Anpassung, droht eine Aufspaltung des In-der-Welt-seins, eine Abspaltung vom sozialen Raum: in ein Innerhalb-des-Rahmens und ein Außerhalb-des-Rahmens des Anpassens. Das Beobachten des Nicht-Beobachten-Könnens stellt sich zwischen Welt (sozialer Raum) und Körper (Beobachter). Ausgeworfen aus dem bisher gelernten Erfahrungs-Rahmen, aus der etablierten und bisher gültigen Verhaltens-Norm gemäßer Erfahrung, gestresst bis unglücklich, etabliert sich die Orientierung am gewohnten Erfahrungsraum.
Ervin Goffman: „Hatte er [= jemand, ein Mensch, Hinzufügung HG Köhler] einen Platz in einem wohlgerahmten Reich einzunehmen erwartet, so steht ihm jetzt kein bestimmter Rahmen unmittelbar zur Verfügung, oder der Rahmen den er für anwendbar gehalten hatte, scheint es nicht mehr zu  sein, oder er kann in dem Rahmen, der zu gelten scheint, selber nicht Fuß fassen. Er kann keine brauchbare Reaktion mehr zustandebringen. Er kommt ins Schwimmen.“3Ervin Goffman. Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 2018. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Seite 409

 

 

  • 1
    Gregory Bateson: „Menschliche Wesen haben eine Bindung an die Lösungen, die sie entdecken, und gerade diese psychologische Bindung macht sie verletzbar, wie Mitglieder einer schizophrenen Familie verletzbar sind.“ Ökologie des Geistes – Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven. Übersetzt von Hans Günter Holl. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Erste Auflage 1985. Seite unbekannt ↩︎
  • 2
    Ervin Goffman. Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1977. 10. Auflage 2018. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Seite 409 ↩︎
  • 3
    Ervin Goffman. Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 2018. Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Seite 409 ↩︎

43, Beobachten und Verschlingen wirrer Gegenstände

Wahrnehmen

Versuchen wir uns vorzustellen, jemand sähe seine Umgebung in Rot-Grün Abstufungen, ein anderer vielleicht in Graustufen von Weiß bis Schwarz – sei es nun wegen optischen, krankhaften Beeinflußungen oder der bloßen genotypischen Möglichkeit nach. Entspräche dann nicht das Wahrnehmen, oder die geistige (nervale) Bewegung nicht einer vor-gegebenen, determinierten (genotypischen) Einschränkung, Grenze von maximal möglichen Wahrnehmungsqualitäten? Aber die Welt des Maximal-Möglichen-Wahrnehmens existiert für den Farbenblinden nicht, wenn die Welt im Schwarz-Weiß codiert ist. Gleichwohl lernen wir, dass das Wahrnehmen gelernt werden kann. Wir liefern uns dem Verdacht aus, einige Dinge zu „übersehen“. Diese Art zu beobachten, wird von einem Ausdruck der körperlichen Unzulänglichkeit vor unermeßlich anderen Möglichkeiten begleitet. Resultiert daraus nicht das Gefühl des Verlusts von Gewißheit, anderes nicht wahrnehmen zu können, aber doch davon zu wissen? Ein Zweifel, nicht alles sehen zu können und: nicht zu sehen, was man nicht sieht? Kann man von Beobachtungsrichtigkeit vor Denkrichtigkeit sprechen, wenn doch beides ineinander verwoben ist? An der Wahrnehmungs -oder Erfahrungsstruktur könnte noch festgehalten werden, ohne dass diese Ergebnisse jenseits von mir ausstößt und mich als Beobachter hinters Licht führt. Formalisierungen, wie: Wenigstens sehen wir zweifelsfrei einen Baum, ob nun grün, dick, schwarz usw. – aber dieses grobe Sehen erzeugt eine notwendige Fatamorgana, um die wie auch immer ermittelten Wahrnehmungsschwächen als Entkopplungen1Eine andere Lesart zur „Baumfigur“ in Hegels Abschnitt „A. Bewußtsein“ (Punkt I. Die sinnliche Gewißheit oder das Diese und das Meinen. Phänomenologie des Geistes. Suhrkamp Verlag. 3. Auflage. 1991. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 603) formuliert Maturana: „Da schließlich das Nervensystem als geschlossenes neuronales Netzwerk operiert, ist die Ausführung gelernten oder instinktiven Verhaltens als jeweiliger Ausdruck einer strukturellen Kopplung stets die Aktivität eines raumzeitlichen Netzwerks von Relationen relativer neuronaler Aktivität, das einem Beobachter als Netzwerk sensomotorischer Korrelationen erscheint. Wenn das beobachtete Verhalten Instinktverhalten ist und in einer inadäquaten Umwelt verwirklicht wird, behauptet der Beobachter, es sei Instinktverhalten in einem Vakuum. Ist das beobachtete Verhalten jedoch gelernt und tritt in einer unangemessenen Umwelt auf, dann spricht der Beobachter von einem Fehler. In beiden Fällen ist die Situation jedoch dieselbe: es handelt sich demnach um eine durch die Umstände bedingte Entkoppelung der Strukturen, wie sie in der operationalen Unabhängigkeit der Zustandsdynamik des Organismus und der Zustandsdynamik des Mediums begründet ist, wenn die jeweiligen Zeitverläufe des Strukturwandels eine Kopplung der Strukturen nicht zulassen.“ Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1998. Seite 120 von Ich-Körper und Umwelt-Körper zugunsten formaler Gemeinsamkeiten zu egalisieren. Hier ensteht Zurichtung.

Beobachten
Die Umwelt wird rationalisierend auf diejenige Struktur angepasst, angeschlossen, modifiziert, funktionalisiert, die den Prozess systemischer Selektion voranrteiben kann. Die Erzählung einer bestimmten Beobachtung wird am Beobachteten wie Beobachter exekutiert: Was du nicht siehst, ist dein Problem, denn was du nicht siehst, ist das, was du nicht sehen kannst. Die Kriterien und Umstände der Beobach­tungen werden in das Beobachtete hinein gesehen. Beobachtung vollzieht Fiktionalisierung am Beobachteten – mit dem Begriff der Projektion auch beschreibbar. Der soziale Beobachtungsraum determiniert das Objekt. Wie soll das Objekt der Beobachtung unabhängig vom Beobachter sein? Das Objekt ist stets in der Beobachtungsposition eingeschlossen. Die sogennante Nüchternheit, Sachlichkeit oder gar Unabhängigkeit des Objekts (als wertfreier, sachlicher Gegenstand der Untersuchung) gegen dessen Beobachtung, Behandlung ist ebenso unwahrscheinlich wie die Unabhängigkeit des (wissenschaftlichen) Beobachters gegenüber seiner Beobachtung, der sein eigenes Objekt sucht. Die Beobachterposition strukturiert den ihr entsprungenen Beobachtungs-Prozess selbst – das Kleinste-Gemeinsame-Vielfache hilft vor der Unübersichtlichkeit, macht alles mit allem teilbar. So reduzieren wir uns auf ein vereinbartes Schwarz-Weiß, um wenigstens darüber gemeinsam reden zu können.

