257, Aufklärung – voll Licht

Aufklärung, enlightment, dort wo Licht ist, Donnerblitze als Teilung der Welt in Buchstaben voller Licht. Gegen die ungeklärten Ungetüme der Welt springen wir im Licht hinaus zu den Gegenständen1Vgl. Friedrich Schiller. Über die ästhetische Erziehung des Menschen. 26. Brief, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. Günter Helmes und Werner Köster. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002. Seite 84 oder in Theorienetze, um vor dem unbekannt Erhellten zu flüchten oder es zu bannen. Intelligenz als Angstvermögen. Reflexion – ein Modus der Angstabwehr: Die Konstruktion eines Verstehens als Bewältigung der Ängste.
Intelligenz als ein Attribut des Angstvermögens? Angst-Haben und Zweifeln-Können als ein Möglichkeitssinn des durch die neuronale Netzwerkstruktur eröffneten Vorstellungsraumes. Zeigt nicht das Zweifeln noch Spuren der Angst in der Ungewissheit, des Schwankens vor dem gedachten-phantasierten Vorgestellten auf? Wissenschaft wäre apriori nicht nur der intelligiblen Möglichkeiten des Menschen zuzuschreiben, sondern sie entspränge seiner Fluchtbewegung vor den von ihm erkannten Möglichkeiten: Angstbewältigung vor den unbestimmbaren, ungewohnten Phänomenen. Erklärungsmodelle ermöglichen die Netze gegen die Welt enger zu stricken. „Wenn etwas nicht konkret ist, konkretisiert man es auf eine Weise, die von Ferne ziemlich merkwürdig aussieht: man erfindet eine dieser Skalen. Indem man dies tut, kann man eine komplette, verfluchte, amorphe Sache nehmen und auf eine Zahl reduzieren, schon ist sie real und konkret. Im logischen Sinne ist das eine unmögliche Aufgabe. Aber man macht es, und schon ist sie real … wenn die Sache also global, allgemein, amorph und vage ist – gibt man ihr eine Zahl.“2 Zitat von John H. Weakland: Conversation – but what kind? In: Steve De Shazer. „…Worte waren ursprünglich Zauber“. Verlag modernes lernen: Dortmund 2. Auflage 1998. Seite 114 Eine Flucht hin zu theoretischen Instanzen – weg vom Widersprechenden (mit dem Widerspruch arbeitend), raus aus den Höhlen (mit Höhlengleichnissen aus den Höhlen aufsteigend)..  Angestellte Theorien als ein abgesicherter Modus der Beruhigung mittels technisch-formaler Kompetenzen der Wissenschaft, um aus den Verrückungen, Verrücktheiten herauszukommen. Denken als Gesundwerdenwollen: die Suche nach Invarianz (Homöostase) im Gestrüpp vielfältiger Variablen. Weil gedacht werden kann, weil jegliches Unhinterfragte nunmehr Zweifel, Angst, Schrecken, Öffnung und wieder Nachdenken herstellt, braucht das vernunftbegabte Tier Erklärungen – Aufklärung: Dünn gedrucktes Licht aus Buchstaben. Den Wissenschaften ist gemein, dass sie nach Gewissheit ringen und Gewissheitsversprechen gaben. Die zerrissene Realität, die unterbrochene Konsistenz, die unmenschlichen Leerstellen, der verlorene Bedeutungszusammenhang muten insofern paradox an, als wurden sie nur deshalb präsent, weil nach deren Bedeutung gefragt werden konnte. Diese erarbeiteten – erfürchteten – Diskontinuitäten wurden mit dem Anspruch auf ein Gewissheitsversprechen überbrückt. “In einer Welt unmittelbarer Sinnesdaten, in der keine Körper postuliert (posit) und keine Fragen aufgeworfen würden, hätte die Unterscheidung von Wirklichkeit und Täuschung keinen Platz. Das Postulieren von Körpern ist bereits rudimentäre Physik; und erst nach dieser Phase können die lästigen Unterscheidungen des Skeptikers Sinn ergeben. Man muß zuerst Körper postulieren, um ein – wenn auch dürftiges – Motiv dafür zu haben, eine unverbindliche Welt des unmittelbar Gegebenen hinzunehmen.“3W.V. Quine. Die Natur natürlicher Erkenntnis. In: Analytische Philosophie der Erkenntnis. Hrsg. von Peter Bieri, Verlag Beltz Athenäum: Weinheim. 4. Auflage 1997. Neue Wissenschaftliche Bibliothek. Seite 422.

 

 

 

 

  • 1
    Vgl. Friedrich Schiller. Über die ästhetische Erziehung des Menschen. 26. Brief, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. Günter Helmes und Werner Köster. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002. Seite 84 ↩︎
  • 2
    Zitat von John H. Weakland: Conversation – but what kind? In: Steve De Shazer. „…Worte waren ursprünglich Zauber“. Verlag modernes lernen: Dortmund 2. Auflage 1998. Seite 114 ↩︎
  • 3
    W.V. Quine. Die Natur natürlicher Erkenntnis. In: Analytische Philosophie der Erkenntnis. Hrsg. von Peter Bieri, Verlag Beltz Athenäum: Weinheim. 4. Auflage 1997. Neue Wissenschaftliche Bibliothek. Seite 422 ↩︎

256, Hirngespinste und Sehnsüchte als sozial-medialer Orkus

Im Orkus: Social-Media
Technisch-kommunikative Möglichkeiten der Körperausweitung als körperlich-menschliche Katastrophe: Die Ausweitung kommunikativer bzw. kommunizierter Körper- und Wahrnehmungszonen durch die weltweit mögliche Präsenz ihres Kommunizierens entzieht dem Körper die Kontrolle über seinen Kommunikationsraum.
Der Konsum technischer Kommunikationsmedien entkörpert die praktischen Lebenssinne seiner Konsumenten (– oft ungewusst über die Folgen, beginnen die Kleinkinder damit). Wahrnehmung wird auf Kommunikation von Wahrnehmungen reduziert: Wahrnehmung von Lebensbezügen reduziert auf den FB-Insta-Tiktok-Kanal – der Selbstentmündigung zum Preis. Leichtfertig lassen sich Nutzerinnen zu Produkten ihrer Sehnsüchte verführen. Auf dem Weg zur Inthronisierung des eigenen Ichs im Universum der durch Wahrgenommen-Sein definierten bürgerlichen Individualität, übergibt dieses Ich alles von sich der medial-digitalen Offerte des Wahrgenommen-Werdens. Eine Abhängigkeit gegenüber dem technifizierten Erfahrungsersatz von Individualität entsteht: das Ich geht online, fickt Algorithmen (statt seinesgleichen) oder wird von ihnen gefickt. Die körperlichen Kommunikations-Prothesen übernehmen das Kommando. Vollzug von körperlicher Erfahrungskälte macht sich breit: der Rollator sozialer Medien entkoppelt den Nutzer von leiblicher Fortbewegung. Technisch-kommunikative Prothesen exterritorialisieren den menschlichen Handlungsspielraum – dem Life-Sprechen-Hören via Screen fehlt die leibliche Präsenz des Gesprächspartners: die leibliche Interaktion findet nicht statt. Der menschliche Bewegungsapparat sitzt auf der Couch und zieht sich Erfahrung ohne eigene Erfahrungs-Bewegung rein: Inhalt ohne Erfahrung: Flachbildschirmgeschichten. In diesem sich entwickelnden leiblich-sozialen Hohlraum nehmen (erfahrungslose) Ängste Platz: Das, was über eine Person gesagt wird – statt mit ihr – übernimmt die Kontrolle über ihre (vermeintlichen) sozialen Interaktionen. Das Ich wird in seinen selbst (?) gewählten sozial-medialen Prothesen exterritorialisiert, aus seinem sinnlich anfassbaren Leben herausgeworfen. Reals als verpasste Chance, mit anderen zu sein, aber: Selbstgewissheit simulierend. Guy Debord:„Das Spektakel ist nicht ein Ganzes von Bildern, sondern ein durch Bilder vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis zwischen Personen […] Es ist vielmehr eine tatsächlich gewordene, ins Materielle übertragene Weltanschauung. Es ist eine Anschauung der Welt, die sich vergegenständlicht hat […] In allen seinen besonderen Formen – Information und Propaganda, Werbung oder unmittelbarer Konsum von Zerstreuungen – ist das Spektakel das gegenwärtige Modell des gesellschaftlich herrschenden Lebens […] Form und Inhalt des Spektakels sind identisch die vollständige Rechtfertigung der Bedingungen und der Ziele des bestehenden Systems. Das Spektakel ist auch die ständige Präsenz dieser Rechtfertigung, als Besetzung des wesentlichen Quantums der außerhalb der modernen Produktion gelebten Zeit […] Das Spektakel will es zu nichts anderes bringen als zu sich selbst.“1Guy Debord, Gesellschaft als Inszenierung, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. von Günter Helmes und Werner Köster, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, Seite 239 – Das mediale Spektakel auf „social media“ ist die konsumierte Fratze einer Als-ob-Individualität im Spiegel produzierter Sehnsüchte. Medusa Facebook Insta Tiktok.

Eine andere Seite:
Der Prozess der technischen Entnabelung vom eigenen Leib schlägt in die Konstruktion der Bedrohung, in Angst vor Entleiblichung um. Theoretisch angenommene oder konsumierte Bedrängungen des Körpers wuchern zu sinnlicher Dichte: Die Wahrnehmung der kommunikativen Surrogate verstrickt sich in die eigenen Nerven. Die erklickte virtuelle Vorstellung der vom Ich konsumierten Außenwelt, setzt dessen Spaltung von ihr in Gang: Die netzweiten Verbindungen mit der Welt am Monitor entwurzelt den betroffenen Menschen vom tatsächlichen sozialen Verkehr. Hier entwickelt sich die Abwehr (Ausschließung) von allem, was dieses Ich (technisch) kommunikativ bedrängt, zu manifesten psychischen Konstruktionen: die sogenannten sozialen Blasen. Diese Konstruktionen des angenommenen Bedrohtseins (Angstzustände) durch zu bedienende virtuellen Kommunikations-Apparate engt das betroffene Ich so weit ein, dass das vermeintlich angedroht Ereignete – die einwabbernden „positiven“ Klicks – die Kontrolle über die Lebenspraxis übernimmt. Die kommunikativen Blasen wachsen sich zu Verschwörungs-Trash aus und vermitteln angstschwere Lebenspraxis (zumindest im social-media-Kosmos). Die sich einander verstärkenden Blasen digitaler Produktion sind tatsächlich zu groß, als mit ihnen zu leben: zu teilende Informationen werden als Köder mißbraucht, aufeinander loszuschreien. Kommunikationsteilnehmerinnen sind Gegner, die einem via Händi zu nahe kommen.2Verschiedene Begriffsebenen werden mit anderen schnell durcheinander gemischt, auf etwas gelenkt, was unabweisbar „wahr“ ist. Z. B. gelingt es der DB auf Facebook nicht, einen Thread in FB sachlich zu halten, wenn sie eine neue Lokomotive o.ä. vorstellt – es mündet nach wenigen Beiträgen in das Fahrplanmißmanagement der DB.
Diese virtuellen, wie angsterfüllten kommunikativen Landschaften aus selbstverstärkenden Annahmen werden medial gelernt und sind als Anpassung an diese digital-mediale Kommunikation als Lernen zu fassen: als Anpassung an den Konsum übernommener wie selbstratifizierter Vorstellungen, als die Bestätigung und Betätigung einer selbstentmächtigenden vorallem virtuell überlieferten sozialen Umwelt. Vielleicht liegt es daran, dass wir als Subjekte unsere Spaltung von vorauseilendem Intellekt und dessen körperlichen Vollzug– in welchen Medium auch immer – zu überwinden suchen.3„Das Problemtische am Menschsein ist heutzutage, dass sich aus unserer Subjektivität nie ein sinnvolles Ganzes ergibt. Das Subjekt ist immer gespalten, immer geteilt, verspürt einen Mangel.“ McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 92

Verantwortung für sich und für alle zu übernehmen als ständige Infragestellung des sozialen Ichs. Hier: unterschreibe die Petition… „Nein, ich will nicht!