Verhalten zu Verhältnissen
Wenn man ein Verhalten am Beobachteten (ein Gegenstand, ein Ereignis) konstatiert, konstatiert man das Verhältnis zwischen Beobachter und seinem Gegenstand (dem Beobachteten). Das beobachtete Verhalten eines Gegenstands, Phänomens drückt in der Beschreibung des Gegenstandes, Phänomens etc. das Verhältnis des Beschreibenden zum Gegenstand seiner Beschreibung aus. Die durch den Beobachter auf den Gegenstand zugewiesenen Funktionalen aus Bedeutung und Sinn (semantischer und kontextueller Bezug) ermöglichen eine darauf gründende Beschreibung. Deshalb erscheint das beschriebene Verhalten zum Beobachteten dem Beobachter als eines, dass durch den zugewiesenen kategorischen Bezug auf das Objekt verursacht wird.2Vgl. Humberto R. Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1998. Seite 118 Letztlich beschreibt der Beschreibende seine Beschreibungsstruktur mit (in der  Syntax, in der  Codierung). Die Beschreibung eines Verhaltens (vom Gegenstand x, was gerade beschrieben wird) drückt stets auch das Verhalten zur eigenen Beschreibungsweise aus. Wie mein psychisch, kultureller und sprachlicher Apparat meine Beschreibungsstruktur determiniert, was also meiner Beschreibung zugrunde liegt, verankert meine Beschreibung/ Beobachtung ebenso, wie den zu beschreibenden Gegenstand. Eine Verstärkung der Kopplung zwischen Beobachter und Beobachtetem. Das beobachtete Verhalten (eines Gegenstandes), ist das, was ich in meiner Beobachtung über einen Gegenstand erzeuge, und sagt zugleich etwas über mein Verhalten (zum Gegenstand) wie Beobachtungstandpunkt aus. So ist die Beschreibung/ Beobachtung des Gegenstandes auch ein Gegenstand meines Eigen-Interesses. Das (zu beschreibende) Verhalten des Gegenstandes ist nicht losgelöst von meinem Verhalten zum Gegenstand. Beschreiben heißt interagieren.3„Jede Beschreibung setzt daher eine Interaktion voraus.“ in Humberto R. Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1998. Seite 123 Ein Verhalten von ‚X‘ zu konstatieren, erfordert die Konstituierung dieses Verhaltens zu  ‚X‘ durch die Beschreibung (also die Konstituierung des Konstatierenden wie die Produktion von Verhältnissen des Verhaltens in der Beschreibung). Es entsteht somit als Verhältnis zwischen Beobachter (oder: Beschreibenden) und Beobachteten (Beschriebenen). Wenn man so will, ermöglicht eine vorliegende, fixierte sprachliche Beschreibung wieder die Rekonstruktion dieses Verhältnisses und fließt rekursiv in den nächsten Beschreibungsvorgang mit ein. Es ist eine strukturelle Kopplung. Re-entry.
Anders aber bei Hegel: Der Beschreibungsvorgang als psychische Kopplung und daher als widersprüchliche Kopplung mit dem Beschreibungsobjekt im Beschreibungssubjekt: Was richtet der Gegenstand in meinem Geist an? Wenn das Ich selbst sein Gegenstand ist, nehmen die Zweifel überhand. Das Ich ruft nach sich selbst, es ist sich selbst das größte Objekt und widersetzt sich gegen sich, wo es nur kann. Es kann sich selbst nicht fassen.

 

 

  • 1
    Eine andere Lesart zur „Baumfigur“ in Hegels Abschnitt „A. Bewußtsein“ (Punkt I. Die sinnliche Gewißheit oder das Diese und das Meinen. Phänomenologie des Geistes. Suhrkamp Verlag. 3. Auflage. 1991. suhrkamp taschenbuch wissenschaft 603) formuliert Maturana: „Da schließlich das Nervensystem als geschlossenes neuronales Netzwerk operiert, ist die Ausführung gelernten oder instinktiven Verhaltens als jeweiliger Ausdruck einer strukturellen Kopplung stets die Aktivität eines raumzeitlichen Netzwerks von Relationen relativer neuronaler Aktivität, das einem Beobachter als Netzwerk sensomotorischer Korrelationen erscheint. Wenn das beobachtete Verhalten Instinktverhalten ist und in einer inadäquaten Umwelt verwirklicht wird, behauptet der Beobachter, es sei Instinktverhalten in einem Vakuum. Ist das beobachtete Verhalten jedoch gelernt und tritt in einer unangemessenen Umwelt auf, dann spricht der Beobachter von einem Fehler. In beiden Fällen ist die Situation jedoch dieselbe: es handelt sich demnach um eine durch die Umstände bedingte Entkoppelung der Strukturen, wie sie in der operationalen Unabhängigkeit der Zustandsdynamik des Organismus und der Zustandsdynamik des Mediums begründet ist, wenn die jeweiligen Zeitverläufe des Strukturwandels eine Kopplung der Strukturen nicht zulassen.“ Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1998. Seite 120 ↩︎
  • 2
    Vgl. Humberto R. Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1998. Seite 118 ↩︎
  • 3
    „Jede Beschreibung setzt daher eine Interaktion voraus.“ in Humberto R. Maturana. Biologie der Realität. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1998. Seite 123 ↩︎

42, Gedanken oder Objekte verrücken – Neo Hegel Jesus Ego

Auserwähltsein

Sich berufen fühlen – von wem, wodurch? Auserwähltsein: sich zu etwas erklären, bereit fühlen. Aber von woher kam der Auftrag? Aus dem Inneren des genotypischen Selbst oder kam er von den Anderen, die sagten, es wäre gut, wenn du ein großes Einzelnes bist – und schlossen dich damit als jenseitig Einzelnes aus der Gemeinschaft aus: gegen die Anderen! Eine Art Befreiung und Bereifung des Ich im (sozial konsturierten) Erfahrungsraum, um in ihm durchzurauschen? Rasend auf der Straße oder mit Worten im Gepäck.
Ein Doppelleben. Die Befindlichkeit einer im Maschinenraum des Bewußtseins versteckten Realität, im Körper, man spürt es, man weiß es für sich – „Ich bin berufen“ -, aber schreit es nicht heraus, im stetigen Widerstreit gegen die ideale Konstruktion des Selbst: Wann endlich kann aus Flüstern Schrei werden?
Wer ist das tatsächliche Subjekt im Subjekt in Hegels „Phänomenologie des Geistes“? Wer ist der Auserwählte zum absoluten Wissen? Im Film MATRIX sollte es NEO sein – MORPHEUS, der Wächter des Traumes und des Schlafes wählte ihn aus. Welche Zumutung, sich frei von allen Kontexten der bisherigen Erfahrung zu neuen Erkenntnissen druchzuringen? NEO und JESUS mussten erst sterben in der uns bekannten Welt, um in einer anderen fortan – für uns – auserwählt zu sein.
Wer ist der Konstrukteur der Atome in den Nerven auf ihrer Bahn zum Selbstbewusst­sein? Oder ist es bei Hegel eine ideale Konstruktion des Textes auf seinem unbeschreitbaren Weg zum ichigen, absoluten Wissen? Auf dem Weg zur Ich-Wahrheit den Weg zu pachten, ist dann konsequent: so kann man sagen: so mußte ich ihn gehen.
Vielleicht wird man auf diesem Weg sich selbst zum Erlebnis, weil man sich so sehr in die Objekte, die Bäume der Anderen mit den eigenen Nerven verstrickt hat.

 

 

41, Schnittstellen

Schnittstellen markieren Übergänge zwischen unterschiedlichen medialen – also auch sinnlichen – Qualitäten. Sie schaffen Verbindungen zwischen sinnlichen, meist visuellen und habtischen Oberflächen und uns: Inter Faces. Schnittstellen bilden sinnlich wahrnehmbare Übersetzungen – Transformationen – von medialen Differenzen ab: Das Geschriebene wird hörbar, ein sprachlich formulierter Operator („Sprachbefehl“) wird auf Knopfdruck animiert. Wenn wir uns aus-drücken, übersetzen wir uns sinnlich selbst, schreiben auf ein Blatt, was wir fühlen oder bewegen uns im Raum nach Tönen.


„Informator“ (drücken, sehen, hören), mit freundlicher Genehmigung von: © Yaron Zimmermann

Schnittstellen ermöglichen die Aufrechterhaltung von Kommunikation zwischen unterschiedlichen Sinntätigkeiten (Sehen, Hören, Schreiben, Sprechen) und technischen Medien, z. B. am Fahrkartenautomaten – und ermöglichen uns, ein sinnlicher Körper zwischen anderen Körpern zu sein. Schnittstellen sind gleichsam Fähren: sie ermöglichen den Transfer, aber sind nicht das Transportierte selbst (auch wenn sie sich selbst mitschleppen müssen). Sie können als Medium verschiedene sinnliche Qualitäten transformieren. So betrachtet, ist eine Leinwand (surface!) zugleich Schnittstelle und Medium zwischen künstlerischer Arbeit und visueller Wahrnehmung. Auch ein Gesichtsausdruck kann eine Transformation zu gedanklichen Interpretationen auslösen – als Kommunikation inter faces.