Too much too much (Songtext von Bonaparte, 2008, Link: https://genius.com/Bonaparte-too-much-lyrics)

 

 

  • 1
    Guy Debord, Gesellschaft als Inszenierung, in: Texte zur Medientheorie, Hrsg. von Günter Helmes und Werner Köster, Philipp Reclam jun. Stuttgart 2002, Seite 239 ↩︎
  • 2
    Verschiedene Begriffsebenen werden mit anderen schnell durcheinander gemischt, auf etwas gelenkt, was unabweisbar „wahr“ ist. Z. B. gelingt es der DB auf Facebook nicht, einen Thread in FB sachlich zu halten, wenn sie eine neue Lokomotive o.ä. vorstellt – es mündet nach wenigen Beiträgen in das Fahrplanmißmanagement der DB. ↩︎
  • 3
    „Das Problemtische am Menschsein ist heutzutage, dass sich aus unserer Subjektivität nie ein sinnvolles Ganzes ergibt. Das Subjekt ist immer gespalten, immer geteilt, verspürt einen Mangel.“ McKenzie Wark, in: Raven, Merve Verlag Leipzig 2024, Seite 92 ↩︎

254, Alles so bunt hier: Verunsicherung durch Vielheit

Fluten
Die phänomenalen Fluten schnelllebiger Ereignishaftigkeit – als Bilder, News, Farben, Reals, Storys sekündlich – wüten gegen ihre körperlich-ökonomische wahrnehmbare Eingrenzung, erschweren klare Interpretationen bzw. abschließende Einordnung auf Seiten der von ihnen bedrängten Menschen.1 Es ist kein neues Phänomen: 1954 schreibt Helmut Schelsky in seinem Aufsatz „Der Realitätsverlust der modernen Gesellschaft“(Auf der Such nach Wirklichkeit. Aufsätze. Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln: 1965. Seite 395): „Mit der Herausbildung der organisatorischen Superstrukturen der bürokratisierten und industrialisierten Gesellschaft wurde der Mensch in seinen vitalen Interessen in immer weitreichendere und unübersichtlichere soziale Bezüge verflochten; er vermochte die immer abstrakter und anonymer werdende Umweltorganisation nicht mehr mit seinem persönlichen Erlebnis- und Erfahrungsbereich zu umfassen.“
Alles zu bunt und zu viel.Es entsteht eine „…Unfähigkeit, sich der anströmenden Eindrücke des unselektierten Möglichen zu erwehren.“2Vgl. Alfred Kraus. Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst. In: Das Phänomen Angst: Pathologie, Genese und Therapie. Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller. Suhrkamp Frankfurt am Main: 1996. Seite 117 Die Zerstreutheit als Buntheit der Welt missverstanden, all ihre zu vielen Details führen erst zur Belastung, dann zur Verunsicherung der von dieser Vielheit betroffenen, wahrnehmungsoffenen Menschen. „Die unerhörte Komplexität der Welt bedroht jeden, der sich um ein differenziertes Urteil bemüht, mit Handlungsunfähigkeit. Wollte er stets alle Fakten gewichten, alle möglichen Sichtweisen einbeziehen und jede denkbare Komplikation gedanklich vorwegnehmen, so würde er zwangsläufig gelähmt in seinem Bett liegen bleiben und jede Bewegung vermeiden müssen (was allerdings auch schon wieder fatale Folgen haben könnte).„3Fritz B. Simon. Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbtorganisation der Verrücktheit. Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg. 5. Auflage 1995. Seite 170 Der Musiker Bonaparte bringt es in seinem Stück „Too much too much too much…“ auf den Punkt.

Autistische Wege
Den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, ist ein Symptom für die zu nahe Verbundenheit mit dem Beobachtungsfeld: Wir sind in ihm gefangen und können kaum begriffliche Klassifizierungen bilden. Inmitten phänomenaler Dichte und Simultanität und stetig auf den Wahrnehmungskörper eintreffende Begriffe, Brands und Botschaften konsumgieriger Jetzte, in der leeren Aktualität neuester Neuigkeiten, gefangen im Netz feuernder Synapsen, also in Landschaften schier bedingungsloser Möglichkeiten des Beeindruckt-Seins, wird der Prozess der Ununterscheidbarkeit aufgrund der (zu) hohen Ereignisdichte angetrieben. Der Wahrnehmungsgehalt ist bereits vor der organisch-nervalen Übersetzung symptomatisch, fördert Unsicherheiten, schließlich schlägt die physiologische Beanspruchung in psychologische Überreizung um. Es sind zu viele Bäume geworden, um noch Wald sehen zu können, um die Menge der Bäume zum Wald zu klassifizieren. Um dieser vibrierenden Schleife der Entscheidungsunmöglichkeit zu entgehen, entstehen psychische Entlastungsstrategien – eine Art Barrikade gegen die von ihnen wahrgenommene Überlastung. So mutmaßen wir, dass besonders autistisch und paranoisch eingestellte Menschen eine bedingte Vorliebe für klare, durch Anfang und Ende strukturierte, d. h.. formal kontrollierbare Annahmen haben; sie werden Kontrollfreaks genannt. Diese Art der Kontrolle reduziert die phänomenalen Elemente im Wahrnehmungsfeld: Es wird sauber gehalten. Auch dieses Kontroll-Verhalten ist ein Inter-Agieren im kommunikativen Prozess zwischen Phänomen, wahrnehmenden Körper und zu haltenden Gleichgewicht.

Therapeutische Stabilisierung
Zur therapeutischen Stabilisierung von psychisch-sozial belasteten Menschen werden formal ungeübte Prozessschleifen des kommunikativen Handelns in Gang gesetzt: Sie werden geändert, neu gelernt, von ihrem Problem gelöst oder abgebrochen.4„In der Praxis kann dies dann so aussehen, daß eine bestimmte Verhaltensweise, die Teil einer sich selbst erhaltenden Rückkopplungs-Schleife ist, unterlassen oder verhindert wird, d.h., daß einfach etwas anderes als bisher getan wird. Auf diese Weise können vom Aufwand her minimale Variationen von Handlungen zu gravierenden Änderungen führen – etwas nicht zu tun, ist meist weniger teuer und leichter zu realisieren als eine >>Lösung<< zu finden.“ Fritz B. Simon. Innen- und Außenperspektive. Wie man systematisches Denken im Alltag nützen kann. In: Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Hrsg. Paul Watzlawick und Peter Krieg. Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2. Auflage 2008. Seite 148-149 Wenn dies nicht gelingt, provozieren die kommunikativ-formal gesicherten – aber normativ abweichenden – Strukturen eine Verstärkerfunktion für formalistische Prozesse selbst. Diese formalisierten Prozessschleifen verstärken für diejenigen, die einen unregulierten, nicht kalkulierten, unbeobachteten Platz suchen, die psychotischen Annahmen aufgrund dieser formalisierten kommunikativen Verhältnisse. Es scheint eine Frage der bevorzugten bzw.. abgelehnten Kommunikationsweise zu sein: Was für die einen als formal gesicherter Modus der Weltbegegnung die Probleme beseitigen hilft, die sie mit der Unübersichtlichkeit des Kommunizierens haben, ist für die anderen der Beginn des Problems – ein Gefängnis formaler Ordnungen/ Anweisungen.
Die Verrückten bereiten den Boden für die Verrücktheit der anderen: wenn die anderen in denselben Ring steigen oder aus ihm nicht heraus kommen. Verschwörungstechniker sind Widerstandskämpfer gegen das angstmachende Jetzt: das Jetzt gilt als Vorbereitung für die befürchtete Zukunft.
Paranoia: ständig im Begriff seiend, noch ungefürchteten, ungesteuerten, nicht verfolgten kalkulierten Platz zu suchen; den noch von der Konkurrenz frei gelassenen. Für die paranoid-konkurrenzgetriebene sich entwickelnde kapitalistische Gesellschaft verwandeln sich Phänomene – Prozesse, Zustände, Zusammenhänge – in symptomatische Annahmen, die neue Fluchtbewegungen bzw. Kontrollinstanzen animieren: selbsterfüllende Annahmen.


Videosnap aus MATRIX, © Lana und Lily Wachowski und © Warner Bros.

Der instabile psychische Zustand der Paranoiden ist das Spiegelbild der Furcht erfüllten, Angst besetzten und formale Prozesskalküle erzeugenden Gesellschaft. Die Angst, das Erschrecken des Kranken, die Sorge vor Beeinflussung, Unterwerfung, Kontrolle verschmilzt mit dem Impuls zu kontrollieren, zu unterwerfen… der strikten Steuerung (Beeinflussung), um sich von Kontrolle zu befreien.
Das ist die ungefähre Linie, auf der von einem bestimmten Punkt an die psychische Störung, als individuell erlebte Weise der Entfremdung von den Ereignissen aufhört, ein individuelles Krankheitsbild zu zeichnen. Die psychische Störung gleicht einem Spiegel, der mit den psychotischen Selbstbildern zerläuft, sich übers Ich stülpt, dann in es hineinfließt. Die gewählte Selfie-Welt überfällt das Ich und füllt es von innen aus. Der Mensch als verinnerlichtes Bild seines Spiegelbildes, das sich in ihm ergießt. Die Reflexion ist Berührung geworden. Von nun an kann der Selfie-Man sich als Berührtes und Berührter denken und verabreden mit seiner Wirklichkeit: seinem Spiegelbild.

Mit ausgemerzten Illusionen Bilder malen. Ein Subjekt für sich zu sein, die Härte, den Dreck zu schmecken und sich allem Kindergeschrei und Vogelzug zu freuen. Tränen werden Perlen.

 

 

  • 1
    Es ist kein neues Phänomen: 1954 schreibt Helmut Schelsky in seinem Aufsatz „Der Realitätsverlust der modernen Gesellschaft“(Auf der Such nach Wirklichkeit. Aufsätze. Eugen Diederichs Verlag Düsseldorf-Köln: 1965. Seite 395): „Mit der Herausbildung der organisatorischen Superstrukturen der bürokratisierten und industrialisierten Gesellschaft wurde der Mensch in seinen vitalen Interessen in immer weitreichendere und unübersichtlichere soziale Bezüge verflochten; er vermochte die immer abstrakter und anonymer werdende Umweltorganisation nicht mehr mit seinem persönlichen Erlebnis- und Erfahrungsbereich zu umfassen.“ ↩︎
  • 2
    Vgl. Alfred Kraus. Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst. In: Das Phänomen Angst: Pathologie, Genese und Therapie. Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller. Suhrkamp Frankfurt am Main: 1996. Seite 117 ↩︎
  • 3
    Fritz B. Simon. Meine Psychose, mein Fahrrad und ich. Zur Selbtorganisation der Verrücktheit. Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg. 5. Auflage 1995. Seite 170 ↩︎
  • 4
    „In der Praxis kann dies dann so aussehen, daß eine bestimmte Verhaltensweise, die Teil einer sich selbst erhaltenden Rückkopplungs-Schleife ist, unterlassen oder verhindert wird, d.h., daß einfach etwas anderes als bisher getan wird. Auf diese Weise können vom Aufwand her minimale Variationen von Handlungen zu gravierenden Änderungen führen – etwas nicht zu tun, ist meist weniger teuer und leichter zu realisieren als eine >>Lösung<< zu finden.“ Fritz B. Simon. Innen- und Außenperspektive. Wie man systematisches Denken im Alltag nützen kann. In: Das Auge des Betrachters. Beiträge zum Konstruktivismus. Hrsg. Paul Watzlawick und Peter Krieg. Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 2. Auflage 2008. Seite 148-149 ↩︎

253, Extreme und Extremitäten – Der Körper als sein Phänomen


Link (youtube) zu meiner Performance „Bildbesteigung Zeus Ego 3 für alle“ in der Galerie Andrieu Berlin, 2008, © Hans-Georg Köhler

 

Die gliedmaßigen Gesten sind ein äußerstes Moment des Körpers, sie sind seine Extremitäten. Das auf den Körper Einströmende: der Atem, die Landschaft, das Stolpern, der von ihm ausgewichene Stein wird von ihm als Reaktion nach außen in seinen dadurch eroberten Raum bewegt: Aus der Wahrnehmung wird Wahrgenommenes zum Ausdruck seiner Extremitäten geformt. Beine Arme Hände als Körpersprache: Der Körper spricht zu sich selbst, indem er sich aus-spricht – aus sich heraus bricht: In den Raum hinein. Wie der Glanz der Augen beim Betrachten des von ihnen Gesehenen zum Ausdruck bringt, was gesehen wird, und wieder der Welt den Eindruck der Augen zeigt, so dass die Welt sieht, dass diese Augen ihre Welt sehen: mit Glanz und Freude oder leer und entrückt.
Dieses Sprechen ist über das Gesprochene an den Aus-Sprechenden geklammert: Als sensomotorische Schleife. Auch das Hören seines Sprechens versichert dem sprechenden Körper selbst die eigene Präsenz im Hier und Jetzt: Er hört, sieht und fühlt sich. Der sprechende Körper kommt (nicht nur akustisch) von außen auf sich selbst zu – braucht sich als selbstproduziertes Andere, auf das er reagieren kann. Er ist sein eigenes Instrument.1„Der Körper ist das erste und natürlichste Instrument des Menschen. Oder genauer gesagt, ohne von Instrument zu sprechen, das erste und natürlichste technische Objekt und gleichzeitig technische Mittel des Menschen ist sein Körper.“ Marcel Mauss, in: Soziologie und Anthropologie, Band 2, Sechster Teil: Die Techiken des Körpers, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1989, Seite 206  Was als akustisches, taktiles oder visuelles Phänomen nach Innen kommen konnte, das Um-ihn-her tritt dem Körper entgegen, irritiert – perturbiert2Zum Begriff der Perturbation siehe Humberto R. Maturana, in: Zur Biologie der Kognition, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, Seite 44, 335 und Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, in: Der Baum der Erkenntnis, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 6. Auflage 2015, Seite 44 und Fritz B. Simon, in: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 5. Auflage 1995, Seite 81 – ihn: als permanent wahrgenommene wie von ihm interpretierte Differenz zu ihm/ sich selbst. Der Körper nimmt Signale aus der Welt heraus, um seine zu verteidigen. Der Körper ist (von sich selbst) eingenommen im von ihm selbst konstruierten Vollzug der wahrgenommenen Erscheinungen (Phänomene). Die Kontakte mit der Welt provozieren seine Eingriffe in seinen Körper, der seine Welt ist – wenn er es will.
Die in den Körper eindringende Straßenkreuzung, der U-Bahn Nervenstrom, die in den Gehörgängen fahrenden Autos, der Lärm die Blume wird körperlich erfahren, als zum Körper dazugehörig empfunden. Jetzt langen die Arme der Autobahnen nicht mehr nur durch den Körper hindurch – mit dem Körper werden es seine autobahnigen Arme, jetzt spürt er die Reifen, die Flugzeuge, die Motoren als seine eigenen. Die Welt ist mein ein Körper – meine Insel, ich betrete sie am Rand der Hemisphären.


Videostill zu meiner Performance „Bildbesteigung Zeus Ego 3 für alle“ in der Galerie Andrieu Berlin, 2008, © Hans-Georg Köhler

 

 

  • 1
    „Der Körper ist das erste und natürlichste Instrument des Menschen. Oder genauer gesagt, ohne von Instrument zu sprechen, das erste und natürlichste technische Objekt und gleichzeitig technische Mittel des Menschen ist sein Körper.“ Marcel Mauss, in: Soziologie und Anthropologie, Band 2, Sechster Teil: Die Techiken des Körpers, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt am Main 1989, Seite 206 ↩︎
  • 2
    Zum Begriff der Perturbation siehe Humberto R. Maturana, in: Zur Biologie der Kognition, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1990, Seite 44, 335 und Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela, in: Der Baum der Erkenntnis, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 6. Auflage 2015, Seite 44 und Fritz B. Simon, in: Meine Psychose, mein Fahrrad und ich, Carl-Auer-Systeme-Verlag Heidelberg, 5. Auflage 1995, Seite 81 ↩︎

252, Konzentration als Lähmung, Stil als Stagnation

Formale Konzentration als notwendige Einengung des Sichtfeldes, des Operationsfeldes im Bild, erfordert eine akzeptierte Beschränkung der Wahrnehmung. Der Argwohn gegen alle störende Form oder die Lust auf das formale Spezialgebiet engt die Welt der Beobachtung notwendig ein. Um den Fokus auf ‚X‘ beizubehalten, ist es nötig, permanent alles andere auszuschließen. Ein Kampf, gegen das üppige Formenmaterial, was jenseits der Linse existiert. Wahrnehmung wird von der sie selbst reduzierenden Einengung auf das Wahrzunehmende gesteuert. Sensibilität als innere Lähmung, als Festgelegtsein auf einen favorisierten – gelernten – Wahrnehmungshaushalt.
Der Prozess formaler Konzentration eröffnet den Weg, ohne Zweifel und Verzweiflung mit den eigenen Formen in der Welt auszukommen – daher die verstärkte Selbsterzeugung (Selbst-Sensibilisierung) von eigenen formalen Welten.
Der in der „Realitätsferne“ arbeitende Künstler hat keinen Mangel an Realitätssinn, seine Ferne erweist sich als Instrument, die übrige, für die eigene Arbeit unnütze Realität aushaltend abzuwehren. Die selbstisch entwickelte Sichtweise ermöglicht das eigene formale Universum.

 

 

251, Kunst und Sublimierung

Das erotisch aufgeladene Feld zwischen Kunstwerk und Künstlerschafft und der in ihm sich ausagierende therapeutische Sublimierungs-Acker: Im individuell geformten Haushalt werden die formalen Erfindungen, die ästhetischen Entdeckungen gemacht: Der Körper als vollzogener oder utopischer Fluchtort des Ausdrucks. Die Kreation von Formen ist kein ex-klusiver Akt für Beobachter (Zuschauer), sondern zeigt diejenigen Formen an, mit denen man als Künstler, Künstlerin beobachtend möglichst leben will, mindestens kann. Der Prozess des Formalisierens selbst, etwas in Form zu bringen, um etwas zum Ausdruck, zur Entscheidung zu führen, haftet jeglicher kreativen Produktion an. Die Modellierung der (ästhetischen) Differenz als Variabilität der Differenz im künstlerisch-lebendigen Umgang: Um mit ihr umgehen – sie aushalten – zu können. Die Differenz zwischen den nur formalen, d. h. ästhetischen Konsequenzen einer Entscheidung und einer Entscheidungsmöglichkeit zugunsten lebenspraktischer Umstände besteht darin, dass im künstlerischen Ver-formen Formen geboren werden und nur innerhalb der Ver-formung verwaltet, kommuniziert werden können und deshalb übersichtlich, habhaft im sich darin begrenzenden Bildraum sind. Entgegen der künstlerischen Formbarkeit in der Konstruktion von Kunstwerken werden im psychisch geprägten Handeln die Formen als Fixierungspunkte (z.B. als Verhaltenstics) gebraucht – die Fixierung der Differenz als Nichtveränderung bleibt manifest. Das heißt, die künstlerische Form-Findung gewährt ein Entscheiden-Können ohne lebenspraktische Konsequenzen, weil sie zuerst auf das Wahrnehmen in der Rahmung des Kunstwerks insistiert. Insofern stellt die Angst vorm Formalisiert-werden – der Aufenthalt in Zwangsstrukturen – die Einsicht in die eigene Stärke dar. Denn Kreativität – als Erfindung, Neudeklarierung von Formen – ist ein Akt der Rebellion gegen die gewohnte Kommunikation der Mitteilungs-Form. Tief unten in den Körpern die Sprengung der (alten) Entscheidungs-Form als symbolische-stilistische Starre. Ästhetische Deduktion: In provokanter Stärke bewusster egoistischer Defekte werden akonzeptuelle, verrückte, aber ästhetische Lösungen quer zu den gewöhnlichen Realismen angestrebt und ermöglicht. Der Vorteil des Autisten: Die Unstruktur der Details, die Auflösung der hierarchischen Begriffsbedeutung, die unendliche Simultanität im Blick als Chance: Die Überbrückung der sozial strukturierten, determinierten Felder, Kontexte, begriffen als Ideenreservoir neuer formaler Strukturen.