S-Bahnhof Schönhauser Allee, Berlin
„Der fruchtbare Augenblick“, S-Bahn Station Schönhauser Allee, vom Bahnsteig aus fotografiert © Hans Georg Köhler, 2020, VG Bild-Kunst Bonn

Unsere Sinnestätigkeit wird anhand zunehmender transformatorischer Schnittstellen-Praxis in Stadträumen auf ein funktionales Moment der Wahrnehmung getrimmt. Dieses funktionale Moment ist als visuelle Überformung von Bedeutungen, Gesten und sozialen Codes vielfältig in erstickender Werbung zu erkennen. Das Wahrzunehmende, besonders in urbahnen Arealen wie Bahnhöfen und zentralen Plätzen, wird kontextuell, funktional auf „rein formale Werte“1Vgl. Brian O‘ Doherty. In der weißen Zelle/ Inside the White Cube. Hrsg. Wolfgang Kemp. Merve Verlag Berlin: 1996. Seite 10  und Produkte umgedeutet, abgestellt. Wir sind irritiert oder erleichtert, wenn wir etwas wahrnehmen (können), das nicht als Schnittstelle definiert ist, noch ohne äußerliche Funktion ist.
Die menschliche Wahrnehmungsbegabung – unser evolutionärer Vorteil – wird an Werbeplätze vertickt, funktional besetzt vernetzt.
„Die herrischen Buchstaben und Bilder zwingen uns zum Lesen, während die Dinge der Welt unsere Sinne um Sinngebung anflehen. Letzere bitten; erstere kommandieren. Unsere Sinne Schaffen den Sinn der Welt. Unsere Produkte haben schon – flache – Bedeutung, die um so einfacher wahrzunehmen ist, je weniger elaboriert, je näher dem Abfall sie sind. Bilder, Gemäldemüll; Logos, Schriftmüll; Werbung, Blickmüll; Werbespots, Müllrückstände der Musik. Diese einfachen und niederen Zeichen drängen sich von selbst der Wahrnehmung auf und verstellen die schwierigere, diskrete, stumme Landschaft, die oft daran zugrunde geht, dass sie nicht mehr gesehen wird, denn es ist die Wahrnhemung, die die Dinge rettet.“2Michel Serres. In: Das eigentliche Über. Verschmutzen, um sich anzueignen. Berlin 2009. Seite 76 – zitiert in: Byung-Chul Han, Topologie der Gewalt. Matthes & Seitz Berlin: 2011. Seite 143

 

 

  • 1
    Vgl. Brian O‘ Doherty. In der weißen Zelle/ Inside the White Cube. Hrsg. Wolfgang Kemp. Merve Verlag Berlin: 1996. Seite 10 ↩︎
  • 2
    Michel Serres. In: Das eigentliche Über. Verschmutzen, um sich anzueignen. Berlin 2009. Seite 76 – zitiert in: Byung-Chul Han, Topologie der Gewalt. Matthes & Seitz Berlin: 2011. Seite 143 ↩︎

40, Sirenen

 

 

 

39, Identität, external

Identität: oft verklärend beschrieben als Merkmal von kulturell geprägter Persönlichkeit, abgrenzend zu anderen sogenannten kulturellen „Prägungen“ – scheint im Kampf um Abgrenzungsnischen institutionell eingeübten Repräsentationsstrukturen zu folgen. Ist „Identität“ nicht eine Maske, dünn oder dick geschminkt, des im sozialen Umfeld und Berufsleben jahrzehntelang geprägten Kontinuums von Anpassung, Zwang und Einverständnis, das sich gleichgesetzt fühlt mit dem Verständnis von familiären Abläufen oder betrieblichen Prämissen? Das eigene Leben mit dem sozialen Umfeld synchronisiert zu haben, sich damit zu identifizieren, ist das persönliche Identität?  Diese mit Anpassungsdruck aufrechterhaltene Kontinuität des Einverständnisses zum Beruf, zur funktionalen sozialen Struktur ist darauf aus, den von der Umwelt gestellten Bedingungen zu folgen, d. h. mit den Bedingungen der Verhältnisse – als Forderung gegen die sie befolgende Person – identisch zu werden. Diese identifikatorische Verschmelzung ist leichter, angenehmer zu realisieren als den Widerspruch zur funktioneller Identität anzuerkennen und auszuhalten.


Amelia Horgan, in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 113, 17. Mai 2022. Seite 11

Der angenommene Job, das geschulte Sich-zu-Markte-tragen, als der übliche, lebenserhaltende Sinn bürgerlicher Berufe kulminiert zur pragmatischen Über-Ich-Institution einzuhaltender Realitäts– bzw. Repräsentationsbezeugung, die sich als instrumentalisierte Biografie eines im Produktionsprozeß zu Affirmation geschliffenen Menschen fassen lässt. Persönliche Identität als Depersonalisierung, als Abbau von Persönlichkeit, findet innerhalb technokratisch administrierter Strukturen, dem sogenannten sozialen Umfeld statt. Diese vor allem im Beruf erarbeiteten Bewegungs-, Entwicklungs- und Erfahrungsstrukturen setzen sich im Rhythmus der zu leistenden Arbeit als Identität fest: als Beruf, als gewohnte, aufgewöhnte soziale Konstruktion.
Wenn Wirklichkeit eine soziale Konstruktion ist, ist Identität auch eine.
Festgesetzt in einer formal überschaubaren wie formal abgesicherten (Arbeits-) Struktur, bietet diese zugleich Sicherheit – durch erwartbare Ereignisse – für den eigenen Handlungsraum wie Repräsentationsraum und gewährleistet damit eine Koordination innerhalb der eingenommenen, ertragenen Unbeweglichkeit, Fixierung. Für einen Job, eine Lebensidee. Diese Identität meint das Identischsein mit einer auszufüllenden Funktion, die mehr oder weniger alle – unpersönlich – betrifft. Solche Identität anonymisiert die Person durch identitäre Repräsentationsmacht, in der sie gefangen ist. Der mit seinen Anpassungsleistungen identisch gemachte, gewordene Mensch, ist mit den ihm gegenüberliegenden Apparaturen, Methoden aufgefüllt und verknüpft. Er unterliegt ihnen. In der zu vollziehenden Versachlichung (als Anonymisierung in produktionstechnischen Prozessen) wird schwerlich was zu finden sein, was ein persönliches Moment inmitten der Paketverteilung oder am Bankschalter darstellt, wenn das Ich-Gesicht durch Betriebsanweisungen ausgelöscht wurde. Wie ist die Suche nach menschlicher Identität im produktionsimmanenten Umfeld zu definieren? Dort, wo zwischen den Abläufen die funktionelle Person in Arbeitsbereiche geschnitten werden muß (Stichwort: Arbeitsteilung), um angewiesene Arbeits-Schnittstellen zu bedienen, werden Anschlüsse für die Produktion (und ihre Derivate, wie Ideen, Ideologien und Waren) erzeugt. Es wird eine Repräsentation von Identität erzeugt, die als (kulturelle, sexuelle, ethnische usw.) Divergenz von verschiedenen Marktsegmenten angesprochen wird.

Gayatri Chakravorty Spivak: „Ich glaube nicht, dass Handlungsfähigkeit notwendigerweise aus Identitätsansprüchen folgt. Wie ich […] aufgezeigt habe, stellen Identitätsansprüche politische Manipulationen von Leuten dar, die eine bestimmte Eigenschaft miteinander teilen; sie bilden also eine Art appellatives Konszept, das dazu aufruft, eine bestimmte Rolle einzunehmen.“1Gayatri Chakravorty Spivak. Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Verlag Turia + Kant Wien: 2008, Seite 130

 

 

  • 1
    Gayatri Chakravorty Spivak. Can the Subaltern Speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation. Verlag Turia + Kant Wien: 2008, Seite 130 ↩︎