Mit individueller Empathie in der Weltbegegnung werden Formen gezeugt, die die Möglichkeit schaffen, das Empathische als formalen Zusammenhang im Kunstwerk allgemein zugänglich zu machen. Die (ästhetische) Rebellion als kreativer Ausdruck ist ein individueller Akt des sozialen Engagements. Braucht die Rebellion die Kreativität oder entsteht künstlerisches Handeln aus der Rebellion gegen Realität?1„Wir brauchen echte Aktion, jedoch ohne praktische Konsequenzen. Nicht auf der gesellschaftlichen Ebene entfaltet sich die Aktion des Theaters. Weniger noch auf der moralischen oder der psychologischen Ebene… Diese Hartnäckigkeit, mit der man Charaktere über Gefühle, Leiden-schaften, Wünsche und Triebe streng psychologischer Natur reden läßt, ist der Grund [dafür, dass] das Theater seine echte raison d’etre verloren hat.“ Susan Sontag zitiert Artaud in „Marat, Sade, Artaud“ in ihrem Buch: Kunst und Antikunst, Fischer, 2009, Seite 206

 

  • 1
    „Wir brauchen echte Aktion, jedoch ohne praktische Konsequenzen. Nicht auf der gesellschaftlichen Ebene entfaltet sich die Aktion des Theaters. Weniger noch auf der moralischen oder der psychologischen Ebene… Diese Hartnäckigkeit, mit der man Charaktere über Gefühle, Leiden-schaften, Wünsche und Triebe streng psychologischer Natur reden läßt, ist der Grund [dafür, dass] das Theater seine echte raison d’etre verloren hat.“ Susan Sontag zitiert Artaud in „Marat, Sade, Artaud“ in ihrem Buch: Kunst und Antikunst, Fischer, 2009, Seite 206 ↩︎

250, Schwarz und Weiß: zwanghafte Entscheidung?

„Scharz oder Weiß“-Sehen: Es erleichtert durch starke Simplifizierung die Orientierung im Entscheidungsgestrüpp. Aus einer heterogenen Welt ist ein Sandkasten geworden: eingeteilt in Schwarz/ Weiß, Oben und Unten, Rechts und Links.

„Wenn der zwanghafte Mensch vor einer Entscheidung steht und sei sie noch so trivial, wird er typischerweise versuchen, eine Lösung zu finden, indem er irgendeine Regel, ein Prinzip [z. B.: Formale Regeln des goldenen Schnitts, Anmerkung von mir] oder eine äußere Erfordernis heranzieht [- unter die er sich stellen möchte, weil er die be-dienen kann], die mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit die „richtige“ Antwort liefert. Er wird also Mittel und Wege suchen [- das ist der kreative Aspekt von Formalisierungsprozessen], mit denen der Prozeß der Entscheidungsfindung in seinen üblichen Funktionsmodus eingepaßt wird. Kann er tatsächlich irgendein Prinzip oder Erfordernis finden, das auf die fragliche Situation anwendbar ist, verschwindet die Notwendigkeit einer Entscheidung als solche, das heißt, sie wird transformiert in das rein technische Problem der richtigen Anwendung des richtigen Prinzips.“1David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht 1991, Seite 53. Zum Begriff der Entscheidungsfindung besonders das Kapitel „Der Modus der Aktivität und die generelle Verzerrung des Autonomieerlebens“, ebenda, Seite 38 bis 55
Die herausgeschälten formalen Dogmen sind Kompensationen des Zweifels.
„Ohne Zweifel sind die Zwänge und Direktiven, mit denen der Zwanghafte lebt, für ihn eine gewisse Belastung, aber gleichzeitig sind sie ihm autoritative Wegweiser. Sie bieten einen Rahmen, innerhalb dessen er vergleichsweise gut zurechtkommen kann und ohne den er sich extrem unwohl fühlt. Am wohlsten fühlen sich viele dieser Menschen bei der Arbeit, weil sie dort ihre eigenen kleinen Nischen und Domänen haben, innerhalb derer sie sich der Erfüllung ihrer angestammten und von höheren Autoritäten festgelegten Pflichten widmen können. Wenn sie Entscheidungen treffen müssen, dann rein formale – die beste Gewähr, Fristen einhalten und Erwartungen auch erfüllen zu können. Befriedigung bedeutet für sie nicht, entscheiden zu können und sich frei zu fühlen, sondern einen Auftrag in der vorgegebenen Zeit zu erfüllen, die Autorität vorübergehend erfreut zu haben und, oft, die Befriedigung, die in einer hoch entwickelten formalen Virtuosität und Erfindungsgabe liegt.“2David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht 1991, Seite 48

 

 

  • 1
    David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht 1991, Seite 53. Zum Begriff der Entscheidungsfindung besonders das Kapitel „Der Modus der Aktivität und die generelle Verzerrung des Autonomieerlebens“, ebenda, Seite 38 bis 55 ↩︎
  • 2
    David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht 1991, Seite 48 ↩︎

249, Arbeit und Erholung, Schmutz und Urlaub

© Hans-Georg Köhler, Kolonialer Urlaub, aus: Psychogramme – Gefühle Konsum Arbeit Sterben, 2023

 

Die Zuteilung befristeter, von Arbeit freier Zeiträume – garantiert im Arbeitsvertag, soll Erholung, sowie zeitweilige Befreiung vom alltäglich entfremdenden Arbeitszyklus gewähren. Die Erledigung dazu notwendiger Urlaubsplanungen erliegt ebenso der zu entfliehenden Struktur: Die Entfernung der Urlaubsziele zeigt die Nähe zum abzustreifenden Entfremdungs-Schmutz an; wir lassen ihn dann einfach dort.
Die autoritäre Gewährleistung von Frei-Zeit in einer Anstellung ist ausrechenbar, sie folgt betriebswirtschaftlichen Kalkülen, ist als Produktivität der erholten Angestellten evaluierbar, als Erholungsdruck in der Frei-Zeit bereits markiert und im urlaubskatalogifizierten Vollzug deklariert. Die Vorgaukelei von bürgerlicher Freiheit gleicht einer häppchenweisen einzunehmenden Nahrung. Es sind die Rattenschwänze der Freiheit, deren Bruchstücke das Ganze verbürgen sollen. Man ist Besiegter mit Ausgangs-Erlaubnis, heißt hier: Teilzeit-Freiheit vom Arbeitsverhältnis. Die kaviarweise zu erlangende Befreiung vom Job, bleibt in dieser Ambivalenz Medikament oder Droge. Das Erholungsversprechen wird zunehmend mit der Zerstörung vermarkteter Paradiese eingelöst.

Siehe auch: Frame 191, Tourismus als Terror

 

 

248, Arbeit und Physis

Das „bis zum Umfallen arbeiten können“ beschreibt die erzwungene Strukturierung des Lebens als positive Transformierung von Ausbeutung körperlicher Ressourcen. Umfallen ist Ankommen: im Körper – an seiner Grenze. An der renze des menschlich physisch Aushaltbaren wird die Physis zur menschlichen Haltung: als Arbeitsmoral schön geredet bis zur ambivalenten Regulierung der Arbeitskraft in technokratischen Planungen von Produktionsprozessen und im modernen Leistungs-Sport. Die zur Schau gestellte Fitness ist der individuell geschmückte Korken über dem Geist der industriellen Abnutzungsorgie. Wo Menschen nur im Licht der Physis betrachtet werden – die menschlich-animalischen Parameter der Leistungsfähigkeit in Bezug auf die Differenz zur geforderten Performance am jeweiligen Arbeitsplatz –, erscheint er mehr oder weniger als triviale Maschine,1vgl. Heinz von Foerster, in: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, hrsg. von Siegfried J. Schmidt, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1993, Seite 206 f und 245 f als Norm der Tüchtigkeit. Aufopferung gilt als Tugendhaft. Der Bodybuilder ist in dieser Hinsicht schon weit seinem Körper entfremdet, wohnt und richtet sich in seiner physischen Maschine ein: determinierbar über physikalische Parameter.

Ich sah diesen Menschen auf der Straße liegen als ich aus meiner Haustür ging. Ich lief zurück in meine Wohnung, holte die Kamera und machte dieses Foto: inmitten von Ohnmacht und Verrat. Foto: Hans-Georg Köhler, Mitte der 90er Jahre.

 

 

 

 

  • 1
    vgl. Heinz von Foerster, in: Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke, hrsg. von Siegfried J. Schmidt, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1993, Seite 206 f und 245 f ↩︎

247, schizophrene Booster

„Die Entwicklungsgeschichte der Schizophrenie [ist] nicht als individualistische Deformation, sondern als komplizierter Interaktionsprozeß zu fassen.“1vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort
Die Behandlung der Schizophrenie erfordert, den Menschen in seinen Produktionsverhältnissen, d. h. in seinem sozialen Austausch aufmerksam wahrzunehmen, sowie den als schizophren beurteilten als ebenso wahrnehmendes Wesen zu respektieren. Das bedeutet, dass Wahrnehmungen über jene Verhältnisse, dass Wahrnehmungen des Austauschs entstehen, welche die (psychisch angeschlagenen) Menschen auch beeindrucken und schließlich deformieren können. Die Phänomene werden pathologisch, manifestieren sich im Nervenkostüm. Die jeweiligen Auswirkungen, Beeindruckungen sind demnach keine bloßen Verrücktheiten mehr, sondern vornehmlich pathologisch festzusetzende kommunikativ ausgelöste Verhaltenskrankheiten,2vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort die ohne die pathogen-soziale Interaktionsstruktur nicht zu fassen sind. Die schizophrenen Verhaltensformen sind ein nervaler Reagenz zur gesellschaftlichen Schnittstelle sozialer Interaktion. Die imperative Forderung nach sozialer Flexibilität kollabiert am Überfluss der Möglichkeiten und sozialer Indifferenz: die Möglichkeiten vielfältiger Bedeutungshaftigkeit erschwert die soziale Positionierung des sozialen Individuums. Das Treffen einer Entscheidung scheitert an der Komplexität der wahrlich zugemuteten, aber nicht zu kontrollierenden Möglichkeiten. In jeder sozialen Form lauert eine Umkehrung von Bedeutung: Das Vermeintliche der Bedeutung scheitert am indifferent wahrgenommenen Gemeintsein. Das Verhalten ist zurückgeschleudert auf die eigene, isolierte Entscheidungssituation: Der Kontext von sozialer Interaktion bricht zusammen, weil keine individuell abgesicherte Bedeutungshoheit zustande kommt.