38, Das kollaterale Objekt

Die Idee des sogenannten industriellen Fortschritts meint doch: Das unendlich erscheinende Ganze, die Nacht mit Düften Geräuschen und Sternehimmel in lauter endliche Einzelheiten einzuschmelzen, in Gas, Fett, Metall, Bewegung, Information und Knochen – um endlich all das in Geldwerte, korrumpierende Ideen, wohlmögliche Märkte einzuschmelzen. Darauf ausgerichtet, alles in der Umgebung in eine kategoriale Erkenntnis oder Ebene eines Produktes zu zwingen. Aber etwas zu haben, ist noch nicht das Ganze – die ganze Welt durchpflüge ich mit meinem SUV. Die auf rational gesicherte Kategorien abzielende Methode – die das homogene, intakte, also auf die Sinne überschäumende Phänomen als Objekt von anderen trennt und damit als einzelnes Objekt schwächt, verendlicht, begriffsfest macht, aus seinem unentdeckten Wirrwarr seiner Zusammenhänge herausreißt, ist bereits ein Symptom (Zeichen, Hinweis) der institutionellen Versschrottung des Planeten und des sich technokratisch aussprechenden Objektivierungs­zwanges im Produktionsprozess. Der Produktionsprozess  kann sich mit dem ihm eingewobenen Kontrollinstanzen – was dem angestrebten Produkt nicht gleicht, fliegt raus – aufs finale Einzelne stützen, aufs abgeordnete Detail, auf die objektiv erzwungenen Parameter. Wird tatsächlich etwas verstanden, weil man es beschreiben, kontextuell differenzieren und in Produkte oder Bienalen stecken kann? Diese aus dem Objekt, Phönomen gebrochenen Details werden der Umgebung als destillierte wie vereinzelte Produkte – Phänomene – wieder eingesetzt, vorgesetzt. Eine produktorientierte Profilierung der Wahrnehmung nun abhängt von der Herstellung von prothesenhaften Extremitäten, Details, Gegenständen, von der zu erreichenden Objektivierung (innerhalb bestimmter Disziplinen). Man beobachtet Symptome – was schon Isolierung einbegreift – in derselben Weise, wie Sterne beobachtet werden.1J.-Ch. Sournia, in: Michel Foucault, Die Geburt der Klinik, Fischer Verlag, Seite 13 Diese Profilierung der Wahrneh­mung ist besonders im Bereich der industriellen Produktion, Klinik und Kunst zu konstatieren.2„Betrachtet man [die Klinik] aber in ihrer Gesamtstruktur, so erscheint die Klinik als eine für die Erfahrung des Arztes neue Profilierung des Wahrnehmbaren und Aussagbaren: als Neuverteilung der diskreten Elemente des körperlichen Raumes (z. B. Isolierung des Gewebes als zweidimensionaler funktioneller Ebene, die sich von der funktionierenden Masse des Organs abhebt und das Paradox einer >>inneren Oberfläche<< schafft); als Reorganisation der Elemente, die das pathologische Phänomen konstituiert (die Botanik der Symptome wird von einer Grammatik der Zeichen ersetzt); als Definition der linearen Reihen der Krankheitsereignisse (im Gegensatz zur Verzweigung der nosologischen Arten); als Einfügung der Krankheit in den Organismus (Verschwinden der allgemeinen Krankheitswesenheiten, die die Symptome zu einer logischen Figur vereinigten, zugunsten einer Lokalisierung, die die Krankheit mit ihren Ursachen und Wirkungen in einem dreidimensionalen Raum ansiedelt).“ Michel Foucault. Die Geburt der Klinik. Fischer Verlag: 2005. Seite 16


© Hans Georg Köhler, „Bunker Berlin Boros“, VG Bild Kunst Bonn, 2010

Ich führe das hier an, weil mir scheint, dass diese auf voreingenomme Kategorien zielende Profilierung der Objekte eine Methode ist, die einen weiten Möglichkeitssinn an Wahrnehmbarkeit auf eine vorbestimmte Beschreibungs- bzw. Begriffsstruktur abstellt. In der Kunst greift diese Objektievierung als Kontextualität ähnlich determinierend in den Wahrnehmungsgehalt ein: die ohnmächtige Frage „Was will der Künstler damit sagen“ zielt auf das Ergebnissorientierte Bemächtigungsbegehren – da muß doch irgendwas objektiv sein? Dieser Ausgeschlossenheit vor der Fülle des Objekts – des Kunstwerks – wird mit kontextuellen Möglichkeiten aufgefüllt, ausgeglichen.

 

 

  • 1
    J.-Ch. Sournia, in: Michel Foucault, Die Geburt der Klinik, Fischer Verlag, Seite 13 ↩︎
  • 2
    „Betrachtet man [die Klinik] aber in ihrer Gesamtstruktur, so erscheint die Klinik als eine für die Erfahrung des Arztes neue Profilierung des Wahrnehmbaren und Aussagbaren: als Neuverteilung der diskreten Elemente des körperlichen Raumes (z. B. Isolierung des Gewebes als zweidimensionaler funktioneller Ebene, die sich von der funktionierenden Masse des Organs abhebt und das Paradox einer >>inneren Oberfläche<< schafft); als Reorganisation der Elemente, die das pathologische Phänomen konstituiert (die Botanik der Symptome wird von einer Grammatik der Zeichen ersetzt); als Definition der linearen Reihen der Krankheitsereignisse (im Gegensatz zur Verzweigung der nosologischen Arten); als Einfügung der Krankheit in den Organismus (Verschwinden der allgemeinen Krankheitswesenheiten, die die Symptome zu einer logischen Figur vereinigten, zugunsten einer Lokalisierung, die die Krankheit mit ihren Ursachen und Wirkungen in einem dreidimensionalen Raum ansiedelt).“ Michel Foucault. Die Geburt der Klinik. Fischer Verlag: 2005. Seite 16 ↩︎

36, Lieben als Abhängigkeit, Gefühle als evolutionäre Simulation

Variante 1: Dieses „Alles für den Anderen zu geben“ („Ich lege die die Welt zu Füßen…, um dich ein einziges Mal zu küssen“, Nena), oder eben „alles haben zu wollen“ („Ich will alles und zwar sofort…“ Gitte Henning), was nur die andere Seite des Stücks, – so oft besungen, beschworen beschlagert – zeigt vorweg einen in Kauf genommenen Verlust, eine freiwillige Herausgabe von Ich-Teilen, von eigenen Kontroll-Bereichen an. Wie zum Trotz gegen sich, gegen die ungenügende Selbstliebe – zu schwach sich selbst zu lieben, wirft man sich vor andere Füße. Als gelte es, die Selbst-Unterwerfung gegen sich wiederholt am Anderen abzugelten oder gern anzubieten, dienend: mit den eigenen Schwächen und eingeübten Bedürftigkeiten.

Variante 2: Die Abhängigkeit vom narzisstischen Körper, die Bedürftigkeit nach sich selbst, braucht die Hülle des Spiegels, die Haut ein Spiegel, die der Andere mit jeder Pore bereithält. Das Liebesopfer für sich selbst – sich selbst mehr zu lieben als den Anderen – braucht einen Zeugen. Hier wird die eigene, liebende Person im Liebesver­hältnis aus sich heraus, weg von sich abgearbeitet.1„In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt; der Liebende aber ist allemal der mehr Liebende. Während das Opfer, das er bringt, glorifiziert wird, wacht man eifersüchtig darüber, daß dem Liebenden das Opfer nicht erspart bleibe. Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft. Die Unfähigkeit zur Herrschaft über sich und andere, die seine Liebe bezeugt, ist Grund genug, ihm die Erfüllung zu verweigern. Mit der Gesellschaft reproduziert sich erweitert die Einsamkeit. Noch in den zartesten Verzweigungen des Gefühles setzt der Mechanismus sich durch, bis Liebe selber, um überhaupt noch zum andern finden zu können, so sehr zur Kälte getrieben wird, daß sie über der eigenen Verwirklichung zerfällt.“ Adorno, Horkheimer. Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag. Seite 80  Wie aus Überfluß mit sich selbst wagt man die Lehre des Anderen? Aus Mangel an Liebeserfüllung mit sich wirft man sich vor neue Spiegel, zu neuen Angesichtern, um bekannte Verluste zu bezeugen! Das hungrige Ich kann nicht gestillt werden – nicht mit den eigenen Schwächen, Abhängigkeiten. Jede körperliche Anteilnahme bedeutet doch, Teile vom Ich zu geben, herauszurücken, um den Austausch der Bemächtigungszonen mit dem Herrscher, der Herrscherin einzuleiten, endlich den Verlustrausch zu feiern. Der physisch und psychisch in Wortkleidern versteckte Terror kommt später: In der abhängigen – toxischen – Beziehung. Das Gefühl, sich nicht als angenommen zu bekommen – im Begriff des Mangels nach dem Anderen ausgedrückt – ist stärker, als sich zu verlieren oder sich selbst (mit den eigenen Defiziten) anzunehmen. Was die Eltern nicht als Selbstverständnis des Geliebtseins aufbrachten, ist die Wunde. Ich höre oft sagen: Ich möchte geliebt werden, wie ich bin. Aber erst, wenn du geliebt wirst, kannst du sein, wie du bist.

Variante 3: Die fatale, aber praktikable Vorstellung, den Begehrten, Geliebten eng an sich zu fesseln, im eigenen Körper zu verstecken, damit der geliebte Mensch zum erfühlbaren Teil des eigenen Körpers werden kann, als Objekt ihm förmlich anhaftet, mit ihm verhaftet, internalisiert ist und den Angefesselten tatsächlich beeindruckt, erzeugt ebenso eine Angst vor dem Verlust oder Abfall des körperlich eingemeindeten, geliebten Areals. Das liebende Wesen ist ein teilendes Wesen. Das geliebte Wesen kann sich fragen, was es geben kann oder will: „Was willst Du von mir“.
Das, was als Projektion des eigenen Begehrens am Begehrens-Objekt vorweggenommen, vorgezeichnet wurde – selbst der Erfüllungsort des Begehrens des anderen Menschen zu sein – wird im Falle des Scheiterns, der andere begehrt den Begehrenden nicht, am eigenen Leib praktisch nach- oder eingeholt. Es beginnt der Hass gegen die eigene Schwäche, Bedürftigkeit, einen anderen begehrt zu haben ohne die Gewissheit, Hoffnung, sich selbst als liebenswert zu empfinden – also sich nur der hoffenden Projektion ausgeliefert zu haben. Die bedürftige Psyche schlägt in Organität, in pathologisch gewordenes Leiden um: die psychischen Dellen werden sprachliches Organ: Selbst-Zweifel tarnt sich als Melancholie macht sich breit, eine Trauer um das verlorene Objekt vielleicht in der Lyrik. Das körperliche Ergriffensein weicht in einen sprachlich verkürzten Bedeutungsraum aus, in eine sinnlich überschießende Anschlussfähigkeit, die eine Verlustanzeige markiert. Endlich: Das Gefühl unvollständig zu sein, befördert die Verklumpung der Anhängsel, verrührt die ungefüllten Leerstellen des Bedürfnisses nach Zuneigung zum ästhetischen (sprachlichen) Haufen, eingeleitet von der Erfahrung, unvollständig gemacht geworden zu sein: Der andere Mensch hat die eigene Leere gezeigt (erzeugt). Der so eingeholte körperlich sich suchende, sich ausdrückende Mangel an Aufmerksamkeit im Liebesschmerz ist zumindest durch die räumliche Nähe – der Schmerz bleibt bei dir, du bist der Schmerz – abgeschwächt. Der Schmerz will behalten sein. Die sich körperlich ausdrückenden Liebes- und Erfahrungszustände, die sich als körperlich empfundener Verlust der Liebes-Erfahrung breit machen, treiben den klagenden und beklagten Körper zu ausgleichenden Wucherungen. Phantomschmerz oder künstlerische Liebessehnsucht. Hier irgendwo der Umschlagplatz der Liebes- oder Hassgefühle in ästhetische Bewältigungsformen: Expression. Die Aggressionslust gegen das sich wehrende Liebesobjekt scheint natürlich, denn das vereinnahmte, versteckte Liebesobjekt gilt es zu verteidigen wie sich selbst. So von sich losgelöst, außer sich – unvollständig – verteidigt der Mensch nur sich selbst, indem er den anderen Menschen in sich unterdrückt und nicht losläßt. Das „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst“ ist hier destruktiv: Liebe ihn erst, nachdem du ihn verschluckt hast, dann verteidige ihn sosehr er deine Nahrung ist. Das terroristische Verhalten gegen das eigens zur Liebe gewünschte, begehrte Objekt drückt diese erlebte Unvollständigkeit aus. Im Nicht-Vollzug des Begehrens entwickelt sich ein gewalttätiges Verhalten – auch selbstzerstörerisch – gegen das Liebes-Objekt. Das Liebes-Objekt ist Subjekt im Subjekt geworden. Das Objekt der Liebe, des Begehrens hat den liebenden Körper als Platz, Areal, ja Objekt ergriffen – er ist Objekt der (unerfüllten) Liebe geworden, nicht Herr seiner selbst. Das (objekthafte) Begehren ist in seinen Körper zurückgekehrt. Es ergreift ihn, stürzt fremd und unerklärlich auf ihn ein. Man könnte sagen: Der von Liebe besetzte Körper verlässt sich (geht außer sich), sobald er von Liebe besessen ist. Vom >Objekt< sprechend, befinde ich mich bereits in der Veräußerung des eigenen Begehrens zu einem Objekt hin, dem sich das Begehren ausliefert, aber – wie wir wissen – das Objekt des Begehrens ist der Begehrende selbst.
Die Bildung von Ersatzobjekten des Begehrens – also die Konstruktion einer Zuwendung auf ein Mensch-Objekt ohne dass dieses von seinem Begehrt-Werden erfährt – folgt der immanenten Differenz zum uneingelösten Begehren, das keinen menschlichen Ansprechpartner findet. Wenn aus der Differenz von Begehren und mangelnder Erfüllung sich nichts oder keine Liebe gründen lässt, wird wohl die Projektion auf begehrenswerte Objekte, die Differenz zur Nicht-Liebes-Praxis, als Differenz zur liebenswürdigen Liebe den Körper ausfüllen. Ein Riesenmarkt für Sehnsüchte aller Art gewährt dieser Differenz Aufschub (die Kunst, das Pornografische, die Mode, der Konsum). Das menschliche Begehren ist nicht verhandelbar, es ist existentiell, aber das Bedürfnis kann bedient werden. Sexuelle Verdinglichungen von Menschen – im Sinne des Marktes ist Begehren nur vergegenständlichte Objektivierung von Körperpartien – sind Stellvertreter für uneingeholte Bedürfnisse. Denn jedes (begehrenswerte) Objekt fungiert als Abbildung des nicht eingeholten Liebesversprechens (als Ersatzobjekt) und drückt den zugedeckten Liebesmangel, das unbefriedigte, unbefreite Begehren aus.

 

 

  • 1
    „In der Welt des Tausches hat der Unrecht, der mehr gibt; der Liebende aber ist allemal der mehr Liebende. Während das Opfer, das er bringt, glorifiziert wird, wacht man eifersüchtig darüber, daß dem Liebenden das Opfer nicht erspart bleibe. Gerade in der Liebe selber wird der Liebende ins Unrecht gesetzt und bestraft. Die Unfähigkeit zur Herrschaft über sich und andere, die seine Liebe bezeugt, ist Grund genug, ihm die Erfüllung zu verweigern. Mit der Gesellschaft reproduziert sich erweitert die Einsamkeit. Noch in den zartesten Verzweigungen des Gefühles setzt der Mechanismus sich durch, bis Liebe selber, um überhaupt noch zum andern finden zu können, so sehr zur Kälte getrieben wird, daß sie über der eigenen Verwirklichung zerfällt.“ Adorno, Horkheimer. Dialektik der Aufklärung. Fischer Verlag. Seite 80 ↩︎

35, Objekte: trennen und nähen

Das Erkennen von Eigenschaften eines Objekts (Gegenstandes, Phänomens), seine Einordnung in Kategorien (Farbe, Proportion, Nähe und Distanz und andere Qualitäten) erfordert, vollzieht gleichsam eine Trennung des Beobachters von seinem beobachteten Objekt. Die  Emanzipation des Beobachtenden ist in der tiefsten Nähe zum Objekt seine Abnabelung von dem Objekt und dessen Welt, in der das Objekt zu Hause war. Die Objektwahl, das (sinnliche) Sein im Objekt geht wohl mit dem Entrückt-Sein von Welt einher.

So ist das Ich ein von der Welt mit seinen körperlichen Sinnen getrenntes Wesen, eine
dauernde Naht zwischen Welt und sich selbst und seinen Objekten.