In der kommunikativen Anpassung an die industrialisierten Sprach-Rationalität werden Zwangssituationen hervorgebracht und trainiert und schließlich optimiert. Hier entspricht der Funktionalismus der psychischen Defekte – oder das, was psychisch ausagiert wird – dem zu bearbeitenden empirischen Feld bzw. den rationalisierten sprachlichen Räumen, die “allen Tatsachen gleichermaßen ihre vorgefaßte Einstellung überstülpen.“3vgl. David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Rubrecht Göttingen, 1991, Seite 65 Was der Erhaltung des individuellen Innenraumes vor dem gesellschaftlichen Außen als größtmögliches Verteidigungsareal dient – die solipsistische Ideologie über die individuell ausgeprägten Möglichkeitsvorstellungen oder deren Deformationen, Krankheiten –, steht im instrumentalisierten sozialen Kommunikationsbetrieb vor der Aufgabe, das gefährdete Innen aufzugeben, um das latent Produktive der Deformationen für den Betrieb einzusetzen und zu nutzen. Survival of the madmen.

Das Ausgeliefertsein des Subjekts an sich selbst in der Falle seiner psychotisch verstümmelten Selbstbehauptung verspinnt das Subjekt dazu, sich gegenüber nicht detektierbaren Interaktionen zu verschließen. Dieses Ich, das sich durch sich selbst bedingt und will, bewegt sich auf dem schmalen Grad von Determiniertheit und Auserwähltheit (Größenwahn); es steht an vorderster Front seinen Ansprüchen gegenüber.
„Eine Gesellschaft, die auf der demokratischen Selbstverwirklichung des einzelnen Menschen aufgebaut ist, ist menschenverachtend, zynisch, nostalgisch, selbstverliebt, menschenmachtsfanatisch und dem Untergang geweiht. Wer als Künstler der >>Demokratie<< oder irgendeiner anderen von Menschen gemachten Regierungsform dient, dient leider nur der Menschensucht, der obszönen Menschenzucht, dem >>Wahn-ICH<<…“4Das weiß auch Jonathan Meese, in: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst, Hrsg. Robert Eikmeyer, Suhrkamp Verlag Berlin 2012, Seite 518

Künstlerische Arbeit
Das künstlerische Abreagieren als Transformation von Erfahrungshaushalt in Formengestalt erfährt hieraus eine symptomatische Zeigefunktion. Es zeigt eine ästhetisch-agierende Ausflucht aus dem Zustand des als zerstörerisch erlebten Kommunikationsprozesses. Künstlerisches Agieren öffnet das Portal zum Selbst für die unbeantworteten sozial determinierten Gestaltungsfragen. Das Fliehen aus den sozialen Kontexten lässt sich mit ästhetischen Mitteln sinnstiftend gestalten. Hier werden Erfahrungen über sich gemacht durch das selbstische Herstellen von ästhetischen Zusammenhängen zum Selbst. In der Erfindung eigener Wahrnehmungsakte ist eine Produktion mit sich, oder eine Existenz des Ich möglich.5vgl. Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreit. Die erstrebenswerten Formen freien Willens, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 60
Ästhetisches Handeln als Prozess, mit Erkenntnis fertig zu werden; nichts mehr instrumentell wissen zu müssen. Zweifach: Ästhetisches Handeln als Widerstand gegen die Instrumentalisierung der Erkenntnis und als Erkenntnisprozess der Instrumentalisierung.

 

 

  • 1
    vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort ↩︎
  • 2
    vgl. Caspar Kulenkampff, in: Schizophrenie und Familie, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, Vorwort ↩︎
  • 3
    vgl. David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Rubrecht Göttingen, 1991, Seite 65 ↩︎
  • 4
    Das weiß auch Jonathan Meese, in: Ausgewählte Schriften zur Diktatur der Kunst, Hrsg. Robert Eikmeyer, Suhrkamp Verlag Berlin 2012, Seite 518 ↩︎
  • 5
    vgl. Daniel C. Dennett, in: Ellenbogenfreit. Die erstrebenswerten Formen freien Willens, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim, 2. Auflage 1994, Seite 60 ↩︎

246, Verhalten zum Selbst – als psychotische Dialektik

Die Möglichkeit, sich überhaupt zu sich selbst verhalten zu können, stellt die Voraussetzung jeder Selbstheit dar.1vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 114 Das Zu-sich-selbst-Verhalten kann in bedrängender Situation, im sozialen Kontext nur aufrecht erhalten werden, indem auf einige Aktionsräume des sozialen Verhaltens-Raumes verzichtet wird: zugunsten der gesellschaftlich (sozial) eingeforderten Anteilnahme, Unterordnung. Denn das Verhalten zum Selbst als das Resultat sozialer Kommunikation zwischen dem „Selbst“ und seiner Umwelt, bedingt eine Anäherung oder Entfernung von beiden Seiten. Das Selbst kann nur als Monade ohne soziale Interaktion postuliert werden, denn es ist durch soziale Interaktionen mit Gesellschaft mit sich selbst verbunden. Im Selbst drückt sich in dem Sinn Gesellschaft aus. Ohne kommunikative Gesellschaft ist ein Selbst nicht existent – man kann nicht nicht interagieren. Das Verhalten zu sich selbst entsteht im Ergebnis der Interaktionen mit anderen, die sozial determiniert sind. Insofern ist das Zu-sich-selbst-Verhalten eine Anpassungsleistung im Feld sozialer Kommunikation. Man ist dort – mehr oder weniger – sozial integriert, wo man (mit anderen) kommuniziert. (Das haucht natürlich tautologischen Wind: Gesellschaft ohne Kommunikation ist nicht denkbar, denn Gesellschaft konstituiert sich durch Kommunikation). Gelingt die Anpassung an normative Kommunikation nicht, greift ein Nicht-Kommunizieren-Können der Person in einen Stillstand der Kommunikation über.2vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 111 Die kommunikative Transformation sozialer Beziehungen – als kompatible Kommunikation zwischen Beziehungen bis hin zu individualisierten Beziehungen mit anderen Menschen skalierbar -, kann als Teilhabe gesellschaftlicher Produktion von Kommunikation (Produkte, Informationen) bestimmt werden, aber sie engen die als persönlich durchzusetzende Affirmation die Person ein und bestimmt ihre Bedingungen, zu kommunizieren, bestimmen schließlich ihr soziales  (Über-)Leben. Selbst durch Selbstbeschränkung ist die Einengung nicht abzuwehren, aber sie scheint damit persönlich bedingter – „es ist meine Entscheidung“. Aus der Tragödie wird Metatheater.3vgl. das Essay „Von der Tragödie zum Metatheater“ von Susan Sonntag, in: Kunst und Antikunst, Fischer Taschenbuch Verlag, 9. Auflage 2009, Seite 194, 2. Absatz

Psychische Dialektik
Die eigene Narretei, der psychotische Sturm aus den Ventilatoren der Fabrikhallen und den Büroräumen wird abgewehrt mit Projektionen, Übertragungen des eigenen individuellen Empfindens auf die Anderen, auf Anderes, auf die in geilen Produkten vergegenständlichten und verborgenen, leblosen menschlichen Beziehungen. Diese Entfremdung, dieser Spalt scheint zunehmend die Bestimmung des Lebens zu sein und dessen Bedingungen auszumachen: Der persönlich zu leistende Anteil wird zur persönlich durchzustehenden Krankheitsgeschichte. Sie übernimmt und füllt – statt des lebendigen Erfahrungsraumes – die Lebensgeschichte. Es ist die Chance, Opfer zu werden und sich durch das Projizierte im Projizierten wiederzuerkennen, sich mit hinein in die Welt der anderen Vorstellungen zu nehmen, als Projektor sich zu fangen und sich als solcher nicht zu erkennen. Die Symptome sind dann realer als das, was zu ihnen führt.
Dieses psychotische Ich braucht für seine Menschlichkeit, Lebensgeschichte sein eigenes Leben als Opfer, Schicksalsgabe, Auslöschung. Es bedarf der projizierten – durch die Produktwelt transportierte – „Unmenschlichkeit“ der Anderen, die doch eigentlich die Verhältnisse nur repräsentieren und nicht sind. Das eigene Opfersein scheint die plausible Reaktion für den eigenen Verlust an Selbstbehauptung. Dieser Verlust an der Person, an der sich selbst richtenden, sich Richtung gebenden Person ist an Wahrhaftigkeit dieser sich in dieser Weise erlebenden Person nicht zu übertreffen und bedarf der Bezeugung der außer ihr stehenden anderen Personen. Es muss jemand dabei sein (z. B. das künstlerische Ego, die Kamera, das Internet als Entfremdungsmedium). Es ist nicht das Ich als Opfer, das sich heimsucht und ihm seine Rechtfertigung für seine spleenigen Marotten gewährt, sondern es wird zum Täter des Sich-Opferns gemacht – ganz frei soll es sich selbst erwürgen: Und dies macht sein Leiden mit der Welt so grausam: Es ist gefordert, sich zu sich selbst zu verhalten.

Suizidales Stadium
Das Ich opfert sich, löscht sich beständig aus, damit es an sich selbst anderen zuvor kommen kann und eine Rechtfertigung für seine Existenzweise sich selbst vortragen kann. Im Vordergrund steht die Entwicklung der Möglichkeit, sich zu sich selbst zu verhalten, sich in der Weise der Negativität zu begründen. Um die Qualität des Opferns sich anzueignen, wird der vorgestellte Verlust (als permanent antizipierte Negation des Selbst), also der Vorgang des vermeintlichen selbstischen Verschwindens durch die Projektion einer substantiellen Vergangenheit, für die damit einhergehende Rekonstruktion des Ichs verbürgt. Substantiell an dieser Vergangenheit ist die Konstruktion von vorgestellter Vergangenheit, Biografie.
Die Sehnsucht nach dem richtigen Leben ist das Versteck, um sich vor den nichteingelösten Träumen zu schützen.

 

 

  • 1
    vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 114 ↩︎
  • 2
    vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst, hrsg. von Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996, stw, Seite 111 ↩︎
  • 3
    vgl. das Essay „Von der Tragödie zum Metatheater“ von Susan Sonntag, in: Kunst und Antikunst, Fischer Taschenbuch Verlag, 9. Auflage 2009, Seite 194, 2. Absatz ↩︎

245, Misstrauen als Rückzug

Misstrauen
Das Misstrauen in die Kommunikation der anderen, auch als Zweifeln an, Besorgtsein um und Verfolgungsempfinden von anderen sich zeigend, ist eine Reaktion auf überfordernde Routinen des Alltags, ist eine Reaktion auf die Erfordernisse der gesellschaftlich eingeforderten Toleranz im sozialen Verkehr des Lebens, die nicht ausgehalten wird, aber die als Anpassungsleistung internalisiert wird – auf Kosten der psychologischen Stabilität. Es fällt auf, das Menschen in dieser Lage, ihre Fehlleistungen zu Fehlleistungen der anderen korrumpieren, um sich unbeschadet von sozialer Umwelt abzukoppeln oder ihr wieder teilhaftig zu werden. Als Tyrannen über beschädigt empfundener Umwelt unterwerfen sie diese Umwelt ihren eigenen Defekten. Es gilt, die abgeworfene Haut der enthäuteten Erwartungen wieder zusammen zu flicken und anzuziehen, das Stigma in eine neu gefundene Rolle zu konventionalisieren, um sich wieder in den sozialen Raum einzubringen, um wieder sozial kommunizieren zu können. Da ist etwas in Fluss gekommen, die psychotische Fixierung (als Misstrauen) hat den von ihr geforderten Menschen aufgeweicht: sensibel bis vulnerabel. Die befürchtete Verflüssigung aller Lebensverhältnisse, alles schwimmt in mächtigen Erwartungen weg, tritt im misstrauischen, zweifelnden Verhalten gegen diese Furcht zu tage. In sämtlichen Infragestellungen zeigen sich die verlorenen Standpunkte des vorherigen – erwarteten – Lebens. Die Überprüfung der richtigen, rechten Form des Entscheidungsmaterials scheitert an dessen schnellen Veränderungen. Misstrauen als Kategoriefehler im Verhalten, als Stil der starren, festen Form: Das Sicherheits- wie Kontrollbedürfnis engt Kommunikation ein, der (kommunikative) Bewegungsumfang nimmt ab. Eine beständige Zerstörung kommunikativer Akte durch Verdachtsannahmen und durch ihre zu schnelle Verallgemeinerung zu Furchtgebieten – eine Frage löst so die Frage nach dem Überhaupt-Fragen-Können aus. Misstrauen hängt gern am Negativen – da funktionieren die misstrauischen Prophezeiungen; und es entwickelt Aversionen gegen Veränderung (es könnte positive Folgen zeitigen). Die misstrauische Person braucht für ihren Rückzug zu sich, zur kleinsten Größe ihres kontrollierbaren Raumes stabile Bedingungen. Die psychotisch sich bewegende Person kann sich dem Konflikt schwer entziehen – sie ist genötigt, Vertrauen zu benötigen und es nicht zu bekommen, heißt, sich an sich selbst zu enttäuschen. Die Verflüssigung artet in Zer- und Wegfließen, ins Nirvana aus: ohne Halt. Das ist das Angriffspotential des – störenden – Subjekts in der Gesellschaft, gegen sie. Die Unruhe des psychotischen Subjekts ist politisierbar. Misstrauen wird ideologisiert zu Verfolgungsszenarien.

Misstrauen II
Misstrauen – als eine übersteigerte Sorge um sich selbst: Um die das Selbst beschädigende Situationen im Vorfeld zu detektieren. Erlittene Traumatisierung – enttäuschte Erwartungen, physische Ohnmacht, Verrat – führt zu Vermeidungsstrategien. Also ein Versuch durch die Kontrolle des Umfeldes die befürchteten Ereignisse vorwegzunehmen, d. h. sie zu vermeiden. Eine Wachsamkeit die selbst keiner Aufmerksamkeit bedarf. Im Stillen zieht sie ihre Angst bereiten Fäden. Misstrauen als nicht Ziel führendes Zweifeln, weil die Misstrauen erzeugenden Objekte wuchern und der stetig quellende Stoff neuer Konstellationen im abgesteckten Beobachtungsfeld die Überführung, Identifizierung des verdächtigten Objekts, Gegenstands nicht erlauben. Ähnlich der unabgeschlossenen Trauer in der Melancholie, wo das Objekt der Trauer nicht los gelassen werden konnte und „eine Bekümmerung mehr um sich als um den anderen oder anderes“1Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst. Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, stw 1148, Seite 107 einsetzt, erzählt das Misstrauen von einer paranoiden Landschaft, die als Landschaft nicht nur nicht zum Abschluß kommt, weil man sie nicht beschreiben kann, sondern die auch an einem stetem geografischem Zugewinn leidet: Es entstehen stetig neue Angstlandschaften – die misstrauische Phantasie erzeugt sie. Aber gerade in formal festgefügten Strukturen, Abläufen kommt das angstbewusste – misstrauische – Subjekt zur Ruhe, hilft die formale Spezialisierung die Angst auslösende Unentschiedenheit (wo genau ist die „Gefahr“ zu lokalisieren) temporär aufzulösen, abzuwenden.2Angst im Bezug auf die Melancholie: vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst. Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, ab Seite 103 bis 121 Eine Beruhigung durch Funktionalismen, Sandkasten, festgefügte Abläufe. Wenigstens im Detail herrscht Klarheit, aber nicht im vermischten Unheil.

Selbst-Beschränkung
Eine Motivlage, Krankheit zu äußern, sich und anderen mitzuteilen, könnte darin bestehen, sie sich zu versichern als erstes Streiten um die eigene Stabilität – wieder mit sich eine Sprache zu finden, mit sich ins Gespräch zu kommen, um Gewissheit über den neuen Zustand zu gewinnen. Das Ich ist seine Krankengeschichte. D. h., es sichert sich durch seine Krankheit ab, damit der subjektiv eingeschränkte Lebens-Rahmen Festigkeit erlangt (Individualität als Defizit) – da weiß man, was man hat. Das psychisch aufgeweichte Individuum ringt darum, seine (neuen) Ufer fest zu machen, seiner Wahrnehmung sichere Punkte zu geben, die Welt zu verfestigen, um Orientierung im neuen körperlichen Revier zu erlangen. Der neue, gekränkte Körper erschafft seine Lebenslage nach seinem bedrängten Bilde: seiner Vorstellung. In der (formalen) Fixierung der Umwelt, der gedachten Modellierung von ihr, sucht es Kontakt mit seinem Heil, d. h., der psychisch eingeschränkte Körper versucht seine Umgebung in seiner Beobachtung zu stabilisieren: er modelliert andere Kriterien der Selbstreferenz. Der Neuorientierung der Gewohnheiten und ihrer Herstellung folgt die Beschränkung der ehemaligen Bewegungsradien als ein Modus, der Übersicht gewährleistet – nichts Neues, Unerwartetes, Unvorhergesehenes soll das Blickfeld trüben. Was wiederum zur Einschränkung des Wahrnehmungsfeldes führt – um es kontrollieren zu können – und eine eskalative Schleife der Selbstverweisung in Gang setzt: Der Filter verstärkt sich selbst. Das Ideal solcher Weltbegegnung entsteht als abgeschlossener, entropistischer Raum, der immer kleiner wird, in dem das Individuum als sein eigener Gefängniswärter waltet und aufräumt von Zeit zu Zeit; es käme nur Staub hinzu.

Vernetzung
Nach der Zustimmung allgegenwärtiger Zugriffe über das private Netz-Leben in den AGBs sozialer Netzwerke (facebook, Xing, Google etc.), folgt vielleicht der Versuch des derart kontrollierten Nutzers, durch die Ermittlung der von ihm gespeicherten privaten Lebensverhältnisse, Lebensumstände die Öffentlichkeit über die eigene Person zu kontrollieren (als paranoide Strategie). Dasjenige, was die Öffentlichkeit erfährt, muss vom kontrollierenden Subjekt gewusst werden können. Man kann diese Strategie auch umkehren: „The best way to protect your privacy is to give away.“3Süddeutsche Zeitung, Artikel zu Hasan Elahis Webseite „Lifecast“, Datum unbekannt Über diese Hyper-Infiltration des Privaten scheint das System manipulierbar zu sein, denn das Private kann sich über die Öffentlichkeit sozialer Netzwerke inszenieren. Insgesamt aber wird der paranoide Keil des socual-network Doppelleben-Lebens weiter in die private Person getrieben. Denn wenn der allmächtig scheinenden (sozialen) Kontrolle nur mit der Kontrolle sämtlicher jäh eigener Lebensentäußerungen zu begegnen ist, werden die Kontrollmechanismen – gegen die sich kontrollieren wollende Person –  verstärkt. Das beobachtete Nutzer-Subjekt antwortet dadurch permanent auf nicht gestellte Fragen – ob es nun will oder nicht: es produziert Daten über sich. Das Nichtpreisgeben von persönlichen Informationen wird als Verweigerung erkannt. Das Nachgefragte (ein Buch, ein Produkt oder gewählte likes) stellt den Fragenden fest. Das Bezwängende löst ein zwanghaftes Verhalten aus; die erpresste Vor-Sicht beantwortet den Zwang und der Bezwängte will dem Zwang mit Zwanghaftigkeit zuvorkommen. Die Angst vor der Veröffentlichung der Privatsphäre führt in die Flucht zum nur Privaten hinein. Man zieht sich vor der gefühlten Zwangs-Konnektivität zruück. Mit angestrengter Negativität – im Handeln auf sich selbst – beugt der vernetzt determinierte Nutzer den unvorhergesehenen Erfahrungen vor.
Allen neuen Möglichkeiten der Kommunikation haftet das Indiz an, eine Instanz bzw. ein Medium der Kontrolle zu sein.
„Der zwanghafte Mensch fungiert als sein eigener Aufseher, der Befehle, Direktionen, Mahnungen oder Warnungen austeilt, nicht nur bezüglich dessen, was zu tun und zu lassen ist, sondern auch im Hinblick darauf, was gewünscht, gefühlt und sogar gedacht werden soll.“4David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, 1991, Seite 41