Das erfahrene Anderssein wird durch diesen Prozess der Differnzierung bewußt. Die Formung zum Individuum ist eine Trennung von der Welt durch deren Aufspaltung (Transfromation) in seine Objekte – sie werden vom beobachtenden Individuum aus ihr herausgezogen und damit trennt, emanzipiert es sich stückweit von der Verbindung mit der Welt: Objektivierung als Spaltung von Welt findet statt – eine omnipotente Wahrnehmung, alles sehen hören riechen, erschwert die Scheidung zwischen Sinnlichkeit und Objekt. Für die Dünnhäutigen verschwimmt die Grenze. Jedoch brauchen wir die Differenzierung zum Umunsher, zur Welt, um uns selbst zu finden: gegen das Andere – mit den Anderen. Differenzierung wird durch unsere Sinne vorangetrieben, d. h. die Welt in unseren Differenzierungen wird durch unsere Sinne erst gefunden, dann sortiert, (versprachlicht) eingeteilt. In der Wahrnehmung der Naht zwischen der Welt und uns erkennen wir die von uns, durch uns getrennten Objekte, Dinge, Phänomene und: uns selbst. Wir erkennen uns nicht selbst ohne die Markierung des Anderen.
So ist das Ich ein von der Welt mit seinen körperlichen Sinnen getrenntes Wesen, eine dauernde Naht zwischen Welt und sich selbst und seinen Objekten, und ist ein durch seinen wahrnehmenden Objektivierungssinn losgelöstes Objekt selbst geworden, das sich selbst aus der Welt harausriss. Ja, das Objekt der Beobachtung wird das Subjekt der Beobachtung, wird in ihm – als der Sinn für es – aufgenommen. Die Verschmelzung – oder: Empathie – für das Objekt, das Andere, und dem Subjekt der Beobachtung (der Beobachter) gelingt nach der Trennung, der Differenz von ihm. Alle Objekte, Dinge, die dieses Ich sehen, hören, schmecken, sprüren kann – so schön und farbig, unerklärlich – sind nicht (nur) Ich, nicht es selbst. Die Konstituierung des selbstischen Individuums erfolgt durch seine gegen sich selbst geführte sinnliche Objektivierung.1Vgl. Max Bense. Ausgewählte Schriften. Band 1. Verlag J. B. Metzler Stuttgart Weimar. Seite 34
Das Ich ist das, an dem der Riss durch es selbst geht. Die Erfahrungsstrukturen eigener sinnlich konstatierten Objektivierungen annektieren das Ich, den Körper selbst – (seine Sinne) als Kapital eigener Entfremdungsleistung. Unsere Sinne sind an die von uns entfernten Objekte gebunden. Sie repräsentieren unsere Sinne. So präsentiert mein Kleid oder das Auto nicht nur meinen Sinn für dieses Objekt, sondern es re-präsentiert auch das Objekt meines Sinns als Status meiner Sinnlichkeit. Wahrscheinlich daher die Schwierigkeit, Gelerntes, das einmal eroberte Objekte durch neu provozierte Sinnzusammenhänge aufzugeben: In der Verknüpfung von Wahrnehmungssinn und Sinn für das wahrgenommene Objekt besteht die Schwierigkeit, die Kinderstube der Sinne zu verlassen, also die ersten Sinn-Erfahrungen durch abgeklärte Begriffe, Sprache zu ersetzen, zu überwinden. Der unendliche Seidenfaden des Wissens in den Nervenstrecken kokoniert das Objekt, macht es sprachlich fest. Das Objekt ist uns ausgeliefert, es ist vor uns bewegungsunfähig, kann unseren Sinnen wie Worten nicht entwischen – aber vielleicht fliegt der sich entlarvende Schmetterling einfach davon.

 

 

  • 1
    Vgl. Max Bense. Ausgewählte Schriften. Band 1. Verlag J. B. Metzler Stuttgart Weimar. Seite 34 ↩︎

34, Träumen mit Walter Benjamin

Bei Walter Benjamin gehören die Methode der Montage und die Inszenierung des Traumes, in dem abrupt arrangiert-montierte Zitat-Materialien des Erelebens erscheinen, zusammen: Gedanken als Bilder oder Bilder, Dinge als mögliche Darstellung von Gedanken, Erinnerungen. In der Montage, also in der Isolierung gewohnter Bilder zu Bruchstücken von sinnlichen oder historischen Verweisen, in der konstruktiven Zwangsverklebung konkreter Phänomene (Dinge, Gerüche, erinnerte Ereignisse), wird das montierte Material ver-träumt, neu verklebt, versinnlicht: Die neu arangierten Teile, Formen, Gegenstände… werden aus der Patina ihrer herkömmlichen (biografischen) Verwendung – aus ihrem bisherigen Kontext – heraus-gezogen und assoziativen, spontanen Überlegungen, (Traum-) Erlebnissen zugänglich gemacht: Eine Idee zu haben, ist ähnlich einem Traum: Du assoziierst Gestalten und hoffst darauf, sie in eine eigene Ausdrucks-Realität zu übersetzen, um sie für dich sprachlich verlebendigen zu können. Der methodische – ästhetische – Trick, die Wirklichkeit in den Traum, in ein Traum-Ideengeflecht zu heben, hofft darauf, die erinnert-geträumte Welt der gewöhnten Kontexte in einem neuen Traum-Kontext als pur, nackt wieder vor- und nachzuerzählen und damit zu rekonstruieren, was durch Alltäglichkeit oder in alltäglicher Welt als vergessen galt. Es gilt „mit der Intensität eines Traumes das Gewesene durchzumachen, um die Gegenwart als die Wachwelt zu erfahren, auf die der Traum sich bezieht.“1Walter Benjamin. Das Passagen-Werk. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1982. Erste Auflage 1991. Fünfter Band. Erster Teil. Hrsg. Rolf Tiedemann. Einleitung des Herausgebers. Seite 20  In der traumatischen Wiederholung des Alltäglichen steckt Erkenntnisgewinn: die träumerische, vielleicht traumatische Wiederholung der Erlebnisse ist als eine Übung zur biografischen Konstruktion zu verstehen, wartend auf den Nerven-Kick. Im Augenblick des Erwachens kommt die Hoheit der Gegenwart als Rechtfertigung gegenüber durchlebter Vergangenheit zum Vorschein.2vgl. Walter Benjamin. Das Passagen-Werk. Seite 608 Die möglichen Kontexte, die willkürlich aufgeworfenen Sequenzen des Traums werden als Botschaft, Hypertext in eine beiläufig interessante Alltagspsychologie eingebaut. Verstörende Träume kommen nicht ohne die Reflexion auf die Praxis ihrer Veröffentlichung aus: Ich versuche, mir alle Vorgänge (in Bildern) nachzuerzählen. Die Praxis des Traumes besteht gerade darin, sein Veröffentlichtwerden, im Sich-selber-Nacherzählen zu reflektieren. Befreit vom Begriffsstaub der zwar wach, aber bewusstlos, schlafend erlebten Wirklichkeit, können die (montierten) Dinge, Begriffe, Ereignisse der Traumdeutung, bzw. einer neuen – die Trauminhalte assoziierenden – gestalterischen Ordnung unterzogen werden. Die aus dem Traum geborgenen Dinge, Geschichten sind von ihrem gewöhnlichen Gebrauch befreit und oder neuen Geschichten ausgeliefert. Alles Mögliche ist im Traum möglich. Die (psychoanalytisch) geschulte Neugier, hinter dem geträumten Material etwas wie die Wirklichkeit Entlarvendes zu vermuten – was der Alltag nicht leicht verrät, legt das Erträumte frei –, birgt das verträumte, so montierte Material vor seinem Verschwinden und stellt es als geschichtliches, biografisches Material par excellence auf. Verkrustung und Vergessen aufbrechend. Die Dinge, Produkte als vergegenständlichte Geschichte, die gemacht wurde, welche die Menschen aber nicht mehr kennen, weil sie sie vergessen haben,3„Dem bewusstlosen Tun des träumenden Individuums ist die Geschichte unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen jedenfalls darin vergleichbar, dass sie zwar von Menschen gemacht, aber ohne Bewusstsein und Plan, gleichwie im Traum, gemacht wird.“ Rolf Tiedemann, in: Walter Benjamin. Das Passagen-Werk. Einleitung des Herausgebers. Seite 17. sind im doppelten Sinne traumatisch zu qualifizieren. In der zur Absolutheit gesteigerten Entfremdung der menschlichen Welt gegen sich selbst (auftretend als Vergegenständlichung, Verdinglichung, Instrumentalisierung usw.) lauert eine pathologische Umkehr des Erwachens: das „plötzlich“ eines Tages alles fremd erscheint. Aufwachend in einen bösen Traum hinein: Die Wirklichkeit. Hier bleibt die Dialektik des Träumens dem Erwachenden verschlossen. Die lebendig eingeholte entwirklichende Wirklichkeit im Traum, wird durch die Zuversicht im Traum selber, das es ein Traum ist, was darin als Träumender beobachtet werden kann, wieder in den eigenen Diskurs geholt, gegenwärtig gemacht.4„Die wahre Methode, die Dinge sich gegenwärtig zu machen, ist, sie in unser[m] Raum (nicht uns in ihrem) vorzustellen… Die Dinge, so vorgestellt, dulden keine vermittelnde Konstruktion aus >>großen Zusammenhängen<<.“ Es gelte beim Angesichtigwerden (großer vergangener) Dinge, sie in unserem Raum zu empfangen. „Nicht wir versetzen uns in sie, sie treten in unser Leben.“ Benjamin. DPW. Fünftes Buch. Erster Band, Seite 273 Der Traum ist eine erlebte Einheit aus Existenz und deren Beobachtung. Der Traum macht möglich, was im Wachen sonst als psychotisch gilt: Existent sein (etwas tun) und zugleich es als Beobachter 2. Ordnung zu beschreiben. Es gilt die Träume durchs Erwachen in die Wirklichkeit zu holen, durchs Erwachen sind sie zu verwirklichen = zu konstatieren. In der Wahrnehmungsnach­bildung des Traumes – ich erzähle mir am Morgen, nach dem Erwachen, was ich geträumt habe – wird wiederholt, was der Durcharbeitung harrt: Also der Versuch, das im Traum Erlebte in die selbstische Konstruktion eigener Wirklichkeit einzubauen. Der Traum als Einlösung der angelegten, aber nicht zum Zuge gekommenen Ideen-Wirklichkeit, als Sehnsuchtsort – ICH kann a posteriori entscheiden, wohin mich der Traum führt.
Utopie hängt wesentlich damit zusammen, die Gegenwart träumerisch, träumend gegen den Strich zu bürsten und „träumend auf das Erwachen hinzudrängen.“5vgl. Benjamin. DPW. Seite 59 Die Werft der eigenen Biografie ist der Traum: er gestattet im Schock des Erwachens, glimpflich aus dem Vergangenen heraus zu kommen. Dort, wo die träumende Erinnerung einkehrt und Erzählweisen über das Geträumte anbietet, findet die Vorstellung, die Imagination über sich selbst ihren süßlichen Hafen. Die Sehnsucht nach der zum Guten geschliffenen Vergangenheit, fordert gewisser­maßen ihre Wiederherstellung. Die in Träumen gekennzeichnete Haltung zu Personen, Orten, Geschichten etc. beschreibt weniger ein Status, ein zu erreichendes Ziel, sondern die Differenz zu ihm.

 

 

 

  • 1
    Walter Benjamin. Das Passagen-Werk. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1982. Erste Auflage 1991. Fünfter Band. Erster Teil. Hrsg. Rolf Tiedemann. Einleitung des Herausgebers. Seite 20 ↩︎
  • 2
    vgl. Walter Benjamin. Das Passagen-Werk. Seite 608 ↩︎
  • 3
    „Dem bewusstlosen Tun des träumenden Individuums ist die Geschichte unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen jedenfalls darin vergleichbar, dass sie zwar von Menschen gemacht, aber ohne Bewusstsein und Plan, gleichwie im Traum, gemacht wird.“ Rolf Tiedemann, in: Walter Benjamin. Das Passagen-Werk. Einleitung des Herausgebers. Seite 17. ↩︎
  • 4
    „Die wahre Methode, die Dinge sich gegenwärtig zu machen, ist, sie in unser[m] Raum (nicht uns in ihrem) vorzustellen… Die Dinge, so vorgestellt, dulden keine vermittelnde Konstruktion aus >>großen Zusammenhängen<<.“ Es gelte beim Angesichtigwerden (großer vergangener) Dinge, sie in unserem Raum zu empfangen. „Nicht wir versetzen uns in sie, sie treten in unser Leben.“ Benjamin. DPW. Fünftes Buch. Erster Band, Seite 273 ↩︎
  • 5
    vgl. Benjamin. DPW. Seite 59 ↩︎

33, Collage und Zitat – Geschichte und Kunst

15.08.2021

Der Sinnes-Schock, das Seherlebnis, die Irritation als eine Funktionsreserve in der künstlerischen Arbeit begreifen, um einen Bewegungsspielraum für neue, ungeprobte (technische, formale) Annäherungen zu testen.
Ein künstlerischer Stil, ein handling, ein Brand, eine Handschrift von Künstler, Künstlerin XYZ scheint dagegen eine Art ästhetische Renitenz zu sein, die die Erfahrungsphönomene (die soziale Umgebung) in gewohnter ästhetischer Manier abarbeitet. XYZ antwortet auf neue Umgebungen mit einem eingeübten ästhetischen Formengebrauch und reagiert nicht oder reagiert mit gewohnten Form-Monövern, verweigert eine „ästhetische Anpassung“. Denn was bedeutet eine artifizielle Aufarbeitung von Un-Erfahrung mit gewohnten technischen Konzepten anderes als stilistische Erstarrung, wenn sie lediglich mit gewohnten, eingeübten malerischen, konzeptuellen Mitteln auf die Totalität schockhafter Veränderungen reagiert? Die Abwehr manifestiert sich ästhetisch im alten, angewöhnten Formgebrauch: könnte man sagen. Oder steckt genau darin der Versuch, das Neue, das unbekannte Phänomen auf ein formales Gebaren, auf einen ästhetisch abbildbaren Konsens (Handlungsraum) wieder zurückzuführen und damit in Bewegung zu halten? Es bleibt erstmal nur der Versuch, das Unbekannte, das Neue, die ungewohnte (sinnliche) Erfahrung in alten, vertrauten Vokabeln neu zu vermessen.
Durch die Montage „unzweck­mäßiger“ Gegenstände wie in der Collage, dem ready-made oder anderer formaler Narrative kann ein neuer Kontext etabliert werden, ein Erkenntnis-Schrecken – ein unerhörter Moment – hervorgerufen werden, der ästhetische Interessen provoziert und anspricht. Das Herausreißen von Formen aus ihrem angewohnten Gebrauch – wir denken an das Urinal, das Duchamp 1917 ausgestellt hat – ist stets ein Herausreißen aus ihrem historischen Umfeld. Das Zitieren einer Form, eines Gegenstandes, eines Bildes markiert den Bruch, eine Trennung von seinem geschichtlichen Zusammenhang. Kunst machen heißt also auch Kunst zitieren.1vgl. Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften, Band V-1, Hrgb. Rolf Tiedemann, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main: 1991. suhrkamp taschenbuuch wissenschaft 935. Seite 595. N 11, 3 Die provozierte schockhafte Montage von Formen, Gegenständen, von historisch bzw. sozial verbürgten Zitaten, erfordert wie ermöglicht geradezu das Herausreißen aus ihren gewohnten Kontexten.


Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften, Band V-1, suhrkamp taschenbuuch wissenschaft 935, Seite 595

 

Die aus alten Gebräuchen neu herausgeschnittenen, inszenierten Formen gewinnen eine ästhetische Sprengkraft aufgrund ihrer Losgelöstheit von ihrem bis dato gültigen Kontext. Künstlerische Montage-Technik als formale Korrumpierung von Geschichte brüskiert die Beobachter, reißt sie aus ihrem historisch-erfahrungsmäßigen Kontext. Die entfesselten Montage-Akte können durch ihre nackten, noch interpretationsfreien Tatsachen aus sich selber treten, wenn es methodisch vermocht wird, “die Bedeutung einzig durch schockhafte Montage des Materials hervortreten zu lassen.“2T. W. Adorno. Über Walter Benjamin. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. Hrsg. Rolf Tiedemann, Seite 26 Aus den schroffen qualitativen Differenzen der Materialien (Formen) zueinander und den provozierten Analogien quillt genug Stoff zur Konfrontation mit den besetzten Gebieten, Begriffen usw.3„Ja in der Analyse des kleinen Einzelmoments den Kristall des Totalgeschehens zu entdecken.“ Walter Benjamin. Das Passagen Werk (DPW). stw 935. Seite 13 Dass die kognitiv strukturierte Erfahrung „demnach auf der Gabe beruht, Ähnlichkeiten zu produzieren und wahrzunehmen“4Rolf Tiedemann in der Einleitung: Walter Benjamin. Das Passagen Werk. Band V – 1. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1991. stw 935. Seite 18– was wiederum zu weiteren Ereignisbeschreibungen inspiriert – steht einer planbaren Wirkung von artifiziellen Provokationen entgegen. Gelingt es nicht, die Gewohnheit im Erfahrungmachen zu überwinden, so läuft das Bestreben nach Gewissheit auf ein Gewohnheitsargument hinaus. Die Kreativität besteht darin, Ebenenübegreifend permanente Analogien zu bekannten, gewohnten Abbildern, Vorbildern zu finden. Die Rückführung der unmittelbaren Phänomene auf vermeintliche, vorausgesetzte Kontexte zu bekannten künstlerischen Positionen, also inszenierte, sozial kontextualisierte Ähnlichkeiten, steht der voraussetzungslosen Neugier des Rezipienten, Beobachters entgegen. Diese absichernde Routine der Verweise (Kontexte) auf Bekanntes verschafft Ruhe vor der noch ungewohnten sinnlichen Provokation und könnte als Verteidigung von Beschreibungsnarrativen beschrieben werden, als eine (Angsthafte) absichernde Ruhe vor sinnlichen Extravaganzen. Stets wieder bei sich, dem Bekannten, dem common sense, den schon vorhergebrachten Erfahrungen, abgesicherten Kontexten anzukommen, scheint ein Elixier zeitgenössischer wie prekärer Kunstredeschreiber zu sein. Alles und jede Neuigkeit wird analogisches Material, das auf die Anpassung an schon Gewußtes, Gesehenes geprüft wird. Diese Hyperkontextualiesierung erzeugt einen nivellierenden Erfahrungsraum: In einer Art Horoskop werden nach allen Seiten Deutungen empfohlen, um in allem sich als Beobachter seiner zugemuteten Anpassung mit bekannten, vertrauten Mustern zu versichern und (wieder) zu erkennen. Die Motivation dieser Beschreibungskultur rekuriert auf der Produktion von konstruierten Analogien, Ähnlichkeiten, d. h. sie überhaupt zu finden, zu assoziieren oder zu postulieren: Thomas Scheibitz und Picasso oder: Reisebilder von Albrecht Dürer bis Olafur Eliasson. Und von hier aus muß man nochmal springen: diese gefunden sinnliichen Wirklichkeiten aufeinander los zu lassen.