Verkapselung
Aber eben mit der Einschränkung von Wahrnehmungswelt – kaum noch dringt Anderes, Neues, Beunruhigendes durch – sichert der psychisch Bedrängte den Fortgang des Bedrängens (als seine Krankheit), denn die einmal gemachten Erfahrungen sollen wiederkehren, und damit sie wiederkehren können, ist der Zwang zur Wiederholung unvermeidlich.5Zum Begriff der Angst als Wiederkehr des Verdrängten siehe Heinz Weiß, in: stw 1148, Seite 80 ff; Sigmund Freud, in: Hemmung, Symptom und Angst, Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1969-1975, S. Fischer, Band 6, Seite 227 ff; und Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Bern und Frankfurt am Main, 1993 Mitunter bedeutet Gesundwerden eine so groß scheinende Veränderung, dass dem Kranken dies als Bedrohung seiner Mühen vorkommt.
In der unvermeidlichen Wiederholung von Erfahrungen, Gesten, Abläufen sieht der Betroffene seine Identität bestätigt: Er kann Kontinuität zu sich, zu seiner Geschichte in der Wiederholung seiner gemachten Erfahrungen, als seine Geschichte herstellen. Mit selbstauferlegter Beschränkung wühlt das betroffene Individuum sich (abermals) in das Gefängnis seiner von ihm gefürchteten „objektiven“ Umstände hinein. Tragisch komisch.
Die Krankheit stellt die ontologischen Bedingungen des betroffenen Subjekts her. Die Krankheit als Weg zu dessen Selbstbewusstsein. Von der Onkologie zur Ontologie ist es nur ein Hauch. Manchmal scheint die Störung, der Spleen, eine individuelle Manifestation zu unterstreichen und auszudrücken. Sind die Macken, Abweichungen der Ausfluss, der Glanz des krankhaften Subjekts? Individualität als Zusammenfassung erarbeiteter und erzwungener Deformierungen – Determinationen – ist ein Ausfluss von Störungen, ungeplanten Verzögerungen. Individualität kann sich nur durch die Störung ausdrücken: Als Abweichung. die Störung wird über das Individuelle erkennbar. Ob nun Störung (Beschädigungen, Deformationen, symptombildende Kompromisse etc.) als Individualität oder Individualität als Störung gefasst wird, ist hier nicht erheblich, denn beides weißt auf den sich psychisch niederschlagenden, niedergeschlagenen Widerstand des Körpers gegen die gesellschaftliche Umwelt hin. Stellt der Begriff des Charakters die Bewegung eines Pendels zwischen Determination und Konstruktion dar? Die Bewältigung ständig latenter Konfliktstoffe verlangt ein bestimmtes Herangehen, eine Charakterlage, eine psychische Bindung zur Konfliktmasse, die formell phänomenologisch – dem Symptomen nach – als Störung, als wiederholtes Handlungsmuster, d. h. als bestimmtes und zwangsläufiges bis zwanghaftes Verhältnis zum eigenen Verhalten zum Ausdruck kommt und dadurch individuell wird.6Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2000, Seite 258 Die Topografie des Krankseins bestimmt das Ich – die Syntax seines Lernens.
Psychisch Kranksein: Damit Erfahrungen wiederkehren und das Ich (Individuum) unvermeidlich, d. h. endlich wird – sich Sinn erfahrend erlebt, braucht es die Krankheit als Weg zu sich. Es muss zu sich über sich kommen, über seinen zerstörten und zerstörerischen ontologischen Raum: durch den unendlich scheinenden Reichtum des Krankseins. Aber in der Rekonstruktion seines vormals gefassten gesunden Zustandes – den es nie gab – zeigt sich für das festgestellte Individuum ein erlösender Hebel: Die Wanderungen in den Erinnerungen.
Mit angestrengter Negativität – als ein Überprüfen erfahrener Umstände im Handeln auf sich selbst – beugt der psychisch Determinierte den unvorhergesehenen Erfahrungen vor.

siehe auch Frame-Beitrag: 263, Verrat als unerfülltes Begehren: Misstrauen III (für TKW)

 

  • 1
    Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst. Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, stw 1148, Seite 107 ↩︎
  • 2
    Angst im Bezug auf die Melancholie: vgl. Alfred Kraus, in: Spezifität melancholischer Verstimmung und Angst, in: Das Phänomen Angst. Pathologie, Genese und Therapie, Hrsg. Hermann Lang und Hermann Faller, stw 1148, ab Seite 103 bis 121 ↩︎
  • 3
    Süddeutsche Zeitung, Artikel zu Hasan Elahis Webseite „Lifecast“, Datum unbekannt ↩︎
  • 4
    David Shapiro, in: Neurotische Stile, Vandenhoeck & Ruprecht, 1991, Seite 41 ↩︎
  • 5
    Zum Begriff der Angst als Wiederkehr des Verdrängten siehe Heinz Weiß, in: stw 1148, Seite 80 ff; Sigmund Freud, in: Hemmung, Symptom und Angst, Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1969-1975, S. Fischer, Band 6, Seite 227 ff; und Klaus Heinrich, in: Arbeiten mit Ödipus, Dahlemer Vorlesungen Band 3, Stroemfeld/ Roter Stern, Bern und Frankfurt am Main, 1993 ↩︎
  • 6
    Vgl. Hermann Lang, in: Strukturelle Psychoanalyse, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2000, Seite 258 ↩︎

244, Erfahrungsfreeze – die erstarrte Form

Sich kaum ändernde Wahrnehmungssituationen: wir sprechen von sozialen Blasen oder Filtern, führen zu stabilen, kontinuierlichen Erfahrungs- bzw. Wahrnehmungszuständen – in dem Sinn: auch zu stabilen Irrtümern.
Gefangen im Erfahrungsfreeze.
Das heilende Negative – die erkannte Differenz zur gewohnten körperlichen Funktions-Erwartung als markierter indifferenter Zustand zum Ausdrucksgebrauch in der künstlerischen Arbeit, wird durch den schmerzlichen Abschied von bisher gebrauchten Formen des körperlichen Ausdrucks wieder in Bewegung gebracht. Künstlerische Arbeit hat daher eine Nähe zu psychischen Überforderungen.

Die erstarrte Form
Die Plausibilität gemachter Erfahrungen bildet feste Rahmungen, in denen das Verhalten durch das Festhalten an ihnen plausibel gemacht wird, sinnhaft wirkt. Erzeugtes Werden im Stillstand: als formale Reduktion. Der Film über das Stillleben als ein stilllebender Film, durch die notwendige Bewegung des Filmmotors zustande gekommen, um die Stille in den Film zu bringen. Plausibilität, Konsequenz als Sinn entsteht durch die konsequent festgehaltenen formalen Unterscheidungs-Verfahren mit dem jeweiligen Gegenstand. Logische Stringenz tritt in ihrer Wiederholung vom Ende her zu tage:1Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1977, ab Seite 111: […] „daß ich an einen jener filme denke, die zurückgerollt werden, so daß das gestürzte pferd sich in der zeitlupe aufrichtet und über die hürde zurückspringt, nein schwebt, wobei volle logik exekutiert wird und kein moment bleibt, der außerhalb der gesamtbewegung existiert.“ Hieraus ist zu entnehmen, daß „Logik“ einen retrospektiven Standpunkt erzwingt, dass sich der negative (umgekehrte) Handlungsstrang hermetisch gegen die wirkliche Zeit abriegelt, bzw. dass diese Logizität ihren Charme aus ihrem unwirklichen – schwebenden – Zustand gewinnt. Als künstlich eingeführte Unterscheidungen eines selbstreferenten Beobachters bzw. durch die besessene Erfindung bequemer Falschheiten.2Nüchtern vorstellbar wird es wieder mit Luhmann: „Der Beginn einer Arbeit an einem Kunstwerk besteht in einem Schritt, der vom unmarked space in eienen marked space führt und damit die Grenze schafft, indem er sie kreuzt. Spencer Brown nennt das: draw a distinction.“ In: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlang Frankfurt am Main, 1. Auflage 1997, Seite 189 In der Suche nach Gewissheit (Wissensruhe als Sicherheit) gilt es permanent zu formalisieren, bis sich eine Tatsachenlandschaft, ein Formenareal ergibt, das regelrecht bestimmte Entscheidungen/ Differenzierungen/ Unterscheidungen erfordert und erlaubt. Formaler Sinn/ Formalisierung als Reduktion von Komplexität – im Meer der Möglichkeiten.

Bindung an Form und Erfahrung
Wenn also der Status quo der Bindung an gemachte Erfahrungen (gefundene Formen) als Ausschluss anderer, differenter Möglichkeiten aufrecht erhalten werden soll (fitting), um die bereits vollzogene Anpassung an  Lernkontexte zu rechtfertigen (um sie für die spätere Nutzung zu bewahren), müssen Kriterien (Determinanten) ins Feld geführt werden, die dies erlauben. In der Abgrenzung vor divergenten Möglichkeiten werden Möglichkeiten der Abgrenzung erzeugt. In der Erfindungsgabe zur Verteidigung jeweiliger Möglichkeiten sind sich die formalen Kontrahenten näher, als es ihre Intention zementiert.
Der eigens zu formulierende Anteil im zu etablierenden Entscheidungskonzept – lass ich mich auf neue formale Möglichkeiten ein oder beharre ich auf das Reservoir meiner Erfahrung – entleert sich gewöhnlich zu Formalismen, wenn die Angst vor dem Scheitern größer als die Möglichkeit des Erfahrungsgewinns. Ein formales Herangehen – also bei bekannten Formen zu bleiben bzw. sie zu repetieren – entleert genau darin die künstlerische Form, die der Künstler mit den in ihm abgelegten gesellschaftlichen Formenlandschaften bei sich finden muss, indem er die bisherige Form als Hülle einer Metamorphose zu neuen entdeckt. Dieses formale Festhalten entsinnlicht und entmaterialisiert die Wahrnehmung zugunsten ihrer verweisbaren Abbildbarkeit. Hiermit wird das „Konzept“ hinter der (künstlerischen) Arbeit abgesichert und die Sinnlichkeit der frontal wahrzunehmenden Formen reduziert.3In diese Richtung formuliert Niklas Luhmann, in: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1. Auflage 1997, Seite 202: „Die Überzeugungsmittel bedienen sich also auch hier der Wahrnehmung, nicht des Denkens.“ Das formell abgesicherte Gebiet ist ein Gespenst seines Erzählstoffs geworden. Eine stilistische Sackgasse. Abstrakte Kunst? Das Unsichere in der Gegend ist der Mensch – und der konnte zunehmend aus dem erstellten Bewertungskartell eliminiert werden. (Auch für Künstler ist es schwer, das sich angeeignete Formenimperium stets neu zu stürzen und sich in einen unfit state zu werfen. Denn neue/ andere Formen zu formen, heißt, Unterscheidungen zu lernen.) Ein Indiz für Menschen Künstler, die sich Kontext bezogen entwickeln, die sich auf formal abgesichertem Feld bewegen, ist deren enzyklopädisches Wissen zum Konzept „hinter“ ihrer Arbeit. Als frei gilt jemand im Kontextbordell der Kunst, wenn er hinsichtlich seines ausgemachten Arbeitsfeldes soviel wie möglich kontrollieren kann und darüber Übersicht erhält bzw. erhalten kann, wenn nur eine vorher festgelegte Menge von Variablen innerhalb dieser Menge in Aussicht steht. Aber was ist ausgemacht, was ist das anzunehmende Arbeitsfeld? Die dadurch stetig erforderliche Infiltrationen – Vernetzungen – des Arbeitsgegenstandes (Kunstwerks) durch formale Kontrolltechniken und Übersprungskontexte erscheint zwangsläufig, andererseits schützt die Spezialisierung, Einengung vor der Zerreißung vor dem und durch den formal unerledigten Rest: Unrat. Die antialtruistische Attitüde verkaufsträchtiger Marktteilnehmer (Händler und Künstler) verhält sich wie das Kaleidoskop mit den in ihm festgelegten Bestandteilen, „dem bei jeder Drehung alles Geordnete zu neuer Ordnung zusammenstürzt.“4Benjamin, Das Passagen Werk, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1991, Seite 428