 

 

  • 1
    vgl. Benjamin, Das Passagen-Werk, Gesammelte Schriften, Band V-1, Hrgb. Rolf Tiedemann, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main: 1991. suhrkamp taschenbuuch wissenschaft 935. Seite 595. N 11, 3 ↩︎
  • 2
    T. W. Adorno. Über Walter Benjamin. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main. Hrsg. Rolf Tiedemann, Seite 26 ↩︎
  • 3
    „Ja in der Analyse des kleinen Einzelmoments den Kristall des Totalgeschehens zu entdecken.“ Walter Benjamin. Das Passagen Werk (DPW). stw 935. Seite 13 ↩︎
  • 4
    Rolf Tiedemann in der Einleitung: Walter Benjamin. Das Passagen Werk. Band V – 1. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main: 1991. stw 935. Seite 18 ↩︎

32, permanent change – vor dem Lernen kommt die Angst

Dass durch vielfältige berufliche, örtliche, soziale Veränderungen gepresste Ich, dass sich auf jegliche Veränderung seiner Lage sich andauernd bereit hält, um flexibel seine empfangenen Treffer zu umschlingen, ist genötigt, die Löcher mit sich selbst zu stopfen und schreit sich zur steten Reformulierung, Erneuerung, Anpassung. Wenn das Pflaster zu klein oder kein Arzt der hilft, dann findet es irgendwann keine Beruhigung mehr, das ihm Gewohnte, das ihm Auf-gewöhnte, anerzogen Bekannte wieder im Neuen zu erkennen, weil ihm die Fäden zwischen seinem Erfahrungsraum und dessen Anwendbarkeit durch das auf ihn einstürzende Neuhinzukommende zerschnitten sind. Dann gräbt die Furcht vorm Verlassensein, vor dem aus der eigenen Geschichtskontinuität Heraus-geschleudert-werden Gräben zwischen dem gewussten – durch Erfahrung stabilisierten – Gestern und unbekannten Heute. Und darin wächst nichts, geht nichts hinein, unfruchtbar. Furchtbar. Ein Paradies für Datenbanken, denn sie können alles von Gestern, von mir wissen, aufzeichnen.
Die Wahrnehmung des Neuen durch den Schock der Veränderung, einen rekursiven Zweifel, vermag die Kontinuität des Gegenwärtig-seins als das Gewohnte „In-der-Welt-Sein“ aufbrechen1Vgl. Albert Zacher, in : Zur Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Angstkrankheit, in: Das Phänomen Angst, stw 1148, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Seite 209, oder weicht einem „Vorbereitetsein“ (einer Erfahrungsresistenz) gegen das Neue, oder was an Schrecken noch lauert. Apathische Coolness: „ich habe keine Ahnung“, wird dann oft gesagt. Die distanzierte Beobachtung reicht nicht aus, das Neue, das erschreckend auftritt, in die Kontinuität der eigenen Erfahrung einzuordnen, zu integrieren. Das neu zu Erlernende als Anpassungsforderung markiert den Riss zwischen der biografisch eingebetteten Erfahrungskontinuität – was bisher als Gewusstes für das Leben ausreichte – und stetig wechselnder wie zustürmender Anpassungsforderung. In diesem Zustand stellt jede Veränderung unmittelbarer sozialer Umgebung die Person in Frage. Um sich der eigenen Erfahrung zu vergewissern, sie als identitäre Konstruktion zu behaupten, zu retten, wird mögliche, neue Erfahrung abgelehnt, aktiv abgewehrt. Diese Lern- bzw. Erfahrungsresistens ermöglicht eine Fixierung, einen Widerstand auf die gefürchteten, deshalb drohenden Veränderungen als hemmendes Areal: Das Neue ist der Feind, der die Person von ihrer Vergangenheit, von ihrem investierten Einsatz in die ehemalige Gegenwart trennen will. Die mögliche Zukunft ist eine Hemmung und wird nicht in neue Erfahrung transformiert, aufgelöst, stattdessen in Abwehr ausagiert. Diese Abwehr (Renitenz) gilt dem Ungewohnten, weil es die bisherige Erfahrung in Frage stellt. Es ist das Nicht-Eingeständnis, das Nicht-zu-geben-können, dass die bisherige Erfahrung nicht als Reaktionsraum für das Neue, Ungewisse ausreicht. Alle gemachte Erfahrung, gelebte Biografie scheint zu nichte. Man reicht nicht aus und mag es nicht zugeben. Die langsame, mühsame und deshalb gewohnte, die sonst übliche Bewegung… ist durch den Erfahrungsschock eine behindernde Bewegung geworden und sie wird in dessen Abwehr gänzlich still gelegt, eingefroren.

 

CHOR
FATZER KOMM

I
Verlaß deinen Posten.
Die Siege sind erfochten. Die Niederlagen sind
Erfochten:
Verlaß jetzt deinen Posten.

Tauche wieder unter in der Tiefe, Sieger.
Der Jubel dringt dorthin, wo das Gefecht war.
Sei nicht mehr dort.
Erwarte das Geschrei der Niederlage dort, wo es am
lautesten ist:

In der Tiefe.
Verlaß den alten Posten.

Ziehe deine Stimme ein, Redner.
Dein Name wird ausgewischt auf den Tafeln. Deine
Befehle
Werden nicht ausgeführt. Erlaube,
Daß neue Namen auf der Tafel erscheinen und
Neue Behehle befolgt werden.

(Du, der nicht mehr befiehlt
Fordere nicht zum Ungehorsam auf!)
Verlaß den alten Posten.

Du hast nicht ausgereicht
Du bist nicht fertig
Jetzt hast du die Erfahrung und reichst aus
Jetzt kannst du beginnen:
Verlaß den Posten.

Du, der die Ämter beherrscht hat
Heize deinen Ofen.
Du, der nicht Zeit hatte zu essen
Koch dir Suppe.
Du, über den vieles geschrieben ist
Studiere das ABC.
Beginne sofort damit:
Beziehe den neuen Posten.

Der Geschlagene entrinnt nicht
Der Weisheit.
Halte dich fest und sinke! Fürchte dich! Sinke doch!
Auf dem Grunde
Erwartet dich die Lehre.2Bertolt Brecht, Der Untergang des Egoisten Fatzer – Bühnenfassung von Heiner Müller, edition Suhrkamp 1830, Neue Folge Band 830, Erste Auflage 1994, © Stefan S. Brecht 1967, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Seite 116 f

 

 

  • 1
    Vgl. Albert Zacher, in : Zur Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Angstkrankheit, in: Das Phänomen Angst, stw 1148, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Seite 209 ↩︎
  • 2
    Bertolt Brecht, Der Untergang des Egoisten Fatzer – Bühnenfassung von Heiner Müller, edition Suhrkamp 1830, Neue Folge Band 830, Erste Auflage 1994, © Stefan S. Brecht 1967, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Seite 116 f ↩︎