Entleiblichung
Die Freiheit wird als nur privater Umgang mit weltlichen Gegenständen, Phänomenen missverstanden – der Freiheitsgrad des Bourgois versteht er als Bemächtungsgrad – statt als Bezug zu sozialen Beziehungen zwischen Menschen. Es ist der kommunikative Austausch zwischen den Menschen, der sie sozialisiert. Man ist nicht frei, weil man Kunst machen kann, sondern, indem man Kunst macht, erlangt man Freiheit. Die Subjektbehauptung als Behauptung des Subjekts findet in dessen verstärkten Objektivierung seiner Lebenswelt statt – Individualismus als Defekt. Die Schwere des Subjekts aber soll verringert werden. Tatsächlich erleichtert sich es. Wie? Durch Entleiblichung – die festgemachte und formal ermittelte, in Kontrolle gebrachte Ding- und Faktenwelt (die Empirie) wird ermächtigt zur Herrschaft über das Leben, über die Form der (kontrollierbaren) Technologie. Das Leben nach Dienstvorschrift ist vielleicht leichter zu ertragen als das eigene, als das selbstständige Formulieren eigener Lebensschrift. Unter dem Druck des logifizierten und logifizierenden Alltags – die wachsende Rationalisierung durch Formalisierung und Formalisierung durch Rationalisierung des Alltagslebens als dessen Auflösung in Tauschwerte – werden die nötig gewordenen, größer werdenden Egoismen des Subjekts wiederum sinnvoll, wenn es sich unter dem Operationszwang alltäglicher Komplexität der Lebensumstände einrichtet – d.h., der Egoismus richtet sich gegen das eigene Operieren-Müssen, gegen die vermeintlichen und real dargebotenen Entscheidungskalküle. Simply clever bedeutet hier, die Vorgänge der Wirklichkeit zu trivialen Modellierungen zu vereinfachen. Auf die Komplexität zu pfeifen, bedeutet daher in einer sich mehr und mehr ausdifferenzierenden Welt, gegen die anderen Mitglieder der Kontextebene (Gesellschaft) zu operieren – solange es eben geht. Die dafür benutzte rechtfertigende Struktur der aufgezwungenen verdinglichten Verhältnisse rationalisierten Lebens bietet ein Argument, gar nicht anders zu können, mit und ohne Rechtfertigung vor anderen Subjekten. Solche Realisierung des Lebens geht mit dem Verlust an Realität konform. Wenn ich die komplexe Empirie aus meiner Welt abschiebe, sie z. B. einer Spezialwelt einer Sprache unterstelle, sie mir darin mit Distanz vom Leibe schaffe, starr mache, formalisiere etc., entleibliche ich mich damit zusehens. Das Ich als gesprochene Form – seine Sprache – verkörpert in seiner Sprachlosigkeit, in seinen sprachlichen Entbehrungen seine menschliche Entleiblichung. Verdinglichung und Entleiblichung sind der gleiche Glanz am selben Metall. Auf der Rückseite schillert die Existenz dahin. Die menschliche Verkörperung geht aufs Objekt über. Fetische sind Postkarten verlorener Liebschaften.

Stilistische Sackgasse
Die vordergründig plausible, konsequente, weil wiedererkannte Form gefriert zur stilistischen Sackgasse. Als würde erst das Starre, fest Differenzlose den Charakter des Plausiblen, Konsequenten ausmachen. Die Schwierigkeit besteht darin, diese festen Formen, starren Oberflächen wieder aufzubrechen, das Widererkennen selbst zum Anti-Material zu machen.5„Von ästhetischer Erfahrung sprechen wir vielmehr erst, wenn unser Verstehen die Ordnung bloßen Wiedererkennens verläßt und das Wiedererkannte zum Material macht, an dem es Bestimmungen auswählt und aufeinander bezieht.“, Christoph Menke-Eggers, in: Die Souveränität der Kunst: Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida. In: Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp 1997, Seite 170 Der Genuss der Wahrnehmung und Herstellung von Kunstwerken gründet sich auf der ästhetischen Zerstörung seiner Formen als Neu-Formulierung – also: Neu-Differenzierung. Im zerstörerischen Formulieren des Neuformulierens kann sich der Beobachter als Beobachter wahrnehmen: in der Vertilgung von (ästhetisch gewohnter) Form gebiert er seine individuell eigenen. Die Formbildung droht zugunsten der Wiedererkennbarkeit formal zu erstarren, im Stil sich zu fixieren: Als bliebe nichts als die Wiederholung.

 

 

  • 1
    Bertolt Brecht, in: Arbeitsjournal, Aufbau Verlag Berlin und Weimar, 1977, ab Seite 111: […] „daß ich an einen jener filme denke, die zurückgerollt werden, so daß das gestürzte pferd sich in der zeitlupe aufrichtet und über die hürde zurückspringt, nein schwebt, wobei volle logik exekutiert wird und kein moment bleibt, der außerhalb der gesamtbewegung existiert.“ Hieraus ist zu entnehmen, daß „Logik“ einen retrospektiven Standpunkt erzwingt, dass sich der negative (umgekehrte) Handlungsstrang hermetisch gegen die wirkliche Zeit abriegelt, bzw. dass diese Logizität ihren Charme aus ihrem unwirklichen – schwebenden – Zustand gewinnt. ↩︎
  • 2
    Nüchtern vorstellbar wird es wieder mit Luhmann: „Der Beginn einer Arbeit an einem Kunstwerk besteht in einem Schritt, der vom unmarked space in eienen marked space führt und damit die Grenze schafft, indem er sie kreuzt. Spencer Brown nennt das: draw a distinction.“ In: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlang Frankfurt am Main, 1. Auflage 1997, Seite 189 ↩︎
  • 3
    In diese Richtung formuliert Niklas Luhmann, in: Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1. Auflage 1997, Seite 202: „Die Überzeugungsmittel bedienen sich also auch hier der Wahrnehmung, nicht des Denkens.“ ↩︎
  • 4
    Benjamin, Das Passagen Werk, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1991, Seite 428 ↩︎
  • 5
    „Von ästhetischer Erfahrung sprechen wir vielmehr erst, wenn unser Verstehen die Ordnung bloßen Wiedererkennens verläßt und das Wiedererkannte zum Material macht, an dem es Bestimmungen auswählt und aufeinander bezieht.“, Christoph Menke-Eggers, in: Die Souveränität der Kunst: Ästhetische Erfahrung nach Adorno und Derrida. In: Niklas Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft, Suhrkamp 1997, Seite 170 ↩︎

243, Ausscheiden aussprechen: faschismus als Rationalisierungsversprechen

Das industriell entfesselte, produktive Verhältnis zur Selektion zugunsten der Produktivität – oder nüchterner formuliert: die systemimmanente Ausdifferenzierung der Gesellschaft auf allen Kommunikationsebenen – wird in Vorgängen des Abschneidens, Rauswerfens, Ausstoßens qualifiziert. Es zeigt sich in der sprachlichen Nähe zu Sätzen wie: Die schlechten Zweige zuerst abschneiden, die faulen Äpfel vor allen anderen… und kulminiert in Sätzen über die Alten und Schwachen, Frauen und Indigenen, die dem Produktionsprozess nicht profitträchtig genug zuzuführen sind und daher (- so die faschistische Ideologie) zuerst in die Wüste, die Gaskammer, in die Anstalt u. d. m. geschickt werden sollen. Es ist mittlerweile Usus diese unmenschliche aber produktivmächtige Machtstruktur solcher rationalisierter Unmenschlichkeit als angewandte Rationalität im Sprachgebrauch zu den Mündern oder im Munde zu führen: Die Rede ist vom Sich-Verkaufen. Der Mensch verschwindet oder versteckt sich hinter der ihm zugewiesenen und gleichwohl von ihm antizipierten Funktion in rational anmutenden Begriffen. Wie ist das fürs Denken differenzierbar und wie hält sich das „bessere Wissen“ über die Funktionalismen gegen seine anders sprechende Zunge aufrecht? Wie repräsentiert sich dieser Konflikt intern, bildet er sich organisch ab, bzw. wird er psychisch als Begrifflichkeit abgelegt?
„[…] aber hier, wo diese Begriffe ja nicht nur die Begriffe des Denkens sind, sondern auch Begriffe, die in das Rechts- und Sozialsystem eingedrungen sind und dort ihren Platz haben, das heißt Handlungsanweisungen sind, um die man gar nicht herumkommt. Man kann ähnlich wie die Schizophrenen hier zwar auf zwei Ebenen spielen und versuchen, das nach außen hin zwar zu tun, aber für sich selber eine zweite Dimension zu reservieren und die offizielle Begrifflichkeit einfach auszuklammern. Aber man wird immer wieder die Erfahrung machen, daß man solche Positionen nicht durchhalten kann.“1Erich Wulff: „Ethnopsychatrie darf keine Rechtfertigungswissenschaft für die psychiatrische Krankheitslehre sein“ in: Das Fremde verstehen, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 68
Die erzeugten Bedeutungen, die kognitiven Erfahrungen in der menschlichen Gesellschaft vermitteln einen lebensfeindlichen Kontext zwischen der erarbeiteten Repräsentation2vgl.: Interne Repräsentationen – Neue Konzepte der Hirnforschung, Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach, stw 1277, Seite 45, 26 f des unmittelbaren Lebensraumes und der widersprüchlich, widerständig abgeleiteten, eingeleiteten Lebensreaktion des menschlichen Subjekts. Funktionalistische Begriffe werden wie ein Schild benutzt um gleichsam sich unter ihnen wegzuducken. Dieses Schwachsein ist menschlich und soll aufhören. (Brecht, „Fatzer“) Den Vorgaben der Rationalisierung wird überantwortet, wozu der betroffene Mensch seine Positionen im Dschungel der Verhältnisse erst finden muss.

 

 

  • 1
    Erich Wulff: „Ethnopsychatrie darf keine Rechtfertigungswissenschaft für die psychiatrische Krankheitslehre sein“ in: Das Fremde verstehen, Qumran, Frankfurt am Main und Paris, 1982, Seite 68 ↩︎
  • 2
    vgl.: Interne Repräsentationen – Neue Konzepte der Hirnforschung, Hrsg. Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt und Olaf Breidbach, stw 1277, Seite 45, 26 f ↩︎